Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 25-26 (28.3.1934)
- Date
- 1934-03-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2653452-2653476--25010-2682122- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
i M «1 A v in r;1!» ,»II 'fir (Li ' d Vrn\ ״ An. •',.י tK|. ",ölllg ","זז»! hn1H״־ linier• ,־insfltn; der; da- Hl Haushalt י /.weck b-'treffen >H dem Xr Ilc. '01! 5000 ו»יו ans elsM linje u«g der «ler l:i״. Handels• and; 103-1. ' tes, aber iidLches ’ chi sehen ״ יjo», clplltlldc a zogen •rer und asi selien /enuli(T> tiSjjaben : der alte Gräbern 1. Aber •en fast I Leben nippen: cu man les Oe-?.eil, in neimlcn ten die . Durch sal des :n Ver- Mittellin opels Jiulenler Art is eine Bcwim• s m ti s Führer 011׳ der lybcnd, ml, ist ßhiung reellen, i-tigon sendet, t i 11 a s enasiin imilan• aden celicneclicn, ■n gch der pasaa, RUNDSCHAU PE SS ACH-BEILAGE Nr. 25/26, 28. MÄRZ 1234 m UND REI fti I-. J י״ן(.8״־ן. HccKor, ,UÜIh». ilicrIB 22־ 129 Von Df. Hugo Bergmann, Jerusalem, Es gibt ei 11 Sclhstportr.it von Roger van der Wcydcn, ״! \veH'h(m 1*er große deutsche Philosoph Nicolaus von Kues Wesen der Wahrheit illustriert hat: das Bild wendet jedem Beschauer, wo immer er im Raume sich befinden mag, jt(t$ de» Biick zu. Nicolaus Cusanus erklärte an diesem Bilde den Sinn menschlicher Wahrheit: alle menschliche Wahrheit 15t Bruchstück, zufälliger Blick, mul doch ist sic zugleich fdite Wahrheit, Teil Wahrheit, aber doch Wahrheit, und wSt alle Blicke zusammen, die wir nur alincn, nicht fassen linnen, ergeben die Wahrheit. Mit der Wahrheit unseres jüdischen Wesens und unserer fleschichfe, wie sie sich in unseren b'csten spiegelt, ist cs älinlirh bestellt; und so insbesondere mit dem Pcssachfcst. jf(ir (ieiieralion hat ihren Pessacli, jede erlebt das ewige Ereignis der Befreiung aus Aegypten auf ihre Weise, und sehr sich die Deutungen zu widersprechen scheinen, so ergeben sic doch ziisanimengenouimen die Wahrheit unseres xhicksnls, die sieh keiner einzelnen Ocncration ganz, offen* baren kann. Im Rausche der Emanzipation verstand man Pessach als Sinnbild der Befreiung Israels aus dem Cihetto. Adolf Jrllinck predigte zu Pessach 18blt in Wien von dem ״grollen Hallelnjali", das ״so viele Fürsten, Völker und Gesetzgeber an- Kimmen zum Lohe mul Preise der Gerechtigkeit", kraft deren die Juden von dem Banne alter Knechtschaft befreit »nrclen. Fs ist rührend, heute zu lesen, mit welcher almungslosen Naivität der grolle Prediger in derselben Predigt die Tatsache, (lall da und dort schon einzelne Juden bis in die höchsten Stellen vorgedningen sind, ja die Geschicke der Volker lenken, als Zeichen der sieh vollendenden Befreiung aus Aegypten deutet. Nur ein lästiger ״Mißton" macht sich indem grollen 1 lallclnjah hörbar, daß nämlich Einzelne noch behaupten, daß Israels wahre Heimat Palästina sei, ״daß. cs aber in den Sainlgcgenden des deutschen Nordens fremd sei"; jus solchem noch immer erklingenden Mißton solle, meinte Jcllinck, Israel mir die Konsequenz, ziehen, daß es ״mehr als jede andere Genossenschaft die Strömungen des Geistes, welche Vorurteile und Wahn fortschwemmen, die Dämme der Gewalt tiiederrcillen, die brachliegenden Felder der Wahrheit, Freiheit lind ücrechtigkeit befeuchten und befruchten, mit der größten Opfmvilligkcit fördern und