Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 51 (26.6.1934)
- Date
- 1934-06-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU % ,״1׳ ausschließlich der Heiligung des göttlichen Namens. Der reugewonnene Standpunkt dagegen erkennt eine eigene lie« deutung das Lehens an, durchdringt cs aber; mit religiösen Ideen. Die Kenntnis der jüdischen (Jeschichte soll hier nicht dam atdlordern, ein religiöses Lehen zu führen; vielmehr soll sie neben vielen anderen pädagogischen Aufgaben auch die Bedeutung Her Religion aut dem Wege des Judentums durch die Geschichte aul/eigen. II. Aus den verwandelten Beziehungen zwischen Religion und Ku für, welche am Leitfaden der verschiedenen Anschauungen jüdischer Geschichte gezeigt wurden, ergehen sich die verschicdensten Folgerungen für die Gestalt der j üd i 1s c h e n Erzieht!!1 g. Der theologischen Auffassung entspricht eine Pädagogik, wie sie in dem F.rzichungswcrk der gesetzestreuen Judeniteit gestaltet wird. Dir innige Durchdringung jüdischen Lehens und jüdischer Kultur mit der Religion verleiht diesem Erziehungswerk eine kaum zu tibertreffende Einheitlichkeit des ganzen der Heiligung dienenden Lebens. Nach der dualistischen Anschauung ist die jüdische Geschichte auf der einen Seite Gcistcsgeschielitc. Das ihr entsprechende Menschenbild ist der intellektuelle Jude, der aus dem Denken, aus dem Verstände heraus sein Leben nach den ethischen Normen des Judentums gestaltet. Inhalt dieser Piida« gogik sind die Litcrafurcrzcugmsse des jüdischen Volkes. Es ist zu verstehen, daß — vollends unter dem Einfluß der Assimilafioiishcstrebuiigen des vergangenen Jahrhunderts — so viele Juden aus einer Gemeinschaft flüchten wollten, die mit Geboten an den Menschen hcrankant, deren ursprünglicher Grund nicht mehr gesehen wurde und welche daher, ratio« nalislisch betrachtet, vielen Menschen nicht maßgebend sein konnten. Judentum aufgefaßt als Schicksalsgemeinschaft, die andere Seite der dualistischen Geschichtskonzeption, orientiert das Leben am Geschehen, am Geschick, tias ausschließlich als ein passives Erleiden aufgefaßt wird. Der Mcnschentyp, weicher dieser Anschauung entspricht, ist der der Vergangenheit zugekehrte Märtyrer. Inhalt der Pädagogik sind die Beweise des Leidensweges. Wiederum ist es begreiflich, daß die Jugend sich von einer solchen deprimierenden Erzichiiiigsstimmung und •gcstaltung lossagt, wie cs in der Jugendbewegung seit der Jahrhundertwende auch tatsächlich geschehen ist. Denn Eigenart der Jugend ist cs, mit dem Gesicht der Zukunft /!!gewandt zu sein. Aber — und hier setzt vor allein die Leistung des Zionismus ein — die Jugend flüchtete nicht mehr wie die vom Judentum unbefriedigten Menschen des 19. Jahthtinderfs aus einer Gemeinschaft hinaus, weil sic für ihre Entwicklung nichts bieten konnte. Sic wollte sie, im Gegenteil, uniformen und netiaufhauen. Hier macht also die Pädagogik eine produktive Wendung. Die Entwicklung zur jüdischen Kulturgemcinschaff setzt ein. Zunächst beschränkt sie sich darauf, wie es in der psychologischen und soziologischen Auffassung ge- Schicht, die jüdische Gegenwart als Ausgangspunkt zu hestimmen. Nicht Dokumente und Tatsachen der jüdischen Vergangenheit und des geistig-intellektuellen Lebens bilden den Inhalt einer solchen Pädagogik, sondern das jüdische Leben, wie es sich in Strömungen und Bewegungen, Kämpfern und Wollen d.irstellt. Jetzt spricht man von der Eigenart des 0'"dischcn Menschen, betont wiederum die gleiche Abstammung. nd wie in der natürlichen Familie bildet das gemeinsame Leben und Streben den Inhalt