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Jüdische Rundschau · 1934-07-03 · Heft 53 (3.7.1934) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 53 (3.7.1934)
Date
1934-07-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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i Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 53, 3. VII, 1934 Von Professor Otto Warburg ס,!־;־,ז׳ T1'׳ r'7! Saal, und durch den Mittelgang, mitten durch die Leute, die Redränj;t dort standen, aber entgegen aller Erwartung mit dein tiefsten Schweigen empfangen, kam — er. Ich entsinne mich sehr deutlich der hohen Erscheinung, die mir gleich König Saul alles um Haupteslänge zu überragen seinen und die sich alsbald, zwei Meter von mir entfernt, hinter dein Tisch erhob und eine Rede hielt. Er sprach von den ״Zwittern", die zwei Seelen in ihrer Brust tragen und nicht wissen, wo sie stehen, noch wohin sie gehen sollen. Er sprach vor allem aber von der ״Unbeirrbarkeit“, mit der ein jeder der einmal erwählten und als richtig erkannten Idee zu folgen habe. Während er da hinter dein Tische stand, schien der Mann noch größer, als wie er durch den Saal gegangen war. Er trug den zugeknöpften Diplotnatenroek, alles an ihm war von äußerster (icpflcgtheit, und wenn er sich über den Tisch beugte, um sich von Zeit zu Zeit leicht mit den Händen darauf zu stützen, wuchs die Erscheinung noch mehr in meinen Augen. Seine Bewegungen waren ruhig, gemessen, klar und einlach, und durchaus nicht rhetorisch seine Stimme. Iin Gegenteil, sie war zeitweise ganz leise, verbreitete aber gerade durch diese Leisheit das tiefste Schweigen um sich, wodurch die leuchtende Klarheit seiner Worte noch deutlicher wurde. Die tiefste Wirkung aber hatten damals auf mich seine Augen, die unendlich traurig waren und selbst im Lächeln ihre Schwermut behielten und dein ganzen Manne eine so «■greifende Unnahbarkeit gaben, daß er uns allen wie ein König erschien. Diese Traurigkeit der Augen behielt er den ganzen Tag, obgleich ein kleines Erlebnis am Ende wohl Gelegenheit hätte geben können, Bück und Weise zu verändern. Es war damals in der ncugcgnindctcn ״Welt“ ein Preisausschreiben für eine jüdische Nationalhymne erlassen worden, und wenige Tage vorher hatte das Blatt eine Erklärung veröffentlicht, wonach ״sämtliche Einsendungen nicht an das Mindestmaß dessen heranreichten, was man von einer solchen Hymne erwarten durfte“. Mein guter Freund Heinrich Loewc, der mir die folgende Mitteilung, wie ich ihn kenne, gewiß nicht verargen wird, war unter den Bewerbern gewesen und benutzte jetzt die Anwesenheit Hcrzls, um ihm triumphierend zu zeigen, welche Wirkung die von ihm eingesandte Hymne auf seine versammelten Getreuen zu machen imstande war, und daß von ״Mindestmaß“ nun schon überhaupt keine Rede sein konnte. Mit der leidenschaftlichen Begeisterung, die wir alle an ihm verehrten, schmetterte er das Lied in den Saal hinaus, es war kein gutes Lied, aber die Wirkung war unbeschreiblich, wobei man freilich nicht weiß, wieviel davon man auf das Konto des außerordentlichen Gastes 7u setzen hatte. Herzl, der damals alle Arbeiten in der Redaktion der ״Welt“ allein machte, war zweifellos auch der Preisrichtergewesen; jetzt saß er da mit unbeweglichem Gesicht, und seine Augen blickten traurig in die Ferne. Wenn ich jetzt nahezu vierzig Jahre zurückblickend nochmnls überprüfe, was ich in jener Versammlung als jugendlicher Mensch erlebt habe, so fällt mir neben dem bereits Gesagten eines auf: Es bestellt unter