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Jüdische Rundschau · 1934-07-31 · Heft 61 (31.7.1934) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 61 (31.7.1934)
Date
1934-07-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr* 61,3t 'crolie Arbeiten über Bialik aus vergangener Zeit der Vorgessenheit entriß, stand hier wirklich auf der Höhe einer kulturellen Mission. Audi die anderen Zeitungen und Zätschriften bringen entsprechende Stucke. Es ist, als ob sinnbildlich manifestiert werden sollte, daß ganz. Palästina, ohne Ansehen der Richtung oder Partei, mit Bialik, seinen Dichtungen und Arbeiten, seiner Persönlichkeit als der führenden Figur der hebräischen Renaissance verbunden war. In der wild erregten Stimmung des öffentlichen Lebens im Lande waren die Tage der Trauer um Bialik eine Zeit der Gemeinsamkeit, des gästigen Zusammenschlusses und der Nachdenklichkeit. Cs schien, als wollte sich der Jisduivv auf die Grundlagen seiner geistigen Haltungen, die Quellen der ihn tragenden Bewegung besinnen. (Von unserem palästinensischen Berichterstatter.) lieber die Stimmung in Palästina nach der Verkündigung des Ikteils des Afipellallonsgerichles kn Prozeß Stacshy Ein polnischer Diplomat zur Judenfrage Ein von dem Verband der polnischen Juden in F!1 gl,and zu Ehren des aus dem Amte scheidenden bisherigen Gesandten Polens in London, Constantin Skirnuint, veranstaltetes , Abschicdscsscn bot Führern des englischen Judentums Geleger heit, auf die schwierige w i r t s c h a 111 i c h c Lage der jüdischen Bevölkerung Polen s hinzuweisen und den Gesandten zu bitten, sich für eine aut wirtschafdiche Gesundung des jüdischen Bcvölhc-ungdäles ahzielende Politik cin/usct/cn. in seiner Autwortrede legte Gesandtcr Skirimmt die auf den Grundsätzen bürgerlicher Gleichberechtiguiig und gleichen Schutzes für alle Staatsbürger heruhende Judenpolitik Polens dar und gab gleichzeitig den Sympathien der polnischen Regierung für den Palästina- Aufbau Ausdruck. Als Abschiedsgeschenk wurde dem Gcsandten sein von dem verstorbenen jüdischen Maler Leopold Pilichosvski, dem früheren Vorsitzenden des Verbandes der polnischen Juden, gemaltes Porträt überreicht. Zum Schluß des Banketts wurde bekanntgegeben, daß zur Durchführung einer Hilfsaktion für die von der Ucbersclnvemmuugs- Katastrophe betroffene jüdische Bevölkerung ein Ausschuß febildet wurde, dem Simon Marks, Lord Mclchctt, Gustave uck, Lady Prinz, Henry van den Bcrgh, Mrs. Irwell und Sir Meyer Spiclman angeboren. Verurteilung illegaler Einwanderer Vor dem Hnifacr Gericht sind 32 jüdische Mädchen um! vier jüdische junge Männer durch den Richter Curry wegen illegaler Einwanderung zu je drei Monaten Gcfängnis und nachfolgender Landesverweisung verurteilt worden. Die Verurteilten wurden in das Gefängnis von Bethlehem überführt, wo sic seit dem 7. Juli nach ihrer Verhaftung bei Tibcrias interniert waren. Weitere zwölf Juden, die illegal eingewamlcrt sind, ..wurden vom Gericht in Akko zu drei Monaten Gefängnis und Landesverweisung verurteilt. Elf illegale jüdische Ein- Wanderer, unter ihnen zwei Mädchen, wurden neu ver• haftet. Die im Fraiiengefäiigiiis zu Bethlehem internierten 32 jüdischcn Frauen klagen, daß sie gezwungen sind, auf Steinfußböden zu schlafen; die Nahrung sei ungenießbar. In dem für 00 Gefangene eingerichteten Gefängnis sind jetzt über 100 weibliche Häftlinge untergehracht. Die Palästina-Presse beklagt das■ Schicksal der jüdischen Frauen, deren einziges Verbrechen darin