Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 25-26 (28.3.1934)
- Date
- 1934-03-28
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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J0PISCH« RUNDSCHAU ״* l"l ' «t (־ r »׳i <1-, ׳Ol r! p ■ Wirt. 7 יי ■ul V!••1׳ tiuiie 1 •1Hc-u inft j;, IvMu.v »'illliijj. * 11,11». •!■יווה־)) niinnif (In! , alter A-rliKt Kritik ('in/», •soltil«?diaitf «len f(| in :1 der In hin *duirf, Sinn * K11|. e 4er •c zu ,ppmehrt er Ismen 1*11110einer schult «Umößten :nkart nicht schic- Wirt- Kon- Nunmuh ft hat kono- ,11 soollten issensehen ettuer Jr hi kl erden kann dar* Nur heev■ er. ’?׳me auch einer leiste Ireiijj t an an ein ft «ichecht, uiß« den, treu, den 1 sie und LITERATUR - BLATT m, 15/*«, ». MÄRZ m4 Kamerad, dies kt kein Buch. Wer dies Buch liest, der f״l,rt* eine« Menschen an!“ — Seiten durehdrang in den L«1 Jahrzehnten die jungen Juden einer ganzen Geno hs»im I'.rsCiIClJtCn ClfU'S neuen Hiirh r»c dl .«fr. Ul ״.u ,tlon heim Erscheinen eines neuen Buch cs dies <1cfühi mit ״,!iclirr Gewalt wie damals, als in den ersten Taget! des *} ״״..״rl™ 20. lahrhunticrt•; Hrc Frr511/.r«. Neuerscheinungen Frühjahr 1j)3^ Bücherei de* Schocken Verleg* Nr. 6 Nr, Nr. R Nr. 0 Nr. LEO BAECK: DIB PHARISÄER. Ein Kapitel jüdischer Geichichte. ARON BERNSTEIN; VÖGELE DER MAGGID. Eine Novelle. DAVID K0IGEN1 DAS HAUS ISRAEL. DAS LEBEN DES PLAVIUS JOSEPHUS. Ah« seinen eigenen Aufzeichnungen zusammengestellt und übersetzt von Enzanuel bin Gorion. TENDLAU! DEUTSCH-JÜDISCHE sprich- WÖRTER. »•) SCHOCKEN VERLAG l BERLIN ןךייי״י^ ץייויין ן ץ»»- ן®*»■ ®*1"'ä I 4 kwjt W״״, fe*e«l V,.,- ■ I Sit:t a.!3 fe.: ■J •<uj| # Ui ltflllUU* '״ '*•־* . .;; *׳’־'״•• '• viNivtl I dEVU UVS (,,-;׳innciidcn 20• Jahrliiindcils des Frcilierm Börries von Miittdiliauscn Gedichtbuch ״Juda“ erschien, liier war ein Mensch, dm — von ganz, andern Ufern herkommend — ji'1jjjflie Vergangenheit mit all ihrem Stolz und Leid, jüdische (if(׳cnwart mit all ihrer!,ein, jüdische Zukunft mit ihrem yiten und Traum in tiefster Seele erfaßte. Dies Buch bcdatißte und ernöhte; patschte und stachelte; und tröstete jwlt wieder wie .... ״Linen die Mutier tröstet", — Kein ft'imdcr, daß damals, das Großrabbinat von Kinnimien dem pjehter einen D.inkbricf scliicktc; daß man in den Synagogen darüber predigte; und daR man nach alten! schönen Brauche Namen dieses Dichters und seiner Mutter in das Gebet tinfchloß. *' Wir kam cs, daß dieser junge Mensch, der SprüßUug (innoverschei! Adclsgeschlcchtes, so tief in die jüdische Seele liinriilnihlickcii verstand? — Denn hier offenbarte sich nicht nur Vcrhantheit mit dem großen Geschenk der Juden an die itcnsclilicit, mit der Bibel; in dieser Welf hatten auch wohl (ndere deutsche 1 lichter .sich vertraut erwiesen, nicht am wenigsten der f rankfurter, der Sohn der bibelfesten Frau Aja, in allen Lebenslagen gewohnt war, in der Bibel ihr Orakel ju finden. In diesem Buche jüdischer Gedichte zeigt sich zugleich auch eine merkwürdige Vertrautheit mit der Formen- »dt des jüdischen Glaubens in seinen Festen und Trauertagen...