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Jüdische Rundschau · 1934-07-03 · Heft 53 (3.7.1934) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 53 (3.7.1934)
Date
1934-07-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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93 > Jahrgang 39 1 gr«*״*gn»f '«׳•■ייי״־ין 1*«״-«־—.^ J״׳. ■»-«׳«» fe Angofarllfll im Auftrag doa Eigentümer* gemao don Boitlmmungon der §§ 53, 54 UrhG vom t. 9,1866 Monufaoturod on Customer'* Oemand Production eur dornende 1׳ 1; 4־r gF"**" ****'Jj gamig» ■ ׳■»! 'sä C-«rHfrfln§ ן״«»י!ן ןך״*»«*י״ן"י■"’""".■1"«־*«""g j..—גו V» j *V *7.133 5־ Preis RM«.25 ן■. t,;״l 11J j Schrtftleltang,Verlag a. iVneelgenverwaltanf 1 Berlin W1S, Melaekeatv.lO | Formet ־. Semmel Nr. J1 Blnm.rcVi 3181/81.7165^70,7240/«. - Ba.ut.pMl• praMmat | R M 2■“ rro Quintl R M 5,75• — Poaiacheck Konten der Abonnement•- Abteilvnp || Berlin 71573 (iür GroÄ- Berlin), Berlin 17 392 (für de■ übrifie Reich). Auilende* I beru! In jeweiliger Lendeiwührun«. — Erechelnt ]*den Dleniteg and Freitag. BERLIN כ׳ תמוז תרצ״ד DIENSTAG, 3. JULI 1934 Anietgentartfi Die t2|«ap,Uane Millimeter-Zelle RM —30, Iür Stellengeeuche RM —JO, iilr Femfllennecbrichten RM — 45. Einrelenrelge» nur!•!•«ו Vor•״•• reWtm* •nt Poe,•check-Konto Berlin 71618 oder in der Anreigen-Annehrae Montag bie Freitag 0—18 Uhr AnnahmeachluA Iür die Dienatag.Auagabe Monte! 10 Uhr tür die Freitag. Auag.be Mittwoch 13 Uhr (Farallienenielgan bla Donnenteg 10 Uhr) |0«r Zionismus erstrebt tOr das Jüdische Volle die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm•* —11 ..- .ni...■ , ,״ . ו . . ך״׳-> ך־־"׳) ץ"׳־׳^ ץי־־־״׳/ן I ן 1 J ״. ) ן | 1 \\ { KJ Zu Theodor Hersls S©. Todecta Htng 1 Heute vor dreißig Jahren ist Theodor Herzl in ן Edlach hei Wien gestorben. Der 20. Tammus fiel damals wie in diesem Jahre auf den 3. Juli. Wenn man in jüdischen Zeitungen jener Tage blättert, ikami man das ganze Malt der Trauer und Verzweiflung ermessen, die auf die Nachricht von Hcrzls Tode das 111/0;״ jüdische Volk ergriffen hat. So sehr hatte man Hcrzls Figur mit der zionistischen Sache identifiziert, 11,111 einen Moment lang das Gefühl des Verwaistseins sieh mit der Befürchtung mischte, das Ende der Be• wegung sei gekommen. Aber der Zionismus war, wie auch Her/I wußte, nicht ein Zufallsprodukt der Phan• fasie, sondern ein Produkt historischer Gesetze. Herzl halte eine geschichtliche Konstellation erkannt, die mit zwingender Notwendigkeit zu einer Selbstbesinnung und neuen Aktivierung des jüdischen Volkes führen mußte. I r gab sich ila/u her, Werkzeug zu sein, sein Leben wurde schnell verbraucht. Gerade uns Juden von 1934 Ft es klar geworden, wie gewaltig sein Werk war, l:r ist uns nabe. Wir stehen noch heute vor denselben Problemen: seine vor vier Jahrzehnten geschriebenen ,Worte klingen wie für uns Heutige gesprochen. Der Zionismus hat inzwischen vieles erreicht, wo• von Herzl nur träumte. In seinem erschütternden utopi.tischen Roman ״Altneuland“ entwirft Herzl voraus• ahnend Bilder, die fast genau so Wirklichkeit geworden sind. Der Hafen von Haifa, das Elektrizitätswerk, das Genossenschaftswesen, sogar jene Szenen von den früher anti/ionistisclien Juden, die am palästinensischen Strand promenieren und teils das Witzeln noch immer nicht lassen können, teils so tun, als ob sie immer schon dazu gehört haben, sind eingetroffen. Für Herzl war dies alles nur Vision; aber, so