Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 64 (10.8.1934)
- Date
- 1934-08-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Rundschau Sehe lt #״״׳ j f| fjr. 64, 10. VII1.1934 v V•'" 1 /r \y w׳ t- ' y, \ 1D 4-■ ׳ ' ר-'p ך I:. י; . '׳|gf \w Ä!3 Großer Erfolg der Habimah Die leide Habimali-Premicre war ein großer Erfolg, *m Schluß der Aufführung stand das Publikum wie eine Mauer mul applaudierte. Seif Shakespeares ״Was Ihr wollt", ja vielleicht seit dem ״Dyluik“ hatte Habimah keine solche Resonanz gefunden. ״Professor Mannheim" von Hans Schcer — ״ntcr diesem Pseudonym wird ein auch in Deutschland erlolureich gewesener Autor verborgen ist die Chronik jener für <1^ clftilschc Judentum so schicksalsschweren Monate Februar bis April l»)TJ. Ls Rah und gibt in Deutschland viele Männer vom Schlage dieses Mannheim, die — egal ob vjc hier im ärztlichen oder in anderen Berufen — Autorieilen waren, die trotz ihres Judentums dem deutschen Boden verhaftet waren, in dem ihre Vater seit Jahrhunderten zur letzten Ruhe bestattet wurden, die ihr eigenes Leben für dieses Land eingesetzt und geopfert haben, denen deutsches (icistcslcben und Kultur alles bedeutete. Und die doch entlernt wurden aus ihren Berufen, die getrennt wurden von ihren Freunden, weil die Zusammensetzung ihres Blutes eine aiuicre war als die des Volkes, in dessen Mitte sie wohnten. Vielen wurde dieser plötzliche Umschwung Anlaß, licimnikeliren in das Land der Väter, mitzuarbeiten für sich und ihre Kinder am Aufbau des Landes der jüdischen Zu- Fünft. Aber nicht allen, die durch Jahrhunderte assimiliert wurden, gelang es, sich zum Bekennen eines stolzen und bewußte« Judentums durchzurmgen. Ein Mannheim greift zur Pistole. Für ihn sind Zion und Jerusalem bloß heilige Svmbolc, Stätten der Antike, und auch der Enthusiasmus des ihm durch fünfzehn Jahre gemeinsamer Arbeit verbundenen Heilgehilfen Simon vermögen ihn nicht von der Realität jüdischer Aufbauarbeit zu überzeugen. Das Stück gehört in die Gattung der Reportage. Per Autor hat sich zum Ziel gesetzt, in vier Akten, von denen zwei im Hause 11 es Professors, zwei in seiner Klinik spielen, sein Thema zu beleuchten. Man kann ihm ein Gelingen seiner Arbeit bescheinigen. Freilich entsteht durch das notwendige Diskutieren der Argumente aller Richtungen ein Konvcr* «ationsstvick, dessen Haupthandlung, dem Publikum unsicht* bar, hinter der Szene sich abspielt. Aber die Erschiittcrun* gen, die von der deutschen Umwälzung auspingcii, teilen lieh auch den Zuschauern im Theater mit, die von ihnen nicht direkt bet!-offen wurden. Der Versuch der Habimah, ״Zci t-T h e a t e r" zu bringen, hat sicii bewährt. Die Aufiühnmg wurde zum Ereignis vor allem durch die hervorragende Regie L.eopokl L i 11 d b c r g s, dem Berliner wohlbekannt durch eine Reihe von Inszenierungen, von denen ״Die endlose Straße“ einen besonderen Erfolg zu verzeichnen hatte. Seine jetzige Leistung ist außerordentlich. Man hat mm das Gefühl, bei Habimah in einem Theater zu sitzen, das ohne S o 11 d e r m a ß s t ä b c und Rücksichten beurteilt werden kann und will. Die Menschen auf der Bühne bewegen sich natürlich, die Ge* siebter sind nicht vcrsclimiiikt, es geht ohne die bisher für unvermeidlich gehaltene Musik und cs wird nicht mehr pathetisch deklamiert, sondern ״gesprochen“. Warschawer hat mit diesem neuen Sprcchstil noch tu kämpfen, ebenso die