Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 59 (24.7.1934)
- Date
- 1934-07-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 [JÜDISCHE RUNDSCHAU Der jüdische Handelsvertreter Der ,,II a 1! d c I s - P i o n i c r“, die Zeitschrift des Reichs* verbände* deutscher Handelsvertreter, deren Stellungnahme gegen die jüdischen Handelsvertreter wir bereits in Nr. 56 wi! dergi gcbcit haben, bringt auch in ihrer zweiten Nummer einen gegen die Tätigkeit jüdischer Handelsvertreter gcrich* teten Artikt 1. Dieser Artikel unter der Uebcrschrift ״Das 1)0 p ין c I g e s I c h t“ hat den Charatrtcr einer Satire, worin geschildert wird, wie in einer bayerischen Stadt ein ״Microniimis Sehwarzmeicr, Manufaktur- und Modewaren, Konfekticm“, einen jüdischen Vertreter, Herrn V e i 1 c h c n d u f t, empfängt und ihn in ein Hintcminmer weist, damit er nicht gesehen wird. Den inzwischen cintretcnden arischen Vertreter fertigt Herr Sehwarzmeicr mit einem kleinen Auftrag ab, um dann seinen Hauptauftrag Herrn Vcilchcndiift zu geben. Man müsse, so heißt es im bayerischen Dialekt, vorsichtig sein, ״es gibt heut, so Lait, die moana halt, mcar darf von einem jürlisrlirn I Irr!1 nix mehr k.1f’n. Mir hob'n leider a oani in dem StiiiUl.i, aber i paß net ,traf. jetzt kal i erst recht bei den jüdisehen Herren, aber wie gsngt, gelm’t niiehstc Mal glei rum Haus und in's Büro rein und;״ign's d<is a Ihren Herrn Kollegen. Sie Wissen'* srliori warum. Sie wissen's schon, Herr Vcilchrndtifl.“ Die Veröffenllichung hat wahrschcinlicli den Zweck, das Verhallen derartiger Geschäftsleute anzuprangern und sich damit indirekt gegen die Tätigkeit jüdischer Handclsvcrfreier, die bei ihrer Kundschaft anscheinend sehr beliebt sind, aus/uspreeheti. Dies widerspricht zweifellos der oftmals dckla- Herten Politik der Reichsregierung, die ia darauf abzielt, nachdem die Juden aus so vielen Berufen _ ausgeschieden worden sind, gerade im Handel ihnen eine Betätigungs mögl iclikcit o f 1 c n zu lassen. Es isf aber nicht cin/uschcn, warum die Juden, die sich auf diese Weise durch schwere Arbeit ehrlich ihren Lebensunterhalt erwerben wollen, dein Spott oder der Ablehnung ausgesetzt sein sollen. Deutsche Handwerksgesellen nach Palästina? Unter der Uebcrschrift ״Ausgerechnet Palästina“ bringt die ״Fleischcrvcrbandszcitung“ vom 14. 7. folgende Notiz: ״Nadi ’der Gcworbekamtncr ZilUu vorliegenden Mitteilungen wird w r 11׳ h , deulsrlie I bmdwerk-gesellen na<׳h P a I « s t i n a zu vermitteln. Dir. Hrilingungen, zu denen das Arbeit xverhältnis nngebotrn wird, sind jedoch völlig unannehmbar. Infolge Ihikenntnis der Verleih nisse in l’.daslina scheinen sie jedoch ftir Hcn dentsiliert llnnrlwcrksgesellen günstig zu sein. Auch die Verträge, die mit solchen aus«anileningslustigen deutschen Handwerksgc-ellcn abgeteldossen werden, stellen durchaus nur eine einseitige Bindung ries Auswanilernden dar. Vor allein besteht die große Gefahr, daß ein deutscher Handwerksgeselle sieh in Palästina in einer rein jüdischen Stadl auf keinen Fall wohl fühlt und zumindest selir starken Anfeindungen ausgesclzt ist. Nach der Gcwerheknimncr Zillau vorliegenden Mitteilungen braucht ein lediger deutscher Handwerker zur llcstreitung seines Lebens- Unterhaltes, wie er ihn in Deutschland zu führen gewöhnt ist, lünlzig Prozent mehr, als nach den! Vcrtragsniustcr als Gehalt bewilligt wird. — l.)ic Gewerbekammer Zittau warnt alle jungen deutschen Handwerksgesellen vor einer Auswanderung nach Palästina,“ Welche Tatsachen der vorstehenden Darstellung zugründe liegen, ist uns nicht bekannt. Es ist nicht anzunchmcn, daß deutsche Handwerker unter falschen Vorspiegelungen von Juden nach Palästina gelockt werden, da ja bekanntlich die verfügbaren Einreise-Erlaubnisse für den eigenen Bedarf der Juden nicht ausreichen. Das Anerbengcrfcht in Stendal hat einem Landwirt die Bauernfähigkeit abgesprochen, weil seine Großmutter mutterlichcrscits eine getaufte Jüdin war. Nach dem Reichserbhofgesclz kann Bauer und damit Besitzer eines Erbhofes nur sein, wer deutschen Blutes ist. ■,"(■I ".1111■■ .