Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 29 (10.4.1934)
- Date
- 1934-04-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Sie überflutete Tcl-Awiw nmf Haifa, gellt jetzt 111 steigendem Maße nach Jerusalem. In!ihetias lialicii sich 6 Aerzle und ein Zahnarzt aus Deutsch- 1,1ml niedergelassen, eine Pension wurde unlängst eröffnet, 7«-ci junge Mädchen bedienen in einem Spriscliaus — das ist Ics. Man begegnet noch einigen jungen Einwanderern aus ,.dilscliland, ilie in nahen Kolonien arbeiten, sonst nur Tonfi-n״. Sie kommen, sehen diese fremdartigste der paläsii-!,tnsisclieii Städte und wagen nicht, sich hier nicdcrzulasscn. Tiberias hat eine jüdische Mehrheit. Von etwa 8000 Ein-!voll״er 11 sind mehr als 5000 Juden. Ihre Steilung zu den arabäclicn Einwohnern ist gut; der Bürgermeister ist seit lallpan ein Jude. Aber die meisten dieser Juden sind, arabisicrt in Haltung 11ml Lebensart, mit arabischer Umgangsspräche, dem Ncucinwainlcrcr kaum als Juden erkennbar. Auch die S0|1hardcn erscheinen ihm als Fremde, und von der Mehrheit der aus Osteuropa gekommenen Juden trennt ihn die religiöse Einstellung. Es bleibt ein kleiner Kreis von nicht mehr als 200 Eumilirn europäisierter Juden, die in Ihrer Mehrheit in dem schönen Kirjatli-Schniiic!, oberhalb der Allsladt, wohnen und im Bild der eigentlichen Stadt fast verschwinden. Auch das Stadtbild ist fremder als sonst irgendwo — schöner, leuchtender, südlich weicher, aber trenid: die engen Oasscii mit ihren offenen Läden und dem Gewirr von eng bevölkerten Höfen, die alles überragende Kuppel einer Moschee, die Palmen vor dem wunderbar blauen See mit seinen kahlen, wie Stoffalten ahsinkenden Randbergen, Reste der alten dunklen Stadtmauer, würfelförmige Häuser aus schwarzem Basalt. Dazu die seltsamste Bevölkerung: zwischen Juden und städtischen Arabern Follaehcnfrauen in ganz schwär- 7cn Kleidern, mit schwarzen Kopftüchern, aus denen dunkel tätowierte Gesichter liervorselien. Der deutsche Jude tut, was Immigranten immer wieder ton; er drängt dahin, wo schon andere aus seinem alten Milieu sitzen; er bezahlt Koiijuukturmietcn in Tcl-Awiw, setzt sich als neuer Konkurrent den früheren Einwanderern zur Seite, aber er wagt nicht, in das Fremde hiiiauszugchen. Bei Tiberias kommt noch eins hemmend hinzu: die Stadt liegt in dem Einbnirligebiet des Jordan, 200 111 unter dem Meeresspiegel. 1111 Winter, wenn alle kahlen Abhänge grün und bunt von Blüten werden, ist es ein immer beliebterer Kurort; aller der lange Sommer ist heiß. Man warnt den Neuling: wie wird er dies Klima vertragen, besonders wenn er kleine Kinder bat, wie kann er cs wagen, nach Tiberias 7a gehen? Als der Leiter der Pro-Tiberias-Gcscllschaft der Hitaclidiith Olcli Germania bestimmte Vorschläge fiir Neucinivamlercr in Tiberias machte, gab man ihm die Antwort, man riskiere nicht, neu ins Land gekommene Menschen in die Hitze von Tiberias zu bringen. In Wahrheit waren die letztrn Sommer, nach kühlen und fast regenlosen Wintern, nicht übermäßig warm. Auch ist die Hitze, wenn sie noch so stark wird, trocken, darum weniger quälend als die vielleicht gcringcre Wärme Tcl-Awiws und erleichtert durch regelmäßige *tarkc Nachmittagswindr; Malaria kommt mir noch in vereinzelten Fällen und in bestimmten Stadtbezirken vor; Epidc* mien hat es trotz Armut und Primitivität der Bevölkerung seit Jahren nicht mehr gegeben; der allgemeine Gesundlieitszustand