Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1934-05-18 · Heft 40 (18.5.1934) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 40 (18.5.1934)
Date
1934-05-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2653452-2653489--25229-2682354
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

193-1 Nr• 40, 18• v• 1934 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Hn«•!,., sinn.•״'. •1־i.'r. l),-r (|ic ״l> 1'S '1*׳und. i״r,k\ V' «n. iinnicj 11,ו ftlinl.M,. f|' die ich j. : Vo״ •H'Ill,״ Jtii!nie »fdeii. 111 מ s. tl15fllc t <lcn ־s nr. <lc!u Jiith-n IitT/11 11 l'ill ilirhrr r um! /citer, Auch bitten ä 1i I!. aln-r «n t - «I,ווי• " zu jene : 11 n ■ Sie T des 1 die er,11). rliner lik.1l• in cm tllnnkrt. I;וזו- Kuh. erinti , e h t seine C K« ׳er. *in." sicht errn wer• rasindc lege ehe Indc Zli.lS Jen• ahr- :11 en die 11׳ en .11. 181 0;ז! •L .V. 141 Fr&121;/cirifer Ichzhüusrcde* \ Die Foripflanzunß der Werte i l׳s gibt in ■illcit Völkern zwei Arten tnul Linien der j fodpflan/uiur nebeneinander, -- neben der biologischen,! ungebrochen wie sie, die Linie der ״Fortpflanzung der ן feile“ ((,aiinwit/). Wie von Litern zu Kindern sich das | organische Leben erhält mul die Dauer der Gemeinschaft 5 verbünd, s״ rtetig ist die Ucbcrgabc und Ucberiiahmc, » die Ncuzcugung und Neiigcburt des Geistes. Von lehrendem zu lernendem Geschlecht, dieses immer wieder! zu jenem erwachsend, von Lehrersmiind zu Schülersohr, aber darin eben doch von ganzer Person zu ganzer Person wie in der leiblichen Fortpflanzung, erneuert sich das!.eben volkhaften Geistes. Iin Judentum kommt ein Eigentümliches hinzu. Die Völker wissen um die Fortpflanzung der Werte, die sich in ihnen vollzieht, nur zuweilen, nur mit einem Teil ihres Daseins; ja, die Erhaltung der Werte erscheint ihnen nur als ein ehrenhafter und erfreulicher Ucber-, flufl, nicht als etwas, was zum Wesensbestand der Nation unerläßlich gehört. Und in einer gewissen Weise haben sie recht damit. Denn in ihrer eindeutigen, wie selbstvcr* stündlichen leiblichen Existenz tragen sic eine Bürgschaft relativer Dauer, eine Bürgschaft, die vom Bereich des j Geistes her kaum verstärkt zu werden braucht.; Anders ist es im Judentum, und nicht etwa bloß im Judentum der Diaspora, dem geistig ,.umzäunten“, son- :> dern im alten Israel schon, seit die Lehre sich ihm ein- | getan hat. Da hat die Fortpflanzung der Werte selber i einen organischen Charakter angenommen, sie ist in! das natürliche Leben ries Volks cingerlrungen. Gewiß, l sic verbürgt nicht wie die biologische die Dauer der Ge- , nieinsehaft schlechthin, sondern nur ihre Dauer als Israel; i aber können wir die Stimme übertönen, die uns sagt, daß wir, käme unser Israelsein zu einem Ende, auch nicht als eins der Völker fort/uleben vermöchten? Wir unter allen haben einst in einem das Leben und die Lehre empfangen, sind in der gleichen Stunde Volk und Gemcirulc geworden, seither sind Ucbcrgabc des Lebens und IJebcrgabc der Leine aneinander gebunden. Die geistige Fortpflanzung hat für uns den ganzen vitalen 1 Ernst der leiblichen. ״Wer seinen Gefährten die Ucberj licfcrung lehrt“, heißt es in der Toßcfta, ״dem wird es angcrcchnct, als hätte er ihn gebildet und gewirkt und rar Welt gebracht. Wie gesagt ist (Jer. 15,19): ,Bringst du das Echte hervor, des Gemeinen entledigt, wie mein Mund sollst du werden‘“. In dem angeführten biblischen Wort ruft Gott den Propheten, der ihn eben 11m Rache an seinen Feinden angegangen hatte, zur Umkehr, zur )inneren Ucbcrwindung des Hasses und Widerwillens, auf; vollziehe er sie, dann werde er eine göttliche Tätigkeit rein erfüllen dürfen. Und auch das ״Bilden“ und ״Wirken“ des Kimles im Mutterleib (Jer. 1,5; Ps. 139,15) | ist göttliche Tätigkeit. Ihr, verknüpft mit der maischliehen, mütterlichen des Gebärais, wird die Wirkung des | Lehrers auf den Schüler, des rechten Lehrers auf den J rechten Schüler nicht etwa bloß