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Jüdische Rundschau · 1934-06-15 · Heft 48 (15.6.1934) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 48 (15.6.1934)
Date
1934-06-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Juni ist ein Jahr vergangen, seitdem Arlo <oroff at״ Strande v״״ rd-Avviw getütet wurde, ln Palatina wurde der fug (nach dem jüdischen Datum » Si'vau) durch Tr,ttierl eiern begangen, und auf dem l”ri״|l10f in Tcl-Awiw wurde ein tirahstein enthüllt, purcli den Prozeß, der gegen die der Untat Verdächtigen ״ad! l.'uigtT Voruntersuchung geführt wurde und der, abseits von seiner juristischen und moralischen Seite, ״ cj״cr parteipolitischen Angelegenheit geworden ist, «unle der Name des toten Arlosoroff so sehr in die Htualitäteu des Tagesstreites hinciiigczogcii, daß es schwer fällt, heute, nach einem Jalue, die ruhige Stunde iu iiiiden, um, ganz losgelüst von dem furchtbaren Vor-!!rechen, sich dessen bewuflt zu werden, welchen groben Verlust die zionistische Bewegung erlitten hat. In diesem Jahre, wo schwere politische und organi* (.!torische Probleme vor uns standen, haben wir empfiulen müssen, wie sehr er uns fehlt, heim der Zionismus (1at mir wenige große politische Begabungen auf/uweisen, und es ist unmöglich, Arlosoroffs Kraft zu ersetzen. Der jugendliche Arlosoroff besaß den persön- Heben Charme, der für einen politischen Führer, der Menschen und Massen gewinnen will, unerläßlich ist, und er besaß die Klugheit, den geistigen I lorizont und (lic Bildung, uni politische Sachverhalte jenseits aller demagogischen Parolen nach ihrem wirklichen Gewicht;11 beurteilen und mit Besonnenheit darauf zu reagieren. Er wußte, daß das Wohl des Volkes ein kostbares und «lir empfindsames Gut ist, mit dem man nicht spielen darf, und daß es in der Politik gilt, die realen Kräfte 7u ermessen, den Sinn für Proportionen zu behalten und im Gewirr der widerstreitenden Interessen die inoraiischc Basis nicht zu verlieren. Arlosoroff hat jalirelinpr rastlos an sich selbst gearbeitet, er bat neben der hebräischen Sprache und Kultur sich die englische Sprache und Kultur so vollständig augeeignet, daß er mit erfahrenen und gebildeten Engländern auf ihrem Niveau sprechen konnte. Seine Kenntnis der englischen und amerikanischen I iteratur, insbesondere ihres einzigartigen politischen Sektors, ermöglichte es ihm, die Eigenart der englischen Politik, die so stark auf Tradition und spezifischer Mentalität beruht, zu erfassen, und so wurde er einer von den ganz wenigen jüdischen Führern, die die Palästina-Idee gegenüber der englischen Welt erfolg- ן reich vertreten konnten. Es ist bekannt, daß es Arlosoroff;düngen war, in einer Zeit der schwersten Vertrauens- *risc zwischen jüdischer ()Öffentlichkeit und englischer Palästina-Verwaltung, ein Vertrauensverhältnis zu dem Jini,als neuen I ligli Commissioner herzustellcn und iluu Verständnis für die tieferen moralischen und geistigen Orundlagen der zionistischen Bewegung und des Paüstinawerkes nahezubringen. Es schien, daß eine neue Periode der Zusammenarbeit mit der Mnndatarmaclit 'ich anbalmt -- da traf Arlosoroff die mörderische Kugel. Dies ist nun ein Jahr her, ein Jahr der Vcr- "irrnng und Kiehtuugslosigkcit. Und am Ende dieses ]ihres stehen wir wieder in einer schweren Krise des Verhältnisses zwischen England und dem palästinensisehen Judentum. Wer davon überzeugt ist, daß ohne eine an* Vertrauen beruhende Kooperation mit der Mandatarmacht -- und darüber hinaus ohne einen befriedi- Senden Ausgleich mit dem arabischen Volk - nicht nur die Sache des jüdischen Palästiiia-Aufbaus in eine gefährliche