Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 17 (27.2.1934)
- Date
- 1934-02-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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m \ Nr. 17, 27. H, 1934 JÜDISCHE RUNDSCHAU I,,111111(! ist stc1s ,ci״״M.״!־ v0.״ Unsicherheit briecmischt las dem ״normalen Menschen notwendig widerstrebt dem ״ r*״t r״ין!״׳ *?TfP! *"* ’*׳!ף ןי״י«*ייןן teä» BUtaJ bwi Mmt s1״! H'e'rtrnheii. Lin Schuß Europa und N0׳m;1lit;lt wird u,1s 11־cht um bringen. I s gilt and, Uht in fr«ter 10"י* (llt. ' «rts.ic ht n zu bekämpfen, sondern die Ge- 4n1nmC'.'llc di! ״"U’r (‘.'«'kt. Das ist aber eine Sache der Zeit, M.u׳ "cil1• da .cs .Sl״,!. 1״r .üebergangscrsclKimingcii (niulelt. "י!,;י SCI'V ','י י d1e 1'Heren Kräfte, die unser Sein 1,jcr jn-slaltf״ wollen, Herr werden auch Ober starke Wider-;t.iiiile. Aber die W! d e r s t 11 ״ d c sind da. Und wir ]tnissen uns klar darüber sein, daß es nicht um willkiirliehe /''1•'״'!tc Ocgcnsitl/c geht, sondern um eine Orimdfragc ״nsores Daseins. Icli hraiielto wohl nicht noch einmal 711 betonen, das ist im Laufe des Aufsatzes zur (innige geschehen, dall ich nicht jif Frs1!e der deutschen Ahjali hchandeln wollte. Diese Aliiati gab nur den Anlaß her. Aber sie konnte ihn her* •chm. "'1'il frt'thcli_ in ihr jene (icsiniutng, die mir hegifflpf&owcrt erscheint, stiirker, als wir es bisher gewohnt »aren, in die Lrschemung tritt. Palästinenser und deutsche Alijah A11I.1 lllicli der von der palristiucnsisehen Arbeiterorgani- 1 elioii (iiiheiulenen Zusammenkunft der deutschen liumigran- ' uii in I’alastina schreibt J. 1 11 f h;1 n, der Redakteur der 'iochenschrift ,,llapocl lla/air“ u. a.: ״W'ir waren also auf die deutsche Einwanderung ebensowenig vorbereitet wie aut die Liuwatulcrung früherer Jahre,!ml wie stets kostet uns dies unnötige Lncrgieti, und, was ft!!!im 1tu׳r ist, es bringt dem neuen Immigranten in der enteil Zrit seines Hierseins schwere 1:1111 a u s c 11 u 11 g c 11. Die ilcnlMhc Linwaiideruiig wird davon besonders empfindml! gctioffen, dom sie hat einen ganz besonderen Charakter :md hatte besonderer Fürsorge und Aufmerksamkeit bedurft, Zudem sind wir besondere Verpflichtungen wegen der dcutsheil Alijah _ eiiigegangen, denn wir haben öffentlich ergut, dall wir bereit sind, einen grollen Teil der Juden ג■ iViiiieliiiieii, die aus Deutsehland auswandern nuillten. Wir ijbcn aber diese Aufgabe /u leicht genommen. Wir haben gedacht, es genügte, die Energien für das große Werk aufmuff 11, um sie in die Tat uiuzusctzen. Bis jetzt ist in Palästina das internationale jüdische jiilfswcrk für die deutschen Juden in seinen Auswirkun- ״•cn noch 11 i e 111 s p ii r b a r. Die deutschen Juden mit hpital versuchen, sich mit mehr oder weniger Erfolg auf ii.tnc f aust ohne jede allgemeine Planung und Beaufsichti-;ווו" in die palästinensische Wirtschaft einzuordiicu. Die rittfllosen deutschen Juden aber sind in der Tat in (1er viel schwierigeren Lage als die jüdischen Einwanderer rdt Palästina aus anderen Ländern. Denn diese sind ihnen •>t .