Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 67 (21.8.1934)
- Date
- 1934-08-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 67, 21. VIII. 1934 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite '3 If ׳״K'h II n ון Von Adoll B (Siehe Jen ersten Artikel in Nr. 65 der J.R.“.) ו!:"'!■ II|5 ff Pa, Bc. 1 H K'|| lit'j 11 Zll <l<-n וirden ו׳ iibiii» ׳ ׳ .rächt >1 ׳:scnc imimc llmu; (rdis- 11 u n!; I Mo• : ildunt* teilizi- י der ernten 1 <> 11, icliild• Pro• sch• II ein. u re n 011ssehe Welche erden, Frage | einem 11 zur teilend \ Sa• Einzelliegen,!!nlung h, und;hierzu - II. Fragen der Organisation sind mir scheinbar formelle.!0 Wahrheit drückt sich in der Form, in der sich eine Gesellschaff, eine Gruppe, ein Volk organisiert, ihr Wesen aus. Richtig organisieren erfordert erstens: Eine klare Erkenntnis der Zwecke, für die die Organisation gebildet wird (dies setzt eine geistige und politische Zielsetzung voraus) und zweitens cjnc genaue Abschätzung der gesellschaftlichen Kräfte, die Ai organisieren sind. Da diese Kraft»! (und sehr oft auch die Ziele) sich stets verändern, so kann keine Organisation a|s für immer geschaffen angesehen werden, in unserem Fall, der in jeder Beziehung ein erstmaliger, einzigartiger ist, ist cs daher doppelt schwer, die richtige Organisation zu finden, da ein« Nachahmung der Formen, die hei anderen Völkern sich heraiisgcbildet haben, unseren־, innersten Wesen, unserer spezifischen Lage, unserem besonderen Zwecke, der Vcrfassung unserer gesellschaftlichen Kräfte nicht entsprechen. Daher ist es unmöglich für uns, über die richtige Organisation zu verhandeln — etwa durch Kompromisse bestehender Par• teien —, ohne das innerste Wesen unseres Seins und Wollen s zu untersuchen. I>ics ist der Grund, warum hier, wo von Reform der Organisation gesprochen wird, auf diese letzten Fragen eingegnngen wird. Im ersten Artikel wurde die Organisation des Kongreß• Zionismus erörtert. Die Lösung der zweiten Frage, der rieh• tigen Organisation des palästinensischen J i s c h u w erfordert eine klare Vorstellung davon, welche Rolle er " sich u״d im Zionismus spielt. Wenn im vorhergehenden Artikel eine gedankliche und tatsächliche Trennung von Zio• nidischer Organisation und Selbstverwaltung des Jischuw verlangt wurde, so muH an dieser Stelle betont werden, daß dies nicht bloß eine Forderung der Theorie, sondern auch eine solche der Praxis und 'der Taktik ist. Der Jischuw hat bis• her fast nur seine inneren Angelegenheiten ״regiert“, seine Vertretung nach außen war fast immer eine Sache der Fxe• kutive der jevvish Agency. Aber dies geschah aus einer geführliehen Unklarheit heraus, die sofort begriffen wird, wenn man sich darauf besinnt, daß der Jischuw nicht bloß Vortrupp des Zionismus ist, sondern, real im Lande gesehen, ein Teil von Oc s a m t Palästina. Weint cs dazu käme, daß ein Gesetz• gebender Rat konstituiert werden würde, also eine Vertretung dieses (n samtpalästiiia, in dem die Juden ein zwar in ihren vitalen Interessen nicht tiiajorisierbarer Teil, aber jedenfalls ein Teil sein werden, — wird cs dann noch opportun lind möglich sein, die rein inncrpnlästinciisischc Politik der Zionistischen Organisation zu überlassen oder sic mit der Politik der Zionistischen Organisation zu vermengen? Die Zionistische Organisation wird sich daun selbst, aus ihrem Lebensinteresse heraus, davor hüten, sich mit dem