Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 19 (6.3.1934)
- Date
- 1934-03-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ü "tterte und alte״• taub• { *ul Taubzur ideit* er. jüdische Rundschau Seite 3 ״Die Wildente״!!,vor der Vorhang aufgeht, erlicht sich die Frage• Habt jhr nichts anderes a11fzutraBe11 als Henrik Ibsens alte Wildente‘ und liaht ihr wieder nichts gefunden, das uns ״,dieser ,uihcr angeht, die eine der Sorge, aber auch der Samiithing und der Wiederaiifrkldtmg ist? Ich habe auf (|ic5c Frage schon des öfteren geantwortet. Es gibt besonders im Drain» keine jmlisilic Natioiialliteratur, es gibt auch nicht df״ Anfang dam, solange Heer-1 Dfmain. i״ls (i״lmle11 (Jic die seinen bleiben mögen, seine biblischen Schauspiele für d.« Theater des Kulturbunds nicht hergibt, und aus dem Kornfeld, das auf der flachen Hand wächst, das mager und dürftig aus der Konjunktur anstatt aus einem tragenden Boden limnrgelockt wird, ist wahrlich kein nahrhaftes Brot;11 harken. \X'!r .״Hissen uns zunächst damit begnügen, daß jüdische Schauspieler für ein jüdisches Publikum spielen daß dir (]cmritiscliaft sieh einig und stark genug erweist! um sich eine Organisation und damit eine Tribüne zu erhalten ,״( der .all;;enu>in-mciischliche Dinge, die ja wold auch jüdie auch die Sjiit/e auf die eigene Brust setzt. Wenn der Vorhang aufgegangen ist, gibt es solche gnmdwülkhcn 11ag111 nicht mehr, Das Theater war immer und ist eine im geheuer praktische Angelegenheit. Was da oben von Menschen unserer Art gesprochen und gestaltet wird, ist entweder seelemiali oder fern gaukelndes Schatte״- spiel, mailit 11ns mit feidend, mit erfahrend, mit tätig oder läßt uns kalt und gleichgültig. Und so mag gleich gesagt »erden, daß diese fnr mehrere Cicnerationcii gespielte ״Wildentc“, die man schon für recht flügellahm halten wollte, auch mit all ihrer so deutlichen Symbolik wieder tmlu-imlich intcrrssiert hat. Und interessiert sein heißt, daß der Zuschauer ins eigenem 1 .riehen und Erfahren einen Einsatz in das Spiel hinein tut, das damit eben mehr wird als ein Spiel. Cs lag nicht an der allenfalls genügenden Aufführung von Fritz J t s s n c r, es lag wohl daran, daß der alte Hexenmeister Ibsen wieder einen Zauber ansgeübt hat, aber einen sehr redlichen Zauber mit seiner Menschenkenntnis, mit seiner Ubcnsdurchdringuiig, mit der Schärfe einer Wahrheitsliebe, die auch die Spitze auf die eigene Brust setzt.!:ine stärkere Regie, und das ist diejenige, die dem dn/elnen Schauspieler Hilfe lind Auftrieb gibt, hätte einige Leistungen von minderem Wert gewiß nicht zugelasscn. Der üregers Wcrle von Martin Brandt war kein seelisch krauler, am (icrcelitigkeitsfieber leidender Mensch, sondern ein Bel, das seihst die sonderbare Familie Ekdal schon im ersten Akt hätte herauswerfen müssen; und so wäre das Stück iu Ende gewesen. Die (iina Ekdal von Lilly Kann machte t! sich im Berlinischen bequem, wo ein Urgrund höchst primitiver . und problemloser Mütterlichkeit anzulcgun war. Ikm! sie ist auch dem Manne gegenüber die Mutter. Einen teeren Hjalniar Ekdal als »len von Fritz Wiste 11 habe ich auch nach glänzenden Vorgängern wohl nicht gesehen, ditscii immer gerührten Deklamator seines Schicksals, der fkxh trotz sündhafter Oberflächlichkeit liebenswürdig blich, der sich mit einer Art von