verglichen, sondern real ׳« gleichgestellt. Wie die innere Wandlung des Künders eine;• wahre Wiedergeburt bedeutet, so läßt der Erzieher, der ן» aus dem Wesen des Zöglings schlackenfrci das edle Erz jj hervorbringt, ihn zum zweiten Mal ins Dasein, in das IS hörcrc, treten. Der Geist zeugt und gebiert, der Geist wird gezeugt und geboren, der Geist leibt. Das geistige Leben ist im Judentum — trotz aller Entartungen auch jetzt noch nicht ein Ucbcrbau, eine;2 unverbindliche Verklärung, ein Gegenstand verpfiiehi!l *u״k'slosen Stolzes, sondern es ist die' bindende und in Pflicht nehmende Macht, die aber e־st durch das von ihr f:| Gebundene, auf sie Verpflichtete ihre irdische, leibliche Ö Wirklichkeit gewinnt. Auch die Dauer der Gemeinschaft in der Zeit kann mir durch beides zusammen ver-!* ן bürgt werden, so tief ist liier der Geist dem natürlichen vf1׳ Leben verschworen, das ihn zu verwirklichen bestimmt ist. .-■■1 Nehmen wir aber jenes Bild des Hervorbringens f! ernst, dann wissen wir, daß in der Fortpflanzung der |; Werte wie in der biologischen nicht Ucbcrgabc eines | ■| Glciclibleibendcn, sondern Uebcrmiitlung eines eben darin Ncuwerdeiiden geschieht. Uebcrlieferuiig läßt nicht In- | ',3'tc und Formen fertig und fest von Geschlecht zu Ge- { i schlecht wandern; in dem Empfangenden lassen sich | ’ die Werte nieder, indem sie sich leiblich cingcstaltcn: S indem sie die neue Gestalt hcraiiholcn und antun, die f 4er Berufung dieses neuen Geschlechts entspricht. Wie ft das Kind nicht die Summe der Eltern, sondern ein nie * Gewesenes und Unvorhersehbarcs ist, so kann ein Gcj schlecht die Lehre nur so wirklich empfangen, daß cs ן s'e erneut. Man nimmt nicht, wenn man nicht auch I | 8'bt. 111 der lebendigen Tradition läßt sich zwischen Be- . . Wahrung und Hervorbringung keine Grenze ziehn. Das | 1 Werk der Eingcstaltung wird nicht aus der Absicht getan, j u«d der ist treu und redlich, der ein nie gehörtes Wort; als ein ihm zugekominenes ausspricht, denn so, nicht ן als ein ״schöpferisches“, lebt es in ihm. Jeder meint nur ן *«itcraitreibcn, was ihn getrieben hat, und kann doch ‘ - C*1Cr ncucr Bewegung sc‘n• in ר ״ Die dritte der Lehrhausrcdcn, gesprochen zur Eröft- ״ ן!mg des Frühjahrs-Lehrgangs 1934. f ׳ Von Martin Buber Daß dem im Judentum so ist, das stammt aus der Intensität, mit der sich liier immer wieder die Begegnung der Generationen ereignet hat, so daß sie jeweils von Grund zu Grund aufeinander wirkten und miteinander das Gewandelte als ein Gleichgcblichncs hervorbraclitcn. In dieser jeweiligen Begegnung eines zu seinem Wuchs gediehenen mul eines v a 'hsenden Geschlechts geht es letztlich nicht um ein ablösbares Etwas, das übergeben wird. Das Entscheidende ist, daß immer wieder eine Generation lehrend, weckend, bildend auf die andere mit der Mächtigkeit des existenziellen Einsatzes zutritt und mm der heilige Funke überspringt, das Unsagbare, dem alles Sagbare mir zum Werkzeug dient. Dies in seiner Gesamtheit, über der gesamten Zeit unsrer Geschichte schwingend als über einem Weg, ist cs, was ich unsre Seins-Tradition nenne. Inhaltliche und formhaftc Tradition sind ihr ciugcordnet und erhalten von ihr ihre Gcltimgskraft. Das Tradierte ist das ganze lebendige jüdische Menschentum, das Tradierende ist der ganze Icbaldige jüdische Maisch. In ihm, in seinem Dasein, konzentriert sich die Uebcrlieferuiig, sic wird von ihm gelebt, und er ist cs, was auf das neue Geschlecht zutritt und auf cs, das Altneue hervorbriiigcnd, cinwirkt. In diesen Menschon ist Israel, sic sind cs; durch sic, nicht durch das, was sic reden, sondern durch die Ganzheit ihrer Existenz erneuert sich Israel. Tat und Lehre Damit ist schon gesagt, daß die Lehre bei uns untrennbar an die Tat gebunden ist. Hier, wenn irgendwo, geht es nicht .111 zu lehren und zu lernen ohne zu leben. Die!.ehre darf nicht als eine Sammlung von Wißbarkeiten ■behandelt werden, sic