kleinen Jischmv völlig zu identifizieren. Uebrigcns ist schon im Bereich der eigenen inneren Angelegenheiten des Jischuw, wie bereits im früheren Artikel bemerkt, ein Antagonismus gegen die zionistische Zielsetzung möglich. Die Abgrenzung der Arbeitsgebiete zwischen Waad LcumI und Zionistischer Organisation ist meines Wissens in unserer Bewegung bisher nur einmal verlangt worden — und diese Forderung blieb damals völlig unbeachtet —, und zwar im Memorandum des Niederländischen Zioiiistenbundes zum 11 Kongreß, dessen stets wohklurchdachten, von Zeit zu Zeit erscheinenden Kritiken und Vorschläge sehr gute Substrate für die Klärung der zionistischen Fragen bilden könnten. Es heißt dort (S. 11) von dieser Abgrenzung u. a. ״Organisa* hon und Propaganda, Kolonisation und zionistische Politik sind Aufgaben der Zionistischen Organisation, nicht «les jischuw. Die zionistischen Interessen brauchen mit denen des Jischuw durchaus nicht in allen Phasen des Aufbaus parallel zu laufen, müssen jedoch unter allen Umständen prävalicren und der Zionistischen Organisation anvertraut bleiben." Diese Abgrenzung ist eine der Voraussetzungen für die Oesundung der Organisation. Die zweite wichtige Frage ist, die richtigen Organisatoren Kr die palästinensische Selbstverwaltung (Knesseth Israel) zu finden. Die formale Demokratie hat da versagt, »1er Waad Dunii hat nie eine besonders große Autorität gehabt, schon deshalb nicht, weil er aus Vertretern von Kongreßparteien pisammengesctzt war, indes wichtige Faktoren des Jischuw in ihm nicht vertreten sein konnten, da sie die nötige Stimmen• »hl nicht aufzubringen imstande sein können (Pflanzer, 111• dustriclfe» Intellektuelle), und weil er sich nicht zu großen konstruktiven Plänen aufrafftc; schließlich ist er auch im formalen Sinn eine Rumpfkörpcrschaft geworden, mit einem “״f mehr kleinen Rest von Autorität. Und selbst dieser wird Rerade jetzt auf einem wichtigen, ja vielleicht dem wich• *Wen seiner Aufgabengebiete — dem Schulwesen, das ״dezen- “ilisiert“ werden soll — vertan. Eine Reform der Selbstvcrwalt'ingsorgane 5ץ Jischuw wäre vielleicht ain ehesten so durchzuführen, | neben der aus allgemeinen Wahlen h.'rvorgegaiigcnen | 5״scfatlv Thniwcharim eine zweite Körperschaft gebildet wird, I nach ״Kurien“ besetzt wird, d.11. durch Vertreter der ein• j ’״neu Sozial- und Wirtscliaftsgruppen, der Pflanzer, Iiidustri- 1 *'Cn> Intellektuellen (Acrztc, Advokaten, Ingenieure, Lehrer, Düflcutc usw. beschickt wird, die von ihren (evtl, ad hoc 1 u,schaffende״) Organisationen Vertreter in diese Körper- 2 ,,"יי‘ entsenden. Deren Zahl müßte durch Verhandlungen ן .?kcifRt werden. Hierbei müßten die Vertreter der Arbeiter- I ״aft die Einsicht aufbringen, daß es mit Majorisicrung nicht! rl Wc'i Leine Gewalt vorhanden ist, die die Mehrhens* ׳ , Schlüsse durchsetzen könnte. Da die Asscfath Hamwchariin! .״״««gesetzlich verankert ist und Steuerrcchte hat, kann an | nichts geändert, und es mu!ß daher diese Konstruktion | PWahlt werden.; ..|י handelt sich bei diesem ״Rat“ auch gar nicht um 1 (״״״*,־"Ren, sondern darum, daß in ihm die Vertreter der "1einen wichtigen ״Stände“ miteinander um einen Aus- 11״ ״ r*n(jcn, dessen Zustandekommen von der richtigen K״!cW ״״d von der richtigen Abschätzung der gegenseitigen i teht'1!>l!