Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 33 (24.4.1934)
- Date
- 1934-04-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33, 24. IV. 1934 jodische Rundschau Seite 7 ןו״״״ריו '7 v \*״״s f'״״f׳״^gr -״-* •wj «u.».,# fl V,«,# ‘ Von Dr. Oskar W o I f s b c r g, Jerusalem Nicht an das Lehrfach Oe sc!richte auf der Schule und Universität, nicht an Geschichtswerke denke ich. Mich läßt der Unterricht nicht zur Ruhe kommen, den das Geschehen, die Qcjchiclite seihst, (las stürmische Werden unserer Tape, ״icht die Darstellung verflossener Ereignisse, uns erteilt, lim den Sinn dieses Prozesses, der, seit einem Jahr für alle tfhanihar, für empfänglichere Seelen schon, seit einigen Jah* ff״ (leidlich spricht, zu ringen, ist die dringlichste Aufgabe, jg hclilirllt zwei I 1 agesleiliingeu ein, die voneinander nicht völlig: unabhängig sind: eine theoretische und eine praktische. Wir wollen erkennen, auch wo wir nicht handeln; es ist immer von Bedeutung, seinen Ort in der Welt zu keimen (so- *eit mm hei Prozessen, die noch nicht zum Abschluß gelangt sind, Endgültiges sagen kann). Wir wollen aber mich die Riehtjjnicii für unsere praktischen Entscheidungen ge- «■innen, um so mehr, wenn diese nicht lediglich der Laune zur Sciiorieiilieruiig entspringe״, sondern der bittersten Notwendigkeit, dem härtesten Diktat. Auch w׳ic bei anders gelagerten Betrachtungen finden wir liier de” typischen Tatbestand: was der Zionismus frühzeitig!all uml deshalb zum Heile des jüdischen Volkes vormisscltauend prophylaktisch als freie heroische Tat gestalten wollte, kommt mm als leidvolle späte Li'keniitnis über die Gesamtheit. Als umfassendste Einsicht sprach die zionistische Lehre jus, dal! w ir wieder Subjekt des Geschichtsprozesses werden iiudlten. Als diese Meinung zum ersten Male ausgesprochen wurde, schien den Juden noch die Möglichkeit gegeben, diese These zu diskutieren und — ahzulchncn, nicht ohne großartige Argumente, in denen auch religiöse Gedankengänge und messianische tk'berzeiiguugen — im Munde mancher Männer, die sonst recht wenig diesen Werten Beachtung schenkten — eine Rolle spielten. Unterdessen hat mancher gelernt, daß die Zeit iJvllischeii Lehens vorbei ist.!11 die jüdische Sphäre Mitteluml Westeuropas (ebenso Amerikas) war die Geschichte jalirnlintclang nicht eitigedntngcn, und was 111 (Asteuropa an jiidischer Tragik sich verwirklichte, schien den Brüdern im Westen mir — peinliches — Perseveriereu mittelalterlichen Grauens oder atavistisches Aufflackern verklungener Grausamkeit. Man war iiberzcugt, daß man als Jude, als Sohn des jüdischen Volkes, keinen Anlaß haben werde, wieder geschichtlichen Raum iu betreten. Der Jude war also geschichtslos geworden. Den Juden des (ihcttos war die Gelegenheit zu geschichtlicher Aktivität geraubt, nicht aber das Gefühl, in der Geschichte zu stehen, historisch zu leiden in einem Doppelsinn: an der Geschichte und in einem großen Stil, eben geschichtlich zu leiden, nicht (11:1c Sinn und Bedeutung. Dies Leiden war kausal und final kdiimut, meist theologisch: um der Sünden willen und als Vorbedingung der Erlösung. Diese Verbindung nach rück- \särts und vorwärts zeigt deutlich, daß die Galuthgcschichtc nur t: tappe war für die Juden vor der Emanzipation. Audi damit bewiesen sie ihre positive Stellung zur Geschichte, daß die Hoffnung auf Erlösung, die Sehnsucht nach