bestell!, daß sic zu ihren in Palästina lebenden Familien wollten. Wie die J. T. A. erfährt, hat das polnische Au Ben* min 1 st er i u m die Vertreter Polens in London und Jcrusalern aufgefordert, Schritte zu unternehmen, um die Lage der 4n Haila verurteilten Juden polnischer Staatsangc-;. hör i g k e i t 7.u mildern. Eine Gruppe nationalistischer arabischer Jugend hat, wie JTA. meldet, sich in die arabischen Dörfer an der Küste begehen, um einen Ef äse herdien st zur Ergreifung jüdischer illegaler Einwanderer, die in Booten landen oder über die Nordgrenze hcrcinkommcn, zu organisieren. * Die Strafe fiir die jungen Leute ist gewiß hart lind wenn man sich vorstellt, mit welchen hochgespannten Gcfühlen und Erwartungen sic nach Palästina gingen, kann man ermessen, wie schwer dieser untre um d I i c h e Empfang aut sic wirkt. Auf der anderen Säte muß man aber darauf bitweisen, daß die Palästinaregicrimg wiederholt vor illegaler Einwanderung gewarnt hat und ihre Entschlossenheit zu erkennen gab, strenge Abvvchrmaßnahmcn zu treffen. Unter diesen tJmst incleii muß man sagen, daß, wer die jungen Menschen veranlaßt hat, trotzdem illegal einzuwandern, eine große Verantwortung auf sich genommen hat. l«J• 20, dieses Monats erhalten wir nachstehende briefliche Scltil• dcrong.'■ 11, Tel-Awiw, 22. Juli. Die Spannung der Erwartung war an diesem Freitag nicht so stark wie vor der Entscheidung in der ersten Instanz. l ast allgemein um nie die Bestätigung des Urteils der ersten Instanz erwartet. Diese Ansicht gründete sich auf die Tatsache, daß die Richter kein Hehl daraus machten, daß sie den Aus- Sühningcii der Verteidigung skeptisch gegeiuiberstehe». Die Straßen in Tei-Awiw blichen bis vor 12 Uhr völlig ruhig. In Jerusalem war das (ierichtsgchämle stark bewacht. In Tel-Awiu׳ wurden von der Polizei Vorbereitungen fiir der! Fall eventueller Ruhestörungen getroffen. Vor dein Polizeigchäude in der Rothschild Boulevard wartelc eine Reihe von Lastauloinohilcn, einige davon mit eisernen Netzen gegen eventuelle Angriffe mit Steinen, versehen. Die englischen und jüdischen Polizisten, mit Stahlhelmen und Stnhlschildern ver• sehen und teilweise bewaffnet, standen in voller Bereitschaft. Kurz, vor 12 Uhr war die Stimmung schon gespannt, als die ersten Nachrichten über den Inhalt des Urteils Tel- Awiw erreichten, in Jerusalem war zur selben Zeit Stavsky bereits befreit und wurde von den Revisionisten mit Ovationen und Blumen empfangen. Die ersten Nachrichten, die Tä-Awivv erreichten, gaben die Urteilsbegründung noch nicht an. Es war nur die Tatsache bekannt, daß Stawsky freigesprochen wurde. In den Straßen versammeln sich rege diskutierende Gruppen, die Polizei stellt in Bereitschaft. Vor dem Gebäude der Histadruth, Allcnbvstr. 115, versammelt sich eirte große Menge von Arbei* tern, die mit Ungeduld die weite« n Nachrichten erwarten, Freude und Erbitterung bilden je nach der politische« Richtung der Gruppen den Gruudtou der IM', ittc in den Straßen. Um 3/112 Uhr erscheint die Extraausgabe des ״Dawar״ und etwas später des ״Itaarctz.