•."■.. ...-. - I ' I•'-■ .. Englischer Faschismus mö J1;״cr«״fsfje Die deutschen Zeitungen berichten über einen Briefwechsel zwischen Sir Oswald Mösl cy und Lord Rothcrincrc in der Londoner ״Daily Mail“. Dieser Briefwechsel, der eine Trennung Kothcrmcrcs von Mosley aukiimligt. bedeutet nach Meinung verschiedener Zeitungen eine starke Schwächung des englischen Faschismus, dein auf diese Weise die Unter- Stützung eines populären Presseorgans verloren geht. Sir Oswald Mosley kommt in seinem Brief auch auf die Juden frage zu sprechen. Der englische Faschismus habe sich verpflichtet, daß es in England unter dem Faschismus weder rassen m ä (11 p e noch religiöse V c r f 01 - g 1111 g e 11 geben werde. Man werde von den Juden wie von jedem andern auch fordern, daß sie die britisclien Interessen voranstellcii müßten. Wenn man sic nicht zur Mitgliedschaff zulasse, so liege das an ihren scharfen Angriffen gegen den Faschismus und an ihrer Intern,itionatitlit, die die Rasscnintcrcsscn über die nationalen Interessen stelle. In seinem Antwortschreiben weist Lord R o t h c rm e r c darauf hin, daß er stets den Standpunkt vertreten habe, daß sich eine Bewegung, die sich selbst als ״faschistisch" bezeichne, in diesem Lande niemals durchsetzen könne. Ferner habe er es in den Unterredungen absolut klar gemacht, daß er niemals eine Richtung unterstützen werde, die irgendwelche antisemitische Tendenzen habe oder die die Diktatur anstrebe bzw. das Parlament durch den korporativen Staat ersetzen wolle. Sir Oswald Mosley hat früher bei vielen Gelegenheiten erklärt, daß er den Antisemitismus ablehne und daß der britische Faschismus nicht antisemitisch sei. Nach der letzten Veröffentlichung scheint jedoch dieser Standpunkt sich geändert zu haben, denn Moslcys Partei schließt, wie man jetzt erfährt, die Juden grundsätzlich aus. Ausgewiesene Emigranten. Die ״N a t ion a I z e i t u n g“ in Essen zitiert einen Aufsatz von H, von tierfach im ״Pariser Tageblatt“, worin darüber Klage geführt wird, daß eine Reihe von F. »ligranten in Frankreich mit zehntägiger Frist Auicntlialtsvcrweigermigen erhalten haben. Der Artikel des ״Pariser Tageblattes“ erinnert daran, daß die Emigranten im Mürz und April 1933 in Frankreich als erwünscht bezeichnet wurden, heute aber als unerwünscht behandelt werden. Dieses Vorkommnis, das die Essener »,Nationalzeitung“ spöttisch glossiert, ist auch für uns Juden von großem Interesse. Denn manchen Juden ist cs in der Tat eigentümlich, über Stimmungen des Augenblicks den wahren Kern der Judcnfrage zu vergessen. So z. B. haben manche Emigranten im Frühjahr 1933 gemeint, wenn sic ihren Aufenthalt wechseln, sei die Judenfrage gelöst. Wir fürchten, daß auch heute noch unter denjenigen Emigranten in Paris, die keinen Ausweisungsbefehl bekommen haben, diese kurzsichtige Anschauung vorhanden ist. Wir jedoch haben uns niemals einer Täuschung hingegeben, daß Oefühlsstiniimmge״, die aus politischen Gründen da und dort zugunsten der Juden entstehen mögen, etwas Dauerndes bedeuten. Solange die Juden nicht verstehen, daß ihr Judcscii! ihr Schicksal ist und daß von diesem Punkt aus ihre eigenen Probleme in Angriff genommen werden müssen, werden Enttäuschungen regelmäßig wiederkehren. Der bayerische Slnatsministcr für Wirtschaft, Esser, hat angeordnet, daß die Vichmarktordnungcn sofort durch den Zusatz ergänzt werden, wonach der Gebrauch der hebräi sehen Sprache während der Abwicklung von Kaufgeschaffen auf den Viehinärktcn verboten ist. Wie die ״Frankfurter Ztg.