erleichtern und von den! Siege des (leistes allein unsere Zukunft und unser volles Heil erwirten" solle. Das war der Pessach der Generation von 1860. Wir wissen es heute besser, und doch sollen wir uns deswegen nicht für hellsichtiger hallen; nach uns werden andere tarnen, die uns für genau so kurzsichtig halten werden, wie wir heute unsere Väter. Was uns obliegt, ist; in immer erneutem Eindringen in unsere Geschichte zu versuchen, vom Blicke dieser Zeit aus, von diesem ״Kairos" aus, dem wir nun einmal angeboren, so viel zu sollen, als uns nur möglich ist. Was kann uns Heutigen Pessach und das Buch sein, das uns seine Gcschichte erzählt? Wenn wir die Pcssachmimmcrn von Herzls ״Welt1' durch blättern, sehen wir immer dies eine Wort unterstrichen: ״Im nächsten Jahre in Jerusalem!" Dies Wort war damals noch keine Wahrheit, war blaue Romantik, und das wirkliche Palästina war noch sehr fern, aber uni so mehr konnte das Land der Träume alle Sehnsüchte jener Generation in sich aufnehmen. Lud wiederum; vor einem Jahre, als die Wogen uns zu verschlingen drohten, erklangen uns, tröstend und aufrichtend, die Worte von der Errettung durch den Herrn. Alle Sargen sind dngcmiimlet in die Worte, die der Hausherr spricht, unmittelbar, nachdem er die Gewißheit der Erlösung ans- Jtsprochen hat: ״Gelobt sei, der sein Versprechen an Israel bewahrt, geloht sei er, denn der Heilige, geloht sei er, hat dis finde berechnet.“ Dieses Ende und diese Erlösung ist die Erlösung der Menschheit, nicht des Volkes, aber das Volk kann nicht zugrunde gehen, bis nicht Erlösung geworden ist Md das Lude der Zeiten sich erfüllt hat. I in Jahr ist vergangen, ein Jahr — wenn nicht alle Zeichen trügen — der Buße, der Umkehr, der Rückkunft der verlorenen Söhne. Wir haben ähnliches immer wieder in unserer Geschichte erlebt, daß Gegnerschaft von außen nulir vermag zur Stärkung des jüdischen Bewußtseins als Aufruf von innen. Heute sehen wir wieder viele Tausende, die dm Weg zum Judentum suchen, der freilich viel sclnve- ״nd entsagungsvoller ist, als sic ahnen mögen. Und dies scheint mir das Charakteristische dieses [lfM1׳ch. Viele werden ihn feiern, die ihn noch nie gefeiert "iben, Nicht nur die Kinder werden fragen: ״Was sind die cfiifjnkse und Gesetze, die Euch Gott befohlen hat?" Taustnde fragen, Tausende wollen Antwort, Wir dürfen lins die Antwort nicht leicht machen. Wer von uns hat das Recht?u sagen, er wisse die Antwort? Das eine ist gewiß: ein politisches Bekenntnis zum Judentum, und wäre cs noch so IW formuliert, eine Organisation, und wäre sic noch so gut Snliigt, ein Werk, und wäre es noch so verzweigt und nähme f n°oh so viele Kräfte des Volkes in Anspruch, kann die A"hvort nach dem Wesen des Judentums nicht sein. Nicht olitik und nicht Organisation und nicht Kolonisation, so '*,ditig sjc an sich sind, können die Antwort gehen nach dc;n Sin״ unseres Daseins. Und nach dem Sinn unseres Da- <Clns> nach nichts weniger, fragen die vielen, die heute zu 111,5 kommen und Bescheid wissen wollen. Es gilit keinen anderen letzten Sinn unseres Daseins, als V0» dem die Pcssachgcschichtc erzählt: daß wir ״hei- Volk“ sein sollen, daß wir dazu da sind, in dieser dt Zeugen Gottes zu sein und durch unsere Zeugen- ״”״■ durch die Tatsache und die Weise unseres Daseins ״!stehen sollen für die Realität einer Weltgeschichte, deren , *S von der Schöpfung durch die Offenbarung zur Erlösung “"rt - nur von dieser letzten Wahrheit aus wird alles ver- ״1״lieh, was mit uns geschieht. Jede andere Deutung des A a*ntums — so berechtigt sie in ihren Bezirken sein mag — , ^Cn» GesamtphäJionicn unseres Daseins nicht gerecht. Auch als Zionisten dürfen wir dies letzte nicht «ges^n. Der Zionismus hat uns eine politische Tribüne, , ״־ Organisation geschaffen, hat uns politisch denken gelehrt,!