Schauspielerin Govinskaja in der Helene Thimig-Rollc der Frau Professor Mannheim. Frau Händler trifft begreiflicherweise Ton und Haltung eines schnoddrig-gutmütigen Berliner W-Mädcls nicht ganz. Freilich verfugt (las Ensemble der Flahimah über keine jugendliche Kraft, die sie ersetzen könnte. , Aber die anderen! Wie großartig und ohne falschen Ton ist die Mcdi/inaipraktikantin der Frau Ljubitz. Wie fein <kr I)r. Carlscn von Kutai, eine gute Neu- oder Wieder* Werbung der Gruppe, wie gelöst R c n - C11 a j i m, in dessen Händen die Rolle des Sohnes liegt. A v i t a 1 erweist sich lis großer Könner und findet für einen jungen Berliner Arbeiter erstaunlich echte Töne und Bewegungen. G ncssin Jjs Journalist, Meskin als Krankenpfleger, Bcnjamini |ls Assistenzarzt und Frau Harri cl als Schwester Hedwig mgen sieh dem Ganzen ausgezeichnet ein. Mannheim ist Finke!.Noch einige kleine Eiuzelzüge wären zu verbessern. Man vermißt das Lächeln, das Patienten an ihren Aerzten so zu liehen pflegen; in der kurzen Begrüßungsszene zwischen “cm Professor und seiner Frau muß man spüren, welche *erbundenheit mit dieser Gefährtin auch seinerseits vorhan- “C|r ist. Aber im ganzen zeichnet er eine Figur von einer oeschlosscnheit, wie man sie selten bei ihm sah. Am stärksten "wi er in den Szenen des dritten Aktes und später, wenn cr nach seiner Arbeit schreit, die ihm nicht Broterwerb, Sondern Lebensaufgabe und -inlialt bedeutet. Die einwandfreie Ucberfragting ins Hebräische stammt S111 0. CI1 an och. Bühnenbildner ist Lu ft glas. Sein funmer hei Mannheim und der Opcrations-Vorbcrcitungssaal 111 der Klinik sind wie die ganze Aufführung: geschmackvoll, | Kht, sauber, anständig. Lind her g benötigte für die Gesamtemstudicrung, die *nch im stummen Spiel nicht eine unausgefüllte Stelle sicht- ״ar werden läßt, einen Zeitraum von noch nicht zwei I Monaten. Die I labiinali-Leutc haben viel bei ihm gelernt. Die Aufgabe der Habimah-l.citung wird es sein, das Repertoire *ui dieser Linie zu ergänzen. fr־-!1101 »Lahadam" von Jurin bei Malaie Was mag die satirische Bühne Matate veranlaßt "1,'"י sich diesmal von der sonst mit Erfolg von ihr ge* P'kgtcn Form der kleinen aktuellen Revue abzukehren zu* Künsten eines höchst unaktuellen Stückes des Russen Jurin, Uas schon Patina angesetzt hat? Weiches der Grund auch ^'1 man sollte schleunigst den ״Besen" wieder aus der Ecke 11° cn und, ohne Furcht vor Anfeindungen von rechts und ״״.?> mit zur Bereinigung der Verhältnisse durch satirische j 1“״hk beitragen, wie man es bisher zu tim versuchte. Der Ucbcrsctzcr Abraham Sch Ions ki übernimmt für ך" Titel des Stückes die im Talmud oft gebräuchliche •Phrase ’,whadain“, zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben der Z0r|e ״Lo Haju D’warim Mcolam“, was in deutscher A?r'r-1l1C bedeutet: ״So etwas hat es nie gegeben“. Die zum p ״ui "cn von vier Bildern etwas magere Idee vom Ver* i ■c״lagcnwcrden des Kapitals und des Snobismus auf eine 0״«inson-lnscl hat cs indessen in der dramatischen wie m .