“ vom 21.7. berichtet, Ist Ernst Kahn, der ehemalige Dozent an der Frankfurter Universität (den Lesern der ״Jüd, Rundschau“ als unser Mitarbeiter bckamtt), in eine dreiköpfige Kommission berufen worden, die unter Führung von Sir Raymond Unwin für die amerikanische Regierung die Woh nu n g'spoli t ik in d c n Vc r e 1 n 1 gt e 11 Staaten zu begutachten hat. Kahn galt während seiner Tätigkeit in Frankfurt als einer der besten Fachleute auf dem Gebiet der sozialen Wohnungspolitik. *>.59, 24. VII, m 'K7l!: Zur Lage der iürkisdhen Juden Die Londoner Wochenschrift ״The Near East and Im vom 19. 7. beschäftigt sich in einem größeren, aus staw datierten Aufsatz, mit der durch die neuesten Ereignisse! Türkei für dir Juden geschaffenen Lage und macht u, , ן grrnle bemerkenswerte Ausführungen; Die häutige ’ |p. nähme auf die nationale Politik im Laufe der Lrngnhsc einen an die mögliche Wirkung eines verirrten National!.,': glauben. Wie alle dynamischen Bewegungen im Naclibv curopa, so hat auch die türkische Revolution eine |)י •ןז t i 0 11 ihrer Bestrebungen gesucht mul in dem Ideale!.1 türkischen Kultur gcluiidcn, deren Ziel in der \?. ciiiigung und nicht in der Trennung liegt. NichNestW(.ni; haben, wie in manchen andern Ländern, gewisse juge,!^;: Elemente, denen eine sehr große, aber leider oftmals m' brauchte Bedeutung?«erteilt wurde, sich bemüht, dies!d, in einen oft intoleranten Kultus umziiformen, (|er^ gegen alle die richtet, die nicht bereits an der türkisch... Kultur teilhaben. Im Fall der Juden gab cs in den kg;., Jahren bemerkenswerte Bemühungen ihrerseits, türkisch , fernen, um es zu ihrer Muttersprache zu machen. In cini•- jüdischen Familien sollen Kinder unter 10 Jahren schon 1!®, einander türkisch sprechen. 1 ווו allgemeinen jht der Jikl!se Standpunkt, daß die Juden für ihre abgesonderte Exktfform nicht verantwortlich gemacht; werden könne da dieser Zustand dem Geist und Gesclz des ottoinanisch;, Reiches entsprach. Wenn die Türken wirklich die Juden assimilieren wünschten, so müßten sie ihnen gencl Zeit gewähren, wahrscheinlich eine ganze(!(,, ration hindurch. Eia sehr günstiges Element in der Entwi 11mg war die beträchtliche Verbesserung der türkischen Schul ein hemmender Faktor jedoch ist die Unmöglichkeit einen Juden, wie für alle anderen Nichtmusclmänner, ,!;,. Posten im Zivildienst zu erhallen, in irgendeiner türkisch Bank oder in den sehr zahlreichen, halhoffi/iiilen Ilande Institutionen. Vor einigen Monaten riefen mehrere jüdiuc Organisationen eine Bewegung zum Zwecke der sehnt!!