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Jüdische Rundschau · 1934-02-23 · Heft 16 (23.2.1934) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 16 (23.2.1934)
Date
1934-02-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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4י9 f '•"י ׳־ Nr. 16, ga,1934 .זז JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 *fcfe» 44 C <•1*4 1 ^4*/, Monat Lf ",1*I 'nuif'n *;11 ׳־ r ' ZlllH Clil.'i;!,. Land. 1 Per, Arbeit n, in! t fallt 111,■»1. 'beiter י wird oder noch 'heit«;, »r; ink. tsfallo und •ntlidi 1. Mit nicht if ahh. Ob fällig diese C 11n« 1»gen, Uropa1 e uiui sngfc Loute irden. 1'iirde! er e Her« I* in rient, CT, »Ment sich 1 das, Ichvon , ihm bron iirdir InrcH irnrt Stadt alter* Vf!■;« ginkiha, isi'hder , .Irr Min. eilte mit buit, brn. eser III״. das >hn•» men dich läßt iren Cic* •den sich itur, wir Ullg üiu« - er eser;t/tsitz, ׳eil cf inis naft* iclie an nt;ttte irer wie auf- 1 er reu 1. /er• irr u״ s r t die jateil נון rie- Pa- »Ile •att 'ff* in *!°r.b י" Tf־Awiw' clnl«e Monoic noch Ihrer Uefaerslcdlung dorthin, Fra» Dort» Davldaohn, Im 76. Lebensjahre, und doch au früh für die, die sic liebten und verehrten und die Ihre körperliche und geistige Vitalität bewunderten. «;,״ « c,״r.N0*’’lu< ** könn,e׳ ICU8en <ür sie die Lebenscrtnncrungcn, die sie Im Jahre 1919 In der damals erscheinenden K. J. V. - Zeitschrift .Der Jüdische Wille ver en c. Ucsholb möge sie durch diese Aufzeichnungen hier noch einmal zu Bekannten und Unbekannten sprechen I Die Juden rühmen sich gern, das «Volk des Buches' zu sein. Nil Redit? Den meisten Ist Lesen nur ein Mittel der Unterhaltung und des Zeitvertreibs; sie stehen Immerhin no Ü er denen, die meinen, daf» man dies oder Jenes ,gelesen haben müsse.' Ein Inneres Verhältnis zum Gelesenen haben nur sehr wenige. Doris David- «ahn stc c cn sc lenen Typus eines wahrhaft gebildeten Menschen dar, dos heißt eines Menschen, der sich aus den Gedanken Gröberer eine eigene Innere Welt erbaut und darin die Kraft findet, sich gegenüber dem Leben zu behaupten. Erich Cohn. pin junger Freund drängt mich, etwas über meine Ent• ״•jfldunp aiif/URchrcibcn. Goethe sagt, jeder solle über sieh schreiben, der. imstande sei, etwas über sich auszusagen. Aber gerade dies weift ich nicht. Ich habe nie viel von dem Erkenne Dich selbst" gehalten. Ich habe sehr viel in meinem [eben gedacht, aber nie gern über mich seihst nachgcdacht, j, H. wolil über meine Hamlliingcii und einzelnen Eigen• schäften• aber nicht über mi-in Ich, weil ich <lic Meinung iisbc, »laß man sich wolil kennen, aber nicht erkennen kann, [in jeder weiß besser, als die grolle Menge der andern, die Farbe seiner Haare und Augen, die Form seiner Nase, des Mundes mul der Zähne usw.; aber keiner weiß, wie sein Anblick als ganze Erscheinung ist und bedarf des Spiegels, um dies zu erfahren. Der Spiegel für unsere Individualität!;t unsere Wirkung auf die andern, wenn wir nicht zu den (iimkliclicn gehören, die schaffen und etwas aus sich heraus stellen können. Nun habe ich nie gerne in den Spiegel gesehen, und auch mich 71! werten, indem ich die Werturteile der anjern summiere, war mir immer lästig und langweilig. Angenehm hei andern und bei mir war und ist mir ״des Handelns ewige Unschuld‘׳. Wenn ich nun dem freundlichen Drängen naehgebe und aber mich schreibe, so geschieht es, weil ich beim Nachdenken üher mein Leben entdeckt habe, daß die großen