Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 57 (17.7.1934)
- Date
- 1934-07-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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!Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 57, 17, VII. 1934 @ Nr. 37, Von Ucbcr D o 1׳ u ii t r a u 8 s W c i g e r t, Td-Awiw I 1111:1• Zeit glaubte mau, daß das Gefühlsleben des Kindes nicht sehr stark und tief sei. Ans der leichten Ahlenk• barkeit und dem schnellen Wechsel seiner Empfindungen meinte man auch auf «herfliichliche Bceimlruckharkeit scliliclicn zu dürfen. Sorgfältige Beobachtungen der neueren l’r ■eliologie liahen das Gegenteil bewiesen, l iehe und Hall, 11 ale and Schmer/, Neid und Eifersucht werden vom Kind mii gleicher oder gar größerer Intensität und Nachhaltigkeit empfunden als vom Erwachsenen. So hat sieh auch die Annahme mancher Eltern, dall ihre Kinder von der Auswanderung seelisch nicht besonders tief berührt werden würden, nicht als richtig erwiesen. Es hat sich sogar gezeigt, daß manche E n t vv i c k I u n g s s t ö r u n gen intellektueller und sozialer Art (l.ernhcmnnmgen, erhöhte Aggressionen und Aeugstc) auf die Tatsache der Emigration zunickzutiihrcn waren. Die Intensität der Eindrücke und ihre Auswirkung ist heim Kind — wie heim Erwachsenen — ittdividuell verschieden. Ins liegt heute daran, von Kindern zu .sprechen, die verschiedene Arten von Schwierigkeiten bei der Eingewöhnung haben, und wir wollen auf Aiisdrueksforsiten dieser Schwierigkeifen hinweisen, die oft wie Unarten in Erschaitung treten. Worin liegen nun die b c s o 11 d c r c n Schwierigk eiten, die sich für die Kinder bei der Auswanderung und bei der Eingewöhnung in neue Verhältnisse, insbesondere für Palästina, ergeben können? Je jünger das Kind, um so leichter ist seine Eingcwöhnung, vorausgesetzt, daß seine Eltern auch in Palästina in seiner Umgehung bleiben. Je älter das Kind, um so stärker seine Verknüpfung mit Sprache, Sitte und Menschen und tun so einschneidender die Trennung von der bisherigen Umwelt. Bleibe» die Eltern zurück, so bedarf das Kind großer Ersatzbefrtcdigmigen, um diesen doppelten Tremimtgssclimerz. nicht in Abwehr gegen Land, Menschen und Sprache mu/uset/en. Alle Kinder, die nicht hebräisch s p r c c heu, befinden sieh sowohl im Kindergarten wie in der Schule zunächst in einer grollen Isolierung. Sie verstehen die Sprache ihrer Umgebung nicht, und sic selbst werden von ihr nicht vir- Stauden. Um zu ermessen, was das für ein Kind bedeutet, muß man wissen, welche Rolle die Sprache im Leben des Kindes einnimint. Sie ist ein Hilfsmittel zur Befriedigung seiner wesentliebsten Bedürfnisse, dem Bedürfnis nach Liebe und dem nach Spiel. Schon die ersten Laute des Säuglings bedeuten Zärtlichkeit und Werben um die Liehe der Mutter. Später dient die Sprache seinem Verlangen nach Anschluß und Mitteilung au Kameraden. In den frühen Lebensjahren, in denen das Kind sieh allmächtig fühlt und glaubt, alles erreichen zu können, 1 was es will, meint es auch mit der Sprache beginnen zu j können, was es will. Worte sind ihm gleich Taten, alles scheint I ihm als wahr, wenn cs nur ausgesprochen ist. Wird das Kind älter, so lernt es auch allerhand Heimlichkeiten (verbotene | Ausdrücke gebrauchen) mit der Sprache treiben, wie überhaupt! das Sprechen die Vertretung anders verdrängter Impulse über-! nimmt. Merkwürdige Bezeichnungen für Erwachsene, Wort- > nitstellmificn, Wortblödeleicii, Wortschöpfungen beweisen, daß j das Sprechen heim Kind noch ein klarer Ausdruck seiner Oe-; mütsbcwcgimgen ist, während es für den Erwachsenen schon , eher 7.