• Ausbreitung der türkischen Spracht unter den Juden ins Lebt* Die Unruhe vergrößerte sich, als unter ausländischem Einlfc eine türkische antisemitische M a 1 b m on at sschrii; vor einigen Monaten zu erscheinen begann. ' ‘ Diese Umstände und wahrscheinlich auch persönlich! wirtschaftliche Rivalität können teilweise für dr Ausbruch der letzten Ereignisse mit in Rechnung gezogen ««־. den. Daß die Unruhen in Ankara erst Anfang Juli beka® wurden, wird der Tatsache zugeschrieben, daß die Zeit alle Rcßicrungsmitglicder durch den Besuch des Schahs in 4׳ Türkei in Anspruch genommen war.... In der Zwischen« brachte die Unruhe, die unter den 50 000 Sfamhulcr Judt durch die Ereignisse wie auch durch die Ankunft der minds stens .5000 Flüchtlinge entstanden war, eine Lähmung dt! ökonomischen Lebens hervor, die sich nicht nur ad den jüdischen Handel allein beschränkte. Im allgemeine tun die türkischen Zeitungen ihr Bestes zur Beruhigung, ata diese Tendenz wird durchkreuzt durch einige wenig Blätter, welche versuchen, die Juden für die Ereignisse ve• antwortlich zu machen oder sie gar in Karikaturen zu ve. spotten. Konstantinopcl, 20. Juli. (J. T. A.) Die Zahl in Infolge der Ausschreitungen im Dardandlcn-Ocbiet, in dr Gegend von Adrianopcl, Rodostn, Chairabolu, Kcsclian, Unr Köprfi, Kirklarcli 11. v. a. in Konstantinopcl eingctrolfetr Flüchtlinge wird auf 400(1 bis 5(K)0 geschätzt. Ein großer f! der Flüchtlinge ist auf Unterstützung durch die jüdisch! Wohlfahrtscinrichtungcn angewiesen. Nur sehr wenige thrazischc Juden haben sich bisk entschlossen, der in einem Continuniqud der Regierung aus?] sprochcncn Aufforderung, in ihre Heimatorte zurückzukdttei Folge zu leisten. Einige jüdische Familien, die nach dr Erklärung des Ministerpräsidenten Ismct Pascha in die St:־ Uzun-Köprii 7 u r ü c k g e k e 11 rt sind, wurden bald nir; ihrer Rückkehr wieder zum Verlassen der Stad; gezwungen, Sic haben sich telegraphisch mit einer 81■ schwcrdc an den Ministerpräsidenten gewandt. Das Krumme kann nicht gerade werden ... (Prediger i, 15) Chaffm Nachman Bialik nacherzähtt Von A. M. K o h n A s u I a y Abends auf dem Hinterperron der Straßenbahn. Vor mir ein junger, ״friscligehackcncr“ Junker, hinter diesem ein langcr, hagerer, alter Jude, mit grau-weißem Haar. Anfänglich beachtete ich den alten Juden kaum. Er stand, auf den Spazicrstock gestützt, dicht an das Ciittcrtürchcn gelehnt, ganz im Schatten der schwachen Beleuchtung. Der Junker, mitten zwischen uns beiden, schien die Entfernung noch zu vergrößern, so daß ich nur die laugen, grau-weißen Haarsträhnen des Alten sehen konnte, die sich im Winde bewegten. Nur ganz zufällig begegneten sich unsere Blicke. Sofort grüßte mich der Alte, leicht kopfnickend. Jetzt erst erkannte ich ihn wieder; es war jener Greis, dem ich schon häufig auf der Straße begegnet war, und der mich stets kopfnickend grüßte. Wann er mich zu grüßen begann, und weshalb mir diese Ehre zuteil wurde, weiß ich nicht mehr genau. Ohne Zweifel waren wir irgendwo und irgendwann zusammengekommen, aber wo und wann «las war, wußte ich nicht mehr. Gesprachen haben wir uns noch nie. So kannte ich weder seinen Namen noch reinen Beruf. Manchmal sali ich ihn auf der Straße. Men Spa/icrstock in der Hand, ging er auf und ab, las die Reklamen und betrachtete die Schaufenster. Seine Kleidung war sehr abgetragen und fleckig. Die Schuhe geflickt, aber sauber und auf Hochglanz poliert. Man merkte, daß die Bürste jeden Morgen fleißig daran war, alles zu säubern und zu putzen, was tagsüber schmutzig und fleckig wurde. Aber nicht immer gelang es ihm wohl, alles restlos wieder gut zu machen, so daß er häufig gezwungen war, auch zu anderen Maßnahmen zu greifen. Sobald er nämlich einen prüfenden Blick auf sich verspürte, beeilte er sich, die geflickten und fleckigen Steilen seiner Kleidung mit einer nervösen, zuckenden Handbewegung zu verdecken... Zuweilen kam er mir auf der Straße mit einem Buch oder einem Päckchen unter den! Arm entgegen. Langsam und gemächlich ging er des Weges, und als wir einander näher kamen, grüßte er kopfnickend