Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 62 (3.8.1934)
- Date
- 1934-08-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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jjer 10 r lof lii fl lt Ln len ■er ■er r־ ln; |f* 1 e Jin!!st Ick Ich len :11 Jen |t* Je• W |1er |ht- Jen, Ihe hre |rn, 5ht ״ürofjvöfcr״ aus Spola Von I >r. S, A. Horodetzky i ״Oronvatcr“ - so wurde er während seinem Lehent י;;iiannt und dieser Name ist bis auf den heutigen Tag in l״r [Irmnetutiß geblieben. ן J Alle׳ M;inner und I rauen, alte Leute und Kinder, nanntu ihn — «len ״Ciiolivater aus Spoia. Die meisten wußten hcrliaupt nicht, daß sein richtiger Name Rabbi Lob war.; & seihst verseil muhte den Titel Zaddik, Rabbi oder! MipK'«1- ‘י״״!'f. s,cll 1'"!Jarh, 51״ roß vater“ nennen. Auch die ץ!" י $c!bcH /nt Ichcmhii /.Hliiikjin! die ihn verehrten! nannten!;hll den ״Großvater von gaiw־. Israel". Der Grund, weshalb 1 ff diesen Namen erhielt, war seine Liebe für das jüdische Volk, ebenso stark und aufrichtig war, wie die eine»! jten Großvater# zu seinen Enkelkindern. ■ * Die Chassidiin erzählen verschiedenes aus dem Leben des 1 g Lnb. Bevor er geboren wurde, kam der Baal-Schcm ן ן .Beseht“), der zu jener Zeit noch unbekannt war, mit { ,Hncn W,linierst,ab und Reisesack zu dem Vater R. Lobs, I gjhbi BnriH'h, der in einem Iknfe nahe von Hinan lebte und I (|״ hcscheistvuer, ehrlicher Mann war. Der Beseht kündete I 1!1|tl die Geburt eines Sohnes an, in dem die Seele des I (lohen Rabbi Löw von Prag, wohnen würde, und dessen! Samen er daher tragen solle. f Im Jahre 1725 kam dieser Sohn zur Welt. Viele arme I Rute wohnten der Feier der Bcschneiduiig bei. Unter ihnen sefand sich auch der Beseht. Fr bcwillkommnete das Kind um) nannte cs den künftigen ״Großvater“. Das Kind wuchs auf und war ein Wunderknabe. Seine Kenntnisse in der Bibel und im Talmud waren sehr groß, *her bald trafen ihn schwere Schicksalsschläge. Die Mutter «Urb plötzlich, der Vater verlor sein ganzes Vermögen und konnte den Jungen nicht inehr bei sich behalten. Der Zaddik Rabbi Pinchas aus Kcrcz nahm ihn zu sich und sorgte von mm an für seine Erziehung. Er erkannte die große Be- :itwnp des Knabe״ und behielt ihn bei sich bis zmn 15. Lebensjahre; dann sagte er zu ihm: ״Jetzt kannst Du gehen mul den Weg der Gerechtigkeit selber suchen.“ Rabbi Loh kehrte an seinen Geburtsort zurück, heiratete dort und ließ sich im Hause seines Schwiegervaters nieder. Tag und Nacht beschäftigte er sich mit den talmudischcn 1ad kabbalistischen Lehren. Sehr oft besuchte er seinen Meister Rabbi Pinchas aus Kcrez. und fragte ihn, wie er Gott in besten dienen solle. Mittlerweile hielt der Baal-Schcm die Zeit für gekommen, m!us seiner Verborgenheit hervorzvitreten. Sein Ruhm wuchs unter den Juden der Ukraine. Einmal, als R. Löb zu | Ribbi Pinchas kam, um seinen Rat zu hören, ob er den Perm des Schächters ergreifen solle, sagte der Zaddik zu ihm: ״Ein großes Licht ist aus Medzihorz gekommen, mit dem verglichen ich wie das Licht eines Sternes bin, an der Sonne gemessen. Wir wollen zusammen zu ihm gehen; er wild Dir den richtigen Weg weisen.“ Und beide begaben 'ich mm Beseht. Als sie in das Zimmer traten und Rabbi t1׳Lob das Antlitz des Beseht erblickte, befiel ihn ein Schrecken, l'una er wurde ohnmächtig׳. Er wäre umgestürzt, hätte ihn |Rabbi Pinchas nicht festgehalten. Der Beseht Pichelte, als er, t; dai sah und sagte zu Rabbi Pinchas: ״Ich glaubte, er sei!;ftine eiserne Säule, und nun sehe ich einen zarten Jüngling' fvonnir; der ist noch nicht kräftig genug, eine Stütze seines ■:Volkes zu sein.