sagt er am Schlüsse des Buches, ״Traum ist von Tat nicht so verschieden, wie mancher glaubt. Alles Tun der Menschen war vorher Traum und wird später zum Traume“. Der heutigen Generation ist die Durchsetzung zionistischcr Erkenntnisse und Postulatc bereits eine Selbst• Verständlichkeit. Sic kann nicht mehr begreifen, daß Hcrzls Auftreten einmal ein revolutionäres Ereignis der jüdischen Welt gewesen ist. Was Herzl uns gegeben hat, war nicht nur ein neues konkretes Ziel, sondern, was viel wichtiger ist, ein neuer Geist. Hcrzls Auftreten bedeutet darum eine Revolution im Judentum, weil zum ersten Male gegen die Skepsis und Trägheit eines müde gewordenen Volkes eine Kraft erstand, die zur Erhebung und zur Tat aufruft. Herzl selbst gehörte zu jener Litcratenschieht, die gcschmcidig überall zu Hause war, und zwar mit klugen und oft wohlgcformtcu Reden die Ereignisse begleiten, aber nicht selbst schaffen konnte. Es gibt, von Herzl einen Brief aus der ersten Zeit seiner zionistischen Betätigung, worin er an seiner eigenen Person exemplifiziert. Auf die an ihn gelangte Einsendung eines zionistischen Entwurfes antwortet er: ״Zur Zeit als Ihr Freund jene Worte niederschricb, war ich noch ein spöttischer Jude, der wahrscheinlich gelacht hatte, wenn ihm diese Aufzeichnungen zu Gesicht gekommen wären. Aber cs ist in mir eine Wandlung vorgegangen, die ich als das Glück und den Stolz meines Lehens empfinde.“ Die ״Wandlung“, von der Herzl hier spricht, ist das wesentliche. Vielleicht das wesentlichste, was Hcrzls Gc* st,31t für das Judentum des 20. Jahrhunderts ent sehe i« (I c n d macht. Denn er hat einen neuen Typus Juden geschaffen, das ganze Volk, soweit es mitfühlte, hat durch ilm neue Vorstellungen von Größe und Adel Bekommen. Nicht der ״Geldjudc“ war jetzt der Führer des Judentums, sondern der ״Geistesjude“. Herzl hat ein neues Ethos in das Judentum gebracht. Sein Auftreten bedeutet eine bewußte und radikale Abkehr nicht nur von den unwürdigen Lebensformen der leidenden jüdischen Massen, sondern von der Vorstellungswclt, in der damals das offizielle Judentum steckte. Es war eine Kampfansage an den Eigennutz und die Enge fies rein persönlichen Opportunismus. Die Triebfedern Hcrzls waren nicht politischer, sondern moralischer K'atur. Er fühlte, daß die Juden so nicht leben könneiQ daß es moralisch unerträglich ist, und er empfand auch die Schmach der ״mächtig“ gewordenen West-!«den, für die ihre unglücklichen Stammesbrüder hochstens ein Objekt der Wohltätigkeit waren. Es ist nicht zu Verwundern, daß die Mächte von Gestern ihm einen sch<n I ׳1 t l L lfc_— -—_____--i --_> nungsiosen Kampf ansagten. Zuerst war er überrascht, denn in seiner Naivität hatte er gemeint, map brauche eine Erkenntnis nur atiszusprcchcn, um alle von ihrer Richtigkeit zti überzeugen. Dies war ein Irrtum, denn stärker als die Erkenntnis der Wahrheit ist bei der Mehrzahl der Menschen die Sorge um ihre persönlichen größeren und kleineren Interessen. Herzl war einer der angesehensten( Journatisiciv an einem der größten Welt* blättcr Europas. Er hatte ,als selbstverständlich atigenommen, daß die; Zeitungen,, ebnen er nahestand, ihm für seine’ Pläne zur Verfügung stehen würden. Weit gc• fehlt! Die sogenannte ״Judcnpressc“ wollte• von einer offenen Vertretung -jüdischer Interessen nichts wissen. Es gehörte zu Hcrzls tiefsten Enttäuschungen und schwer• sten Kränkungen, daß auch seine eigene Zeitung, die vOn