den Allcrweltsjuden von heute «ine Neigung, bei Schriftstellern und Denkern das Dunkle und Tiefsinnige allen anderen Tugenden des Geistes vorntziclicn. Weder Herzl noch Nordau konnten in diesem Punkte befricdigen. Sic waren beide auf das Aeußerste gebildet, Nordau zumal war ein ganz universeller europäischer Geist, der vor allem auf dem Gebiete der Naturwissenschaften und der Philosophie, aber auch In der Geschichte ein umfassendes Wissen bekundete. Herzl war von der etwas seichteren, aber doch noch immer hervorragenden Bildung eines Journalisten von Weltruf. Tiefsinn aber gab cs bei beiden nicht. Da war keine Problematik, keine Lust am Theorctisicrcn, sondern eine ganz großartige Einfachheit, die alle ihre Reden beherrschte und die man heute noch in ihren Schriften erkennen kann. Beherrscht, ja besessen allein von ihrer Idee maitressc, daß ״das jüdische Volk wieder autonom werden müsse“, so traten sie uns gegenüber, und so blieben sie vor uns stellen vom ersten bis zum letzten Tage ihres Lebens und Wirkens. Und instinktiv empfanden wir, daß das so sein mußte, und daß das Gegenteil das falsche, das — Oolus war. Während man bis dahin unter dem Ohettogeist nur jene Acngstlichkeit, Lcisctrctcrci und moralische Schwäche der Entjudeten verstand, erklärte Herzl zum erstenmal, daß es nicht nur ein moralisches, sondern auch geistiges Golus gab: Einfache Dinge kompliziert zu sagen, Klares mit dem Schleier der Mystik und Erlcbnishaftigkeit zu verdunkeln, Tiefsinnigkeit statt Gcraiisinnigkeit, Probleme zu entdecken, nur um die Lust zu bt> friedigen, sic wieder zu lösen, das alles war für Theodor Herzl — er hat cs uns oft gesagt — Ghetto und Golus. Er hätte es weit von sich gewiesen, als ein ״Geistiger“ zu gelten. Er diente seiner einfachen und klaren Idee maitresse, war bis zum Rande von ihr ausgcfüllt und wollte nichts anderes als diese Idee. Die Nachfolge Hcrzls und Nordaus, den man Immer in einem Atem mit ihm nennen muß, hat erst durch die Heraus* arbeitung der Gegensätze bewiesen, wie richtig dies altes war pnd woher cs kam, daß keiner, aber auch kein einziger dieser Nachfolge auch nur im entferntesten das Echo im Volke finden konnte, wie dieser Theodor Herzl. Erstaunlich, wie die großen Rabbinen Polens und Rußlands auf ihn geflogen sind, wie die Motten auf das Licht. Erstaunlich, daß niemals auch nur eine Stimme der Opposition gerade aus diesem volljüdisehen Lager kam. All diese Rabbinen spürten in ihm, das heißt in einer seiner einfachen Größe und großen Einfachheit, das verwandte Blut und Geist von ihrem Geiste. Hatte Maimonides nicht in den Zeiten des Ghetto gelebt? War er nicht durch die arabische Kultur gegangen wie nur irgendeiner, ja, hatte er nicht Jahre seiner Jugend als ein islamischer Marannc in Nordafrika gelebt? Und doch war dieser Maimonides kein Ghettojude gewesen. Und hier war auf einmal wieder einer und nicht bloß einer; der durch die deutsche Kultur gegangen war, wie Maimonides durch die arabische, sondern ein Jude, der ganz vom Rande des Judentums hergekommen war, aber mit der grandiosen Konzeption eine» simplen, fast schon für ein Kindergemüt faßbaren Gedankens die jüdische Welt erschütterte, und nicht allein die jüdische Welt. Der ist’s, rief das Volk und riefen seine Führer. Und sie wußten, warum er der einzige war, der berufen schien, die Last des Volkes auf seine Schultern zu nehmen. Es heißt dcni^ anerkannten Namen Achad Haams als hebräischen Schriftstellers und Denkers keinen Abbruch tun, wenn man heute schreibt, daß