Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 35 (1.5.1934)
- Date
- 1934-05-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Mai 1860 In Budapest ßeboren wurde. Aus diesen Anliissen vcrüffenllichcn wir den nach- ,teilenden Aufsatz. (Red.) ״Ith weiß jvlzt eine gute Grahsehrift ftlr mich: Er halte eine zu gute Meinung von den Juden." Theodor llerzl. I. Achat) Haam hat seinen ßroflon Antipoden ller/l nicht verstanden. Hir ilm war lier/ls Bedeutung an die Wirkung des Menschen, an die suggestive Kraft des Führers pclninden. Dieser Mann, der in hinreißender Rede die Massen fiir sieh gewinnen konnte, war zu einer mythischen Gestalt geworden. Sein Tod würde unersetzlich sein, weil die Persünlichkeit, die Gestalt unersetzlich ist. Aber diese Gestalt tmß — nach Acliad llaam - eine unvollkommene, bekämpfi bare Idee in sich. ״Wer immer sein Nachfolger sein mag, sein Platz kann nicht ausgcfiillt werden. Der Glaube an eine Person hißt sich nicht vererben und nicht durch Mehrheitswahl erwerben.‘‘ Er spricht vom ״hypnotischen Einfluß" dieses Maulies, der den Massen die Augen verschlossen hat. Solange er; zu ihnen sprach, sahen sic nicht ״die Dinge, wie sie sind", j tlcr/l machte sie an das Wunder glauben. Als er starb, dachte Aciiad 1 taam, daß der Zionismus die Bewegung der Vfciiit'eii sein wild, derer, ״denen der Zionismus ein national- | ethisches Ideal ist, das von äußeren Nöten überhaupt nicht abhängig ist.“ Indem ller/ls einmalige Gestalt zur mythisehen Figur wurde, bewahrte sie ihre Wirkung nach dem Tode noch, und der Zweifel, ״ob die Taten Hcr/Is groß waren", wird beseitigt und ersetzt durch das Bewußtsein, daß er als ״üpns unserer Wiedergeburt‘‘ unbewußt wirken wird — solange sein Gedächtnis lebendig bleibt. Martin II11 h c r hat in seinem aus Anlaß des 50, Gcburtstages tlerzls geschriebenen Aufsatz (Er und wir, 1010) eine erneute Analyse Herzis gegeben. Auch für Bubcr sind Hcr/Is ״Fahrten nach dem Ziel" Irrfahrten gewesen. Denn Hcr/Is Konzeption der Judenfrage vergaß das wesentlichste Phänomen, den zentralen Ansatzpunkt: ״Daß die wahre J11 (I c 11 f r a g e eine innere und individuelle ist, nämlich die Stellungnahme jedes einzelnen Juden zu der ererbten Wesensbesonderheit, Idic er in sic 11 vorfindet, zu seinem inneren Judentum, und daß dieses allein das Volk sta* tuiert.“ Alles das hat Herzl nicht gesehen. Seine Größe bestellt in diesem seinem Mangel. Sic ist ״naiv, primär, cicmentar“. Der Problematiker Bubcr setzt sich dem clementaraktiven Herzl gegenüber. ״Des Elcmciitarkritikcrs Trieb zu handeln ist so stark, daß er ihn hindert, in reiner Kraft zu erkennen. Des Problematiken Trieb zu erkennen ist so stark, daß er ihn hindert, in reiner Kraft zu handeln. ״Deshalb wandelt der ״Eleincntaiaktive im Licht, auch wenn er irrt. Der Problematiker leidet im Dunkel, auch wenn er erkennt.“ fl. Im Schatten dieser Deutungen stand für uns die Gestalt Hcr/Is. Der Zionismus war für uns geradezu der lieberwimler seines Gründers. Man hat ihn uns als eien Menschen der Organisation und des Nur-Orgnnisatoriscticn geschildert. Der ״tlementaraktivc“ stand den ״tiefen“ Zionisten Regenüber. Erst seit die Judennot uns ergriffen hat, haben wir Herzl begriffen. Erst von dem Jahre der allen spürbaren Judcnfrage an haben w׳ir etwas von dem geahnt, was Herzl 1 den Ländern des Ostens war. Aus dem Organisator wurde plötzlich der Führer. In seiner Ratlosigkeit, in dem Fieber der Elemcntarerlebnisse griff man zu unserer politischen Bibel, zu Herzl. Man las mit klopfendem Herzen die Einlfilung zum Judcnstaat, die Bemerkungen zur Lage der ׳ Juden in Frankreich, England und Böhmen. Da man sich selbst anscliickte, auf Wanderschaft zu gehen, wurden piötz- Hell die Begriffe der Wanderung lebendige Wirklichkeiten, Der Jude von 10'32 hatte sich noch in Statistiken belehren lassen müssen, daß Juden in der Welt zu wandern pflegen. 