Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 44 (1.6.1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2653452-2653492--25301-2682429- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 JÜDISCHE RUNDSCHAU Die Wormser Synagoge. im Wandel der Geschichte Nicht die Judengasse allein, die Stidt Worins als Ganzes war im Laufe ihrer Geschichte immer wieder Zerstörungen und Bränden ausgeset/.t, zuletzt und wohl am ausgiebigsten 16S9. So sind von den Denkmälern jüdischer Vergangenheit nur drei erhalten: die Synagoge, deren Wicdcraufrichtung die Juden sich nach jeder Zerstörung angelegen sein liehen, die daneben liegende Mikwc, die ja unter der Erde liegt, und der alte Friedhof, von dein wir zwar wissen, dali er öfters mutwilligen Zerstörungen aiisgesetzt war, von dem aber doch noch ein guter Teil erhalten ist. Alle drei stammen aus sehr früher Zeit, ehrwürdige Erinnerungen haften daran, sic sind das Ziel vieler fremder Besucher. Was die Synagoge, die heute im Brennpunkt des Inter« esscs steht, betrifft, so muß der Bericht mit einer ernüchtern* den Feststellung begonnen werden. Vom ursprünglichen Bau jener Synagoge, deren QOOj,ihriger Bestand gefeiert wird, Ist kein baulicher Bestandteil mehr feststellbar, außer den ,Inschriften, aus denen hervorgeht, daß Mar Jaakob bar David und dessen Ehefrau Rachel im Monat Elul 103 t die Synagoge stifteten. Eine zweite, wie die erste in Versen gefällte Inschrift, die neben dem Aron in die Mauer eingelassen ist, gemalmt daran, den Namen des Stifters, des Mar Jaakob, von Sabbat zu Sabbat zu erinnern. Diese erste Stiftung der Synagoge, die in die Zeit der Gründung oder der Ncubcg'ründung der Wormser Gemeinde fiel, ist so sehr als die entscheidende empfunden worden, daß bc! dem Umbau, der aber durchaus als Neubau anzusprechen ist, die Stiftertafeln, die an die erste Gründung gemahnten, dem neuen Gemäuer cinvcrlcibt worden sind. Me Grundform des Gebäudes, das wir heute vor uns haben, stammt vom Ende des 12. Jahrhunderts. Krautheimer, der zuletzt und am gründlichsten die Architektur der Synagoge untersucht hat, kommt durch einen ins Detail gehenden Vcr« gleich mit verwandter Architektur zu einer engeren Bcstimmung der Bauzeit. Seine Ansetzung der Bauzeit nahe an 1180 bestätigt sich durcli eine noch 1559 an der Synagoge gelesene und aufgezeichnetc Inschrift, die auf 1175 weist. Dies dürfte also das Baujahr der Mämicrschul, des ältesten Bestandteils der Synagoge, sein. Sie ist ein gar nicht großer Raum, zweischiffig, mit Wölbungen, die auf zwei strengen romanisehen Säulen mit wundervollen Kapitellen ruhen. Das routanisclie l’ortnl zeigt erhebliche Aeluilicbkeiten mit dun ja ungefähr gleichzeitigen Portal am nördlichen Seitenschiff ־ des Worinser Doms auf, während für die Kapitelle Krautheimer die Krypta der Stiftskirche in Fritzlar mit Recht zum Vergleich heranzicht. So ist also der Umbau der Synagoge dem Umbau des Doms zeitlich ebenso eng gefolgt, wie der Bau von 1031 dem ersten Burchardschen Dom bau. Es war eine Glanzzeit der Wormser Gemeinde; sie reichte wohl nicht an jene erste, nie wieder erreichte Epoche heran, in die der erste Bau der Synagoge fällt, jene Zeit, als Meir ben Jizchak, einer der bedeutendsten deutschen Pajtanim, als Sc hei i ach Zibbur wirkte, als die Schüler Rabbi Gerselioms, J i 7. c I! n k Mal» lewi und Jizchak be 11 J e 11 u d a, dem Wormser Talmud- Studium jenen kurzen Glanz verlieh, der den jugendlichen Ra sc hi als Schiller anlockte. — Doch war die Vernichtung der Gemeinde von 1096 überstanden, neuer Wohlstand hatte sich angeliäuft, man fühlte sich seßhaft genug, um jenen den Jahrhunderten trotzenden Bau mit den meterdieken Mauern auf/iiftiliren. Daß die Gemeinde nicht ganz, so sicher war, wie sie bei Begründung ihrer Synagoge wohl aiiuahm, das sollte sic schon wenige Jahre später, in den Stürmen des zweiten Kreuzzugs, und dann immer wieder im Lauf ihrer leidens- und zerstörungsreiehen Geschichte, erfahren. Zu Anfang des 13. Jahrhunderts war seit den letzten Verfolgungen wieder eine Generation dahingegangen. 