ist besser als in Jerusalem; die Kinder entwickeln sich pit, ttttd die Augcnkrankhcitcn sind dank der imponierenden Arbeit der I ladassali in I I Jahren unter den Schullind Kimlcrparlcn-Kmdcrn von 70 auf 20 ״•« herabgegangen. Fine andere, schließlich entscheidende Frage bleibt: Wie sind die wirtschaftlichen Zustände und Wirtschaftliehen Aussichten der Stadt? Gibt cs dort Raum fiir Einwanderer? Oie Bevölkerung von Tiberias beschäftigt sich in der Hauptsache mit Kleinhandel und Handwerk. Der Basar, in dem ü'h das Gewerbe fast ganz konzentriert, ist übervoll voll Obstmul Gcmüdc-Stämlcn, Stoffhamlliingen, kleinen LebensnriUi'lliiden, Ständen mit Haushaltsartikeln. Dazwischen sind die Werkstätten der Schuhmacher. Schneider, Sattler, Tischler, Kupferschmiede. Hin eigentliches Ktmstgewcrbe gibt es nicht; Sühcrsciiniiede, Sticker, Töpfer fehlen; das einheimische Hand- Wrk ist primitiv; jede feinere orientalische Ware, soweit sie überhaupt■ vorhanden ist, wird aus Akko oder Damaskus importiert. Fine Besonderheit von Tiberias bilden die Fischer, teilweise luden, die mit ihren Netzen, in kleinen Segelbooten wi den Kinereili-Sec liiuaustahrcn. Größere Geschälte gibt es ״ verschwindender Zahl; industrielle Unternehmungen großerc1t Stils (ehlcn vollständig. Kleine Teile der Bevölkerung arheilen als - meist ungelernte — Arbeiter. Ihre Verdienst- Jwi.'liclikcitcn sind gering. Die Histadruth setzt zwar die ver- Mt״isn1äliig hoben Tageslöhne fest, kann aber nicht vorhin- •kro. daß der Arbeiter nur wenige Tage 111 der Woche arbeitet. Bie Bevölkerung ist anspruchslos, außerordentlich sparöin Wo die Einkommen die atlerunterstc Existenzgrenzc überschreiten, wird Geld ziiriickgclegt; fast nirgendwo lauft w Bank bei Ausleihungen ein geringeres Risiko als hier. Plc Forderungen nach öffentlichen Zahlungen, sogar nach;™nl(!cld, stoßen auf die größten Schwierigkeiten. Die Ke• ״ill.iii __ j״ (|,.r |,|,.c umfassende Gemeinde - ln *״'״heit von 200 Familien pelragen. so daß die hitmaliim'i! 11'■■'1:0 Mielstener) kaum ziir ErliaHimg eines Sekretariats *usreii'lit-n. Ein ״״eh weit engerer Kreis tragt die - l*1־ "'01.(01״ nicht ausreichenden - Wohlfahrtsarbeiteii der (n- '«"le. Die Sondergemeimlc der Agudah, deren Mitglieder %cs>:״ßid1 auf Chaliikka-Zahlimgcii basiert waren, ist eher ln fl|u־r noch ungünstigeren Lage. , Hie letzten Jahre waren für die Kleinhändler und Hand- »ctker besonders schwer; ihre Hauptkunden, die arabischen ‘a1l״n, sind durch die Regenlosigkeit der letzten Jahre_ ver- Ihre auf bewässerungslosmi Weizenbau cingesttltc *"■*sclinft errab so gut wie keinen Ertrag; die Weiterfuhrui g ’״",‘Wiclicm Gut'besaR^verkauft. Er fällt als Kunde fast aus. Modi einen weiteren Verlust mußte der liandcl erd״- J: < ״ benachbarte arabische Kaufmann aus Transjordamcn. /'״on Bedarf früher in Tiberias und, Zcmyh deckte geht lh tnatl' A״«man, weil Palästina mit seinem streng durchge Zollsystem nicht konkurrenzfähig Rege!m ber Trans K׳״inicn m!t «.״.״:״. niedrigeren und vielfach umgangenen Ml?!f dadurch entstandenen Umsatzauf etwa 100000 £. s« scheint die wirtschaftliche Lage von Tiben« w׳ *?^ .?