Sackgasse geraten muß, sondern auch die gnnze Position des jüdischen Volkes in der Welt bccinträchtigt wird, der kann ermessen, was cs bedeutet, W die Arbeitskraft, der Kopf und das Herz Chaiin Arlosoroffs uns in diesem Jalire gefehlt haben. Arlosoroff ist iin jugendlichen Alter von 31 Jahren daliingcrafft worden, in einem Aller also, wo die Lauf- Win des Politikers eigentlich erst beginn t. Seine freunde und die ganze Bewegung waren überzeugt, ihm ein großes und reiches Leben bevorstebt. ^,ir können nicht wissen, was er noch geleistet, was er lür das Volk getan batte. Das jüdische Volk bat in unserer Zeit nicht die Führer, die es brauchen würde. Einen hatten wir, und der wurde getötet. Aber sein Andenken soll fortlchcn. Wir gedenken seiner am ersten Jahrestag seines Todes. Mögen sich junge Menschen von gleicher Begabung finden, die sein Erbe aufnclimcn. Es gehört dazu aber nicht mir Bildung und nicht nur ein heller Kopf. Es gehört dazu auch der sich dem heiligen Dienst des Volkes so hinzußeben, wie er cs getan hat. c! ri C/d ן»/ IlLii I Sa»«*•*! ,-׳\J ' ,* ' r / / i L>»■ :> ,ilj» Tf p!?י f**V״i •’ר״״״ llk Wa* tkj #L y, kiäZ A li kl Kami das möglich sein? Ein Jahr, sagen sie, ist es her, daß Ghajim Arlosoroff ermordet wurde. Ich schreibe das so hin, ״ermordet“, und das Wart stellt auf dem Papier, als ob cs etwas ganz Sclhstv׳crsliindlielics wäre. Ermordet, von einer Kugel zerfetzt und plötzlich — das dunkle Loch, das Niehls. Träume, Wünsche, Schmerzen, Erfolge, Leidenschaften, all dieses Sonderbare, Unwägbare, was einen Menschen aiisninelit - - nichts mehr da, und statt dessen, ein großes Niehls. Wo sind wir hingekommen, daß man dieses unfaßbare ״ermordet“ so hinselireiht und hinsprieht, als wäre es so natürlich wie essen, schlafen, gehen? Man gewöhnt sich? Vielleicht ich gewöhne mich nicht, Ucbcrall ist dieser Abgrund. Ich sehe die Bilder von Ghajim Arlosoroff an den Wänden; sie hängen in den Büros, in <1011 Versammhmgssäk'n, und wenn ich sie ansclic, sind sic nicht mehr, es bleibt das große Dunkel. Es steht mitten in den lauten Straßen, mitten in den Vcrsamm* hingen. Es laßt sich nicht verdecken, nicht verlöschen. Ein Jahr seit jenem Tag im Juni. Schon du Jahr? Oder war es gestern, als wir im Totciizimmer der ״I ladassali“ saßen, die vielen langen Stunden hindurch? Als wir durch die dunklen Straßen der Stadt gingen, schwankend unter der schweren Last? Als wir in der glühenden Hitze vor der offeneu tirube standen, die so friedlich aussah, so friedlich und kühl wie sonst nichts auf der Welt? Wie kann es ein Jahr her sein, wenn dieses Totengesiclit so unendlich deutlich vor mir stell(, dieser Ausdruck von Ironie, Seligkeit und Allwissenheit? Und doch - erst ein Jahr? Es will mir scheinen, als hätten wir immer so gelebt, bedeckt von dem schwarzen Loch des Nichts, umgehen von Jammer, Gift und Atemlosigkeit, von Lüge־ umi hilfloser Trauer. Welch ein Abgrund von Verzweiflung liegt in diesem einen kurzen Jahr, von immer neuem Staunen vor menschlicher Schwäche und Gemeinheit. Es scheint, als sei es immer so gewesen, als könnte cs nie anders sein. Ein Tier tötet, um zu fressen; es morde), wenn es angegriffen wird. Hast Du schon einmal erfahren, mein Freund, daß es ein Trost sein kann, in die Augen eines Hundes, eines Pferdes zu blicken? Denn die lügen nicht. Hunde und Pferde; Chajim lichte Hunde und er verstand zu reiten. Das wußten nicht viele, von den vielen, die ihn kannten. Sein Mosaik war ja aus so vielen Steinen zusammengesetzt. M,111d11n.il muß ich den Kopf schütteln, wenn ich heute höre und lese, was sie über ihn sagen. Sie machen langsam einen Heiligen