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Jüdische Rundschau · 1934-05-18 · Heft 40 (18.5.1934) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 40 (18.5.1934)
Date
1934-05-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Ethik ist. Wiederholt wird schon in den ״Vätersprüchen“, wie später immer wieder bis in die abschließende clinssidisclie Formulierung, der einfältig Handelnde dem erfiilluitgsariucn Gelehrte״ vorge/.ogeti. ״Wessen Taten mehre sind als seine Weisheit, dessen Weisheit besteht; aber wessen Weisheit mehr ist als seine Taten, dessen Weisheit besteht nicht." Und weiter im Gleichnis; ״Wessen Weisheit mehr ist als seine Taten, wem gleicht der? Dem Baum, der viel Zweige und wenige Wurzeln hat. Der Wind kommt und reißt ihn aus und kehrt ihn auf sein Angesicht hin. Wessen Taten aber mehre sind als seine Weisheit, wem gleicht der? Dem Baum, der wenige Zweige und viele Wurzeln hat. Mögen auch alle Wizide der Welt kommen und drein blasen, sie rühren ihn nicht von seinem Ort.“ Nicht der Umfang des geistigen Besit/cs also gilt, nicht die Gründlichkeit der Kenntnis und nicht die Sciiärfc des Gedankens, sondern, daß man, was man weiß, so wisse und w׳as man meint, so meine, daß cs sich unmittelbar ins gelebte Leben umsetzt und in die Welt wirkt. Aber, ich wiederhole cs, die unbedingte Werthnftigkeit der Tat im Judentum bedeutet keinen ״Aktivisnms“, Nichts ist ihm ferner als die Verherrlichung selbstsicherer Sittlichkeit. Doch er weiß auch, daß die echte Autonomie eins ist mit der wahren Theonomic: Gott will, daß der Mensch das göttliche Gesetz aus dem Eigenmenschlichen und mit dem Eigcnmenschlichcn erfülle. Das Gesetz wird nicht auf ihn geworfen, cs ruht in seinem innersten Grund und soll, auf den Ruf, erwachen. Dem Wort, das vom Sinai niederbraust, widcrhallt das Wort, das ״in deinem Mund und in deinem Herzen“ ist. Freilich entzieht sich der Mensch immer wieder diesem Zwciklang des Einen, er verleugnet seinen Herzensgrund und versagt sich dem Ruf. Aber es ist die Vollendung verheißen, da (Jcr. 31) die Weisung als offenbare Schrift auf allen lebenden Menschenherzen erscheint und im Zusammentönen von Himmel und Erde das Wort sich selber erfüllt. Der Weg dahin, der Weg des mensch* liehen Beitrags zur Erfüllung, wird im Judentum dann und immer wieder dann begangen, wenn die Generationen einander begegnen und die zu ihrem Wuchs gedeihende der wachsenden die Lehre so überliefert, daß sie sic in ihr neu aus innerster Spontaneität erweckt. Die Problematik der Stunde Wir leben in einer Zeit, in der die Tat sich über die Lehre erhoben hat. Das heutige Geschlecht der Völker vermeint immer rückhaltloser, ohne die Lehre, mit einem Tun, das es eben für das rechte hält, auskommen zu können. Ich habe schon vor nahezu sieben Jahren, in meiner Gedenkrede auf unseren Lehrer Achad-Haam, darauf hingewiesen (״Kampf um Israel“, S. 153 1.), ״daß nicht bloß, was ja auch früher zuweilen geschah, die offizielle Politik der Staaten, sondern auch die inneren Bewegungen und Gruppierungen des Völkerlebens sich vielfach vom Geiste lossagen, ja in ihrer Unabhängigkeit von ihm die Bürgschaft des Erfolgs erblicken. Und sic haben“, fügte ich hinzu, ״nicht ganz unrecht. Führung ohne Lehre hat Erfolg: man erreicht etwas. Nur daß dieses Etwas, das man so erreicht, etwas ganz anderes und zuweilen geradezu eine Karikatur dessen ist, was man eigentlich im Grunde seiner Seele, da wo die Wahrheit geahnt wird, erreichen wollte. Und was dann? Solange das Ziel reines Ziel war, herrschten Sehnsucht und Hoffnung; aber wenn im Erreichen das Ziel sich verkehrt hat — was dann?