er eine typische Goluserscheinung war. Als ich — auch damals noch ein junger Mensch — seinen gegin Herzl gerichteten Aufsatz über ״Die Juden von gestern“ las, war mir vollständig klar, daß dieser Mann wohl Scharfsinn, ja sogar Tiefsinn haben mochte, eines ihm aber gerade nach seiner geistigen Veranlagung fehlte und fehlen mußte: Als einer der Wenigen, die noch die große Figur Hcrzls persönlich auf sich cütwirkctt lassen konnten, ziemt cs sich, bei diesem Gedenktage auch meinerseits das Wort zu ergreifen. Leider beschränkte sich meine persönlich« Berührung mit Herzl fast nur auf seine letzten beiden Lebensjahre. Herzl hatte mich zwar bei einem seiner kurzen Aufenthalte in Berlin irn Jahre 1898 besucht (wohl auf Anraten meines Schwiegervaters Gustav G. Cohen, Hamburg), aber für eine intensive Mitarbeit konnte er mich nicht gewinnen, da ich keinen Platz für fruchtbare Tätigkeit meinerseits in der Bewegitng sah, solange sie sich noch ausschließlich mit den politischen und finanziellen Grundlagen zu befassen hatte; auch zweifelte ich an echten politischen Erfolgen, solange nicht für eine größere wirtschaftliche Basis In Palästina die Fundamente gelegt seien, immerhin erhoffte ich sie durch die Arbeiten der Kolonialbank, an der ich mich auch beteiligte, und zollte der Energie, der Ausdauer und der Geschicklichkeit des Leiters der Bewegung von Anfang an meine größte Hochachtung und Bewunderung. Mein Eintritt in die Bewegung datiert erst, als ich bei der Einleitung der ׳ Sinai-Expedition Anfang 1003 ein Tätigkeitsfehl für midi fand, wenngleich ich leider verhindert war, wie ursprünglich beabsichtigt, selbst darr:1 teilzunehmeii, Personlieh kam ich mit ller/l erst wieder zusammen, als ich mit Dr. Eranz Oppenheimer und Dr. Soikin nach Wien berufen wurde, um dem Aktious-Comite Vorr •hliige zu machen behufs Beginn der Kolonisationstätigkeit in Palästina durch vorbereiteude Institutionen, mit Vcrsuchsstatlc 1, Lehrgut und genossenschaftlichem Gut. Mit der Annahme einer Palästina-Kommission auf dem (>, Kongreß (also noch zu Lebzeiten Hcrzls) begann dann auch für mich die. Periode dauernder Mitarbeit, leider zu spät, 11m mich noch der vielen Anregungen und Förderuiigcn erfreuen zu dürfen, die dn Mann von der geistigen Rührigkeit der Phantasie und der intuitiven Vorausschau wie Herzl unserem Komitee hätte bieten können. Herzl war ja auch in den wenigen Monaten, die ihm nach dem Kongreß noch blichen, viel zu sehr mit politischen Dingen beschäftigt (Charkow, Italien, Papst, Plchwc, Türkei, Uganda), als daß er sieh für unsere kleinen Ziele, die er ja eigentlich nur widerwillig den ״praktischen“ Zionisten konzediert hatte, wirklich cinzusctzcn in der Lage war. Auf dem 6. Kongreß, auf dem ich noch öfters mit Herzl in persönliche Berührung kam, machte Herzl doch schon einen recht müden Eindruck, wenngleich ja seine fabelhafte Energie in den Debatten um das Ugandaprojekt und gegen die sonstige Opposition bewundernswert war. Auch hatte er den Sinn für Humor und sarkastische Ironie durchaus nicht verloren, und bei manchen Gesprächen auf der schönen Rheinterrasse des Hotels Trois Rois (wo auch ich wohnte) zeigte er sich in altgewohnter Weise als charmanter Causeur. Jedenfalls war dieser Kongreß eine der interessantesten Perioden meines Lebens, und die unvergleichliche Figur Herzls ist seitdem tief eingeprägt in meinem Gedächtnis verwurzelt. Ich möchte aber diese Aufzeichnungen nicht schließen, ohne auch dio Eindrücke mitzutcilcn, die tncirt 1906 verstorbericr