Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 19 (6.3.1934)
- Date
- 1934-03-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 jddisohe Rundschau Nr. 19, 6. Hi, W34 liaicrcssenfef cn sitze (Von unserem palästinensischen Korrespondenten) gl. TcI-Awiw, 2t. Februar 1934. Tramjordanlcn Jnncrhalb der großen politischen Kräfte, die durch das Dreieck Engländer, Araber und Juden bestimmt werden, spielen zurzeit im Mandatsgebiet Palästina eine Fülle von Interessengegensätze n, teils politischer, teils sozialer Art, die sieh in der Stellung der Gruppen zu verschiedenen Projekten mul Reformpliincn anspr.'igen. Diese Gegensätze machen am Jordan, der Grenze Westpalästinas, nicht Malt, sondem spielen nach dem Fm trat Transjordanien hinüber, das trotz administrativer Trennung durch die vcrschie« densteu Bande mit dem Streifen westlich des Jordan verknüpft ist. Bis vor dem Kriege mit Palästina und Syrien zu einer wirtschaftlich-administrativen Einheit verbunden, hat das kleine Uimlclien zwischen Fluß und Wüste nach dem Kriege seinen eigenen Weg genommen. Denn cs wurde aus dein Gebiete der jüdischen limnigration ausgeschlossen und seinen eigenen Wirtschaftskräften überlassen. Somit hat cs auch die Evoiu» tion Wcstpalii stin ns in den letzten fünfzehn Jahren nicht mitgem,■teilt und mich keinen Anteil an der gegenwärtigen Hochkonjunktur. Der Gegensatz zwischen der wirtschaftlichen Lage der Länder im Osten und Westen des Jordan hat sich geindc während der letzten Jahre des großen Kapitalimports lind der Imiiiigralioii eklatant gezeigt. Niemals glänzend gestellt, mit einer dünnen Bevölkerung, die den niederen Standard des Beduinen oder des ärmlichen Fellachen als typisch airz.usehen gezwungen war, hat das Emirat gerade in den letzten Jahren schwere Zeiten d u r c h g e m a c h t. Fs waren Jahre der Dürre, die verschuldeten Fellachen wußten nicht mehr, wie sie (las nackte Lehen fristen sollen, und unter den Bcdiiiiieiistämiiini herrschte Hunger. Dieses Jahr scheint freilieh der Bann der Dürre gebrochen zu sein, aber das Flend hatte bereits zu tief gefressen, und außerdem erwies sich der Winter als ungewöhnlich hart für diese Gegenden. Die Sclillden!iigeu über die Zustände bei verschiedenen Wüstenstammen sind furchterregend und jeder, der die Armut dieses Landes in normalen Zeiten keimt, kann sich ohne viel Mühe vorstellen, wie sich ein paar harte Jahre auswirken. Die Regierung steht der Sachlage ziemlich hilflos gegenüber. Man kann ja im besten Falle für den Moment das ärgste Unglück verhüten, alx'r um mehr zu tun, um die Wirtschaft der Fellachen auf eine andere Basis zu stellen, dazu ist lange Zeit und viel Geld notwendig. Und dieses letztere ist in den Kassen von Trnusjordauicn eine unbekannte Sache. Die Regierung hat eine ausgesprochene Defizitwirtsclmft. Woher sollen also die Summen für Hilfe und für eine Modcrnisie* rung der Wirtschaft kommen? Die palästinensischen Juden hatten dafür eine Antwort bereit: aus den Mitteln der jüdischen Kolonisation. Sie wiesen auf Palästina hin, wo gegenüber den Nöten der Fellachen die Regierung oktionsfiihig war, weil durch die Immigration sich die Staatskassen füllten. Sie zeigten, wie in Gegenden jüdischer Siedlung auch die Fellachen sich merklich aus dem Elend hcraiisarbeiteten. Einzelne der ״ trausjordanischen