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Jüdische Rundschau · 1934-07-06 · Heft 54 (6.7.1934) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 54 (6.7.1934)
Date
1934-07-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 54, 6. VII. 1934 ך> נ!’.. Y %«1111. ppin^ ן^||| v fW'll j \N n ))! י י י 1 ’;!1! S ■Mt ' «iS»■»*■*# Xi- - •, ״״X ן f f■ ' >«—• i—» l. /n der ״Jüdischen Rundschau“ haben wir schon bei mehreren Gelegenheiten versucht, die Bedeutung der Persönlichkeit Bialiks für uns darzulegen. Wir geben nachstehend zwei dieser früheren VerSffcntllchungen wieder. Red. (Aus dem Gltickwunschnrtikcl zu seinem 50. Geburtstag, ״Jüdische Rundschau“, 29. Dezember 1922.) Als dem Wcstjudcntuni die Schranken des Ghetto sich öffneten und die Kultur, die Gedanken der. Umwelt zugänglich wurden, verlor cs sein geistiges Eigenleben. Die neu erkannten menschlichen Werte ergriffen mächtig die Seele des Juden, aber er vermochte nicht, sich sie zu eigen zu machen, er gab sich ihnen hin, indem er sich aufgab. Die Erstarrung war gelöst, aber um welchen Preis! Der geistige Kampf eines Jahrhunderts vermochte keine schöpferische Synthese zu erzeugen, er ging nicht um die Substanz, er ging um die äußerliche Regelung. Das KompromiO war besiegelt, niemand dachte daran zu rütteln. Nur um seine Form kämpfte man: ob das überkommene, geschwächte Gebilde, das man für Judentum hielt, den Bedingungen des Lebens und den Erfordernissen der neuen, als primäre Forderung sich darbietenden Situation anzupassen ist, oder aber ob ein Schnitt zu machen ist mitten durch das Leben, so daß die eine Hälfte ungestört sich anpassen, die andere Hälfte in strengem Festhalten am Lebcnsrituale das Judentum konservieren kann. Was aber echt und innerlich gegründet ist, verlangt Ganzheit, tritt selbst auf als primäre Forderung, ist Richtung der Seele und Quell des Lebens. Judentum und Menschentum, Befreiung aus Erstarrung, — dieser Kampf wurde im Westen (abgesehen von kleinen Anfängen, die in ihrer Fortführung sofort abbrachen) niemals ernstlich gekämpft. Dieser Kampf, den unsere Ahnen zu kiimpfen vermeinten, er ist aufgespart, unserer Generation und wohl noch unseren Nachfolgern Vorbehalten. Das Ostjudcntum, von dem man sagt, daß seine Entwicklung dem Wcstjudcntum um hundert Jahre nachfolgt, ist uns in Wahrheit voraus; denn dort entspann sich, aus dem Leben selbst und in unvcrlorcncr Verbundenheit mit dem Volke, das gewaltige Ringen — nicht ״zwischen“ Judentum und Menschentum, sondern auf dem Boden des Judentums selbst. Die Parole der Zwiespältigkeit, ״Mensch draußen und Jude zu Hause“ zu sein, konnte nur aufgestellt werden, um überwund e n zu werden. Die Enge wurde gesprengt, Mauern stürzten unter leidenschaftlichen Stößen; heftige Absage ertönte, aber noch die Verneiner waren unlöslich verknüpft mit dem Judentum, wie der negative Pol undenkbar ist ohne den positiven. Die Weite der Welt strömte in die jüdische Gasse, aber nicht zerstörend war ihr Wirken, sondern aufbauend. Der über Bücher gebeugte krumme Rücken richtete sich auf, wenn auch zögernd und bedenklich; der Mensch entdeckte die Natur, das Leben, das Wunder — und blieb Jude. Er ließ den Reichtum in sich einströmen, aber er vermochte ihn zu halten nur vermöge seines eigenen Reichtums, des Reichtums seiner Seele. Seine Zunge löst sich; unbändiges Leben pocht in seinen Schläfen. Die Fülle der Fragen stürmt auf ihn ein — da vermag er zu antworten, er findet das Wort. Das Volk lebt wieder, der Bann ist gebrochen. Diese