*'Chtsrelrb teden Monat wandern Arbeiterfamilien £eTcj-Awiw und in die aufblühende״ Kolonien der Küsten- ״*"' ab. Trotzdem gibt es eine Anzahl von Menschen, aie an Tiberias fesfhalten — nicht nur, weil sie seine Schönheit und die Geschlossenheit seines Lebens lieben, sondern auch, weil sie von der Zukunft der Stadt überzeugt sind. Sic erwarten den Aufschwung von Tiberias als Kurort, sic glauben an den wachsenden Reichtum und die weitere Ausdehnung der j ü d i s c 11 -1 a n d w i r t s c h a f 11 i c h c n Siedlung in der n atien Umgebung, und sic haben schließlich die Hottnung, daß sieh im Umkreis «ler Stadt auch bestimmte Industrien entwickeln werden. Bei der Erwartung der Industriellen Ent w ick- 111 n g hat man — bisher vergeblich — speziell mit der Ein- Wanderung ans Deutschland gerechnet. Die Leitung der Tibcriaser Bankalifrilung der A.P. C. und die Pro-Tiberias-Gesellscliaft wären liier zu jeder Beratung bereit. Nach dem Aushau des Rutlicnhergschen Elektrizitätswerks und der Einrichtung ausgezeichneter Autostraßen im ganzen Lande ist die Möglichkeil zur Dezentralisierung der Industrie gegeben. Die Ent• frrming von U/2 Autostunden zwischen Haifa und Tiberias dürfte kaum ein tmüberwindiiehes Hindernis bilden. Der I l.iuptvortcil, den Tiberias dem Industriellen bietet, liegt in billigem Boden, den die Pica aus ihrem Besitz, für Industriezwecke abzugeben bereit ist. Ein weiterer Vorteil läge — gegenüber Tcl-Awiw׳ und Haifa — in billigeren Wolut- und Lebensverhältnissen für die Unternehmer und ihre Angestellten. Spezielle Vorbedingungen scheinen für die Fabrikation von A r b e i t c r s c h u h c n gegeben, da Tiberias eine große Zahl von primitiven, aber nicht schlechten Schuhmachern hat, die mit ihrer jetzigen unabhängigen Arbeit durchschnittliche Monatseinkommen von 1 bis höchstens 3 £ haben. Der Versuch einer Kooperativgriimlung ist am Fehlen des Antangskapitals gescheitert. — Den Vorteil des Standorts könnte eine Fischkonsc'rvcn-Fabrikation auswerten, allerdings unter der Voraussetzung, daß sic den bisher unvollkommenen Fischfang auf dem Kincrcth-Scc, dem einzigen großen Süßwasscrhecken Palästinas, weiterentwickelt. Faßbarer als diese zunächst nur als Möglichkeiten erschei* newten industriellen Pläne sind die 1 a n d wi r t sch a 11liehen Aussichten. Die Siedlungen am Kincrcth-Sce haben die glückliche Verbindung von Wasser und Sonne. Der Erfolg ist nicht nur die gute Entwicklung der Zitruspflanzinigcu; vielleicht noch aussichtsreicher und infolge des Inlandsahsatzes weniger konjunkturempfindlich ist der Anbau von Frühgcmiisen. Die Tiberias benachbarten Kolonien bringen lauge vor dem übrigen Lande die besten Tomaten, Gurken und sonstige Gemüse auf den Markt. Der Ocmiisc- und Banaiienabsatz von Migdal, Daganinh, Kinrrctli und Beth* Sera beläuft sicli schon jetzt auf zirka 20000 £. Die Ware wird wesentlich vom Palästina-Markt aufgenommen; daneben geht ein Teil nach Damaskus, das sonst ausschließlich als Exportenr mit dem palästinensischen Fruchthandc! in Verbindung steht. Der Damaszener Händler ist bereit, auch den etwas höheren Preis für die ״Daganiah-Tomatc“ zu zahlen, weil er ihre Hochwcrfigkcit und die Reinlichkeit der Warenlieferung kennt. Eine neue Wasserhebcvorrichtung in Daganiah, die den Preis der Bewässerung wesentlich lierabsetzt und ihre Leistungsfähigkeit erhöht, w׳ird voraussichtlich einen weiteren Aufschwung bringen. Es ist wahrscheinlich, daß die neue Bcwässerimgsart auch den Anbau von Grünfutlcr rentabel macht. Hierdurch' würde die Milchwirtschaft eine neue Grundläge bekommen. Besondere Chancen für eine starke Weiterentwicklung und speziell auch für die Ansicdlung Von Einwanderern aus Deutschland bestehen