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Jüdische Rundschau · 1934-07-06 · Heft 54 (6.7.1934) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 54 (6.7.1934)
Date
1934-07-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 54. 6. VJI. 1934 Seite 3 ׳JÜDISCHE RUNDSCHAU liffii‘ sich die Kelle um uns. Was Generationen von Juden gedacht, geglaubt, gelesen, gelernt und gedichtet haben, dieses ungeheure Erbe ist noch da, es harrt seiner Erlösung durch ein junges jüdisches Geschlecht, das — durch die Schule der weiteren Ausblicke einer Welt- Offenheit gegangen — die vitalen Kräfte zu einer schöp- Krischen Leistung mitbringt. Anschluß an die Geschichte und echter unmittelbarer Lebenstrieb, Tradition und Freiheit, nur durch das Zusammenwirken beider kann eine neue Gestalt unseres Volkslebens kommen. Um dies zu vermögen, müssen wir an uns glauben lernen. Diesen Glauben an uns selbst verkörpert uns Bialik. Lr ist der Bewahrer jüdischen Urguts, der das ganze Erbe in sich aufgcspcicbert hat und als ״Zeitgenosse“ mit jedem großen Juden der Vergangenheit zu verkehren und zu sprechen vermag; zugleich aher ist er ein Mensch unserer Zeit, ein Mann von unvergteichlieber Vitalität, der übersprudclnd zu spenden und zu bcglücken vermag. Er kommt zu uns als Lehrer und Mahner, er sucht das haltlos gewordene Judenvolk aufzurüttcln und zu seinem Nährboden zmück/uführcn; und er ist auch ein Warner vor unechten oder unecht gewordenen Idealen, denn er erkennt den Feind, der im seelenlos mechanisch gewordenen Betrieb, im leeren Lippendienst und in der prahlerischen Phrase lauert, ln seinen Reden in Osteuropa hat er seinem Schrecken über die Zer- Störung der kulturellen Struktur des Ostjudcntuins erschlitternd Ausdruck gegeben, in seinem letzten Gedieht fand er strafende Worte für die geistfremde Sclbstgefälligkeit des Parteigetriebes, seine Mission ist eine Forderung, der Ruf: Geht hin und lernt! Eine strenge und unerbittliche Forderung, ohne deren Erfüllung aber eine jüdische Wiedergeburt ebenso unmöglich ist wie ohne die Selbsthingabe jüdischer junger Menschen im Aufbau des Jüdischen Nationalheims. Die Forderung Bialiks ist die der Wicdereiiireiiumg in die Kontinuität, des Anschlusses an die Geschichte, für die unser Sinn heule offener sein dürfte als früher. Dies ist unmöglich ohne die Wiedererlangung der hebräischen Sprache. In dieser Hinsieht sind freiücb gewisse Fortschritte unverkennbar. Bei uns in Deutschland lernt ein großer Teil der Jugend ernst hebräisch. Aber vielfach fehlt auch bei denen, die die Sprache beherrschen oder lernen, die innere Orientierung. Denn die Sprache allein genügt nicht, um das Volk lebendig zu erhalten, es bedarf auch des Inhalts, der Richtung, des Zieles. Hier ist Bialik unermüdlicher Wegbereiter. Er hat die Gärten der Haggada neu erschlossen, er hat den Wert der Halaclia als innerer Haltung entdeckt, er versucht in Palästina in neuer Weise dem Leben der Woche einen geistigen Rhythmus zu geben durch die Einrichtung der Sabbat-Freude, des ״Oncg-Schabbath“, der nach seiner Absicht nur ei» Anfang zu viel Umfassenderem sein soll. Er ist ein Feind eines äußerlichen Nationalismus, für ihn ist Nationalismus die innere Verbundenheit mit dem Volk inul seinen ewigen Werten, die vor einseitiger Selbstüberhebung schützen