Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 51 (26.6.1934)
- Date
- 1934-06-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Vorgeschichte dos Problems und seine negativen <0jte11 habe ich im ersten Aufsätze zu beleuchten versucht. |.jfl schwerer ist es, Gegründetes zur hoffnungsvolleren Ge• Ijllung dieses Aufgabengebietes zu sagen. Es sei dabei he-!out, dal! es nicht um rabbiuisclic Partialfunktioneil gellt, sondern um die umfassemle Kollo des Rabbiners, deren Beson« 4jcr|U-it nicht leicht zu umschreibe!« ist. R. Benjamin stellt in seinen mehrfach zitierten Aufsätzen (![״ Forderungen auf, die erfüllt sein müssen, wenn der Rahj,l״fr wieder zu erneuter Geltung kommen will. Der Rabbiner pisse inieli weiterhin sich in der Thora auszeichnen, in jer jüdischen Kultur wie in der allgemeinen!,(wamlert sein und sich zur Aktivität entschließen, Diese (jesifhbpnuktc sind in der Tat erschöpfend. Hs wäre gut um uns bestellt, wenn es möglich wäre, Männer in Gemeinden ן" entsenden, die diesen Anforderungen entsprechen. Aber die schwerwiegende Frage erhebt sich, auf welchem fege diese Vollendung oder doch wenigstens diese Harjiimiie aul beachtlicher Stufe erreicht werden kann. Bisher gibt cs liier keine Lehranstalten, die kraft ihres Programms imstande waren, mindestens die Vorbedingungen zu schaffen. Sur Jcsehiwofh sind vorhanden; früher einmal gingen aus ,im besten Talniiidliochscliulen Männer hervor, die nicht nur Meister der llalachal! waren, sondern auch Persönlichkeiten;,ns einem Gull, voll Kraft und Fälligkeit, starken Einfluß zu iiIhii. Aber damals war das Milieu noch verhältnismäßig unkompliziert, und so konnte diese Vorbildung in ihrer großartigen Linsoitigkcit im rabbinischen Wirken zur Entfaltung cclaiigen. Heute fehlen die sozialen Voraussetzungen; der Rabbiner tritt deshalb nicht mit der Unbefangenheit und dem Vertrauen zurGesamthcit ins!.eben und findet nicht das Echo, wie t׳s einst dem großen Gelehrten aus dem Kreis der schritt- ,mnligcn Laien entgcgenschlug. So resignieren beide Seiten; der Rabbiner verzichtet auf weite Schichten, spinnt sich in einen Kreis von engeren Genossen ein und engt auch seine Welt ein, kommt nicht selten zu unfruchtbaren Studien und iterarischeu Versuchen. Das Publikum wiederum hält sich (er״ und beraubt sieh einer wertvollen Berührung. Mit der Vergrößerung des neuen Jischtiw, besonders mit der Ankunft vieler deutscher Juden verschiebt sich stark der Giarakter des Jisehuw und vergrößert sieh womöglich die Distanz zwischen den hier tätigen Rabbinern und der Bcvölkcnmg. Dabei gibt cs gerade in der neuen Alijah nicht wenige Menschen, die — schon aus Gewohnheit — den Rabbiner nicht missen wollen. Gerade der liberale Jude hat eine Beziehung zum Rabbiner, die dem Juden des Ostens oft abgeht: der Rabbiner als Prediger, sein rednerisches Wirken in der Synagoge, in der Familie, bei allen entscheidenden Anlassen, ist ihm schwer entbehrlich. Aber er findet hier kaum etwas derartiges vor. So stellt sieh der Wunsch ein, Gewohntes hierher zu übernehmen, und nach zwei Richtungen ist diese Frage akut geworden. Berufung deutscher Rabbin c r und E i 11 f ii h r u n g mancher charaktcristi* scher Einrichtungen der Synagoge in Deutschland (oder anderen Ländern des Westens oder Amerikas) auf der rinen und — die Frage grundsätzlicher und auf weitere Sicht .