Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 25-26 (28.3.1934)
- Date
- 1934-03-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 23/26, 28. m. 1934 jüdische Rundschau Seite 3 ^ייי־^-- Um JO‘‘-"»—"•'1'■ k* i 1 w c־—\ €^i r\ /.'! ^*״, -ג***י? C4. "־^J dl«***^ 'Gm***״*-^ o, l c'' '״־־■*״"# J r ...,**י5י Zv/iscbcn aller and neuer Welt RW, An Bord der ״Maricttc Pa eh a“, 7. Mär* je weiter sich das Schiff von der Küste Europas entiernt, uin so mehr gewinnen wir Abstand von dem Aufruhr der Gefühle, in welchen! ein Jude in Europa icpt lebt. Pie Judenfrage ist int letzten Jahr aufgerollt worden wie nie zuvor; das Schicksal der Juden ist als tjnc der großen weltgeschichtlichen Tragödien der letzten zwei Jahrtausende erkannt worden - eine Erjjfnnlnis, die durch viele Jahre der geistigen ״Prosperity“ verborgen war, als man öffentlich kaum ernstliaft vom Lose der Juden sprach; die Juden selbst waren die letzten, die solche Erörterung gewünscht hätten, ob- «0111 sie ja wußten, daß sie auf schwankem Boden stehen. Heute aber ist cs nicht zu verdecken, und wir wissen nicht, ob wir erst am Anfang der großen Auscinanderset/.ung stehen oder ob wieder ein geistiger Ruhc/nstnnd eintreten wird. Wer weiß denn heute überli.iupt, wie diese Welt und dieses von inneren Krisen hcimgesuchtc Europa die nächsten Jahre bestehen wird; die jüdische Erschütterung ist ja nur eine Seite einer Umwälzung, die weit größere Dimensionen hat; im jüdisrhrn Leben spiegeln sich stets die Vorgänge der Umw׳clt in besonders empfindlichem Maße. Und nun stellt in einer besonders eigenartigen Weise auch des Judentum 2n1 Scheidewege. Denn das jüdische Volk ist dereinst in Palästina geformt worden; von dort aus hat auch die übrige abendländische Welt ihre entscheidende kulturelle Prägung erhalten. Das Judentum hat die Ethik der 10 Worte“ und die Lehre von Gut und Böse zum Gesetz erhoben, und wenn heute mancherorts diese Grundlagen abendländischer Weltanschauung umkämpft werden, wenn eine ernste Auseinandersetzung um Lebensrichtung und Glntibcn ganze Völker ergreift, so ist das für uns Juden ein entscheidender Moment unserer Existenz. Es geht hier nicht um Politik und nicht 11m Wirtschaft, und das Bekenntnis zu Palästina, dem zentralen Ort dreier Religionen, ist für uns Juden heute eine stärkere Bindüng, als in den ersten Anfängen der neupalästinensischen (zionistischen) Bewegung angenommen wurde. Wo stehen wir? Wohin steuern wir? .Welche ewigen Werte erkennen wir an? Unwiderstehlich ist die Gewalt der Idee, die sich mit diesem Lande verknüpft. Tausende sind dafür gestorben, in Geschichte und Mytlios ist diese Kraft wirksam. Und längst, bevor es einen ״politischen“ Zionismus gab, war die ״Zionslicbc“ in den Herzen lebendig. Sie hat im Mittelalter Je hu da Halcvi, den großen Dichter, nach Palästina getrieben und ihn bei der Landung nicdcrlallcn und den Boden küssen lassen. So etwas vergißt ein Volk nicht, und was wunder, daß ein kleiner jüdischer Junge aus einer rumänischen Stadt, selbst stark jüdisch und künstlerisch «rregt, mir zur Abreise auf das Schiff einen Brief schrieb, der an jene Liebe Jchiida Halcvis erinnert. Denn ״stärker ist die Liebe als der Tod“, ... Das ist Zion, Palästina, das Land, dem unser Schiff msteuert. Jeder auf dem Schiff fühlt etwas davon. Man kennt aus den letzten Jahren viele Beschreibungen von