Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 54 (6.7.1934)
- Date
- 1934-07-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Anx#ff«nl«rlf1 Dl• 12 *f*p«h*n« MiUiro«t*r־ZeU• RM —,20, für Sietlenfiesuch• RM —,10, für Fsmlll*'iinschrichten RM —45י Kinrnlsnrnigon nur **«<*»» Vorsu•• fahlting ■ui Po*!*t ht*dkK.ctt1to Rnrlln 716W oder In d#r Anreigen• Annshm• Montag hl• Praliag 9—W Uhr Attnah1t1«־«chlt1R lür di« Di«n«t*g.Amgab• Montag 10 Uhf lüt di• Fraltag-Atifgah• Mittwoch DUhr (Famlllenanrelgen bl• Donntrstag 10 Uhr) H©SfY1ttHtt® ln Palistfna. ״laseler Program m•• וזי in,^י־•r־n >rf j e.-38*• Mi.iiiiiku—i ץ״״׳ד׳ון ITTI!! V r**7< li״ JL. י 1,v Wie aus Wien gemeldet wird, ist dort am Mittwoch, 4. Juli, gegen 8 Uhr abends, der größte hebräische Dichter der Gegenwart Chajim Nachman Bialik, der sich vor kurzem in Wien einer Operation unterzogen hat, an Herzschlag gestorben. Unvermutet hat ein schwerer Schlag das jüdische Volk getroffen, ein Schlag, dessen Größe und Tragweite gar nicht zu ermessen ist. In dieser Stunde, da uns die Trauerbotschaft vom Tode Bialiks erreicht, in dieser Stunde der tiefen Erschütterung und Erregung, ist cs nicht möglich, einen Spiegel der Gefühle zu geben, die das ganze jüdische Volk am heutigen Tage erfüllen. Das Herz des Volkes ist zerrissen. Denn an Bialik, an diesem Dichter und Menschen, hing des Volkes Liebe. Ls gibt Dichter, die bedeutende Werke schaffen, Dichter, die allgemein anerkannt werden, Dichter, deren Schöpfungen zur Bildung gehören und solche, deren Verse von Mund zu Mund gehen. Bialik war unbestritten und unangefochten der größte hebräische Dichter der Epoche. Aber er war in c 11 r. Er war für jeden Juden, in dessen Herzen etwas vom Lebensgefühl des jüdischen Volkes pochte, ein Symbol des Besten und Tiefsten, was im jüdischen Volke von heute vorhanden ist, der Träger des jüdischen Lebensgeistes, der legitime Verwalter eines geistigen Erbes. Darum wurde er nicht nur geehrt und gelesen, er wurde geliebt. Und in dieser Liebe, die das Beste aus den Menschen hervorholt, lag eine verwandelnde Kraft, ln ihr trat Mensch zu Mensch, durch sie wurde Gemeinschaft. Denn Gemeinschaft entsteht nicht durch Organisation und nicht durch Disziplin, sie entsteht aus der Macht der Liebe. Es war ein eigentümlicher Zauber in der Persönlich* keit von Bialik. Wenn er aufstand und redete, cs mochte vorher noch so trocken über irgendwelche Gegenstände gesprochen worden sein, dann lag plötzlich eine ergreifende Weihe über der Versammlung. Es war, als ob die Schechina sich niedersenkte. Wer dies bei einem üncg Schabbath in Tel-Awiw mitcrlebt hat, der versteht ohne weiteres, was Bialik für das jüdische Volk bedeutete. Vielleicht kam cs daher, daß bei ihm nichts Konvention und nichts unlcbcndig war, sondern jedes Wort und jeder Satz ein Erlebnis und eine schöpferische Tat, Es war das Geheimnis der Gnade in ihm. Vielleicht war er darum so ein Freund der Kinder. Niemand verstünde den letzten, den alternden Bialik, der nicht wüßte, daß seine Liebe den Kindern galt. Seine Augen glänzten, wenn er von ihnen sprach. Für sie wollte er schaffen. Niemals brauchten wir Biaiik mehr als heute. Denn