Eigenleben nie in ihnen erlosch. Der iiugcschichtliche Mensch ist niemals heroisch. Er kann sonst viele Vorzüge haben. Unter den Menschen ohne Bemiimig zum Geschichtlichen sind nicht selten große Denker. - Heute aber ist das Problem anders gestellt. Jahrzehntelang konnte ein Jude die Frage nach seinem Verhältnis zur Geschichte negativ (für Gegenwart und Zukunft) beantworten, ohne damit eine akute Gefahr hcraufzubeschwörcii. Fleute filt die vom Schicksal an uns gerichtete Frage: wollt ihr mitwirken, als Volk, als kollektives Individuum an dem künftigen Ban der Menschheit? Keine Möglichkeit der Alternative. Jetzt heißt die Antwort: Jüdische Fortexistenz als Volk mit allen Besonderheiten nationaler Existenz, um es noch deutlicher zu sagen: nicht aus den Kennzeichen ällgcinciiien nationalen Daseins, wie sie in blutleeren Dcfi- ״ilioncn wiederkehren, sondern mit den konkreten Ziigen der indischen Nation, die eine Substanz, die eine Geschichte besitzt, die schicksalhaft unseren Weg bestimmen. Alle anderen Versuche einer Antwort sind wertlose, schwächliche Ausreden und l’ilciitcii in der harten Sprache der Gegenwart: Bereitschaft «1111 Untergang, zum Ausgelöschtwerden. Historisch gesehen kommt eins dem Selbstmorde gleich.!!• , Es ist keine Zeit zu lamentieren und zu beweglichen weich- 1 Wien Rückblicken auf bessere Zeiten. Die ״besseren“ Zeiten Jj Eiben uns diese Gegenwart schwerer Entscheidungen gebracht. || kein Opportunismus bestimmt unser zionistisches Handeln, || ebenso wie Genugtuung über unseren Weitblick oder gar über das Eintreffen von Prognosen. Wir sehen, daß die national-!ן jüdische Haltung und die zionistische Tat allein 1111s und den an-!1 deren gangbar erscheinen. U 11 s entspricht sic heute wie einst: |j i1e ist die volle Treue zu uns, unseren Vätern und Kindern; sie j| crBiilt nicht mir treu das Erbe großer Vergangenheit, sondern |j ''dl es aiireichern lind fruchtbar werden lassen. Den anderen, St nichtjiidischen Umwelt, ist die zionistische Einstellung;1 "ölte die grundsätzlich erträgliche. Da alle Maskierung nicht |! Röluldet wird, so gibt es tatsächlich — ob sich der einzelne |j Jude nun parteipolitisch zur zionistischen Organisation rechnet || ®der nicht — keine andere Möglichkeit jüdischer Orientierung, ö Jude als Hospitant anderer — d. h. nichtjüdisclier Par-!,-׳ ,CRn usw> hat prinzipiell aufgehört. Will der Jude den Weg ־ ״“ seinem Volke nicht finden, so weiht er sich und seines- Höchen dem Untergang. Die Geschichtslosigkeit als ein an- Rcnclimcr Zwisclicnbczirk, als liberum arbitrium indifferente lst nicht mehr existent. Will man diesen Bezirk dennoch aufh'chcn, so wird man statt eines glatten Plateaus einen tiefen Abgrund finden, in den man jäh hinnbstßrzt. 7. brauche ich zu sagen, daß diese schroffe Trennung bei ^10nisten und Juden überhaupt keine Gleichgültigkeit und kein Desinteressement an Staat, Nachbarvolk und Menschheit, keine Absage an ewige Werte wie Brudertum aller Menschen, uin- 1*sende Liebe usw. bedeuten? Aber bei der Ausrichtung der ,ontc'1 kommt es darauf an, das geschichtlich Entscheidende Un» Ausdruck zu bringen, und das ist die S i c h e r u n g d e s i“dEntums als eines nationalen, geschichtlichen Orgamsnuis. Es scheint, als ob die Geschichte diese Distanzierung der rv.l״ und Nationalitäten gebietet, um aus der gewonnenen 1״stanz erneut die Probleme