■’.Uns körperlich ertüchtigt. Alle diese Dinge sind in der 1e der Verweltlichung des Judentums. Diese Phase war $i* aber wir dürfen bei ihr nicht stehen_ bleiben. *י *in Mittel gewesen und das Mittel darf ment zutn Zweck werden. Um die entscheidende Frage unseres Daseins, den religiösen Charakter unseres Volkes, ist der Zionismus in der ersten Phase heriimgegangen, weil er in jener libcra-!Mischen Epoche nichts anderes tun konnte als die Religion zur ״Privat.sachc“ zu erklären. Aber dies kann nicht das letzte Wort sein. Je mehr wir in uns Einkehr halten ■— und das Fragen derer, die jetzt von ferne zu uns kommen, wird uns nötigen, in die liefe unseres Wesens eiuz.udringcu —, desto deutlicher wird werden, daß das Tun des Zionismus in Wahrheit einen religiösen Sinn hatte und hat, ob es nun die Vereinigung des jüdischen Menschen mit dem heiligen Boden oder die Wiederbelebung der heiligen Sprache ist. Merkwürdig, wie die Weisheit der Geschichte sich so deutlich als viel größer erweist denn die Klugheit derer, die ihr ״mit versiegelter Ordre" dienen. Die Neubclebting des Hcbräischrii ging von einem Manne aus, der ungläubig war, ein richtiger Aufklärer, und der in der hebräischen Sprache deren säkular-nationalen Sinn sah, gewissermaßen das Attrihuf, das uns fehlte, damit wir ein Volk werden ״wie alle anderen" -. und gerade diese Wicderv'crblncluug des Volkes mit der Sprache, deren Literatur zu OB '•״ religiös ist, kann nur sakralen Sinn haben. Die religiöse Frage hat heute in der ganzen Welt eine Aktualität erhalten, an die man vor wenigen Jahren nicht geglaubt biittc. Die Völker fragen sich: sind wir noch Christen? Das Christentum liegt in schwerem Kampfe mW neu erwachten Gegenkräften. Nostra res agiturl Es geht um unsere Sache, um das Judentum und seinen Sinn für die Weit und seine Sendung für die Welt. Nicht nur die rikkkehrenden Söhne des Volkes, die Menschheit selbst stellt an uns die Frage: Was ist Euch dieser Dienst? Führt Euch der neue Auszug aus Aegypten nochmals zum Horch? Die llagada befiehlt uns: ״In jedem Geschlecht und Geschlecht ist der Mensch verpflichtet, sich seihst anzu• sehen, als wäre er ausgezogen aus Mizrajlm". Hier liegt, scheint mir, der Nachdruck bei dem Pessach von heute. Zwei Gestalten J^loscheK Sein Wandel war nicht in der sumpf’gen Tiefe, Die bis ans Mark fraß seines Volkes Kraft. Kein Ahnen war in ihm, daß sie ihn riefe. Er ging den Gang der Großen, herrenha/t. Sein /Hut nur wußte dumpf: ich bin von fenen. Da sah er, wie der Fronvogl einen schlug. Und schaumend brach der Zorn ihm aus den Zähnen! So sprengt der Most, der gärt, verkorkten Krug. Er schlug, erschlug. Er halle Blut vergossen, Blut muschle auf und bnnd. sich an das Blut, Zag ward das Volk vorm Zornmut des Genossen •— — •— ltn Wüstenwind, ging seine Spur verloren, ltn Wüstenwind aus Dorn