זך epischen Literatur schon mehr als einmal gegeben und ermag bestimmt dann nicht zu fesseln, wenn dem Autor 0 wenig einfällt wie liier. Der erste Akt spielt auf dem Masse-Deck des Dampfers ״Capital“, der durch einen Brand ct "ird. Schon im zweiten Bild sehen wir die han- In. 1 1״ Personen als Schiffbrüchige auf einer namenlosen «et wieder, die sie scheinbar bis zu ihrem Lebensende h» ״,Cm Willen des Autors nicht mehr verlassen sollen, das ״rettende Schiff" Im letzten Büd erweist sich als Halluvmation. Die sozialen Unterschiede werden In diesem kleinen Staat endgültig verwischt sein, der Bankier zersägt die Baronin schält Kartoffeln, man sieht hei der w ähl des Bräutigams und der Braut nicht mehr auf Position oder Mitgift ■ mit einem Wort: paradiesische Zustande, und die soziale [׳rage ist gelöst. . Ungelöst hingegen bleibt, was das Ganze auf der hebraischen Bühne Palästinas zu suchen hat. Denn die Tatsache, daß der Bankier, dessen Geliebte sich lieber in die Arme eines jungen Ingenieurs stürzt, als ihr das versprochene Auto wegen Schiüsimterg.ings — nicht geliefert werden kann, auf den Namen Epstein iiört und, nach dem sehr betonten bpid des früher oftmals bewährten Bezallcl London zu urteilen, jüdischer Abkunft ist, scheint uns die Wahl dieses Stuckes kaum zu rechtfertigen. Matntej zeichnete sieh in früheren Aufführungen dadurch aus, daß seine Schauspicier versuchten, natürlich zu sein. Und nur gelegentliche Entgleisungen erinnerten daran, wieviel Mühe es sie vielleicht kostete, diese Linie zu verfolgen. Der Gast-Regisseur Michael Gur läßt nur allzuviel durchgehen, wenn er nicht vielleicht selbst das Ucbcrtrcibcn, das kümmerliche Chargieren, das dicke Aufträgen der Farbe *-. im doppelten Sinne — förderte. Wie betont läßt cr den Schauspieler Golland stolpern, warum muß Mita Batdori so mit Schultern mul Armen zittern und beben, wenn sic schluchzt, weshalb müssen fast die Hälfte aller Mitwirkenden Perücken tragen, warum ist Rudenski wieder so laut geworden mul findet nur einmal gegen Schluß des Stückes seinen natür* liehen Ton? Wenn Judit Pcrkal weiter so unkontrolliert arbeitet, werden die Hoffnungen auf ihre Weiterentwicklung, die man noch vor wenigen Monaten hegte, sich nicht erfüllen. Man hört den ganzen Abend keinen natürlichen Laut von ihr. Wenn der Schauspieler Abba Erstaunen ausdrtickcn will, so stellt er ungefähr zwei Minuten regungslos vor dem wirklich erstaunten Zuschauer. Aus dem Rahmen fällt nur das wie immer ausgezeichnete Bühnenbild von Emanucli. Matate ist uns ans Herz gewachsen. Die nächste Neu* cinstudierimg wird uns davon zu überzeugen haben, daß der künstlerische Kredit, den wir dieser wirklich im besten Sinne ״jungen“ Truppe cingeräurnt haben, wohl fundiert ist. Tcl-Awiw, irn Juli. Manfred Gels. Der Maler Leopold Goiilieb Durch das Ableben des Malers Leopold Ootilieb (gest. 1. April 13(׳ t in Paris) hat die junge jüdische Kunst einen großen Verlust zu beklagen. Göttlich gehörte dem Kreise der-!eiligen Künstler an, die sich sowohl mit der allgcmein-curopä*!scheu zeitgenössischen Kunst wie auch mit ihrem eigenen jüdischen Volkstum eng verbunden fühlten. Gottliehs Tätigkeit beginnt mit schaffensfreudigen Jahren, voll jugendlichen Sinnes für den äußeren Reiz des Malobjcktes. Er gelit der menschlichen Erscheinung nach in wohlgclungcncn, scharf charakterisierenden Bildnissen, wobei cr mit leb* haften Umrißliiiicii der Form folgt, ihren plastischen Ausdruck aber in eine leicht hingcliauchte Flächcnmakrci umwertet. IFcsc Schaffensperiode — die noch in die Zeit vor dem Kriege fällt —• wird von günstigen Entwickhmgsmöglidikciien und rasch zunehmendem Erfolg begleitet. Gottlieb genießt, ähnlich wie die meisten polnischen Maler zu jener Zeit, das Kunst* Studium i!1 Krakau, München