“ Und zu R. Löb gewandt, fuhr er fort: «Du mußt noch viel arbeiten. Der Weg, der vor Dir liegt, f st sehr lang; bleibe bei mir, Du sollst verstehen lernen, |•weswegen Du zur Welt gekommen bist, und was Du hier «zu tun hast.“ D Einige Wochen darauf wurde R. Löb zu dem Baal-Schem “imilcn, der zu ihm also sprach: ״Du willst dafür sorgen, Deine Bruder Elfisch zu essen haben. Nicht dazu I ['! Du berufen. Nicht für den Körper, sondern für die!::Seele zu sorgen, bist Du gesandt worden. Du bist auf die!?Veit gekommen, Heiligkeit in Israel zu verbreiten. Es gibt fc'iele verbannte Seelen in dieser Welt; diese Seelen sind ein |;Teil Deiner eigenen Seele. Deswegen mußt Du alles tun, fiw sie zu retten. Diese Seelen sind über ganz Rußland verbreitet, hauptsächlich über die Ukraine, und wenn Du sie vht rettest, sind sie verloren.“ § Zitternd erwiderte R. Löb: ״Wer bin ich, und was V w ich, daß ich imstande wäre, die Seelen von * 1'wcl zu retten?“ ״Es ist wahr, daß Du nicht die ו fchstc Stufe erreicht hast", antwortete der Beseht, ״ein I 'husch ist dem Gras auf dem Felde gleich. Trocken und « '•«scheinbar liegt der Same in der Erde, aber mit der Zeit | yoftt aus dem Hoden der Halm! entwickelt sich die Athre, j' 5 Nahrung gibt und den Menschen erhält und erquickt. '■f *i» der beste und herrlichste Mensch kann nicht, Zaddik I *«den, bevor er seine Seele gereinigt hat durch Umheri, **״dem in der Welt oder durch Leiden und Entbehrungen.“ Hiernach wurde cs R. Löb klar, welchen Weg zu I *,״len ihm bestimmt sei. Er erkannte, daß das Studium des I!al1״u1l und der Kabbala allein noch nicht imstande sind, den fe :'''״sehen zu Gott zu führen. Er faßte deshalb den Entschluß, ן J■ die E i ״ s a 111 k e i t zu gehen, um seine Seele zu reinigen, 4;ä! Schlechte in sich auszurotten und zu zerstören und aas uste aufzuriehlcn. ,, , i K. Löh verließ den Beseht, kehrte nach Hause zurück, f.'*rihschiedete sich von seiner Frau und ging in die Fremde. , Erwanderte von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Don! wie | "י BtUIcr in zerlumpten, zerrissenen Kleidern. Er hungerte ff! den Armen und teilte deren Schicksal, p, 1׳nige Jahre lang führte R. Löb ein Leben des größten ״c»ds und erduldete physische und seelische Qualen. ״ Eines Tages wanderte er zusammen mit einem anderen ״'״«■ der gestohlene Silbersachen bei sich trug. Vor Angst, ■:Mfen m werden, beschloß dieser zu fliehen und verbarg ק ו gestohlenen Gegenstände bei dem ahnungslosen K. u>D. Th! 80 Järurdc R. Löb verhaftet und ins Gefängnis geworfen, 1 1 '״dlich seine Unschuld erwiesen wurde. I:... ,^nst kam er in ein Städtchen und hörte, daß ein Jude ■t worden war, weil er dem Gutsbesitzer den f acht- I * nicht bezahlen konnte, und daß ihm der Tod drohte. };״ Könne sein Leben nur retten, wenn er sich bereit erkläre, i ™ einem Bärenfell bekleidet auf allen Vieren vor dem |״;.:־lsbcs1tzcr und seinen Geburtstagsgästen zu tanzen. Der pH Wa.r »K und krank, und R. LÖb entschloß sich sofort, k «einer den Tanz auszuführen. Die Täuschung blieb!1^bemerkt, und der Jude wurde befreit. \n$° kam R. Löb einmal nach Slatopolj und wurde dort j ™Wgondicner. Gleich Beseht hörte er den Gelehrten S5 L^n studierenden Männern bei ihren Studien und Dis• ätioaen zu. |m geheimen trieb er das Studium der Thora j? Äb‘e Jeden frommen Dienst aus. Und kein Menwh in si*dt oder in der Synagoge wußte, wer er eigen« ch Für •ז\! (&,k‘ur lic war er'ein'guter“ Synagogendiener, der •eine üjj^veritand. und man machte *ich keine Oedanker, aut, 1*:,1-0b suchte öfters den Rabbi Jakob-Joatf »u*?0'onnoje 'wen Schüler des Beseht, Den