und wortlos und sah mich dabei demutsvoll und traurig an. Sicherlich, dachte ich, gehört er zu jenen Gedcmütigtcn, die keine Arbeitsstätte haben und denen tagsüber, vom Erwachen am Morgen bis zum Schlafengehen am Abend, eine geistlose, zermürbende Leere entgegengähnt, in der sie zu schwinden scheinen, wie kleine Wälklei« in der Unendlichkeit, die ihnen keinen Halt mehr zu bieten vermag. Menschen dieser Art wünschen nicht beobachtet zu werden, und schon ein einzager wohlwollender Blick der Mitmenschen vermag, ihnen lieh"*** u.nJ* Seligkeit zu bereiten. Ein mißliches Los, ledig- Pi״״ *üSt..v,1!t!•1‘•d oder durch eine drittrangige Empfehlung, für Schrin»!a!‘biB?:, ״.cl°hnung irgendeine ״Arbeit“, die nur eine Bedaיי" 3‘ ״״״״ Hause eines Reichen annehmen zu müssen! beiten zu ״cse Armseligen, die gezwungen sind, Ar- “ VCTrict1ten, wie etwa eine Neuordnung von Bücher* regalen, die sie schon zehnmal!ungeordnet haben, das Abschreiben von Fnmilieudokumcnten, die sic schon clfnial aus gleichen Gründen aligeschrichcn hatten, oder das Auffüllcn von Zigarettenhülsen, ״der gar das Lernen mit einem schwerfälligen Bar-Mizwah-Ciymnasiasten ... Wort- und lustlos entledigen sie sich ihrer Aufgabe und, gleich einem, der ein Verbot umgeht, schleichen sic sich auf Umwegen ins Haus, um von niemand gesehen zu werden. Auch beim Empfang ihres j,Honorars“ blicken sie verwirrt umher und verlassen mutlos ihre Arbeitsstätte. Viele empfindsame und geistvolle Naturen, aber auch manche Uchercmpfiiullichc und mit falschem Stolz behaftete sind unter ihnen zu finden. Das Bewußtsein, ein nutzloses Dasein zu führen, hemmt ihren Geist tagsüber und zehrt an ihrem Mark bei Nacht. Aber nicht allein die Tatsache ihrer Armut zermürbt sic und nagt an ihnen, sondern viel mehr noch ihr Aciißcres, ihre Kleidung, ihr dcinutvollcs, sclttichfernes Auftrctciimiisscn, das dadurch verursacht wird. Jede geflickte Stelle an ihrer Kleidung bedeckt eine Wunde darunter, jeder Fleck ein brennendes Mal... Wer diesen Zerknirschten׳ Barmherzigkeit bezeugen und Qualen ersparen will, lasse seinen Blick nicht allzu lange an ihnen haften, wenigstens nicht über das Maß des Anstandes hinaus ... So lat ich cs stets jenem Alten gegenüber, und desgleichen auch diesmal: nachdem ich ihm den Gruß erwidert hatte, wandte ich mich der Straße zu und beachtete ihn nicht mehr. Zwei neue Reisende bestiegen die Plattform: ein Beamter in Uniform in Begleitung einer Dame. Der Junker richtete sich aut und grüßte mit besonderer Höflichkeit. Den Alten vergaß ich fast völlig. Plötzlich wandte sieh der Junker mit einer graziösen Verbeugung zum alten Juden bin und sagte leise: ״Bitte, entschuldigen Sie, mein Hcrrl“ Die auffallende Höflichkeit und die neue Uniform ließen erkennen, daß der Junker noch ein Neuling war. In seiner übermäßigen, fast übertriebenen Vorsicht glich er einem Barmizwali bei der Behandlung seiner neuen Tephillin... Fast wollte es sclieiiien, als ob ihm diese ״Höflichkcits-Mizwah", die ihm im Beisein eines Beamten zuficl, eine ganz besondere Freude verursachte, weshalb er sich befleißigte, dieser in allen Einzelheiten nach/ukommcn ... Die Ursache selbst, die die Entschuldigung veranlaßte, war mir entgangen. Wahrscheinlich stieß oder berührte er den Alten unwillkürlich. Doch der Alte selbst schien nichts davon gemerkt zu haben und zeigte sich sehr verwundert. Er neigte sich zum Junker und fragte mit sichtlicher Ehrfurcht und Augst zugleich: ״Was sagte mein Herr?