Linien doch sehr typisch sind, daß Ich also, trotzdem ich wohl meist als sehr besonders empfunden wurde, ein rechtes Kind von Zeit- und Ortsumstiindcit bin und daher das, was ich m sagen habe, einen gewissen Wert erhält, Ahnen in Rußland Ich gehöre einer der sogenannten guten jüdischen Fantilien an, in der ein sehr stark entwickelter Familiensinn die Glieder verband und auch die Erinnerungen an die Vorfahren gepflegt wurden. Meine Mutter erzählte gern Von ihrem verstorbenen Vater, den sie über alles geliebt hatte; er war ein vornehin empfindender Mann mit altjiklischcr Kultur 11ml Bildung und von großer Frömmigkeit; er liebte alles Schöne und Feine, zog sieh gut an und sammelte schön getriebene Silbersachen, wovon noch einiges im Besitz unserer Familie ist. Er stammte aus Rußland. Sein Vater war ein angesehener Kaufmann und Oclehrter in Lublin, der erste Mann in der Kehilla. Wenn er zur Frankfurter Messe mit eigenem fuhrwerk fuhr, gaben ihm viele (ilieder der Gemcimle Old mit, um für sie cinzukaiifeii oder Schulden zu bezahlen. Einmal wurde er unterwegs überfallen und beraubt. Als sieh die Nachricht davon verbreitete, war große Verzweiflung unter den kleinen Leuten, die fürchteten, um ihr (iild gekommen zu sein. Als der 7111 iiekkrhmule dies hörte, geriet er in großen Zorn und ließ sich die Leute kommen, ״Was fällt Euch ein" herrschte er sie an, ״ich bin beraubt worden, nickt Hirt Was geben Euch meine Angclcgcnheiten an?“ Limnal am Vorabend des Jom kipptir wartete man vor Beginn des Kol nklre lange auf den Reh L.; da er nicht kam, fing man ge,ängstigt an, ihn zu suchen und fand ilm im Kranken hause der Gemeinde, die Kranken wartend. ״Ich bdie gewußt", sagte er, ״daß Ihr solche Narren seid und fhuht, Gott zu dienen, wenn Ihr alle in Schul läuft und die Kranken allein laßt." Einer seiner Söhne übertraf ihn an Gelehrsamkeit. Wenn »ie dann über eine Thora- oder Talmudstelie heitig gestritten batten und sieh nicht einigen konnten, schloß der Vater die Diskussion mit den Worten: ״Moscheh Viktor, Du bist kluger, ich bin älter.“ Dies wurde oft zitiert. Die Frau dieses Autokraten soll sehr stolz und vornehm gewesen sein, sie leitete ihren großen llausliait nur von eben herab. An jedem Srhnhhcs und (omtow war große Tafel fiir Gäste und Bedürftige. Am Vorabend _ ging die Urgroßmutter in die Küche — nur dann — und richtete die Teile für die Leute her, die sich das Festfagscsseii nbholen durften. Soviel ich den Erzählungen'meiner Mutter entnehmen kann, /ei!;(!' ihr Vater, clor Sohn aus diesem stolzen Hause, seine vornehme Gesinnung mehr durch Güte, Ruhe uiict Milde als durch Hochmut. Fr lebte seit seiner Verheiratung w Deutschland, erst in der Provinz Posen, dann in Breslau, "יז׳ auch meine Mutter, das jüngste Kind, erzogen wurde, ״,re Mutter lebte eine Reiiic von Jahren bis zu ihrem Tode m unserem Haushalt. Sic war eine große stark« Frau, sicher dnmal schön gewesen, wovon noch ein gutes Pastellbild in unserer Familie zeugt. Sie hatte bis zuletzt sehr schöne Farben, noch auf dem Totenbette, einige 80 Jahre alt, eilten Wendend weißen, festen Körper und dunkle Haare, die bei ftrem Leben immer unter dem ״Scheitel" verborgen waren. Nl111 war sie erblindet und trug dies schwere Los mit be- »;undemswerter Ruhe mul Geduld, Sie lebte eigentlich 111 ״״er Welt, die sie nicht mehr verstand, in ihre Gefühle und '1Mauken clngrspnuucii, die sie ganz, für sieh behielt. Nie l1»« ich sic klagen hören. ״Hätte ich meine Augen, so wäre ,'1י letzt in Jerusalem", sagte sie öfter. Uns Kinder liebte »10 1\7*' besonders das jüngste von uns, meinen einzigen oriidcr, .Ir warm wohl ihre einzige Freude. Ich erinnere mich, wie!!c uns die Geschichte vom ״l’.ahhc jmldele‘׳ erzählte, auch JtCfsc vorsprneli: ״Mein Herr Maler, will er wohl1 »*׳*c ״*״ken sind frcj"; und Wirtsclmftsregeln in fester Form, wie: Ujui: ״Mit vielem hält man Hau», Mit wenig kommt tnan aus.