der entsprechenden Pädagogik. Man ist gegenwartsnah, aber ntan sieht doch, daß die Riehtung des jüdischen Weges in die Zukunft weist. Man will v« •neu aufbaucn, aber man sicht im Galuth keine Möglichkeit zu einem totalen Leben; cs wird daher auch kein Fingerzeig gege« . ben, wie außerhalb von Palästina der Weg in die Zukunft zu bauen ist. Inhalt dieser Pädagogik ist die Vorbereitung auf Ercz Israel. Dagegen bietet die Auffassung des Judentums als cinef KtiKurgemeinschaft die Möglichkeit zu einer umfassenden Erziehung auch im Galuth. Sie erkennt ihren eigenen Grund, die Eigenständigkeit ihrer kulturellen Formen. Sie ist voraufwortungsvoil in die Zukunft gerichtet, denn Kultur erhält ihren Sin» ja erst, wenn sic von Generation zu Generation weitergegeben wird. Nunmehr ist also der Boden bereitet, um in der jüdischen Gemeinschaft der Diaspora die Einheit aller Lebensfunktionen 7u verwirklichen. Sie schließt die belebende Wirkung von Palästina nicht aus; 1m Gegenteil: sie ist auf sie als Kraftström angewiesen. Hilde Ottenheimer. Die Psomimbüdise Aus Familienbesitz erhalte ich heute einen Fisch zum Geschenk, ich komme nach Hause und zeige ihn meiner Frau mit den Worten: ״Sieh diesen Fisch, den ich gefangen, wie keiner mir ins Netz gegangen". Es ist ein silberner Fisch, kein Goldfisch, s״ etwas geht einem heutzutage nicht mehr ins Garn. Seine abdominalen Glieder sind beweglich, der Kopf ist abziehbar, enthält dort, wo 1n natura die Kiemen sitzen, einen Hohlraum zur Aufnahme der Gewürze. Der Fisch hat auf jeder Seite eine gutausgebildete silberne Flosse. Der Kopf ist besonders detailliert ausgeführt, das Maul stark und realistiseh ziseliert, die Augen ein paar kleine Steine. Alles hamlwerkliche Arbeit, derb, in beinahe bäuerlichem Stile, aber mit starkem Sinn für ,Wirklichkeit. Das Fischsvmbol findet sieh bei den Juden der späteren Zeit überaus selten, da cs ja bekanntlich schon in der Christliehen Friihzeit als christliches Symbol galt. Mein Fisch nun hat eine lange Geschichte, er stammt aus der berühmten Rabbinerfamilie des Sch a ja Prager Rutt. Diese Familie war sehr groß und hat zeitweise an die 22 Rabbiner gezählt, die zu gleicher Zeit tätig gewesen waren. Prager Ruff wird uns als ein Rabbiner von unerhörtem Ansehen geschildert, zu dem die Juden von weit her kamen, um sich Rat und Trost zu holen. Sein Grabmal und das der Familie wird noch heute auf dem Judenfriedhof in Warschau gezeigt, eine ewige lampe brennt in dem mausoleumartigcn Raume, alltäglich betet ein frommer Jude an seinem Grabe, ungezählt sind die Steine, sind die Zettel, die auf seinem Grabe abgegeben werden. — Von ihm erbte sein Sohn Menasse Muszkat, ebenfalls ein be« kannter Rabbiner, ein frommer Mann (ich sehe ihn noch heute vor mir 1m großen wallenden Bart), gekleidet im ein« fachen schwarzen Kaftan, die Lenden gcgiirtclt, den Fisch. Fische kommen als Symbol immer paarweise vor, das geht zurück bis zu den ältesten babylonischen Zeichen des Tier« kreises ״Pisccs“. Und so bat auch dieser Fisch seinen Bruder, aber — und das ist das interessante — keinen weiteren. Der ahdere ist übers Meer geschwommen und befindet sich in England, In der hebräischen Abteilung des British Museum zu London steht ein kleiner Tisch und auf diesem unter Glas ruht neben einigen anderen absonderlichen Kuftgegenständen meines Fisches Bruder. Der Fisch dort hat genau die gleiche Ausführung, die gleiche Länge. Sie beträgt vom Kopt bis zu des Schwanzes Spitze 15 cm und von des Schwanzes Spitze bis zum Kopfe ebenfalls 15 cm, wie der bekannte Ausrufer vön dem