Beduinen- Stämme teilten diese Ansicht. Mau wird sich noch darauf bcsinnen, wie einer der bedeutenden Scheichs des ־ Landes, Metkal Pascha ei F a i s, über ßodcnvcrkiiitfc an Juden verhandelte, 11111 den Rost seines Besitzes überhaupt bearbelteil zu können, wie auch der Emir selbst an der Heran- Ziehung jüdischen Kapitals ein Interesse zeigte. Diese Dinge liegen heute bereits lange zurück. Die Verhandlungen führten damals zu keinen positiven Ergebnissen, weil die politische Gegnerschaft sich zu heftig gegen die Oeffuung der Tore Transjordaiiiens fiir eine jüdische Immigration wandte. Die Führer der nationalen Bewegung in Palästina warnten vor dem Einfluß der Juden in Transjordanien, und ein Teil der Notahein des Emirates seihst sah zwar sehnsüchtig nach den wirtschaftlichen Erfolgen im Westen, fürchtete aber mehr als alles die politischen Folgen einer Oeffnung der Tore. So blich alles, wie es war, besonders da England sieh von den Protesten der palästinensischen Führer stark bceinflusscn ließ. Jedoch fanden sich zwei kleinere Palliativmittel zur Erleichterung der Lage in Transjordanien: über die Allcnbybriicke am Jordan und auch auf anderen Wegen sickerte eine limnigration auf den immer noch atifnalimefäliigen A r b c i t s m a r k t W e s t j o r d a n t c n s. Der Fellache, der überschuldet war und aus seinem Boden int besten Falle die Abgaben für seinen PadillKTru lierausbekoinmen konnte, nicht aber den Lebensunterhalt für seine Familie, der Beduine, dem die Herden starben, überschritt den Grenzfluß und versuchte, in Palästina Arbeit zu bekommen, oft mit Erfolg. Um! außerdem gewählte der High Commission er eine Beihilft' au das transjordanische Budget aus der palästinensischen R c g i e r 11 n g s k n s s e, um der allergrößten Not zu steuern. Daß es sieh bei dieser Aktion immerhin nur um ungeniigemle Palliativen handelt, ersieht mau mm den Hiobsposten, die während der letzten Monate sich aus Transjordanicii häuten. Die Not Ist i in Steigen, überall ist sofortige Hilfe nötig mul sie ist nicht in genügendem Umfange vorliamlen. So treibt der nackte wirtschaftliche Zwang zu einer neuen Ueherpriifung der Lage. Die rein wirtschaftlichen In- (Pressen weisen auf eine Wcgränmimg der Hindernisse hin, die heute jüdischer Initiative :111( diesem Gebiete im Wege stehen. Nationale Interessen und Befürchtungen wirken diesen Kräften entgegen. Bis *ich diese Gegensätze auseinandergesetzt haben, Weiht die Frage offen. Sic von• der Tages- Ordnung nbziisetzen, hindert «Ile Not und der auffallende Gegensatz zwischen der ökonomischen Lage der beiden angrenzenden Territorien. Die Vorbereitung der Munizfpalfilicnwahlen Die Regierung bereitet die Neuwahlen fiir die paliistiiiensisclum Munizipalitäten vor, nachdem das Gesetz, zur Neu- Ordnung der Stadtverwaltungen vor kurzem publlziert wurde. Bekanntlich hat das Oberkommissarlai mit diesem neuen Gesetz, das sie als eine Reform der lokalen Selbst- Verwaltung betrachtete, überall bei der Bevölkerung Widerstand getumlen. Die Juden beschwerten sich darüber, es sei nicht weitgehend demokratisch genug und bedrohe durch seine Wahlordnung überdies ihre entsprechende Vertretung ln den gemischten Städten, Unter den Arabern traten die Bürgermeistcr zum Kampf an, weil sie eine Bescluieiduug ihrer bisher sehr weitgehenden Rechte befürchteten. Die Behörden haben sich die verschiedenen Delegationen aiigehört und die Memoranda «lurchgeleseu, mich hier und da AenderunReii ein geführt, jedoch in der Hauptsache den ersten Entwurf bei behalten und gehen jetzt an eine Durchführung der Wahlen, ln Tel-Awiw sind sie noch nicht fällig, weil die Amtsdauer der gegenwärtigen Stadtverwaltung noch über ein Jabr weiterläuft. 