1«3 ordnete er sieh seitist in der Strom der Wanderer ein. Da begriff er Herzl. Er wurde so sehr von den Sätzen über die Jmtensituation getroffen, er empfand das alles so sehr a!s den Spiegel, den man ihm vorhielt, er begriff so elementar uud so mittelbar die Kraft lierzls, daß er Herzl in die Reihe der Propheten cinordncte, und zwar in die der großen Propheten. III. Aber Herzl war kein Prophet, weder ein großer, noch j «in kleiner. Man tut den Propheten und man tut Herzl | unrecht, wenn man cs sagt. Und man versteht auch seine | uprophctischcn“ Sätze nicht. Er hat nicht aus der initiativen ן Kraft der religiösen Erfahrung gesprochen, gefordert und ge- 1 kämpft. Freilich, auch er spürte das, was jeder Schöpferische נ *ropfindet. Er war von seiner Idee inspiriert, und sie packte | ü'n so sehr, daß er nicht mehr die Grenze zwischen dein I *igenen Denken und dem ״Es“ der in ihm denkenden Idee 1 zeichnen konnte. ״Ich arbeite es aus?“, schreibt er, ״nein, cs I arbeitet mich.“ Es arbeitete ihn aber, weil seine Heber- 1 *cujfung aus einer kristallklaren Anschauung von den Juden- I dingen kam. I Seine Größe bestellt in dieser Konzeption der Judentrage. 1 Seine Größe ist die Schaffungcincreinhcitlichen, I 1<>talen, alle Zustände, Probleme, und zeit- I 1*eh bedingten Schwierigkeiten der Juden- I h«it umfassende Theorie der Judcnfrage. Er I "ar der erste und bedeutendste Theoretiker der Jucicn- I Politik. Diese Bedeutung, die mau nur begreift, wenn man 1 zcntmU w/\rhihr\et-\t rincr echten Theorie für jede I raxis ״K'-'mwo erClDt SICH uie muh1^״«v.1 . Judenfrage“, die Buber in allem, was er schrieb, gemeint hat, von der objektiven gesonderte Judenfragen- [c«nt, kann durch Antithesen wie etwa die Bubcrschcn nicht Wscitigt werden. Diese Antithese ist nämlich nicht echt. Nir״״״... . ■ m) dfr ..inneren kon/vption zu meinen. Sie gehört vielmehr in die Konzeption der objektiven Jtidenfragc, wie sic Herzl gezeigt bat, mitten hinein. ״Innere“ und ״objektive“ Judcnfrage — das sind keine antithetischen, sondern funktionelle Begriffe. Ist Herzl der Schöpfer jener Konzeption, die lins die wirkliche Ueberlcgeiihcit allen anderen ״Thesen“ gegenüber gibt, dann hat er zu der Schöpfung der Theorie liinzugetügt das große Beispiel des Juden, vier nn die Juden mul das Judentum geglaubt hat, der beides leidenschaftlich geliebt und sich in der Arbeit für sie «ufgerieben hat. Seine Enttäuschungen waren ihm ein Beweis dafür, daß er ״eine zu gute Meinung von den Juden hatte“. IV. Die Neiiheraiisgnbe der t ler/lschcn Schriften, die der ״Jüdische Verlag“ jetzt unternimmt, wird der Erziehung des deutschen Judentums dienen müssen. llerzl, der große Journalist und der Mann der hervorragenden Formulierungen, hat die Flucht in die Begriffs- Spielerei und die bloße Predigt abgelchnt. Au die Stelle all dieser Ausflüchte in Worte und Wortspiele hat er die Wirk- 1 i c 11 k e i t Palästinas gesetzt. In diesem Augenblick unserer zionistischen Arbeit ist dieser Herdsche Gedanke von ausschlaggebender Bedeutung. In der Fülle von Versuchen der Illusionspolitik, der Inhaltslosen, zu nichts verpflichtenden Politik der bloßen Parolen, in einer Zeit, in der man im Angesicht der harten und schönen Wirklichkeit Palästinas den Juden die ״Lösung“ der Judcnfrage durch eine phantastische Reise auf den Mond vorschlägt, in einem solchen Augenblick soll man wieder Herzl lesen, Die Judenfrage fordert, daß man sieh