“ Die Warnung, die ich damit au das Judentum richtete, ist, wie kaum anders zu erwarten war, fast u!!gehört verhallt. Wiewohl wir weniger als irgendeine Gemeinschaft ohne Lehre atts/.ukommen vermögen, hat sich bei uns seither eine weitgehende Gesamtassimilation an die Verirrung der Völker vollzogen. Ich hin nicht berufen davon zu reden, was den andern aus ihrer Absage an den Geist erwachsen mag. Aber das weiß ich, daß u 11 s, die wir die Lehre ohne Tat verneinen, die Tat ohne Lehre vernichten müßte. Jüdisches Lchrliaus, jüdische Lchrhaus-Bewcguiig — das bedeutet den Kampf gegen alle, die wähnen, jenseits der Lehre Juden sein und jüdisch leben zu können; die wahnen, man könne, indem man die Fortpflanzung der Werte abschneidet, irgend etwas dem Judentum Heilsames unternehmen. Man kann ein jüdisches Gemein* schaftslcbcn in Palästina nicht unter Abbruch der Kontimiitiit des Judentums — worunter, noch einmal sei cs gesagt, nicht Erhaltung des Gleichen, sondern ewige Neuzeugung und Neugeburt des einen Geistes, seine stetige Eingcstaltung zu verstellen ist — aufbnucn. Man täusche sich nicht: begnügen wir uns einmal mit der Dauer der biologischen Substanz und mit einer aus ihr sprießenden ״Kultur“, dann werden wir aucli diese nicht zu behaupten vermögen, denn was uns auf Erden an Leib und Seele erhalten kann, sind nicht Land und Sprache für sich, sondern sic in ihrer Verbundenheit mit heiligem Ursprung und heiliger Bestimmung. Und hinwieder kann die Diaspora in dieser Krisis der Menschheit, darein wi? am exponiertesten Punkt einbezogen sind, ihren lebendigen Zusammenhang, der so lange den Zerreißungsakten der Geschichte Trotz geboten hat, nicht bewahren, ohne daß die Lehre erneuert eine Mächtigkeit gewinnt, die alle zerschcidcmlcn Kräfte überwindet. Dem! alles nur Soziale, alles nur Nationale, alles nur Religionhafte, also des Fcucratems der Lehre Ermangelnde ist mit in die abgründige Problematik der Stunde eingebannt und langt daher nicht zu, um dem Zerfall zu steuern; die Lehre allein, in verjüngter Echtheit erstehend, vermag uns von den Bedingtheiten zu befreien und uns an das Unbedingte zu binden, so daß wir, be* geistet und begeistert, miteinander alle uns wieder im Ringe de• ewigen Bunde« stehend erfahren und, von dem Walle״ in der Geschichts tiefe ermächtigt, den Mächten der Geschichts fläche stnrtclhalten. Der Midrasch (Bcr. r, LXV) erzählt im Anschluß an die Worte des IT/vatera Isaak: ״Die Stimme ist die Stimme Jakobs, ober die Hände sind die Hände Esaus“, es seien einst Abgesandte der Völker zu einem griecliisehen Weisen gekommen und hätten ihn gefragt, wie sie die Juden unterkriegen möchten. Er habe ihnen Bescheid gegeben: ״Geht und zieht an ihren Versammlungsltiiu» sein und an ihren Lehrhiiuser« vorbei... Solange die Stimme Jakobs aus den Vcrsniiimlimgsliiitisern dringt, sinds nicht die Hände Esaus, in derer! Macht sic gegeben sind. 18t dem «her nicht so, dann sinds die Hände Esaus, dann iihcikoinmt ihr sie.