Palästinarcisen, Impressionen, die stets mit der Schilderung der Schiffsreise beginnen. Und in der Tat, man muß den «Mut zur Banalität“ haben: diese Gemeinschaft von reisenden Juden aus aller Herren Länder, die einem Ziel zustreben, hat etwas Packendes. Immer sind ein paar Originale und Sonderlinge darunter, immer auch seltsame Schicksale; man findet in solchen lebendigen Dnzclschicksalen oft mehr von dem Wesen der jiklisehen Frage als in so mancher gelehrten Erörterung. All diese Menschen sind erwartungsvoll und wohl auch etwas ״JnKe. Etwas Neues liegt vor ihnen. Auch mit uns fahren — neben den ״Touristen“ — eine Anzahl von Juden, die die Brücken hinter sich abgebrochen haben Und nun ihre neue Zukunft zu bauen haben, in der "Wie des Lebens, nicht mehr in voller Jugendfrische, »men Bedingungen entgegen. Juden aus Deutschland sjnd dabei, meist stille bescheidene Menschen, die den Ernst ihres Entschlusses empfinden. Das ist ein typi- ,c"es Bild. So geht es alle Tage, jeder Dampfer, der das Mittehnecr durchkreuzt, bringt neue Menschen. Wir aber empfinden besonders stark, daß dies alles nicht einfach eine ״Reise“ sein kann, sondern tieferes dnlüntersteekt und sich hier nach außen in der Draiuätik des Geschehens offenbart: Palästina ist nicht nur Reiseziel, sondern Forderung und Aufgabe, und daher betrifft das, worum es geht, auch die Dahciingcblicbenen und die Juden, die nicht auswandern wollen oder können, auch die mit ihren! jetzigen Heimatboclen eng verknüpften, ln der Scheidung der Geister innerhalb der Menschheit wird heute alles wieder auf einfache Formen zurückgeführt. Wir Juden müssen unser« Weg gehen. Die großen Zusammenhänge, in denen jeder von uns steht, werden immer auch dieses Zion umfassen. * In Alexandria, wo das Schiff gerade hielt, bevor es nach Jaffa weiterfährt, hatten wir das eigentümliche Erlebnis der Begegnung mit einer ägyptischen Frau, die uns das, was wir fühlen, verstärkt ins Bewußtsein brachte. Fine koptische Christin, Angehörige der ältesten ägyptischen Schicht, der wahren Nachkommen der alten Acgyplcr aus Pharaos Zeiten, dabei eine ganz moderne hochgebildete Frau, nahm uns in ihrem gastlichen Haus auf, einer herrlichen Villa am Strande des Meeres, und in unermüdlicher Darlegung entwickelte sie ihre Ideen: die Erlösung der Welt durch die Vereinigung des Hauses Israel mit der heidenchristlichen Welt, als deren Re- Präsentanten sie ihr Vaterland Aegypten betrachtet, unter Berufung auf das 19. Kapitel Jesaja. Diese Vereinigung könne nur geschehen im Zeichen der Niederringung des Materialismus und Ueberwindung des Imperialismus. Die Juden, so meint sie, haben Teil an beiden. Diese genaue Kennerin der Bibel weiß, daß im Judentum Höchstes neben Niedrigstem stellt und gerade darum, so meint sie, hänge von der inneren Entscheidung des Judentums besonders viel ab. Diese Frau, eine glühende Patriotin und Führern! des Wafd, der ägyptischen Unabhängigkeitspartei, hat ein Buch über die Judenfrage ge* schrieben, das im Manuskript vorlicgt. Sic gibt eine Anklage und Verteidigung der ״Protokolle der Weisen von Zion“; dieses Buch, bekanntlich eine plumpe Fälschling, enthalte, so sagt sie, Gedanken, die wahr sein könnten, und daher müsse man auch sachlich darauf entgegnen. Man müsse neben dein materialistischen den prophetischen Juden zeigen und denen, die an das Buch glauben, die Erkenntnis eröffnen, daß nur durch eine andere Art der Behandlung der Juden, durch den Willen zu einer Harmonisierung der Welt, auch die Judenfrage zu lösen sei. Nicht ״Bekehrung“ der Juden sei die Aufgabe, sondern jeder cifrc seiner eigenen l iebe und seinem Glauben nach, aber diese Liebe allein wird Menschen öffnen und den Weg bereiten. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß die Verfasserin natürlich weder Lessings ״Nathan“ noch die moderne, in deutscher Sprache erschienene Literatur über die Judenfrage kennt. Was sic genau kennt, ist die Bibel, und sie weiß eine Fülle geistreicher Erklärungen, die manchmal ein auch für uns verblüffendes Lieht auf schwierige Stellen werfen. Kann man sich diese Szene in der ägyptischen Villa am Meer und der vor Juden die jüdische Bibel mit innerem Feuer verlesenden christlichen braunen ägyptischen Frau ausmalcn? Welch eine andere Welt! Und das ist die Erbin eines alten Volkes am Mitielmecr, der Wiege aller Kultur Europas. Mag cs in Asien und im fernen Osten noch andere große Kultiirkreisc gehen, hier am Mittelmeer, so fühlt man (und Jahrtausende werden wie ein Tag), ist der Kreis, aus dein Europa erwuchs; uigl an seiner nahen Ostküste liegt das Land, dem wir ent* gegenfahren, das Land, das so wichtige Bausteine zu dieser hier entstandenen abendländischen Welt beigetragen hat, dessen Ausstrahlung wir in diesen seltsam bcwegten Stunden in Alexandria durch Raum und Zeit hinweg so stark empfinden: Palästina, das nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Gegenwart hat. * So gleitet unser Schiff in die letzte Nacht der Fahrt hinein. Ein seltenes Ereignis geschah auf dieser Reise: SdmfÜeüM du Ro&ed IdeiUcU cs wurde uns ein Kind geboren. Ein Jude aus Deutschland, der in den letzten Jahren in einer großen Stadt Westdeutschlands als Handwerker tätig war, der im letzten Halbjahr in der Emigration irgendwo in Luxemburg oder Frankreich vergeblich Arbeit suchte und nun endlich sein Zertifikat erhalten hatte, wurde während der Reise Vater eines Knaben. Der Mann hatte nur noch wenig Geld; er fährt 4. Klasse, seine Frau ״Ila“, d. h. 3• Klasse. Diese beiden Klassen sind natürlieh nicht luxuriös, alter durchaus anständig, und den Passagieren 4. Klasse kommt die väterliche Fürsorge des ״Maschgiacli“ (Aufseher der koscheren Küche) Goldkränz, früher in Berlin, zugute, der auch beim Sabbnth- Gottesdienst einen perfekten Vorbeter darsti'llt. Die gebärende Frau wurde von den Schiffsärzten in Obhut genommen und das ganze Schiff vom Kapitän bis zum letzten Passagier fühlte sich als ״kleine Familie“. Als das Kind geboren war, wurde es eine Art Stolz der ״Mariette Paclia". Die Scliiffsgescllschaft ,,Mcssagcrics Maritimes“ schenkte ״ihrem" Kind lebenslänglich alljährlich eine Passage I. Klasse. Die jüdischen Passagiere halfen so gut sie konnten; in Alexandria wurde Wäsche gekauft, auch etwas Geld erhielt der Vater, der seihst fast keines mehr hatte (und aus diesem Grund seine Abreise trotz des kritischen Zustandes so beschleunigt hatte). Am letzten Abend waren alle fröhlich. Ein Mann, der mit einem Sefer Thora in der 4. Klasse fuhr, tanzte verzückt chassklischc Tänze. Ueber uns schon die Sternenpracht des palästinensischen Himmels. Und am nächsten Morgen liegt Jaffa da i!n Morgen* glanz, und fast endlos erstreckt sich daneben, in leichtem Dunst verschleiert, die neue Stadt