unstörbarer Unschuld unser ffllirfulndes Wohlwollen erhielt. Fast jedes junge Ding, das mit der vierzehnjährigen Hedwig und ihrem traurigen Opfertode anfängt, gilt zunächst 8's Talent. An das von Mira Rosowsky möchte ich glauben; darin steckt Klugheit, Sensibilität, eine vibrierende Nervosität, die aber schon beherrscht scheint. Es ist leicht, als Vierzehnjährige zu rühren; diese interessante Anfängerin raaclite es sich schwerer, indem sie das hysterisch-erotische Verhältnis mm Vater zugleich z.ugab und sehr zart zudccktc. höchst erfreulich der alte Wcrle von Hermann Heuser, d!r immer die Energie des Wortes hat, das seine Figuren zu polier Klarheit und Bestimmtheit herausschlcift. Etwas davon, m weiblicher Liebenswürdigkeit, hatte auch Gerda Klein* *’tisin an 11 als Frau Sörhy, seine Haushälterin und späte liebste. Der Rclling von Fritz. Lion hätte mehr Saftigkeit und Blindheit haben können, der alte Ekdal von Ihrtiii Wolfg.ing hätte sehr viel mehr Phantastik und NJi)ität eines alten und verspielten Kindes haben müssen. Was da auch zu wünschen blieb, das Publikum hat S|ch in diese vertrackte, in diese Narrenfaniilic der Ekdals gleich heim ersten Wiedersehen wieder cingclcbt, und wie ™r schien, sogar tiefer als früher, als ob das Stück, das -schon begraben schien, für uns ein neues Auge aufgcschlagcn Mtie. Mng (|as Thema von der l.cbcnsliigc, die das Leben *rtiäglich macht, und von der Zudringlichkeit der idealen Forderung, die es unerträglich macht, etwas schematisch auf einzelnen Figuren verteilt sein, es schien sich da etwas zurecht gerückt zu haben, als ob von allen Ehen auch unter *witialt-re 11 Verhältnissen die Rede sei, von der immer sehr *fkwurdigcii LogarithmcMrcchiiung zwischen dem moralischen Anspnic!! 1״u| j;,,״ j(ls|j״ktiv gesunden Selbsterhaltungstrieb. Die ernste Zustimmung galt dem Dichter, in dessen; Me sielt *loch ein Kern von Güte schmecken läßt, der große >11.111 hauptsächlich der glänzenden Leistung von Fritz. 15teil, der mit der Ausdauer seiner einfallsreichen, zu- E[lcl' gehaltenen I iebenswürdigkeit diesen Kern mich einmal ‘״״lackhaft gemacht hat. ' Arthur El o es s er. Nachwort Kiit kurzes Wort sei dieser Besprechung der ״Wildente״ 1,״*li angefügt, Es liegt uns gewiß fern, in allem, was wir smfn lind hören, gewaltsam Züge zu suchen, die auf unser j11 d i s c ]! c s Schicksal Bezug haben. Trotzdem — hier 1"1״neu wir cs nicht unterdrücken. Sie alle oder fast alle, dic יי von Ibsen in diesem Reich der Werks und Ekdals gezeigt f'tlcn. fliehen in eine Welt, die nur in ihnen lebt, in einen ( enskreis, den sie sich selbst geschaffen haben, ohne daß יל' «chte Wirklichkeit dahinter steht Der alte und ftf Ekdal schaffen sieh ihr Jagdrevier in der Rumpel• ^""'r auf dein Boden und knallen dort mit der Pistole!״fr Kaninchen, wobei sic an die Bärenjagd *lenken. Gina,! i«״Kcn Ekdals Frau, hat sich ihre Ehe auf einer Basis «pbaut, die eine Unwahrheit enthält, weil sic wichtige Tat- , ,hm Manne verschwiegen hat, und nicht anders »st , »tut dem jungen Wcrle, der im Grunde ein ״reiner Tor wobei der Tot! auf dem zweiten Worte zu liegen hat. יי Rdc), der idealen Forderung ist auf dieser Welt nicht 1 lm<lrn, und er befindet sich auf einer ähnlichen Jagd, פ l!1' aud1 in anderen Bezirken, wie der alte Ekdal in seiner Jammer. . i״ P1es« Bildung eines Reiches der Phantastik, d a s L e be n *1״ftieere״ Raum, fern von der echten Wirklichkeit, n d1e»e Menschen führen, von Ibsen gesehen als Haltung i'BSENS ״WILDENTE“ Nebenitehend: Der alle Ekdal (Martin Wolfgang) im Kulturbund in Berlin am 4. März 1934 1 י /!