Schwiegervater Gustav G. Cohen in einem längeren Manuskript über Kongreß-Eindrücke betreffs Hcrzls aufgezeichnet hat. Wie vielleicht nicht allen bekannt sein dürfte, gehört Gustav G. Cohen zu den sog. ״P r a c z. i o n 1 s t e n“. Im Jahre 1830 in Hamburg geboren, ging er 18jähr. nach Südafrika, erwarb dort in einem Exportgeschäft ein beträchtliches Vermögen, kam 1868 nach Europa zurück und siedelte sich nach lOjähr. Aufenthalt ln Manchester als Rentner in Hamburg an. Dort beschäftigte er sich viel mit jüdischen Hilfsaktionen, erkannte früh die immer unhaltbarer werdende Lage des Judentums und schrieb 1885 eine nicht im Handel erschienene Abhandlung, betitelt ״Drei Stadien“, in der das in drei Generationen vollendete Aufgehen der Juden der westlichen Länder in die Umwelt geschildert wird. Einige Jahre später lehrte ihn der Roman ״Daniel Deronda“ von George Eliot den einzig möglichen Ausweg aus der Judenmiscre. Er verfaßte die 1891 als Manuskript gedruckte Broschüre ״Die Judenfrage un,d die Zukunft", in der er bewies, daß es, uin den Namen ״Jude“ eben jener Instinkt für die einfache klare Größe des Mannes, der den Zionismus geschaffen hat, obgleich der Zionismus schon vor ihm dagewesen ist. Das Fehlen dieses Instinktes, das und das allein ist Golus, cs ist <L*r Mangel an Qradsinn, die Lust an der Theorie und der Problematik und vor allem der Tiefsinn, der fast immer nur das Talent derer ist, die eine einfache Sache nicht mehr einfach zu sagen vermögen. Allerdings kommt noch eines hinzu — und hier möchte ich von jenem geschilderten Jugenderlebnis her mich an die zionistischc Jugend von heute wenden: Ich sprach von der Bildung Theodor Hcrzls, er hat den Sozialismus gekannt, den Materialismus studiert, seine geistige Wiege stand bei Darwin und Haeckcl ebenso wie bei Spinoza und Kant. Von dem Augenblicke an, wo er den zionistischen Gedanken konzipiert hatte, nahm er alles in sich auf, was vom Wissen und den Bewegungen der Zeit ihm zugetragen wurde. Er nahm es auf, aber nichts erschütterte ihn mehr, nichts konnte ihn er• schlittern, weil das Allcinausfüllendc seines ganzen Wesens die Not seines Volkes und sein Judentum war. Besteht die eine Seite des Golusgeistes in der Denkart des Problematischen und Tiefsinnigen, so die andere in der Charakterschwäche derer, die von allen Zeit- und Geisterscheinungen umgeworfen werden. Herzl büeb immer derselbe und wird ewig stehen bleiben als der große Wegewart seines Volkes, an dem die Geister sich scheiden. Die Aufgabe der zionistischen Jugend aber ist es, in seinem Geiste zionistisch zu sein, und das heißt jüdisch. Ein Graphologe hat einmal die Schrift Herzls als die Schrift eines ganz barten Menschen gedeutet. Wenn das wahr ist, so möchte ich in dieser Härte nichts als jene Unbeirrbarkeit selten, von der er damals sprach und mit der er seinen einfachen Gedanken bis zur letzten Konsequenz verfolgte und diesem Gedanken sein Leben weihte bis zum letzten Opfer. So wird Theodor Herzl stehen bleiben als das Bild des neuen Juden, an dem sich Israel wieder erneuern kann, wenn es ihn recht begreift. . wieder zu Ehren zu bringen, nur einen Weg gibt, die nationale Wiederherstellung im alten Stammlande Palästina. In seinen Aufzeichnungen über die Kongreßeindrücke schildert Cohen auch, wie sich seine Beziehungen zu Herzl entwickelten, und es di־״fte auch weitere Kreise intessicren was er über Herzl schreibt. ' Cohen, der sich auch bei der Vorbereitung des Jewish Colonial Trust beteiligte, und an den grundlegenden