Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 66 (17.8.1934)
- Date
- 1934-08-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr 66, 17. VH! Palästina Im Weltkrieg Aus Lloyd Georges Memoiren Ans dem Kreist■ des englische« Kriegskabinetts, das für die B;dfo11r-l icklaration und für die Politik des jüdischen Nafiot1a!lu׳i1us verantwortlich Ist, waren es vor allem drei prominente Mitglieder, die das zionistische Aufbauwerk in der Nachkriegszeit mit Treue und Teilnahme weiter verfolgt und besonders auch in Zeiten politischen Rückschlags wertvoll unterstützt haben. Nach dem Tode L o r d Balfours gehören Lloyd George, der Prime Minister dos Kriegskabinetts, und Ucnerul S m u t s, der Iiisuigurator der Mamlatsidce und spatere Ministerpräsident der Südafrikanischen Union, zu den wirksamsten Freunden, die die zionistische Bewegung unter den britischen Staatsmännern zählt. Lloyd George veröffentlicht jetzt im Londoner ״Daily Telegraph“ im Vorabdruck seine Kriegsmcinoiren. Auf diese Memoiren, deren erster Band bereits in deutscher Uebersct/img (bei S. Fischer, Berlin) erschienen ist, wurde in der ״Jüdischen Rundschau" bereits mehrfach hingewiesen. Lloyd George vvidmet nun den internen Vorgängen im Londoner Kabinett anläßlich des P » I ä s t i n a - f c I d z 11 g c s einen längeren Abschnitt. Damit löst er ein Versprechen ein, das er im Jahre 1925 der jüdischen Oeffeuilichkeit in einer Rede vor der Laudoncr ״jüdisch-historischen Gesellschaft“ gab. Auf die Absichten, die die militärische und politische Führung des Kabinetts mit dem Palästina-Feldzug verband, fallt dadurch ein neues Licht. Einer der Kampfpunkte zwischen Kabinett und Heeres- Icitung in England war die Beurteilung Palästinas im Rahmen der Kriegsoperationen. Lloyd George wollte die englische Armee dort einsetzeti, wo sie ihre langen Erfahrungen! aus den Kolonialkriegen am besten bewähren könne und wo der Feind am schwächsten sei. In Palästina traf beides zu. Darüber hinaus hoffte Lloyd George, die Türken von Palästina ans und durch die Eroberung Jerusalems zum Ausscheiden aus dem Weltkriege zu bringen und über Bulgarien und Oesterreich Deutschland de« entscheidenden Schlag zu versetzen. Aber, wie Lloyd George in einer Rede 1925 in London sagte: ״Unsere (der Engländer) Motive waren gemischter Natur. Wir waren zweifellos inspiriert durch natürliche Sympathie, Bewunderung und auch durch ehe Tatsache, daß wir, was Sic nicht vergessen dürfen, vielleicht mehr in j ii - d i s c h c r Geschichte erzogen wurden als in der Geschichte unseres eigenen Land e s.“ Die hohen Militärs hingegen, au der Spitze der Chef des Qcncralstabs, Sir William Robertson, bekämpften die Auffassung der ״easterner“ auf das energischste und forderten die Konzentration aller Kräfte au der Hauptfront. Die ägyptische Armee hatten sie nur zur Verteidigung Aegyptens und des Suez-Kanals bestimmt. Die an der Westfront gebrauchten Kräfte sollten nicht für Expeditionen über El Arisch, die ägyptische Grenze hinaus, verzettelt werden. Als Lloyd George dann die Regierung übernahm, bcauftragfe er am 9. Dezember 191(! den Oberbefehlshaber der ägyptischen Cxpeditionxarmee, Murray, Pläne für einen Vormarsch über die Sinai-Halbinsel nach Palästina vorznlegen. Aber auch jetzt noch erwies sich der