Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1934-07-20 · Heft 58 (20.7.1934) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 58 (20.7.1934)
Date
1934-07-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2651273-2653452-2653506--25511-2682653
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Kr, 58, 20, VII, verbinden. Dadurch soll die Minderheit ja den Staat eingegliedert werden, als Teil dieses Staates und nicht als ״Fremde“. Die Gkichsctzung von Min* derheitenrecht und Frcimlcnrecht bei Tatarin-Tarnheydcn scheint uns also irrtümlich. Im Minderheitenschutz schützt der Staat eine Sondergruppc seiner eigenen Angehörigen, aber keineswegs Stantsfrcnide. Hin Widerspruch scheint uns auch darin 711 liegen, dall die Juden zwar nicht als Deutsche im Volkssinn gelten dürfen, wie dies ja auch in allen bisher veröffentlichten Vcrfassungs- Vorschlägen ausdrücklich betont wird, dall aber zugleich von T.-T. gesagt wird, für die Juden könne ״ein Fremdenschutzrecht solange nicht ins Gewicht fallen, als sic n i c h t s c 1 b c r d c n A » s p r 11 c h a 11 f g c b e n, Deutsche zu sein.“ In der bisherigen Gesetzgebung wurde nicht danach gefragt, welchen Anspruch die Juden erheben und welchen sic ״aufgebcu“, und. wissenschaftlich gesehen, kann man wohl kaum gleichzeitig die These ver* treten, dall eine Gruppe staatsrechtlich als Sondergruppe zu behandeln sei, aber staatsrechtlich keine Sondergruppc sei, weil sie selbst es nicht wolle. Im übrigen enthalten wir uns eines Kommentars zu den Ausführungen Prof. Tatann-Tarnheydens, die wir in der Hauptsache darum Wiedergaben, weil wir cs für unsere Aufgabe halten, die jüdischen Leser darüber zu informieren, wie von der deutschen Staatswissenschaft die Stellung der Juden im Staat beurteilt wird. Daß sich die Angelegenheit noch im Stadium der Erörterung bcfindet, geht aus den Ausführungen T.-T.s hervor. Daß die Anschauungen von Gelehrten im übrigen für die wirkliche Gestaltung der Dinge nicht unbedingt als maßgebend angesehen werden müssen, haben wir schon erwähnt. Es ist für uns schmerzlich, daß ein Gc- Ichrtcr in einem wissenschaftlichen Werk sich die Charaktcristik des Judentums zueigen macht, die der Verfasscr gibt; und wenn er später von ״durchaus achtbaren Elementen“ unter uns spricht, so können wir das eher als Demütigung denn als Erleichterung empfinden. Aber cs darf uns nicht entgehen, daß auch in diesem Zusammenhänge zum Ausdruck gebracht wird, die Juden seien ״um so achtbarer, je stärker ihr Bekenntnis zum J u d e 111 u m ist.“ Dies ist das einzige Positive, was wir für uns aus dieser Lektüre bewahren können. Auch dort, wo man von unseren ״schädlichen Eigenschaften" als von einer unumstüfUichen Tatsache spricht, fühlt man, daß der Rcspekt verdient, der sieh zu seinem Judentum stellt. Darin liegt vielleicht schon eine Ahnung dessen, daß auch im Judentum Würde und Mannhaftigkeit, Gemeinschaftssinn und Opfermut vorhanden sind, und aufbauende Kräfte, die sich 7.u neuem Leben regen. ך״ץ* /־r A £ \ r1־ . / ך*״ ״׳“־׳־ * V .J V. Tcl-Awlw, 16. Juli. (J.T.A.) Der Tag der Beerdigung Blaliks wurde von der Judenbelt Palästina■* als n f * 1 יי ס n 1 e r Trauert«# bedangen. An «Sem Srtrßc de* DIclitcr** der in der Stadthalic von Tcl-Awlw aufgestellt worden war, ־zogen während des ganzen Vormittags, fünf