Konferenzen Oktober 1898 in London teilnalim, interessierte sieh von Anfang an eifrig für alle zionistischen Dinge. Er nahm mit Ausnahme des Winterkongresses (Dezember 1901) an allen Kongressen bis zu seinem Ableben teil und stand auch mit Herzl, namentlieh in der ersten Zeit, in reger Korrespondenz. Die 11erzischen Briefe, von denen einige von Ad, Friedemann in seinem Büchlein ״Das Lehen Theodor Hcrzls“ veröffentlicht oder exzerpiert sind, wurden von den Erben Cohens der National- Bibliothek in Jerusalem übergeben. Herzl hat Cohen aufrichtig geschätzt als ״liebenswürdigen, Vorsichtigen Ratgeber“ (Tagebücher 111, S. 136) und schreibt am 3. September 1897 nach Beendigung des 1. Kongresses in seinen Tagebüchern (II p. 27): ״Die besten Erinnerungen aus diesen Kongreßtagen sind mir ein paar Plauderviertclstündeben nachts auf dem Balkon des Hotel Trois Rois mit dem alten, feinen Bankier Gustav G. Cohen, den ich nach dem kleinen französischen Wein, den er bei Tische trank, ״Beaujolais flauri“ zubenannt batte.“ Kongreß * Eindrücke Von Gustav G, Go 110 11. ... Ai» ich eine» Tn«!יי meiner Gewohnheit gemäß im Lei•• »immer der llmulmrgor RnrtcnhaRa dio Zeitungen durchblätterle, fand ich, ich glaube cs war in der ,,Jüdischen Presso", »11 meiner freudigen üeherra»! hung einen Leitartikel, betitelt ״Der Judcnstaal‘', Man sprach von dem talentvollen Verfasser, Dr. Theodor Herzl, dem Mitarbeiter an der ״Neuen Freien Pr• .׳וי“, war erfreut, daß da» Interesse für da» Judentum auch an früher fremd gchlirlienrn Orten erwache, bedauert« •hör, daß der Verfasser da« Wunder all den Hauplfaktor bei »olcbetn Wiedereraleben der Nation ignoriere. Ich ließ mir »ofort di« Brmclidr« kommen. Beim Le«en der eralen Kapitel war ich förmlich liegnistcrt. liier fand ich dieselben Gedanken, welch!) ich »o lange im stillen gehegt, in der klaren, kräftigen Sprache der l lelzer/eugmig »!!«gedrückt. Was ich ab ein Gebilde ferner, ferner Zukunft vor mir gesellen, — hier ward die Verwirklichung von der Gegenwart verlangt. Aller eine gewi.se Lnttäusehung und Besorgnis hcinärhtigto sieh meiner, als ich »u jenen Kapiteln kam, in welehen der Verfasser den Ausbau de» künftigen Sinais!«׳handelt, Das waren nicht nur Ins« l!111ris.se, vorsichtige Andeutungen, die Bedingungen, unter welchen er sich solchen Staat als lelx-nsfähig vorstellle, — nein, hier war wio im llnndmmlrrhrti ein« Art Verfassung amgcarlzeilel, da« Ganz» mit einer Frische behandelt, din mir an Keckheit, an das Sprunghafte zu grenzen »einen. Im Geist״ malt« ich mir einen jungen genialen, mutvollen, al!er aurli g,1r zu leirhlfertigen Wiener Studenten ans, der bereit war, etwas, was jahrelange aorgfälligo Prüfung und Arbeit an Ort Und filello erfordert«, von seinem Schreibtisch au» mit einom ״vuila Feist juif’ »u behandeln. ‘י* Inzwischen entschloß ich mich doch, ihm meinen Aufsatz *u- ׳• »nsetiden, ohnn meinen Namen »11 nennen. Km mir l>cfrc!m<1ctrr Herr unternahm es, ihm densellien durch einen Verwandten in Wien «!stellen «1 lassen. — Dio Antwort, der ich mit Spannung entgegensah, ließ einig״ Zeit auf »ich warten. Aber was l>r. Herzl jenem Wiener Herrn geschrieben, bereitete mir große Freude —■ wegen de« darin ausgesprochenen Beifalls — auch sprach aus diesem Sehreilsen tiefer Ernst und große Herzlichkeit. — Ich »rhrieb ihm mm direkt und nannte meinen Namen. Aurli ließ ich nun meinen Aufsatz al* Manuskript drucken. ... Irh wurde atifgeforih-rl, mich an den Verlier,•düngen zum Kongreß zu beteiligen, aber ich nahm mir vor, mich