und Paris, erfährt früh Anerkennung und gute Kritiken, erfreut sich demzufolge auch einer reichen Anzahl von Aufträgen und wird schließlich im Aller von kaum 30 Jahren an den Bezalcl in Jerusalem berufen. Auf das Palästina-Erlebnis folgt Rückkehr nach Po• 1 c n, wo der Maler in den nächsten Jahren als freiwilliger Pilsiuiski-I.cgionär den Krieg mitmacht, und schließlich ein ruhiger, gesicherter Aufenthalt in Wien, in jedem dieser Stadien bewegt sich Gottlieb weiter in der einmal von ihm gewählten künstlerischen Bahn und entnimmt seine Gestalten der unmittelbaren Berührung mit dein Leben. Inmitten dieses durch lange Jahre gereiften Schaffens ent* steht jedoch plötzlich ein Wendepunkt. Er entspringt einem rein künstlerischen Erlebnis, der erneuten Begegnung Gottliebs mit der französischen Kunst in Paris und der Auseinandersetzung mit den Problemen der modernen Malerei. Das Ergebnis zeigt sich als eine Befreiung von allen zufälligen Eindrücken des Lehens; an deren Stelle tritt ein nachdenkliches Forschen nach den reinsten Werten des natürlichen Seins. Gottliebs neuer Kunstwille verlangt nach neuen Formen der Gestaltung. Unermüdlich sticht er nach eigenen Ausdrucks* mitteln und bekämpft die Schwierigkeiten, die daraus entstehen. Die Arbeiten nehmen an räumlich-plastischen Werten zu. Sie bestehen jetzt meist aus beinahe namenlosen, mit mathe* nintischer Klarheit ansgeführten Kompositionen, die stille Mensehen im mir durch Luft, Farbtöne und Rhythmus angedeuteten Raum zeigen. Wie diese Menschen stehen, sitzen, liegen, welche Haltungen sie bei Arbeit und Bewegung cinnchmcn, wird vom Maler genau aus dem Leben beobachtet. Und dennoch crscheinen diese Gestalten von allein Alltäglichen und Willkürliehen geläutert. Sie sind Träger eines Rhythmus, der sie zu Gruppen verbindet; ihr Ausdruck ist Harmonie und Stille, die an eine geheimnisvolle Trauer grenzen; ihr Gesetz ist Einfach* heit, die zum uncrforsclüicben Ewigkeitssinn strebt, Dr.1 L. B. A s c h h c l m. Noch einmal: Das Ende des Hilfscomiils Von unserem Berichterstatter F. O. Paris, 6. August Die Not der Auswanderer, die in einer Zahl von etwa 2000 Menschen von dem Comitd National betreut wurden, das jetzt, wie schon berichtet, seine Liquidation beschlossen hat, steigt von Tag zu Tag mehr, zumal die so oft gestellte Forderung, sich in produktiver und konstruktiver Form der Notleidenden anzunehinen, in keiner Weise erfüllt wurde. Eine große Anzahl von ihnen hat sich jetzt zusammengetan, um in einer Versammlung gegen die Schließung des Comitcs zu protestieren. Sie haben einen Ausschuß gewählt, der sich mit den verschiedenen Hilfsorganisationen in Verbindüng setzen soll, um zu erreichen, daß wenigstens für die äußerste Not Vorsorge getroffen wird. Es ist zu hoffen, daß jetzt endlich eine prinzipielle Regelung der wichtigsten Fragen auf diesem Gebiete in Angriff genommen wird, d. h. daß die in Zu* kunft zur Verfügung gestellten Gelder tatsächlich für produk* tive und konstruktive Zwecke Verwendung finden sollen, und daß mit dem Brauch gebrochen werden wird, ohne Kontrolle und Prüfung wahllos die Beträge zu verteilen. Diese in Aussicht stehende und von vielen schon seit Monaten geforderte und von den Betroffenen erwünschte Regelung schafft aber leider die Tatsache nicht aus der Welt, daß bis dahin — und hier muß man ja leider mit langen Zeiträumen rechnen — diejenigen, denen