und in den Bereich allgemein gültiger Mcnscheitswerte hiiicinragcn. Die Zeit ist ernst, das jüdische Herz pocht und das Ohr ist offen. Bialiks Werk kann uns helfen, den Weg zur jüdischen Erfülltheit zu finden und zu jenem Glauben an uns selbst, der die Bürgschaft des Lebens ist. Robert Wettsch. Bialiks Leben las »,Wilhelm Teil״ übersetzt, ferner eine ganze Reihe van Werken aus dem Jiddischen, darunter Anskis ״Dybnk“. Line überaus fruchtbare Tätigkeit entfaltete Bialik ak Volkser/ielier und Beicher klassischen jüdischen Gnsicsgutcs. Sciu ״Ssefer Aggadah“ machte der mitlebeiulcn < icucration den ungeheure״ Schatz der Aggadah wieder zugänglich. Weiter hat er eine Reihe von Dichtern des hebräischen Mittelalters neu herausgegeben. Bibel, Aggadah und andere wichtige Literatur hat er auch für die Jugend bearbeitet. Besonders zu erwähnen sind seine enf/ückeudett Vcrs-Büchcr für Kinder lind die kleinen Märchcnhcfte. Cliaim Nadtman Bialik ist am 9, Januar 1873 in dem Borte Radv (Wolhynien) geboren. Schon als 1! jähriger Knabe er in der Bibliothek, seine« Großvaters die bedeutendsten Ueber Bialik gibt es in hebräischer Sprache eine unübet• schbarc Literatur. Anläßlich seines 5(1. und 60. Geburtstages sind auch Samim'lbüelicr über ihn erschienen. 11־ deutscher Sprache liefen vor: Gedichte, übersetzt von Ernst Müller (2, Auft Verlag Löwit, Wien )971), Gedichte, übersetzt von Louis Weinberg (Welt-Verlag, Berlin 1020), Jiddische Gedichte, übersetzt von Ludwig Strauß (Welt-Verlag 1020), Essays, übersetzt von Viktor Kellner (Jüdischer Verlag, Berlin 1925). Außerdem sind Ucbcrset/imgeri einzelner Gedichte in Zeitschriften erschienen. Line wirkliche Erfassung der Bedeutung Bialik» ist ohne Kenntnis der hebräischen Sprache unmöglich. .. 77J7 , »Fr!) 4*7? zins dem großen Schatz der erziehenden und lilerar-hislorisclwn Schriften Bialiks ist eine Auswahl in dcut• scher Ucbcrsctzung im Jahre 1925 im Jüdischen Verlag, llcrlin, erschienen, (Cliaim Saehman liialih ״Es• sops". Autorisierte Uehertragung aus dem Hebräischen von Vihlor Kellner.) Dieses Huch, das zu den schönslcn jüdischen Büchern unserer Zeit gehört, ist leider dem deutsch-jüdischen l’nhlikum nur wenig bekannt geworden. Wir entnehmen diesem Buch mit Zustimmung des Verlags drei kleine Abschnitte. Es handelt sich um Bruchstücke aus größeren Arbeiten. thcologisch-rahhiiiischcn Werke und war mit 11 Jahren jüdisch s.1 gebildet, daß die Lehrer erklärten, sic könnten ihn nichts mehr lehren. Mit I I Jnlireii begann er sieh für weltliche Dinge zu interessieren. Erst mit 18 Jahren lernte er die russische Sprache. Bald darauf wandte er sich der Palästina-Bewegung (Uiibbnth Zion) zu und veröffentlichte 1891 sein erstes Gcdicht ״El llazippar“ (An den Vogel). Im Verlaufe der neunziger Jahre schrieb er dann zahlreiche Gedichte, die 1897 gesammelt herauskarnen. Lr iibcrsicdcltc nach Odessa lind gründete 1905 den großen hebräischen Verlag ״Moriah“. In den folgenden Jahren erreichte Bialik die Höhe seines dichterischen Schaffens und halte sich hak! die Stellung der führenden Gestalt der hebräischen Literatur errungen. 1921 mußte Bialik infolge der Bolscliewikcn-I Icrrschaft Rußland verlassen. Er verlegte seinen Wohnsitz nach Deutschland, wo er in Berlin und in Homburg v. H. seine vcrlcgcrische Tätigkeit im Verlag ״!)wir“ fortsetzte. 