“ die den vollen Inhalt des Urteils und der Urteilsbegründung angeben. Die revisionistischen Zähm- Sen berichten mir über die Tatsache des Freispruchs, ohne die ׳rtcilsbcgrümlmig wiederziigebcn. Nachdem die (in der ״Jüd. Rundschau“ in ihren Hauptpunkten bereits mitgetälte) Urteilsbegründung bekannt wurde, stieg die Spannung in den Straßen Tel-Awiws bis zum Siedepunkt. Die Naeluniltags/.citungcn werden blitzschnell ver• griffen. Vor dem Gebäude der Histadruth steht eine Menge von Arbeitern, in den Straßen sieht man eine grolle Anzahl von blauen Hemden der Mitglieder der Histadrutb-jugend und der Arbeiter-Sportorganisationen. Die Brith-Trumpeldor• Jugend der Revisionisten erscheint in Uniformen in den Straßen. Nachmittags und Vorabends erscheinen auf den Wänden und Plakatsäulen die Proklamation des ״Waad Hakehila“ (Jüdisches Gemcimlckomitce) und der ״Miflegeth Paale Ercz Israel“ (Jüdische Arbeiterpartei). Die Proklamation des Waad Häkeln!,1, der unter starkem revisionistischen Einfluß stellt und an dem die Histadruth nicht teilnimmt, fordert die Parteien zum Frieden auf, ״nachdem der Angeklagte als unschuldig freigesprochen wurde“. (Die Proklamation der Arbeiterpartei ist in der ״J. R,“ bereits bekanntgegeben worden. — A. d. R.) Am Freitag abend füllen sich immer die StraBcn Tel• Awiws mit einer feiernden Menge, die sich in großen Menschciiwogcn die Allenbystraße herunter bis zum Meer bewegt. An diesem Abend finden auch immer die Veranstaltungen der Jugendorganisationen statt, und an einem Tage der großen Spannung wie der gestrige sind Zusammenstöße von Gruppen der Jugendlichen verschiedener Strömungen und Organisation nen zu erwarten. Die Menge schien diesmal größer zu sein als sonst. Bis 10 Uhr abends sind die Uniformen der Brith Trnmpädor fast nicht zu sehen. Um 1t) Uhr abends, nachdem die internen Versammlungen der Brith zu Ende sind, ersehet• nen ihre Leute in Uniform auf der Straße, Sie werden mit Pfiffen und E’hii-Riifcit empfangen, Inzwischen erscheint auch eine grolle Gruppe der Arbeiterjugend, in Reiben geordnet, und schreitet singend durch die Straßen. Zwischen 10 und 11 Uhr abends seinen ein Zusammenstoß zwischen beiden Gruppen fast unvermeidlich. Zu ernsten Zusammenstößen zwischen Arbeitern und uniformierten Brith-Leuten ist es in dem unteren Teil der Allenbystraße, besonders in dem Cafe ״Säieicg Lewanon“ gekommen. Port hat sieh eine Gruppe von feiernden Revisionisten in Uniform Versammelt und ein Bankett verunstaltet. Im Cafe war auch eine Anzahl von Arbei• tern anwesend. Es kam zuerst zu einem scharfen Wortwechsel und nachher zu Tätlichkeiten. Am Ende hat die Polizei eingegriffen und alle Cafehäuser gesperrt, Bei dem *Zusammenstoß sind einige Pcrsouen verwundet worden, um] (j, , ist durch den Kampf demoliert worden. Am Kamst,!י1*/׳ kam es wieder zu Zns.imnn’nstoßen in um! bei der (j. ׳ Synagoge, wo Stavsky zur Thora aufgerufen Polizei hat wieder angegriffen. (Wir hcricliU'tcii UL' Unruhen bereits in der vorigen Nummer. — R״j j Es ist noch verfrüht, über die Auswirkungen /pן ״ auf die öffentliche Meinung zu sprechen. Die Mt-i״'״ sind selbstverständlich geteilt, und die Einstellung w|f)llj die politische Richtung der betreffenden Gruppen bre Jeden falls ist es klar, daß der große Konflikt, der ausschlaggebende Bedeutung im Lohen des jisclmw ן!,,! , nicht zu Ende ist und daß der scharfe Kampl der litiden weiter vor sich gehe n w i r d. L; A. d. R.: Nach unserer bereits mehrfach gcg,,P!ס aller verantwortlichen Faktoren ׳ Meinung Ist cs Aufgabe sonders der M i 11 c I g r 11 p p c n des Jisclmw, c,n״r f Setzung dieses bruderrnördcrischen Kampfes m i l aller t schied enhelt entgegenzutreten und eine BcfricdunV unter deutlicher Verurteilung aller Gcwaltmethodcn J zubahnen. ~ *' Unterhaus - Anfrage über das Stavsky-Urteil London, 25. Juli. (J.T.A.) Im Unterhaus« tra״|c c Wedgwood den Kolonien minister, oh die Vcrlm,!1״l im Stavsky-Prozcß einschließlich des Urteils des oh(•' Gerichts durch den R e c 11 t s> b e i r a t des (v uiai Office geprüft werden würden. Der Mi״ antwortete, er habe zu seiner am El. Juni erteilten An!, (in der er mitteilte, daß der Prozelthcricht nach sg- Eintreffen von den Rechtsberatern des Colonial < )fficc ׳Olgesehen werden würde, jedoch nicht zum Zweck einer Vision der gerichtlichen Entscheidung, zu der der M!