״gepackt — auf der anderen Seite. Was kann dazu gesagt werden? Der erste Gesichtspunkt bedeutet eine U 111 p r ä g u n g des Gottesdienstes. Wenn gar daran gedacht ist, die Errungenschaften des Läbcralismus hierher zu bringen, so würde das eine Umformung bedeuten, die nicht nur tun der alten, rcligionsgesctzlicbeii Bedenken nicht Fingang finden sollte. Das Assimilatorische, 1,1s ja nicht nur Symptom, sondern Antrieb dieser Reformen war, kann hier in Frez-Israel nicht Einzug halten. Die Kon* Icsdonalisicrung und Klerikalisieriing, in welchem Gewand such immer, haben hier keinen Platz. Da hier das Hebräische herrschen muß, und bestimmt in der Synagoge — hat sich «joch hier der interessante Prozeß vollzogen, daß die wenigen Stucke des Silldur, die aramäisch verfaßt sind, fast wieder aiclit verstanden werden und in modernen Sidduritu ״über- *ctzt“ am Rande in hebräischer Sprache erscheinen — so *׳rulcn ja nur auch wenige Rabbiner aus der mittel- und wisteurop,bischen Diaspora aktiv sein können. Und von der Sprache abgesehen: glaubt jemand ernstlich, daß irgend etwas, »as der üblichen Predigt im weitesten Sinn entspricht, in dieses neue Leben, das doch, ob ideal oder nicht, ganz jüdisch ist, hincitigchnrt? Die Form und der Stil der Predigt dämmen aus einem sentimentalen Zeitalter, in dem das Jüdisclie im Juden vorzüglich diese Rolle, nämlich die der Senti- Mentalität, spielte, als einziger Rest des früher so Umfassenden. Jüngere Versuche, der Predigt einen gleichsam naturalistischrealistischen Charakter zu gehen, besagen noch nicht sehr viel, de sind nicht immer Ausdruck wirklicher Gestaltungskraft und 'nisten Gestaltungswillens; fast immer fehlt ihnen auch jener Nc und notwendige Unterbau des großen jüdischen Wissens, «s aber nicht eine Anhäufung von totem Stoff, sondern fmc lebendige, wirkende Totalität bedeutet. Ebenso wie cs mir tinige wenige Prediger gab, deren Rede Ausgangspunkt entjdicidcmlcr Anregungen war, so werden auch jetzt sich bestenlalls ganz. Vereinzelte ans Europa finden, die, losgelöst von jdiahlonc und Gewohnheit, in Palästina als Rabbiner, als bcilner in der Synagoge an der Neugestaltung des Lebens und seiner Befruchtung mitzuwirken imstande sind. , , Hie grundsätzliche Behandlung dieses Themas wurde vor *1*!?cn Monaten hier eifrig diskutiert, als man von der Absicht 0״de, das Berliner orthodoxe Rabbinerseminar hierher zu ״ringen. Fs erhob sich großer Widerstand von seiten des . .״ Jisehuw, insbesondere der Agudas Jisroel, der doch finige prominente Namen des Seminars sehr nalicstehen, und Juso ״eg;,(ive Haltung fand auch Unterstützung in anderen Dndcr״, Auf der anderen Seite aber fand der Plan bepistcrto Zustimmung, und zwar durchaus nicht etwa lediglich ״ bestimmten deutschen Kreisen. Eine Reihe aus dem euro- P'schen Osten stammender Gelehrter und anderer Persönlichmen, (iic schon recht lange im Lande weilen, setzte sieh ״ fT°ner Leidenschaft für die Verpflanzung des Seminars , 1 Palästina ein. Mit besonderer Wärme tat das R. Ben ja- 'n• Ich seihst stand diesem Plane zunächst skeptisch gegenhilf?’ w’}r'.,c ahcr durch die Heftigkeit des Kampfes, den alle Ä ״ungsfcindiiehv״ Elemente gegen die Einrichtung des Semi- 11!־״1.1 ״’f führten, zur grundsätzlichen Befürwortung gebracht, Mat *m*cr c'ncr doppelten Voraussetzung: das Seminar Neue /'1״cs Rcv>re|nc11ts >n personeller Hinsicht. und einer mitdes Lehrplans ozw. Programms im Einklänge acn Forderungen des Landes. IH. für ״«Jl!)*? 