׳יי' Rahts: Werte (Hermann Hemer) und Gregtn Werte (Martin Brandt) X. 1 . \ 1 / ־׳ך״ ¬סי¬ד¬ ■ , t , r f m/״ |Tf "ff m ׳.!,M V •*׳y . '׳ .V׳-v x,: Oben: Gina Ekdal (Lilly Kann) u. Hjalmar Ekdal (Frits Witten) \ ' Nebenttchend: Rclling (Friti Lion) und Hedwig (Mira Retaweky) Foto! A. S. Sonnmftld, Borlia der Vertreter einer bestimmten Gcueralioii seiner Zeit und vielleicht auch als Schatten seiner eigenen Vergangenheit, muten 1ms seltsam bekannt an. Es gab eine jüdische Generation, die sich ein solches ״Lehen in der Retorte“ aufbante und an seine Realität glaubte, solange cs irgend, ging. Aus der Wirklichkeit flüchtete man sich in ein Reich, das man sich seihst schuf, das aber mir solange bestehen konnte, bis ein scharfer Wind von außen es umwarf. Es ist wohl kein Zufall, daß die jüdische Generation, die dieses Schattenleben in stärkster Ausprägung geführt hat, mit jenen Menschen zeitlieh zus.unmciifiel, die Ibsen in der ,,Wildente“ zeigte; wir scheu hier, wie die allgemeine geistige Tendenz, die im Leben draußen zu spüren ist, ihre Wellen in den jüdischen Bezirk hinein entsendet. Wir Heutigen haben gelernt, daß das Leben in der abgeschlossenen Kammer, von der keine Tone nach draußen dringen, nicht möglich ist, und wir sind dabei, das Erbe dieser Phantastik einer vergangenen Generation zu überwinden. u, oe. Purim-Aufführung Es war eine glückliche Idee des Kulturbundesdeutscher Juden, seinen Mitgliedern dic Möglichkeit zu geben, Purim gemeinsam zu feiern. Das große Interesse des Publikiims und die freudig bewegte Stimmung des Hauses bewiesen, daß ein wirkliches Bedürfnis hierfür bestellt. Purim, (Ins Fest der Erinnerung an Gefahr und Errettung unseres Volkes und Tag des Ruhmes, für den Mut einiger, die in ferner Vergangenheit *las jüdische Volk vor *ler Verniehltmg bewahrten, ist recht dazu geschaffen, tun auch der heiteren Muse in unserem Kreise Raum zu gehen. Allerdings ist es nicht ganz einfach, die rechte Form der künstlerischen Feier für ein Publikum, wie es der Kulturbund hat, und für eine Institution, wie sie der Kulturbund seihst darstellt, zu finden. Und so sehr auch dieser Versuch als solcher zu loben ist, so wenig darf verhehlt werden, *laß er inhaltlich nur zum Teil gelang. Die Zahl der Purimspicle, die uns zur Verfügung stehen, ist nicht gering. Gewiß eignen sich dic meisten nicht für eine derartige Veranstaltung, aber immerhin hätte man gewünscht, daß man einiges von dem, was an Liedern und Spielen im jüdischen Volke zu Purim entstanden ist, bei der Aufführung gehört hätte. Hier wählte mau den Ausweg, das Purimspiel eines großen deutschen Dichters aufznfülircn, Grillparzers E s 111 c r f r a g 111 e n t. Diese Szenen sind insofern interessant, als sie zeigen, wie ein im deutschen Kulturkreis wurzelnder Dichter den Stoff der Megillah in eigentiimiieher Form bearbeitet hat. Wenn auch dic Sprache der Verse vielfach .sehr eindringlich ist, so ist das Ganze doch einigermaßen blaß und ist Grillparzer selbst später wohl leid geworden. Jedenfalls wissen wir wenig tlarübcr, wie er sich dic