ווו I lastizit.it und Anpassungsfähigkeit weit überlegen. [1:1• (Initsclie Alijah besteht durchweg (auch die Clialn/im;:;;('schlossen) aus wirklichem Mittelstand, der seine he- ״:miilcn l.ehensgewolmheiten und seine besondere Menn'.iüt hat. Die schroffe Veränderung vier gesamten Lehenshitunir, die Plöt/IielikcH der Ereignisse in Deutschland, die Haimsscfiwierigkciten in Palästina haben hei ihnen eine cd fräße re Schwierigkeit hervorgerufen als das hei irgendtwr Alijah aus einem anderen Lande der Fall ist. Dazu kommt noch die große kulturelle Fremd- ,?cit, die besonders scharf ausgeprägte Lebensform, die '!raicrigki'it des Erlernen» der hebräischen Sprache. Wir liHcn alle Einwändc gegen die deutschen Juden wie gegen Here Teile des jüdischen Volkes in Westeuropa, die ihre und wirtschaftliche Existenz auf eine historische fiktinn basierten, die sich vom Judentum, seinen historischen Virtfn, von der hebräischen Sprache weiter als alle aiiderat Teile unseres Volkes entfernten. Diese Lage der Dinge i'd uns besondere Aufgaben auf und verpflichtet lins zu f 1er besonders sorgfältigen und intensiven Obsorge für ׳:sc Alijah. Sie verpflichtet uns, die besonderen Schwierig- Ulen zu begreifen, die der völligen Umwandlung dieses hiks der Judcnhcit cutgegensteheii, der einer völligen k'imilatiiin entrissen werden muß, die nicht nur die Assi- "lia.tfii, sondern weitgehend auch die Zionisten, ja selbst fc (111a! 11 ziin unter ihnei: erfaßt hat. Uml diese Zionisten *wn unsere treuen Mitkämpfer fiir den zionistischen Deünkeii, vom Beginn der Bewegung bis heute. Wir aller waren auf diese Alijah nicht vorbereitet und 1d cs auch jetzt noch nicht, wo sie doch schon seit brvicitel Jahren ins Land strömt. Der Jischmv hat diese 1nah nicht so aufgenomnicn, wie inan es hätte erwarten »״nnen. |:r hat sie einerseits als Spekulant begrüßt, denn K fab einzelne, die eilten, sich am Untergang des deut- Judentums zu bereichern; er hat sic andererseits *t abweisendem Hochmut als Heruntergekommene und hdersartige begrüßt. Das Wort ״Jccke‘׳ wurde in ge- *Hcn Kreisen zum Ausdruck der Verachtung und der Ab- »iBuiif gegenüber dein verwirrten neuen Einwanderer. Und " an mau auch schon anderen Alijofli in Palästina mit ,':,1'"י ähnlichen Hochmut begegnete, so ist doch ein solches ürlialtci! besonders verderblich in diesem Fall, wo die 0"jclftivcn Schwierigkeiten so groll sind. Die Arbeiterschaft soll die Aufgabe übernehmen, diese Alijah zu leiten. Sie muß einen eigenen Apparat;"1"ז sdiaffoii. Weil das bis jetzt nicht geschah, konnte der neue Einwanderer in Palästina als ״Emigrant1 äilcn, der verwaist und verlassen ist, und konnte die g;1Mzc ‘üerkeit eines solchen Zustandes empfinden. Diese Gefahr nu»cn wir durch Energie und Organisation überwinden.' Ant 27. Fehruar fährt sielt zum ersten Male der Tag da der große indische Denher David Konten in Berlin gestorben ,st. Wir brmgen mm diesem Anlaß zwei Würdigungen mm der Mer von Knigens Schillern und einen kurzen Auszug aus koigerw Werk. (Itcd ß Die Arlosorof f - Morduntersuchung ,!*,Jaffa, 25. Februar. (J.T. A.) Im Untersucluingsver-;|/rc,j zur Aufklärung des Mordes an Dr. Arlosoroff fand;*I: f *trhandlimg statt, in der der Verteidiger der Besenul- 3־ äcn stavskv, Rosenblatt und Achi Mcir, Rechsainvalt <״ ״!;: ,,;'Samuel, drei Polizei beamte, Harry Rice, Samuel Schar- , 1 v;!Mcr «ml Izzat Tabara, einem Kreuzverhör unterzog, »er . ," ^1־.Scliarnieistcr legte dem Gericht eine Browning-l ist.» e t 1?i-'-a 1 am Strande van Tel-Awiw vergraben gefunden wurde ä jj1?ls corpus delikti in dem Verfahren deponiert wurde, rj!,"יי Zusammenhang mit der Ermordung des _ Arabers s:;«־״;fl fegen Abdul Medschid und Issa Derwisch cmgekitet ii1׳r״ war. Scharmcister erklärte, die Pistole sei voll i,t* '4tp״״' u,ml '"'benutzt gewesen. R.