“ ,,Es muß aussehn, wie ein Indek (Puter), Ls muß schmecken, wie ein Indek, Ls darf aber nicht kosten, wie ein Indek. ״Wenn ich ausfahreu will, bestell ich mir drei Kut- 5״!er: einer verführt mich, den andern verführ ich, mit dem “ßtten fahr ich.» ,1 ,״di las ihr später öfters aus der Bibel vor, besonders IMen Pur״״ das Buch Esther. Sie war sehr fromm und Mohachletc alle Vorschriften. Am Freitag abend brannten «Ihr vier Lichte in silbernen, sehr schönen Leuchtern; von blh1Cfl1.5ie c•״ Paar fiir mich und für meine Schwester ""Wteß. Wenn sie an Jomtow in Schul ging, im schwarz• ‘'Kienen Kleid, weißen Grüne de Chinc-Tuch, reich weili l'^k’kt und mit Fransen, die weiße ״B10nden"-haube auf m-W. sah *|e sehr würdig und stattlich au». hl»n!'inal «krankte meine Mutter an Jom klppur: da «• wt kh den Auftrag, mit dec Oroßmtma 1u gehen und ihr die Gebete vorzusagen, was ich sehr gut machte. Das trug .mir viel Ehre und eine Vorliebe der Großmama ein. .Auch in der Familie meines Vaters wußte man viel von den Vorfalireu, Er selbst war schweigsam und erzählte wenig; desto mehr seine beiden Schwestern. Der Urgroßvater K... lebte in K. als gefürchtetes Haupt der Gemeinde. Er war Gutsbesitzer und weinliämller, dabei auch, wie alle ungesehenen Juden seiner Generation, ein Kenner und Liebhaber des jüdischen Wissens, Nach dem Tode seiner ersten Frau heiratete er die jüngere Schwester seiner Schwiegertochter, meiner Großmutter. Diese zweite Frau, allgemein Tante Gütcl genannt, war schön und stattlieh, stolz und hochmütig.'Mit Mir hatte er noch eine ganze Schar Kinder, im ganzen achtzehn Kinder, die meist ein holies Alter erreichten. Die Großmutter war in Wien geboren, war aber in Wilna bei einer viel älteren Schwester erzogen, die geistreich und modern gebildet war und in deren Haus alles, was geistig oder sozial bedeutend in Wilna war, verkehrte. Die Bildung, die ,meine Großmutter dort erhielt, war eine ganz französische; und so kam es, daß ihr die französische Literatur immer am vertrautesten blich, daß sie gerne französisch sprach und schrieb, auch in dieser Sprache dichtete. Nach dem Tode ihrer Schwester kam sic zurück in ihr Elternhaus nach Wien. Ihr Vater, Israel A., war ein angesehener Bankier. Sein Testament existiert noch in unserer Familie und zeugt von einem originellen Geist. IIcrvorgeliohen sei daraus, daß er eine Stiftung zur Verfiigung seiner tieimatgemeiiuie, Buczacz in Galizien, machte, von deren Genuß er seine Nachkommen ausschloß. Es soll noch ein Stammbaum dieser Familie existieren, der auf den Könige David zuriiekgeht. Z11 ihren Vorfahren 8011 der berühmte Gelehrte C.hncham Zwi gehören, und auch von einem Vorfahren, der Leibarzt des Sultans war, wird erzählt. Fromme Großmutter ״Als der Großvater die Großmutter nahm“, war er Gutsbesitzer in der Provinz Posen. Später kaufte er ein großes Gut in Schlesien; dort entwickelte sich •das ganze Familienleben. Mein Vater batte einen älteren Bruder und drei Schwestern, von denen die!