1921 übersiedelte. Bialik nach Palästina. Der Stadtrat von Tel-Awiw stellte ihm ein Haus In der Bialik-Straßc in der Nähe ries Rathauses zur Vcrfiigung, l!n letzten Jahre hat aber Bialik die lärmende Stadt verlassen und ־,ich in den Vorort Ramath Gan zurückgezogen. , Bialik ist der bedeutendste Lyriker der modernen hebraischcn Literatur. Er hat eine Anzahl von Natur- und Liebesgedichten verfaßt, seine, bedeutendsten Werke sind aber die- Knigen Dichtungen, die Probleme des jüdischen Volkslebens gestalten. So z. B, das Gedieht ״An der Schwelle des ßeth I lamidrasch“ oder ״Der Büffler“, eine Schilderung des ewig lernenden, von der Welt abgewandten Juden, dem dieses Lernen höchster Lebenssinn wird. Nach den Pogromen von Kischcncff (IQ0.3) schrieb er das gewaltige Zorngcdicht ״In der Stadt des Mordcns“. Seit 1901 war Bialik Redakteur des schöngeistigen Teils der von Aciiad Haam hcrausgcgcbcnen Monatsschrift ״Haschitoach“. Bialik widmete auch dem Volkslied große Aufmerksamkeit und hat eine Reihe von wunderbaren Volksliedern gedichtet. Von weiteren Werken erwähnen wir 1>I)ie Toten der Wüste“, ״Die Feucrrotlc“, die Erzählung!!Arie Baal gut“. Nach seiner Ucbersiedlnng nach Palästina »rt Bialik nur in Zeitschriften gelegentlich Gedichte ver- [1״entlieht. Großes Aufsehen erregte das nach den! Zionistenkongreß von 1931 veröffentlichte Gedicht, worin er mit großer Leidenschaft die Veräußerlichung der jüdischen Erneucrungsbewegung ■und das Parteiengetriebe verdammt, “!alik ist aher nicht nur Lyriker, sondern auch ,einer der bedeutendsten Essayisten der modernen hebräischen Literatur. Seine sprachschöpferische Leistung in der Belebung and Beseelung der hebräischen Sprache ist gar nicht zu er- 1nessen. Auch ats Uebcrsetzer ist Bialik hcrvargetrctcn, so *• B. hat er den Don Quichote von Cervantes und Schillers Die Sprache des Dichters (Aus dem Essap ״Offenbarung und Verhülhing in der Sprache" ]915.) Der große Unterschied zwischen der Sprache der Tages- Schreiber und der Sprache der Dichter ist: Jene, die Menschen des einfachen Worfsiuncs, stützen sich auf das Gleiche und Gemeinsame in Erscheinung und Wort, auf das Feststehende, auf den überlieferten Text, lind deshalb ziehen sie mit sorgloser Sprache ihres Weges. Wem gleichen sie? Einem, der auf festem Eise, das zu harter Fläche erstarrt ist, den F111I1 überschreitet. Ein solcher hat das Recht und ist imstande, sein Bewußtsein zur Gänze von der verhüllten Tiefe ab/ulcukett, die unter seinen Füßen rauscht. Und jenen gegenüber diese, die Menschen der Anspielung, der Auslegung und des Geheim• uisscs, ihr Lehen lang auf der Jagd nach dein, was das Einende ist in den Dingen, nach jenem einsamen ״Was immer“, nach jenem Punkt, in welchem die Erscheinungen und die Wortverlmiipfuiigen, die ihnen zugehören, zu einer kostliehen Einheit in der Welt verschmolzen sind, nach dem ver- Sanglichen Augenblick, der in Ewigkeiten nicht wiederkchrt, nach der einzigartigen Seele und der besonderen Wesen- Imftigkeit der Dinge, so wie sic in einem bestimmten Moment ins Innere derer Eingang finden, die sie selten; darum sind diese genötigt, vor dem Feststehenden und Starren in der Sprache, das ihrem Ziel sich cntgcgciistcllt, zu jenem zu fliehen, das da lebt in ihr und sich regt. Ja, sic selbst sind verpflichtet, in jedem Moment — die Schlüssel sind in ihre Hand gegeben — eine unaufhörliche Bewegung, neue Ver- Schmelzungen und Einungen in sie einzufüliren. Die Worte zucken unter ihren Händen, sic erlöschen und entbrennen, gehen unter und leuchten auf gleich der Schrift auf dem hohtpriesicrlichen Schild, leeren und fidlen sich, tun eine Seele von sich ab und hüllen sich in eine andere. 