Juden geleitete ״Neue Freie Presse“, den Zionismus systematisch totschwieg. Es ist nicht allgemein bekannt, daß die ״Juden-Prcsse" sich jüdischen Bestrebungen auf das entschiedenste widersetzte. Wir Zionisten sind weit entfernt von einer Heroisie• rung von Menschen, Wir sehen auch Herzl historisch, als eine rninaligc Gestalt, in vieler Hinsicht zeitbedingt, In einer Zeit, wo so viele die Rückkehr Ins Judcnlnnd vollziehen vor der Heimkehr ztim Judentum, feiern wir zuin dreißigsten Male das Gedächtnis des Mannes, dessen wesen• haffestes Wort in dem Satze bestand: ״Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenlaut!.“ Daß er bei dieser Formulierung das Judentum mit dein reicheren Worte der Heimkehr bedachte, hatte bei der gcschlif• fenen Großartigkeit des Stils, die diesem Manne eigen war, eine tiefere Bedeutung. Er wußte, daß die Welt unter Zionismus nichts anderes als das Streben nach Palästina verstehen würde. Für ihn war er mehr, und er wollte ihn nicht begreifen ohne das weitere Judentum, dessen Quelle lebendig und warm in seinem Herzen• ■sprudelte. Er wollte nicht das Land erlösen, sondern sein Volk, und die tragische Uganda-Sache bewies zur Genüge, daß er lieber das Land aufgegeben hätte als sein Volk. Für die ״Ich-bin-am-Ziel-Stimnuing“ gewisser Chaluzim, die in dem Augenblicke, wo sic das Land betreten und mit ihrer opferbereiten Arbeit das Land zu erlösen beginnen, nicht mehr an das leidende Volk im Golus denken, hätte er kein Verständnis gehabt, und wenn ihm einer auf dem Boden des Heiligen Landes in bezug auf das jüdisch-religiöse Leben gesagt hätte: ״Wir haben das hier nicht mehr nötigI“ — 1« hätte er diesen Menschen mit seinen schwermütige« Augen angcschaut, den Kopf geschüttelt und geschwiegen. Der diese Meinung hier äußert, ist ein Zionist von 1897, und wenn er heute an Hcrzls dreißigstem Todestag des Schöpfers der Bewegung gedenkt, so kann man zweierlei von ihm erwarten: erstens, daß er aus dem Schatze seiner per-, sönlichcn Erinnerungen das Bild des Führers neu erstehen läßt, und zweitens, daß er von der Wirkung berichtet, die Gestalt, Wort und Gedanke Theodor Hcrzls in jenen Anfangstagen der Bewegung auf die Zeitgenossen gehabt hat. Hier redet einer, der ihn kannte, ihn hörte und der mit blitzartiger Erleuchtung unter dem Eindruck der unvergleichlichen und in seinen politischen Konzeptionen, Handlungen voller Irrtümcr. Das Wesentliche an Herzl ist für uns sein Leben und seine moralische Persönlichkeit. Er hat das jüdische Volk dazu befähigt, etwas Neues zu wollen, er hat den Juden ein starkes Rückgrat gegeben. Er hat die Assimilation entlarvt, lange bevor sic ihre unheilvolle Krise erlebte. So ist er der Schöpfer des neuen Judentums unserer Tage geworden. Noch heute ist sein Leben, sein Werk, sein Geist nur wenigen Nichtjuden bekannt. Noch immer werden wir Juden mehr nach Menschen beurteilt, die in keiner Weise mit der jüdischen Sache verbunden sind und sich selbst nie als repräsentative Juden gefühlt haben, als nach einem Mann, der der jüdische Führer war. Die neue Generation der Juden aber — ob sie es weiß oder nicht — formt ihr Leben nach Idealen, die von Herzl erweckt wurden. Zehn Jahre nach Hcrzls Tod hat Martin Bubcr wohl am eindringlichsten gesagt, was Herzl dem neuen jüdisehen Volk bedeutet. Es ist noch heute, und heute vielleicht mehr als je, gültig; und wir können nichts Schonercs hierher setzen, wenn wir Theodor Hcrzls