“ Die Lehre nicht ohne die Tat, aber die Tat* mich nicht ohne die LehreI Unsere Uebcrliefcrung hat auch diese Gefahr in ebenso großer Weise wie jene andere erkannt. Es wird erzählt (Kidduschin 40), ln einer Ver- Sammlung der Weisen sei einst die Frage erörtert wor* den, was größer sei, die Tat oder die Lehre. Und einer von ihnen, der unsre Grundanschauung auszusprechen schien, sagte, die Tat sei das Größere. Aber Rabbi Akiba sprach: Die Lehre ist größer. ״Und alle stimmten ein: Die Lehre ist größer, denn die Lehre führt zur Tat.“ Das hört Sich an, als sei da ein Widerspruch zu jenen Sätzen von der entscheidenden Bedeutung des _ Nr- 40. 18. V, 19S4 Tuns. Aber eben, wenn man diese ganz, zu eigen ״cwi erfährt man, daß cs auf die Lehre ankommt, daii!' Lehre das Eingaugstor des Lebens Ist. Gewiß,' der p , fähige kann, wenn er in der Verbundenheit' mit f'" Göttlichen steht, ohne zu lernet! das wahre Lehen aber eben deshalb, weil die Lehre, die, ja g;lr ״i^n' anderes als ehe״ diese Verbundenheit 'meint, in zum iiiigcwiiliten Scinsgrunde geworden ist. ’ Um T rechte I nt auch recht zu tun, müssen wir sie von (|'? Verbundenheit mit dem aus tun, der sie uns gebietu' Aus der Verbundenheit müssen wir anheben; und d"' Lehre ist cs, die in uns unsre Verbundenheit'reim J! wirkend macht. k Un1i Und wieder erweisen sich Kontinuität und Spontane!, tat, Uchcrgabe und I fervorhringung verknüpft. Die lehre selber ist Weg. Sie ist i!1 keinem Buch, in keiner Satzung in keiner Formung umfaßt. Nichts, was gewesen 4’ reicht zu, sie dar/usteliai; damit sie lebendig sei Leben wirke, muß immer wieder die Begegnung der Generationen geschehen, in der die Lehre’ die Oeslau menschlicher Verbundenheit annirnmt und gerade dadurch unsere gemeinsame Verbundenheit mit unseren! Vater in uns rege und wirkend macht. Im Funken, der vom Leb renden zum Lernenden überspringt, erneut sich funken. Haft das Feuer, das den Berg der Offenbarung ״bis an das Herz des Himmels“ hob. Nichts ist charakteristischer für die Innere Situation der heutigen jüdischen Generation als das Fehlen jeder Autori• tat, jeder festen Norm, nach der man sein Handeln richtet, als die völlige Bindnngsloslgkcit, die man eigentlich iit fast allen Lagern des Judentums gegenüber den wesentlichen Fragen des Lehens findet. Nirgendwo spürt man deutlicher die Folgen dieser Bimlungs- und Autoritätslosigkcit als in Frcz. Israel, mag es sich um den alle gewöhnlichen Formen überschreitenden Partclenkampf, oder um die Disziplin der palästinensischen Jugend oder überhaupt um die Innere Hai• tung \1cs Jiscliuw handeln. Dazu stimmt es, wenn man immer häufigere Klagen in palästinensischen Zeitungen findet, daß die Jugend überhaupt kein Verhältnis zu geistigen Werten mehr hat, und daß die großen kulturellen Werke des Judentums zu einem großen Teile gar nicht mehr gekannt werden. Unser Erziehungsziel ist in Gefahr, sehr oberflächlich zu werden; cs hat den Anschein, als ob der Sinn des jüdischen Volkes zumindest In unserer heutigen. Zeit in nichts anderem als 111 einer Umschichtung der Berufe, in einer I'roduktivierung des Volkes und des Landes bc• stellt. Die Technik Und die Statistik des in Palästina Oe• schaffcncn nimmt vielfach den wesentlichen Teil unserer Erziehung