111 den sprachlichen Stoff kommt dadurch eine Ablösung der Wach- |10stc11 und eine Veränderung der Standorte, Die Verzierung eines Buchstabens, ein Häkchen am Jod — und das alte Wort flammt in neuem Lichte auf. Das Profane wird heilig und das Heilige profan. Derartige feste Worte lösen sich gleichsam Augenblick für Augenblick aus ihren Einfassungen und wechseln den Ort miteinander. Und unterdessen, zwischen Ver* hüllen und Verhüllen, regt sich der. Abgrund. Das ist «las Geheimnis der gewaltigen Wirkung, «lie die Sprache «ler Dichtung nusjiht. In ihr lebt etwas, was den Trieb des VeraiitwnrUichkcilsgefiihls erregt, die süße Furcht dessen, der in Versuchung ist. Wem (gleichen die Dichter? Einem, «ler auf schwankenden und schwimmenden Eisschollen den Fluß überquert in der Stunde, da laue Lüfte wehen. Wehe ihm, wenn er seinen Fuß länger als einen Augenblick auf der Scholle verweilen bißt, länger als nötig, um von einer Scholle zur andern und von dieser wieder zur nächsten zu springen, ln den Spalten regt sich der Abgrund, der Fuß kommt ins Schwanken, die Gefahr ist nahe — — Gleichwohl gibt cs auch unter ihnen solche, die in Frieden von dein einen Gestade hinahschrcitcn und in Frieden wieder hin* atisgelaugen zum andern Gestade. Nicht die Einfältigen allein schützt Gott. Soweit über die Sprache der Worte, Aber außerdem hat Gott noch Sprachen ohne Worte: das Musizieren, das Weiiicn und «las Lachen. Ihrer aller wurde das sprechende Wesen teilhaftig. Sie beginnen dort, wo die Worte aufhören, und sie kommen nicht, um zu verschließen, sondern um zu öffnen. Sie schwellen an und steigen aus dem Abgrund 11ervor; sie sind das Emporstcigcu des Abgrundes selbst. Daher schwemmen sie uns mitunter hinweg und reißen uns mit sicli mit der tosenden Fülle ihrer Wogen, und keiner vermag ihnen zu widerstehen; daher treiben sie mitunter den Mensehen aus seiner Vernunft oder auch ans der Welt; eine geistige Schöpfung, in der nicht ein Widerhall wäre von diesen dreien, hat kein wahres Leben, und es wäre besser für sie, wenn sie nicht zur Welt gekommen wäre. Halacha und Aggada fzlus dem gleichnamigen Aufsatz, übertragen von Gerhard Scholem.) Die Prozesse der Kristallisation und Auflösung der Halacha und Aggada zeigen sich besonders klar in Zeiten der Umwälzuug und Fixierung neuer Satzungen und sind allgemein bekannt. Die alle Halacha, die unbrauchbar geworden ist. steigt dann wieder in den Selimclzfiegel des Herzens und wird zu einer Aggaila iiingeschmolzcn, die ihr ähnlich sein kann oder nicht, und diese kehrt, wenn sie geläutert ist, von dort zurück, trist in die Formen des Denkens und Handelns, wo sie sich wieder zur Halacha kristallisiert, aber in verbesserter oder erneuerter Gestalt. Die Halacha ist also nicht weniger als die Aggada schöpferisch. Ihre Kunst ist die größte in der Welt: die Kunst des Lehens und der Wege des Lebens, ihr Material: der lebendige Mensch mit