-A. Samuel Denicrktc, . ' '״hi,!’ t c״ beweis erbringen zu können, daß Abdul Medii 1־.()r 1111(1 Iss■־' Derwisch einen anderen Revolver zur ־ &.ÄC Intfis benutzt haben, und zwar denselben, mit 1! Ur• Arlosoroff erschossen worden sei. C ic p״ das Zionistische Zcntralbüro in London rrntteiH, hat; Dekut|vc der Zionistischen Organisation das Actio nsc ״י die Zeit vom 25. bis 30. März n; uer Aiomstiscnen ur^d»B־u״״ die Zeit vom 25׳ bis 0נ•Marz nach Palasl n 1' 1״ue Gouverneur von Tripolitanicn, Marschall JItalo dischcn־»rüher italienischer Luftfahrtminister, hat den 1u f tr15,Maj0r lv0 Levi aus Ferrara m se1nem Adäut8nte״ fe: 1kr- David Koigcn Von Dr. Abraham Heschel David Koigen lebte im Rausch einer eigentümlich gespannten Dialektik von (icist und Sein, von Idee und Sache. Die Eigenart seiner Erscheinung war nicht zuletzt durch diese Situation bestimmt. Fs war in ihm die gleichzeitige eälite Wirklichkeit einer naiven und einer philosophischen Haltung. Ans der innersten Schicht seines felis strömten Liebe und Wärme für die kleinen Dinge des Alltags, strahlte ein Blick des Wohlwollens und des Glaubens an den Menschen, dem sein Augenmerk galt. Seine Freude an der Weit, sein Verliebtsvin in das Kleine wie in das Große fiel auf. Es war zunächst eine naive Freude der Freundschaft mit dem Sein, die aber nicht als Gefühl zu verschweigen pflegte, sondern unvermittclt in die Fülle der Gestaltung überging. Die Spiegelung der Welt, die in ihm geschah, nahm Weihe und (iepräge sei- 11er Persönlichkeit rasch an. Die Außenwelt, die Kraft des Eindrucks, die Fülle des Geschehens, begegnete in seinem Denken einer Sinnen weit, einer Innemnacht lies Geistes, einem Reich»• 111111 der Seele. In einer solchen Begegnung vollzog er den ״philosophischen Akt". Sein Denken pflegte mit gewaltiger Energie und nie zur Ruhe koniincndcr Intensität alles, was ihm in Erfahrung und Beobachtung gegeben wurde, in geistige Formen zu verarbeiten. Seine Innerlichkeit, der Kreislauf des Denkens, der in unaufhörlicher Stärke sein intimes Dasein erfüllte, reagierte auf das Lehen und Geschehen in der Umgebiing in einer fast entrückten Ucherlegcnhcit. Und doch hat der eigentlich systematische U)e11ker, der er war, nie eien ״Cidegc'iiheitsdenker“ in ihm unterdrückt. Wer ihm gegenübertrat, war von der simultanen Gegenwart eines naiven Seelentmns und einer energischen philosoplüschen Geistigkeit gepackt. Will man seine Lehren mitdenken, dann muß man in das geistige Land dieses persönlichen, aus einer eigentümlich gerichteten Schau heraus die Welt betrachtenden Philosophen gehen. Wenn ich in der Nähe dieses Gedaiikcnstromcs auf ihren tiefen Quell spähe, möchte ich das philosophische Grundcrlebnis, das seinen i laiiptkoiizeptioiien zugrunde liegende Afotiv — die metaphysische Einheit in der Mannigfaltigkeit nennen. Es war nicht etwa so, daß er die Mannigfaltigkeit der Kultur als stücklinftes Sein empfunden und ihr das Schicksal der Ganzheit erst bescheren wollte. Die Einheit sollte nicht außerhalb des Lebens und der Kultur als theoretische Gestalt otler Idealbild gesetzt werden. Der Meiaphysiker Koigen hat vor allem im menschlichen Tun letzte wirkende Kräfte gefunden, die