Oenernlstab stärker als die politische Führung, und am 2. Januar 1917 nahm das Kabinett alle Vorschläge des höchsten Militärs, Sir William Robertson, an. Es wurde beschlossen, die Palästina-Offensive bis zum Herbst aufzuschieben und alle Truppen auf die geplante große Som* meroffeusive an der Westfront zn konzentrieren. Um dieses Ziel zu erreichen, batte Sir William sieh nicht gescheut, die Stärkeverhältnisse der türkischen Truppen dem Kabinett gegenüber bewußt zu übertreiben. In Wirklichkeit waren die engfischen Truppen den türkischen schon rein zahlenmäßig überlegen. Doch alle militärischen Kcchenkunststiickc des Generalstabs konnten nicht verhindern, daß das Kabinett die moralische um) politische Bedeutung, eine Eroberung Jerusalenis, mehr tmd mehr einselicn lernte. Am 2, April beschloß daher das Kabinett, so berichtet Lloyd George, die an der Palästinafront bereits errungenen Erfolge soweit wie möglich auszunutzen und die Eroberung Jerusalems ins Auge zu fassen. Die Kabiucttsbcscldüssc, die die zur Eroberung von Jerusalem natürlich notwendigen Verstärkungen versprachen, mußten jedoch durch tlic Hand Robertsons gehen, bevor s ג a!1 das Kairoer Hauptquartier gelangten. Und Robertson verstand es, den Sinn des Telegramms dadurch vollkommen zu verstellen, dai, er milteiltc: ״Das Kabinett vertraue ganz auf den Befehlshaber des ägyptischen Expeditionskorps". Von Verstärkungen, die er anfordern sollte, wurde nichts erwähnt. So blieb der Feldzug zum Scheitern verurteilt. Ein zweiter Angriff auf Gaza mußte fcblsclilageii. Die Türken hatten diesen Punkt inzwischen neu befestigt. Bei diesem Stand der Dinge gelangte das Kabinett in Londem, das die Lnge in Palästina genau verfolgte, bald zu der Uebei zeiigimg, daß der Stillstand auf dem palästinensischen Kriegsschauplatz vor allem auf die mangelnde Energie und Entschlossenheit des dortigen Befehlshabers zurückziifiihrcn sei. Und gegen diese Uebcrzcugiing hatte selbst Sir William Robertson nichts ein/uweiulen. Als Nachfolger wurde in erster Linie General Smuti genannt. Smuts, Südafrikaner von Geburt, später prominente* Mitglied des Londoner Kriegskahiudts, bekannt durch sein Memorandum über die Grundsätze der Völkerbundsverfassung, spielte als Freund der zionistischen Bewegung eine große Rolle, so daß seine Annahme des Oberkommandos in Palästina im Mai!917 für die spätere Entwicklung von entscheidender Bedeutung hätte werden können. Die Gründe dieser Kandidaiiir mul die Motive, die Smuts nach längerer Bedenkzeit schließlich zur A I! i e I! 11 u 11 g bestimmten, sind von gleich großem Interesse. Smuts, der im Burenkrieg den Engländern zwei Jahre lang den erbittertsten Widerstand leistete, später einer der eifrigsten Vorkämpfer der Empire-Idee wurde und sieh in englischen Kolonialkriegen hervorragend bewährte, wurde von Lloyd George außerordentlich geschätzt. Lloyd George sieht in ihm, einem Anwalt von Beruf, den besten Beweis gegen die Theorie des Generalstabes, daß nur Berufs- Soldaten sich für die höchsten militärischen Acmtcr eignen. Daß Smuts, der allgemein als einer der größten militärischen Autoritäten anerkannt war, die strategische Bedeutung Palästinas für das Britische Empire sehr hoch einschätzte, machte ihn Lloyd George noch sympathischer. Smuts wußte jedoch, daß er zur Durchführung seines Feldzuges nicht so sehr die Unterstützung Lloyd Georges brauchte, als vor altem die von Robertson, dem starken Manne im Kriegsministvrimn. Sir William erklärte ihm jedoch, er irre sich, wenn er glaub .