« einem Mittel zur Verhüllung seiner Empfindungen | degradiert ist. Was ergibt sich daraus für das neu cingcwamlcrtc Kind 1 in Palästina, das seinen Tag ganz, oder größtenteils in; hebräisch sprechender Umgehung lebt? Zunächst einmal, daß ü die Sprache ihm nicht wie bisher die Erleichterung ge- I währen kann, seine Gefühlsregungen abzurcagieren, die gerade in der Steigerung der ersten Zeit nach der Einwanderung;! jedes Ventils benötigen,! Im Kindergarten sitzt es bedrückt und oft gelang-; weilt. Wie soll cs Interesse für die Kameraden zeigen und um : ihre Freundschaft werben, wenn cs sich nicht verständlich I machen kann? Wie ist es möglich, sich mit ihnen verbunden י zu fühlen in der Liehe zur Kindergärtnerin, wenn die ge-; mcinsamc Unterhaltung nicht zustande kommt? Was bleibt | ihm anderes übrig, als den Weg der internationalen Verstäncti- } gmig zu gehen und die Kinder zu schlagen und zu boxen, | wenn es den zu Hause entstandenen Aergcr nicht durch | Schelten und Zanken mit den Kindern, d. 11. sprachlich, los I werden kann? I Audi manche Spiele, die gespielt und die Geschichten, die ן vorgclcsen werden, sind ihm unverständlich. Die Möglich- I keit der anderen Zuhörer, das Schicksal des Helden als ן eigenes Erleben zu genießen und durch dessen Sieg eigenen | Trost und Ermutigung zu finden, bleibt ihm versagt. So stört | er die anderen aus Opposition und Langeweile und wird von j ihnen in gebührender Weise als Störenfried behandelt. Oft I ist cs keine leichte Aufgabe der Mutter, das Kind zum Besuch ן des Kindergartens zu bew egen, | Und wie ist es in der Schule? Der Lehrstoff, der dem Kind I ein Ersatz für aufgegebenes Spiel sein soll, ist ihm nicht zu- | gänglich. Die Klassengemeinsehaft verlangt vom Einzelnen ן Mut und Kraft oder andere für sic nützliche Eigenschaften. Ein nicht der Sprache müclitige.s Kind wird meist als 11111510% dumm oder son-t ungeeignet angesehen,!;» Ist ein will• kommenes Objekt für die l truppe der Kinder, die ihr größtes Vergnügen im Quälen anderer haben. , Das muß nicht einmal als Zeichen eines schlechten Gharakters gedeutet werden. Kinder üben gern selbst gegen andere das aus, was sie seihst einmal zu erleiden fürchten. Sollten sie unbewußt Angst haben, auch einmal das ewige Juden- Schicksal erleide» zu müssen? Der kleine Immigrant ist natürlich auch seinerseits leicht geneigt, überall Hali und Eeindschnft zu wittern und: anfang* lieh die Kameraden, die er nicht versteht, als feindlich GC- Simm■ n(!zuschcn. Er wird ängstlich und versucht, diese Angst durch ein amnallcii'des Wesen zu verbergen, ho ist das Verhalten der alten und neue״ Schüler dem Gemeinschaft^- geist von Kindern und Schule oft nicht gerade förderlich. Zur Würdigung der vollen Schwierigkeiten des Neu- Ankömmlings muh noch berücksichtigt werden, daß der Orient