allen Leidenschatten seines Herzens, ihre Mittel: die individuelle, soziale und nationale Erziehung, und ihre Frucht: eine Kette stetigen Lehens niiil schicklicher Taten, die Bahnung eines Lebensweges zwischen den Unebenheiten und Verkrümmungen des Einzelnen mid der Menge, ein des Menschen würdiges Dasein in der Welt, eine gestaltete Lebenshaltung. Die Schöpfungen der Halacha sind nicht wie die der übrigen Künste — Skulptur, Malerei, Baukunst, Musik oder Dichtung — 1m Raum und in der Zeit konzentriert und aus einheitlichem Material, sondern fügen sich allmählich, Stückchen um Stückeben, aus «lern gesamten Strom des menschlichen Lebens und Tuns zusammen, aus dem sich schließlich ein Resultat, eine Gestalt, sei sic nun vollkommen oder mit Makeln behaftet, ergibt. Die Halacha ist eine didaktische Kunst, die Kunst der I r/idiung eines ganze# Volkes, und alles, was sie in der Seele des Volkes_ eingravierte, die groben und die zarten Linien, ist in Inspiration und hoher, vorausschauender Weisheit geformt. Tag um Tag, Stunde um Stunde, Augenblick um Augenblick ist sic darauf bedacht, nur eine einzige Gestalt zu bilden: die Urform der Kreatur, «las Ebenbild Gottes im Menschen. Der Kölner Dom, «ler (Mailänder Dom, Notrc-Damc in Paris wurden, in ihrer Herrlichkeit vollendet, das, was sie geworden sind, durch «lie Anstrengungen ewiger Künstler im Verlauf so und so vieler Jahrhunderte, von denen ein jeder zu seiner Zeit sein!.eben tirttl das Beste seiner schöpferischen Kraft an diese ihm ausschließlich heilige Arbeit wandte. Und zweifellos nur, weil sie alle sich zu Dienern eines einzigeu zentralen, in ihren Augen büchst erhabenen Gedankens machten, geriet in solchem Maße «las ״himmlische Werk“ in ihrer llaml. Jener Gedanke — ihrem Gotte ein Haus zu hauen — schwebte ihnen allen vor Augen (entsprechend dem Schriftvers: ״Nach «ler Gestalt, die «lir gezeigt worden ist“) und inspirierte sie; er führte Lineal und Winkelmaß, Meißel und Pinsel in ihrer Hand und gab ihnen jede Linie und Verzierung, jeden Ziegel und Balken ein, die sich schließlieh nach Jahrhunderten der Arbeit räumlich und zeitlich weit getrennter Menschen zu einem großen und herrlichen Bauwerk zusammentiiglen. Die Kinder Israels haben ilre herrliche Schöpfung, «len heiligen und erhabenen Tag, ״die Königin Sabbat“, In der Phantasie des Volkes wurde sie zu einem lebendigen Wesen mit einem Körper mul körperlicher Gestalt, «lein Inbegriff der Schönheit und Erstrahlung. Die Sabbatfeier ist cs, die der Heilige, getobt sei Er, am Ende des Schöpfungswerkes in die Welt treten ließ, ״daß dem gemalten und getäfelten UaUlachin «.lie Braut nicht fehle“. Sic ist es, die Gottes kostbarstes Kleinod in seinen Schatzknmmcrn war, und zu «ler er kein schickliches Gegenstück fand außer Israel. Einer andern volkstümlichen Aggada zufolge sitzt sie wie eine Prinzessin, ״wie eine Braut zwischen ihren Gespielinnen buntgesclunückt“ verborgen in einem Palast im Paradies, im innersten von sieben Gemächern, und ihre sechs Mädchen, die sechs Werktage, bedienen sie. Bei ihrem Eintritt in die Stadt wenden alle ihr Antlitz gegen «las Tor und empfangen sie mit dem Gruße: ״Willkommen, o Braut, willkommen, o Braut, Königin Sabbat“. Und Erinime gehen, uni sie zu empfangen, hinaus aufs Echt. Einst kam sie auch 1 ויו Traum