jede Handlung aufbauen, die jedem Vorgang als Sinn und Gesetz innewohnen. Die Handlungen lösen einander in eine-r gesetzmäßigen verlaufenden Dynamik des Geschehens ab. Aber das Geschehen ist nichts anderes als eine ewige Wiederkehr eines nach einem bestimmten Strukturgesctz vor sich gehenden Prozesses. Koigen sah durch das vielgestaltige Geschehen und Treiben des Menschen hindurch in die Strukturen, die die Welt strukfilieren. Die sozialen Institutionen, die' historischen Vorgänge, die Ideologien der Kultur bilden ein zusammenhängendes (icfüge. Die Zusammenhänge sind in jedem einzelnen Vorgang genau so geartet wie in einem welthistorischen Verlauf. Jede Handlung ist daher gleichsam ein Mikrokosmos des• sozialen Weltgeschehens. ״Das soziale Geschehen und Handeln trifft auf seine Weise das llerz des letzten Daseins, kann auf seine Art das Weltmysterium und seine Kulte ausilrücken1' (s. ״Der Aufbau der sozialen Welt im Zeitalter der Wissenschaft“, Carl I icymanns Verlag, Berlin 1«)2<), S. X). Wer jüdisches ursprüngliches Denken studieren will, wird hier, wo sich in der Begegnung mit allgemeiner ktilturphil»• sophischer und soziologischer Problematik ein auf ״das letzte Dasein“ gerichtetes Denken durchgesetzt hat, auffallende Züge finden, die über «las Geheimnis der philosophischen Bestimmung vieler jüdischer Denker aufzuklären vermögen. Auch das bewußte leidenschaftliche Ringen dieses Philosophen um die Rechtfertigung der öffentlichen wie der privaten Geschichte, um eine ״Theodizee der Kultur“ (s. Vorwort zu den ״Ideen zur Philosophie der Kultur", Vertag Georg Müller, München 1<)I()) drückt einen uralten Willen aus, der sich seit der Bibel über die Agada, die Kabbala und den Chassidismus im juilischi'11 Denken behauptet hat, Die eigentümliche, abgeschlossene Sprache und Denkweise macht die Lektüre seiner philosophischen Abhandlungen nicht leicht. Doch wer sich unter die Gewalt dieser philosophischen Persönlichkeit stellt, wird reich beschert. Geschichtsarmut und Geschichtssehnsucht Von David Koigen. Nachfolgend bringen wir mit Genehmigung des S c hocken- Verlages einen V orahdruck aus dem demnächst in der ,.Bücherei des Schochen-Verlages" erscheinenden Bändchen: ,.Das Haus Israel — Ans den Schriften von David Koigen, herausgegrben und mit einem Nachwort versehen von Ernst Hoffmann, Berlin, 1034". Wir .... haben nach nichts ein so starkes Verlangen als nach Geschichte, nach ״Historie", nach Geschehnissen und Ereignissen der Volker, in deren Folge gemeinsame, uiicntrinnbare Schicksale geschmiedet werde״. Uns ist wirklich ein Glaube an die Geschichte, an das ״Historische״, das kommen muß und kommen wird, eigen. Wir alle sind historisch Gläubige. Der geschichtliche Skeptizismus mit all seinen Ar* gumenten gegen die Möglichkeit eines historischen Zusammenbanges, eines’ historischen Wachstums findet keinen Anklang in unserer Seele. Ich denke und dachte es besonders leidenschaftlich mitten im Wirbel des historischen Hochfluges, daß gerade die Not- Wendigkeit, die individuelle private Geschichte ganz und gar auf eigene Faust zu vollziehen, elicsc im Mittelpunkt des Da* seins zu wissen, in uns Juden mit ungeheurer Wucht das Gefühl für die große Geschichte, für die Historie der Völker erweckt und ständig wach hält. Wir wollen, wir müssen von Zeit zu Zeit von der privaten Geschichte