älteste und vorzüglichste, an Güte und Sanftmut der Mutter gleich, i(11 ersten Wochenbett starb. Mein Großvater war ein tüchtiger Landwirt, der ganz in seinem Beruf ,aufging; auch sein Aeußercs entsprach dem. Die Erziehung lag in den Hunden der Großmutter, was ja auch der jüdischen Tradition entspricht, die überhaupt In diesem llausc treu befolgt wurde. Trotz ihrer Verehrung für Rousseau tunt Voltaire war meine Großmutter eine innig 11 online Jüdin׳ und erlaubte sich auch kein Abwcichcn von den Rit ualgcsctzcn, die Ihr, wie sie sagte, unverletzlich waren, weil so viele gute und kluge Menschen, klüger und besser als sie, daran festgohalten mul jedes Opfer dafür gebracht lmttcn. Wenn die Familie zu den Feiertagen nicht nach dem uaheii Städtchen fahren konnte, so hatte *ie Im eigenen Hause Ihren Gottesdienst, ihr Minjnn. Von der Gide, Sanftmut und Geduld dieser Frau war jeder entzückt, der mit ihr iit Berührung kam; sic muß eine Idealgestalt gewesen sein. Meine Mutter war stets gerührt, wenn sic von Ihr sprach. Fs war ein seltenes Verhältnis zwischen den beiden Frauen; und cs war eine der liebsten Erinnerungen meiner Mutter, daß die Schwiegermutter »le einmal 'Ruth genannt hatte. Ihre Wohltätigkeit kannte keine Grenzen; mul so ereignete cs sich, daß einst, bei einer Firmclungsfahrt, der Erzbischof von Breslau ganz überraschem! mit seinem ganzen Gefolge von Geistlichen In den Gutsliof der Großeltern cinfuhr, abstieg und ins Haus-trat, um die Frau kennen zu lernen, deren Namen er von den Lippen aller Armen gehört hotte. Sie verkehrte frcimtlschaft־' lieh mit den Vertretern beider christlichen Konfessionen. Ein wahrer Freund war der Erzpriester in dem benachbarten Ptarrhezii k. Auf ihren kleine» Badereisen!näherten sich ihr wirklich vornehme Geister, 80 der große Altphilologe Böekh, der Naturforscher Nees van Cscnbcck. Die Kinder erzog sie noch Roiisscaiischcn Prinzipien; und diese Beloiitmg der Freiheit der Entwicklung, verbunden mit ihrer großen (Rite, die ihr jede Härte unmöglich machte, wirkte nicht durchaus gut. Ain besten gelang es bei den Söhnen, obgleich sie vielleicht auch, härter «״gefaßt, mehr hätten werden können, hochbegabt, wie sic alle waren. Jedenfalls wurden sie feine, vornehm gesinnte, eilte Menschen, Die beiden Töchter, die zu meiner Zeit noch lebten, waren zügellos; man merkte ihnen an, daß sie nicht zur Selbstbehcrrschmig erzogen worden waren. Die» war die Schatten• scite einer immerhin erwähnenswerten Orlginaütät. Von den eigenen Eitern nach Gebühr zu sprechen, er• scheint mir unmöglich, ebenso, sie zu *cliiklern. ln zu großer Nähe sieht man ebenso schlecht wie in zu großer Ferne. Ich kann mir sagen, »laß mein Vater immer der Gegenstand meiner Innigsten I lebe und Verehrung war, du ft er mir bis zu seinem 1‘0dc die liebste Gesellschaft war, die Ich allen andern vorzo״, daß ich noch heute mit Sehnsucht an »ein Gespräch, sein gütiges Lächeln denke. Meine Mutter war ein Muster von Tüchtigkeit und Pflichttreue. Die innigste Liebe verband diese hehlen Menschen, und wir Kinder hatten das Gluck, in einer Fcbe niifzuwnchsen, wo gegen* scitigo l iebe, Hochschätzung tind Rücksichtnahme nlcmal* aussctzteii. Schulzeit, jüdische Erlebnisse Rh bin in Breslau geboren und war vier Jahre alt, als die Eltern nach Berlin zogen. Mit dem Ucbergang in die Großstadt wurde wohl einiges von der Strenge nachgelassen, mit der ursprünglich die Ritualgesetze gehalten wurden. Und