Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 40 (18.5.1934)
- Date
- 1934-05-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2651273-2653452-2653489--25233-2682358- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
5k'!ן1י־ן 10.1 ן!;!., I ' 'i'll, I1rl,kc;t ן If'll 1‘Hüllt. ISciu■״. ,'«זו!:׳ ־ 0׳ t. ׳«g׳::,d. ׳,i'slf lls J An. Wucht HpT.lcIl Ssi'nen 'biscln• inii't'n י Bild Lau.!uhing .ל׳ jeden ך£ M E 5/70. eine nifso!1r- Itmg lieht es er ־den f •eii;icdjjr»«• OfM nprice »!ehe. UM• ule. rorin 01 und cmäö 1035. 1z0s. trow, rin no*• 54 11 H ird. »Uw. 17 trg p«t!• ll.r.« Id- 11111■ 11 .׳ »17 0a r toll ne! 6K 512!ÜPI SC״E RUNDSCHAU LITE A V BLATT Jmmm! <Jmrn Jk nätm «4L• NR. 40. 18. MAI 1934 ״Eine Zeit n neuer Roman (Jtid. Buch-Vereinigung, •,••,siirden und /;flieii halle, ,'.!״ Und hall) ,,'!n der mir« ■ ■,,I eine /eit;״ (irolierein C,-״rß Hermanns Berlin). . |)or holech-we dar ha: eine Zeit geht und eine Zeit t oh Georg Hermann an die Worte des könig-; ,11 i’redi;;ers und Ahnherrn aller jüdischen Dichter dachte, cr den schwermütigen Namen für sein neues Buch!*I? _ XX'.ilirscheiiilich nicht -- sicherlich nicht, 1115chten 11■,.,ן. Denn in dieser aulfälligen Gleichheit der Namens- ,'.jii offenbart sich mehr als eine geistreiche Lust am i.ijcrfii, «ie sie manchein unserer allzu Gebildeten nicht L,||d ist. liier enthüllt sicli unser aller Los, das über ./e j.ilirlitimlerie_ hinweg das gleiche bleibt und vor dem güj.f ebensowenig Halt macht wie vor dem Bürgersmann. es König Salomo jung war, da sang cr das Lied der 1;'rdcr — die I ieheiulcii aller Zeilen saugen es ihm nach — :,I die dunkle Schönheit der Hirtin Sulnmith, die einst /rc11 die nächtlichen Straßen irrte auf der Suche nach dem (en, rührt uns noch heule ans Herz. Aher als er alt vieler Menschen Leid und spärlich Glück da wußte cr neue Weisheit ,,Alles Ist nkhverziehleml, hall) tröstlich klingt dann hei Ton: dalS immer wieder ״eine Zeit stirbt erstellt“ . . . Wenn man einmal Geringeres vergleichen darf: König Salomos Weg ist .״!;er aller Weg - - er ist auch der Weg Georg Her- Firnis. Als Georg Hermann jung w..r, da blühte der fdililing im Schloßpark von Charlnttenburg, und das bluten- ..jt1gc jetteilen Gebert begegnete in aller Last und in ,!](l11 Leid der liehe dein heimlichen Freunde Kößling. X!!n ist Georg Ilermann ... zwar noch nicht alt, denn sein unifcl gehorcht der geübten Hand wie ehedem, aber doch )!;er geworden und hat vieler Menschen Schicksal gesehen, juch im eigenen Leben das Auf und Ab von höchstem Glück und hillersler Qual erfahren; und nun schrieb er dies nach- Jrnklidio, in allen Farben des Lehens vom schillernden Glanz eines 1 Icrbsisoiiiicnscheins bis zur nachtschwarzen Tragik einer Winternacht spielende Buch. Wer Georg I lermanns frühere Werke kennt, dem sind die Menschen dieses Buches keine Fremden mehr; aber such fiir den neuen Gast an seiner reichbesetzten Tafel lat der Wirt in einem gedankenreichen Vorwort den Zujinimenhang zwischen den fünf Romanen hcrgcstdlt, die jeder einen anderen Querschnitt an einem anderen Wendepunkte des Welfgcschehens und der Finzelschicksalc darsteüen. Drei Generationen von Berliner Juden tauchen vor uns auf; mehr oder minder aber ist cs doch jenes Geschlecht, Jas zwischen 1870 und 1880 zur Welt gekommen ist. Männer und Frauen des bürgerlichen Berliner Mittelstandes, Aerzte, Juristen, Schriftsteller, große Kauflcutc ... sie alle eichen liier, daß ihre ,,Zeit stirbt“. Menschen mit aller geistigen Beweglichkeit, aber auch mit allen Gebrochenheiten und Zerrissenheiten ihrer Generation; umweht von einem lliiicli von Schwermut über eine ״Welt, in der sie sich nicht mehr /iirechtfindcii“. Millen unter allen diesen Typen-Mcnschcn, die doch wieder jeder seine eigene Komödie oder Tragödie zu agieren laben, spielt sich der letzte Akt des Einzcischicksnls ab, i!s uns schon in den früheren Büchern ״November Acht- 1:״1!!