Stunden lang, die Massen vorüber, die z»tm Teil von weil her gekommen waren, um von dem Toten Abschied zu nehmen. Von 2 Uhr nachmittags an ruhte in Tcl-Awlw das Gcscluiftsle >en vollständig, um .5 Uhr wurde der Straßenverkehr clngcstcl t. Während des Begräbnisses in der Zeit von 4 Ws 6 Uhr nachmittags, ruhte jede Arbeit im ganzen L a nd c. Die rituelle Becrdigsingszcremonic auf dem |-rlcdhof fand auf Wunsch der Witwe Bi.iliks in einfachster Form statt. Es wurden keinerlei Grabreden gehalten. Nur das ״Ei molc rachamhn“ wurde rezitiert. Die ganze Stadt war mit Trauerfahnen beflaggt. Alle nationalen Institut Innen Palästinas blieben am Tage des Begräbnisses Biahks geschlossen. Am Freitag, dem 13. Juli, waren dreißig Führer des palästinensischen Jisdiinv dem Dampfer ״Italla“, der Blaliks sterbliche Ueberrcstc nach Palästina brachte, entgegengefahren und haben ihn bei der Insel Zypern bestiegen, um dem toten Dichter das Geleit bis Palästina zu geben. D e ״ltalia“ hatte aui der Fahrt von Triest nach Tcl-Awiw d e Flagge auf Halbmast gehißt. Auf dem Kai von Jaffa war eine Abteilung jüdischer Pfadfinder als Ehrenwache für den Sarg, der mit einer schwarzumriinderten blau-weißen Flagge zugedeckt war, au (gestellt. Wahrend sich der Leichenzug, der mehrere Kilometer lang war, durch die Straßen von Tcl-Awiw bewegte, waren die Anschlagtafeln aller Theater, Kinos und Vergnügungsstätten schwarz verhüllt. Das Stadthaus und das Haus Bialiks trugen reichen Trauerschmuck. Warschau, 10. Juli. (J.T.A.) ln allen nationalen Institutionen Polens wurde zur Zeit der Beerdigung Biahks in Tcl-Awiw die Arbeit zum Zeichen der Trauer für eine Stunde eingestellt. In Warschau und in zahlreichen Provinzstädtcn fanden von der Kulturarganisatian Tarbuth einbcrufcne Traucrvcrsamnihmgcn statt. Die Oebäude der jüdischen Vereinigungen trugen Trauersclimuck. t,״~a M ן»«!י ׳;* Nachspiel zu antisemitischen Ausschreitungen Warschau, 17. Juli. (J.T.A.) Vor dem Warschauer Krcisgericht fand die Verhandlung gegen eine Reihe von Personen statt, die vor einiger Zeit an den Ausschreitungen der Nalimialradikalen in dem Warschauer Viertel Powonzck teilgenommcn haben. Sieben Nationalradikale, die im Zusammenhang mit der Ermordung des jüdischen Bürgers Jecheskei!) ג I m a 11 vcihaftct worden waren, wurden aus Mangel an Beweisen f r c i g c s p r o c h c n. I )agegen wurden die drei jüdischen Lastträger Sender Fricdhcndcr, Moses Lippe und Jacob Kriniband, die sich au der Abwehr der Angriffe beteiligt hatten, wegen ״Störung der öffentlichen Ordnung״ zu je sechs Wochen Gefängnis verurteilt. Die erste Wirkung lieber die erste Wirkung der Unglücksnachrlcht in Palästina erhalten wir nachstehenden brieflichen Bericht; Tcl-Awiw, 10. Juli Am Donnerstag, den 4. Juli 1034, brachten die Morgenbtätter die erschütternde Nachricht vom Tode Clwim Nachman Bialiks. Fs fehlen Worte, um den unermeßlichen Schmerz und die Erschütterung des jüdischen Jischuvv in dieser schweren Stunde zu schildern. Noch im Laufe des Mittwochs trafen aus Wien beruhigende Nachrichten über den Zustand Bialiks ein, und um Mitternacht kam der Schlag. Bialik war für den jüdisehen Jischuw nicht nur der große jüdisch« Dichter, der Träger der hebräischen Renaissance. Im Laufe der Jahre entstand ein warmes, menschliches, lebendiges Verhältnis