ein, als ob es gelte, den Menschen auf ein Land wie Amerika und nicht auf Palästina vorzuhcrelien, wo man stets wie in keinem anderen Lande ewigen Werten sich gcgenübcrgcstcllt sah und aus den tiefsten, persön• lichstcu Kräften des eigenen Seins gewillt war, das Unbe* dingte zu verwirklichen. Selbst der Gehalt der Feiertage wird umgeformt. Die Hagadah erzählt uns nunmehr mir noch den Weg des Volkes vom Ghetto zur produktiven Arbeit. Am Roscii Haschana fragt man nicht mehr nach dem inneren Sinn unserer Existenz, legt man nicht mehr Rechen* sciiaft ah über sich seihst und seine Handlungen als Mensch schlechthin, sondern berechnet man den ln! letzten Jahre vollzogenen Fortschritt des Aufbauwerkes und des Ertrages der eigenen Siedlung. Es scheint mir, daß gerade Schawuoth der geeignete Zeitpunkt für eine Innere Besinnung in diesen Dingen ist, für die Frage, wo wir denn eigentlich stehen. Am l'cßach fand die äußere Befreiung des Volkes statt, doch noch bestand dieses Volk aus einem regellosen Haufen frei» gewordener Knechte, die zu keiner Einheit geformt waren; noch waren 81c unfähig und unreif, das Land zu betreten. Fs bedurfte erst des gewaltigen und erschütternden Er» lebnlsses am Sinai, der Hingabe an eine Idee, um dieses Volk mm auch geistig zu einer Gemeinschaft zusammen» wachsen zu lassen. Im Mittelpunkt dieses Ereignisses steht ein Begriff, der für die gesamte Kultur und Geschichte des Volkes bc» stimmend geworden ist, der geradezu das Lcbcnsfundamcnt dieses Volkes gebildet hat! der Begriff der ״Hai sc ha” (des Gesetzes) als die aus dem Geistig-Religiösen her er» folgende Bindung des Menschen. Erst in dieser festen Bin» dmig, in der Uehernnlimc der das gesamte Leben umspannen• den Gesetze wurde das bis dahin diirchcliinndcrgcwürfelte, ungebiindigte Volk zu einer Inneren Gemeinschaft, die eine eigene Bestimmung durch die Zelten mit sich trug. Auch heute spricht inan vielfach von einer jüdischen Auf» g a b e und einer jüdischen Idee, ohne daß diese Bc» griffe eine für die Lebensführung des Menschen verbind* liehe Bedeutung haben. Die Worte M. Kap. 21, 7) ״wir wollen es fun und verstellen” als Aut» wort des Volkes auf die Frage, ob es bereit ist, ein Reich von Priestern zu werden, zeigen an, daß man Im Tun den eigentlichen Sinn des Mensch• und Judcsclns erkannte, und daß man glaubte, erst von Ihm aus zu dem eigentlichen Gehalt Vordringen und diesen überhaupt erst verstehen zu können. Nicht ln der Auseinandersetzung über den Sinn des Judentums und der Feste haben wir Judentum, sondern In der Bewältigung jüdisch geformter Tat im Alltag. Nicht der Glaube an bestimmte Dogmen bildet die Voraussetzung jüdischen Tuns, sondern allein die Empfänglichkeit und Aut» Geschlossenheit für geschichtlich-religiöse Werte, als der Wille, z u m Rellgöscn durch die In der Geschichte ge* bildeten Formen der jüdischen Gemeinschaft zu gelangen. Der Weg zmn Religiösen, zu Gott hin bestand Im Judentum immer In der Erkenntnis und Erfüllung verbindlicher For» derungen im Alltag. In der Ucbcrnahme dieser auf eine religiöse Wirklichkeit hiiuleufciHlen Bindungen, die das ganze Lehen heiligen sollten, fand das Volk recht eigentlich seine Bestimmung, die Hingabe an das Geistige bildete das eigentliche Wesen und das Lcbeusclement des Volkes