111 den kleineren arabischen Städten wird sich nicht sehr viel ändern, wenn auch vielleicht in manchen Punkten eine Verbesserung zu erwarten ist. Das Hauptinteresse konzentriert sich also auf die beiden großen wachsenden Städte mit gcmiscliier Bevölkerung, auf Jerusalem und Haifa. In beiden Orten hat die Regierung noch zwei cntschcldeude Karten in der Hand. Sie hat «iie Möglichkeit, die Bürgermeistcr zu bestätigen oder zu ernennen und außerdem fiir niclitpaliisiiucnsisdie Bürger, die kein Wahlrecht besitzen (nur in Tel-Awiw liegt der Fall anders), Vertreter zu nominieren. Diese Bestimmung wurde getroffen, tun in einer so iutcrnational gestalteten Stadt wie Jerusalem den nk'htpaliistinensisc 11c 11 Einwohnern iiire Interessen wahren zu helfen, oder wie in I Inifn solche Minoritäten wie die deutsche Kolonie io Betracht zu ziehen. Außerdem mußte man sich irgendwie mit der Tatsache auseinandersetzen, daß unter den Juden viele sind, die nicht oder noch nicht den Palästina-Paß bcsitzen, Bei einer geschickten Besetzung dieser Posten wird nun die Regierung sozusagen das Zünglein an der Waage der Munizipalität. Sie stellt, mit großen Vollmachten nusgvstattet, über den widerstreitenden Interessen. Dieser widerst reitenden Interessen sind viele. Sie sind nicht mir sozialer Natur und scheiden sieh zwischen Besitzenden und Nichtbesit/eiuleii. Gerade «lieser Gegensatz wird iu «leu arabischen Vertretungen heute nur noch sehr wenig zum Ausdruck kommen. Oie Verhältnisse haben sich in dieser Richtung noch nicht genügend entwickelt, lind außerdem sind die nichtbcsitzciiden Kreise der Araber heute zum größten Teil nicht vertreten. Die nationalen Belange aber spielen auch in der loknlen Selbstverwaltung eine große Rolle und kommen in den gemischten Munizipalitäten stark ziun Ausdruck. Sic spielen in «lie täglichen Arbeiten der Verwaltung hinein (Besetzung von Posten, Vergebung von öffentlichen Arbeiten, Beschäftigung jüdischer und arabischer Arbeiter usw׳.); sie hängen mit tausend Fäden mit den allgemeinen politischen Fragen des Landes zusammen. Unter diesen Umständen mißt die Ocffentlichkelt nicht nur den Waiden, sondem auch den Ernennungen einzelner Vertreter durch die Regierung eine große Bedeutung zu. Und in der Tat wird eine glückliche Zusammensetzung der Stadt röte, die eine glatte Abwicklung der Geschäfte garantiert t״J durch das Gewirr «ler widerstrciienden Interessen hiiuUir-' einen Weg findet, fiir die rieh rasch entwickelnden Stadt* Von großer Bedeutung sein. " *; Nochmals die Einkommensteuer Die Frage «ler Einkommensteuer sieht wieder aut der Tagesordnung. Schon vor längerer Zeit von der Regien״,., zur Diskussion gestellt und damals von der öffentlichen miiig der Araber 11 ״ d Juden abgrtehnt, ist da» Projekt *VOn neuem aktuell geworden. Der öbcrkouimissar hat sich einen Fachmann (ür diese Frage kommen lassen, und dieser dis. kutiert jetzt mit den akkreditierten Steilen, den Handel», knmmcrn, großen Firmen, der Jcwish Agency nsw. die Fra« von neuem. 