• und vor allem mit den Hoffnungen und Träumen der jüdischen Jugend, die — wie einst der abtrünnige John ries alten Volkes es aussprach — ״fließen und ergießen!ich all in de״ Jordan hinein“. Geächtet Volk, ich zeige Dir die Stege Aus Haß und Holm zu Deiner Jugend Gluck: Verlorner Stamm, ich weise Dir die Wege Und Deiner Wege Losung heißt: Zurück! Münchhausen seihst hat einmal erzähl!, welche wichtige Rolle das Judentum in seinem Lehen spielte. Schon im etter- ]!diu! Hause zu Mildosheim, wo ״geistige Freiheit naeh recht» und nach links" herrschte, verkehrte man in freundlicher Nachbarscliaft mit dem jüdischen Hauswirt; und aut der Schute verband ihn mit dem Kabhinersohnc und manch andern! jüdischm Freunde enge Gemeinschaft der Neigungen. Mit einem seiner jüdischen Freunde hat er damals jüdische Bcthäuscr besucht; im Vafcrliausc des Freundes durfte er ״als ein Fremdling, der in ihren Toren weilte“, das Passahfest mit erleben. ״Ich habe dort an zahlreichen Festen die Begeisterung für da» Alte Testament in mich gesogen, aus der meine Jüdiichcn Balladen erwuchsen.“ w, In seiner Studentenzeit lernte Münchhausen dann den Iwlibcgnbteu, allzu früh verschiedenen jüdischen Künstler Ephraim Mose L i I i e n kennen. Ihm verdankte er die Anrcgimg zur Zusammenfassung seiner jüdischen Balladen in dem fiikbth.imlc ״Juda“. Lilie» hat dies Buch dann in tuivcrgcßlidirr Weise mit Bildern begleitet; noch heute findet man es in nncr großen Reihe von jüdischen Häusern. Und der lang- ,bärtige Jude mit den heimatlosen Augen, der, von den Pyramieten herkommeml, nach Zion schaut — der ist auch für den noch lebendig, der später die neue Ausgabe, die Joseph Budko zurückhaltender illustrierte, erwarb. Balladen wie die Er- Zahlung von Raliab, der Wirtin von Jericho, und Simsons Tod; Visionen wie der erschütternde (iesang ״Sabbath der Sabbjtlie“; plastische Bilder wie die Passahfeier: auch sic leben noch, weil sic ewigen Inhalten zeitliche Form verleihen; Koste die Kräuter, wie Gott es gebeut, Bald wird er wieder uns lösen! Jernschalajim, einst wird es erneut, 1 inst, einst leiern wir dort Passah wie licut! Manch l incr mag heute in Jerusch,•»lajim diese» Wortes Nciikcii, der damals mit dem Buche ״Juda“ jung war. Münchhausen hat in seinen späteren Gedichten noch oftraak biblische oder nachbihtischc Stofe behandelt.... ähnlich »ie in Agnes Micgcls Gedichten neben ostpreußischen Hei-!jabßcdiditcn manchmal die Sabbatkerzen in! Laden des Trödlers auflcucliten und Dichteraugen mit geheimnisvollem ״e»c fesseln. Auch den Juden der Gegenwart und ihrem Ringen um Gott und Leben gilt seine Teilnahme; die Gedichte des gottgläubigen Eli Elkana würdigte er einer eingehenden Beurteilung.' — Kürzlich mochte es scheinen, als ob sich seine Stellung gewandelt hätte; seine Betrachtung über "Jc ״Neue Dichtung“ enthielt manch harte Schlußfolgerung. Dennoch schrieb er in dieser Zeit in einem Privatbrief, den m1r der Empfänger zur Verfügung stellte, die bemerkens- »erten Worte; ״-aber wie können Sie denken, daß ich mein Buch >׳Wa‘• halte vielleicht ״auslöschen“ möchte!.... Der ganze ™ladenkranz ist mir in seiner Geschlossenheit ebenso lieb *le etwa mein Bavard-Zvkltis oder meine Edda-Balladen. Ich *prcclie doch auch'jeden'Winter fast an jedem Vortragsabend ürlc Dutzende von Malet! mit Vorliebe mci1\e jüdischen ״uladen und bewahre auch heute noch meinem liehen toten rieundc Ephraim Mose Lilien ein dankbares Gedenken.