ihr stellt, Herzl gibt uns die Malistäbe fiir das, was echt ist. Diese Maßstäbc aber bedeuten für die Sphäre der bloßen ״Deklarationen“ nichts — für die Wirklichkeit aber alles. Rachel Eine hebräische Dichterin Von Ephraim Bräudo, Milte April 1031 starb in Palästina die hebräische Dichterin Ilachcl, deren Gedichte besonders in der jungen Arbeiterschaft Palästinas starke Resonanz gefunden haben, Nachstehende Würdigung ihres Schaf- /(71v soll auch denen ein llild von der Dichterin vermitteln, die bisher noch nicht den /,ngang zur modernen hebräischen Literatur gefunden haben. (llcd.) Rachel Bluwstein, in Rußland gehören, erzogen in russischer Kultur, kommt 1<)I0, der Zeit der zweiten Alijali, nach Palästina. Sie schlägt Wurzel in der Arbeit und im Kreise der Arbeiterschaft, geht dann wieder ins Ausland, tun sich in der Landwirtschaft zu vervollkommnen, und kehrt nach vielen Irrfahrten zurück ins Land mit dem Symptom der Schwindsucht in ihrem Körper, geht wieder zur Arbeit zurück und wird durch die Krankheit sehr bald von ihr fortgerissen, um ihre restlichen Jahre ganz ihrer Dichtung zu loben. So ist in allgemeinen Strichen das äußere Bild ihres Lebens. Aber das׳ innere Bild Ist nicht so einfach. Vic! zu tief sind ihre Bindungen zur Arbeit, zur Natur, zur konkreten Heimat, als daß die Hand des Schicksals es vermocht hätte, sie zu zerreißen. Die Krank 11 eit hat ihr zwar die Möglichkeit genommen, ihr!.eben mit wirklicher schaffender Arbeit ausztifüllcn, aber keiner vermochte cs, ihr die Erinnerung an Arbeit mul Natur zu nehmen. Das grausame Hcrausgerissenwerden aus ihrer natürlichen Lebciisspluirc 11.1t ihr den Stempel aufgedriiekt. In einem ihrer Gedichte erzählt sic von einem Eukalyptus, in den eine Axt mehr als einmal hiiiciiigcsrhlageii wurde, Und dieser Batmi, obwohl ihn die Axt beschädigt hat, ans dessen Wurzeln noch Lebenssäfte fließen, kann als Symbol fiir die Gestalt der Dichterin selbst dienen. ״Und es scheint immer wieder, diesmal vergißt und verzeiht der Baum es nicht.“ In dieser unfreiwilligen Entfernung vom realen Lehen ist auch ein geheimer Segen enthalten. In ihre Welt, _ in die Kammer am Ufer des Meeres oder ins Krankenhaus, dringt die Stimme des Lehens in geläuterter Form ein. Und sie weiß zu unterscheiden zwischen den Stimmen und Farben und vormag sie mit ihren Sinnen zu deuten, den Sinnen, die immer scharfsichtiger als Folge ihrer Krankheit werden. Von nun an wird ihre Sehkraft stärker und klarer. Sie weiß wohl, daß ״das morsche Schiff einen sicheren Hafen nicht erreichen wird“, doch kostet sie den Schmerz ihres Schicksals ruhig aus uml läßt sich von ,,seiner seltsamen Süße“ berauschen. Zwischen Empörung und Versöhnung, Resignation und Erfülltsein bewegt sieh dieses schwere l eben. Und so sucht sie auch liier den Trost in der Schönheit der Sehnsucht, die sie durch cs erfährt. (״Ich klage nicht: im engen Raum, wird doch so süß die Frciheitsgicr.“) Denn nicht die Verzweiflung ist die Quelle ihres Lehens, sondern eine starke Lebensliebe, eine Liehe zur Natur, zu den Pflanzen mul Lebewesen. Ihre Liehe zu allen diesen Dingen ist viel 711 groß, viel zu ticl verwurzelt, als daß sic diese Gefühle verleugnen könnte. Die Liebe zur kosimsehcn Schöpfung mul der Schmerz ihres Lehens, daß es ihr nicht vergönnt war, im Rhythmus der Welt mitzuscliwingcn, sind die Hauptmotive ihrer Dichtung. . Diese Anhänglichkeit an Natur und Arbeit findet ihren realen Ausdruck in ihren Erinnerungen an ihre Arheifsepoclie in Kincrcth. Diese Erinnerungen sind das Positive, das ihr Kraft gibt, den dünnen Enden ihres Lebens, der zu jeder Stunde Kachelt An mein Land Ich sang dir nicht, mein