׳, an der Palästina-Front etwas Bedeutendes ausriclitcn zu können, denn alle hervorragenden Soldaten seien sich völlig einig darin, daß der Krieg nur an der Westfront entschieden werden könne. So war es Smuts klar, daß er bei einer Eroberung Palästinas auf genügende Unterstützung des Gcneralstabes nicht rechnen könne. Auch Lloyd George würde der Opposition der Generale nicht gewachsen sein. Aber ein Feldzug tu Palästina ohne die Einnahme von Jerusalem (nach menschlicher Bercchmmg) und oluie die notwendigen Verstärkungen würde eher schaden und die öffentliche Meinung enttäuschen. So leimte denn Smuts das Oberkommando ab. Und in London war man nicht unzufrieden, daß dieser sehr hoch geschätzte Mann für wichtigere Aufgaben frei blieb. Smuts berichtet, daß Lloyd George ihm seitdem noch oft diese Absage vorgehalten habe und hält es für leicht möglich, daß unter seinem Kommando bereits im Mai 1917 das hätte erreicht werden können, was Allenhv erst im Herbst 1918 vollbracht, mul daß so der Krieg durch einen Zusammeubruch der türkischen Armee in Syrien wesentlich hätte verkürzt werden können. Smuts ging dann später im Februar 1918, wie bekannt, nach Palästina, wo er mit Allenby zusammen die Pläne für den Vorstoß nach Syrien und Nordpalästina ausarbeitete. Da man auch weiter keine Erfolge von Murray fn Palästina sah, gab das Kriegskabincit im Einvernehmen mit׳ Robertson ihm Anweisung, mit den ihm gegenüberliegenden türkischen Truppen fertig zu werden und abzuvvarten, bi» sich eine günstigere Gelegenheit finde, die feindliche Stellung in Palästina zu erschüttern. Die Eroberung Jerusalems wurde damit vertagt. Lloyd George bemühte sich indessen weiterhin, einen tüchtigeren Befehlshaber für die ägyptischen Sfreitkräfte zu finden. Auf Vorschlag Robertsons kam cs schließlich zur Ernennung von General Allenby. Vor der Abreise des Generals setzte ihm der Prime Minister seine Absichten aus* einander: Es galt, die ohnehin schon kriegsmikkn Türken soweit zu schwächen, daß sie sich ganz aus dem Kriege zurückzögen. Allenby ging mit großem Elan an seine Aufgabe. heran. Der erste Durchbruch erfolgte bei Berseba, der schwächsten Stelle der gegnerischen Front, und nach weiteren Kämpfen zog Allenby am 9. Dezember siegreich ln Jerusalem ein. Lloyd George feiert diesen Sieg als eine ״Leistung von ungeheurer Bedeutung sowohl in militärischer, als auch in gefühlsmäßiger Beziehung״. Hätte England noch genug Kräfte gehabt, tun diesen Sieg auszuntitzen, so hätte das die entscheidende Niederlage für die geschwächte Türkei be¬ 1934 deutet. Dazu reichte es nicht, aber der moralisch e, blieb Sehr groß. Zum ersten Male konnte jn (|Cm ,5/oll zen Jahre 1917 nach der Nivelic-Niederlage und dem A scheiden Rußlands das der Verzweiflung nahe englische v •' eine Siegesbotschaft lesen, die gerade in E«״|lm1•,0'" besondere, beinahe religiöse Wirkung nicht verfehlte 1G sieht aus den begeisterten Briefen der Soldaten au»'!י‘ Tagen, wie sehr in ihnen bei dem Betreten der s0 ven klingenden biblischen Orte die Verbundenheit des c״g|| ו'?