“ Dm-Dan. ri \ ^»■*״*־^ ן ך•«-—ין f f»*j»׳«f יי fr ^״״׳f ץי״י׳״״׳ץ j c —Jk «-.4 fc.4 | *——4* i ךךךוץ'י׳^ | 1 K..’J ,, jt**1 -4 Lliukuligcr noch als in den 1)״ (,schichten Jaakobs“ Üihlt man im ״jungen Jose p 11“, dem zweiten Buch seiner Trilogie (S. 1 isclier-Verl.ig, Berlin), Thomas Mann als den Diener am Werk, den Interpreten der Ucberliefrrung: der ״Grittel“ des alten Chronisten, nicht die Feder des zeitgcnössisclien Schriftstellers will diesen Mythos niodergcscltrio• heu haben. Wirkten im ersten Buch manchmal moderne Wortp.'ägungen bewußt anachronistisch, so daß die irrige Ansicht entstand, der Autor wolle sich von der jüdischen Geschichte und ihren Menschen distanzieren, so tritt er diesmal völlig hinter (len Stoff zurück, den er beleuchtet und zu deuten sucht. Die Frage, was eigentlich den deutschen Autor zur Neugestalt 1 mg dieses scheinbar entlegenen und bereits durch die Bibel formvollendeten Mythos zieht, scheint der Beantwortung iiälicrgerfickt. Man sicht in diesem Mythos den Antang -- nicht den Anfang der Welt, denn Jahrtausende waren davor, nicht einmal den Anfang der Kultur, denn Kulturen kamen und gingen, ehe man von ihm wußte - -, wohl aber den Anfang unserer Kultur, der abendländischen Welt, die au» dem Gottessehaiiei! der Abraham, Isnnc und Jaakob, aus dem monotheistischen Gottcsbcgrilf gewachsen ist. Das Kapitel ״W i c A b r a 11 a m O ott entdeckte" gibt den Schlüssel zu den! Roman. ״Gewissermaßen war Abraham Gottes Vater. Er hatte ihn erschaut und hervorgedacht, die mächtigen Eigenschaften, die er ihm zuschrieb, waren wohl Gottes ursprüngliches Eigentum. Abraham w׳ar nicht ihr Erzeuger. Aber war er es dennoch nicht in einen! gewissen Sinn, indem er sic erkannte, sie lehrte und denkend verwirklichte?“ Aus der Anbetung der Erde und des Mondes, der Baalc des _ Feldes und der Wasser formt sicli der eine einzige Unsichtbare, auf den Abraham sein alles setzt, so daß l.ot bleichen Angesichts zu ihm sagt: ״Wenn aber Dein Gott Dich verläßt, so hist Du ja ganz verlassen!“ Aber nicht nur ״Gottesfurcht“, sondern ״Verbundenheit, Vertraulichkeit und l'reumlschnft“ vereint die beiden, und Gott ruft (recht anthropomorph) zum heimlichen Aergcr seiner Engel aus; ״F.s ist unglaublich, wie weitgehend dieser Erdetikloß inirh erkennt! Fange ich nicht an, mir durch ihn einen Namen zu machen? Wahrhaftig, ich will ihn salbenI" Zweierlei Neues liest Thomas Mann aus der Geschichte Josephs, zweierlei veranlaßt ihn zu einer Revision der Uebcriicferting — und beides sind eigentlich Eigenschäften Gottes, die in der Welt dieser ihm verbundenen Menscheu widcrklingen. ״Daß der Widerspruch einer Lehcwcft, die gerecht sein wollte, in Gottes Größe selber lag, daß er, der lebendige Gott, nicht gut oder nur unter anderem gut, außerdem aber auch liösc war, daß seine Lebendigkeit das Böse mit umschloß und dabei heilig, das Heilige selbst war und Heiligkeit fordertc“ — das wiederholt sich zum Menschlichen gewandelt in Joseph. Der starke Gottesbegriff des Einzigen hatte die Weit zu einer Einheit ziisnmincngeschwcißt, in der cs keinen Dualismus gal), nicht zwischen Himmel und Erde, nicht zwischen gestern mul heute, nicht zwischen gut und böse. Demi gut und böse waren in Gott und also hi jedem Lebewesen beschlossen. Ungerecht verteilt die Ucbcrlicfemng licht und Schatten. Joseph ist beileibe nicht der Engel, wie