Beseht selbst sollte ei nicht mehr sehen, so hatte es sein Vater bestimmt. R, Löb litt sein ganzes Leben lang darunter. Nach lind nach wurde seine Frömmigkeit in Slatopolj offenbar. Dies bedrückte ihn, und er ließ sich in Spola nieder, wo er bis zu seinem Tode verblieb. Man nannte ihn nach dieser Stadt ״der Großvater aus Spolä“, und unter diesem Namen ist er auch heute bekannt. « Die verirrten Sahne Israels wieder auf den rechten Weg zu bringen, war der innigste Wunsch R. Löhs. Er suchte sie auf, gewann ihr Zutrauen und auch ihre Liebe; er sprach mit ihnen nicht über seine Lehre, die zu verstehen sie nicht imstande gewesen wären, sondern wandte sich an sie mit einfachen volkstümlichen Reden, die durch Sprichwörter und Geschichten gewürzt waren. Fragen der Moral und Be• Ichrungcn waren immer die Grundlagen seiner Unterhalt!!״* gen. Lr machte sehr oft Gebrauch von den Sprichwörtern der ukrainischen Bauern und deutete sie auf eigene Art. Außerdem zitierte er in seinen Gesprächen immer die Psalmen. R. Lob liebte die einfachen Menschen, besonders die armen, mul verteilte unter ihnen das Geld, das »eine Verchrcr ihm zu schenken pflegten. Er suchte seine Volksgenossen stets zu verteidigen. Er riet einmal, sich an Gott wendend: ״Herr der Welt, nie wirst Du die Juden durch Leiden bessern, und da Du cs selbst weißt, warum strafst Du sie vergebens? Ich flehe Dich an, sei ihnen ein guter Vater.“ * ln seiner großen Liebe zu Israel wagte R. Löb, Gott selbst vor Gericht zu fordern. Als einmal eine Hungersnot in Rußland ausbrach, unter welcher auch die Juden aehr zu leiden hatten, lud — nach einer chassidlschcn Sage — der ״Großvater“ zehn Zaddikim zu sich und sprach also: ״Ich muh Klage erheben gegen Gott, und Euch bestimme ich als Richter. Den Oeselzen nach ist nur das Gericht zuständig, das sich am Wohnorte des Beklagten befindet, aber Gott Ist überall da und er weilt auch jetzt unter uns, deshalb kann das Gericht hier tagen.“ Sic beteten alle zusammen und der ״Großvater“ befahl seinem Diener, laut auszurufen: ״Im Namen der Heiligen Ratsversammlung, welche jetzt hier tagt, verkünde ich, daß R. Löb, der Sohn Rachels, den Heiligen, gelobt sei Er, vor das Gericht fordert. Das Urteil wird ln drei Tagen an diesem Orte verkündet werden.“ Für drei Tage hatte sich die Ratsvcrsammlting in einem Zimmer eingeschlossen, sie hatten weder gegessen noch getrunken. Sie hatten ununterbrochen gebetet und bitter geweint. Am vierten Tage begann der ״Großvater“ seine Anklage vorzutragen: ״Im Namen der Frauen Israels und der unschuldigen Rinder“, riet R. Löb aus, ״fordere ich, daß der Herr, gelobt sei Er, verhört werde. Warum gibt Er ihnen keine Nahrung? Warum hat Er diese Hungersnot geschickt, die diese unglücklichen zu vernichte״ droht?“ Und R. Löb forderte von Gott, daß Er wenigstens für die Trauen und ihre Kinder sorge. Die Anwesenden stimmten R. Löb zu und ihr Urteil lautete: ״R. Lob, der Sohn Rachels, ist in seinen Forderungen gerecht. Der Herr, gelobt sei Er, muß für die Frauen und ihre Kinder sorgen, und wie das Oericht hier auf Erden entschieden hat, so muß auch das Gericht im Himmel beschließen.“ R. Löb pflegte oft zu beten: ״Gott, Gott, befreie uns von der Verbannung, haß uns nicht unser Dasein verschlafen.