zwisehen dem ringenden, arbeitenden und leidenden Jischtiw und Bialik. Trotz seiner überragenden Größe wurde er zur Ernanation uhd Verkörperung der neuen Volksseele. Seine ruhige, überlegene Vernunft hatte einen großen Einfluß auf die palästiiicnsische Volksgemeinschaft, und sein Platz als eine Führcrpcrsftnlichkeit wird wohl nie ausgefüllt werden können. Schon das äußere Bild des Jiscluiw׳, der Straßen in Land und Stadt, spiegelte diese Einstellung der jüdischen Gemein- Schaft zu Bialik wieder. Der ersten Bestürzung folgte der Wille, der tiefen Trauer auch einen äußerlichen Ausdruck zu verschaffen. Vor den Gebäuden der nationalen Institutionen in Jerusalem versammelte sieh eine Menge, um Einzelheiten über «len Tod Bialiks zu erfahren. Bei den Redaktionen trafen jeden Moment Anfragen von den kleinsten und entferntesten Siedhingen ein. Die Schulen wurden sofort geschlossen und die Schüler in Trauerversammlungen über die Bedeutung _ dieses Verlustes für die Volksgemeinschaft aufgeklärt. Alle nationalen Institutionen, der Wand Leuml, die Jewisli Agency u״(j .1!, Institutionen, der Arbeiter-Organisation wurden gcschloor,’ Die Wände üml die Plakatsäulen wurden mit schwarz umrand׳•’ teil Ankündigungen über den Tod Bialiks von dem \G,j Leuml, der Jcwldi Agency, der Stadtverwaltung Tcl-A\*!w Arbeiter-Organisation, dem Scliriflstcllervcrbamt und Dutzend anderer Institutionen bedeckt. Alle Konferenz1-׳ und Versammlungen, darunter die Jugendfeicr ״El Hak!«׳!״’״ Beil Schemen und die Lchrerkonfercnz, wurden verschoben'; Auf allen nationalen Institutionen, den Gebäuden der G heitcr-Orgauisatioii und der verschiedenen Verbände wunb« die Fahnen, auf Halbmast gesenkt, atisgehängt. Die stad* Verwaltung Tel-Awiws verordnet(-, daß alle Verg11u״un.j' lokale, Kuu-matographon, Theater und Kaffees am Donnmp- Abend geschlossen sein sollen und veranstaltete zwei gr09', T rauerversammliingcn. * Um 4 Uhr nachmittags wurde die Trauerfeier der natio I nalen Institutionen in Jerusalem im Gebäude der Jeu׳!;!, Agency veranstaltet. Bei der Feier, an der Vertreter des U׳!.!,( Leuini, der Jewisli Agency, der Universität, der Stadtverwa'. tung Tel-Aw iws, des Schriftsteilerverbamies, des Rahbinat! ׳ usw. teilnolitnrii, würdigte Schmarj,11111 Lewin dm verstorbene j Dichter lind Führer. Nach der Trauerfeier trat eine Sitrutn der Vertreter der Exekutive, (1er Jewish Agrncv, des \y4äj Lrumi, der Stadtverwaltung Tel-Awiws und der Vertreter d« l jüdischen Gemeinden zusammen, um die Begräbnisfeier vor.) zuhcrcitcn. Die Frage, wo Bialik beerdigt werden soll, di׳ anfangs diskutiert wurde, da man Jerusalem vorgesehh". 1 gen hat, ist durch das Testament Bialiks und durch die Tat. Sache entschieden worden, daß Bialik noch vor Jahren seine! Wunsch, in Tel-Awiw im Familiengrab hei gesetzt zu wn. den, ausgedriiekt hat. Es wurden praktische Schritte um«, nominell, um den literarischen Nachlaß Bialik? für das Volk zu erhalten. Die besondere Delegation dn I Jischtiw, die sich nach Triest begeben sollte, um den Rar? Bialiks nach Palästina zu begleiten, konnte dieses Vorhahn I nicht mehr ausführen und wird das Schiff in Larnaca auf! Cypcrii besteigen, um ihn nach Palästina zu bringen. Donnerstag Abend fanden im ganzen Lande große Trauer- Versammlungen statt. Durch die finsteren Straßen