an sich in seiner verwirrenden Fülle von Eicht 1111a Farben, seinem subtropischen Klima, seiner in Kleidung und Gehaben völlig andersartige», gemischtrassigen Bevölkerung (Jemeniten, Kurilen, Perser, Araber, Neger) die größten Anlordcrimgeu au die Anpassungsfähigkeit stellt. Ein empfindsames Kind, das hei der ersten Begegnung mit dem Orient wild gestikulierende Neger sah, glaubte, der ״schwarze Mann“, mit dem man ihm so oft gedroht habe, sei nun wirklich gekommen, um es in den Sack zu stecken. Es hatte Angst, nachher allein auf der Straße zu spielen, und fürchtete wohl, dall mm mich andere Drohungen der Erwach* senen Realität werden konnten. Eine Erleichterung bestellt für Kinder, deren Eltern Zionfsten sind, die schon Kontakt mit dem Lande haben und mit hebräischen Sprachkemitiiissen lierkommen. Das Gcfühl der Zugehörigkeit zum jüdischen Volke wird ihnen das Gefühl der Isolierung ersparen können. Nicht/ionlstisclie Eltern, die ihre Kinder hierher bringen wollen, worden nichts unversucht lassen dürfen, um sie schon vorher in Sprache und Kultur des Landes cin/ufiiliren. Die sich im Lande oft einstellenden Erzichuiigsschwicrigkciteu sollen als vorübergelicndes Zeichen innerer Anpnssimgsseliwicrigkcitcn init Geduld und Nachsicht nufgenommen werden. Aus alldem ergi ht sich für die Pädagogen P a I ä s 11 * nas die Aufgabe, die Assimiiicrting der /!!gewanderten Kinder nicht als ein Problem nnztisehcu, das von der Zeit selbsttätig gelöst werden kann. Es wird zu überlegen sein, ob deutsch sprechende Lehrer in den Stunden für deutsche Schüler eine kurze Zusammenfassung geben können (an cinigen Schulen geschieht dies bereits). Die Eltern sollten den Kindern nachmittags hebräischen Unterricht geben lassen, soweit die Schule selbst nicht die Initiative zu derartigen Kursen ergreift. (Eine zwar fang geplante, aber noch immer nicht durchgeführte Aufgabe der Hitacluluili Olej Germania). Eine schnellere organische Eingliederung kann vielleicht auch dadurch erreicht werden, daß die Kinder der Olim in Gruppen zusammengefafU werden und einen Unterricht erhalten, der speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. Eine solche Schule für Kinder aus Dcutschfan d, die deren Eintritt in eine palästinensische Schule vorberciten soll, ist in Tcl-Awiw eröffnet worden. Erfahrungen hinsichtlich der Eingliederung der Kinder haben insbesondere diejenigen Stellen, die bereits Kinder aus Deutschland aufgenommen haben. In dem Kinderdorf Ben- Schemen z. B, hat man anfänglich diese Kinder sogleich in hebräisch sprechende Gruppen aufgctcilt, während mau später zur Bildung von Vorbcreitimgsgrnppen übergegangen ist. Nach den bisherigen Erfahrungen, glaubt man, daß eine getrennte Vorbereitung von 2—3 Monaten wohl der bessere Weg ist. Allerdings wird in Ijen-Sclierneu außerhalb des Schulunterrichts den Kindern die Möglichkeit gegeben, die Vorteile einer hebräischen Umgebung zu genießen. Vielleicht dürfte es trotz der kurzen Zeit im Intercss der noch bevorstehenden Kiiuler-Alijah ratsam erscheinen, die bishörigen Erfahrungen auf einer gemeinsamen päd agogischen Konferenz auszutauschen und neue Riehtlinien aufzustcllcn. Wichtig ist es vor allen Dingen auch, daß Lehrer, Kindergärtnerinnen und Eltern ihren Einfluß auf die Kinder des ״alten Jischmv" geltend machen. Sic müssen den Kindern die großen Schwierigkeiten der Neuankömmlinge schildern und an ihre Kameradschaft und Hilfsbereitschaft appellieren. Die Kinder müssen verstehen lernen, daß das Land alle neuen Kräfte braucht und daß ihre Hilfe bei der Eingllcderung heißt: Mitarbeiten am Aufbau dea Landes. Am Gare de Lyon (Von unserem Berichterstatter.) F. G. Paris, 12. 