׳ und dem noch unveröffentlichten Buche ״Ruths schwere Hindc“ bewegte. Der nicht mehr ganz junge Schriftsteller Ditz Fisner ״unjung mul nicht mehr ganz gesund“ — ihn ';! Heines Worten zu bezeichnen wäre zwar ein wenig hart, s'tr niiid ganz unwahr -- hat nach der Enttäuschung einer (Den 1:11c in der Vereinigung mit der jungen, schönen Ruth ein neues schmerzvolles Glück gefunden. Wir nahmen 01׳ den beiden Abschied, als die Wirren der Revolution von 1018 Berlin durchlebten; wir finden sie jetzt wieder ist Frieden eines Heidelberger Herbsttages, aus dem sich;־t junge Rutil doch fortsehnt in das Treiben der großen DJt, wo man niitrateii und mittun kann an dieser histi- •';vn und traurigen, immer aber ergötzlichen Welt. Schon zeigt es sich, daß auf diesen Seiten zwei Weiten von Menschen und Geschlechtern wiedergegeben sind. Gewiß, He diese Freunde von Fritz Eisner sind uns heut fremd aJ ein wenig gespenstisch geworden; wir kennen sic noch, י jeder Familie gibt es vielleicht noch irgendwo hei Vettern Her Basen Frauen wie Hannchen und M’chen oder Männer üe Paul 011 inpert mit seiner Schauspielerin. Wir kennen sic noch — und müssen ihnen noch jetzt 5isnclminl eine Visite machen, von der wir immer ein *tiiig verwundert, ״daß es das noch gibt!" und ein wenig j;;wig, aber immer noch gefesselt an den Amboß des tag- 1 ■pen Lehens zuriiekkehren. Aber mitten unter ihnen steht | :1;1b die zu uns gehört: das ist die junge Ruth, die letzte ,י'1 ןbr des Mannes von vorgestern. Die schöne, kluge, Immer 3 *j1'״« junge Frau ist, wie die kluge Fränze sie nennt, 1!! ,1י ‘'*"’as w'c 'lie ״Brücke zwischen einer Zeit, die stirbt, J!_™ einer Zeit, die es noch nicht gibt". Ganz Feuer, ganz ן Hlkraft — aber von einer Tatkraft, die über den engsten ן «nenskreis hinaus in den Bereich der Gemeinschaft verj ״״jt. Nur darum kann sic es in der weltabgeschiedenen ,1 dw des Ncckarinics nicht länger mehr aushaltcn, weil rjw drängt, am Bau der neuen Zeit mitzuhclfcn ... wenn ן ‘“en nicht viel darüber gesagt ist, wie und wo sie sich , “«en nriion Bau vorsiclit. Gewiß, sic ist so wenig bewußte!1/1'in wie alle die anderen bürgerlichen Großstadtjuden Kreises; aller man kann sich unschwer vorstcllcn, •Me, wenn sie diese Zeit und diese Tage initerlebt Jte! auch einmal eine Clmlu/ah hätte werden können, ic. ׳nii i laiul und Herz am Bau einer neuen Welt mit- °der eine Hinauf/iehende zu neuem Ziel — denn neue;J 1■ sind der Feuerstrom, in dem allein sic atmen kann. 1׳״, l״* gerade diese Jtigemlfrische muß sterben. Von Kind- ’ :11יי. י trägt sie den Keim zu verhängnisvoller Krankheit 1 . s'd1, gegen die es keine Rettung gibt. Nun ist der Tod 1!'!'Crha11ter Gast in Georg Hermanns Büchern. Die arme : .״ j!c״ s1|cl!t ihn, jung und doch lcbcnssatt, wie sie sieh 1 ,1*1'1-1, «ן‘A nachdem sie die herbste Enttäuschung mitten in 1 "r '•niilhing erlebt hat. 17er einsame Doktor Hcrzfcld sucht i ,! “*׳tc Zuflucht, als ihn die Einsamkeit und der Graus j 1’«gräbt. Und der ״kleine Gast“ in einem der er- } li״10״ilsten Bücher Georg Hermanns, das winzige Mädekheii,; / schuh Eltern docli schon eine Welt bedeutet, findet den;'!