in Jabuccl, der alten Pica-Kolonie, die sicli bisher durch dreißig Jahre mit Körnerbau gequält hatte. Dort konnte im Vorjahr, nach jahrelangen, vergeblichen Versuchen, einer der wasserreichsten Brunnen Palästinas gegraben werden. Allmählich ist auch der Ucbergang der arabischen Bauern vom Körnerbau zum Pflanzungsbau auf bewässertem, verklelnertem Areal zu erwarten, — und ohne Zweifel wird jeder Aufschwung der Landwirtschaft sieh auch zum Vorteil von Tiberias, dem städtischen Zentrum des Gebietes, auswirken. Die sicherste Hoffnung von Tiberias ist seine Ent- Wicklung als Kurort. Tiberias besitzt seine vom Altertum her berühmten heißen Quellen, deren große Heilwirkung speziell bei rheumatischen Leiden erprobt ist. Eine jüdische Gesellschaft hat die Konzession zur großzügigen Ausnutzung der Quellen erhalten. Nach den letzten Verhandlungen mit Stadt und Regierung ist sie gebunden, innerhalb der nächsten vier Jahre die notwendigen Kapitalien autzubringen und mit dem Ausbau der Badecinrichhingcn zu beginnen. Sollte sich die Gesellschaft als nicht fähig erweisen, ihren Plan durchzu* führen (was im jüdischen Interesse sehr zu bedauern wäre, aller wohl kaum zu befürchten ist), so würde die Stadt Tiberias mit Hilfe einer Regierungsanleihe die Erweiterungsarbeiten in eigener Regie vornehmen. Auf jeden Fall wird Tiberias in wenigen Jahren großzügige Badeeinrichtimgcn bcsitzen. Heut sind die Bäder, die vor hundert Jahren von den Türken erbaut und im Vorjahr mit den notwendigsten Neucinrichtungcn versehen wurden, noch primitiv, aber immerhin ausreichend, um Kranken Hciimöglichkcitcn zu geben. Aher auch unabhängig von den Quellen scheint Tiberias prädestiniert, Kurort zu werden. Sein Klima ist im Winter milder als in irgendeiner anderen Stadt des Landes; der Regenfall ist gering; die Luft ist hell wie fn einem Bcrgland und zugleich wohltuend weich; der See und die Berge, mit ihren wechselnden Farben, sind von einer kaum wiederzufindenden Schönheit. Was die Entwicklung noch hemmt, Ist auch hier die Primitivität aller Eiiirichlungcn. Es gibt ausreichend viel gute Aerzte, einige gute iniHierc Hotels, aber noch kein Sanatoriurn, mir ganz wenige gut geführte Pensionen, kein etirophisclies Kaffeehaus, kaum ein Geschäft, in dem Badegäste und Touristen ihren persönlichen Bedarf befriedigen oder Gcschenke kaufen können. Nacli all diesen Einrichtungen verlangt der Ort; sic könnten die Zahl der Weekend-Besucher und Kurgäste sprunghaft in die Höhe gehen lassen. Die Stadt ist bereit, jede derartige Unternehmung zu fördern. Die nötigen Einrichtungen selbst aufzubauen, ist sic zu arm und zu unent• wickelt. Es ist Sache der privaten Initiative einzugreifen. Auch hier hoffte die Stadt bisher vergeblich auf die neue Einwanderung. Für erfahrene Fachleute könnte sich eine Summe von Möglichkeiten ergeben — allerdings keine risikolosen Möglichkeiten; denn cs handelt sich im wesentlichen um Saisongeschäfte und um eine wohl mit Sicherheit kommende, aber doch erst beginnende Entwicklung. Margarete Turnowsky- Pinner. Die Verwaltung der Stadtgemeindc Tel-Awlw Tichtet an alle jüdischen Gemeinden der Welt die offizielle Einladung, an den Feierlichkeiten anläßlich des 25jährigen Be- Stehens von Tcl-Awiw teilzunclimcn. Die Jubiläumsfeier beginnt am 29. April und wird fünf Tage dauern. Palästinensische ״Riviera" Ausflug nach Jericho So könnte man die Gegend um Jericho wirklich