dieser Mann, der die moderne jüdische Bewegung mitgeschaffen hat und um ihre tiefen und verschütteten Quellen wußte, war in wahrstem Sinne ein Gewissen des Volkes. Alle, die überzeugt sind, daß der jüdischen Gemeinschaft in Palästina nichts mehr not tut als die Aufrichtung einer moralischen Autorität, blickteil erwartungsvoll zu Bialik. Er war der Mann, der ihr Träger sein konnte. Heute, wo die materiellen Nöte des einzelnen innerhalb des Aufbauwerkes und die politischen Leidenschaften der einander befehdenden Gruppen das palästinensische Leben fast ganz ausfüllen, bedurfte es der Stimme dessen, der um den Primat des Geistes wußte. Was soll in Palästina, in diesem mit so viel Opfern und dem Aufwand der besten Kräfte des Volkes geschaffenen Gemeinwesen werden? Ich erinnere mich eines Gespräches mit Bialik im Juli 1929, als er in einer Berliner Klinik wegen desselben Leidens behaudelt wurde, dem er jetzt erlegen ist. Gespräche mit Bialik waren immer unsagbar bereichernd und beglükkend; er schöpfte aus einem unerschöpflichen Born des Wissens, das nicht trockenes Wissen war, sondern bcscclte Gegenwart, heute und hier gültig. Auch auf sei-;aem Krankenbett hörte er nicht auf, aus dem Vollen zu spenden, der-Gesprächspartner konnte bei ihm fast nie L Nach dem Gemälde van L. Paiternak Schmerzerlüllt und tief erschüttert stehen die deutschen Zionisten an der Bahre Chajim Nachman Bialiks. Wir verehren in dem Dahiagcschiedcnen den großen hebräischen Dichter und Vorkämpfer des nationalen Gedankens, den unermüdlichen Erzieher und Erwecken Bialik ist mit uns verbunden durch die Arbeit an dem Werk der Erneuerung tutsercs Volkes. In seinen Gedichten und Liedern erwachte zugleich mit der alten Sprache auch das jüdische Volkstum zu neuem Leben. Er weckte die Kr alte, die in harter Arbeit des Tages den Aufbau des Jüdischen Nationalheims vollziehen und damit einer bcsserenZukunit des jüdischen Volkes den Weg bahnen. Keiner wußte so wie er, daß Land und Sprache, Volk und Geist untrennbar zusammengehören. Das ganze jüdische Volk trauert um diesen großen Toten. Uns Zionisten war er besonders nahe. Er war ein Mitkämpfer, der unvergängliche Taten auf dem Felde des Geistes vollbrachte. Sein Andenken wird im jüdischen Volk unauslöschlich bleiben. Sein Name wird mit den Namen unserer größten Führer in einer Reihe stehen. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland entbietet der Familie des Verstorbenen und dem um seinen großen Mitbürger trauernden Jischuw Erez Israel• einen Gruß brüdcr'ichcr Anteilnahme. Zionistische Vereinigung für Deutschland. zu Worte kommen. Damals nun sprach Bialik von der geistigen Krise unseres palästinensischen Gemeinwesens. Er verglich die Situation der bereits im Lande lebenden, ihr Heimatgefühl besitzenden Menschen, für die der ״Zionismus“ kein spezieller Inhalt mehr ist, mit der Lage des Volkes Israel nach der Landnahme zur Zeit Samuels, als bereits jeder Stamm im Besitz seines Bodens war, jeder sein Feld und seinen Weinstock hatte. Da, um diese Zeit, heißt es im Buche Samuel: וינהו כל בית ישראל ״ אחיי ה׳Das ganze Volk Israel seufzte nach Gott“. Dies ist die Situation,der wir gegenüberstehen. Diesen