jede Existcnzmöglichkcit fehlt, auch weiterhin Not leiden müssen, ר':;S~>J / f י / ',/ י7' V ׳־•- V '*-״V Kleine Kunst-Chronik In Tcl-Awiw haben sich vier Lehrer des Schulamit• Konservator! u ms zusammen geschlossen, um regelmäßig in kürzeren Abständen Konzerte zu veranstalten, deren Ziel hauptsächlich Pflege von Kammermusik sein soll. Das erste Programm brachte das Brethovcnsrhe Fs-dtir-Trio on. 70 und von Arensky das D-molI-Trio op. 32. Die Ausfuhrendeii A. Buch (Klavier), I. E s r a c h i (Violine) und II. San (Cello) zeichneten sich durch saubere Wiedergabe der Werke und gutes Zusammenspicl aus. Besonders das selten gehörte Konzert von Arensky, eines Schülers von Rimski-Korsakow. der in den Wegen Tschaikowskis wandelte, erregte großes Interesse. Elli Kurz sang — von Paul Frankenburger einfühlsam begleitet — Lieder von Schumann, Schubert und Mendelssohn. Obwohl man über die Kombination von Gesang und Kammermusik streiten kann und obwohl der hebräische Text sich der zu Worten deutscher Lyrik geschriebenen Musik nicht immer einwandfrei anschmiegt, gelang es der Künstlerin, einen starken Lindruck zu erzielen. Im ganzen hinterließ der Abend einen so günstigen Eindruck, daß man den weiteren Veranstaltungen eine gute Prognose stellen kann. In Jerusalem sah man — gelegentlich einer Wohlfätigkcitsveranstaltung für einen schwer erkrankten jüdischen Künstler — die Tänzerin Dora R e r t o n o f f in drei Tänzen: ״Dämon“, ״Arbeitsloser" und ״Russentanz". Man bewunderte wieder ihre klare Linienführung und die Einprägsamkeit ihrer Figuren, die auch in diesem für sie ungünstigen Rahmen (mangelnde Bühne und Beleuchtung) nicht verringert wurden, Walter Woog sang Lieder in hebräisch und jiddisch. Einen Abend vorher wohnte ich irn Amphitheater in Haifa einem Konzert der Jemenitin Bracha Zfira bei. Sie ist von einer — bei den Temanim häufig beobachteten — naturhaften Begabung, zu der eine gut erworbene Technik tritt. Erfreulich ist ilire Diskretion und das Beschränken auf den absoluten Vortrag ohne das Bemühen, etwaige Schwächen durch unnötige szenische Effekte, Tänze o. dgl. verdecken zu wollen. Am schönsten gelingen ihr Lieder ausgesprochen jemenitischen Charakters, das Liebeslied ״Wer steigt dort von der Wüste herauf“ und Bialiks ״Ich habe einen Garten“. Der Komponist und ausgezeichnete Assistent am Klavier war Nachum Nard i Berufsaussichten lür Aerzte in Italien Aus Italien wird uns geschrieben: Für die jüdischen Aerzte und Medizinstudierenden, die »n Deutschland keine Berufsaussichten mehr hatten, schienen sich die besten Möglichkeiten in England und Italien zu bieten, da man in diesen Ländern relativ schnell ein Anerkcnnungsexamen ablcgcn konnte. In England hat sich die Sachlage schnell geändert, zunächst inoffiziell, später auch offiziell. Nach Italien kommt aber immer noch eine große Anzahl jüdischer Studierender. Es sollen daher einige kurze Ausführungen über die Berufs* aussichtcn von Ausländern in Italien gemacht werden. Grundsätzlich wichtig ist es, daß cs in Italien keine Krankenkassen gibt. Bis jetzt durfte jeder die Praxis : ausiiben, der in einen ״ordine dei mcdici“ atifgcnommen ' wurde. Es sind auch Ausländer aufgenommen worden (Mailand, Florenz. Genua u. a.). Diese ״ordini“ werden zur Zeit aufgelöst imu in sog. ,,Sindacati“ übergeführt. Die aitsländisehen Aerzte werden nicht ohne weiteres in die Sindacati