bereichneu, und mit der Zeit wird wohl auch eine Entwicklung zur ״Winterfrische'׳ hier einsct/cu. Vorläufig hin ich einer der wenigen ständigen Kurgäste hier. Die meisten kommen nur zum Weekend oder auf einige Tage hierher. Leider ist ja in Jericho vorläufig noch wenig Gelegenheit für einigermaßen komfortable Unterbringung, außer einem guten, aber teuren arabischen Hotel. Aber wenn tu,in auch ein bißchen primitiver lebt, reichlich ist man entschädigt durch das unmittelbare Leben in der freien Natur, durch all das Schöne und Intercssante, das sich auf Schritt und Tritt hier bietet. Erstaunlich ist, daß sich in dieser begnadeten, fruchtbaren Oase der Wüste mit Palmen, Bannncnieiilcrn, grünen Wiesen und Wassergraben so wenig Juden angcsicdclt haben. Es ist ja richtig: die Somniertcmpcraturen sind sehr hoch; aber am Toten Meer, bei der Potash Compagnie, leben und arbeiten ja auch genug Juden, trotz allen Voraussagen, daß am Toten Meer kein Europäer diirchhaltcn könne. Jericho selbst ist ein arabischer Platz; ich weiß nicht, soll man es Dorf oder Stadt nennen, ln der Hauptsache bestellt es aus dem Bazar, echt orientalischen Charakters, wo sich Laden an l aden drängt, wo in dunklen Gewölben bunte Stotte, seltsam geformte Hausgeräte, Djiaras (Wasserflaschen aus Ton) uns Mittelcuropäer immer noch seltsam anlocken. Die phantastischen Gestalten der Araber, die man so in der Stadt nie zu sehen bekommt, vollenden das reizvolle Bild: wie sie auf der Straße hocken, Domino spielend, lustig mit den harten Steinen klappernd, oder auf dem Marktplatz sitzen, an der Wasserpfeife bedächtig ziehend. Die Männer dabei oft wunderlieh hergerichtet (wie bei uns nur Schauspieler), die Wangen geschminkt und gepudert, ausgezogene Augenbrauen und zwischen den langen, getuschten Wimpern leuchten die Augen groß und strahlend — von Belladonna. Ab und zu sicht man einen Moslem sich plötzlich auf der Straße niederwerfen, mit der Stirn den Boden berührend, einen Fetzen als Gebetsteppich ausgebreitet. In der Hauptsache aber wohnen Christen hier. Viele Klöster und christliche Schulen sind hier von Gric״ chen, Russen, Franzosen, Italienern errichtet. Es werden in diesen Klöstern auch Zimmer vermietet. Auch ich erfreue mich der Ruhe und Kühle eines solchen Zimmers, inmitten eines Komplexes von Gärten und einzelnen Häuschen, in denen außer Priestern und Nonnen auch weltliche Leute wohnen, darunter zwei jüdische junge Mädchen, die auch des warmen Klimas wegen hier sind. M.in denke, im Februar liege ich im Liegestuhl auf •meiner Terrasse, von Blumen und grünen Bäumen umgeben! Zum Mittagsmahl hole ich mir aus der benachbarten Gärtnerei grünen Salat, Kräuter, Radieschen, Tomaten, alles frisch geschnitten. Viele wunderbare subtropische Gewächse gedeihen hier. Abgesehen von den Palmen, denen Jcricln? sehen seit altersher seinen Namen als ״Palmenstadt“ verdankt, ist hier der intercssante Papaya aus Südamerika cingcfiihrt, der erst vor zirka 15 Jahren hier zum ersten Male gepflanzt wurde und heute schon das Lamlsehnfisbild beherrscht. Fs ist ein hoher scltlan* ker Baum, an dessen Stamm direkt unter der Krone die me Ioneuartige Fruchte hängen, die jetzt in größerem Maße nach England exportiert werden sollen. — Vor meinem Fenster steht eine ״Acacia des Indes״ mit zartestem grünen Laub, ein Liebiingsplatz des ״bulbul", einer Drossel,irt, die den ganzen Tag pfeift. Eine riesige Sykomore beschältet