“ Rabbi l öb liebte־ die kleinen Kinder über alles. Er spielte gerne mit ihnen, gab ihnen Geschenke und Süßigkeiten, )wenn er ein Kind weinen hörte, verließ er seine Studierstube und eilte hin, das Kind zu trösten. Einmal, an einem ״Jom־Kippur״• Vorabend, erzählt die Legende, versammelten sich die Juden in der Synagoge zu ״Kol-Nidre“ und warteten auf R. Löb. Sic hatten schon lange gewartet, er aber kam nicht. Man wurde besorgt und ging ihn suchen. Endlich fanden sic ihn an der Wiege eines weinenden Kindes, das die Eltern allein zuriickgclasscn halten, um in die Synagoge zu gehen. R. Löb lehrte die Mcnscieii die Wege Gottes suchen. Er weckte in ihren Herzen die Liebe und die Furcht vor Ihm. Er lehrte sic, daß das Wort Gotte* wie eine Flamme in Ihren Herzen glühen müsse. Dieser Schatz, da» Hera, müsse rein und aufrichtig sein. R. Löb liebte am meisten die Armen, die trotz ihrer Leiden Oott dienten. Als einmal ein Pächter, der in einem entlegenen Dorfe wohnte, vor ihm klagte, daß er den ganzen Tag mit einfachen Bauern zusammen sein müsse und sich fürchtete, dadurch auch selbst wie das niedere Volk zu werden, lachte R. Löb und sagte: ״Ich sehe Eines: Du möchtest wohl ein guter Jude sein, aber nur unter der Bedingung, daß Du einen Sack voll Gold habest und in einem schönen Schloß voll heiliger Bücher wohnest. Du irrstI Oott fordert von den Menschen, daß sic der Ffindcrnlssc und der Schwierigkeiten nicht achten und Ihm in Demut dienen.“ Und als mau R. Löb einmal fragte, welchen Weg er für den richtigen halle, um Gott gefällig zu sein, den dtr Freude oder den des Fastens und der Buße, antwortete er: ״Als der Teufel in der Zeit zwischen Adam und Ahraham vor Gott geklagt hat, daß er nichts zu tun habe, weil das Geschlecht, sündig genug sei und keinen Teufel brauche, der es zur Sünde verführte, sprach Gott zu ihm: Warte Abraham ab. Als Abraham kam, ging der Teufel zu Ihm, uni ihn zu prüfen. Abrahatn empfing den Teufel ebenso freundlich, wie er alle anderen, die zu 111m kamen, zu empfangen pflegte. Er gab ihm zu essen und zu trinken, und der Teufel konnte keine Mittel finden, um Abraham zur Sünde zu verführen. Gott lachte den Teufel aus und sagte: ״Du hast Dich durch Speise und Trank bestechen lassen. Und wieder kam eine Zeit, wo der Teufel klagte, daß er nichts zu tun habe, und wiederum sprach Oott: Warte Isaak ab. Als Isaak kam, erschien der Teufel bei ihm und versuchte, ihn zur Sünde zu verlocken, Isaak nahm seinen Stock und prügelte den Teufel so durch, daß er davontaufen mußte. Gott lachte ihn wieder aus und sprach: Du fürchtest Dich also vor Schlägen. Warte ab, bis Jakob kommt. Bel Jakob erschien der Teufel, fest entschlossen, sich weder durch Essen und Trinken, noch durch Prügel besiegen zu lassen. Jakob aber war ein aufrichtiger und frommer Mann, der Oott treu diente. Er tat, als verstünde er die Worte des Teufels nicht. Nun wurde es dem Teufel klar daß er nicht über jeden triumphieren könne.״ Der ״Großvater“ schloß seine Parabel mit folgenden Worten: ״Die Hauptsache im Dienst Gottes ist; zu erfüllen, was der Zaddik befiehlt. Jeder Zaddik hat seine eigenen Wege, auf denen er seine Generation führt, denn die Mittel der Früheren sind dem Teufel längst bekannt, und er Ist immer imstande, sie unwirksam zu machen.“ Auch der ״Großvater“ hatte seine eigene Art, Oott zu dienen. Begeisterung und Freude. Der Tsnz war ein wichtiger Bestandteil seines Gottesdienste». Jeden Freitagabend versammelten sich die Chassldim um Ihm. langen verachte* dene Melodien, und er tanzte und klatschte dabei in die Hände. Die Chassidlm erzählen, daß der Zaddik Abraham, ״der Engel", der diesen Tänzen einmal beigewohnt hat, getagt habet ״Sein Tanz Ist Gott wohlgefälliger als meine Gebete.