■;׳ nicht befugt sä) nichts hinzunifugen. Wedgwood ):, weiter, ob nicht mit Rücksicht darauf, daß der Vors!!,״ bemerkte, vor einem englischen Gericht wäre Str, schuldig befunden worden, die Durchsicht des Fs durch den Rechtsberater des Ministers ange/cigt wärc.h Philip C/miliffc-List er erwiderte, es wäre für ihn höchst liiw gebracht, das Urteil irgendwie zu kommentieren. \■ Wedgwood; ,,Wenn es auch fiir den Minister iinangebrj sein sollte, einen Kommentar zu dem Fall zu geben, cur, nicht wünschenswert, daß der Fall von einem juriss geschulten, in englischer Rcclitspraxis geschulten Kopf g. prüft wird?“ Kolonicinninistcr: ״Das ist wohl geradezu c tadelnde Bemerkung gegen den Oherrichtcr, der den Von in dem Prozeß führte!“ Vor der Sitzung des Universitäis -׳ Kuratoriums Die Sitzung des Board of Governors der Hebr&d. Universität Jerusalem, die, wie schon gemeldet, am 13, ,y.; in Zürich eröffnet wird, soll, wie der Kanzler der Uimer!/ Dr. j, L. Magncs mittcilt, die Arbeiten der am 12. er. 13. Mai in New York aligchaltencn Konferenz der am«;, nisclien Mitglieder des Kuratoriums fortsetzeu. Das Mit/ des Kuratoriums Dr. Nathan Ratnoff, Präsident des Am« lewish Physicians Committee, ist in Begleitung des V Yorker Arztes Dr. Golub in Palästina eingetroften, 11m V arbeiten zur Errichtung der geplanten I ladassati-Uiiivrrkt klinik eiimileiten. Von Jerusalem begibt sieli Dr, Ratnoff Sitzung in Zürich. Palästina wird bei der Sitzung w durch Dr. Magncs, durch Ussisclikin, Dr. Max Schleies׳״■; Richter Frumkin und durch den Univcrsitätsarchivjr fc bürg vertreten sein. FS ist zu erwarten, daß auf der Tagung, die unter d;־ Vorsitz, Dr. W c i z!11 a 11 n s stehen wird, neben der Fn:. von Belorderungert von Mitgliedern des akademischen Id׳ körpers und Problemen der Erweiterung der U11iversit.1t c Erörterung des Berichtes einen breiten Raum eiimchar.־ wird, der von einer Putcrsucl!11ngs-K0mmissi(«1 AJr üafc: der Univcrsitätsvenvaltung und Ausarbeitung von VorscMi./ zu ihrer Reorganisation erstattet wurde, der Sir Ih r Hartog, Dr. Rateliff Salaman und Prof. Eonis tiinsh׳.״ angeboren. Dr. Magncs und seine Mitarbeiter haben «־: Antwort auf diesen Bericht verfallt. Zehn Schiffe der britischen Kriegsflotte sindr.| einem Besuch, der eine Woche dauert, in Haifa eingetrott־•־ Die Schiffe koimtcn vom Publikum besichtigt werden. Persönliche Erinnerungen an Carl Joel Von Dr. Hans Klee. Carl Joel starb in Ragaz, ■wo er Erholung und neue Kraft suclite. Er hat das alte, aristokratische Haus am Heuberg in Basel mit seinen duiikägetäfclten Decken und den weiten, schönen Räumen nicht mehr betreten, ist nicht - mehr zu dem ausladenden Kastanienbaum unten im Garten zurückgckehrt, wo er im Sommer so gern lesend und arbeitend zu sitze'n pflegte. Die letzte Lieferung seines großen Werkes ,,Wandlungen der Weltanschauung״, die er im Herbst in beenden hoffte, blieb unvollendet. Dabei drängte cs den schon Gezeichneten nach immer neuer Arbeit. Aus dem otium cum dignitate, das ihm die Basler Regierung in zarter Rücksichtnahme besonders sorgen- .