und verhinderte, daß cs bedcutuugslos wurde und tmterging wie die vielen anderen klcinen Volker in der Weltgeschichte. Die Ac׳nda lehrt uns, daß die Thora keineswegs dem jüdischen Volk allein Vorbehalten war, sondern daß sic für die ganze Menschheit bestimmt war. Erst durch das Versagen der anderen Völker war die vorübergehende Herausstellung des jüdischen Volkes notwendig, das dieses Gesetz auf sich nahm. Eine Agada zeigt, daß die aus der freien Entschcidüng des Volkes erfolgte Ucbcrnahme des Gesetzes der inneren •Notwendigkeit nicht nur des jüdischen Volkes, sondern der ganzen Menschheit entsprach. Rcach Lakisch sprach: ״Einen Vertrag schloß der Ewige mit den Geschöpfen der Welt, Indem er zu ihnen sprach 1 ״Wenn Israel die Thors auf sich nimmt, bleibt ihr bestehen, wenn es dies , nicht tut, so bringe ich über euch das Chaos der Welt" (a. a. O.). ״Denn so sina in der Wirklichkeit eines Volksschicksals Nativen dl», keit und Freiheit miteinander verknüpft: alles vollzieht s;ch aus innerstem Wesen, und doch wird dieses Werden immer neu aus der freien Entscheidung jedes neuen Geschlechts aus der unsern, ermächtigt.“ (Huber, Kampf um Israel, S.317.1 Das Ringen um die Verwirklichung dieser Bestimmung gegenüber dem ständigen Bestreben, das Gesetz mit der Ungcbuiidenheit und der äußeren Freiheit der anderen Völker einzutauscheu, bestimmte alle Epochen der jüdischen Oe. schichte bis auf die Gegenwart. Dieser Weg, der Weg von einem durch den Zionismus zunächst nur äußerlich zu• sammengchaltcncn Volk zu einer von einer gemeinsamen Idee innerlich ergriffenen Gemeinschaft, der Weg, der durch die Ereignisse des Pcliach und Schawuoth gekennzeichnet ist, ist auch unserer Generation aufgegeben. Nur, wenn wir diesen Weg zu Ende gehen, sind wir sicher vor der Aushöhlung anscrer Bewegung durch einen leeren Nationalismus, der heute uns so sehr bedroht, weil wir ihm keine feste Substanz entgegen/usetzen haben. Er hat auch unsere ganze nationale Erziehung zu bestimmen, ohne daß dauernd Kompromisse mit dieser das Volk als Selbstzweck setzenden Bewegung ge• schlossen werden und ohne daß unsere Erziehung niechanisiert wird. Das Seliawuothfest bedeutet aber nicht mir das Fest der Gesetzgebung, solidem von Anhang an auch das Fest der beginnenden Ernte, da man die Erstlinge der neun! Früchte in feierlichem Zuge nach Jerusalem brachte und die Brote der neuen Weizenernte im Tempel weihte. Die Freude an der Thora sollte sicli mit der Freude an der neuen Ernte verbinden und erst in diesem Zusammenspicl jedes der bei• den Elemente des Festes seinen Sinn und seine Berechtigung erfahren. Nach dem Verlust unseres eigenen nationalen Lehens verflüchtigte sieh ganz diese Freude an der Natur, Wenn auch als letzte Erinnerung daran das Schmücken der Wohnungen und der Synagogen mit Grünem geblieben kt, das von der Freude an der Thora und der neu erwachten Natur zeugt. Es liegt mir Im Rahmen des Aufbaus Ercz Israels, wenn wir wieder versuchen, die Freude an dem Geistigen, an unserer Bestimmung ausznwcitcn und wie früher zu vergegenständlichen durch die Freude an der Ernte, *0 den Früchten einer eigenen, jüdischen Arbeit. Es ist datier ein schöner Brauch, wenn am Schawuothfest die Kinder der Städte und Dörfer ihre Gaben dem Keren Kajcmeth darbringen. Und