änKen w״d. Der praktische Vorgang »st ziemlich Ü't i5!c^'c®• Man kann sich denken, daß der ״Ra (an, J!r*®c u,ld Vorlagen berät und bei einer Einigung diese »״ der A.N. vorgelcgt werden, die sie dann wahr- «hch ratifizieren wird. Oder daß die Vorlagen iß dec 011 zu, Wien A. N. eingebracht werden und sie gleichzeitig 1111 Rat durch• gespr»teilen werden usw. Eine bestimmte Praxis wird sich nach und nach von selbst hcr,־u1sbildcn, aber vor allem muH »!er Wille da sein, sieh zu einigen, wie auch allseits die Einsicht vorlierischen, daß weder mit Uebereiiistimmung noch mit Oewallstieichen an den jeweiligen realen Machtverhältiiisscn etwas geändert werden kann. Durch diese Einrichtung, die eine Durchbrechung und Korrektur der formalen Demokratie bedeutet, wird erst die Grundidee der wahren Demokratie gerettet, die erheischt, daß ein Forum geschaffen wird, auf dem sich der Kampf »ler Meinungen und Interessen so abspiekn kann, daß eine gegenseitige ständige Berührung und Aussprache stattfimlen und ein Kompromiß gefunden werden knim. Dadurch wird ver• hindert, daß Spannungen und Konflikte innerhalb der Gemeinschaft unnusgetrageii bleiben oder verdrängt werden, der Volksorganisimis mangels der Möglichkeit eines Ausgleichs von Spannungen mul einer friedlichen Schlichtung von Diffcreiizen vergütet wird und die gewaltsame Lösung erfolgt. Als jenes Forum war in »ler formalen Demokratie das Pariament gedacht, und es erfüllte diese Funktion überall tlort, wo die Spannungen 1m Volke nicht zu große Dimensionen annahincn, solange ferner Aggressioiislust und Herrsch• sucht der Parteien, wie die Nichtachtung »ler ewigen Menschcnredite, nicht durch das Kricgserk'bnis aufs maßloseste gesteigert worden waren. Die Parlamente wurden gesprengt, weil die Parteien keine Aussprache haben und kein Kompromiß schließen, sondern allein herrschen wollten. Wir Juden befinden uns, streng genommen, im Vergleich mit anderen Völkern, in einem wahren Glücksfall, denn wir in ü s s c n angesichts der Aufbaiiaufgabe, der Unmöglichkeit, Gewalt nach innen zu üben, und der vielen gemeinsamen Fronten nach außen zu einer gegenseitigen Duldung mul zu Kompromissen gelangen — die Alternative ist, wie schon in einem früheren Artikel ausgeführt, der Zerfall, das Ende! Darum müssen wir den Weg des Ausgleichs geilen. Diese wahrhaft sehr billige Einsicht sollte unser Credo sein. Da aber leider die Assimilation im Zionismus dazu geführt hat, daß die Linke wie die Rechte ihre Schlagwortc und ilue Haltung von den Parteien anderer Völker beziehen, so wäre es eine der wichtigsten Aufgaben, eine unablässige politische Erziehungsarbeit an den Zionisten zu leisten, fliese müßte natürlich einen anderen Charakter haben, als die heutige parteipolitische. Der Betrieb von heute mit seiner unaufhörlichen Reizung und Aufreizung ״gegen": die anderen Parteien, die Mnmlatsmacht, die Exekutive usw. hat aus der ohnehin schon meist neurotisch veranlagten Anhüngerscliaft eine ewig aufgeregte, kampfbereite, dem Schlag• wort und der Phrase verfallenen Menge gemacht, in deren Köpfen sicli die Bedetifiingsbetonuiigen verwirren, das nötige Schwergewicht »ler wenigen zentralen Grundlagen unserer Be• wegung nicht einst eilt und mangels eines unablässigen Rin• gcns mit den inneren Problemen die Progratnrnklischecs und die I ierdenliist an dem sog. ״Parlcileben“ das Niveau verflachen. Die wenigen wirklich geistigen Führer lind Kämpfer sprechen zudem — im »kutschen Sprachgebiet — eine Sprache, die der einfache Mann