‘!;,01"1e ihn zu suchen — ja, ohne überhaupt erst recht;1)1 11 /.״ haben, - Aber dies hier ist ein anderer Tod. :Cl|./7.״׳״e junge Ruth stirbt und will leben, leben mit K Afn ihres Leibes und ihrer Seele. Es kt, als ob sie tat '!H/r jener Zeit würde, der sie ihre Liebe geweiht ■ fC,sic- (1'e doch ״aus anderen Zeiten kam und in andere; *« gehen hoffte“. (Woher diese Worte stammen, das *ihrCs,cll?st 1'er zitierfreudige Georg Hermann nicht oder f ,־';־^,"lieh nicht erraten können. — Ich will es ihm sagen: ״ " "irmnnd andern! als ... Theodor Herzl.) Um schitl *mh 'Villen, deren Sterben mit reifster Kunst ge• Buch r "‘1'd. um dieser Sterbenden willen lebt dieses Juden"- aucl> für uns, die wir andere Menschen und andere ,,wurden und zu anderen Zielen streben. . -Aber kt dieser Tod, dies Ende einer Zeit, <He unter- ז Un<l untergehen mußte, rechter Anfang und rechtes ',;res •ä hilf . Ziele Omen für eine Jüdische B u c 11 - V cr c I n i g u n g, die mit diesem Buche ihre erste Jahresreihe eröffnet? — Man hat cs oft bezweifelt. Dennoch ist es symbolhaft, daß mit diesem Erzeugnis einer reifen, schmerzlich lächelnden iüdischcri •Pr/ählcrkimst der neue Weg begonnen wurde. Jedes wahre Ende ist zugleich ein Anfang; hier ״stirbt eine Zeit“, damit das Erdreich timgepfliigt werden kann für neue Saat. Im Koliclclh, dem Icbensvenieiiieiulsteii Buche unserer alten Schriften, steht neben dem bitteren Wort über die Nichtigheit aller menschlichen Eitelkeit das Endwort ... ״aber die F. rde bleibt ewig bestehn". Und diese ewigen Kräfte der Erde sind es endlich, die auch in Georg Hermanne Buche den Enkeln dieser sterbenden Zeit ״ewigen Bestand“ verbürgen; Kräfte der Erde, wie sie In Himmels* wölken und Ackerboden leben; und Kräfte des Bluts, wie sie sich etwa in dem wortlosen Einheitsgefühl eines Vaters und seiner Tochter kundtun ... Tretet ein: auch hier sind Mächte der Ewigkeit! Dr. Bertha Badt-Strauß. Ein Warnungssignal Illusionen sind schon zu normalen Zeiten gefährlich. Vollends aber in Zeiten der Not und Verwirrung. Die jüdische Emigration hat es bald erfahren müssen, daß derjenige ihrer Ströme, der nicht in geordneten Bahnen aus Deutschland nach Palästina floß, sondern sicli anderen Ländern zuwandtc, nirgends ein Bett vorfaud, in das cr sicli ergießen konnte. Kompliziertheit der politischen und wirtschaftlichen Verhälttiisse _ versagte den jüdischen Auswanderern, was etwa den zaristischen vor anderthalb Jahrzehnten sich bot: auf nähmefällige Länder, deren Leiter obendrein in ihrer Gegnerschaft gegen den Bolschewismus die Wanderer gern logierten. Sicher wird cs einzelnen jüdischen Individuen, und zwar nicht immer den besten, gegluckt sein, außerhalb Palästinas ein neues Gastland zu finden, aber cs hieße töricht verblendet sein, wenn man nicht bereits jetzt nach einem Jahr der Abwanderung fast überall Gleichgültigkeit oder gar Gegnerschaft konstatieren wollte. Man muß im Interesse der jüdischen ()Öffentlichkeit jedes Warmmgssignal registrieren, das da ertönt. Ein solches Warfiungssigual ist u. a. ein Buch, das zurzeit in Frankreich großes Aufsehen erregt, niemanden anders als dem berühmten Romancier Paul Morand zum Verfasser hat und für die deutschen Juden büchst lehrreich ist. Man erinnert sich noch, mit welcher Herablassung der eingesessene deutsche Jude sich gegen alles Ostjüdische schlechtweg benahm. Heute ist cr, wenn cr z. B. nach Paris kommt, für den Franzosen ebenfalls zum ״Ostjuden“ geworden. Das ist einer der stärksten Eindrücke, die