4 Die Idee einer Einführung der Einkommensteuer c111spri״,a bei der Regierung dem Willen zu einer allgemeinen form des Fi s k a I s y s t e m s. Dieses ist in der Tat ein« grundlegenden Umbaus bedürftig. Ist cs doch noch von den Türken übernommen worden und hat im Laufe der englischen Administration nur kleine Armierungen erfahren, keineswegs aber eine gründlMic Umarbeitung, So befinden wir uns in der grotesken Situation, daß es in Palästina bis heute ci-ent• lieh nur zwei direkte Stenern gibt, die auf laiujwirtschnftliche Produkte und die auf Grund und Boden, pct Fellache ist der Theorie nach immer noch der ent• scheidende Steuerträger Palästinas. In der Praxis sicht es freilieh ganz anders aus. Denn die Fellachen wir tscliaft hat ״•!) Jahren keine Abgaben zahlen können und statt dessen Zu. schösse verlangt. De facto haut sich da» Finanzsystein im Lande zum größten Teil auf indirekten Steuern auf (Zolle usw.), und da diese durch den Kapitalimport und den stark stimulierten Handel sprungweise heraufgetrieben werden, sammeln sich die Ucberschiissc in der Staatskasse. Daß dieser Zustand auf die Datier unhaltbar ist und einer gerechten Verteilung der Abgaben II o 11 n spricht, braucht keine» Beweises. Der Reformwille der Regierung im Steuer• wesen ist also durchaus zu bcgrtißeu. E« besteht jedoch eine Gegnerschaft gegen diese Neuerung, und zwar in fast allen Kreisen. Daß sich dis Kapital, sowohl jüdisches wie auch arabisches, gegen eine Neuordnung der Verhältnisse sträubt, ist klar. Daß aber auch die jüdische Arbeiterpartei (eine arabische gibt cs nicht), diesen Kurs mltmaciit, ist erstaunlich. Man sieht liier, wie nationale Befürchtungen sozialen Fordern״gen zuwiderlaufen. Denn die beiden zentralen Gründe, die gegen die Reform vorgebracht werden, stützen sich auf nationale Argumentation: man fürchtet, das jüdische Kapital von Palästina sbni• schrecken und den Löwenanteil der!Steuerlast auf jüdische Schultern zu wälzen, da die jüdischen Geschäfte moderner und daher leichter erfaßbar sind als die arabischen. (F.s scheint übrigens wenig einleuchtend, daß eine Einkommensteuer Kap• tnl aus Palästina wcgschcuehcii sollte: denn überall auf der Welt hat »ich der Unternehmer an diese Abgaben gewöhnt lind sic geiten als selbstverständlich). Es ist zu fürchten, daß diese Voranxtelhing vermeintlich jüdischer Interessen auf einen falschen Weg führt. Eine R«• form des palästinensischen Steumvesens ist dringend 1101■ wendig. Was wir heute besitzen, entspricht nicht den ,sieb 'in raschem Tempo ändernden Verhältnissen. Wenn in P.1• lästina spezielle Verhältnisse vorliegcu und in der Tat nicht einfach Vorbilder aus anderen 1.ändern übernommen werden können, so müssen die Gesetze diesen speziellen Verln nlssen angepaßt und elastisch gestaltet werden. Aber nun darf nicht das Kind mit dein Bade nuxsduilten und aus Furcht vor eventuellen Fehlem sämtliche Reformen a b I e h n e!1. Ea Ist vielfach gesagt worden, daß wohl Aemlerungen notwendig seien, nicht aber eine Einkommensteuer. Wenn dieser Entwand ernst gemeint Ist und ernst genommen werden will, so i״xt es nötig, einen A11 c r 11 a tivvor■ schlag für den Umbau des Budgets aus/uarbeiten und ihn der Regierung mit