nicht versteht, die ihm daher als versnobt vorkommt. Nirgends klafft in dieser Beziehung eine solche Differenz zwischen den ״Geistigen“ und dem ״Volke“, wie bei den so intelligenten, geistig beweglichen Juden — eben wegen dieser Intelligenz, die einerseits zu geistverlasscnein Rationalismus und Relativismus, andererseits zu einer weltfremden Geistigkeit führt. Vielleicht nehmen auch die allernächsten Sorgen 11ml Aufgaben zu sehr alle Aufmerksamkeit des Juden von heute in Anspruch, als daß er, wie cs bei jedem theoretischen und politischen Denken nötig ist, seine Lage und seine Probleme erstens in dem wirklichen Realzusammenhang, in dem sie stellen, und zweitens von einem (gedachten) Standpunkt außerhalb aiisehen könnte. (Von dem verderblichen Einfluß der notwendigen Propaganda sei hier nicht die Rede, weil dies ja zu bekannt ist.) Aus all diesen Gründen ist es um so nötiger, daß jene politische Erziehung an die Stelle der verflachenden, veräußerlichenden, abstumpfenden Wirkung unseres Partei- und vor allem unseres Preßbctricbcs tritt. Das Reden und Schreiben hat im Zionismus viel mehr Bedeutung, als sonst in der Welt, und diese ist nirgends gering. Denn wir können unsere Strebungen in der Gallith nicht verwirklichen, wir können Wenig reales zionistisches Leben schaffen, deshalb fließen alle Willcnsströinc in die Worte, in die gesprochenen und gedruckten, und keine harte Realität zwingt Worte zu einem tieferen Sinncszusam* menhnug, zu einer Wahrheit, die schöpferische Kräfte auslöst, — bei uns vor allem deshalb nicht, weil cs gewöhnlich keine eigenen, sondern Worte ־sind, die aus dem Inventar der anderen Völker stammen. Deshalb heißt Besinnung auf die Grundlagen des Zionlsmus: Besinnung auf das Judentum. Eine zionistische Gemcinschaft auf Grundlage assimilatorischer Parteldogmcn auf• gebaut, wird weder Sinn noch Bestand haben: Der Zionismus wird j il d i s c h sein oder er wird nicht sein. Solche Dikta sind sehr wahr und wirklingskräftig, aber leere Phrasen, wenn sie nicht inhaltlich näher bestimmt werden. Der Begriff ״Jüdische Art“ ist scheinbar nur von der Religion her bestimmt, sonst aber ein Rahmenbcgrifi, in »len hinciiigclegt wird, was dem gerade Bestimmenden in den Kram paßt. Da werden alle möglichen Eigenschaften als ״jüdisch“ bezeichnet, von den Judenfeinden die schlechten, von den Juden die guten. Für die zionistische Theorie ist das alles, wie weit es jeweils richtig oder unrichtig sein mag, völlig bedeutungslos. Denn für sie sind sowohl die Judeiifrage, als ihre zionistische Lösung rein sozoologische Probleme: Die Juden innerhalb der Völker, und: Die Juden als werdende Gemeinschaft. Hier, wo von der zweiten Frage die Rede ist, kann datier nicht darüber diskutiert werden, was die Juden ״sind“, sondern es muß nur betont werden, daß cs eine bestimmte Grundhaltung des Judentums zu den Fragen des Gemeinschaftslcbcns gibt, die, in der Antike geprägt, sich imDiasparaleben bis zutn Anbruch der Emanzipationszcit in der Judenheit als bcwußtscinsbcstimmcnd und formbiidend erwiesen haben. Die Sozialkatcgorien: Nation, soziale Gerechtigkeit, Mcnschhcitszusammcnfassung — sic sind nicht nur von den Juden zuerst als Probleme entdeckt worden, was nur für eine Apologie Interesse hätte; die Eigenart des jüdischen Wesens, »las cs scharf unterschied von »lern anderer Volke! »ler allen Zeit, verursachte vielmehr auch eine ganz bestimmte