aus iluu. Welche Verfälschung des Menschen Chajim! Er war alles, nur kein I lediger. Ein Mensch mit starken Leidenschaften, einer ungewöhnlichen Vitalität, mit starken Wünschen und Begierden, einer lebendigen Eiithilduugskraft. Aus dieser Leidenschaftlichkeit und Lebenskraft erwuchsen seine Führerqualitätcn. Wäre er so glatt und gicieliiiiiü'iig gewesen, wie man ihn heute haben will, so ohne licken und Widersprüche, er hätte mit 3h Jahren ein alter Mann sein müssen. Es gehört wohl zum ״Helden“, daß sich um ihn Legenden bilden. Aber es ist schade um das lebendige Antlitz, des Toten, das dahei verwischt wird. Mail soll aus dieser so unendlich Charakter,istisclien ironisch-seligen Totenmaske kein glattes I leiligengcsicht machen; es wäre schade darum. Wenn ich diese Maske sehe, steigen Erinnerungen herauf. Ein Kollegsaal in der Universität Berlin. Meine Nachbarin zupft mich beim Aermol lind flüstert; Dort, rechts hinter Dir, der Dünne, das ist ein junger Dicliter! Ich war sehr neugierig. Einen Dichter hatte ich noch nie vor tlie Augen bekommen. Und da saß in der Tat ein ganz junger Mensch mit einem unaussprechlichen Namen, dünn, mit einer Brille und einer ganz ungewöhnlichen Stirn, die — übermäßig hoch — nur aus Buckeln und Beulen zu bestehen schien. Das war also ein Dichter. Als ich ihn — eine Woehe später — wiecJersah, war c! aus einem Dichter zu einem Philosophen geworden. Es war in der Wohnung in der Eisenacher Straße in Berlin — bcsinnst 1)11 Dich noch auf die Freitagabende? — und wir führt eil eine wilde Diskussion über Schopenhauer. Wir waren damals alle ganz junge Studenten und es gab nichts, was uns nicht interessierte und was wir nicht glaubten, vollbringen zu können. Unter uns waren manche von Geist und Kenntnissen, aber Ghajim erwies sich immer als der Stäikcro. Es war nicht mir die grolle Intelligenz, die ihn aiis/cichnete, sondern eine für sein Alter phantastische Sicherheit und die nnbcsiegliclte Vitalität. Wenn er einen neuen Dichter entdeckt hatte — sei es mm Hölderlin oder Heine oder Stefan George, später w׳ar es vielleicht S vinburuc oder Thomas I lardy —, dann vergrub er sich darin, bis er ihn mifgesaugt hatte. Er zitierte ihn und las ihn vor, bis wir verzweifelt um Gnade baten, denn soviel Poesie auf einmal und mit solcher Vehemenz konnte eben nur Chajim vertragen. Dasselbe war mit einer neuen Theorie, die er irgendwo entdeckt oder selbst aufgestellt hatte. Sie wurde mit Feuereifer untersucht, verteidigt, bekämpft, bis auf den Grund aiisgcschopft. Uh es sich um Politik handelte mler Nationalökonomie, um Philosophie oder Lyrik — es wurde alles mit ,äußerstem Schwung allgepackt. Daß das nicht nur das Eener des Jugendlichen war, sah ich später, wenn ich ihn mit vielen anderen verglich, die so glatt und langweilig wurden — oh, wie langweilig! - , daß man sic kaum mehr bemerkte. Bei Ghajim war es ein ungewöhnliches Interesse, das alles umfaßte, was sich ihm in den Weg stellte und alles mit seiner Person 11ml seinen Zielen in Verbindung brachte. Ghajim lebte in dieser Beziehung unter einer großen Gnade: er Kannte keine Langeweile, wurde nie fertig, hatte immer Stöße von Büchern, die er lesen, Massen von Planen, die er durchführen wollte. Er wuchs und änderte sicli im Wachsen. Noch ein anderes Bild steht vor mir: Wieder Berlin, ein kleines Zimmer im Norden der Stadt, wo der eben gcgründete deutsche ״liapoel lla/air“ seine Versammlungen abhielt. Dort wurden alle!