ein deutscher Jude aus dem Morandschcn Buch empfängt. Der Roman seihst schildert die Entstehung des Films ״France La Dotilce“ (so ist auch sein Titel; Ersehnnuiigsort: Gallimard, Paris), den Herren aller Länder in Frankreich drehen. Um cs gleich zu bemerken: Morands Arbeit ist nicht nntijiklisch. Die Objekte seines Angriffs sind nicht nur deutsche ausgewanderte jüdische Fihuleiitc, die von einem brctonischcn, etwas vertrotteten Adligen finanziert, das 1 leidenepos der gallischen Literatur, das Rolandslied in Joinville, ßeaulieu und den Pyrenäen drehen, sondern auch ebenso sehr die Weißen Russen (die als heftigste Konkurrenten und Feinde der jüdischen Filmlcute geschildert werden), wie Rumänen, Syrier, Griechen usw., die in dem FihngcSchäft ihre Hände haben. Man erkennt deutlich: dieser hochkultivierte, viel gereiste, durch alle Zonen gefahrene Morand hat 111 seiner westliehen Seele eine furchtbare geheime Angst: die Angst vor dem Osten. Man spürte sic schon in seiner letzten großen Novelle ״Der Tod des Schwans“ (in dem Novellenhand ״Rokoko"), in dem eine sowjetrussischc Primaballerina, die einen Pariser- Opern-Tanzstar zu verdrängen droht, von einer Ballett-Elevin zu Sturz und Beinbruch gebracht wird. Morand hat Atembcschwerden vor der slawischen Welt, und da cr kein sehr unterrichteter Ethnologe ist, identifiziert er Balkan, Rußland und Juden. ״Um Mißverständnisse zu vermeiden, erkläre ich, daß der Zorn, der mir zum Teil in diesem Roman die Feder führt, keineswegs den großen internationalen Namen der Kunst gilt, die bei uns vorübergehend Arbeit und Zuflucht fanden.“ Und in der Tat wäre das auch nicht verständlich, denn gerade hervorragende ausländische Filmregisseure jüdischer Abkunft haben dem französischen Film außerordentliche schöpferische Dienste geleistet, ganz zu schweigen von den einheimischen jüdisch-französischen Künstlern, eien Schöpfern der ״Maternclle“, ״La Bataille", ״Vieiilc Canaille" usw. Und in der ״Cinöniathograpliie Frnncaisc“, dem Organ der französischen Filmindustrie, wurde erst in einer der letzten Nummern von Colin-Reval darauf hingewiesen, daß der französische Film in allen l ändern aufführimgszalilcmiiaßig bisher an letzter Stelle gestanden hätte und erst jetzt, zum Teil gerade dank der jüdischen Filmarbeit, aufzurücken beginne, Aber das ist letzten Endes doch nicht das Wichtige. Wichtig ist, daß Morand in einer recht oberflächlichen Weise die dcutsch-jüdisehen Filmschaffenden mittleren und niederen Grades einfach mit irgendwelchen levantinischen Gcldschiebern auf eine Stufe stellt. Ist es allein seine Schuld? Man muß darauf hiuwciscn, daß gerade ein großer Teil der aufrechten und bewußten Berliner Filmkrilik, auch gerade soweit sie von innerlich filmbegeisterten jüdischen Schriftstellern betrieben wurde, sich gegen Fitmmethoden und Filmlcute gewandt hat, die tatsächlieh sowohl den Ruf des Films wie den Ruf des Judentums aufs äußerste gefährdeten. Je weiter die Umformung des jüdischen Volkskörpers vorschreitet und je tiefer namentlich in den Herzen der heranwachsenden Generation das Beispiel Palästinas Lebensform und -führung bestimmt, desto stärker wird auch die Zurückdrängung dieser Typen sein, die gerade von einem stolzen und aufrechten Judentum abgelehnt werden müssen. Bis dahin aber soll man sich nicht in allzu starken Illusionen über die Möglichkeit 'anderer Heimatländer als Palästinas wiegen und soll ein Buch wie das Morands als das nehmen, was es ist: als ein Warnungssignal in der Nacht der Verwirrung. Manfred Georg. Rabbiner Dr. Emil Colin n. Teil «Wi 445 Z> Teil, 4. AufUj-0 mit 1.