vorläufig auf Beobachtung zu beschränken. Am Abend lies 27. August 1897 kamen wir in Basel an. Wir hatten im Hotel ״Drei Könige“ Zimmer 1»- •teilt, und irh erfuhr, daß auch Dr. Herzl dort bereits eingetroffen. Irh »andto ihm meine Karle, und erhielt früh am nächsten Morgen die »eine mit der Mitteilung, er würde mich in wenigen Stunden treffen. Irh erfuhr,!laß er mit Dr. Nordau amgegangen und erwartet« beide mit Spannung. Es dauerte nicht lange, ao «ah ich lieide kämmen und stellte mich sogleich vor, — Herzl war ein״ imposante Erscheinung, groß gewachsen, «rhlank, dunkln Augen, mit denen er mich hei der ersten Begrüßung durchdringend ansah, langer, wohlgrpfleglor, ralzensrhwarzer Bart, Nasa leicht gelingen, ein ״gentlenian", das zeigte der erste Blirk, und »um Führer cinor solchen Bewegung auserkoren, mußte man sieh sagen, Nordau, von kleineren! Wuchs ab Herzl, korpulent, gerade Haltung, große, ))laue, wunderbar leurhtende Augen, der rasrho Blirk liei der ersten Begrüßung ebenfalls seliarf, als wollte er in meinem Innersten lesen. Herzl hat uns, mit ihm auf sein Zimmer zu kommen. Ich fühlte midi zuerst etwa» liefangen, es »rhwnnd indessen bald bei der Eirhrnswürdigkrit ihres Benehmen». Das Gespräch war bald in vollem Gange. Beide hnllen etwas imgcmein Fesselndes. Zwei sehr verschiedene Typen de* Judentum». Herzl erinnerte an dio Bilder assyrischer Könige. Ich fand »pater, daß er auch auf Zangwill ileraellam Eindruck gemacht. Ein Herr au« Eonilon, den ich auf dem zweiten Kongreß kenneiilernle. wandt״ auf ihn da» ״Agamemnon, king of men“ an. Einer »einer ent- »chiodenslen Gegner, ()»wähl Steiner, aprneli von ihm ab 0110״ inan in a million“. I'.iu besonderer Zauber in Erseluinuno, W esen und Rede — entschiedener Weltmann, im Gespräch lebhaft, pikant, auch zuweilen sehr mokant, stet« aber eine gewisse Huho und natürlirhn Würde, 80 »ah ich den vor mir, den ich mir ab einen jungen, etwa* leichtlebigen Wiener Eiteraten vorgrsteilt. Nordau war iiiißerlieh wio im Wesen der Repräsentant eines anderen Typ!!». Der erste Blirk sagte einem, da« sei ein ungewöhnlicher Mann. Dio Rede geistspmdelnil, leirht dahinfließend, schön in Form, dio Worte »eliarf betont und wunilerliar!Iahe! der rasch wechselnde Ausdruck der Augen, Ich erinnere mirli einer «einer Bemerkungen, die mir au« der Seele kam: ״Bedenken Sin immer“, saglo er, »11 Herzl, ״daß Sin für!las 22. Jahrhundert nrlicilrti." Spüler kam die Red» auf die Mannigfaltigkeit der jüdischen Typen, die hier in Basel so recht zutage trat. Hier war Nordau in «einem Element. Sem« Theorie war, daß «ich eine Mischung ganz verschiedener Rassen im Judentum fände. Er unterschied also den mesmwitainisehon oder **syrische« Typus, zu welchem er Herzl zählte, einen äthiopischen all« der zvegypterzeit, dem Zangwill angehörto, einen moabitbrhen, der in mir »einen Ausdruck finden *ollte, u«w. Er war im Begriff, *ueh den «einen zu nennen, hielt alzor in einer Weiio inno, tu» der ich schloß, daß es eine besonders hoho Abstammung »ein müsse, und daß er den Schein einer Renommago vermeiden wollt«, .... Ich habe schon erwähnt, daß Theodor Herzl mir »1» ein wahrhaft Auaerloroner für die Führerschaft in dor zionistischen Bewegung encheint. Da» Imposante und dabei »o Angenehme der Erscheinung, die Liebenswürdigkeit und da» Gewinnende de« Wesen», du Edle de* Charakter» —- auch von ihm könnte man »agon: ״Und hinter ihm im waienlosen Schein« Lag, waa uns alle bändigt — das Gemeine.“

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