ausruhen. Wir wollen 111 uns Leben spüren, das nicht mir uns persönlich zugerechm־t werden darf, das eher als ein Geschenk der Gnade, als Schöpfung einer Passion gelten kann. Fs ist beinahe ein relioidses Gefühl, das uns so dem historischen tlociiflugc der Völker zutreibt. Ein jeder unter uns, als Jude, sobald er nur der heimatliehen Scholle entwachsen ist, 1111111 gleich, auf eigene Faust 11111I dies in höherem Malle als irgendein anderer Europäer in ähnlicher läge, mit der eigenen Geschichte anfangen. Alles muß er sieh selbst erwerben, und in Rußland selbst die Sprache, die ihm zur ״Muttersprache" werden soll. In Wirklichkeit bleibt der Jude in seinem Tun und Lassen den Gesetzen der Differenzierung, der Spezifikation in noch lioliercin Malle iinlmvorfen als der Niehtjudc. [»ein Juden fehlt vielfach ein tatkräftiger Wirkimgs/usainmenh.ing, 11 en man als historisch-politischen, historisch-nationalen zu bezeichnen pflegt. Fs sind wohl verhältnismäßig mehr Wirklingseinheiten oder •Zusammenhänge, denen der jüdische Mensch im tagtäglichen Wandel zugeordnet ist, allein der Radius des totalen Wirk 11 ugsZusammenhanges ist enger bemessen als heim Niehtjudcn, Ihm fehlt der reale Boden einer eigenen (icschichtsbildimg. Was dem anderen die Gcsehirhtc umson.-t gewahrt, dies muß der Jude sieh täglich aufs neue aktiv erobern. In vielfachen vcrseliitden,artigen Wirkuiigs/usammcnli,äugen muß er es tun. Fr leidet daher an allzu starker Sensibilität. Wahrend jener erst durch verhältnismäßig große Ereignisse ztun Handeln erweckt wird, reagiert dieser stürmisch auf jedes noch so winzige Gcselii'linis. Indem er nun aber auf solche ״übernatürliche" Weise seine l.ehenstat vollzieht, wandelt er sich seihst in den Augen des Nichtjmlcn zu einem übergroßen Frcignis. ... Der Jude ist und bleibt das große Ereignis für den Niehtjudcn und insbesondere ist er es für ihn in den ״historisehen Zeiten“, wo der Niehtjudc meistens vom Zentrum aus, auf Befehl der eigenen Staatsuml Volksgcschichtc handelt, wo er also an den Bau oder Wiederaufbau eines totalhistorischcn Wirkungs/iisamtiieiihangcs herantritt. Wo daher die Völker ״Geschichte“ machen, dort ist die Gegnerschaft dem Juden• tum gegenüber am stärksten. Der ״Jude" sieht in Wahrheit anders aus, als wie er im Buche der Antisemiten und auch der — Assimilatorcn stellt. Er ist durchaus kein Ricscngeschöpf mit den Anwandlungen eines gewalttätigen Uebermenschen. Nur ist seine Erlebnisweit größer und tiefer ah sein Tun und 1 landein. Historisch verstümmelt, wie er nun einmal ist, macht er bei jeder Lebens» äufkrung größere Anstrengungen, als man sonst zu tun gewohnt ist. Wie hei dem sieh in Bewegung setzenden Krüppel, habtn die Anstrengungen hei ihm ein verhältnismäßig tieferes Erlebnis zur Folge. Bei ähnlichem Tun und Lassen erlebt tatsächlich der historisch verkrüppelte Jude mehr und anderes als der Niehtjudc. Und insbesondere ist es dort der Fall, wo der totalhistorisclic Wirkungs/iisammcnbang in Abnahme geraten ist, wo also der Einzelne genötigt ist, aus sich einen totalen Lebensinhalt herauszuarbeiten. Koigens Kampf um die Geschichte Von Ernst 11 o f f in a n n Im Geschehen unserer Tage wie einer jeden historischen Zeit werden Ideen wirksam, die schon lange vorher im einsamen Denken entstanden und fernab vom politischen Getriebe gereift sind. Die Philosophen