flammt Gottes Glut — — — So ward ein Mann erwählt, ein Volk geboren. Htrzl Sein Weg war oben, fern den Niederungen, Wo man nur harrte, betete und litt. Auf wen} Um wasl Kr fühlte es nicht mit. Kein Ruf von dort war an sein Ohr gedrungen, Sein Blut nur wußte dumpf: ich hin von fenen . , . Ein fude wurde ohne Schuld verdammt, Da brach der Zorn aus ihm in blut'gen Tränen. So wuchs ein Mann und mit dem Alann ein Amt. Das Volk war tot. Er weckte es sum Leben. Wo Sumpf und Wüste war, sah er: dos Land, Sein Wille wurde stark am Widerstreben. Sein Teil blieb, wie des Ahns, Ruf, Führung, Schauen.., Dir Gottes-Glut hat ihn au früh verbrannt. Sein Denkmal ist ein Volk. Es lernte bauen, Leopold Marx, Cannstatt. Ein Lehrbuch des jüdischen Wissens IScmerkunjjen zur Pcfjach - Hagadah Jede jüdische Fcstbctraclitung kann ln dieser Zelt von der — auch häufig ausgesprochenen — Voraussetzung ausgehen, daß heute viel mehr Juden als früher unsere Feste feiern werden. Diese erfreuliche Tatsache stößt nun bei dem PelVichfcst auf die Schwierigkeit, daß jenes in seiner Mitte stellende Büchlein, die ״I lagadali“ nicht nur durch ihren hebräischen — oder gar aramäischen! — Wortlaut dein Unwissenden gewisse Schwierigkeiten macht, sondern daß sie mich iii ihrem Inhalt nur dann wirklich erfaßt wird, wenn man die Hinweise au (nimmt, die von ihr auf weite Gebiete des jüdischen Wissens nusgehen. Darum mag es erhulit sein, hier einige Andeutungen von dem Beziehung«• re ich tum der llagada 11 zu geben, die natürlich nicht mit dem Anspruch auf etwas Neues auftreten können. Aber auch das ״gute Alte“ hat ja seinen Wert. Betrachten wir die Hagaclah zunächst als etwas Ganzes und fragen uns dann, aus welchen Elementen cs zusammengefügt ist, so bemerken wir bald, daß sich hier Gcsc hi c h t s er z ä h lung, Gebet und Jüdisches Lern c 11 vermählt haben. Diese drei Elemente wechseln zwar nicht immer in genauer Regelmäßigkeit miteinander ab, treten aber alle immer wieder hervor. Die Erinnerungen an unsere leidcnsrcichc Geschichte, ihre dankbare Vcrgegcnwärtigung im Gebet, und die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die das Lernen schlägt, indem es jüdischen Brauch aus dem Bibelwort ablcitct oder darauf stützt; das sind die drei Elemente nicht der Hagadah nur, sondern unserer gesamten geistigen Existenz. Aber noch eine intimere architektonische Eigenschaft des kleinen Büchleins läßt sich autweisen, und zwar innerhalb seiner geschiehtscrzählcndcn Schicht selbst. Diese beginnt bekanntlich mit dem Bekenntnis: ״Knechte waren wir dem Pharao in Aegypten..." und wird dann, nachdem Gebet und Lernen das Wort genommen haben, wieder aufgenom* men mit dem zweiten Bekenntnis: ״Im Anfang waren unsere Väter Götzendiener“. Es ist ganz aeutlichj daß hier von der Aussage der äußeren zu der der inneren Knechtschaft fortgeschritten wird; cs ist zugleich bemerkenswert, daß an diesem Tage höchste‘» < »111^־ ichtslH־\v1d)tseins keine antik« heroische Verklarung die kleinen und dunklen Anfänge des Volkes empor färbt, sondern die Wandlung und der A uf• stieg vielmehr dem eigentlichen Täler der Geschichte, Gott, verdankt werden. Waltet in solcher Geschichtsbetrachtung ein mächtiger rcligionspädagogisclier Einfluß, so ist die Bedeutung des ״Lernens“ innerhalb der Hagadah kaum minder hoch anziischlagcti: Hat sie doch einen Hauch des talmudischm Wissens, seiner Methoden mul Inhalte noch bis an des 1111 - gelerntesten Juden Pcllach-Tiscli hcraiiRetrngen. Mannigfach waren die Klammern, die verhindern wollten, daß sich eine Schicht, der Gelehrten vom einfachen Volke trenne: die stärkste und wirkiiiigsmäthtigste von ihnen war und ist die Hagadah. Wer sie noch verstellt und seinen Kindern mul (!asten noch erklären kann, der ist noch nicht völlig aus jener Welt ausgcschiedrn, der sic in ihren ältesten Schichten entstammt: ,ins der Weit des 11 a I a c 11 i s c 11 e 11 M i d r a s c 11 (jener freien Jtihelerkläruugeu mit wesentlich religions-ge• setzlirher Absicht aus den früh-christlichen Jahrhunderten), der Mi sc 1111 ah Und des Talmuds. . Ja» ,cs scheint beinahe, als habe eine pädagogische Hand mit weiser Bewußtheit verschiedene Typen jenes Lernens mit mindestens je einem Beispiele in dem Büchlein heimisch gemacht. So hören wir z. B. die folgenden Ucberlegungcn; ״Jachol“ (inan könnte meinen), Mcrosch chodcscb (daß man des Auszugs aus Aegypten vom ersten Tage dos Pcßach• monats Nissan an in besonderer Form zu gedenken habe), Talmud Loinar (die Thora lehrt uns deshalb), bajom liahu (״an Jcncm Tage“, d. h., wie später erklärt wird, am Abend des Tages, wo Mnzzah und Bittcrkraut vor uns liegen). Wer den hier angcdcutetcu Absatz genau liest und zu erfassen sucht, hält eni methodisch wichtiges Stück rahbinisclicr Bihclcxcgcsc in Händen. Man erkennt zunächst die prinzipiclle Voraussetzung (in dieser ausschließlichen Schärfe Eigentum des in der 1 lagadali erwähnten Rahbi Akiba), daß jedes einzelne Wort in der Thora seine ganz besondere Bedrutting habe und also deiitungsdürftig sei. Nichts ist ״gleichsam wie in der Sprache der Menschenkinder gcsprochcn“, wie Rabbi Jischmael, Akihas großer Gegner, für bestimmte Fälle annahm. Man wird dann aber weiter feststellen, daß der Schriftbeweis nicht logisch bis zu Ende geführt wird, sondern bei der Tatsache halt macht, daß Mazzah und Bittcrkraut eben am Abend des LI. Nissan vor uns liegen. Wer dagegen einwendet, dies gerade sei ja zu beweisen, übersieht eben, daß liier, wie so oft (wenigstens nach des Maimonidcs Ansicht), Brauch und Gesetz nicht aus dem Thorawort abgeleitet, sondern nachträglich darauf gestützt werden. In ähnlicher Weise bietet jedes der LcrnsUickc reichliehen Anlaß zu Frageustclhmg, Diskussion und weiierführender Vertiefung. Wie großartig ist z. B. die Charakteristik des jugendlichen und offenbar nicht sehr gelehrten Rabbi Eliescr Ben Asarja, der nur ״wie ein 70jäl1rigcr ist“, weil er, statt des gewaltigen und strengen Rahan Gamalicl als Lückenbüßer zum Vorsitzenden des Gerichtshofes bcrufen, die äußeren Zeichen des Alters, das weiße Haar, im Schlafe geschenkt erhält; ohne sie hätte er im Volke der Altcrschriing sein hohes Amt nicht üben können. Aber er muß gestehen, daß ihm eine wichtige Ableitung aus der Bibel unzugänglich blieb, bis sic ein Größerer, Rabbi Tarnhon, fand. All das, was wir geschichtlich von Rabbi Elieser Ben Asaria wissen, nämlich, daß er bald den Vorsitz nicht mehr allem verwalten konnte, sondern mit dem zurückgertifenen Raban Gamalicl feilen mußte, schimmert durch die Unselbständigkeit dieser seiner einzigen Aenßcrung in unserer Hagaclah. Die Beweisführung selbst, die Rabbi