Formung dieser Probleme und eine originelle Weise, wie ihre Bewältigung postuliert und streng nach den einmal auf• gestellten Postulaten in ununterbrochener Koutinuit.it durch die Jahrhunderte versucht wurde. Geistige Zielsetzung und Ausrichtung des Lebens nach ihr, das ist die Charakteristik des jüdischen Seins »liireli zwei Jahrtausende — ein Erbe, das der Zionismus angctreti'ii hat, das er aller im Begriffe ist, zu verschleudern, wenn er seine soziologische Aufgabe nicht im jüdischen Sinne durch fuhrt. Soziologisch betrachtet ist cs nicht präzis zu sagen, die Religion habe »las jüdische Volk erhalten, sondern: die religiöse Vorstellung der Juden machte sie, ihr Kol Icktivuin, zur Trägerin einer ganz bestimmten Verantwortung vor Gott (dem Absoluten), die dadurch, daß sie eben nicht isoliert vom Einzelnen allein getragen wurde, sondern von der Gemeinde Israel, diese als Subjekt der Gottvcrpilichtung konstituierte, d. 11. als geistige Nation. Ferner — das Postulat der sozialen Gerechtigkeit ist nicht ein Parteiprogramm einer Klasse gewesen, sondern es war nicht nur im göttlichen Gesetz vorgcscliricben, und daher verpflichten»! für die ganz« Gemeinde 11 ml jeden ihrer Angehörigen, sondern auch — wieder einzig in der Geschichte der Völker — der Inhalt einer ethischen Leidenschaft der Propheten und nach ihnen all der zahllosen Weisen und Frommen »ler Gemeinschaft. Der über das nationale Sein sich erhebende A 11 z 11 s a 111 m e 1111 a n g der Menschen war des weiteren nicht ein Internationalismus von Parteien, Klassen, der als Querschnitt durch die Völker gelegt wurtle, diese spaltend, und auch kein Kosmopolitismus, der ״den“ — abstrakten, nicht volksvcrbundenen — Menschen hypostasierte und aus der Addition dieser ״Menschen an sich“ eine Menschheit konstituieren wollte, sondern ein Bund von gleichberechtigten Völkern, geschlossen zur Diirchtührung eines sittlichen Zieles: »les inneren und äußeren Völkcrfriedens. Die jüdische ״Demokratie״ war nicht eine naturrechtlichsentimentale Konstruktion, sondern sie entstand daraus, daß die nationale jüdische Gemeinschaft, die absolute Glcichwertigkeit und Gleichberechtigung jedes ״Volksgenossen“ zur selbstverständlichen Voraussetzung hatte. Denn jeder Jude war ein Angehöriger der gottverptlichtekn Gemeinde und dadurch ein Mitverantwortlicher vor ihr und vor Gott. Das war weder formale Demokratie noch künstliche Gleichmacherei, sondern beruhte auf der Lehre der absoluten Heiligkeit des Lebens (wegen seines göttlichen Ursprungs), der Würde jedes Menschen als sittliche Person, ohne Rücksicht auf soziale Stellung, Besitz. 11,11. m. Keine soziale oder sonstige Differenzierung innerhalb der Gemeinde konnte deshalb zu einem Bruderkampf führen. Eine ״Diktatur“ innerhalb des Judentums wäre ihr ein völlig unverständlicher Begriff gewesen, denn die absolute sittliche Seibstverantwortnng jedes einzelnen Juden ließ sich nicht ersetzen durch die Allcinvcrautwortlichkcit eines L in/einen oder einer Klasse. Wohl gab es im Judentum stets Führer, aber das waren die von der Gemeinde als ihre Weisesten und Frömmsten anerkannten Mitglieder; sic richteten und lenkten nicht nach ihrer Intuition, sondern nach gewissenhafter Auslegung des Gesetzes. Es ist wahr, daß tlie so geartete jüdische Gemeinde der Diaspora keine Möglichkeit der Machlcntfaltung nach außen hatte und ihr datier die argen Erschütterungen erspart