•'ragen des palästinensischen Lebens erörtert, alle ethischen Forderungen der Rückkehr zu einem produktiven Arheitslehen in Palästina als Ausweg aus der materiellen und seelischen Judennot verkündet. Wer die Sache von außen sah, fand sie nicht sehr imposant: ein schäbiger Raum mit Tisch und Bänken, ein paar Dutzend Menschen, die zuliörfit oder durcliiiuandersclireien. Aber für uns war das eine ganze Welt. Wir hätten eher auf alles andere vcrzichtet als auf die wöchentliche Versammlung, auf der wir reihum die Referate hielten — je weniger der Vortragende vom Thema verstand, desto interessanter für ihn! — und das Bild einer solchen Versammlung steht mir vor Augen: Ghajim oben am Tisch, tlie Glocke in der Hand und wild läutend, während er schreit: ״Die Geschäftsführung liegt in meiner Hand“. Ich habe erst viel später verstände״, warum mir diese kleine Szene so im Gedächtnis geblieben ist. 111 diesem dünnen, zwanzigjährigen Jungen steckte schon der ganze große Ghajim Arlosoroff. Er ließ sich nicht Umwerfen und dreinreden, er konnte schreien, wenn es nötig war, er konnte begeistern mul kühl argumentieren, und er schwamm damals schon in der Atmosphäre der Versammlung und der Sitzung wie ein Lisch im Wasser. Und es ging ja dann auch alles mit reißender Schnelligkeit. Ein kleines Häuflein unter Arlosoroffs Führung drang in den deutschen Zionismus und änderte ihn. Wir organisierten die Konferenz in Prag: Ghajims erste Begegnung mit palästinensischen Menschen! Und wir organisierten die erste Einwanderung nach dem Kriege ins Land. Es tut gut, lieber Freund, bei diesem jungen Chajim zu bleiben, in diesen Ansätzen schon die Vollendung zu sehen, iinterztitatidien in jene Welt, die bis zum Ucherlatifcn voll war von Kräften, Plänen, Aufgaben und - Illusionen. Ich lächle, wenn ich daran denke, wie er Witze erzählte — wie steckte er voll der tollsten Anekdoten! -wie er mit Begcistcrung jüdische Volkslieder sang, ich freue mich über den Redner auf der Bühne, den Wissenschaftler am Schreibtisch. -Und dann plötzlich bleibt man bewegungslos vor Schreck. Die Bilder überall, das sdiwarze Nichts. Kann man vergessen, daß man an einen Ermordeten denkt? Es gab ja einen Trost, das selig-ironische Totengesiclit. Aber dieses Gesicht wußte ja nicht, was kommen würde, es wußte von r V I 1 *H?",*J1 I 13j| 1 I du ן ■I || | •t ר״<17 י. r| ׳',1 I if ׳ IV. /: H[׳\ -V. '1 r \ ׳- 1־־׳*'vt h• U ״-« . ts?. L 1., .ו* «c y*V•*•׳ _ Z-s.- J״ / \ t ׳־ “ ״* j ,!i jT , .// k K '• \V Aus Anlaß des Jalirzcittagcs von Arlosoroff gab der fdawar“ eine Sonderbcilage heraus, in welcher eine ״eilte von Freunden und .Schriftstellern die Persönlichkeit ״nosnrofls würdigen oder Erinnerungen an ihn erzählen. Bc- ״Widers interessant sind in dieser Beilage die hebräischen ״Versetzungen einer Anzahl von G e «I i c 111 c 11 Arioso- I°Hs. Es ist nur wenig bekannt, daß Arlosoroft besonders in mincrer Zeit in deutscher Sprache Gedichte geschrieben hat. ”tin wurden einige dieser Gedichte ins Hebräische übertragen, 1!צ« zwar finden wir eine Ucberset/nng von Bialik, eine von '.Sch er n i eh o w s k v, eine von Jakoh Ficli mann und onc von Ch alkin. Daß die bedeutendsten Männer der 11c- '•»sehen Literatur diese Uebersctzungen Vornahmen, ist eure anunn Ehrung des Verstorbenen. ״Haarez“ veröffentlicht *״(aulich des Todestages eine Anzahl politisch interessanter ויד־,/•' % ווי- "**-"־“י׳ r -,«ägi "V!ו*'* 'St* 4ie>ai: 1 luäMM , Auf dem Friedhof in Tel-Awiui fand die Enthüllung des Geilcnh.ittins fiir Chajim Arlosoroff statt. Dr. itu/ipin vollzog die ZcTrmonie. Unser Bild seigt SalmanRubaschaff hei seiner Gedenkrede. Neben ihm die Mitglieder der Zion. Executive Hufipin, Kaplan. bchertofe.Grünbaum Ph«to; Orient Pru» PKolo-Cemj) '׳■■ו. ,11 1|> ' f:ä

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