der entsprechenden Begründung vorm• legen. Dieser Weg wäre berechtigt, er würde ebenso wie die Einkommensteuer zu einer Reform führen und gäbe einen guten Ausgangspunkt für Verhandlungen. Fine einfache Ab■ ichnurig ohne einen solchen Alternalivvorsdilag wirkt jedoch keineswegs überzeugend. Gerade die Juden sollten beweis«, daß sic bereit sind, bei den (ohnehin nicht sehr häufigenl| Rcformvorschlligen der Regierung mitzuarbeiten. me Die naehitlehendo /׳,ViZifihinfj, Fragment einer grfl* ficrpi Arbeit, hat ein Mitglied der Kwuzah Misra in Palästina zum Verfasser. (Red.) 1. Er war sechs Jahre alt, Seine Freunde Wurm und Blaß — Lehrer an «ler Schule, die »ein Vater leitete —, und die anderen Erwachsenen hielten cs ihm vor, in vorwurfsvollem Tone und mit Bemerkungen, die sich auf sein Benehmen bezogen. Er verstand sie nicht. Er begriff nicht, daß ihn »ein Alter verpflichtet, anders, das heißt verständiger und vorsichtiger und zurückhaltender in seinem Benehmen und in allen Aaißerungcn zu sein, als es die Großen waren, die ihn umgaben. Andauernd bemühte er sich, weil sie ja seine Lehrmeister waren, und sich stets als nacliahmenswertes Beispiel aufspidten, ihnen in allem ähnlich zu sein, und wurde geschimpft und geschlagen, wenn cs ihm gelang, 2. Die Stadt war klein und zählte vielleicht 1000 Seelen, Die Juden waren Pächter, Sclmapsbrenncr, Wirte, Händler, Friseure, kleine Hundwerker, Hebammen, Bettler, Minjan* leute, Lastträger, Vorbeter, der Advokat, der Arzt, Fuhr* Icute, Lehrer, Buchhalter und ein Angeber. — Die Christen waren Briefträger, Zollbeamte, Nonnen, Mönche, Taglöhner, Aufseher, Treiber, Polizisten, Richter, drei Soldaten, die k. 11. k. Hengste vermieteten, der Bürgermeister, zwei Schabbesgojim und der Graf Mencümki, Der Graf war meist unterwegs. Er hatte keine Kinder. Er halte Hunde, mit denen er, wenn er schon einmal in der Stadt war, Galopp durch die Gassen jagte, und die luden erschreckte, die mit demütigen Händen und Knien und irgendetwas murmelnden Uppen ihn unterwürfig begrüßen kamen. Manchmal ritt mit ihm auch die Gräfin, eine verhutzelte, kleine, häßliche Person, die wie ein Kastrierter aussah. 3. Es geschah oft, daß Wurm und Blaß ihm Briefe übergaben; — er brachte sie zur Post; oder in Oescliältc, in denen sic Schulden hatten und sich deshalb schämten, persönlich zu erscheinen, um Stehkragen zu kaufet! oder um Stun• düng zu bilfen; — oder zu Frmiln, «lie unweit der Schule in einem großen grauen 1 lause wohnte. Mau mußte einen laugen, unlwmüich dunklen Flur durchqueren, um in ihre Wohnung zu gelangen. Die Bohlen der Treppe und des Fuß- Hodens waren brüchig und krächzten bei Jcilcm Auftreten. Fr hatte Angst, und besonders nach Tagen, an denen irgend jemand gestorben war, lief er, wie von Gespenstern genetzt, «lie Treppen hinauf, durch den Flur, stolperte, fiel, und kam atemlos zu Franin. Frania war sclunnl und schlank und braun, mul hatte dunkle leuchtende Augen. Manchmal lächelte sie ihn an, strich ihm übers Haar oder die Stirn, und maiielimal zog sie ihn an iliren Körner, «ler warm war, und nach Mamlelblütcii roch, und geheimnisvoll zitterte. F.r ging zur Schule. Seine Mitschüler waren Kinder hedürftiger l eute. Manchen sali man das Bemühen der Mütter an, sie rein zu halten. Die meisten waren zerlumpt und schmutzig und