7. 34. Während!111 Herzen von Paris den Mauen Binliks weit,, volle und zu Herzen gehende Ahschirdsworte gewidmet *Ur' den, war der Gare de Lyon der Schauplatz eines IcbemID״) Stück Judentums: eine Alijali des Heehaltiz, der vier j«״,,; Paare und zwei einzelne junge Männer, die in Frankrc‘“ ihre Ausbildung genossen haben, auf den Weg nach Ercz. brachte Um Mi sr«! Es war der Tag, an dem die französischen Schulen m die Ferien gingen. Eine unübersehbare Fülle von Nci-scnd״•׳ strömte nach dem Gare de Lyon und den verschiedenem AK fnhrtpcrions, und nicht weniger als drei Züge gingen in AK ständen von wenigen Minuten nach Marseiile. <;|1incst״ Japaner, Türken, Anamifeii, Araber drängten durcheinander und beide Seiten eines Bahnsteigs nahmen zwei Zuge nvli Marseille ein. Der Perron von einer imlicimlicl! großen schcnnicnge besetzt. Vor dem eine״ Abteil, in dem unsere jungen Freunde na eh dem Hafen reisten, alle die Chawerim und Chaweroth, die Ziit hatten, um ihren Kameraden das Ahschicdsgelcit zu geben und ihnen die Lieder ihrer Kameradschüft zu singen. Und plötzlich weitet sieh der Kreis. $!, reichen sich die Hände und tanzen auf dem Bahnhof, rmßa,' in einer ungeheuren Menschenmenge, die Horra. Alks macht ehrfürchtig Platz. Jeder hat das Gefühl, daß hier etwas yt, spriingliches, Volkstümliches, l.cidensch.iftlichcs und Begeistern, des vor sich geht, und plötzlich ist der ganze Bahnsteig, att) dem vorher ein ungeheures Stimmengewirr laut war, gjn1 ruhig. Und sie tanzen weiter die I lorra, und die Gepäckträger gehen leise in einem großen Bogen um den Kreis herum, und man merkt es den Anwesenden an: auch sie werden von der Weise und dem Reigen innerlich ergriffen und neigen sich vor so viel Liebe und Begeisterung, Dann noch ein letztes Winken und Rufen, ein allerletzt« Schalom flattert noch hinüber und herüber, und dann ent• schwinden sie unseren Augen, um in Marseille die ״Mariett׳ Pactia“ zu besteigen und am nächsten Donnerstag in Haiti zu landen. Das erste Erlebnis Vor acht Tagen war der Sohn meines entfernten Vetters C bei uns draußen. Er wollte sich verabschieden, ich |19דיי ihm, ehe er in die neue Heimat geht, noch die alten Familien• bilder gezeigt, angefangen von seinem Ururgroßvater, dann noch drei Generationen rückwärts. Er schaut sie sich an, sie interessieren ihn, gewiß, aber mehr noch interessiert ihn, ob er sein Zertifikat wohl bald bekommt. Er ist ״dran'1 und er hat die begreifliche Unruhe, die jeder Mensch hat, der innerlich mit dem alten Leben bereits abgeschlossen hat und nun darauf brennt, ein neues so schnell wie möglich anzufangen, um über den ״loten Punkt“ hiuwcgzukonimcn, Da kommt vorgestern eine Karte aus Triest, er ist schon unterwegs, es kam alles so sc Im dl, er hatte nicht mal mehr Zeit zu telephonieren, er reist mit einer Schar anderer jungen Leute, cs Ist sehr nett, die neue Umgebung die fremden Länder, alles hat auf den Achtzehnjährigen seine Anziehungskraft. Aber heute kommt ein kurzer Brief, stolz und feierlich von Bord der ״italia“ er enthält mir die paar Worte: ״Ich 11 a b c zwei Stunden die Toten wacht an dem Sarge von Bialik geh alte n.