behandeln zu lassen, die im filier Id/tcu Jahrhundert ungenügend uml in Verkennung der Ormullagen der nationalen Existenz — und besonders in tragischer Geringschätzung des Wesens jüdischen Volksdaseins, in Angriff genommen wurden. Der Rückschlag, den so viele Ideale überstaatlicher mul innerstaatlicher Art erfahren haben, bcruht auf der ungeklärten Grundlage, auf der jene der Vorwirklidumg ciitgegengebraclit wurden. Während diese Geschichtstciideitz mancherorts recht dcutlieh geworden ist, freilich nicht deutlich genug, um eine eindcutige und einheitliche jüdische Reaktion zu erzeugen, bcginnt sie in anderen!.ändern sich erst anziikümligen. Der Ver- Inst des lii doi ist lu ll Instinkts, mit dem die Juden geschlagen sind, erweist sich auch dort als verhängnisvoll: ob cs die Anzeichen in England oder in der Schweiz sind — man ist geneigt, die Dinge als vorübergehend anztisehen. Man geht in Deckung, sucht eventuell das Stückchen Weg Assimilation, das noch vor einem liegt, zu Ende zu gehen und glaubt, daun sei die Gefahr vorbei. Zunächst übersieht man, daß cs sich bei dem, was überall sich vorbereitet, durchaus nicht mir t1m1 Neuorientierung zum Judentum handelt. Vcrcinhcit- Hebung und eindeutige Wegrichtung räumt die Fülle der Riehtungeii, Meinungen hinweg, und das Judentum ist oft nur ein besonders eindrucksvolles Beispiel des Fremdartigen, Vielgcstnltigeu, das sich dem Wunsch und Willen nach Einheit, der Absage an die Fülle und Buntheit widersetzt, nicht aktiv, sondern durch sein Dasein. Nicht das völlige sich Anschmlcgcn, das Aiifgehen einer nationalen Minderheit überwindet diese Abneigung. Gerade diese enge Anlehnung des als fremd EtnpfiiiKk'uen wird nicht geduldet. Das deutliche Bekenntnis der Juden zu ihrer Besonderheit und ihre Hinwendung zu ihrer eigentlichsten Aufgabe, den! Wiederaufbau der eigenen Nation an dem einzigen Ort in der Welt, in Palästina, und die GE•- stnltung des jüdischen Diasporadascins in inniger nationaler und geistiger Verbindung mit dem Werke der Renaissance wird begriffen werden. Es wird einen modus vivendi für das Beieinander in der Golali schaffen, und wird eines Tages sogar die Verständigung auf dieser ehrlichen Basis recht weit gedeilien lassen. Noch einmal: mau entziehe sich nicht der Sprache, dem Spruche der Geschichte. Er ist streng und lieblos, es handelt sich um ein Diktat. Die Geschichte spielt aus, tändelt gelegentlich und läßt dadurch dem Klugen Zeit, in stillen Tagen sich auf den Sturm vorziibcrciten. Ist diese Phase vorbei, so geht die Geschichte mit ehernen Schritten über die Menschen hinweg und erzwingt, was früher freiwillig hätte gestaltet werden können. Zu ihrem Ziel gelangt die Geschichte, und es ist sinnlos, sich ihr zu widersetzen. Selbstmord ist's, ihr zu trotzen, wenn sie ernste Miene macht. Diesmal spricht die Historie so deutlich wie seit langem nicht. Man braucht nur schlicht zu hören. Haben so viele das Gehör cingehüßt, oder verschließen manche bewußt die Ohren? Vor den Sirenen kann man das tun, nicht aber vor den Schritten der Geschichte, von denen der Prophet sagt, daß sie Gottes sind. Den Sinn des sich gestaltenden Werdens zu bcgreifen, ist deshalb eine religiöse Aufgabe, so wie die Erhaltung unserer Nation und der sie konstituierenden Werte dieser erhabenen Sphäre nngchört. Gedanken zur jüdischen Geschichte Von 1)r. Ernst Cohn ■Wien er