ihn die Geschichte sah. Von makelloser Schönheit, verwöhnt und viel bewitn- <lert, geschult im Schreiben und Wissen um die Zusammenhänge des Seins glaubt er, daß jeder ihn mehr liehen müsse als sidi selbst. Lässig beteiligt er sich an der den Brüdern selbstverständlichen Arbeit, verpfeift sie beim Vater, spielt den Aufseher, brüstet sich mit schönen Kleidern, die er dem Vater abgelistet, schließlich lind offensichtlich bestrebt, die Erstgeburt zu erschleichen. Spielerisch und auf himmlische Weise arglos waren auch seine hodifaltfciiden, beleidigenden Träume, die er wider ihren Willen den Brüdern vorschwatztc. Die Ucberlieferung stellte seiner Schönheit einen Freibriet aus — ein letzter heidnischer Rest, der entgegen dem jinli'-cher Ethos zur späterhin hellenischen Kallokagatliia stre bte. Nicht daß er anmutig von_ Gestalt und Geist war, spricht ihn vor Thomas Mann frei von der Schuld, seine Brüder bis aufs Blut gereizt und erniedrigt zu haben, sondern die kosmische Einheit jenseits moralischer Wertungen, in der das Gute noch nicht vom Bösen getrennt war. Also nicht der heidnische Acsthctizismus, sondern der jüdische Tota- 1 i t ä t s gl a 11 h e der Friilizcit. ln den drei Tagen und Nächten, da Joseph gefesselt im Brtmnenlocli liegt, vollzieht sich in ihm eine Wandlung, deren Dcidlichmachnng ein literarisches Experiment ist. Die inoder- 'iicn Mittel, zu denen der Autor liier greifen muß, drohen den Stil des biblischen Epos zu verletzen, zumal sonst jede Art neuzeitlichen PsydKilogisiemis klug vermieden wird. Joseph also reiit zu der Erkenntnis, daß ״jene unverschämte Voraussetzung, nach der er gelebt, ein Spiet gewesen, an das er seihst nicht hatte ermthaft glauben können.... und daß er.,., den Brtidern die Träume nie und nimmer hätte erzählen dürfen, es war ganz unmöglich und über jede Statthafligkeit taktlos gewesen.“ . Hierin kehrt die zweite Eigenschaft Gotte« wieder, die ihn trief!. Ls heißt hei Abraham: ״Am Ende der läge würde Gott König sein, König der Könige, König über Mensrhen und Götter. Aber war er das nicht schon heute? Allerdings, in der Stille und in Abraham!■ Erkenntnis. Aber nicht anerknnnter- und cingesehenerinaßen, nicht ganz verwirklichterweise als״.,., baß aber dieser donnernde Tag nicht Gegenwart, sondern endlichste Zukunft war: das war es, was in Gohrs heutiges Antlitz den l.videus/ug brachte, den Zug des Noch-Niilit und der Erwartung.“ Schon Abrahams Glaube ist Sch ns licht und Er- Wartung, jene ScIuimkId, die das Judentum befähigte, vier Jahrtausendcu Verbannung zu trotzen — die incssiamschc Idee der Erlösung. Dali Joseph gefehlt hafte, darüber war er sich, wie er nun ziigah, im stillen und geheimen jederzeit und auch im Augenblick, da er so h,imleite, vollkommen klar — und dennoch hatte er cs g׳'tan. Wann!!? ״Er hatte es tun müssen, weil Gott ihn eigens so geschaffen hatte, daß er es täte, weil Er es mit ihm und durch ihn also vorgeliabt hatte, daß er cs täte...