Lebensfidlc ist beinahe inkarniert in Bialik. Wer ihn einmal reden gehört und gesehen hat, hat einen unauslöschlichen Eindruck von dieser Kraft, diesem überströmenden Lehen; der hat gefühlt, daß hier nicht einer ״Geist“ produziert, sondern daß der Geist mit ihm verfährt, aus ihm spricht und sprudelt. Uraltes Erbe wird hier wach, engster Zusammenhang mit des jüdischen Volkes stärkster Wirklichkeit. Alle Fiktionen, die wir im Westen als Judentum ansprechen, alle Fiktionen auch künstlich organisierten Lebensersatzes, wie Parteien und Programme, zergehen vor der Glut dieser Wirklichkeit. Darum ist gar kein ״literarischer“ Maßstab hier anzulegen; cs ist nicht unsere Aufgabe und nicht unser Amt, Bialiks Werk kritisch zu zergliedern: er ist Uns jüdisches Volk, er ist ein Führer zu nationalem Leben. Nationalismus ist nicht ein Programm eigensüchtiger Begrenzung, nicht ein System von Maßnahmen und Handlungen zur Einrichtung des Lebens der Nation, sondern ein Innewerden eigener, tiefster Kräfte und der Versuch ihrer schöpferischen Entbindung. Er ist nicht Beschränkung unserer Menschlichkeit, sondern ihre Entfaltung. Nur wenn wir losgelöste Juden unsere Menschlichkeit wieder als Ganzheit ergreifen, wer* den wir zu nationalem Werk berufen sein. Aber wenn wir diese Menschlichkeit isoliert bewahren wollen, wird sie uns trügen — mögen wir ihr noch so schöne nationale Etiketten geben; nur wenn wir sie wieder einstcllen in die Kontinuität, wenn wir Volkstum und Menschentum zu euer Einheit zu machen vermögen, wenn auch für uns das Volkstum lebendig wird, dann wird unser Nationalismus jene Macht sein, die zu schaffen vermag. Alles Gcschaffene ist Werk des Geistes; ohne ihn errichten wir Schein-Gebäude, denen der Kitt fehlt, der die Teile zu einem Ganzen verschweißt. B'iaiik ist uns ein Symbol des Nationalismus als geistiger Macht und ein Symbol geistiger Macht, die aus nationalen Quellen gespeist ist Er ist in dieser ltle"r 38 ‘r£cnt*c‘n ®»derer der Repräsentant der Nation. I« unserer für die Zukunft des Judentums so entscheidenden Zeit, in der das Volk zum Bewußtsein der Krise kommt, hat er das Fühlen des Volkes aus seiner Stummheit erlöst. In kritischen Zciten haben Völker ein feineres Ohr für ihre Dichter. Gilt dies allgemein, so besonders für das jüdische Volk, das stets vor geistigen Führern sich geneigt bat. Trotz Zerrisscnlieit in Parteien und trotz geographischer Zcrspaltung ist das jüdische Volk an dieser Stelle einig. Von der Linken bis zur Rechten, von Jerusalem bis New York und Warschau neigt cs in dankbarer Verehrung sein Haupt vor dem Dichter. Der geistige Weg des Ostjudentums ist für uns West- Juden nicht mehr gangbar. Entwicklungen lassen sich nicht zurückschrauben. Aber cs gibt ein Vorwärtsschreiten. Das Ziel unseres Schrcitcns ist Erez. Israel. Wenn wir ״Erez Israel“ sagen, so denken wir nicht an Geographie und auc'1 nicht an politische Vorherrschaft. Wir denken an ein Leben des Volkes, in dem Menschentum und Jnicntum nicht nur in der Seele, sondern auch in der Realität eins geworden ist. Das Leben des Volkes kann l icht nur ״geistig“ sein, sonst fallen alle anderen Verrichtungen, ohne die Leben nicht möglich ist, in einen fremden Bereich. Menschen■* tum und Volkstum muß sich an der Wirklichkeit der Dinge, der Natur, der Mitmenschen bewähren. Weder Romantik noch Politik schafft nationales Leben, sondern nur die Arbeit in der Gemeinschaft. Bialik hat da« selbst am stärksten ausgesprochen. Volles jüdisches Leben, schaffendes Leben, in dem