יוו׳*יum! StItrelMlbel. Der bekannti erfolgreiche Sprachführer fiir den ValäeUnawenderer■ “ eseesfl fitanösBin HM Gestüt« dar Spr«chblldung. Zeltungtlektilre. HebrSlach-daul- ־ RM 1,00 Di« sehr Ein auf rüttelndes Euch für den heutigen Judm« RM 3»«» RM 2,50 Der ]iitüscho Schönheit• Lc^cndcnschftts In neuer Zum liunclerMen Geburtstag von Doktor Isaak Kammer Von Dr. Ernst Mainz. Isaak Kainincr, den Freunden der hebräischen Literatur als der ״Doktor Kamimr‘• bekannt, ist in einem kleinen rus- «Ischen Städtchen des < iouvcrncnicnls Wolvuien im Mai Ift'H geboren. Unter unglaublichen Schwierigkeiten erschloß ersieh die Quellen weltlicher Bildung, der ״Aufklärung“, er floh nach Wilna, dein damaligen Zentrum der II.!-k,11.1, wurde zunächst Lehrer, und cs gelang ihm dann, obgleich er eine mchrköplige Familie zu ernähren hatte, durch Stunden geben usw. Medizin zu studieren. Er erreichte sein Ziel und wurde ein vielbeschäftigter Arzt in Kiew. Aber auch dann war sein Glück nicht vollkommen, denn die ausschließliche ßcschäftigung mit dem ״Gelderwerb“, die ihm keine Zeit für seine literarische Betätigung ließ, befriedigte ihn nicht, und als ihn noch der schwere Schlag trat, zwei hoffnungsvolle Söhne in kurzer Zeit zu verlieren, verließ er die Großstadt und ließ sicli zum Kreisarzt auf dem Lande ernennen, wo er nun wieder wie in seiner Jugend sich dem künstlerischen Sehntfen widmen konnte. So lebte cr, bis er im Jahre 1000 erkrankte und nach einer gelungenen Operation am 24. März 1001 in Bern starb. Der Werdegang Kaminers ist der eines typischen ״Maskil“ (Aufklärer). Aber wenn cr nichts wäre als das, läge keine Veranlassung vor, ihn heute zu feiern. Die Probleme der Maskilim sind nicht mehr die der heutigen Zeit, und ihre Ideale können uns nicht mehr befriedigen, denn sic waren ja häufig nichts als mehr oder weniger versteckte Assimt- Intion, über die auch die Anwendung der hebräischen Sprache nicht hinwcgtäuschcn kann. Kamincr dagegen hatte ein war* mes Herz für sein jüdisches Volk und liebte es in seiner Gesamtheit viel zu sehr, um sich mit den abstrakten Idealen der Aufklärung, die immer nur dem Individuum die Erlösung bringen können, zu heguiigen. Er will dem ganzen Volke helfen, und deshalb ist cr schon Cliowcw Zion vor dem Bostehen der Cliibbat-Zion-Bcwcgimg, Später begrüßte er dann die Gründung der ersten Kolonien als den Anfang der Eriösung des unglücklichen Volkes von seinem unsteten Lebens ״Dann aber geht die Kolonisation voran, gellt Schritt fiir Schritt, wächst immer mehr heran, nach vielen Jahren werden wieder gesammelt die Kind« gesammelt an Seinem Tisch, ihres Vaters Tisch. Und bevor Zeit und Zeiten voriibergehen, kehren die Kinder zu ihrem Erbe zurück.“ Auch hinderte ihn diese umfassende warme Liebe zu seinein Volke, ein maskilischcr Literat mit allen seinen Schwächen zu sein. Er nahm keinen einseitigen Parteistandpunkt ein. Er sah die verschiedenen Gruppen, Chassidim, Misnagdim und Maskilim, wie sic waren, mit ihren Vorzügen und Fehlern. Die ״Seele seiner Dichtung“, seiner Lyrik wie sein« Satire ist stets das ״Mitleid zu seiner Nation“, die ״Liebe zu seinem Volke Israel der l.chcnsgeist seiner Rede“. Niemals schrieb Kamincr, um als Literat durch die Schönheit seines Stiles zu glänzen oder als Dirhtcr durch formvollendete Verse Lorbeeren zu ernten. Er schrieb nur, wenn er etwas zu sagen hatte, aber dann in Ungeheuer intensiver, eigenwillig« Form, die doch