״ יי Zu Rabbi Löb nach Spola kamen Menschen aut den ver• *cliiedensten Gegenden Rußlands, Selbst die Zaddikim kamen öfter» zu ihm. Und wenn irgendein Unglück dem Volke oder einem von ihnen zustieß, eilte man zu R. Löb: Er sollte Oott um Hilfe bitten. So diente er den ganzen Tag Gott und seinem Volke und hoffte, bit an!ein Lebensende sein Werk tortsetzen zu können. Aber da trat R. Nach in an aus B r a? I a w auf, und das bedeutete für den alten R. Löb eine starke Erschütterung. R. Nachman, ein Enkelkind des Baal Schein, war jung und voller Begeisterung, ein tiefer Denker, dichterisch veranlagt. Er war gerade von seiner Reise nach Palästina zurück-gekehrt und ließ sich ln Slatopolj, einem Städtchen bei Spola, nieder. Er ging seine eigenen, wie er selbst meinte, ״bislang nicht betretenen Wege" in der Lehre des Chassidismus. Sein Seihst* vertrauen war sehr groß. Er kritisierte die anderen Zaddikim sehr scharf, und betrachtete sich als den Einzigen und Auserwählten, der imstande sei, ein richtiger Führer seiner Generatlon zu sein. Kein Wunder, daß die Worte des jungen Zaddik# den ״Großvater aus Spola“, der eine arglose und bescheidene Natur war, überraschten und aufregten. Er versuchte alle Mittel gegen das Wirken R. Naehmans anruwenden und riet sogar, ihn mit dem Bann zu belegen. R. L e v 1 Izchak aus Berditschew gelang es, dieses zu verhindern. Die Stellung des Rabbi l.öb zu Rabbi Nachman hat zu einem Zwiespalt unter den Chassidim geführt. * Der ״Großvater aus Spoia“ starb am 6. Tischri 5575 (1814). Vor seinem Tode befahl er seinen Chassidim, nur seinen Namen und den Tag seines Todes auf den Grabstein zu setzen. Aus palästinensischen Zeitungen Die hebräische Literatur und die Religion In der Tel-Awtwer Arbeiterzeitung ״Dawar“ widmet Fliescr Steinmann der Frage der Einstellung der jüdischen Intelligenz und der hebräischen Literatur zur Religion eine Betrachtung. Er stellt die befremdliche Tatsache fest, daß die hebräisehe Literatur unserer Tage der religiösen Frage keine Aufmerksamkeit widmet. Obzwar fast jedes hebräische Wort und jeder hebräische Satz, den wir aussprechen, den Nachklang des starken religiösen Lebens In sich trägt, obzwar jedes originale jüdische Lied und jedes originale jüdische Schauspiel von religiösen Quellen gespeist wird, ist die religiöse Frage als solche kaum behandelt worden. Vergebens wird man in der neuen hebräischen Literatur — mit der einzigen Ausnahme eines Buches von Neumark — Untersuchungcn zur Geschichte des religiösen Gedankens suchen. Auch unsere hebräisch schreibenden Rabbiner haben in dieser Beziehung versagt. Man kann die Ursache dieser befremdliehen Erscheinung darin suchen, daß das Neuhebräische sich ganz neue Gebiete des Lebens erschließen mußte, daß es politische, soziale, kolonisatorische, agrikultureilc Probleme verarbeiten mußte, und daß infolge des drängenden Charakters dieser Probleme des Tages die ewigen Fragen und ־, Zweifel zurückgedrängt wurden. Es wäre nur die Kehrseite dieser Feststellung, daß das deutsche Judentum, das nicht damit beschäftigt war, dem Volke fine Lebensbasis zu schaffen, die geistige Möglichkeit hatte, sich mit religiösen Fragen zu beschäftigen und daß so die Werke von S. R, Hirsch, Lazarus, Cohen, Üubcr und des Tiefsten unter Ihnen, Franz Rosenzweig, entstanden. Die schwierige Lage des öst-! liehen Judentums ist wohl eine Erklärung für diesen Mangel, aber solch eine Erklärung ist wie eine Medizin, und man tut besser, sich ihrer nicht zu bedienen. In Wahrheit entspringt die Vernachlässigung des religiösen Problems vielfach der Ansicht, daß der moderne Mensch, der neue Jude keine Religion mehr brauche. Das ist — meint Steinmann — eine ganz falsche Einschätzung der geistigen Lage des Juden von heute. Es »st nicht wahr, daß das Volk wünscht, daß