unsere Menschlichkeit sich auswirkt, das ist uns Erez Israel. %0t (Aus dem Leitartikel der ״Jüdischen Rundschau“ vom 30. Dezember 1931, anläßlich Bialiks Besuch in Berlin.) Eine Begegnung mit Bialik ist für jeden von uns und für jede jüdische Gruppe immer wieder ein Erlebnis. Fragen wir uns, was den rätselhaften Zauber und die tiefe Wirkung seiner Persönlichkeit ausmacht, 80 könnte man — wenn man von seiner dichterischen Leistung, die nicht einmal allen Juden sprachlich zugänglich ist (welch eine Abnormität der jüdischen Situation liegt allein darin!), absieht — vielleicht so sagen: Bialik ist der Jude, der die Krise des heutigen Judentums am klarsten erkennt, ihr wahres (geistiges) Wesen begreift, und zugleich am bewußtesten einen Weg zu neuem Aufbau jüdischer Volkhaftigkcit sucht. Viele sprechen heute von der ״Jtidcnfrngc“; ein großer Teil der Juden hat Angst, ihr ins Auge zu schauen; da aus diesem Auge ihn der Irrtum und die Lebcnslüge seiner ganzen Generation und deren Vorgänger angrinst, so versucht er die Wahrheit wegzuschwätzen und hält sich an Obcrflächcn-Symptomc, mit denen er auch nicht fertig wird (dies der Fall der Assi* milanten und ״Abwehr-Juden"). Ein anderer Teil versucht die Judenfrage zu einer religiös-kultischen Angelegenheit zu verengen, ohne die Zusammenhänge zwischen Rcü* giou und wahrem Volksleben zu sehen, ohne den Totali* täts-Anspruch der Religion und ihre lebensmäßigen Fun* damente zu berücksichtigen (dies der Falt der antinatio* nalcn Orthodoxen und Liberalen). Ein anderer Teil schließlich sicht zwar die Zuspitzung zur Entscheidung, verlagert aber das Schwergewicht auf die politischen Formen und verliert sich leicht in wesenlosem politischen Getriebe, bei dem die direkte Beziehung auf das unmit* tclbare Leben der Menschen oft fast gänzlich schwindet (dies der Fall des landläufigen politischen Zionisten). Ucber Judenfrage diskutieren ist aber noch kein Weg aus der jüdischen Not; solche Diskussion und Erörterung ist erforderlich, sie erschüttert die ererbten falschen Bcgrlffngcbüudc, sie erzeugt Bewußtheit und heilige Un*1 fast, von da kann der Mensch zur Tat getrieben werden,! — kein Wort gegen solche Erschütterung der Seelen, Erwcckung der Herzen! Aber dies kann nur eine Stufe sein, nur ein Uebcrgang, ein Wendepunkt der Geschichte, die Geburt einer Bewegung, nicht aber wirkliches Leben, nicht Volkstum, nicht Erfülltheit! Bialik aber ist nicht nur ein Fordernder, ein Weckender, er ist der erfüllte Jude. Das Judentum als Lebensform ist heute zerbrochen.1 Noch bis 1914 gab es für die Mehrheit der Juden so etwas wie eine Lebens-Norm. Zwar war im neunzehnten Jahrhundert unter dem Ansturm des europäischen Rationalis*. mus die festgefügte jüdische Tradition immer mehr zerbröckelt, aber es war noch eine Kontinuität vorhanden, auch dort, wo bewußtes Rebcllcntum im Widerspruch zu dieser Tradition erwuchs. Wir können nicht wissen, welcher Gestaltwandel sich aus der neuen Befruchtung mit dem europäischen Geist im Judentum vollzogen hätte, wenn Zeit zum Reifen gewesen wäre. Der jüdische Nationaiismus, der Zionismus, die neuhebräischc Renaissance, der jüdische Sozialismus, — sie alle sind Kinder dieser Vermischung. Denken und Fühlen war von alten Fesseln befreit, aber um so lebendiger ergoß sich der alte Glutström durch die frisch pulsierenden Adern; ein jugendliebes Judentum suchte sieh sein Haus zu bauen (und die Sehnsucht nach der alten Heimat war das Natürlichste von der Welt). Der Weltkrieg hat diese Kontinuität jäh