mit den Jahren verschwand nach und nach manche». Immer• hin bin ich noch in einem traditionell jüdischen Hause auf• gewachsen, wo man cs verstand, die Feste schön und würdig zu feiern mul wo auch im Namen der Religion kleine Opfer und Entbehrungen gefordert wurden. Beides ein großer pädagogischer Wert. Auch der unbedingte Respekt vor den Eltern und älteren Menschen, der als selbstverständlich von uns Kindern gefordert wurde, entsprach der jüdischen Tradi• tion. Unser Hnuptvcrkchr waren die Verwandten meiner Mutter, vor allein Tante und Onkel S,dieser ein in vielen Berliner Kreisen gekannter und al« tüchtig und gescheit anerkannter Mann mit starkem Streben nach moderner Bll* düng, der doch an seiner koscheren Wirtschaft festhielt und sein Judentum betonte. Anders war cs in den jüdischen Fs• ntilien, »lie bereits seit längerer Zeit in Berlin wohnten und mit denen wir durch Mitschülerinnen in Beziehung traten. Da war.meist alles Rituelle und gleich/eilig alles Religiöse abgestreift; und cs wurde ,!״gestrebt, alles das auszurotten, was den Juden als Juden kenntlich macht. ״Das ist jüdisch!" galt als schärfster Tadel. Als nächste Stufe folgte die heftig Verteidigte Meinung, daß es gar keinen wesentlichen Unterschied zwischen Deutschen und Juden gäbe. Ich kann nicht sagen, daß dies mich innerlich sehr berührt hätte; es hat mich aber äußerlich gestreift. Meine Liehe zu allem Jüdischeu war immer groß und im Tiefsten verbunden mit meinem religiösen Gefühl. Dazu kam, »laß wir zwei Acltcsten noch für eine Reihe, von Jahren in eine Religionsschule geschickt wurden, wo uns Hebräisch, biblische und jüdische Geschichte und auf der letzten Stufe auch Religionslchrc gelehrt wurden. All dies erregte mein wärmstes Interesse; und ich wurde dort auch sehr anerkannt. Einen großen Ein* fluß auf mich hatte Dr. Kirclistein, der uns Rcligiotislelire vortrug. Ich war noch sehr jung, bedeutend jünger als die anderen Schülerinnen, und etoit wurde mir zum erstenmal eine philosophische und ethische Betrachtung nahegebracht. Mein ganzes Scliullebcn war ein glückliches; ich hatte das Glück, die Schule zu einer Zeit zu besuchen, in der die Ideen von 48 noch nachwirktcn und es zum guten Ton der «uropiiisehen gebildeten Gesellschaft gehörte, den Menschen nach seinem persönlichen Wert, nicht nach seiner Abstam• muhg zu beurteilen und zu behandeln. Während der ersten Schuljahre allerdings mußte ich mich in einer pedantischen Dressuranstalt quälen lassen, in der ich mich nie zurcehtfand. Als cs aber meinem Vater nach vielen Anstrengungen ge* Hingen war, mm in die von Direktor Met nu r geleitete städtische Lulsenschulc zu bringen, in der ein freier und freundschaftlicher Ton »wischen Lehrern und Schülern herrschte, lebte ich auf und wurde eine gute Schülerin, da mich ziemlich alles Interessierte. Ich arbeitete zu Hause nicht viel, aber In der Klasse war ich sehr aufmerksam. Von Einfluß war doch nur einer der Lehrer, Professor Goldbeck, der ln den oberen Klassen Geschieht»• und Literatiirunterrieht lind auch Französisch und Italienisch gab. Im Itaüenisehen brachte er es in kurzer Zeit so weit, »laß er mit uns Dante lesen konnte; und diese wunderbare Welt, in die er lins so früh führte, ist wohl für so manche wirkungsvoll . Ihr lebhaftes F.lngchcn" auf seine Ideen, ihr rasches Begreifen, besonders lieh waren, an Ihre Abstammung mahnte tind sich bemühte, ihren Stolz auf ihre alte Kultur zu wecken. ״Stern In