Land, noch hüllen tat ich dich in Jfeldensagenldang, in Prunhgcwand: nur Baum — den pflanzte ich am stillen Jordanhang, nur Pfad — den ebnet ich durch weites Land. Ach, klein und ärmlich ist, — ich, Mutter, weiß es wohl — ach, so gering ist ja was ich dir bot: nur jauchzend Freudenschall, wenn du im Licht erstrahlst, nur Weinen insgeheim oh deiner Not. (Ucbers. aus ,״Jisrael — Volk und Land׳') zerrissen werden kann, wciter/uspiiinen. Kincrcth — das ist für sie die Arbeit, die eine seelische liclricdigiing gab, Kincrcth bedeutet ein Lehen in einer Geiiieinsehatt, mit der man mit dem Herzen verbunden ist. Kinereth, das ist das Sirh-F.iiileben in die. wundersame Natur, die einem erst fremd ist, bis nian hinter ihre (iebeinmisse gekommen ist und gelernt hat, sie zu liehen und zu verstehen. Gleichzeitig iH'dniU't Kinereth mu h das ersehnte I and, dis man mir von fern schauen und die Vergangenheit, die man nie wieder eiiiholen kann. Viele I )bliter haben das Land Israel besungen, a he r es scheint, daß es noch kein moderner Dichter w׳ie Rachel vrrmochte, dieses I and aus einer iiiimittolbaron, fast persönlichen Zugehörigkeit zu besingen, die ni 11t erst bedingt ist von anderen Faktoren wie Bibel uml Gcsrhiclite. Rachel erlebt die 1 amlschaft, wie sie ist, sie siebt sie mit offenen Augen und liebt diese Lands■ baff in ihrer Armut und ihrer Wildheit, in ihrem Reichtum 1111 u in ihrem ganzen Zauber. Auch ihre Beziehung zur Bibel ist bemerkenswert; sie siebt nicht die jüdischen Gestalten im verklärenden Glanze der Vergangenheit, simdeni sie erlebt sie, als ob sic Menscheu ihrer Zeit wären. Rahe!, Hantln, Michal sind fiir sie lebendige! rauen, jede mit ihrem Schicksal und jede mit ihrem Lebenskampf. Aus ihrer organischen Verbundenheit mit tler Natur ist auch ihre Beziehung /um Tode zu erklären. Sie, die stündlich mit Schmerzen ringt, weiß, daß der Moment kommen wird, wo der Tod (len Schmerzen ein Ende machen wird. Und trotzdem spricht sie: ,,Wie traurig ist es, fiir immer zu verschwinden■‘' Und sic bittet ihre Freundin, ihre Tochter nach ihr zu benen* neu mul sie auf diese Weise in die Kette der kommenden Geschlechter eiii/uficclitrn. Aus derselben Quelle kommt auch die Sehnsucht nach dem Kinde: ״Ich werde noch treten wie Rahe!, die Mutter, ich werde noch wie Hanna in Silo mich empöreii, ich werde noch auf es warten.“ Sie weiß, daß die Sehnsucht ihr Schicksal ist, bis sie in den Scholl des Todes ein« gebt. Zu ihm, zum Tode, strömt ihr!,eben wie zur Quelle, und manchmal betrachtet sie den Tod als einen Rückkehrprozeß zur Mutter Erde. Uml wenn sie in Kincrcth beerdigt zu werden wünscht, so weil ״von jenseits des Weges ein Lied der Arbeit dringt“ und ״müde Brüder friedlich von der Schlacht licim/iclin“. Denn nicht wie ein Abschlußakkord will sic ihren Tod sehen, sondern wie einen Klang in einer Symphonie des Lebens. In ihren Gedichten hat Raehel keineswegs die Absicht, die Widerspiegelung ihrer Generation zu geben; sie konnte es auch nicht. Und trotzdem wurde sic ungewollt durch ihre menschliche und dichterische Gestalt zum Echo einer Generation, der Generation, die aus einer menschlich oder jüdisch verkümmerten Diaspora kam und die den Kampf des Ein« Icbens im l ande durdiziikämpten hatte hei der Arbeit, in der Lamlschaft und in der hebräischen Snrache. Der Kampf und das Leid des Individuums erheben sich zum Symbol des Kampfes und der Leiden der Bewegung, die in den Anfangen eine Bewegung einzelner war, die das Gefühl hatten, als ״ob sie als letzte auf der Mauer blieben“. Vielleicht liegt hierin das Geheimnis der inneren Beziehung der jüdisehen Arbeiter Palästinas zur Dichterin. Die hebräische