6‘*י rabbinische Gelehrsamkeit alten Stils iikw 4 behi-lieh. Das besagt nicht, daß sie völlig unverdie'!,! lortßesetzt werden muß. Es ließe sich durch man- 1 Pädagogische Reformen viel Zeit gewinnen, auch ל Vgl. den Aufsatz k Nr. 36 vom 4. Mai 1934. für andere Arbeitsgebiete. Es ist nicht unbedingt notwendig, «laß der große Talmudist ein Wunder an Gedächtnis ist. Aber die mannigfachen mnemotechnischen Kunststücke sind doch mehr oder weniger Spiel. Die Systematik und der lJeherblick, der sieh aus der Fülle des Wissens ergibt, sind gewiß von Bedeutung. Aber cs entspricht den Gesetzen der ()Ökonomie, wenn man den Gedanken des Systematischen als Uiitcrriehtsprinzip einführt. — Man wird auch zugeben müssen, daß eine Differenzierung der Aufgaben nicht zu umgehen ist. Der Rabbiner 111 der Großstadt fPalästiiias) hat andere Funktionen als der der Kleinstadt und der Kolonie. Es ist sicherlich am schwersten, dem rabbinischen Amt und Ansehen im Milieu des Dorfes und seiner für unsere Gaiiithvorstellung — ganz neuartigen Verhältnisse zu neuer Blüte zu verhelfen. Und nirgends ist es wichtiger als gerade dort. Keinesfalls kann darauf vorzieht et werden, daß der Rabbiner ein guter Kenner des Gesetzes sein muß. Aber ein Gaon ist auch heute nicht jeder, der die herkömmliche rabbiuisclic Ausbildung Ostcuropas oder Palästinas genossen hat, und wenn an Stelle eines solchen Mannes, der gewiß viel Thora in sich auf• genommen hat, aber fruchtbar weder als Lehrer noch Forscher und Denker ist, ein anderer nun käme, der auch kein Gaon, aber doch ein Rabbiner ist, , der sich im Talmud und den Dezisoren gut aiiskcnnt, ohne Autorität zu sein, dafür aber Menschen an sich fesselt, Führer und Vorbild in geistigen und sozialen Fragen ist, womöglich voll Mut in das werdende Leben des Landes eintritt und an der Ncuformting der Gesellschaft und ihres religiösen Fundaments mitwirkt, so ist der Gewinn nicht gering. Wir stehen vor zwei Fragen; welche Menschen sollen sich hier der rabbinischen Laufbahn zuwenden, und was kann für eine zweckentsprechende Ern cuerung der Ausb i 1 d 11 n g getan werden? Die A u sw a 111 geeigneter Menschen für den rabbinischen Beruf ist ein Ausschnitt aus dem Gesamtproblcin ziclbewußtcr Berufsberatung. Ich kenne noch zu wenig die einschlägigen Verhältnisse hier, glaube aber, daß in einem so schnell wach• senilen Lande die Schwierigkeiten auf dem Gebiete der Beratung recht groß sind. Dennoch wäre es sehr wertvoll, daß Lehrer und psychologisch geschulte Berater sich zu gemeinsamen Untersuchungen zusainmenfänden. Gewiß ließe sich durch Tests und Unterhaltungen eruieren, wer sich für die rabbinische Tätigkeit eignet. In «len letzten Jahrzehnten war in Europa, von rühmlichen Ausnahmen abgesehen, die Zahl der hervorragend befähigten jungen Menschen, die Rgbbiner wurden, nicht groß. Das Amt erschien vielen nicht begehrenswert. Die schweren Erschütterungen, die unser Volk in den letzten Jahren gefährden, die Notlage der Diaspora, aber auch die neue Funktion Erez Israels als unverkennbares Zentrum erheischt gebieterisch die Neuordnung des Gemeindelebens und der rabbinischen Wirksamkeit 1m Sinne verstärkter Aktivität, in Palästina wie auch der Diaspora treten ganz neuartige Aufgaben an Institutionen und ihre Leiter heran, Aufgaben, denen nur Menschen von überdurchschnittlichem Maße gewachsen sein werden. Menschen ohne Vcrantwortungsfreiidigkcit, Mut, Optcrwillcn, hohe geistige Begabung, ia ohne hohes geschichtliches Bewußtsein werden in dem Prozeß, der jetzt sich vollzieht, fehl am Ort sein. Aber auch das Uebcrmaß an Politisierung, die viele unserer wertvollen Menschen erfaßt hat, taugt wenig für eine Arbeit, die sich in möglichster Entfernung von den herrschenden Richtungen vollziehen muß. lieber die Verbessert! ngsfahigkeit von Jeschiwoth (besonders in Erez Israel) und Rabbincrlchranstaltcn will ich heute nicht