übernommen, sondern müssen ein Gesuch an das Ministerium machen. Bis jetzt sind noch keine Antworten da. Es wird aber allgemein erwartet, daß die bereits zugclasscncn Aerzte auch in die Sindacati übernommen werden, während man fürchtet, daß dann die Sindacati grundsätzlich keine Ausländer aufnehmen werden, was indirekt einem Nieder* lassungsverbot gleichkommt. Die jüdischen Aerzte und Studierenden sind im allgemeinen von ihren italienischen Kollegen freundlich aufgenommen worden, aber es machen sich — wenn auch in geringem Maße — antisemitische Strömungen bemerkbar. Insbesondere sind die ärztlichen Berufsorganisationen über die Konkurrenz wenig erfreut, und! erstreben ein Niedcrlassungsverbot, während die Regierung anscheinend auf Fremdenverkehr und Kulturpropaganda Rücksicht zu nehmen wünscht. Aber selbst für den, der die Niederlassung erreicht hat, sind die Aussichten gering. Italien ist mit Aerzten überfüllt, die Bezahlung ist sehr gering. Der deutsche Arzt genießt zwar einen guten Ruf, aber cs ist Tatsache, daß die seit kurzem niedergelassenen ausländischen Aerzte bis jetzt kaum von italienischen Patienten aufgcsucht werden. Vorausgesetzt, daß kein Niedcrlassungsverbot kommt, was sich in den nächsten Monaten entscheiden wird, kann man also höchstens denjenigen Aerzten ein Herkommen empfehlen, die in der Lage sind, mehrere Jahre ohne wesentliehe Einnahme aus ihrer Praxis zu leben. Dagegen können junge Studierende nicht ausdrücklich genug gewarnt werden. Wenn man bedenkt, daß es allein in Florenz zirka Dl•-70 jüdische Medizinstudierende aus Deutschland gibt (in Rom, Bologna, Genua sind es nicht weniger), so fragt man sich, was aus ihnen werden soll. Viele machen Pläne. Besonders beliebt ist zur Zeit die Idee von ״diagnostisehen oder bakteriologischen Instituten“ usw. Aber in kleinen Städten werden solche Institute nicht gebraucht, und jede Großstadt besitzt neben den staatlichen Untersuchungsanstaltcn auch einige private Institute, mit denen ein Ausländer höchstens dann konkurrieren könnte, wenn er über eine jahrelange Praxis und überlegene Erfahrung verfügte. Andere Studierende stützen ilire Hoffnung auf die Tatsache, daß das italienische Staatsexamen auch für Japan und England gilt, ln der Tat besteht zwischen Italien und diesen Ländern ein Gegenseitigkeits-Abkommen. Nun sind aber in .Japan die Aussichten für deutsche Aerzte sehr ungünstig, und über das Abkommen mit England besteht folgende Unklarheit: die italienischen Aemter erteilen die Auskunft, das Abkommen beziehe sich auf alle diejenigen, die das italienische Exanicn gemacht haben, also auch auf Nicht* Italiener. Dagegen scheinen die englischen Stellen die Aul* fassung zu vertreten, daß die Anerkennung nur für tta* lienischc Staatsangehörige gilt. Bis jetzt ist die Frage ungeklärt. Uebrigens soll das Abkommen mit England in einigen Jahren ablaufcn; ob cs erneuert wird, ist fraglich. In diesem Zusammenhang sollen ein paar Worte über die Einbürgerung gesagt werden. Im allgemeinen ist die Meinung verbreitet, man könnte in 1—5 Jahren eingebürgert werden. Vielleicht ist cs dem Gesetz nach möglich, in der Reget aber bestehen oft noch nach 10 Jahren große Sehwic- Tigkeiten. Die Vorstellung, man könnte durch freiwilligen Militärdienst eingebürgert werden, ist irrig, dä die Staatsangehörigkeit Voraussetzung für die Aufnahme in die Armee ist. Dr. D. Bairglowski, Florenz.