Wir müssen z.ugeben, daß es bisher noch kein konsequentes System der jüdischen G es c 11 i eilte gibt, und daß es überhaupt schwer ist, einen Standpunkt zu ihren Problemen zu finden. Geschichte ist im allgemeinen die Erzälihmg von Taten und Schicksalen geschlossener Volkscinbeiten. Jüdische Geschichte ist etwas ganz anderes, weil unser Volk mir eine kurze Zeitstrecke aktiv lind eine äußere 1' 111 heit war. Jüdische Geschichte ist nur in ihrem ersten Teil die Schilderung von Taten. Größtenteils ist sic passiv. Sie ist in diesem Teil nicht Staatsgeschiehte, sondern G e i s t e s g e s e h i c 111 e. I Die! da Israel unter die Völker zerstreut war und die Beziehung zwischen seinen Teilen und ihnen allen wichtig ist, so zerfällt die jüdische Geschichte äußerlich iu eine Reihe von Parallelgängcn, Trotzdem empfinden wir sie als Einheit. Wir alle empfinden genau und sicher: Trotzdem sich Israel geschiehtlieh ganz, anders verhält, als irgendein anderes Volk, trotzdem es scheinbar völlig miseinanderfällt, gibt es jiidisehe Geschichte. Trotz Zerstreuung und «Abhängigkeit bilden die Juden eine geschichtliche Einheit, ein Volk. Und das ist wieder ohne Vergleichsniöglichkcit. Denn die meisten Völker des Altertums haben nicht einmal ihre Niederlagen, geschweige denn Zerstreuung und Verpflanzung überdauert. Was ist aus Assyrcrn und Acgyptcrn, Griechen und PI15ni/iern geworden? Aber Israel, unter alle Völker zerstreut, besteht als Ganzes in seinen Gliedern. Welches ist der Grund dafür? Israel ist ein sehr altes Volk, Es ist vielleicht mit den Ilvksos nach Aegypten ciiigewandert und war Zeuge der Großtaten des 2. Jahrtausends. Es hat den Aufstieg und den Niedergang Assyriens erlebt und die dorische Wandcruiig, die Blüte uiui den Untergang des Hellenentums tmd der Römer, Alien alten Völkern ist nun eines gemeinsam: Es gibt bei ihnen keine Trennung von Volkstum und Religion. Fiir uns Heutige sind diese Lebensformen ganz getrennt. Fs steht fast iu allen Verfassungen aller Staaten Europas, daß Bekenntnis und Staatszugehörigkeit vcrschicdene Dinge sind. Im Altertum gingen sie völlig ineinander aut. Es gab keinen Bürger eines Staates, der nicht an seinen Altären opferte, und niemand nahm am Kultus teil, der nicht zu diesem Staate gehörte. Jeder Aegyptcr, Assyrer, Grieche gehört zur selben Religionsgemeinschaft, Die Religion war national, war der weltanschauliche Inhalt des Volkstums. Denn diese Religionen entstanden mit den Nationen, bildeten sich mit ihnen fort und waren eins mit ihnen. Deshalb waren die Völker des Altertums so empfindlieh gegen die Abweichung von der religiösen Norm. Einen eigenen Standpunkt zur Religion zu baten, war nieht nur Ketzerei, sondern lag schlechtweg außerhalb des Gedankenkreises antiker Menschen. Es war tatsächlich Hochverrat, Verbrechen gegen den Staatsgedanken als solchen. Deshalb erfolgte die Hinrichtung des Sokrates, deshalb wurde das Andenken des Ketzerkönigs Echnaton mit solcher Härte verfolgt. Diese Identität von Religion und Nation bestimmt nun auch den altjiidischcn Staatsgedanken. Aber es ist ein Unterschied vorhanden und es gibt Abstufungen. Bei den meisten Völkern des Altertums ist der Staatsgeuanke das entscheidende und die Religion ist ihm zugeordnet als sein religiöser Inhalt. In Israel ist die Religion a e r S t a a t s £ e d a n k e selbst. Man kann gut und gern von