ן Volkes mit dem alten Palästina lebendig wird. Die'y^ datenbriefe nach I lause“, so schreibt ein bekannter lischer Historiker, ״die so wenig von klassischen Orten }' Griechenland oder dem Nil zu sage״ wußten, zeugten v * plötzlicher und tiefer Erregung, sobald sic nach!»aläst^ kamen. Die Soldaten schrieben fast so, als wenn 'י Hause wären." SU Lloyd George betont die Bedeutung dieses Sieg« % J Haltung der amerikanischen B u n d c s g c n 0ן»(" :? Wir wissen, daß wenige Wochen vor der Eroberung Jerj. ‘י salcms Wilson sich für die Publiziening der ״Bai!!>#»* | Deklaration" cinscizte, und daß gerade in Amenh *' neben der Befreiung der ״Kleinen Nationen“ die Betrau*. | des jüdischen Volkes mit großem Enthusiasmus gefordm ׳ wurde. ״Und" — so schließt der Abschnitt über den pj. ׳• Ifistina-Feldzug, ״für die jüdische Rasse, bedeutete diese׳ f Sieg eine Anzahlung aut die Balfour-Deklaration vom 2.!% j vcmticr 1917, in der England versprach, ,die Erricht'[» 1 eines Nationalheimes für das jüdische Volk in Palästina* a * unterstützen." j, , Politische Beratung in Jerusalem Jerusalem, 13. August. (J. T. A.) ln einer von de i Palästina-Exekutive gemeinsam mit dem Waaj ) L e 11 m i tmd der vom Aktions-C.omite auf seiner Mar!׳ Tagung eingesetzten politischen Studienkom■ miss ton in Jerusalem abgchaltcnen Beratung wurde ei« J Verständigung über die wichtigsten schwebenden politischen! Fragen erzielt. An der Aussprache nahmen Prot. Mossinsohn, t Elijalm Berlignc, Rabbi Ostrowsky, Richard Lichtheim, K ׳ Katzenelson, A. Elmaleh, Fliescr Kaplan und I)r. Wenter j Senator teil. Das Schlußwort hielt David Ben Gurion, der ' eine ztisainmcnfassendc Darstellung der zionistischen Politik und der Aufgaben gegenüber der Palästina-Regierung und dt« J Arabern gab, J Vor den Stadtraiswahlen In Jerusalem Jerusalem, 13. August. (J.T. A.) Von 8809 WsH• berechtigten für die Wahlen zum Stadtrat von Jerusalem lind 44<Kl Juden, 2800 Mohammedaner und 1000 Christen. JcruMlm wird in zwölf Wahlbezirke ungeteilt, von denen jeder «in« Stadtverordneten zu wählen hat. Gegenwärtig leben in ]<• rusalem etwa 05 000 bis 70000 Juden, von denen lüODQk 12000 im wahlfähigen Alter stellen. Sic sind jedoch ztim grüßten Teil nicht palästinensische Lamlcsbtirgcr und daher zur Teilnahme an den Wahlen nicht berechtigt. Die vier jüdischen Stadträtc von Haifa wurden, da eine jüdische Einheitsliste vorgelegt worden war, ohne Ab Stimmung wiedergewählt. Die arabische Arbeit in Kfar Saba Jerusalem, (Palcor.) Die Liste der jüdischen Pin• tagenbesitzer in Klar׳ Sab a, die die jüdischen Arbeiter aus ihren Pflanzungen entfernt und begonnen haben, 11 ihrer .Stelle Araber zu beschäftigen, hat sich wieder um heue Namen verlängert. Diese Plnntagcnbcsitzcr haben in der letzten Zeit in ihren Pflanzungen keine Arbeiter der Histadrnth, sondern nur Arbeiter der ״Agudas Jisroel“ und des ״Biiliar“ beschäftigen wollen. Jetzt haben sic auch diese Arbeiter entfernt und begonnen, an ihrer Stelle Araber arbeiten zu lassen. Nach Verhandlungen zwischen dem Jerusalemer Komitee für Rechtshilfe an Einwanderer und dem Qeneralinspcktor der Polizei, Roy Spiee r, wurden den 32 jüdischen Mädchen, die im F r a u c 11 g e f ä!1 g n i s von Bethlehem unter• gebracht sind, Betten und Koschernahrung gegeben. Die