Tel-Awiw(, In denen alle Lokale geschlossen waren, wogten Meng« 1 von Tausenden, die in Trauer gebeugt sich zu den Vcrsimni• lungspfätzen begaben. Nicht nur die von der Bühne gc• sprachen cn Worte, sondern vor allem die schmcrzdurchtränktc Atmosphäre legte Zeugnis für die tiefe Erschütterung d« Jischitw ab. Es vergehen Tage, und trotzdem das Lehen seinen gc• j wohnten Gang geht, liegt auf ihm wie am ersten Tage der Schatten des erschütternden Ereignisses. Es gibt sich auch der Wille kund, den Namen Bialik! I durch konkrete Werke in seinem Geiste zu verewigen. E1| wurde beschlossen, ein großes hebräisches Kultur• werk auf den Namen Bialiks zu schaffen. Die neue Siedlung! der Einwanderung aus Deutschland im Emek Sebulon, in de 100 Häuser gebaut werden (auf dein Wege Haifa—Acco) und I im Laufe des Jahres beendet werden sollen, wird (wie sch״״! berichtet — A. d. R.) ״Kiriafh Bialik“ genannt werden. Es[ ist der erste Ring in einer Kette, die weiter fortgesetzt wrtj den soll. h. Der Wcltvcrband der Hebraisten (Brith fwriiis( Olamit) plant eine Volksausgabe sämtlicher Werk! Bialiks, sowie Ausgaben von Bialik-Wcrken ln fremd«i Sprachen. Der Verbind bereitet die Herstellung eines Metall-Traiierabzcichens, einer Bialik-Trauernwkc.l einer Postkartcnscric von Bialik-Ausgaben für Jugendlich J und eines Bialik-Wandbildnisses vor. All dies wird dem [ ״Sclinat lia-Ewcl“, dem vom Britli Iwrith Olamit prokli• niicrtcu Bialik-Trauerjahr einen Volkscharaklcr geben. SchlieBj lieh wird ein Keren Tarbuth (hebräischer Kulturfonds) den Namen Bialiks geschaffen. (Siche auch Seite 4) in S! ei (l P at f« dt tu m H si D m P tc P tu li< A H * י» '171 is m In schon WCgUI noch Tager halten am 2f erster Tages zu gel seinen für d׳ möcht daß e )tigern hat, t Er w, Vorne und si trauen in ihn jugtnt aus ni In'ndui mit RS tierti. gipfelt ״ so lästina an der Jahre Lieh *fandst Schulm »orte | kürzen, aus ei! Er! sönlichl «m im Stoßer | Tischah b'aw im ״Städtel* | Von M. K a t z | | Zum Abschluß der Mahlzeit vor dem großen Fasttage!1 mc׳n Vater eine mit Asche bestreute Brezel, ־zog die [1 Stiefel ans, den Gürtel fester an und nahm mich an die ij , ml• ״Komin mit“! sagte er finster. Stumm verließen wir p| die Stühe. Auf Sorkcn schritten wir durch die Gassen. Die :! k״!,l"e verabschiedete sh 11 purpurrot. ״Jetzt brät man die J Bosen in der Hölle“, sagte mein Vater und drückte fester || meine Hand in der seinen. ,1 ln den_ Arheitskleidcrn, auf Socken oder Oummischiilicn, Ij *ehritten die Juden ins ik'thaus. Meine Taschen waren mit 1 jsfvl״ und unreifen I'flinunen gefüllt. Außerdem schleppte | ich noch einen Distelktumpen in der Größe eines Menschen• ן k״pfes mit ins Bethaus. Au diesem Abend war es den ן Jungen gestattet, sich über die Alten ,,lustig“ zu machen, J indem diese durch Bewerfen mit Disteln gepeinigt wurden. ן Ich war kaum 6 Jahre alt. Obwohl icli die historische | Bedeutung des Tages ״ risch’a b'aw“, die Zerstörung des ן t ciiipels, kannte, konnte ich meine innere Freude nicht unter- ן drucken, mich in Gegenwart des Vaters einmal austoben zu ן dürfen. | Im Bctiians sah es wüst aus; ich hatte den Eindruck, als I l-VT 1'}nn 7i,w* 1,icr gewesen .,, ,Der Thora-Schrciti war I kaiu. Der mit Löwen mul Davidsferneii goldgestickte Vorhang s 'ar weg. Die hängemlcn Petroleumlampen brannten nicht. | iisrhc und Bänke waren medergeworfen. Der Boden war l'i "T1« ausgekelirt. Trauer beschlich mein Herz. Ich malte f| m!r .aUs<, '\־ic cs vor tausenden Jahren in Jerusalem aus- ן gesellen haben mußte ... Mir wurde eng im Halse I ,1;״ brennenden Talgkcr/en in den Händen ließen sich I ׳■׳!