Walfisch damals zu des alten Glaßbrenner Zeit zu sagen pflegte. Das Alter des Fisches schätze ich aut etwa 150 bis 206 Jahre. Ich bin Laie und kann mich irren. Dr. Theodor Simon (Berlin-WannsecJ.; Prager Kunsibrief x. r. Prag, im Juni. Das jüdische Theater sucht seit Jahren Werke, die als Verkörperung der jüdischen nationalen Idee von der Szene aus aut die Massen wirken. Man hat lange darüber dis« kutiert, oh das jüdische Theater einfach ein Wcltthcafcr sein soll, das alles spielt, was an Werten existiert, oder ob cs besonders das Jüdische zur Darstellung bringen soll. Eine Frage, die für uns schwieriger zu lösen ist, als für alle Völker. Denn dort ist der Künstler einer Nation gewöhnlich mit ihr identisch; mit ihren Feldern, mit ihren Vorzügen, mit ihrer Art die Nation zu bejahen oder zu überwinden. Bei uns Juden ist das aber nicht der Fall. Man kann ohne weiicrcs ein großes Repertoire zusammenstcllen, in dem jeder Autor Jude ist, ohne daß das Repertoire dadurch wirklich ״jüdisch“ wird. Ujitl mau kann sehr viel Kunst von Niehtjmlcn bringen, die indirekt den Geist und die Geschichte des Judentums spiegelt. Die szenische Aufführung von Handels Oratorium Josua im Neuen Deutschen Theater in Prag hat das bewiesen. Händel ist Deutscher, seine Musik gehört dem großen, gesamteuropäischen Barock au. Sein Textdichter Thomas Morell, der für Handel bedeutet, was da Ponte für Mozart, Piave für Verdi, Meilhac für Offenbach, ist ein durchschnitt« lieber Engländer der Zeit. Aber durch diese szenische. Auf« führung bekommt das Oratorium Josua eine für den jüdischen Zuhörer schlechthin nationale Bedeutung. Demi cs gibt eben kein Bültucnwcrk, in dem die nationale Ocschichte Israels so groß, ja so erhaben dargestcllt ist. Alle beliebten Kategarien und Einteilungen der Musik in ״jüdisch“ und ״nichtjüdisch“ werden angesichts dieses Erlebnisses hinfällig. Hier wird eben mit großer Kunst, mit der einzigartigen Macht des lländelschcn Schwungs ein Stück aitbiblischcr Geschichte dargestcllt. Händel hat die Größe der Dinge mit einer wahr- Haft alttcstanicntarischen Gläubigkeit gepackt und aus einigen Versen des Buches Josua und des 1. Buchs der Richter ein großes Geschehen geformt. Wenn der Zuhörer durch ein riesiges Mögen David iin 3, Akt in den Dämmer des Tempels blickt, in dem Josua das Land unter die Stämme Israels vorteilt, dann erlebt man durch die Musik und durch die Bühne ein Kapitel unseres nationalen Mythos. Man ist Zeuge der Eroberung des Landes. Der Eindruck ist machtvoll. Wie groß wird er bei einer Aufführung in Palästina sein! Die letzten 15 Jahre haben auf der ganzen Welt zu einer Wiedergeburt der Barocktnusik geführt. Ein Kapitel beson« derer Art war die I!ämlelrcnaissancc, die Oscar Hagen in Güttingen mit großer Gläubigkeit eingeleitet hat. Der Saul wurde 1923 in I lannover von dem Regisseur Nlcdcckcn-ücb« liard mit Bewegungschören dargestcllt, später in Münster und Wien der Herakles, schließlich Theodora und Alexander Balus. Diese Bewegung wurde von Herbert Oraf mit dein Belsazar und dein Josua in Frankfurt a. M. und Breslau fortgeführt. Graf, der als Jude die Frankfurter Oper verlassen mußte und jetzt als Gast in Prag auf dem Uebergang zur Oper in Philadelphia wirkt, bat seine Händclcrncucrung nun abermals zusammengefaßt, bereichert durch die Er« lahrungcn seiner ersten Arbeiten und Aufführungen das Werk dramaturgisch neu gestaltet und cs mit einem ganz großen Apparat im Rahmen der Prager Friililingsfcstspiclc zur Auf« führung gebracht. (Zufällig wirkte ebenfalls in diesen Fest« spielen urafs Frankfurter