“ ״Ich bitte vielmals entschuldigen zu wollen, mein Herrl", Wiederholte dieser mit gleicher Höflichkeit. . Die Verwunderung des Alten schien aber nur noch gestiegen zu sein und, gleich einem, der weder verstehen noch glauben kann, neigte er Kopf und Ohr dem Junker zu, um sich vom Ungewissen zu befreien. Auch jetzt blieb der Junker bei seiner Höflichkeit, nur daß er deutlicher wiederholte: ״Sehr bitte ich . Jetzt schien der Alte die Situation erfaßt zu haben und, gleich einem, der vor etwas zurückschrcckt, stieb er ein wenig nach hinten... Dieser junge, hochelegante Junker bat also um Entschuldigung, bei Ihm, einem alten Juden, de! noch dazu eine zweifache Wiederholung verschuldete... | Verwirrt blickte er um sich, da er die prüfenden, durch• 1 I dringenden Blicke des Beamten lind seiner Dame verspürte. 1 J ln diesem Moment glich er einem bei der Tat erwisch(«1 | Sünder... Nervöses Achselzucken und unruhige Handbe«• J gongen bezeugten seine Ratlosigkeit. Zuletzt drang ein ״P‘• j ähnlicher Hauch aus seinen verzerrten Lippen hervor... | All das war so eigenartig, daß cs unmöglich war, « ן Deutung dafür zu finden: sollte es Verwunderung, Reclitkifr j gtmg, Geringschätzung oder gar Gleichgültigkeit bedeuten’ j Vielleicht sogar alles zugleich, so daß jeder: der Bcamlf, J die Dame, der Junker und ich daraus entnehmen konnten, J was jedem am besten zusagte!... | Nun trat das Sonderbarste ein: der Alte wurde itnntff nervöser, immer unruhiger. Er glaubte, von Kopf bis Fd betrachtet zu werden... Besonders deutlich fiilille er jetzt seine Minderwertigkeit... Er suchte nach einer Rcltu« nach einem Versteck und konnte keines finden... All yl! fleckigen und geflickten Stellen an seiner Kleidung, die ih® soviel Schmerzen und Kummer bereiteten, sic alle, so schin es ihm, waren über ihn hcrgefallen, um gemeinsam sei״ Armut bloßzulcgcn... Es schien, als ob all die seelisch« Wunden und die Ehrenkränkungen, die hinter diesen Fleck« unu Eiickstcllcn verborgen waren, laut und verbittert מ schreien begonnen hätten: ״Ist es denn wirklich so sana«׳ bar, so unnatürlich, daß ein junger Junker einen allen Jud« um Entschuldigung bittet? Ist dieser Alte nicht würdig! W ein Weilchen geehrt zu werden? Gibt es keine Hoffnun; mehr, daß auch er einmal, gleich einem vollkommen« Menschen, einem Menschen ohne Flickstcilen empfinde• Aus seinen unruhigen, uinhcrirrcnden Augen starrte (« tiefes Leid hervor, er seihst aber schien geistesabwesend Andauernd bedeckte oder putzte er eine andere Fleck- 0f Flickstclie an seiner Kleidung... Es war deutlich, daß « 19 ganzen Körper die Schmerzen empfand, die ihm diese v«־ ursacht haben. Unaufhörlich belastete und rieb er sie, gk» einem mit Aussatz Behafteten, der dein Juckreiz cntgegt» wirkt... In der Absicht, sich Jetzt als ״vollgültiger“ Mw1״ zu zeigen, begann er, sieh um sein Acußeres zu benu״׳w; Er griff zu all den Maßnahmen, die ihm schon vorher beka«#• waren: nahm eine aufrechtere Haltung ein, machte den zurecht, faßte an den Hut, machte sich au dem Mantel 1 schaffen, wobei ein Fleck an der Hase zum Varschein Na׳״ stülpte dann schnell den einen Fuß über den anderen! ״״ so mit einemmal zwei Flickstcilen zu bedecken... ■, All das geschah sehr schnei!, fast gleichzeitig «nd, wim schien, ohne von jemand bemerkt worden zu sc,1n,“l Der Höhepunkt war erreicht, indem er ein ichmuM0 Taschentuch hervorholte und sieh auffällig laut räusperte.•« Alle blickten auf und wandten sich nun d”,s,r"! zu... Unter ihnen auch der höfliche Junker, der »ehr wirrt schien...* Der Bedauernswerte! Mit einem Schlag wollte er aB ״״ wieder gerade machen, wai so viele Jahre gtkr״®״ hatten•!יי t.