Sprache der Rachel zeigt ihre verhorgeneu Ausdrucksmüglichkeiten auch für Menschen, die von der Last der Tradition unbeschwert sind. Ihre Sprache ist nicht raffiniert, sie spielt nicht mit Bibelvcrscn oder anderen literarischen Assoziationen, lind daher wirkt sic in ihrer Einfachheit, ja in ihrer Armut fiir sich. Obwohl sie erst im , reifen Alter das Hebräische erlernt hat, und obwohl ihre ״ Kämpfe mit der Sprache, bevor sie sic erobert hafte, aber,־,״ auch später, gegen die Verlockung ausgetretener Wege, schwer waren, hat sie doch in vielen ihrer Gedichte einen Grad der Schlichtheit des Ausdrucks erreicht, der in seiner ganzen Bedeutung einmal erkannt werden wird. Und vici« leicht war diese Tatsache, die Rachel wollt noch in ihrem Leben ahnte, die einzige Erfüllung, die ihr vergönnt war. J. Ch. Brenner, eine Charakteristik Von M. J. bin Gorloo (M. J. Berdyczewikl) .1וזז /. Mai des Jahres 1021 wurde Josef Chaim Brenner hei den anli jüdischen i Inruhen in Jaffa getötet. Brenner, der im Jahre 1000 nach Palästina übergesiedelt und einer der geistigen Führer und Lehrer der jüdischen Arbeiter Palästinas war, der auch schon in dem Jahren vorher non Rußland und London aus eine starke publizistische Wirkung auf die junge jüdische Generation ausgeilht hatte, ist nicht nur als hebräischer Dichter wesentlich geworden, sondern noch wehr als Publizist, der non Liehe zum jüdischen Volke und zur hebräischen Sprache getragen, ein Kri• liker seines U'cgcs■ wurde und in seiner Ihihestcrhlich• heit und Nüchternheit neue U'ege gcieiVsen hat. Die Würdigung des Menschen Brenner aus der Feder Iler« dprzcwsltis, der ihm in vieler Hinsicht geistig nahe gestunden hat, dürfte unsere Leser besonders inter« essiervn. Die Skizze ist den Jiddischen Schriften M. J. bin Gorions entnommen und beruht auf einem Besuch Brenners beim Verfasser im Jahre 1003/06 in Breslau. (Ited.j Wenn man den Manu Brenner anschaut: ein kräftiger Körper, derbe Gesiclitszüge, einfache Arbeitskleidung, ein Mensch ohne jedes Getue —, glaubt man im Leben nicht, einen hebräischen Dichter vor sich zu sehen. Einem jiddischen Volks'chriftsteiler traut man ein solches Aeußere eher zu. Würde er sagen: Mein Name ist Reisen, Abraham Reisen — das klänge wahrscheinlicher. Die Seele dieses Mannes ist zart und sensibel; still und in sicli gekehrt wandelt er durch die Welt. Aber er mag nicht, daß man in diese Seele bineinblicke, und so trägt er das Banerngcsicht, das Ihm die Natur gegeben hat, gleich- *am als Maske darüber. Er wünscht nicht, gelobt zu werden, Mittelpunkt zu sein. Nicht deshalb, weil er die Gesinnung des ״Alles ist eitel“ verträte, oder etwa aus Menschenfeindlichkeit. Im Gegenteil: Brenner ist kapabel, Leib und Seele für den andern cinziiset/en, ja für den andern durchs Feuer zu gehen. Das gilt aber mir von dem Menschen Brenner, nicht von dem Autor. Ais solcher empfindet er nichts verstimmender als ein hoffähiges, aufgeblasenes Betragen, die Pose des Redners, dein man Beifall klatscht, die Koketterie mit dem Barte.... Der gebildete Abendländer gebraucht den Ausdruck ״Ethos“ oder ״Etliiker“, wenn er den Menschen bezeichnen will, dessen Wesen rein und ohne Tadel ist. Der fromme Jude wird ein solches Attribut nur dem verleihen, der zu den Thorabeflissenen gehört, und zu denen, die die Gebote hüten. Wer irgend im Geruch des Frcklcnkertums steht, bei dem werden co ipso lockere .Sitten vorausgesetzt. Brenner nun, obwohl in religiöser Hinsicht ein halber Heide, lebt dieses Ethos; er geht den Weg der Rechtschaffenen im ursnrtingliciicn Sinn dieses Wortes und nährt sich, wie die alte Forderung lautet, allein von seiner Hände Arbeit.