erweisen sich auf lange Sicht als die besseren und erfolgreicheren Gestalter der Zukunft. Nietzsche, I agarile, Faiighelm sind an der Macht, doch die Slaatskimst ihrer Zeitgenossen ist fast schon vergessen. Fs ist heute, ein Jahr nach dem Tode David Koigrns, der Tag dieses einsamen jüdischen Denkers noch lange nicht gekommen. Noch ist cs nicht an der Zeit, die wesentlichsten Ergebnisse seiner ein ganzes Lehen füllenden und erfüllenden Auseinandersetzung mit dem Judentum, •and die des Judentums mit der Welt im Wege des Koigenschen Denkens, aus dem eigentümlichen sprachlichen Gewände zu lösen, das stellenweise mehr Hülle als Ausdruck ist. Die Fragen, auf die das Lebenswerk Koigcns eine Antwort gibt oder zu gehen versucht, müßten vielfach überhaupt erst gestellt und bewußt werden. Bereits in diesem einen schicksalsvollen Jahr ist aber ein Problem vielen offenbar ge* worden, das in seiner ganzen Tiefe nur von Koigen erfaßt wurde und das er in jahrzehntelangem Ringen in vollem Umfange, nicht nur in der besonderen jüdischen Fassung, zu enträtseln bestrebt war. Gemeint ist die Frage nach dem Baustot! der jüdischen Geschichte, auf die der Zionismus absicht. Genügt, wie seit anderthalb Jahrtausenden nahezu ausschließlich, eint׳ jüdische Kultur (Sprache, Kunst, Wirt* sehaßsformen, Religion, besondere Formen der Gemeinschaft usw.) oder muß noch ein jenseits der Kultur liegendes Moment des staatlichen Seins, des geschichtlichen Werden* hiiizukommrn? Können wir die Geschichte im zweiten Falle noch bejahen? Aus den verschiedenen Antworten auf diese Fragen ergibt sieb die ganze Spaniiungsreilie der inneren Gegensätze im Zionismus vom Revisionismus bis zum Brith Schalom. Koigcns erste Begegnung mit dem Problem des Geschieht* liehen fällt in den Wegabschnitl, der ihn vom Judentum ent* fernt. Fast noch ein Knabe, will er, gleich vicltatisend anderen jungen russischen Juden, hinaus aus der als zu eng empfunde* neu jüdischen Welt in die Weite der europäischen Kultur, aus der chassidischcn Außerachtlassung des Staates an die Schalter des unterirdischen Triebwerkes der russischen Geschichte, aus den Fesseln eines ,,großen Gedankens, der seine Träger klein macht“, in den dem ״Iniliviiltialwillen tler Kul* tur unendlich freien Raum. — Bald entpuppt sich allerdings die von Koigen ersehnte Weite als die Fndlosigkcit einer zertallendeii, zusammenhanglosen, des einheitlichen, zentralen Sinnbezuges baren Welt, deren Größe eine Leihgabe des Menschen ist. Im politischen Leben teilt Koigen die historische Blindheit seiner meisten Weggenossen nicht; er nimmt ein Figcngcsftzliehcs, weder den Gesetzen der Wissenschaft, noch anderen Kategorien der Kultur Gehorchendes im Geschchcn wahr: einen fremdartigen Gattmigswilkn, der dem Imlividualwillcn der Kultur eine Schranke setzt. All diesen beiden Widerständen formt sich der Wille David Koigcns, wird seinem Denken die zwiefache Richtung, auf Einung der zerfallenden Welt, auf die religiöse Sinncrftillung der Kultur* einerseits, aut die Einordnung und Umformung der Ge» schichte im Dienste des kulturellen Hochzieles andererseits, für immer gewiesen. Vor dem Kriege hofft Koigen noch, der Geschichte mit den vom Judentum her mitgebrachten Mitteln habhaft zu werden, sie ״zähmen“ zu können. Doch schimmert in seinen Vorkriegswerken schon die Erkenntnis durch, daß die Kul-