zu Ilm I sra mul war traurig und betrübt und ließ einen Brief an ihren Ehegemahl Israel in seiner Hand, «las ist das berühmte ״Iggerctli Schabbatli“. Alle Dichter Israels, von Rabbi Jchuda llalcwi bis Heine, sangen ihr ihre Heiler und Gesänge. Ist sie nicht eine durchaus aggailischc Schöpfung? Ist sie nicht selber ein Quell des Lcocns und der Heiligkeit für eine ganze Nation und ein imversicglicher Born der Inspiration für die Dichter und Säuger? Und trotzdem! Wer könnte sagen, wer entscheiden, wessen Schöpfung sic ist, durch wen sie das wurde, was sie geworden ist: durch die Halacha oder durch die Aggada? 157 Blätter hat der Talmud• traktnt Sabbat mul Umhin 105, und «lie Menge der Aggadoth in ihnen ist verschwindend klein; «las meiste sind Unter- Stichlingen und halaclüsclie Einzelheiten über «lie 39 verbotenen Hauptarbeiten und ihre Unterarten und über «lie Bestimmung von Bereichen. Womit darf man anzümlen? Womit darf ein Rind hinansgclmi? Wie legt man die Bereiche zusammen? — Welche geistige Arbeit! Welche Verschwendung von Scharfsinn auf jedes Tüttelchen! Und blättere ich in jenen Seiten und sehe dort die Scharen der Tannaitcu und Amoriicr an ihrer Arbeit, denke ich; Wahrlieh, ich sehe Künstler des Lebens vor mir, Künstler «les Lehens itt ihrer Werkstatt und in «len Wehen der Geburt. Eine solche gewaltige Geistesarbeit, amcisenhaft und gigantisch zugleich, eine Arbeit um ihrer selbst willen und aus Liebe und schrankenlosem Glauben — unmöglich konnte sie ohne Inspiration entstehen. Jeder Einzelne dieser Auserlesenen tat das Seine gemäß seinem Ziel und seiner Neigung, und alle zusammen waren einem holii’11 Wollen untertan, «las sie beherrschte. Eben eine erhabene Idee, ein Urbild vom Sabbat schwebte diesen getrennten Männern vor, sein Geist versammelte sie hier aus allen Generationen mul machte sie zu Genossen im Schaffen und in der Vollendung. Jedes ״er warf eia“, jedes ״und sie erhoben Widerspruch“, jeder Zaun mul jede Umzäunung, ist nur ein neues malerisches Ornament, eine neue Lime in jenem Bilde, ein notwendiges Ornament und eine notwendige Linie, da es ohne sic nicht werden konnte, was es werden soll. Und was ist «lie Frucht dieser mühseligen Arbeit der Halacha? Ein Tag, der ganz und gar Aggada ist. Mendeles Tod (Aus dem Aufsatz ״Und Mendete ist alt geworden" 1917. Der Dichter schildert zum Schluß des genannten Essays einen Besuch bei dem 80jährigen Mcndcle.) Es war eine dunkle Dämmerstunde in seiner Somme״- frische. Der Greis ging eine kleine Schar Gäste begleiten, dH gekommen waren, um nach seinem Befinden zu sehen. Das allzu lange Gehen fiel ihm noch schwer, aber seine Stirnniiuig war gut, ruhig und sanft wie die Stimmung jener Dämmerstunde und jener süßen Finsternis, und darum war auch sein Gespräch in dieser Stunde so lieblich; er selbst gab sich ihm bin, nahm seine Kräfte zusammen und ließ sich mit der Rückkehr Zeit. Er sprach ruhig, fast lautlos und mit sehr viel innerem Vertrauen. Unter anderem brachte er auch folgenden Gedanken vor: Der Tod ist in Wahrheit nur eine neue Geburt, eine umgekehrte Geburt. In der Stunde, da der Mensch diese Welt verläßt, wird er in jener Welt geboren. Sicherlich gibt es dort einen, der auf Wache steht und mit freudigem Erschauern

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