Mmeben weigern sich, ihr« Nationalität zu nennen, in der Hoff• nung, daß das völlige Fehlen von Dokumenten, aus denen ihre Herkunftsländer ersichtlich sind, die Regierung zwingen wird, ihnen zu gestatten, in Palästina zu bleiben. Der ״Eildicnst für Außenhandel und Ausl an dswirtschaft*, Berlin, berichtet aus Jerusalem: Holländische Ufber• see-HandelsstclIen propagieren in steigendem Maße bei nie«• gen Firmen die Verbesserung der Handelsbeziehungen z»1־ erst,.»» I I ,1 . > ,I r» ״ f;; ~ t l .. ׳» Ein Stück verbogenes Blech Von C. Z. Klötzel, Jerusalem ״Scuorl He, Senor!“ Ich ging am Rande des neuen Hafenbeckens von Haifa entlang, zwischen Kränen, Schlippen und ganzen Gebirgen aus Säcken, als dieser Ruf hinter mir herschalltc. Gleichzeitig hörte ich das leise klatschende Geräusch nackter Füße auf den Steinplatten des Kais, und gerade, als ich mich umdrehen wollte, legte sieh von hinten eine Hand auf meine Schulter. Eine ticfbraunc, sehr nervige, sehr kräftige Hand. Sic gehörte einem Mann, der hoch in den Vierzig sein »mißte und dessen dichtes Haar unter dem Tiirbantucli schon anfing grau zu werden, der aber die schlanke, fcchtcrisclie Gestalt eines Jünglings hatte, an der jedes Glied vor Kraft und Geschmeidigkeit zu federn schien. Sein Gesicht, mit merkwürdig ließen Angen, war tief gebräunt, aber mit unzähligen kleinen Runzeln bedeckt, wie sie nicht das Alter bringt, sondern ein Lebrg in Wind und Sonne. Er trug die malerische, zerlumpte Kleidung eines ״Ssalial", eines Lastträgers, und das Hauptarhcitsgcriit dieser Gilde, ein langes, zähes Seil, war ihm um Brust und Hüften geschlungen. Er hatte mich einfach hcnimgcdreht, so daß ich ihm in die lachenden Augen sah. ״Sic kennen mich nicht mehr, Senor?“ sagte er in einem fast akzentfreien Französisch, ״Sic erkennen mich wirklich nicht wieder? Ich habe Sie sofort erkannt, Senor, obwohl Sie.... nun, Sie sind ein bißchen dicker geworden.... seitdem.“ Weiß Gott, ich bin ״ein bißchen dicker geworden seitdem“, wann immer dieses ״seit dem" auch gewesen sein mag. Er hingegen — nun, er kann niemals sehr viel schlanker gewesen sein als Jetzt, wo er vor mir stand. Aber das half mir nicht, mich z« erinnern, ob und wann und wo ich ihn schon einmal gesehen hatte. ״Meinen Sie denn auch wirklich mich?“ fragte ich vorsichtig. ״Ah, gewiß, Senor, meine ich Siel Ich weiß zwar Ihren Namen nicht — wahrscheinlich habe ich ihn auch damals nicht erfahren. Aber Sie waren doch einmal in Saloniki, nicht wahr? Es ist schon lange her, es war vor dem Krieg.... Sie waren dort irgendwo Lehrer... Saloniki! Gewiß, wo sollte ein solcher Prachtkerl wohl auch her sein, wenn nicht aus Saloniki! Dort war ich nvei Jahre vor dem Kriege Lehrer gewesen, an der Schule des ״Hilfsvereins“. Und er hatte mich wiedererkannt! Ich hingegen hatte keine Ahnung, wer er war. Einer meiner damafigen Schüler? Unsinn, er' war sicher ein paar Jahre älter als ich. Der Vater eines Schülers, einer Schülerin? Unmöglich, dazu war er damals noch zu jung. Also wer war er und woher kannte er mich? Er hielt mich immer noch an der Schulter fest und lachte mich an: ״Erinnern Sie sich au die ״Progrcsso", Senor?" Ich zuckte die Achseln. Die Augen des Spaniolen hörten auf zu lachen, er kniff sie ein wenig zusammen und eine jähe Traurigkeit sprang in ihnen auf. ״Sie war das feinste. Boot 1111 Mittelmccr, SenorI Es ist undankbar von Ihnen, daß Sic sie vergessen haben. Wir sind gut gesegelt mit ihr." Ich schüttelte mit einem Ruck seine Hand von der Schulter, trat einen Schritt zurück und sah ihn noch einmal prüfend an. ״David Crescas!