“ Das ist Thomas Manns zweite Deutung seines Tuns, auch diomal aus den Urgründen des Judentums_ schöpfend; Joseph ist getrieben, bestimmt, amersclien zu einem künftig-fernen Zweck, den er nicht kannte, ist in Erwartung. In Erwartung wie der Gott Abrahams, in Er- Wartung wie das ganze jüdische Volk, das ein Volk der Er- Wartung ist, getrieben zu« einem zukünftig-fernen Ziel der incssi.iiiisrhcti Erfüllung. Lin drittes Wesen» in a 1 des Judentums kann man noch aus den! Roman lesen, das Bekenntnis zur Fa* in i I i e gefährlich und ühei rascltvtnl gerade in einem Buch, ♦las dm Bruderzwist zum Thema hat. S(hon in ״Jaakoli» Geschichten“ fühlten sich die Menschen so stark als Glied der Generationen, daß sie l'rlcbtcs der Almen als eigenes Erleben hinsfellfen. Deutlich schält sich bei Jaakobs Trauer um Jpseph der mythologische Begriff der Familie heraus: zur Familie der Patriarchen gehörten die hunderte Jahre vor ihnen,־ tausende Jahre nach ihnen existenten Geschlechter — aber immer nur die in gerader auf- und absteigender Linie. Die Söhne der Mägde und Nebenfrauen zahlten nicht. Joseph, dem Kind der ״Rcdilcn“, war der Urvater Abraham naher als seine Halbbrüder, die Söhne Jaakobs, die nicht mehr ״Familie“ sondern ״Sippe“ waren. Jaakob war cs, «ler cs empfand. In einer grandiosen Vision wird der verlorene Joseph zu dits mit der toten ״Stenn iijniigfrau“ Rahcl, die sich ihrerseits in Jaakob erneuert: denn auch die tote Mutter klagt im Vater um den geliebten Solui. In ungeheurer Kleinarbeit trug Thomas Mann Bekanntes neben Unbekanntem zusammen, um den Mythos des 17j,ihrigen Joseph bis zu seinem Verkauf au die Ismaeliter und Jaakobs Trauer aiifeiuandemireihen. Ls ist nicht der erhabenste Teil, von dem dieses Buch liaiidcln muß — Sippen/wist und Intrfgc sind seine Themen, ärmer an Schönheiten, doch reicher an dramatischen Begebenheiten als der erste Roman. Waren es dort Jaakob und Rahcl, die über die Jahrtausende hinweg lebendig wurden, so ist diese Meiischwer- (I11!1g_ diesmal auf Joseph, ״dessen neuartige (iotteserf.ahrung die Zukunft zu prägen bestimmt ist", allein beschränkt. Unbewegt und tot verharren die meisten der Nebenfiguren — der 8jährige Benjamin bleibt uns trotz eines langen Gcspräche« völlig fern, wenige der Halbbrüder bekommen eigene Züge, auch Jaakobs Schmerz fehlt die Unmittelbarkeit. Ist man zwar diesmal der Antwort nach dem Wollen de« Autors näher gerückt, so bleibt doch die Form de» Romans (der formal genommen gar kein Roman ist), höchst bedenklich —, denn wie verhalt er sich zu seinem Urtext, der Bibel? Ist, wie vieles Bekannte, jedes Gespräch Zitat? Ist jeder Salz das Ergebnis eines gewissenhaften Dokumenten- Studium«? Dann wäre dieser Roman eher Nachdichtung. Oder ordnet der Autor die Uebcrliefming, gedeutet mit neuen Erkciuitnisscn? So käme das Buch einem B i I! e I k o m m c n t a r gleich, einem im modernen Gewand und im Realismus wurzelnden. Vielleicht kennzeichnet man das Werk mit dieser Definition am nächsten. Der dritte, abschließende Roman ״Joseph in Aegypten“ folgt. Herbert Fricdcnthal. Nachlese der Gedichte Htifjo von Hofmannsthals Dem Dichter Hugo von 1 lofmannstliat verdanken wir einige der nie vergessenen Worte und Verse, die mit uns durchs Leben gehen und in jedem Augenblick anders klingen; wem sic einmal erklungen, der weiß, welche ich meine. Wenn dieser allzu früh uns Gerauhte nun noch einmal aus dem Grabe 11er zu uns kommt, dann iiberströmt uns aus mancher Zeile wieder das Glück, das wir beim ersten Lesen jener großen Gedichte empfanden. Gewiß, das Bild des Dichters wird durch diesen schmalen Baud nicht mehr verändert; aber cs wird