blieben, die der Machtkampf mit sich bringt. Aber geratle dieses Schicksal war ein Glück für die Ausbildung und Festigung der Grundlagen wahren Judentums, die nicht nur subjektiv noch Immer in den Gemütern der Juden sehr stark wirksam sind, sondern auch, wie eh lind je, objektiv einer Verwirklichung in der realen Welt harren. Andererseits hatte jenes Schicksal die jüdische Gemeinschaft so sehr verengt, zusanimengepreßt, und dadurch die Spannung zur Umwelt so sehr gesteigert, »lall bei Aufbören des äußeren Druckes die Tendenz zur Diffusion enorm gestiegen war, was unweigerlich zur Assimilation führen mußte. Heute, wo wir durch äußeres und inneres Muß wieder zur Kohäsion getrieben werden, können für diese nur die arteigenen Kräfte die wirksamen sein. Die Schwierigkeit dabei liegt darin, daß diese Kohäsion nach innen gleichzeitig mit einer Expansion nach außen erfolgen soll. Expansion ist aber nur möglich durch eine Steigerung des natürlichen Wachstums und damit der Aggressianstriebe. Und diese, die sicli nach außen nicht genügend betätigen können, wenden sich nach innen, stören und zerstören den Prozeß des Zusammcnwachscns, da sic aullösend auf die jüdisch-bindenden Kräfte wirken. Dieser Gefahr entgegenwirken kann neben der politischen nur eine solche Erziehungsarbeit, die den Zionismus wieder zu einer geistigen und moralischen Macht erhebt, die er war, solange wir noch keine ״Siege“ erfochten hatten. ״Wir hatten nichts und waren doch so reich“, — so könnten wir das bekannte Wort Faustcns variieren. Wir hatten keine Balfour-Erkliirung, aber wir hatten — man schämt sich heute förmlich, das Wort ausziisprcchen — Ideale; jüdische Ideale, die keine blassen Schemen waren, sondern die ihre Kraft aus den jüdisch-menschlichen Grundrichtungen zogen, die endlich zu verwirklichen der Zionismus berufen schien. So wie der Einzelne sich cr/i»1[־t durch ein ״Ich-Idcal“, das er in sich trägt, an dem er sich mißt und dem er nachstrebt, so kann ein Volk nur werden und wachsen, wenn cs ein Volks- Ideal vor sich sieht. Die geforderte Erziehung ist natürlich vor altem an der Jugend in der Diaspora und in Ercz. Israel zu leisten. Jüdische Schulen, hchräischc Unterrichtssprache, jüdische Lehrfächer — all das sind nur Voraussetzungen. Ohne Klarheit über das Erzieliungszlel taugt kein Lehrplan, tappt man im Dunkel über die Fragen des Wie lind Was des Juden tumsuntcrrichtcs. Die Resultate, die die jüdischen Schulen von heute erzielen, zeigen deutlich, daß diese Anstalten fast alle nicht auf der Höhe ihrer Aufgaben stehen. Die jüdische Jugend geht aus ihnen in ebenso utilitaristischer, nüchterner oder pubertätsromantischer Verfassung heraus, wie die nichtjiidischc aus Ihren Schulen; wie diese ist sie übertrieben begeistert für Sportrckortie, zersplittert in über ein Dutzend von Bünden, vorzeitig politisiert, und dadurch werden ihre frischen Aggressionstricbe aufs schärfste gereizt — die Posaune des Erzengels scheint bei ihnen zur Stabstrompete gewandelt! Und angesichts dieses Zustandes wird nicht etwa eine Erzichungskonfcrcnz einberufen unter Teilnahme aller kompetenten Kreise der Diaspora und Palästinas — nein, sondern man geht daran, das Schulvvcrk im Lande zu ״dezentralisieren“ und jeder Stadt, jeder Kolonie Autonomie für ihre Schulen zu gewähren, ein anarchischer Zustand, den wir in keinem Lande der Welt linden, obzwar jedes von ihnen sich das i /