Intendant Josef Turn au, ein Nr• 5t. 26. VI. 1934 aus Böhmen stammender Jude, durch eine Inszenicrun» Dun Juan.in Närodni Divadlo mit.) ® Frage, oh ein I ländelsclies Oratorium lit) , Die Frage, oh ein I ländelsclies uratornim eine Szeni- Darstellung vertragt, verdient selbstverständlich beachte( werden, obwohl der tiefe Eindruck der Aufführung *ie *. lisch bejaht hat. Das Oratorium von Handel ist in wal,' Iieit ein großes geistliches Theater und dadurch ״r1J' sät/lieh von dem Badischen Oratorium unterschieden 'u dessen protestantischer Weit ist tatsächlich die Musik ctu' Absolute«. In der katholisch-barocken Welt Handels i$t ,״f ._ in Bewegung •geraten, die Menschen lind Volksntasscn sind f* einer feierlich drehenden Bewegung, mit ihrer ganzen brunst /!!gewendet dem göttlichen Gebot, dessen Auslul!^ den eigentlichen Inhalt dieses religiösen Theaters bilde{: I her ist aber der Berührungspunkt zwischen der Wc't des Judentums und dem Ilämlelsclmi (leiste: der in Art und Weise alttc.staincntariscli ist, wie es eben in |;UrJ(; nur die englische Welt war. Händel ist ganz von dem Glaub« beherrscht, daß die Ereignisse, die in den Gcsclticlitswcrkt» des Alten Testaments dargestellt sind, Kapitel des! Heils sind, das Gott der Menschheit gewiesen hat, 1)!^,,' Glaube verleiht seiner Darstellung einen erhabenen 1 Icroismu•' j Der Mensch wirkt nur Gottes Gebot; aber dadurch i«,( mehr als Mensch, eben biblische Gestalt. Vielleicht ist(j;(l Zeit, die die Eroberung des Heiligen!.andes noch so gerade und stark sehen konnte, vorüber. Werden Juden selbst s;t I je wieder so selten können? Wir wissen cs nicht. Händel (!jt unsere Vergangenheit im l.lclit einer heldischen SchAuheit gesehen und vielen ihrer wichtigsten Ereignisse und Gestalt® i ein unvergängliches Leben gegeben. 1 lieber die Art, wie das I läudelsche Oratorium szenisch n gestalten ist, kann man anderer Ansicht als Herman Gral 5^ Das schmälert weder sein Verdienst noch darf cs von d® großen Aufgaben ablcnkcn, die gerade der jüdischen Kulturbcwcgung in Palästina aber auch sonst über damit gewiesen sind. Das alttcstamcut,irische Oratorium H«, dels ist als große Aufgabe der jüdischen Musik und Buh: gestellt. Die Prager Aufführung arbeitet mit einem größt Apparat von Chören, Tänzern, mimischen Darstellern, iri! groß gedachten szenischen Entwürfen des Deuischböhmtn Emil Pirchan (früher an der Berliner Staatsoper), m, nbantasiereiclicr Verwendung des projizierten, beweglich« Bildes. Mit dessen Hilfe ist der Einsturz der Mauern von Jericho wirkcngsvoll, der Stillstand der Sonne über Gibt)! unvergeßlich dargestcllt worden. Das sind szenische Hilf(, mittel, die unendliche Möglichkeiten bieten, und da sit bequem transportabel sind, auch dett palästinensischen Wan. dcrbiihiicii zur Verfügung stellen sollten. Der Umzug um Jericho mit der Bundeslade, die Schlachts/encn, der Tri• utiiph, gekrönt durch das eingelegte königliche Largo, boten zusammen mit allem schon Geschilderten ein nationales The!, ter allergrößten Stils. Die Sänger waren ihren Aufgaben zwar nur zum Teil gewachsen, aber die Chöre wuchsen unter Leitung Karl Schmidts in den späteren Aufführungen zu noch größeren Wirkungen empor. Sie waren geteilt in Chöre, die in Zivil die Bühne umrahmten und zu jeder Szene Betrachtungen und Dankgcbctc sauget! und zu den mitwir• kenden kostümierten Chören der Handlung. Das alles ist voll von Problemen und Aufgaben, jeder wird sic ander» lösen. Die Hauptsache ist, die Renaissance von Handels biblischem י Oratoriendrama fortzusetzen. * com hier Tlt wid Hili so ziel nur