gedenken: E» gibt keine Befreiung des Judentums« keinen Weg 7.u einem neuen Judcnvolkc, ohne Ucbcrwindung der Problematik. So allein können die schöpferischen Ins. ulkte losgemacht werden. Denn die Problematik ist die Hemmung des Schöpferischen. ... Das, worauf cs für uns heutige Juden, die wir In der Krisis, In der Entscheidung, Im Uebergang stehen, vor allem ankommt, Ist nicht das denkende, sondern das handelnde Leben. Theodor ,Herzl Ist ein Führer zum handelnden Leben. ... Und nun fühle Ich es, wie Ich es noch nie fühltet!daß wir verwaist sind. . Und nun weiß Ich, wie ich cs noch nie wußte, was uns ,fehlt. . Nicht dieses oder jenes Programm. Nicht diese oder jene Methode. Nicht diese oder jene Arbeit. Nur OröBel Theodor Hcrzls Fahrten nach dem Ziel mögen Irrfahrten gewesen sein. Aber wenn er von seinen Fahrten sprach, zitterte die Seele der Millionen vor Sehnsucht, vor Erwartung, vor Glück. Vor Glück über Ihn! Vor Größe, vor Größe durch seine Größe zitterte die Seele, die stumme Seele der Millionen, wachte, stammelte, lebte. Aus solchem Leben allein kann das neue Volk geboren werden, das wir ersehnen! Reine Kraft! Einheit! Größe! Um dieses Eine laßt uns das Schicksal blttenl“ neuartigen Erscheinung dieses Mannes in jungen Jahren eine Erkenntnis hatte, die ihn seitdem nicht mehr verlassen hat Das war niclit etwa nur die Erkenntnis der zionistischen Idee im engeren Sinne, sondern die Erkenntnis jenes ״größeren Zionismus“, der mit viel mehr als mit Jmlcnstaat und Palästina zu tun batte: cs war die Erkenntnis dessen, was ״Golns“ ist und was als geistiges Golus abgelehnt werden muß. Der ganze Herzl, wie er vor uns stand, war der Gegenpol all dessen, was man unter diesem Begriff zusanunenfasseit konnte, er wurde von uns, das heißt von den jungen, damals so empfunden, und cs war ein ganz instinktives Empfinden, das uns unter die Führung dieses Mannes trieb, der in bestimmtem Sinne gar kein richtiger Jude war, sondern etwas Neues, Unerhörtes und unendlich Freies und Großartiges. Es war an einem heißen Julitagc des Jahres 1808, als Herzl zum erstenmal uns in Berlin besuchte. Mein Vater, der Berliner Arzt Dr. Bernhard Colin, der am selben Tage mit Hcrzls ״Judenstaat“ eine aufrufende Broschüre ״Vor dem Sturm" hatte erscheinen lassen, saß als zweiter Vorsitzender der Berliner Ortsgruppe neben dem jugendlichen Heinrich Loewc und hatte mich an jenem Abend mit ins Hotel ״König von Portugal“ genommen. Dort waren die Gesinnungsgenossen versammelt, da an jenem Abend Herzl zum erstenmal zu ihnen sprechen sollte. Der nicht allzu große Saal war voll. Da war der kleine Estermaiin und entzündete mit seiner Bcgciste* rung und seinem klugen Witz alle, die um ihn saßen; da saß die exaltierte Frau Scliildbcrger, deren blaues Samthütchen vor Begeisterung von einem Ohr auf das andere rutschte; da waren Friedemann und Zlocisti und die ganze alte Garde, eine gemischte Gesellschaft von West- und Ostjuden, die sich mit Singen und mit Reden auf Herzl wartend die Zeit vertrieb. Damals war die Nationalhymne noch das schöne Lied ״Dort, wo die Zeder schlank die Wolke küßt“, und es wurde an jenem Abend nicht einmal, sondern viele Male gesungen. Es war glühend heiß im Saal, die Gasflammen machten den Raum noch heißer; es wurde Mitternacht und Herzl kam nicht. Endlich um ein Uhr nachts verstummte der Ein Erinnerungsblaii Von Emil Bernhard Cohn,

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