׳ frei gestaltete, wurde ein Lebensabend ständigen Fortschaffens. Den HörsaaS verließ der lange im Ruhestand Befindliche bis zuletzt nicht, an seinen Werken arbeitete und diktierte er unermüdlich, aber, ein Manu des Lebens, half und sorgte er auch für die vielen seines Rates bedürfenden Studenten, die namentlich die letzten Semester in so großer Zahl an die alte schweizerische Universität geführt batten. Warn von ׳ ihren Zukimftssorgcn die Rede war, so erzählte er von den eigenen Schwierigkeiten. ״Ich habe an fünf Universitäten angeklopft, bevor ich nach Basel kam, zürn Beispiel in Straßbürg, aber man erklärte mir, daß der Philosoph dort nur katholisch sein könne — Graf Hcrtling kam in Frage —, in Königsberg ging es aus anderen Gründen!lieht; und so kam manche Enttäuschung. Ja, wenn ich mich hätte taufen lassen — aber das leimte ich natürlich strikt ah." So blieb er auch - zeitlebens Basel treu und verwurzelte sich tief in dieser angenehmen Stadt mit ihrem bedeutenden kulturellen Leben. Sein Haus wurde ein Mittelpunkt. Man traf dort viele mit Namen und Ansehen, andere auch, die sieh einen Namen erst machen wollten. Die Angehörigen des Basier Patriziats, die von der Mülil's, Mcrians, Burckardts waren ebenso häufige Gäste, wie der Isonco-Sicger Erzherzog Eugen oder die bedeutendsten Vertreter der europäischen Geistigkeit. Er liebte cs besonders, im kleinen Kreis über Gewesenes und Gegenwärtiges zu plaudern. Manch reizvolle^ Anekdote ent• rift tr dort der Vergangenheit. Als er sich in Basel habihtierte, war Andreas Hcuslcr, der berühmte und seiner Strenge und treffsicheren Kritik wegen gefürchtete Altmeister der Rcchtshistoriker Rektor der Universität. Es war viel, daß er, der Wortkarge, nach der Antrittsvorlesung dem jungen Privitdozcnten die Hand drückte und sagte; ״Das war recht , « <fin unerhörtes Lob aus diesem Munde, das Joel mehr galt als die begeisterten Glückwünsche, die ihm zuteil wurden. Diese Antrittsvorlesung war ein Ereignis. Mitten in die naturwissenschaftlich-materialistische Strömung der Zeit, die sich auäi das Geistesleben erobert hatte, traf sein erlösendes Wort: ״Die Zukunft der Philosophie ist der Idealismus.״ Als die philosophische Fakultät ihn vor wenig Monaten zu seinem siebzigsten Geburtstag beglückwünschte, dankte er in eigener Weise. Er erzählte von seiner Jugend, seinem Lehen und seinen Kämpfen, immer wieder zurückgräfend auf das Jüdische in ihm, auf die Viitcr*. ״Mir ist, wenn ich an meine Väter denke, als ob eine lange Reihe vveißgekleideter Priester an mir voriiberzicht; je alter ich werde, desto deutlicher erkenne ich die Wurzeln meines Seins." Und mit Rührung konnte der Teilnehmer an der Feier die tiefe Ergriffeniicit tniterlebcn, die das Bekenntnis in diesem Kreise anslöste. Interessant hat sein Sclniler Dr. Scliahad damals über die jüdischen Elemente in der Karl Joclschen Philosophic geschrieben. Von seiner idealistischen Wcltnnschnumig hat er sich nie entfernt. ״Wenn ich nicht glaubte, daß die Materie vom Geist überwunden wird, so wüßte ich nicht, was das Leben lobenswert macht" —, ein Wort zu uns Jün* gcren. 