doch ist damit eine Gefahr verbunden, wenn man glaubt, in einer an sich ver» stämlliciieii Freude an dein Neugewonnenen, damit mm wirk• lieh den eigentlichen Gehalt des Schawuothlestcs, den Primat des Geistigen, ersetzen zu können. Und auch die relit'lösa Kawana, die Ausrichtung, aus der heraus man die Erstlinge im Tempel darbrachte, ist nicht identisch mit dem, was mit dem Weihen der Früchte für den Keren Kajcmeth gemeint ist, die eine an sieh wertvolle Handlung für die Gemeinschaft bedeutet, nicht aber letzte religiöse Sinnerfüllung. 1 >iese Gebiete werden häufig nicht mehr auseinandcrgchaltcn, mehr Stilreinhcit, mehr echte Distanz zu religiösen Werten wirs nötig, gerade auch um sich den Weg zum Religiösen, au«! wenn man ihn heute noch nicht gehen kann, offen zu hallen• Die für das Judentum stets eigentümliche Verbindung des Geistigen und Naturiiaften erkennt mau auch an der Wahl des Buches Ruth für das Seliawuothfest. Zunächst erscheint es sonderbar, was denn dieses schöne Idyll aut dem Feste der Gesetzgebung zu tun habe. Richtig, aber doch zu äußerlich ist die Antwort, daß die Hauptereignisse diese* Buches genau wie das Seliawuothfest zur Zeit der Weizen• ernte Rtattfimleu, Tiefer führt uns eine andere Antwort', ״weil dieses Buch ebenso wie die Thora ganz Liebe ist. Die Gefahr bestellt ständig, daß die Sonderung des jüdische״ Volkes zu einer Abgeschlossenheit mul Beziehung*! »igkcit den anderen Völkern gegenüber führt, daß unsere Aus• erwählt heit, die doch nur Auscrwähltheit zu Pflichten be* deutete, zu einem Hochmut gegenüber den anderen wird• Daher werden wir bereits bei der Volkswerdung am PcILicn verpflichtet, den Fremdling von Anfang an als glcichbcrcch• tigt an unserer Feier tcilnelimen zu lassen. So lesen wif auch am Schawuoth im Buche Ruth, wie eine Moabiter« . aus reiner Liehe zu Gott Jüdin und damit die Stammutter des größten jüdischen Königs, David, wird. Gerade atu Schawiiom, dem Tage der Erwählung Israels, wird damit gezeigt, a»u grundsätzlich für einen Nichtjiidcn die Möglichkeit des t«• tritt« in die jüdische Gemeinschaft gegeben ist. . Ferner werden uns am Seliawtioih die Forderungen der Thora, die Gebote Gott und den Menschen gegenüber, kate• gorisch aiifgestcllt; so finden wir im Buche Ruth wie an keiner anderen Stelle der Bibel die Verwirklichung der Thora in einer durch sie bestimmten Atmosphäre. VC'ir sehe״ die praktische Ausübung der Thora gerade in den unsenem• baren Augenblicken des Alltags, wie die sozialen Gebote! die Nachlese für die Armen und den Fremdling, die ״י׳ ' lüsting der Ruth und des Bodens, als SclbstvcrstämllicliKci!' empfunden und erfüllt werden. Mit tiefer menschlicher סו• nähme wird jedes Gebot ausgeführt, ״laßt sie auch /.wiscncn den Oarhcti essen und beschämet sie nicht!“ Fine enge uc• mcinsclmft schließt alle Glieder des Volkes, auch den Freut״• ling, zusammen. Es wird uns gezeigt, wie die Thora mr* eigentlichen Sinn erst in einer ganz von ihr erfüllten Atin Sphäre erhalt Im eigenen Lande und 111 eigener Utng;emu*j in der Gestaltung nicht bloß der Feiertage, sondern, wie! Buche Ruth, gerade des Alltags und des a r b e i t eh“ Lebens. Damit bildet dieses Buch den besten Komme zur Thors. . . Dr. Erich Rosenblüth.

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