man zu Ihm nur von konkreten Angelegenheiten, von Wasser, Brot, Haus, Garten und Dach spreche. Gerade dies ist eine völlig unrcllgiöse Einstellung zum Wesen unseres Volkes, Das Volk Ist kein Kind, «las sich mit solchen konkreten Dingen abspeisen ließe. Das Volk versteht sich auf die tiefsten Dinge. Und wenn man ihm die Beschäftigung mit religiösen Fragen vorenthält, dann greift cs nach Ideologien, die ihm als Reilglonscrsatz dargeboten werden. (Anm. der Redaktion: Es ist bezeichnend für die geistige Lage in Palästina, daß eine solche Betrachtung des bekannten Essayisten und Novellisten gerade im Organ der palästinensischen Arbeiterschaft erschienen ist. ln die- #em Zusammenhang sei auch darauf hingewiesen, daß der ״Dawar“ anläßlich des Todes von Bialik die Monatsbezeich* nung Aw durch die religiös fingierte ״Menachem Aw“, d. h. Aw des Trostes, ersetzt hat.) Die Zerstörung einer literarischen Legende Zu den berühmtesten Gedichten der neuesten hebräischen Literatur zählt ״Das Pünktchen auf dem 1“ von Juda Leb Gordon, ein Kampfgedicht de» aufklärerischen Dichter* gegen die strengen Rabbiner, welche den lebendigen Menschen dem starren Gesetz aufonfern. Das Gedieht schildert einen Rabbiner, der einen Scheidebrief für ungültig erklärt, den eine Frau von ihrem Manne aus Amerika erhalten hat, weil in der Urkunde der Name des Mannes ״Eiillcl“ nach Ansicht des Rabbiners fehlerhaft (in Wirklichkeit aber richtig) geschrieben *teilt. Das Leben der armen Frau fällt der Härte und Unwlssenhcit des Rabbiners zum Opfer, sie kann nicht wieder heiraten. Als Modell des Rabbiners benutzte Gordon Rabbi Josef Zacharias Stern, den Gemeindcrabbiner von Schauli. Nunmehr, zwei Generationen nach Veröffentlichung jenes berühmten Gedichtes, hat M. Mi ba sch an im ״Haarez“ eine Charakteristik des angeblich so harten Rabbiners veröffentlicht, aus der dokumentarisch hervorgeht, daß das Urteil des großen hebräischen Dichters ein Fehlurteil war. Zwar war Rabbiner Stern ein Streiter im Kampfe gegen den Reformer Mosche Leb Lilien bl um, der 1868 in seinen Artikeln religiöse Roformen im Judentum verlangte, aber er gestand trotz seine* erbitterten Widerstandes gegen die Reform, daß er bereit wäre, mit ihr zu paktieren, wenn er sicher wäre, daß die Reformer nicht schließlich auch Aufhebung der Bestimmungen der Thora verlangen würden. Stern selbst hat aber in seinen Büchern eine interessante literarische Reform cingeführt. Bis dahin druckten Rabbiner in Responseniverken Briefe in religiösen Angelegenheiten, die an sie gelangt waren und ihre eigenen Antworten mit all den langen Höflichkeitstiteln ab, die ihnen gegeben worden waren und die sie selbst ihren Korresponoenten verliehen. Stern gab diesen Brauch auf und begnügte *Ich mit der Angabe des Namen# des Briefempfängers, eine in ihren Bezirken kühne Neuerung. Mibaschan teilt Briefe mit, welche Stern an verschiedene Korrespondenten geschrieben hat und ln denen er mit aller Entschiedenheit der Einführung neuer Erschwerungen der religiösen Oesetze entgegentritt ln einem Briefe an einen Rabbiner zitiert er die Worte de* Jerusalemer Talmuds: ״Genügt es Dir nicht, was die Thora Dir verboten hat. und verbietest Du jetzt auch Dinge, die ale Dir erlaubt hat." In weiteren Briefen erklärt er, aaß überall dort, wo In einer Gemeinde eine Erleichterung der Gesetzesbeitlmmungen »ich bereits elngelebt hat, er e* für gut halte, diese Erleichterung *nzunehmen. Mibaschan nimmt an, daß Juda Leb Qordon in Wahrheit Jenen Rabbiner nicht gekannt hat, dessen Werke zum großen Teil erst nach seinem Tode veröffentlicht worden sind,