vernachlässigt. Sic hatten Läuse und entzündete Augen. Sie schrien wie besessen in «len Pausen und wenn der l ehret• die Klasse verließ. Dahel waren sic mutig und schliigeu sich furchtlos, untereinnmlcr und mit den Cliristenjuiigcn, und an Markttagen mit den großen feisten und schwerfälligen Bauern, von deren vollbehulenen Wagen sic Acpfcl und Pflaumen und Birnen stibitzten. Er bewunderte ihren Mut und bcneidete sie um ihre Freiheit und Sorglosigkeit, aber ihre Nähe ekelte ihn bia zum Erbrechen. Dabei mußte er auf Befehl seines Vaters in einer Reihe mit ihnen sitzen, Die meisten Bewohner der Staift waren arm, und rochen nach /wiebeln und Knnhlmicli. I.s gah vielleicht ein Dutzend wohlhabender oder reicher Familien, Weil «le Weißbrot aßen unct auch an Wochentagen in guten Kleidern herumgingen, hielt man sie für Millionäre, und der Briefträger zog vor ihnen «len Hut. Oft bestand ihr ganzes Vermögen aus den Ersparnissen der Armen und Hintcrlassenschaftsgeidern. Sie wohnten in großen steinernen Häusern und verheirateten Ihre Söhne und Töchter noch vor dem helratspflichtigen Alter, Da sie es sich leisten konnten, waren sic krank und fuhren In Bäder, Manchmal sfarb jemand in Ihrer Ftiuillc, plötzlich una jung, oder ein Kind wurde tot geboren oder ein Sohn zu den Soldaten genommen. Moiuilclnng sprach darüber du Stadt. Vlelca und noch schwereres Unglück kam oft üb« die arm eil Leute. l:s erregte kein Aufsehen. Vielleicht »'™ sic kein Vermögen zuriickließeii, das sie hätten aionut/f! können, und vielleicht ging cs ihnen aucli besser im Grabt 6. Den Bäumen wur«lcn die Blätter gelb und fielen 1«י• Kalter frostiger Wind kam über die Berge gestürmt, neun in den toten Schornsteinen der Armen, riß «IR aut und wie gefangene Vögel schlugen sie mit ihren I־h4! verzweifelt an die Mauer, iinnier wieder verzweifelt .« ‘ Mauer. Die Leute stellten die Kragen hoch, uml die Mu״ liefen mit cingezogcncn Schwänzen wichtigtuerisch wohin. Es war Herbst und traurig, und die Tage liefen 1״tn schneller, und die Sonne wurde von den Wolken ocsi i und verblutete am Horizonte. 7. Er war krank. Fs war gut Im warmen Bette zu heg״ und von besorgten Blicken umgeben zu sein. Seme m 1 die zur Schule mußten und verweint mich Haus« ** ' wenn der Vater die letzte Klassenstunde leitete, bclu'j ihn. Ec erinnerte sich an den schwinibüchhgen Im Ncbcnhausc, der ein Jahr lang schon im Belte lag. verstand nicht, warum die Leute ihn bedauerten. Er ‘ן}ןיי( viel an Frania, und daß ein anderer junge jetzt uie ״״ zu ihr bringt. Er wurde unruhig und traurig und schnell gesund sein. Er verlieft da» Bett früher, sollte, ging wieder zur Schule und saß da in 5 '(ןן,| wachsender erregender Erwartung, daß ihm Wurm oue einen Briet für Frania übergeben. Tage vergingen, חס ( e« R.**chah, Er war unaufmerksam, überhörte Eragen-_ plötzlich auf, stotterte beim Lesen, bekam N•'','1:1״, gCI), Nachsitz.cn und dann konnte er nicht mehr an sjc״ Er stahl Irgentlwo ein Kuvert, legte bunte Zettel ' b, und lief zu Frania. Frania war nicht Im Hause. I״ , |Ul stumme Schwester stand an der Tür, riß ihm den זף . der Hand, und blökte ihn an. Er »ah das verzerrte » ן״ן stummengesicht und erschrak, und sein Traum Erde una zerbrach. Er lief hinaus, lief, lief, IrrtejW« lang umher, und schlich dann weinend nach!!*ז«״• ' Mendel i