“ Bialik wird nach Palästina überführt, und der große tote Dichter spricht einem Seher gleich zu der Jugend, die bereit' ist, sich eine neue Zukunft zu bauen: ״Enthüllt das Licht! Aus dem. Dunkel schlagen wir lohende Glut, Aus Fclscnspaitcn funkelnd Gestein. Aut seines Wesens Grunde Noch strahlt dem Volk sein göttliches Gut. Sammelt Euch zum Werke, Enthüllet verschüttete Fluten Dr. T. Soeber ,, Mattes d« jfe״ per 1 * |t; die sirund f?» ״erii hts. r In cm 4 Oberste P - Wi; sefi, Md F urspraC den Ve: ringet! Währ« teige1**:■״״ ־' geriet'‘ lang «'״** »mies >ur In der J'.:• > putl:hl«ß!u1 111 im mg״' . jostiiminisü ])er A ,chm kich ]11« N Volk wiede BfgnÜ׳־■ » yhJll'U״־ di» Br Mtnwhm Sotvrcndigk Art. die U lution u p »lio n ju m a c h 1 den Kräfte kor|*r B*1 ״!,.;hallen G׳mrin«־h» im h in de Malt, fHo wtgung m anderen un tigkeit eint so muß » die Tat un Ein P Linie wrlä Beil rfliungi Der / grgfii die l Aushluß Wenn billigt, so Ah.irhl, so und der Seinen gut bekunde(, staatlicher; ntiigliecBch Ei st urtd in de NSDAP. י national.««! Vor.1us.wl11 erfüllen ka Die d Würdigung Lichts!“ Simon (Wannsee). Irene Harand, die Führer!» der gegen den Antisemitis* 11111s gerichteten christlichen Bewegung in Oesterreich, veröffcntlicht einen Brief, den sie zur Frage der jüdischen Ein- Wanderung n a c h P a I ii s t i n a an die englische Reglerung zu Händen des Premierministers gerichtet hat. Darin wird in warmen Worten die Leistung der Juden in Palästina geschildert, das furchtbare Los des jüdischen Volkes dargestellt und an die englische Regierung appelliert, Palä* stina für eine größere jüdische Einwanderung zu öffnen. Der Vcrwaltunßsübcrschufj der Palästina'Regierung Der Vcrwaltunßsübcrschuß der Palästina-Regierung betrug Ende Mai nach amtlichen Angaben 2820062 Pfund. In den Monaten April und Mal wurde ein Uchcrschuß von 309130 Pfund erzielt. Der Geldumlauf in Palästina betrug am S. Juli 4 209 664 Pfund. Im englischen Unterhaus fragte an! 12. Juli der Abgeordnete Barnett Jänner den Minister für die Kolonien, wie hoch der Venvaltungsllbcrschuß der Palästina-Regierung •m 30. April!934 und am Schluß des Finanzjahres am 31. Mär» gewesen sei. Der Kolonienminister antwortete: ״Der Gesamt- Uberschuß Palästinas am 30. April 1934 betrug 2 634 460 Pfund, der Ueberschuß am 31. März 1934 2 510 932 Pfund.“ Der siebzigjährigen Ricarda Huch Nie vergesse ich die Nacht-des Wolfskchl-Festes im Englisdicn Garten in München. Es war kurz, vor dem Ausbruch [ des Weltkrieges — und dm» Rückblickend(.