frei von jeder Künstelei unmittelbar zum Herzen spricht. In zweifacher Weise hat Ravnizki (dessen Biographie des Dichters ich die obigen Daten entnommen habe) recht, Kamincr einen nationalen Dichter zu nennen, denn Isaak Kamincr schrieb für das jüdische Volk und schöpfte seine Intuition aus dem jüdischen Volke. Die Pharisäer fm Rahmen der Bücherei des Schocken Verlages Ist vor kurzem die im Jahre U)27 dem Jahresbericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums beigegebene Arbeit von Leo Baeck über die Pharisäer erschienen (Preis RM 1,25.) Die Arbeit erscheint jetzt mit einigen Ergänzungen und führt damit einem weiteren Leserkreis ein Kapitel der jüdischen Geschichte vor, das nicht nur 1m Hinblick auf die Tagespolemik, die auch heute noch über den Begriff des pharisä-!sehen Judentums geführt wird, von Bedeutung ist, sondern weit darüber hinaus für das geistige Wesen des modernen Judentums als bestimmender Faktor gewertet werden muß. ln einer Zeit, in der der Wille zur historischen Erkenntnis der eigenen Grundlagen in den weitesten jüdischen Schichten wieder erwacht ist, und in der sich diejenigen, denen die Tatsache ihres Jtidcseins erneut zum Bewußtsein gekommen ist, darum bemühen, ihrem Judentum Sinn und Richtung zu gehen, ist vielleicht nichts so wesentlich für eine alte pädagogischc Haltung als die Verknüpfung mit den Quellen unseres Werdens, ln diesem Sinn kann die kleine Schrift Baccks außerordentlich begrüßt werden. Es ist gewiß möglieh, über seine historische Methode zu streiten. Besonders die Tatsache, daß Baeck im wesentlichen auf gcistesgcschichtliehen Grundlagen das Phänomen des Pharisäertums in seiner Abhängigkeit von den Vorläufern wie auch in seiner Wirkung in die jüdische Geschichte hinein kennzeichnet, kann umstritten werden. Von diesen in erster Linie für den Historiker wesentlichen grundsätzlichen Einwendungen abgesehen, entrollt sich vor uns das lebendige Bild eines Kapitels der jftdisehen Gcistcsgcschlchte, und auch eine Reihe wichtiger politischcr Entwleklungslinicn werden sichtbar. Vielleicht wäre zu wünschen, daß neben den angeführten Belegstellen, insbesondere aus Flavins Josepluw und dem Neuen Testament, auch noch die in der ursprünglichen Ausgabe dieser Arbeit vorhanden gewesenen Anmerkungen für den hinzugefügt w׳orden wären, der den Wunsch hat, sich eingehend« mit diesen Fragen zu beschäftigen. L. Naturgeschichte und Menschheitsgeschichte. Unter diesem Titel veröffentlicht Kurt Breysig im Verlage von M. Pt H. Marcus. Breslau, ein umfassendes Werk (Preis 15,— RM.), das sich mit der Naturansch.auung eines Historikers beschäftigt. Breysig, dessen Stärke immer ln der Zusammenschau der Pro- Werne historischer Art liegt, versucht eine solche Zusammetischau über das Gebiet des Menschheitliehcn hinaus vorzunehmen und den Naturkosnns in seine Betrachtung hincinzuzichen, Fs Ist hier nicht der Ort, um auf den wissenschaftiichcn Wert dieses Experimentes einzugehen, zumal das Problem der Uebersehreitunrr der einer Wissenschaft gesetzten Orenzen immer ein äußerst diffiziles ist. Dies mag gewiß auch von naturwissenschaftlicher Seife gegen Breysig« Versuch dngewandt werden. Als Unternehmen eines aut die starken Orundünlen des Geschehens gerichteten umfassenden Geistes ist dieser Versuch aber in jedem Falle äußerst beachtlich. 1 t. n. Neuer Palästina-Führer, von Zeev V i I n a i und Dr. A. Bonne, erscheint demnächst in vier Ausgaben: Hebräisch, Deutsch, Englisch und Französisch, fm Verlag Steimatzky, Jerusalem.