ent *eh hie du! der hat uns dal die zu na< hol fla ein Fr: fre be: Oe sic fr« vo Vc zö Re da da fü IS־ m> fü lic w: se di ns kl ei w Zi et et VI , 111 Si Si Kunst in Haifa Man hat in diesen Spalten schon oft über das Kunstlebcrt In Palästina geschrieben, über Theater, Musik und bildende Kunst in Jerusalem und Tel-Awiw. Es ist kein Zufall, daß man immer nur «lic künstlerischen Ereignisse von Tel-Awiw und Jerusalem erwähnt. Haifa stellt in klinsllerlselier Be« Ziehung «feil anderen beiden Städten nach. Gewiß berühren die aus Europa kommenden Künstler auf ihrer Tournee durch Palästina auch Haifa; Schnabel, Htibcrman, löset Schmidt, die Morini u. a. haben hier ebenso wie in Tel-Awiw und Jerusalem mit dem gleichen Erfolg 11ml mit gleicher Anteilnahme seitens des Publikums konzertiert. Die ״llabimn“ und die Mitglieder des ״Übel“ kamen und kommen mit ihrem neu« cste.11 Repertoire von Zeit zu Zeit nach Haifa. Aber nicht Gastspiele bestimmen das künstlerische Leben einer Stadt. Haifa hat noch kein eigenes Kunstlcbcn in seinen Mauern. In jüngster Zeit zeigen sich gewisse Ansätze hierzu. Es hat sich ein Komitee gebildet, das sich die Gründung eines Muse 11111 s zur Aufgabe gesetzt hat. Ebenso ließe sich auch ein Gremium von Menschen finden, das nach Möglichkeiten für die Begründung eines T h c a t c r ־ u 11 d Musiklebens Umschau hält. Auch in Jerusalem und Tel-Awiw ist das Kunstlcbcn nicht aus dem Boden geschossen. Es muß aber einmal ein Anfang gemacht werden. Nun noch zu einem anderen Gegenstand. Unter dem Haifacr Publikum befindet sich eine kleine Schicht mit einer grundsätzlich falschen Einstellung zu künstlerischen Dingen. Bei vielen Veranstaltungen in Haifa machen gewisse Per« sonen den Theater- oder Konzertsaal zur Tribüne für lärinende Szenen und peinliche Auseinandersetzungen. Im Winter fand ein Vortragsabend eines in Tel-Awiw ansässigen Kaba« retfs statt; die Sprache, deren sich die'Künstler bedienten, war selbstverständlich Hebräisch. Nach Schluß des Programms wollten die Künstler außerhalb des Programms, w׳ie sie ausdrücklich bemerkten, noch einige Stücke in Jiddisch vortragen. Daraufhin erhob sich ein derartiger Sturm im Saale, der von einer Gruppe junger Leute ausging, und der den Künstlern keine andere Wahl ließ, als den Abend zu schließen. Ein anderer Fall. Der Cliasan Kussewitzki wollte unter den Zugaben am Schluß des Programms das ״jiddische Lied“ singen, das mehr religiösen als volkslicdliaften Charakter trägt. Auch das wurde ihm durch die Haltung eines Teiles des Publikums unmöglich gemacht, während er vorher Arien in italienischer Sprache unbehelligt vortrngen konnte. Man sicht also hieraus, daß cs sich nur um einen Kampf gegen das Jiddische handelt, aber um einen sehr bitteren und ver« lullerten. Die Opposition als solche ist grundsätzlich bcrcch« tigt, denn Jiddisch hört man in den Straßen Palästinas lieben dem Hebräischen am meisten, was sich aus der besonders starken Alijali aus Osteuropa erklärt. In Palästina ist mit Recht die Forderung nach absoluter Hcbraisicriuig laut. Der Konzert- oder Theatersaal darf aber nicht zum Forum für die Auseinandersetzung gewählt werden. Hier hat nur das künstlerische Element zu walten. Auch das Jiddische in i-itcratur und Kunst bat seinen eigenen Charakter und seine eigene Bedeutung und kann oft durch nichts anderes ersetzt werden, wenn es nicht an künstlerischem Gehalt verlieren soll. Die meisten Völker der Erde haben ihre eigenen Formen, eine selbständige Kunst und einen spezifischen Charakter in ihrer Sprache. Selbst innerhalb eines Volkes zeigen