sprechen. Gerade hier im Lande ist das Problem der Jeschiwoth keine isolierte Frage. Das soziologische Moment, das Gesamtfundament des alten Jisehuw und sein Verhältnis zu Institutionen, z. B. Jeschiwoth, die nicht aus ihm hervorgegangen sind und ihm organisatorisch nicht angeboren, ist entscheidend. Nur wenige Einrichtungen sind äußeren, noch so wertvollen Einflüssen zugänglich. Man bemerkt hier in Erez. Israel, gerade in Ictzler Zeit, nicht selten selbst bei den hervorragenden Rabbinern ein mangelndes Verständnis für diejenigen Fragen, die unsere schaffende Jugend am meisten bewegen. Bei allen tiefen Meinungsverschiedenheiten zwischen der allgemeinen Arbeiterschaft und den religiösen Arbeitern, deren bedeutciulstc Repräsentation der Hapoel Hamisraclii ist, bcsteht eine weitgehende Ucbercinstimmung hinsichtlich der Striikturfragcn der Gesellschaft. Der Begriff der Gemeins c h a f t ist ihnen nicht nur heilig, sondern schon Wirklichkeit. Die Chcwrah als Lebens- «ml Wirkensrahmen erscheint unentbehrlich. Kibbuzim und Kwuzoth sind mit dieser Form wesenhaft verbunden. Wenn man nun gelcgentlieh wahrnimmt, daß in wichtigen Fragen ein rabbinisches Gericht die Bedeutung dieses konstitutiven Faktors verkennt, so kommt man der eigentlichen Schwierigkeit schon näher. Es fehlt Gelehrten und Rabbinern an der Berührung mit den Kräften, die heute das Werden bestimmen. Deshalb muß ein Weg gefunden werden, um diese Fremdheit der Rabbiner gegenüber sehr entscheidenden Vorgängen in Palästina zu überwunden. Der Rabbiner, der in eine Siedlung berufen wird, ist gewöhnlich zu ״fertig“, um auf sich den Geist des neuen Erez Israel, der sich im Moschaw und Kibbuz oft mehr manifestiert als in der Stadt oder der saturierten Moschawah, wirken zu lassen. Solange der Räbbiner noch in der Ausbildung begriffen ist, müßte er den Kontakt mit dem Arbeiter suchen. Ich würde es als einen großen Gewinn betrachten, wenn es zum Programm der Erziehung künftiger Rabbiner gehörte, eine Zeitlang unter Chaluzim zu leben, im fruchtbaren Milieu der Arbeit, die mehr als jede andere diesen Namen ver« dient. Hier w׳ird er sich Menschen freundschaftlich und brüderlich nähern, und cs wird Verständigung und Verstandnis sich einstcllcn. Er wird den Wert der Arbeit erfahren, wird ihre Träger in ihren Wünschen, Nöten und ihrer Kraft begreifen und wird von ihnen nicht als ein Wesen einer ganz anderen Welt empfunden werden. Man könnte vieles sagen über die Wechselwirkungen, die hier stattfinden können. Der Kandidat, der mit guten Kenntnissen in den Kibbuz kommt, kann die Kulturarbeit stark fördern, er wird an« dererseits von den Chaluzim vieles lernen können und soll ruhig ein wenig den Segen körperlicher Arbeit genießen. Das Entscheidende aber bleibt die Tatsache des Zusammenlebens, die Teilnahme am Alltag. Ich glaube, daß z. B. der Kibbuz Rodges, neben Petach Tikwah, der den deutschen Misrachisten und auch vielen Zionisten gut bekannt ist, sich zur Verwirklichung dieses Vor« schlagcs gut eignet. Dort besteht gewiß kein Widerstand gegen eine solche Form der Kooperation. Man wird einen tüchtigen Helfer in der Kulturarbeit freudig begrüßen und verstehen, was dieses Experiment für die Zukunft des reli» girisen Judentums, für die Ausbreitung seiner Sphäre be« deuten kann. Vielleicht wird man einst rückschauend diesen ersten Versuch als wichtige Station unserer Bemühungen um Vertiefung und Erneuerung würdigen. Jedenfalls könnte es das ProbUm der Erziehung der Rabbiner fruchtbarer gestalten und eine Annäherung zwischen Lehre, Gesetz und Leben, Tradition und Renaissance herbelfüliren. Sdiicksalsgcmeinschalt und Kuliurgemeinichait Das Religiöse in der indischen Geschichtsauffassung Der nachfolgende Aufsatz beschäftigt sich mit (fern Ziel der pädagogischen Auswertung der in der fädisehen Geschieht sichre vertretenen Grimdanschauungen im Hinblick auf die Wertung des religiösen Elements im Judentum. 