noch einmal lebendig — schon das ist Glückes genug. Die ״Frühen Gedichte“ zeigen in Wortherr• Schaft und Farbenpracht allen Reiz seiner ersten Dramen, der einst auch Stefan George mit magnetischer Gewalt zu diesem Dichter führte, von den! er sich dann nach schwerem Kampfe scheiden mußte. Aus ihnen steht man die merkwürdige Entwicklung dieses Frühreifen jetzt vielleicht schärfer. Doch die späteren Gedichte, die dieser Uehcrkritische aus irgendeiner Bedenklichkeit zu Lebzeiten nicht in seine Bücher aiifnahni, sind die eigentliche Kostbarkeit des Buches. Hier findet sich der au allen Quellen der Welt durstig trinkende Geist, den wir aut klarsten in seinen funkelnden Essays leuchten sehen; was er in Sprüchen, Widimingcu, Gelegenheitsgedichten über Zeit und Welt, Kunst und Natur und über das traumhafte Gefühl der Einheit des Ich durch die Jahrhunderte der Vergänglichkeit zu sagen weiß, das wiegt in einer Zeile schwerer als lange Abhandlungen. Im schönsten Sinne lebt hier, was er einmal in einer Widmung aus dem Jahre 1911 aussprach: Was wir aufgehäuft hier innen Laß es leben von den Sinnen, Wohnst Du drin: es ist ein Zelt, Blick hindurch: da liegt die Weltl Ferdinand l-Ion: ״Das Geheimnis des Kunstwerks“. Deutsche Vcrlagsanxfalt, Stuttgart, 1012, Breis 5,50 KM. Der Verfasser steht als geborener jüdischer Elsässer zwlscheu den Völkern und zwischen den Rassen. Sein Kopf ist deutsch, die ratio weist ihn auf das rechte Rlteinufw, aber das Herz, das Gefühl, auch das Kunslgefuhl sind romanisch. Beide Wcseiisfcüe werden durch eine liefe Musikalität (Lion ist Textdichter von llindemitlis ״Gimlillac“, von Tachs ״Fächer“ und anderen imisikdraiiiatischen Werken) zuiti Aus* gleich gebracht. Seine Aethetik ist ein Gegenstück zu seiner ״Großen Politik". Bier die Philosophie der Realität, die Bctrachluiig der Ungeisfigkcif, dort die Philosophie des Irrealen, die Betrachtung höchster Geistigkeit, Die herrschende kritische Kunsthetrachtiing läßt das Kunstwerk auf den lictrachlenden wirken, sic geht vom Subjekt aus, sie ist der Herren eigener Geist, in dem die Werke sich bespiegeln. So gcwinnt sie gern feststehende Formulierungen und (beinahe) Bewertungen, die notwendig zeit gebunden sein müssen. Lion dagegen kriecht gewissermaßen in das Kunstwerk hinein, er verkriecht sich dahinter, versteckt seine Persönlichkeit und läßt es so allmählich seihst seine Geheimnisse entschleiern. Seine ästhetischen Betrachtungen und Wertungen zieht er vom Phänomen seihst alt, vom Ine,•len, das ihm in höherem Sinne real wird, weil jenem das Lebendige imm.inent ist. So spannt sich Ihm der Bogen von der ,,Lcbensfullc des Kunstwerks“, von der Auslese in der Kirnst, von dem ״Gewebe" der ausgelesenen Elemente über die Variationen und die Metamornhosc der Gewebtrilc zu dein ״(ielieinmis des Künstlers“. —» Noch nie ist das Bewußt-Unterbewußte des Schaffenden so klar erkannt worden wie liier. Die Form des Buches ist die des Essays. Ein Künstler hat dieses geistvolle Buch geschrte* ben, in einer zutiefst musikalischen Sprache. — Dr, Oskar Guttmann. , Ur«. Die Hebräische Universität ln Jerusalem hat ihren Lektor David Y eil in aus Anlaß seines 71). Geburtstages zum Ehren« nrofessor ernannt. Unter dem Vorsitz von M. M. Uaslschkin fand zu Ehren Yellins ein Bankett statt. ' 1׳ /