1213 stifteten Rabbi Meir mit seiner Frau Jelmdit eine Frauenschul, die im rechten Winkel an die Männcrschn! angebaut wurde. Die Verbindung stellten wohl —- ähnlich wie in der Prager Altneuschul — schmale Durchbrüche her, die nicht zum Sehen bestimmt waren, sondern zum Hören: Die ״Nachsagcrin“ in der Fratienschtil mußte ja dem Gebet folgen können. Daneben war vielleicht schon zu Anfang eine kleine Tür vorhanden, die im späteren Wormser Brauch eine erhcbliehc Rolle spielte. Besonders wurde durcli diese Tür das während des Morgengebets von der Gevatterin in der Weiberschu! gehaltene Kind zur Brit-mila zum Stuhl Flijahtis in die Männersclud gebracht. Die Frauenschuh deren heutige Anordnung die alte ist, obschon die Baubcstandteile als solche fast durchweg erneuert, und der Oesamtclndruck durch eine Dom und Friedhof, Von Martin B u b er Idr lebe nicht fern von der Stadt Worm», an die midi audi eine Tradition meiner Ahnen bindet; und Idi fahre von Zelt z.u Zelt hinüber. Wenn Id) hinüberfahre, gehe Ich Immer zuerst zum Dom. Das Ist eine sldilhnr gewordene Harmonie der Glieder, eine Ganzheit, In der kein Teil aus der Vollkommcnhclt wankt. Id) umwondle sdioucnd den Dom mit einer vollkommenen Freude. Dann gehe Id) zum Jüdischen Friedhof hinüber. Der besteht aus schiefen, zerspclltcn, formlosen, riditunflslosen Steinen, Ich stelle mld) darein, blicke von diesem Friedhofgewirr zu der herrlichen Harmonie empor und mir ist, als sShe Id) von Israel zur Kirche out. Da unten hat man nicht ein Quentchen Gestalt; man hat nur die Steine und die Asche unter den Steinen. Man hat die Asche, wenn sie sich auch noch so verflöditlgt hat. Man hat die Leiblichkeit der Menschen, die dazu geworden sind. Man hat sic. Id) habe sie. Ich habe sie nicht als Leiblichkeit Im Raum dieses Planeten, aber als Leiblichkeit meiner eigenen Erinnerung bis In die Tiefe der Geschichte, bis an den Sinai hin. Ich habe da gestanden, war verbunden mit der Asche und quer durch sie mit den Urvätern. Das Ist Erinnerung an dos Geschehen mit Gott, die allen Juden gegeben Ist. Davon kann mich die Vollkommenheit des christlichen Gottesraums nicht ebbrlngcn, nichts kenn mich abbringen von der Gottcszcit Israels. Ich habe da gestanden und habe alles selber erfahren, mir ist all der Tod widerfahren: all die Asche, all die Zerspclltheit, all der lautlose Jammer Ist mein; aber der Bund Ist mir nicht aufgekündigt worden. Ich liege am Boden, hingestürzt wie diese Steine. Aber gekündigt Ist mir nicht. Der Dom Ist, wie er ist. Der Friedhof Ist, wie er Ist. Aber gekündigt Ist uns nld)t worden. (Aus einem Zwiegespräch Martin Buben mH Karl Ludwig Schmidt im Stuttgarter Jüdischen Lehrhaus am 14־. i. 1933, veröffentlicht in den ״ Theologisdien DIAHcrn" Nr. 9 vom Sepl.1933) ״Renovierung׳‘ des vergangenen Jahrhunderts vollkommen vcrändert ist, hat ebenfalls keine großen Ausmaße; sie hat vier Gewölbe, die auf einer einzigen kräftigen Mittelsäulc ruhen. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte sind Immer wieder bauliehe Veränderungen vorgonommeii worden, wie au allen alten Bauteil. Die ursprünglichen rundbogigen Fenster sind durch spitzgicblige ersetzt worden usw. 1319 werden die Juden aus Worms vertrieben; diese Vertreibung scheint für die Synagoge nicht von erheblicher Bedeutung gewesen zu sein. Hingegen war die nächste Vertreibung, die von 1615, mit einer sehr weitgehenden Zerstörung des Baues verbunden. Bei der Restauration von 1620 mußte die tragende Säule der Frauriischul erneuert, die Mauern mußten au allen Ecken und Enden geflickt werden. Damals wurde nach einen! Bericht von David Oppenheimer auch ein Almemor neu errichtet (in Wahrheit wohl nur erneuert) und die Jesehiwa erbaut, die mail heute nicht nur Touristen, sondern auch Einheimischen als ״R a s e h i k a p C 11 c“ vor/nst Heil liebt. Aus jenem Jahre stammt wohl mich der Vorbau vor der Frauenschuh der heute dem sich der Synagoge Nähernden im Vordergrund steht, und in der außer einer Vorhalle, die ehemalige Gemeimlcstuhc (heute das Jüdische Museum) Platz findet. Damals wurde wohl auch der freie Platz vor dem Portal der Männerschul zu einem reizvollen Schulhof ousgestaltct, Die Verwüstung von 1689 machte aus der Synagoge zeitweise einen in dir Haschi-KapelU IK __Nr• 44.1■ Wm. Sofort n.-idi <k-m Ifiswkkcr Fric.kn *■!inj, wieder in Ordnung gebracht; damals wurde an Stelle1! :־ störten Aron der wenig passende, heute noch eingebaut. "1,״'S Nun hatte der Bau von draußen Ruhe. J»e [v,f( aber bereitete ihm in den vierziger Jahre« des vw|־3?!*׳< humRrts ihr Schicksal; Der Almemor wurde abgerfv" alte Sitz,- und Bankordimng ״modernisiert״; die Mauer??׳ Männer- und Frauemchnl mit zwei riesigen spit/!, Oeffnungcn durchbrochen, an die Westwand kan! (,jnc י׳’״ (später auch noch eine Orgel) ... man kam! nicht unterdrücken, so oft man in diesen Raum friß ןז" ן gewaltig sein könnte und in seinem gegenwärtigen ” יי so deprimierend wirkt, gerade wegen des Gegensätze»?״ "■ ' der großartigen Anlage, den wundervollen l:;inzcllu׳iten '!'ל den Kapitellen), last not least: den großen FrimifJ- und —■ der Kleinheit eines Geschlechts, das verblendet?3 war, all das dem Popanz der ״Modernität״ aulzuopfer« 13־' ' sich doch ein neuer David Oppenheimer, der den (?'3 bnrtstag der Synagoge zum Anlaß nähme, eine echte IG,"1' ricrung zu ermöglichen! Dein Judentum wäre em »‘*5־ Denkmal damit wiedergegeben. M. Spit?1? Die Verlolfpnji der Wormser Gemeinde im Jahre il!t (Nach dem hebräischen Bericht des Salomo bar Simeon Am 23. Ijar überfielen sie die Gemeinde Worin?, q? Gemeinde hatte sich in zwei Lager geteilt: die einen wsr»! in ihren I läusern geblieben, die anderen waren zum Bis? I geflüchtet. Da erhoben sich die Wölfe der Wüste gegen 3 1 jenigen, die in ihren Häusern waren und vertilgten t § Männer, Frauen und Kinder, Jünglinge und Greise; sie stur? ■ die Treppen um, rissen die Häuser nieder, machten ß? und plünderten. Sie nahmen die Thorarollen, traten sic jn? Kot, zerrissen und verbrannten sic und fraßen so Israel »•; mit vollem Munde. — Nach sieben Tagen, am Ncumondst»״. des Siwan, ain Tage, wo Israel zum Sinai gekommen war,? die Thora zu empfangen, da wurden auch diejenigen,? sicli noch im bischöflichen Palasfe befanden, in Schrecken vt׳. setzt. Die Feinde mißhandelten sie schimpflich wie die erste und übergaben sie dem Schwerte. Diese, durch das von ihr״ Brüdern gegebene Beispiel gestärkt, heiligten vor aller Augden göttlichen Namen und ließen sich töten; sie boten ihr.׳■ Hals dar, um sich für den Namen ihres Schöpfers den Key abhaucn zu lassen; einige von ihnen legten selbst Hand»• sich. Sic erfüllten: ״Die Mutter ist nicdcrgcstreckt samt ihr׳- Kindern; der Vater fiel über seinen Söhnen, denn er ward »״ ihnen geschlachtet.“ Sic schlachteten, der eine seinen Bruder, der andere seinen Verwandten, seine Frau und seine Kinder, auch Bräutigame ihre Bräute, zärtliche Frauen ihre Liebling? alle nahmen ungeteilten Herzens das himmliclic Verhäng*!; an und übergaben ihre Seele ihrem Schöpfer, indem sic mir: ״Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig!“ Die Feinde zogen sie aus und schleiften und warfen sie umher; sie ließen keinen von ihm» übrig, außer einigen wenigen, die sic gegen ihren Willen zur Taufe gezwungen hatten. Bei 800 betrug die Zahl der « jenen beiden Tagen Erschlagenen; sie alle wurden nackt n Grabe gebracht, lieber sie klagt Jirmia: ״Die auf Purpur Er• zogciirii lagern auf Kot.“ Ihre Namen habe ich oben erwähnt, Gott möge ihrer zum Guten gedenken! (Aus Hebräischen Berichten über die Judenverfohw gen während der Krcuzz.ügc, lierausgcgebcn von A. Ne> hauer und M. Stern, ins Deutsche übersetzt von S, Bas, Berlin 1892.) Gruppenverbandstagung in Leipzig Am 27. Mai fand im Jüdischen Jugendheim in Lcipri; eine Gruppen ve r b a n d s t a g 1111 g des zionislisclicn (inr■ penverbandes Sachsen statt, an der auch zahlreiche Vcr• trefer der thüringischen und auhaitischcii Ortsgruppen teil* nahmen. Aus Berlin waren die Herren R.-A. Benno Cohr, Dr. Weiß, Willi Preis und Frl. Grete B I oe 11 erschien«. Die außerordentlich gut besuchte Tagung wurde durch m nahezu zweistündiges Referat von R.-A. Benno Cohn fi־• geleitet, in dem die wirtschaftliche innen- und außenpolitisä! Situation Palästinas, sowie die Lage des Zionismus ei» gehend dargclegt wurden. Dr. Fleiß berichtete über d:t Tätigkeit des Sachs, (iruppcnverbandcs und die wesentlich׳ sten Aufgaben der nächsten Zukunft. An die Referat« schlossen sich Berichte der Vorsitzenden der einzelnen Orts• gruppen und eine Debatte au. In den drei Kommissionen, die sich mit Organisation(• nroblcmeu, Fragen der Wi/o und Ausbau der KKL-ArM beschäfiigten, wurden u. a. folgende Beschlüsse gefaßt׳ Die drei Grupncnvcrbändc Sachsen, Thüringen, Anhait werden zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen?■ faßt, mit dem Ziele, in absehbarer Zeit einen cinlieitliches Oruppcnvcrband Mitteldeutschland zu gründen. Der Sitz ®! Arbeitsgemeinschaft ist Leipzig. Dadurch wird eine b«s״e Zusammenfassung der innerhalb dieser drei Verbände wf Verfügung stehenden aktiven Mitarbeiter und eine ratif nclicre Bearbeitung der Hauptaufgaben ermöglicht. Da als dringlichste Aufgabe die Erziehung eines Fünrff• nnchwuchscs angesehen werden muß, wurde die Abhalt«? eines S c h u 1 u n g s l a g e r s Ende Juni in Dessau bcschlo'S«. hei dem die Idccngcschichtc des Zionismus, seine ITniiptpy־ blcmc, die Geschichte der fünf Alijoth, die Soziologie ® luden und die Probleme der Palästuiawirtschaft durch 5?״• kundige Redner behandelt werden sollen. Die Meldungen ׳‘»ג Ortsgruppen über die Teilnehmer für dieses Schulung!!!?1 müssen bis zum 4. Juni bei der ZV. Leipzig, Kcilstr. % CIS' gegangen sein. Es wurde ferner beschlossen, den Ortsgruppen, die > eigenen Mitteln die Durchführung eines hebräischen yn? richtes nicht vornehmen können, durch zentrale Mittel י״’ zu ermöglichen. An die Tagung schloß sich ein Referat von Herrn ״״; Preis über die Grundsätze der Zertifikafsertcilung, das *j ■׳• außerordentlich lebhafte Debatte entfesselte. Aus dem 1״» dieses Referates ist hervorzuheben, daß in Zukunft als •'־" destvorbereitung für Palästina eine 1!(;jährige 1 a n d «''r.1 sch ältliche oder eine 2—3jährige handwerkU« H a c 11 s c h ar a h angesehen werden. vur auv״. eröffnet worden sind. Diese Kurse sind .-. - Einwanderer aus Deutschland bestimmt, 1 vor *״rer Ankunft nicht mit körperlicher Arbeit bcsch V™ rty handwerklicher Arbeit übergehen 'voll׳ Mittel für die Kurse wurden vom britischen Hilf? deutsche Juden beigesteuert, Bel der Einrichtung bei sich die Hitachduth Oie Germania und der Arbeiter Haifa Die Kurse dauern 4-6 Monate. Die Teilnehme ten drei Tage in der Woche Unterricht und an den Tagen Lohnarbeit. 70 Teilnehmer haben sich bereits det und für 50 Teilnehmer ist noch Platz. ׳;