1L(1/1׳ die Verfasserin glaubt, in jüngster Zeit eine Hinwendung zur ״Galuthhcjahung“ soivolu in der Geschichtsbetrachtung wie in der Päda• gngik fest stellen zu können, so wird diese Ansicht wnht nicht ohne Widerspruch bleiben, ln jedem Falle scheint uns ober die stark auf das Pädagogische hin orientierte Fragestellung beachtenswert. (Red.) I. Ohne hier etwas über die Stellung der Religion im jüdisehen Nationalismus selbst sagen zu wollen, sei versucht, die Wandlung unter pädagogischem Aspekt zu verstehen, die durch eine Anerkennung des Religiösen im Zionismus eingeleitet wird. Nehmen wir dazu, weil es am einprägsamsten ist, den Wandel in der Geschichtsauffassung des jüdischen Volkes, die verschiedenen Konzeptionen, die einander teils abgelöst haben, teils nebeneinander bestanden und bestehen. Das ursprünglich Gegebene war für das Judentum die theologische Gcschichtsnnschaimng: jüdische Geschichte ist heilige Geschichte. Alles, was Judentum auf seinem Weg durch die Zeit erlebt, geschieht zur Heiligung des göttlichen Namens. Noch in der neueren Zeit hat B r a n n in einem populären Lehrbuch der Geschichte der Juden und ihrer Literatur (1910) im allgemeinen diejenigen Ereignisse, Persönlichkeiten und Literaturzcugnissc ausgcwählt und behandelt, von welchen er einen unmittelbaren, fortdauernden Einfluß auf die Gestaltung des religiösen Lebens zu sehen glaubte. In weiten Kreisen des deutschen Judentums spielte eine andere Theorie, deren Hauptvertreter G r a e t z war, eine große Rolle. Er verstand die jüdische Geschichte als ״forschen und wandern, denken und dulden, lernen und leiden". Weil er sie dieser Auffassung entsprechend auf die Formel ״Geistes- und Leidensgeschichte“ brachte, wird seine Theorie (von Dubnow z. B.) als eine dualistische, nämlich als metaphysische und teleologische Gcschichtsanschauung bezeichnet: alles Geschehen im jüdischen Volke dient der Verbreittmg des reinen ethischen Monotheismus; das ist der Zweck, der Teins, der jüdischen Geschichte. Mit der Verwirklichung dieses Zwecks verbindet sich ein passiver Heroismus. Die eine Seite der Theorie von Graetz führte zu dem ״fiktiven ludcntum Westeuropas“. Verbreiteter war die andere Auffassung: Jüdische Geschichte ist Leidensgeschichte. Ihr entspricht es, das Judentum als eine Schicksalsgemeinschaft zu verstehen, eine Bezeichnung, die itn vergangenen Jahre oftmals gebraucht wurde. Während Grätz dem Wege des Judentums durch die Zeiten eine Deutung zuteil werden läßt, versucht Dubnow das Wesen des Judentums zu verstehen. Er selbst nennt seine Anschauung eine soziologische, und zwar deshalb, weil das Judentum in allen Acußcruugen seines historischen Lebens als typische Nation und nicht als religiöse Gruppe im Bestände - der übrigen Nationengruppen erscheint. Vielleicht entspricht es aber mehr der Methode von Dubnow, wenn man seine Gcschichlsanscliaming eine psychologische nennt. Denn er will die Seele der jüdischen Geschichte vor Augen führen, das Judentum als ein geschichtlich gewordenes Individuum, als einen geistigen Typus darstcllcn und seine eigenartige historische Physiognomie zeichnen. Dagegen ist die Auffassung von Kfatzkin eine soziologischc. Er versteht nämlich das Judentum