unterbrachen. Er bedeutet einen tiefen Einschnitt. Nur scheinbar brachte er zunächst — als Folge einer bestimmten weltpolitischen Konjunktur — einen Aufschwung und ein Anwachsen der zionistischen Bewegung; die Quellen, aus denen diese Bewegung immer neu genährt worden war, waren zerstört worden, die Reste des jüdischen Volkslebens wurden roh zerstampft, die soziologischen Grundlagen der begonnenen Entwicklung wurden tief verändert. Heute erst, nachdem die Folgen des Krieges für die ganze Welt offenkundig werden, sehen wir deutlicher, in welchem Maß er eine Auflösung der jüdischen Lebensformen (in Ost und West) mit sich gebracht hat. Wir leben mitten in einer beispiellosen Zersetzung, deren eine Seite mir die materielle Verarmung und wirtschaftliche Zuriickdriingung der Juden ist, die aber in Wahrheit viel 1 größeren Umfang hat und ihre beste Spiegelung findet in der Ratlosigkeit der Juden, die eine neue Orientierung in dieser Welt noch nicht gefunden haben. Der Bruch, den der Weltkrieg bewirkte, zeigt sich am krassesten bei der neuen Generation, die keine Beziehung zur Vorkricgswelt mehr hat und die inneren Zusammenhänge, die die Vorgcschichtc ihres Lebens bilden, vielfach nicht mehr überschaut. Aber auch für diese Menschen — und für uns alle — kommt die Stunde der Besinnung, wir suchcn wieder, wir blicken über den Abgrund zurück in die Aconcn und — vorwärts! Und in einem solchen Moment kann das Wort des Führers Funken aus dem Stein schlagen. Denn das Volk ist nur verwirrt, vielfach auch verirrt, aber es will leben! Und ein Volk kann nur durch ein Ideal, nur durch den Glauben an sich selbst und seine Sendung leben. Das jüdische Volk hat genau so wie andere In einem beträchtlichen Teile die materialistische Wendung des neunzehnten Jahrhunderts mitgcmacht. Der materielle Aufstieg war für die Juden noch mehr als für andere das einzige Mittel der Selbstbehauptung. Aber daneben gab cs immer den Bildungs-Juden, cs gab in ungezählten Exemplaren den kleinen Juden, der unbekümmert um materielle Güter den ewigen geistigen Fragen nachging. Dieser schlichte Talmudjiidc war der Jungbrunnen des Volkes, wir alle kommen Irgendwie und irgendwann aus dein Hause dieses frommen, gottsuchenden, materiell bedürfnislosen Juden. Ucber Jahrhunderte hinweg schließt r a Der Präsident der Reichsvertretung der deutschen Juden, Rabbiner Dr. Baeck, den wir um eine Aeußerung über Bialik baten, sendet uns nachstehende Zeilen! Ein Dichter stand in Bialik vor uns, der die Genialität der Liebe besah. Ihm war unsere hebräische Sprache nicht ein Werkzeug nur, dessen er sich bediente, sondern sein Kind, das er zu eigen gewonnen, das er liebte und das er erzog, das er schmückte und dessen er sich freute, das er heranwachsen und ins Leben hinoustreten sah; Vaterliebe und Vaterstolz erfüllten ihn. Ihm war das Land der Väter nicht nur ein Boden, sondern eine Liebe, nicht nur eine Erde, sondern ein Himmel; Ziel der Sehnsucht blieb es Ihm, auch als es ihm Heimat geworden war, immer beglückend, immer wieder fordernd und hinausweisend. Ihm war unsere jüdische Geschichte nicht nur seine Vergangenheit, nicht nur der Weg zu ihm hin und vor ihm her; sie war ihm Haggada, Glaube voller Liebe, Gewißheit voller Liebe, sie war ihm Bund mit Gott und so Bund mit der Zukunft. Darum war er ein Seher; denn die Liebe macht sehend. ilä Mattip. C 11 tl i n * S z S f, d fl 4 e k P Ir? v! f. ei L• K di sc M .,I fit ha öf kc & ne Bi be rat in TU U

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