will nicht so behandelt werdai. Sie besteht in dem verantwortenden Leben der Person oder sie bestellt nicht. Die Lehre meint nicht sich selbst, will nicht sich seihst, sic meint und will die Tat, worunter natürlich kein ״Aktivismus“ zu verstehen ist, sondern das Leben in der Erfüllung, das Leben, das nach dem wechselnden Vermögen seiner Stunden die Lehre eingestaitet. Unter allen Völkern gibt es wohl keins, in dem wie in diesem die Weisheit ohne das unmittelbare Tatwissen keinen Sinn und keinen Bestand hat. Am dcutliclistai wird das, wenn man den biblischen Chochtna- Begriff dem griechischen der Sophia gcgciiüberstcllt. Diese ist auf ein für sich seiendes Erkennen, auf einen geschlossenen Bereich des Denkens bezogen; der Chochma ist er fremd, ja, diese Abgrenzung einer selbständigen, eigengcsetzlichcn geistigen Sphäre bedeutet für sic die Verkennung des Sinns, die Verletzung des Zusammenp■ ״-•יי ■■״ ׳■■"■׳«■■׳״ ׳ ׳jj ׳«■!;״ ׳»»au «־«״f־ ־• 4 ' <־- ' 'S ׳*. ־ % i* ז ו I י I Von öer Tagtieg in Herrlingen ' ׳ , (so.—13. Mai) 1 ׳ Oben! Adler• Fiuttl bei seinem Ä1/««l über ״Bildung». fragen des Jüdiathen Arbtiiert.'* Unter den ZnhMern 00m Dr. Hirsch {Rcichsvertretung), Rabb, Fschelbncher (Dussel• darf). Miii* linkst Df. Frone Meyer spricht. Mitte ' rechts and unten: Buber Im Kreise d%r Vertreter der Jugendbünde. Phot. F. Biodnlte L-«■ — hangs, die Abschnürung der Idee von der Wirklichkeit. Ihr ist höchstes Gebot die Einheit von Lehre und Leben, mit der allein erst wahrhaft wir die allumfassende Einheit Gottes anerkennen und bekennen. Gegen ihn als den Geber und Sinngeber des Daseins vergeht sich nach unscrin Glauben die Lehre, die an sich selbst Gefallen, an sich selbst Genüge findet; die Bauten, noch so monumentale, über dem Leben erhebt, ohne in der Frag- Würdigkeit der gelebten Stunde den äußern und innem Widerständen ein Stück Verwirklichung, wie gering auch, abzuringcii. Dies nämlich, nicht eine dem Menschen unerreichbare Vollständigkeit und Vollkommenheit, aber die Bereitschaft, das So-vicl-ich-vcrniag dieses Augenblicks ist nach unserm Glauben von jenem ״Mit all deinem Herzen“ erheischt, dies allein fordert der Wille des gebietenden Herrn. Darum wird an die Weisung (V. M. 5,1), die Gesetze und Rcchtsgeheißc zu ״lernen“, die Aufgabe gefügt, sie zu ״tun“: sie geistig zu besitzen gewinnt seinen Wert erst, wenn und insofern es als herrschender Tatantrieb in der Wirklichkeit steht. Ein talmudischcs Wort (Jcwamot 109) bemerkt dazu: ״Wer immer sagt, bei ihm gelte nichts als die Lehre,... bei dem gilt auch die Lehre nicht.“ Den Geist kann man rechtmäßig nicht haben, man kann ihn rechtmäßig nur leben. Die große Gefahr des Menschen, als des Geschöpfs, das den Geist zu verselbständigen befähigt ist, ist die Duldung, ja Sanktionierung einer zweigeschossigen Existenz: oben, andächtig verehrt, die Stätte des Geistes, unten die Räume des Getriebes, mit dem leidlich guten Gewissen nusgestattet, das man den Stunden der Erholung in den obern Gemächern verdankt. Die Lehre verläßt sich nicht darauf, daß der sie kenne sic auch üben werde. Der sokrntisehe Mensch meint, alle Tugend sä Einsicht, und das Wissen um das Rechte genüge um cs zu tun. Nicht so dfcr mosaische Mensch. Er hat die tiefe Erfahrung innc, daß keine Erkenntnis zurcicht; daß die Uinvillkürlichkcit des Men* sehen in ihren Tiefen von der Lehre ergriffen werde, daß seine elementare Ganzheit sich, wie der Ton dem Töpfer, dem Geist ergeben muß, damit Verwirklichung geschehe. Die Abwehr des Dualismus findet hier ihre äußerste Gewalt. ״Wer anders lernt als um zu tun“, sagt der Midrasch, ״für den wäre es angemessener, er würde nicht erschaffen worden sein.“ Es ist schlimm, die Lehre ohne die Tat zu haben, am schlimmsten, wenn cs die Lehre der Tat ist. Das Leben im abgelösten Geist ist vom Ucbcl, am meisten aber, wenn es der Geist der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.