als eine Charaktergcmcinscliaft und meint damit eine historische Familiengemcinschaft, von der man sieh ebensowenig lossagen kann wie von seiner natürlichen Familie. Das Kriterium ist bei ihm, ebenso \vie bei Dubnow, das nationale. Gemeinsam ist ihnen weitcihin, daß sie nicht der jüdischen Vergangenheit zugewendet sind, sondern die Gegenwart des Judentums zu verstehen, zu deuten und von ihr auszugehen suchen. Umfassender ist die Gcschichtsanschauung von Kastein. Wohl will er nicht an dein Massenlcid vorubergehen, das die luden zu einer Schicksalsgemcinschaft zusammen geschmiedet hat. Aber ihm geht cs, im Gegensatz zu Graetz, um den Ausblick ins Zukünftige. Wohl sieht er das Verdienst des Zionismus darin, dein Judentum den Weg zur eigenen Meinung, zur Unabhängigkeit von! Urteil der nichtjüdischen Welt gezeigt und damit die Grundlage zu einer neuen Produktivität vvicderhergestcllt zu haben. Aber er will diese Produktivität nicht territorial auf Palästina beschränken. Auch das Judentum der Diaspora hat die doppelte Aufgabe, immer eine neue Form für das Dasein und seine neue Bewährung seiner selbst und seines Verhaltens zu seiner Idee zu finden. Nicht nur Palästina, sondern auch die Galuth bietet seiner Meinung nach die Möglichkeit, den Sinn der vollen jüdischen Existenz zu verwirklichen. Wenn wir die jüdische Gemeinschaft historisch sehen, nennen wir sie Nation. Aber man könne ihr auch, sagt er, jeden anderen Namen geben, ״wenn er nur die Lebensgesetze dieser Gemeinschaft nicht verneint, ihr Biologisches und Utopisches, ihr Soziologisches und ihr Religiöses, ihre historische Objektivität und die mcssianischc Schöpferkraft“. Kasteins Geschichtsbetrachtung selbst könnten wir als eine kulturphilosophischc bezeichnen. Das Verhältnis von Religion und K u 11 u r, die eigentlich pädagogische Frage, wäre also nach dieser Uebersicht über die verschiedenen Geschichtsauffassungen folgendes: Nach der theologischen Anschauung ist alle Kultur eine religiöse; filier diese Grenze hinaus gibt es keine pädagogisch wirksamen Werte. Der metaphysischen und teleologischen Auffassung entspricht einerseits eine ethisch gefärbte, von rcligiösen Gesetzen geforderte Kultur und andererseits ihr Niederschlag in den Dokumenten des Leidcnsu'cges der Juden. Die psychologische und soziologische Konzeption will die geistige Eigenart des Judentums, wie sie historisch geworden ist, herausarbeiten. Obwohl das Judentum in diesen beiden Auffassungen ausdrücklich als Nation, nicht als religiöse Gruppe gesehen werden soll, ist sein Wesen nur unvollkommen dargeteilt, wenn man die religiöse Prägung übersieht. Denn wohl kaum in einem anderen Volke war das Schicksal, aus der heraus sich die Eigenart geformt hat, so eindeutig durch Religionsbcwegimgen und -kämpfe bestimmt, wie im jüdischen. Der Totalität jüdischer Wesensart und jüdischer Geschichte 1 * düßß'K''״ die kulturphilosophischc Anschauung. Es ist daher auch ganz erklärlich, daß die jüdische Kulturgemeinschaff irn^ gegenwärtigen Zeitpunkt eines Neubeginns der Produktivität sich mit der Religion verbindet. Denn je enger und bedrängter die jüdische Existenz sei, um so restriktiver ziehe sich die geistige Betätigung auf den Innenraum, insbesondere auf die religiöse Grundlage des Volkstums zurück. In dem Verhältnis von Religion und Kultur ist demnach, wenn man die theologische und kulturphilosophische Auffassung vergleicht, eine völlige Umkehrung eingetreten. Nach jener Anschauung besitzt das Leben (und folglich auch die Kultur als geformtes Leben) keinen eigenen Sinn; es dient