Hunger des Volkes gilt cs zu stillen. Und das war es, was Bialik als seine Aufgabe erkannt hatte. Denn er wußte, daß ein Volk, das nur Körper ist und dem nicht der heilige Name unter die Zunge gelegt wird, ein zerstörender Golem würde. Niemand hat diese Gefahr stärker empfunden als er, niemand hat Auswüchse Innerhalb des eigenen Volkes, den Verrat am Geiste, schärfer gegeißelt als er. Aber nicht auf Strafreden kommt cs an, sondern auf schöpferische Tat. Hier hatten wir, nach den ersten von ihm in Palästina geschaffenen Anfängen, noch viel von ihm zu erwarten. Nun ist er zu früh von uns gegangen, und überläßt uns Ueberlebenden die Verantwortung für das Weitere. Es ist eine große und schwere Verantwortung. Am 20. Tammus begingen wir den 30. Todestag Theodor Hcrzls. Von nun an wird auch der 21. Tarn* mus in unserer Volksgeschichte ein Trauertag bleiben. Innerhalb der traditionellen drei Trauerwochen vom 17. Tammus bis 19. Aw haben wir, unmittelbar hintereinander, den Todestag Theodor Hcrzls und den Todestag Bialiks. Liebe und Trauer stiften Gemeinschaft. Durch diese Tage ist das ganze jüdische Volk verbunden. Durch das Vermächtnis dieser Toten lebt das Volk. Bialik war die Seele des jüdischen Volkes. Die Seele ist nicht gestorben. Die Seele kann nicht sterben. Die Seele lebt. R. W. Trauer in Wien Ueber die Einzelheiten des Todes meldet die J.T. A. aus Wien weiter: Der Dichter, dessen Gesundheitszustand nach der Operation durchaus zufriedenstellend war, hatte sich auch am Mittwoch durchaus wohl befunden. Er verbrachte ihn mit Zcitungslcktürc und unterhielt sich mit seinen Besuchern angeregt und gut gelaunt. Plötzlich wurde er von einem Un- Wohlsein befallen, griff mit der Hand nach der Herzgegend und war wenige Sekunden darauf verschieden. Die Nachricht von dem unerwarteten Ableben Bialiks verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Stadt und wurde In allen jildis '1cn Kreisen mit tiefster Bestürzung aufgenommen. Die gerade tagende Sitzung des Präsidiums der Wiener israelitischen Kultusgcmeindc wurde sofort abgebrochcn, die Mitglieder des Präsidiums eilten an das Sterbelager des Dichters, wo sich auch sämtliche Wiener Rabbiner cinfandcn. Wien, 5. Juli. (J.T. A.) Der Leichnam Bialiks. wurde heute in der Zcremonienhaile der jüdischen Abteilung des Wiener Zcntralfriedhofs aufgebahrt. Der Katafalk wird von einer aus Mitgliedern der Wiener jüdisch-akademischen Verbinduugen und Vereine gebildeten Ehrenwache flankiert. Schon in den ersten Stunden der Aufbahrung sind Hunderte an dem Sarg vorbeigezogen, uin von dein großen Toten ehrfürchtig Abschied zu nehmen. Der Bürgermeister von Tel-Awiw, Meir Dizengoff, hat telegraphisch die sofortige Ucberfiihrung der sterblichen Ueberrcste Bialiks nach Tel-Awiw verlangt. Am Montag oder Dienstag wird die große Leichenfeier für Bialik auf dem Zentraifricdhof stattfinden. Anschließend daran werden die Teilnehmer den Sarg nach dem Siidbahnliof begleiten, von wo aus er nach Palästina überführt wird. Die B. Z. V. veranstaltet am Montag, dem 16. Juli, 20 Uhr, eine Traucrfeler für Biaiik im großen Saal des Logenhause« Kklstitraße. Nähere» wird. noch bckanntgcgebca.