einer Theokratie sprechen, einem Staat, der sich als Eigentum Gottes fühlte. Es ist hier nicht der Ort, die Wandlungen des Gott« gcdnnkrns in Israel unter dieicm Gesichtspunkte zu verfolgen. Der strenge Gottgedanke der Wüsteinvamlerer war schwer gefährdet durch die Niederlassung j!! Vorder,isien, Sic hatte notwendigerweise eine politische und kulturelle Auseinander- Setzung mit den nuderen Völkern Syriens im Gefolge, deren nationale Gefühlen sich iilieialt iu der (!eschichte Salomos wiilerspiegetii, Aber daß die Nation sieh als religiöse Einheit fühlte, wird klar in dem Gedanken der Gründling des Zent r a I -11 e i I i g 111 tu s am Sitze der Konigsmaeht. Bei keinem Volk ist die Identität von Nation und Rcligi 111 je so stark betont worden. Unter allen Völkern des Altertums diente nur Israel seinem Staat dadurch., daß cs seinen! Gott diente, der ein einziger war, der Begriff der Einheit seihst. Die Großartigkcit, mit der dieser Gedanke bei den Propheten herausgearbeitet worden ist, hat seinesgleichen nicht in der Religion *geschieh tc der Menschheit. So sehr ging Israel in seiner Religion auf, daß es sein Recht unter Gottes Gesetz stellte und es als Ausdruck des Gedankens verstand: Ich hin der Herr, dein Gott. Hier ist eigentlich die Ethik der Menschheit geschaffen worden, der moralische Begriff des Recht-Handelns, Es war ein großer Unterschied zwischen der nationalen Religion Israels tmd der der Aegyptcr und Assyrer, und man hat ihn stark empfunden tmd betont. Das führte dazu, daß, als der Tempel zerstört, das äußere nationale Leben Israels vernichtet und seine Glieder in alle Länder zerstreut waren, der Kern des jüdischen Volkstums erhalten blich. Dieser Kern war eben die Religion Israels, die identisch mit seiner nationalen Weltanschatuing war. Als der Tempel zerstört worden war, trat sie an die Stelle des Tempels. Sie wurde die Idee des Vaterlandes, wurde das Vaterland selbst. Es war mehr, viel mehr, als ein bloßes Wort, wenn in den Gebeten von Zian und Jerusalem gesprochen und um seine Wiederaufrichtjng gebetet wurde. Wir sind uns dieser Bedeutungen nicht immer bewußt gewesen. Aber das ändert nichts au der Tatsache. Wir wissen heute, daß Empfindungen im Unterbewußtsein ebenso stark, ja stärker und triebkrafiiger sind als im Bewußtsein. Das Gefühl, Jude zu sein, war seihst dort ein nationales Gefühl, wo cs nur als religiöses au ft rat. Und cs war so stark, daß es seihst dort nicht verleugnet werden konnte, wo es sich so gern verleugnet hätte. Die Legende kleidet das in den Gedanken, daß am Vcrsöhmmgstage ein Zidern durch die Körper aller Abtriinui* gen gehe. Die Tatsache bestellt, daß Juden, die übergetreten sind, als Juden empfunden werden und sich als Juden fühlen. Woher kommt es z. B., daß der übergetretene Heinrich H eine immer wieder in den jüdischen Gedankenkreis zurückfiiidet; oder daß der übergetretene Bend cm an n nie etwas so Starkes geschaffen hat, wie seine ״Trauernden luden in Babylon‘' und seine ״Zerstörung Jerusalems". Und wie sicht es mit Felix Mciidclsohus ״Elias‘? Fs wird manchmal die Frage erörtert, oh der wesentliche Gehalt des Judentums der religiöse oder der nationale ist, und es kommt vor, daß die Art, wie diese Frage beautwortet wird, zu tiefen Gegensätzen zwischen jüdischen Mensehen führt. Die Fragestellung au sich ist falsch. Es gibt im Judentum kein ״Entweder-Oder‘', sondern nur ein ״Sowohl-Als auch‘‘, wenn diese Frage gestellt wird. Reii* g i o n 11 n d Volkstum ist in Israel identisch, wie die Weltanschauung und ihre Träger. Es war die Religion, die Israel als Volk erhielt und es bereit hielt, scincu nationalen Körper wieder anzunehmen. Eine neue Palästina - Zeitschrift Im Verlage Ernst Köstenbauin, Berlin, erscheint unter dem Titel ״P a I ä s t i 11 a - N a e!1 r i e 111 e!1“ eine neue Zeitschrift für Wirtschaftsentwickhing im Vorderen Orient. Das Blatt ist eine Zwei Wochenschrift; die zweite Nummer erschien vor wenigen Tagen. Zweck ist: wirtschaftliche Informationen zu gelien für die Uehersiedltmg nach Palästina und für den Warenmistansrli mit Palästina. Die Zeitschrift wird von Dr. Fritz E. Ascher redigiert. Die beiden ersten Nummern brachten bereits eine Anzahl recht interessanter Artikel, In denen zum Teil Grundsätzliches zu den Kernproblemen der Palästina- Wirtschaft gesagt wird. Dr. J. Adler, Tel-Awiw, berichtet über den bisherigen Verlauf der Orangensaison, über die Rentabilität der Pnrdcssim und warnt vor einer weiteren Ausdehnung der Monokultur, der die gemischte Wirtschaft vor/uziehen sei. Die Rolle Palästinas als Einkäufer auf der Leipziger Messe wird von Dr. A. Seiffert, Leipzig, besprachen, 111 dem Artikel wird die Bedeutung Palästinas für den deutschen Außenhandel gewürdigt. Ein Aufsatz von Dr. Bernhard Spitz, Berlin, gibt mit detaillierten Statistiken einen Hchcrhlick über Palästinas Bedeutung als Kunde der deutschen Industrie. In zwei ausführlichen Artikeln _ wird Fiber den ״Charakter der Konjunktur in Palästina“ berichtet, die aut zwei Ursachen beruhe: auf der guten Entwicklung der Orangcn-Pflanzungcn und auf der Einwanderung, die Be* dürtnisse auf dem Baumarkt und - davon abhängig — in den anderen Zweigen des Handels und Gewerbes schafft. Weitere Ausführungen besprechen die Möglichkeit, Konjunkturpolitik zu treiben, eine Möglichkeit, die als gering angescheu wird, und die vor allem die nationalen Fonds erfüllen könnten, wenn eine gesichertere finanzielle Lage ihnen mehr Bewegungsfreiheit ließe. Zwei Berichte ״Kapitalmarkt in Palästina“ (Hermann Ellern, Tel-Awiw) und ״Anlagcpublikuni und Anlngepapicre“ (Dr. Ernst Wolfgang, Jerusalem) skizzieren die Veränderung auf dem Kapitalmarkt, die durch den großen Kapitalimport der Jahre 1902/33 verursacht wurde, und die BctäUgungsniögÜchkeiten für cingcwandcrtc K.ipitalisten. lieber den Vorschlag der Regieninpskommlssion zur ״Regelung der Mietsfrage“ berichtet Dr. E. Kauder. Außer diesen Artikeln und Aufsätzen enthalten die beiden Ninnmern noch eine Fülle von Palästina-Nachrichten über Neu« griindungen, Verkehrswesen, Außenhandel, Zölle usw. usw., von denen ein Palästinn-Kursz.cttel besonderes Interesse bcanspruclien darf. Ein Mangel des Blattes — den manche auch als einen Vorteil nehmen mögen — ist die völlig unpolitische Haltung in bezug auf den Palästina-Aufbau. Wir meinen, daß es erforderlich ist, daß jedes Organ, das über Palästina berichtet, und — wie cs die Absicht der ״Palästina-Nachrichten" ist — neue Kreise für Erez Israel interessieren will, auch teilnchmen muß an einer Propagierung der zionistischen Idee, Besonders vermissen wir einen grundsätzlichen Aufsatz über die Bedeutung der nationalen Fonds — Keren Hajessod und Keren Kajemeth ־- für die!*ivatwirtschaftliche Initiative.