*» schien es später j oft, als habe alle sorglose Ingcudhist mit diesem Abend ihr I Ahscliieilsfest gefeiert. Wöliflin war dabei, der schweigsame j Schweizer; und Ricarda Huch, die Dichterin. Ihr galt die j Frone des Abends; und als die Lust am höchsten stieg, da um- | jungte plötzlich eine kleine Schar von jungen Leuten, Kunst- ן lern und Studenten, die schlanke Frau mit dem strengen, j leidenschaftlichen Gesicht und trug sie im Triumph auf den I Schultern durch den geschmückten Saal — so huldigte die | Jugend der Dichterin. j Damals sahen wir vor allem die Dichterin in ihr, die uns Iden schwermütigen l.ndolt Ursleu und die träumende Dich- 1 fuiig Vita Somnium breve geschenkt hatte. Und doch hatte I schon längst ihr heilt klassisches Buch über die deutsche Romantik gezeigt, wie die Forscherin Ricarda Fluch vergan- : 2dt lebendig und bhitsnnhc zu gestalten wußte. Seitdem ן ist ihre reiche, streng gezügelte Begabung andere Wege gegangen. Es ist eine Wandlung in ihrem Lebe», die uns Eist an m Entwicklung unseres große» jüdischen Dichters Chajim Nnehniaii Bialik, von der in diese» Tage» so viel die Rede war, erinnert: es kommt ein Wendepunkt im Leben beider, <1a legen sie die Harfe beiseite und wenden sich zu den ) xiiatzen der ycrgaiigeugeit ihres Volkes — beide von der i grollen Absicht beseelt, die verschütteten Brunnen wieder aufl 1Cn" e114stcJ1cn ihre großen historischen Bilder aus | deutscher Vergangenheit: das dreibändige Werk ״Der große 1 Fri' g in Deutschland“, Bücher über Wallenstein und den Frei- I ,״»ץ Stein, in neuerer Zeit die alten und neuen Götter >.,.!1 ■'1C,1RL’l^,3P״ Städtebilder. Es liegt in dieser lebens- 1 ז.. MuchUichcn Wendung, die ja ■— wieder ähnlich wie bei auf die Anfänge ihrer Jugendarbeit ztiriickgrciftj Bialik 1 etwas iiicnschiirh׳ ״!״;Entpersönlichung״, die sic einmal als Ziel rihl di. m Streben» bezeichnet - leidcnschaitliche Hinmd wlrt~*ellcbcns,au?,der ״Kruste erstarrter Individualität« und ״Wiederjungwerden“ int Leben der Gemeinschaft Wir Juden haben besonderen Anlaß, dieser bedeutendsten Gestalt unter den Frauen unserer Zeit zu gedenken und ihr zu danken: zu danken — dort wo sie unsere Leistung für die Menschheit würdigt und nicht weniger dort, wo sie uns fremd wird. Ricarda Huch selbst hat früh und spät bekannt, welche ewigen Güter sie der Heiligen Schrift schuldet. Schon itt ihren frühen Gedichten zieht es sie zu den biblischen Gestaltcn; Jephta und seine Tochter, der Volkshcld Simson, Salomos Lebensverzieht und besonders das Schicksal des verfinsterten Königs Saul leben in ihren Versen wieder auf. Später hat sie dann in einem eigenen Buche den ״Sinn der Heiligen Schrift“ zu ergründen versucht. Denn sie will den Andern zeigen, was sic selbst in einem stürmereichen Leben tief erschaute, ״daß die Bibel uns nicht fern liegt als ein Buch voll alter orientalischer Mythen und Geschichten, sondern daß sic heute und immer auf alle Menschen .™gewendet werden soll". In diesem Ruche findet sie ergreifende Worte für das Wesen der Proplieien wie für die Eigenart des israelitischen Volkes selbst. ״Wegen des Gehörs,■1111s und des Ungehorsams zusammen erwählte Gott sich das Volk Israel. Die entgegengesetzten Kräfte des Selbstwolleus und des Siclihingebens an Gott in einem Einzelnen oder in einem Volke machen den Auscrwähitcn oder das miscrwälüte Volk". ,..״Das Volk Israel dagegen war jung, und Gott ging vor ihnen her in einer Wolke bei Tage mul im Feuer bei Nacht. Bedenkt man, was für gewaltige Reiche es im Orient gegeben bat, so erstaunt man, wie sie spurlos verschwanden, und wie das kleine Volk Israel unsterblich lebendig ist, durch das Wort, das in ihnen Fleisch ward.