Tarphon bringt, stellt auch diesen Lehrer wiederum in die intensive Dcutungstcchnik der Schule Rabbi Akihas hinein — geht doch alles um den Sinn des Wörtchens ״kol“ ״-, zeigt aber zugleich in dem Widerspruch, den seine Auffassung dieses Wortes bei den ״Weisen“ findet, einen weiteren Charaktcr/ug solchen Lernens: den Charakter der Diskussion. Dieser Diskussiorischaraktcr setzt sich sogar in die Zahlenspielc hinein fort, in denen die ägyptischen Plagen multipliziert werden. Also: 111 Aegypten ist von Gottes Finger die Rede, am Meer aber von Gottes Hand; Finger ״:“ Hand * * 1:5; 10 .ägyptische!»lagen •10 am Schilfmeer; oder, wenn jede einzelne der 10 Plagen, nach Ausweis eines weiteren Verses, aus 4 Unterplagcn bestand, steht das Verhältnis 40:200, nach Deutung Rabbi Akihas, der 5 Unterplagen annimmt, sogar 50: 250. Gerade diese Erklärung ist im Grunde eine ernste, weil sie nämlich eine historische ist. Uml sie macht die zahlreichen Verknüpfungen sichtbar, die die Peßach-Hagadah mit der Zeit ihrer Entstehung sichtbar verbindet. Um nur die deutlichste zu nennen: Wenn bei der Erlösung aus Aegypten mit immer neuen Wiederholungen hervorgcliobcn wird, Gott habe uns erlöst ״nicht durch einen Engel, nicht durch einen Boten... sondern l'r in seiner Herrlichkeit und Sclhsthcit allein“, so taucht eben jenes zweite nachchrrstliebe Jahrhundert des Rahbi Akiba und seiner Genossen vor uns auf, in (Irin der erste ernste Abwelirkampf gegen die Idee eines göttlichen Mittlers geführt werden mußte. Und doch handelt es sich für uns nicht tun vergangene Geschichten, sondern, bei allein Ballast von Tradition und Lernen, um lebendige Gegenwart. Ist doch, nach jenem mit Recht unzählige Male berufenen Kernwort der Hagadah, ״ein jeder verpflichtet, sicli so zu betrachten, als sei er selbst aus Aegypten gezogen״. Wie wir am 0. des Monats Ab lins nicht des gefallenen Jerusalems und seiner. Tempels trauernd erinnern, sondern den eben eintretenden Fall in Tratierkleidern und mit Traucibriiitchen beweinen, so freuen wir uns am Peßaehfestc der uns in seiner Gegenwärtigkeit immer wieder geschehenden Erlösung. Frst sein Ende bringt mit dem Rufe der Zukunft: ״Im nächsten Jahre in Jerusalem“ zugleich mit jener Hoffnung den Schatten der tuterlösten Gegenwart wieder über uns, der auch im Bc- Kenntnis des ersten Anfangs: ״Dieses Jahr hier, nächstes Jahr im Lande Israel; dieses Jahr Knechte, nächstes Jahr Söhne der Freiheit“ noch auf uns lag. Dazwischen aber, in der eigentlichen Her/mitfc des Festes, geschieht die volle Vergegenwärtigung der Erlösung. Sie geschieht im dritten der Elemente: im Gebet. Denn während vorher nur gleichsam logisch abgeleitet ward, daß wir nicht erlöst worden wären ohne die Erlösung der Väter, heißt es nun, auf der Höhe des Scgcnsspruches: ״Gelobt sei..., der erlöst hat uns und unsere Väter.“ Erst uns — und dann unsere Väter; wenn nicht uns, so auch unsere Väter nicht. Dafür aber, daß dieses Lebensbcwußtscin Israels nicht nur einmaliger Höhepunkt des Jahres sei, sondern immerdar bei uns bleibe in jeder Not und Anfechtung der Zeit, dafür bürgt unser tägliches Gebet: ״— Unser Gott, und Oott unserer Väter, Abraham Jizchak und Jaakob.“ So geht, in Geschichte, Lernen und Gebet, die Hagadah ein in den täglich neu durchtnessenen ewigen Kreislauf des jüdischen Jahres, g.