sich Unterschiede, die oft recht erheblich sind. Gewiß sind solche Verschiedenheiten auch bei uns Juden vorhanden, die wir doch über einen großen Teii der :Weit verstreut 8in.dk, ,Ueber« st hi w ]< R fi 11 A 1! T t 1 1 setzt man ein Werk In eine andere Sprache, so ist häufig der Gehalt, der ihm die Größe und Bedeutung verleiht, genom• men, weil ihm die ihm eigentümliche Sprache genommen ist. Mit dem Jiddischen machen wir oft ähnliche Erfahrungen, selbst bei einer Ueberset/ung ins Hebräische. Auch nur so darf die Darbietung jiddischer Kunst, wem man sic einmal so neunen will, aufgefaßt werden. Und deshalb zeugen alle Ocgeiikuudgcbtmgen von einem mangelnden Oefühl für Kulturwertc, ja von Kulturlosigkeit. Die verantwortliehen und autoritativen Stellen Haifas müssen auf die Ver• ständnislosigkcit, die in den oben angeführten Formen ihren Niederschlag findet, hinweisen und sic zu unterbinden ver• suchen, soll nicht ein Snobismus in kulturellen Dingen um sich greifen. Dr. Heinz Grünwald (Haifa). Sdiabbath am Strande von Tel-Awiw Wenn man am Sdiabbath das Mecrcsufer von Tcl-Awi* sieht, von früh um 8 bis nachmittags um 6 Uhr, dann ״!• dauert man, daß der Name ״Mikweh Israel" schon für ein« anderen Punkt des Landes vergeben ist, denn das Ulef voa : Tel-Awiw ist das wahre Mikweh Israel, Nicht etwa bloß, weil jeder Schabbath wohl 59^^״ sehen den breiten Sandstrand und das Meer bis auf 30 Meter hinaus besetzt halten. Line Symphonie von Farben, das Zartblau bis Seegnm des Mittelmeeres, das tiefe Blau des südlichen Himmels, w goldene Farbe des Sandes in sanfter kilomctcrlangcr I Krümmung, die weißen Häuser hoch hinter dem Straw und die Buntheit der Badekostüme geben in der unübertrd'• lieh klaren Luft einen Akkord, den man bei dem kühlen be«• | Wind immer wieder genießt. ן 111 jedem Krankenhaus sieht man, wie jeder auf ךי' g schicdcnc Weise unglücklich ist; in Tel-Awiw am Str*״u ,י■ ist jeder auf andere Weise glücklich. , | Da stehen auf Kiiomcterlänge und in vier Reihen Inn1 ''1״ einander Licgcstühlc. Manchmal hilden sie einen Kreis; g führt einer das große Wort, andere genießen Stundenlauf : Schweigen. Die Lcsclcidcnschaft, 1ms allen wohlbeka׳"״ feiert Orgien. Zeitungen werden in Massen konsumiert w Bücher, viel Leihbibliothek, aber auch in weitem UnllO eigener Besitz; Tel-Awiw hat viele Buchhandlungen. Ma» s liegen mit geschlossenen Augen da, und wenn sic erwach “! freuen sie sich, daß die Wirklichkeit schöner ist als 0 J Traum. .,!» Aber all diese sind die Minderzahl, ln der Haup‘ssc j wird unaufhörlich geschwommen, im Wasser herumgeW» ׳ geturnt; Wettspringen, Laufen, Gewichtsheben ne hm eit K Ende. Man weiß nicht, lacht die Sonne mehr zu den Mense .ן herunter oder die Menschen mehr zur Sonne hinauf. . k sehen und sterben, gut, aber Tel-Awiw am Strande sen ,1 und — leben. , , ii ln der ganzen Welt sammelt man dafür, daß blma ‘| Kinder wenigstens vier Wochen in ein Bad oder a« j' _ ״WUCII III tni ״au ־•ץ , geschickt werden. In Tel-Awiw hat man das nicht ״• ח; die Lebensbedingungen sind hier so, daß acht Monate Jahre auch der Aermste nur zu nehmen braucht, was ,a gütige Natur gerne reicht. ״ , und über all dem Glanz der Natur, über all dem ״, .:{Ui Duft, der, schön wie in Capri, den Strand, das Meer t1״<* y weißen Häuser verzaubert, liegt eine Heiterkeit, die ,ן n würde, wenn sie nicht schon jüdisch ri Bezaijel (Tel-Awl־(״ griechisch nennen I . I 1' I - i r ׳1 ׳ 1 i ,1 ‘ I '*i ־ f!; ,1 . t- )־ I i r : I. :1 ’ i! יי .: i iE 1 > ־! t ■ 1 (; 1 < t* ' 1 , i 1 .' 1»V I . J!11/ ■ ‘ ו 1 1 1 I!. \ ■h \ 11 M ) h