Vollendung des etwa 1837 entstandenen Fragments vor* gestellt ־hat. An die Kraft, die das Original der Megillah selbst besif/f, reichen die vorhandenen Szenen jedenfalls nicht heran. Die Aufführung im Kulturbund, die unter der Regie von Fritz Jcssner stand, tat gut daran, sich auf die Szenen bis zum Entschluß Esthers, die Werbung des Königs anzu* iielimen, zu beschränken. Dadurch wurde eine gewisse Ge* schlosscnheit in den Ablauf des Spiels gebracht. Die Dar- Stellung stand auf einem Niveau, «las auch einer größeren Aufgabe würdig gewesen wäre. Leui S t c i 11 b c r g versah ihre Esther mit der Maske und der Sprache einer zarten Innigkeit und zugleich echter weiblicher Instinktsichcrheit. Der König Fritz Wistens stellte den der geistigen Ver- Wirrung nahen Ahasvcros glaubhaft dar, wenn auch vielleicht bei ihm Brutalität um! innerste Schwäche etwas zu nahe zusaiiimeiiwolmtcii. Hermann Heuser als Mardochai war zu sehr Typ eines modernen Rabbiners, während Fritz Lion den intriganten, im Grunde aber doch nicht bösartigen und nur auf seinen Vorteil bedachten Haman sehr gut wiedernab. Gerda K I c i n W c i s ni an n, Martin Brandt und Fred Alexander gefielen in kleineren Rollen. Bühnenbild und Kostüme, für dic Heinz Cond eil verantwortlich zeichnete, waren ausgezeichnet; der Königspalast in Susa wurde mit einfachen Mitteln eindrucksvoll dargestellt. Ballett und Orchester des Kulturbundes spielten unter Leitung von Kurt Singer im Anschluß an die Esther- Aufführung Mozarts ״Kleine Nachtmusik“ als Tanzspicl. Obwohl cs vielleicht vom rein musikalischen Standpunkte aus einigermaßen problematisch ist, ob man die ja schon vielfach unternommene Bailettbearbcitung der Nachtimisik anfführen soll, war dic Aufführung unter der szenisehen Leitung der Solotänzer Irma Pumanova und Rolph Ray ganz vorzüglich. Neben diesen beiden sind besonders Rut Rosen, Max Koninsky, Ruth Anselm und Nelly llirtli hervorzuhelien. Musik, tänzerische Ideen, Kostüme und Ausstattung vereinigten sich zu einem lmnt bewegten Bild und endeten in ebenso anmutiger wie lebendiger Easchiugslaune. Der Bei* fall des Publikums war besonders stark. Der Esther-Aufführung ging ein erster Teil voraus, bei welchem das Kulturbund-Orchester unter Leitung von Joseph Rosenstock die Ouvertüre aus der Schönen Galathce von Sn, pe und den Kaiserwalzer von Johann Strauß spielte. Fritzi Jokl sang Offenbachs ״Ein Ehemann vor der Tür“, begleitet vom Orchester unter Leitung Kurt Singers. Die Ausführung war zwar lobenswert; wir fragen aber, wie man gerade auf diese Programm Zusammenstellung kam. u. oe. Der Präsident des preußischen Landesprüfmigsanites, Dr. Otto .Pal an dt, äußert sich in der ״Deutschen Justiz“ über dic Ergebnisse der Rcfereiidarprüfungcn und der großen Staatsprüfungen im vergangenen Jahr. Er führt dabei u. a. aus, daß die Anzahl der Referendare, dic im Berichtsjabrc a 11 s s c 11 i c d e n, weil sie nicht.irischer Abstainmung oder politisch unzuverlässig waren, 804 betrug. In Detmold wandte sich, lt. ״Frankfurter Zeitung“ vom 4. März, die dortige Organisation der NSDAP, gegen einen Fall von Rasse 11 Vermischung, der dort bekanntgewar־ den sei; dabei wird u. a. auch entschieden Verwahrung dagegen eingelegt, daß der Nichtarier, um den es sich handeite, die Absicht habe, das arische Mädchen zu heiraten.