״,״" , a״f dem Boden nieder und lehnten sich an die 1 h!, Kc,״dc״ Bank- und Tischplatten. Ein alter, silbriggrauer I ״״ו . m 5Tf1 andcrc •nit Talgkcr/en von beiden Seiten I!,,,, ,ctcP• RC"lug mit. zittenuien Händen ein dickes Buch 1 iuL una begann, das ,.Eicha“, das Klagelied, weinend zu lesen. ן e monotone Melodie bedrückte mich so sehr, daß meine | Augen sich unwillkürlich füllten. I \v,־’.״Sic ,V־״int dM. bfäehfs, daß Ihr die Tränen «her die I u״ *ff״' r* lst., niemand unter allen ihren Liebenden, < ihre "pC r!ostc ‘ A f 1 lrc kfcuncte haben sie verraten, sind ״1 ןre 1 emde geworden ...“ ihn ln5״,e> Hw meine Bedrücktheit nachließ, so mein erc1»Ul^j 1',bcfKcl1e" konnte. Als Zielscheibe für größh-ir״'* B0?,^rdcn’cn1 wahltc ׳ch Hirsch Abc, einen alten, wimnernRh? ^ud״' desti.cn Augenbrauen weit über die I imd Pstirn hS״lli'"®0"״ be״< Ocskht bestand nur aus Nase I EcLff « 11 .! ״t*11? mit Haaren überwuchert. Im nu 4 g ang es mir, eine Tasche voll Disteln in diesen Haarwald zu schleudern. Die grollen, violcttfarbigcn Disteln umkränzten Hirsch Ahes Nase. ITicst s Bild ergötzte mich dermaßen, daß ich mich vor Lachen wälzte. Hirsch Abc jedoch schaukelte unermüdlich weiter. Tränen rannen aus seinen alten Augen. Dürfte er vom Buche wcgschaiicn, so hätte er mir wahr* schcinlich zugewinkt, daß ich ihn mit mehr Disteln bewerfen sollte. Diese kleine Anzahl peinigte ihn sicherlich wenig, ich zielte deshalb mit den großen, nadelscharfen Disteln mit seine Nase. 11 Irsch Ahe zitterte zwar auf, wenn so eine Kugel an seine Nasenspitze geflogen kam, dafür aber betete er intensiver, seufzte er tiefer und weinte bitterer. Da die Erwachsenen in den Biiehcrn vertieft waren und wir nach Herzenslust tun und treiben konnten, was wir wollten, entbrannte unter uns Jungen ein Bombardement mit Disteln und unreifen Pflaumen, Auf Simclic llonigmanns Bart setzte sich eine Distel genau an der Stelle fest, wo (Ile Haare seines wuchernde» Bartes und Schnurrbartes, die den Mund völlig zudeekten, zusmnmcntrafcu. Minutenlang plagte cr sich ah, bis er den verschlossenen Mund wieder aufmachen konnte. Kaum gelang ihm das, als eine Reihe anderer Disteln an dieselbe Stelle geflogen kamen. Siniche entfernte sic mechanisch, immerzu betend und weinend. Sein rhythmisches Wiegen unterbrach von Zeit zu Zeit, wenn eine harte Pflaume an seine Nase schnellte. Mit gebrochenem Herzen mußte ich dieselben Leiden bei meinem Vater feststelleu. Auch sein Bart war voll Disteln. Ich tröstete mich und war glücklich darüber, daß sein Bart nicht so groß war wie andere. Ohne ihn schützen zu können, mußte ich dem Treiben meiner Freunde zuschcn. Ich merkte mir aber genau die Jungen, die cs besonders auf meinen Vater abgesehen hatten und rächte mich an ihren Vätern. Bald waren alle Bärte und Pcics mit Disteln belegt. Nur die Pflaumen, die absprangen und davonkoilerten, suchten wir wieder zusammen, um sie von neuem zu verwenden. Seufzend und traurig sang der Greis das Klagelied: ״Alle, die vorübergehen, schlagen die Hände zusammen zischen dich an und schütteln den Kopf über die Tochter Jerusalem: Ist das die Stadt, von der man sagt, sic sei der Schönheit Krone, die Wonne der ganzen Frdc? Alle deine Feinde reißen den Mund auf wider dich, knirschen mit den Zähnen und sprechen: He, wir haben sie vertilgt; das ist der Tag, den wir begehrt 11abrn ...