“ (Der Sinn der Heiligen Schrift. 1919. S. 22.) ׳ Und doch bezeichnet dieselbe Ricarda Huch an einer anderen Stelle diese Unsterblichkeit Israels als den ״Fluch des Nichtsterbenkönnens״, weil sic mit der Entstehung des Christentums die welthistorische Aufgahc der Juden erfüllt glaubt. Von dem ״erstarrten Volk“ spricht sic, das als Volk nicht mehr bestehen könne. — Als — es war vor einer Reihe von Jahren — ein Freund sie brieflich auf die Heldcngcstalten der vertriebenen Juden, auf Maimonides, Icfnida Halevi, Spinoza hinwics und ihr auch endlich Von der Wiederauf J erstcliung des jüdischen Volkes in unseren Tagen, vom Zio■ nismus erzählte, da antwortete sie freimütig und bescheiden: von alledem wisse sic nichts. Das war vor einer Reihe von Jahren — ob die Geschichtsforschern! Ricarda Huch untef• dessen diese Lücke in ihrer Erkenntnis der Vergangenheit und Gegenwart der Juden ausgefüllt hat? Und doch zeigt uns die Seherin Ricarda Huch auch hier noch ״was wir sollen“. Von den Worten des Propheten Je• chcskel ausgehend will auch sie ״ein neues Herz und eine״ neuen Geist“ in uns erwecken. ״Aber diese Verjüngung ein« Volkes sieht sie in ihrem tiefsinnigen kleinen Buche ״Deutsche Tradition“ nicht in dem ״Ersetzen des Alten durch ein An׳ deres“, sondern in dem ״Verjüngen von etwas Bleibendem“. ״ln der Bibel, die gewiß ein Buch der Tradition ist, wird als schönste Verheißung das Wicdcrjungwcrden wie ein Adler angeführt und als frohe Botschaft verkündet: Siehe das Alte ist vergangen, cs ist alles neu geworden!“ Ricarda Huch ist mm in das biblische Alter eingetreten ״ in jenes Alter, das nicht nur dein Psalmisten die Grenz« des Lebens bedeutet, sondern in dem die Heldengestalten der Bibel erst anfingen, ihre größten Taten zu vollbringen. Auch sic arbeitet an einem großen Werke. Und wir können iW nichts Schöneres an diesem Tage wünschen, als daß cbo! jene ״schönste Verheißung der Bibel“ an ihr zur Wahrlm werde: daß sie ״wieder jung werde“. Denn, wie sie selbst einmal sagt: ״Wieder jung werden ist alles!“ Bertha Badt-Strauss. In ihrer Nummer vom 12. Juli veröffentlicht die Londoner ״Times einen warmen Nachruf für Bialik, worin«5 heißt: Seine poetische Kraft habe etwas von prophetischer Eigenschaft gehabt, und er sei oft als der Prophet dies«5 Zeitalters charakterisiert worden. Neben seiner poetischen Scmlunrr war Bialik eine der größten Autoritäten auf dein Ucbict jüdischer Volkskunde, ein glänzender Essayist: sein großes Wissen und seine tiefe Einsicht hätten ihm im Her*«״ des jüdischen Volkes einen Platz wie keinem ander« leb*«* den Juden verschafft. R Der I Notiz; ״Dem pioll, dal Ten, den Dr »irhsi ז"׳ UrjufH m'U. *cm »1 lireibcn, Adolph mil ׳״׳ Welt), Und, wie däfi er 1kl beut igen J Dutrl, läng vertiert siel ״ dem do!*,i Herrn R״h.1nl Sn '■‘Nt Hali« können li.llj )v«ke jüdi AL», «ir k e. Es ist Strauß eir Tatsachen ״deutend Texte״ H ״ofniaiins• einer bek ׳Wisch ן|ג ״*‘* ,d. In kunttjggj, *° «mehl Zur > ,*Wester?«rieht F Rehältcn! י»ז* frist! die Be S|« hatte, *'11*nleiter A««U z.« ,.*he« | '1״«m Au« Pruch g4 Sj!״«* öit sie an Partei