“ rief ich dann, ״Ja!" schrie er, und dann umarmten wir uns auf orientalische Art dreimal, klopften uns auf den Rücken, auf die Backe!»! küßten uns schließlich und set/.teu uns danach etwas erschöpft auf eine Kiste, die im Schatten des Sickgebirges stand, David Oreseas war danials, als ich in Saloniki war, einer jener jüdischen Fischer ewesen, deren Boote die ganze Woche Im Mittelmccr. reuzten, bis hinüber nach Pyräus und nach Smyrna, die aber stets am Freitag wieder in den Hafen zurückkcnrtcn und den Schabbath über am Kai vertäut lagen. Ich hatte manche Freunde unter ihnen, einer von ihnen war David Crescas gcwesen, der älteste von drei Brüdern, denen die ״Progrcsao“ gehörte, in den Ferien war ich mit ihnen hinausgescgelt, wir hatten in den stillen, tiefen Buchte*! der Ihß.inscf Clialcidlcee gefischt und in der Flaute stiller Mondnächte hatten wir hinübergeträumt zum Olymp, der »ein schneebedeckte» Haupt in den Sternenhimmel reckte. ״Sehen Sic, Senor, so trifft man sich wieder!" sagte 1«'״ und holte aus einer Windung seines Turbans zwei Zigaretten, von denen er mir die eine mit Grandezza reichte. ״SK ״* doch recht behalten, Ihre Freundin....“ ״ •! Mein Gott, wer war das nun wieder? Dieser L»v' Crescas hatte ein furchtbares Gedächtnis, . . ״Ich habe es damals ja nicht glauben wollen, ich M gelacht, als sic uns die kleine blaue Büchse an den w* ( genagelt hat. Aber weiß Gott, sie war eine Prophetin. Hieß sie nicht Jo 11 ah?“ Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den A«s Er hatte recht: wie hatte ich es nur vergessen können. U>« seltsame kleine Erlebnis damals... vor mehr als. zw*an4 Jahren, das sozusagen erst in diesem Augenblick seinen »1 erhielt, wo wir uns wiedergetroffen hatten. , ״ jonah war eine Kindergärtnerin aus dem ״Dan , unserer Schule ״!)geschlossen war. Die Schule hatte nebra« Unterrichtssprache, und man hatte Jonah aus Jerusalem יי Saloniki geschickt, mit den Kindergarten zu leiten. יש eine Aufgabe, di ׳ viel Zeit und Mühe forderte, aber »•* s.{ nügte Jonah nicht. Sie war von einer Idee besessen, tnr man damals in Saloniki unter den Juden noch werben m Es war die Idee des N a t i o 11 a I f o n d s. Jonah war Fanatikerin der kleinen blauen Büchsen, die in Millionen) sehen Häusern hingen, ln die mail Pfennige, Kopeken. Len mos, Pennies, Mclalliks warf — die kleinsten Scheidern!! und aus denen doch ein Vermögen zusainmcnfloß, lur man Boden in Palästina kaufte, nicht für den oder jenen, dern für das jüdische Volk. 8• Oft waren wir, jeder einen Korb voll Büchsen »1 * ייי durch Saloniki gezogen und waren in die Häuser gegangen, noch keine hingen. Und eines Tages — es war »ח e ■ Schabbath nach Eintritt der Dunkelheit — waren wir untergegangen zum Hafen. ״E» ist eine Schande! ", i Jonah gesagt, ״auf keinem dieser Boote 11113: *De N,;L« fonds-Büchsc.“ Und wir kletterten über das schwanke p j das als Steg diente, auf den ersten Segler. Es war die!י! greaso", und David Creacat hatte die Wache. j