meine Veranda, ein Laubbaum mächtigen Formates, ähnlich der deutschen Buche, aus der ständig Gezwitscher, Vogcltieder und Bienengesumm ertönen. Sie beherbergt eine Menge Vogel,arten: Scharen von niedlichen Girlitzen, bunten Distelfinken, die kleine muntere Grasmücke, Laubs,anger, Stare und natürlich den Spatz, der hier den ehrwürdigen l.atrinisehcn Namen ״passcr biblicus“ trägt. Hier habe ich auch den ,,p.astor rosctis“, den Rosenstar, zum ersten Male gesellen, und der ״blaue Vogel“, der ״blue bird“, existiert hier wirklich. Auch er ist eine Drosscl.art, leuchtend stahlblau das Gefieder. Herrlich anzusehen auch Eisvogcl und Bienenfresser, die hier keine Seltenheit bedeuten. Falken, der echte Kolkrabe, Adler und Geier sind eine tagliehe Erscheinung. Audi die wilde Felsentaube habe ich gcsehen, in ihrem herrlich schnellen Flug. Sic ist die Alanin aller Tauben, die berühmte Darwinsche Urlaube. Sie brütet in der Nähe vom Kloster St. Georg, das in großartiger Einsamkeit an den Felsen geklebt im Wadi Kelt liegt. Ein Ausflug in dieses Wadi Kelt ist keiner der kleinsten Reize eines Jcricboer Aufenthaltes. Es ist das größte Wadi der jud.äischen Wüste. In einer fast alpcnartigcn Umgebung entspringt hier eine Quelle, die Jerusalem mit Wasser speist. Ein Kanal führt außerdem das Wasser durch das enge steile Felsental nach Jericho, wo der Reichtum dieser Oase, die Bananengärten, damit bewässert werden. Interessant ist auch der Ausflug 711m Strafklostcr der Griechen, das direkt über dem alten Jericho der Bibel, auf dem ״Berge der Versuchung“, dem Dschcbcl Karantal, in und an den Felsen gcbaut ist. Von liier aus hat man einen Ucbcrblick aut die ganze Jordanebene und erkennt deutlich, daß Jericho wirk■ lieh nur eine grüne Oase inmitten der Wüste ist. Für wenig Oeld fährt man auch in 10 Minuten von Jericho zum Toten Meer, das zu jeder Tages- 11ml Jahreszeit seine besonderen Reize iiat; in glühender strahlender Sonne bei ganz blauem Himmel, in den unerhörten Farben des Sonnenuntergangs, oder Im blassen enthüllenden Dunst des Winters, wo die iierdcii weidender graubrauner Kamele wie aus der Landschaft gewachsen scheinen. — Jetzt hat es liier seit zirka 7 Jahren zum erstenmal wieder rieiitig geregnet. Die ganze Wüste, die Jericho und das Tote Meer umgibt, ist bedeckt mit einem Blütenteppich. Auf weite Strecken hin sieht das Auge über weiße, gelbe, Waue Flächen. Es ist die durch den Regen ins Lehen gerufene schnell vergängliche Frühlingsvcgctaiion der Wüste, die in zirka 4 Wochen, ebenso schnell, wie sie kam, spurlos verschwunden sein wird. Man kann sich kaum vorstellen, daß hier in wenigen Wochen schon weit und breit außer wenigen Dornsträuchern nicht die kleinste Spur eines grünen Halmes zu finden sein wird- Ucppig grün das ganze Jahr hingegen ist es an den Ufern des Jordan, die dicht bestellt sind mit Pappeln, Erlen, Weiden und Schilfrohr. Die feuchte Schwüle mutet einen fast tropisch an, und wenn man sich dadurch und ebenso wenig durch Insekten nicht davon abhaiten läßt, das grüne Dickicht zu durchstreifen, so lernt man dort ein Vogelparadies kennen, wie es zum zweiten Male vielleicht nur noch im Ntl-Dclta zu finden ist. Alisa Schahori, Jerusalem. Die Jewish Agency hat soeben die letzte Rate einer Anleihe von 10 000 Pfund erhalten, die zur Durchführung des Siedlungswerkes im Kischnn- und Scheik Awreik-Gebiet, des Geländes an der Haifabucht, aufgenommen wurde.