“ Tief beugten sich die Häupter der Alten. Ihre Tränen verloren sich Im seidigen Haargestrüpp ihrer Bärte und benäßten die Disteln wie Tau das Kraut in den Gärten. Alte Juden weinten. Uncndlieh war ihr Klagelied: ״Gedenke, Gott, wie es uns geht schau, sich an unsere Schmach! ..." ' Wir ermüdeten. Manche Jungen schliefen ein ... Das Klagelied der Alten aber steigerte sich um so stärker. Kein Lied ging ihnen so ans Herz, wie dieses Klagelied, das ihnen immer wieder neu, auch auf die gegenwärtige' Zeit passend war ... Trostlosigkeit bedrückte ihre Herzen. Die klagenden Worte ließen sie ihr Dasein, ihr schweres, sorgwvolles Leben noch deutlicher fühlen ... Die Kcrzenßamm«j zitterten vom Hauche der Seufzer, die sich bei letzten Kapitel steigerten: ״Man ♦reibt uns, sitzt uns im Nacken, und wem wir müde sind, läßt man uns doch keine Ruhe ..." I Tonlos, wie die letzten Worte eines Sterbenden, verklärte das Lied. Viele Minuten verstrichen, bis sich jemand zu rühr« wagte. Nach und nach erhoben sie sich vom Boden und mit gekrümmtem Rücken verließen sie das ״demolierte“ und *j Dunkelheit gdiülitc Bethaus. Still una finster war cs draußen. Wie Gespenster schritt«] die Juden auf Socken in ihre Hutten. Als wir die Stube b<-1 traten, saßen alle auf dem Boden und weinten. Der Vater |j holte einen Foliant aus dem Bücherschrank und las uns di«. Geschichte von Kamza und Barkam?,ו vor. Behutsam entfernte er die Disteln vom Barte, um keine Haare mitzureißen. Bri' der monoton klingenden Erzählung und der schwachen B<׳ leuchtung schlief-ich ein. ... Die Klagemauer Von Scholem AJejchem ״Also, erzählen Sie mir'g doch bitte mal ganz genau. S* haben also tatsächlich selber mit Ihren eigenen Augen d!e Klagcinnucr gesehen? Wirklich und wahrhaftig? Haben S! sic auch genau gesehen? Erzählen Sie mir doch alles a״’ führlich, wie und wo und wann? . . 1 So sprach unser Lehrer zu einem Juden, der eben ״ttj aus dem Heiligen Lande, aus Jerusalem, gekommen war. ij ״Also sagen Sic mir, ich bitte Sie, beschreiben 51«, mir genau, wie und wo und was und wann? . . .“ .» Der Jude aus Jerusalem schilderte ihm genau, wie f wo und was und wann, und unser Lehrer verschlang jed״ s Wort, das Herz ging ihm auf, als bekäme cr einen CiruB י von einem lieben Menschen in weiter Feme ausgcrichid-' Er liinpf so gebannt an den Lippen des Jerusalem^׳ P״* gers, er hatte soviel zu fragen, daß er gar nicht merkt«, w'c wir Schulerbandc einer nach dem anderen versfohl«1 hinterm Tisch hcrvorrutschtcn und aus der Sehulstube ver; schwanden, um draußen mal schnell ein bißchen aut de« Ets 7M Semmeln. Als wir wieder hcreinkamen, saßen beide noch im Gespräch vertieft. ^^Kemauer״, sagte unser Lehrer zu dem lerusak־ mer Pilger, ״die Klagemauer! Das ist uns geblieben v<tf unserem ganzen Heiligtum! Von unserem ganzen Reiche! Vo« “״»״** ]״ Herrlichkeit! Die Klagemauerl Die KUg־־ Und er brach in Weinen aus. (Deutsch von A. Suhll

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.