111 der ״Jüdischen Rundschau״ ist vor einiger Zeit cinmals auf Jods Bekenntnis zu Gott und von seinem Glauben au den ״im Ebcnbildc Gottes geschaffenen Menscheu“ hingewiesen worden, ״Wer hier rüttelt, der rüttelt am Unwandelbaren." Die Würde, die ihm eignete, verlor jede Steifheit in der Unterhaltung, Er scherzte gern und erzählte auch oft Scherzliaftes. Vorn Vater, dem Hirsclihcrgcr Rabbiner, der gern reiste und das Geld verreiste und von einer Reise nach Schweden zurückkommend in so desolaten Vermögcnsvcrhältnissen sich befand, daß er zunächst einmal jedes Rabbinat amiahm, das sich ihm bot, und so, zwischen ihnen hin und her pendelnd, zwei mitteldeutsche Kleingcmeindcn betreute, freilich nur so lange, bis eine Berufung in das damals nocli recht ansehnliche Rabbinat von Hirschberg erfolgte. Beinahe aber wäre aus dem Wirken dort nichts geworden. Bei der Ankunft der Postkutsche — kein Gemeindevorstand weit und breit. Schwer gekränkt will er zurückfahren und löst das Retourbillett, aber den Naturfreund lockt das schneebedeckte Gebirge zu einer Hörnersclilittenfahrt, zu der ein trcundlichcr Reisender ihm rät. Bei der Rückkehr ist auf dem Posthof der gesamte Gemeindevorstand versammelt — der freundliche Mitreisende hatte ihn inzwischen von ■einem Trick, den Rabbiner ins Gebirge zu schicken, Um Zeit zu gewinnen, benachrichtigt — und so leierte man Versöhnung. Fn Hirschberg wurde Carl Joel geboren; die Berge seiner schlesischen Heimat liebte er zeitlebens. — Als Scd1sjal1n;c entschied sich, wie er launig erzählte, sein Geschick. Er In' einen Vortragenden, der mit ״Meine Herren'‘ begann• 1)״ erschien ihm großartig. Fragte man den Kleinen, was 1 werden wolle, so antwortete er; ,,Etwas, wo inan!nur Herren' sagen kann.“ Er hat cs viel tausendmal « Ci״/ dankbaren Auditorium sagen dürfen, das dem aulkfow: lieh wirkungsvollen Dozenten, der in itni.steriiatur PjR auch die schwersten Probleme kristallklar lierauszuarbc־:- verstand, lauschte. Carl Joel blieb unverheiratet. Unvergänglichen Dank 'j um ihn seine Schwester Hedwig verdient, dir ihn l'ltrr:/ seine umfangreiche Korrespondenz erledigte, die aber a« seine nie minie wissenschaftliche Hilfsarbeitcrin war, diktierte, und die mit ihm geistig so /usammemvuehs, dw•׳/ gelegentliche ״Wir — unser Verleger schreibt , wir noch Korrekturen lesen“ — völlig natürlich berührte. H»ן י har denken heute viele an das gastliche I lau» um> si'־: geistige Anregung, aber auch an mancli klugen Rat j manch wirksame Förderung, in der die gütige Hedwig J1 mit ihrem Broiler wetteiferte. ln den letzten Jahren beschäftigte ihn lebhaft 1>•« "/ d Ische Problem, An der Universität Jerusalem, Bibliothek, wie er mir sagte, er testamentarisch einen seiner überaus wertvollen Büehcrsammhmg vermacht״; wünschte er die Errichtung einer Abteilung für P111״!/ Wissenschaften. ״Unserem Volke fällt vielfach die riän- Einsicht in die politischen Realitäten, viele״ ist d« E. tische Sinn abhanden gekommen. Wir bedürfen nitw«; politischer Schulung.“ Vor wenigen Wochen Halen wir!. n^S Poinr •>!! * *. t_ 1. .:1P ...1.,.״ ’J'QIlf'‘ (»cfu ' bei der Feier zu Theodor Hcrzls dreißigstem zu sprechen. Leider erlaubte es ihm damals seine heit nicht mehr. Aber der Brief, den er mir schnei).;■ so voll gläubiger Zuversicht an die Zukunft unseres '01ל daß seine charakteristischsten Stellen gleichsam als . Testament Karl Joels gelten können: ״Ich glaube ל״'״ heiligen Wurzeln treu zu sein, denn - und 11.1s könne״ -; aucli ihren Freunden sagen — ich glaube au die Zu*•1// eines jüdischen Stammes und Staates, solange er dis ' bild eines Mannes wie Herz! wcitcrpflegen wird, u״a ״ wünsche, daß alle Leidenden und Sehnsüchtigen •« Urheimat eine Heimstatt und Lcbensrettung finden.“ Carl Joel war einer aus dem Geschlecht der Ocrec^ gotterfüllt, und voller Tide und Weisheit. Sein Anden■ ■־ sei zum Segen.

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