Tcl-Avviw. So oft man auch in Palästina landen mag, dieser Moment ist immer wieder einzig und ״zum ersten Mal“. Befreiung des Bodens Ein Wort anläßlich des Festes der Befreiung lieher 38 000 Juden, davon 12 000 aus Deutschland, sind!933 nach Palästina cingewandert. Palästina ist heute das einzige Einwandcrungsland der Welt, das Juden olfcnstcht. Nach dem Völkerrecht können sic hier ״nicht kraft der Duldung, sondern kratt ihres historischen Rechtes'* ,leben. Der Zionismus ist die nationale Freiheitsbewegung des jOdisclicn Volkes. Wir bauen in Palästina nicht ein Asyl für Flüchtlinge, sondern die Nationale Heimstätte für das jüdische Volk. Wir brauchen zuerst Boden. Die Wanderung der Juden nach Palästina ist in vollem Gange. Landerwerb durch den Keren Kajemeth Lejisr.icl ist ein überparteilicher Zweck; ei Ist Boden für Juden ohne Unterschied der Richtung. Nur wenn wir auf mehr Böden Hinweisen können, wer« den wir unsere Forderung nach mehr Einwanderung! •Zer• t i fi k a t c n durchsetzen. Nur aut Boden des Volkes kann eine neue vernünftige Berufsgliederung des jüdischen Volkes aufgebaut werden. Wir brauchen Boden für einen breiten unerschütterlichen freien jüdischen Bauernstand. 329 000 Dunam sind heute jüdischer Gemeinbesitz. Die Struktur des Aufbauwerks ist tiefgreifend von dem 710־ nlstlschcn Sicrilungswerk bestimmt worden, das auf diesem Boden entwickelt wurde. Die nationale Wirtschaft verlangt jetzt stürmisch nach neuen Bodcnrcscrvcn. Heimstiittc, Einwanderung, Volksaufbau, Wirtschaft — all das ist heute ein Stück jüdische Wirklichkeit. Die vollkommene Erfüllung aber steht und füllt mit der Frage des Bodens. Und über all diesen praktischen Zielen steht die große jüdische Vision von einer besseren Welt, von reineren Formen des sozialen Zusammenlebens: Wir wollen Boden ln Palästina, der nicht dem Einzelnen gehöret! soll, sondern der Gesamtheit des jüdischen Volkes. Boden, dessen Wertzuwachs nicht dem Einzelnen, sondern der Gesamtheit zugute kommen soll. Wir wollen den Boden der Spekulation entziehen. Wir wollen Palästina zu Erez-lsracl machen. Es Ist gerade ein Jahr her, daß eine Veränderung ohnegleichen das Leben der Juden in Deutschland In neue Bahnen wies. Wenn wir das Peßachlcst begehen, das einen Neubeginn unserer Volksgcschiclitc kennzeichnet, denken wir an Palästina — gestern und morgen auch für viele von uns die Stätte des Ncubeginns! Erst die Rückkehr zum Boden macht das Land unserer Väter zum Land unserer Kinder! Koren KaJometh Lejinracl• Jüdischor NalionulfondsE.V. Heu UuuzuMelettde Xewi vJüaIUh. du eunäßi^t&s?Ade^AUuneuscut fiU das Z. Quanial 192ty נןף gi נןזןנדק■ sä || ן! Ui Smsmdun-ty m* ftu* JIM 5.— auf eins de*• UHtmsteUeudcH Pas-UcUech-liouieH, || VukieU - HUdhmf de* ,,Jüdischen fomdsekau", Bmüh Id 15, MeiuekesUaße W fl Postscheck-Konten! Abonn.-Abt. Groß-Berlin: Berlin 715 73. Abonn.* Abt; übriges Reich: Berlin 17392 1 ־ Inserat en-Abteilung; Berlin 71618 Ausl an dt Basel V 93 55 / Belgrad 680 32 / Brüssel 394 33 / Budapest 59693 fl Danzig 19 73 / Haag 1404 70 / Prag 594 10 / Riga 41 55 /׳ Straßburg 164 30 / Warschau 1907 08 / Wien 1560 30 Sf r I 1 }V * ו ־ז 4 t ־ f י a\{ lN an u, V ' rn*1. i. litr: frV| ■Ml fi.: 11*.:; .ft, i 0 rf ri 1 I < ar 1 r v: eh־. IM fl : 1' li-v I 1 1!׳!,■,! f.u» \ * ץ 2^ tut r ׳ k-1 s!is :11 f K‘ •י M1t f י ■ 1 Ü MI I, J! r I ü I ' >(• וו I 1F 1»;;ז¬ ו» I