Israel" war ein heifthegehrter Lobsnriich. Den damals eri scheinenden Roman ״Daniel Dernnda1' ließ er unter seinen Schülerinnen kursieren. Diese Mahnung war sehr bedciitung»• voll gerade In dieser Zeit des Werdens, wo man sich in den vollen Strom der europäischen Kultur warf tind von Ver• ehrung und Dankbarkeit gegen die großen Genien de» deut• sehen Volke» erfüllt wurde. Ein Erlebtes kam dazu: Die Beobachtung, daß trotz de» guten Tons In der Klasse — alles vor der Zelt des Antisemitlsmus -~ doch Jüdinnen und Christinnen getrennte Kreise bildeten; es kam wohl vor, daß eine Christin »Ich einem jüdischen Kreis anschloß, daß eine Jüdin in einem christlichen Kreis aufgenommen wurde; aber hier bestätigten die Ausnahmen wirklich die Regel. Geistiges Leben Auch im Hause meiner Eltern war ein anregende* geistiges I chcn. Mein Vater war ein sehr gebildeter Mann. Sein Hauptinteresse aber war die Politik; er hatte al» Jüng• llng von achtzehn Jahren die Revolution von 13 erlebt, mitgeschwiirint und auch ein wenig mitgetan, Er hatte später jn Breslau mit einzelnen der führenden Demokraten verkehrt. Wir Kinder betrachteten mit scheuer Ehrfurcht im Photographle-Album das Bild eines »Bister bliekemlcti Manne* und hörten, daß es ein Freund von Papa namens Schlchalm war, der mehrere Jahre als politischer Verbrecher auf der Festung Silberberg gesessen habe. In Berlin ließ der Kampf um* Dasein meinem Vater keine Zeit zti politischer Betätigung. Aber sein rege* Interesse fiir die politische Entwicklung war geblichen. Und er war ein eitriger Zeitimgslcscr. Die warme volksüehe, die sein Herz erfüllte, vcrlcugnctc sich auch nie in seinem Leben. Das Don Carlos-Wort: ״Achtung zu haben vor den idealen *einer Jugend, wenn man Mann i*t", erinnert mich imitier an ihn. Ich teilte da* lebhafte Interesse fiir Politik, bald aber trat bei mir eine Wendung vom Liberalismus zum Sozial!*• niu* ein. Ein lebhafte* Mitgefühl und Pflichtgefühl den untern Ständen gegenüber war in unserer Familie traditionell; die »tarke Wirkung, die Jesnias’ hinreißendes Feuer nuf mich ausübte, beeinflußte mich cln11׳f!1IU in dieser Richtung. Und von modernen Schriftstellern war es besonders Dickens, der ähnlich auf mich wirkte. So linrti* ich mit lebhaftem Intercss,• von den sozialistischen Bestrebungen, ohne die führcmlen Geister dieser Richtung kennen zu lernen. Ich kaufte mir «lie zufällig Im Schaufenster Hegende ,,Quintessenz <lcs Sozialismus“ von Schäifle, »lie ich sehr gewissenhaft durchlas und die mir großen Eindruck machte; ebenso die später erfolgte Lektüre «es ״Looking hackward" von Bellamy, eine Utopie in nicht ungeschickter Romanform. Die* genügte, um einen Plan In mir enttfehen zu lassen, der, wie Ich später erfuhr, mit dem übcrelnstlininte, was damals die gebildete russische Jugend bewegte; Ich wollte ״das Volk" kennen lernen, für da» Volk arbeiten. Ich wagte dies nur tropfen• weis meinen Eltern beizuhringen, teilte also nur meinen Plan mit, das Lehrerinncnexamen zu machen, und schon dies er• regte den Widerspruch meiner Mutter; Ich konnte es durch den Beistand meines Vaters erreichen, der Sympathie für alle* Fortschrittliche hatte, während meine Mutter gern beim Altgewohnten blieb. Nach kurzer Vorbereitung machte Ich 99 Öle Hag ade des Kindes*״ h#d#Mt«lc Im Vorjahr#!•v*«nd«n |0(l!tthttt Fimtiten wirklich• Fc#t##fr*«tl« | Hil Ihr Juntf•! ntr Mldtl 11• *enon? ICO S#ln־n Hlltnbelnktftnrt, OroÖlorait. Herrlich# b#w#fcll*h• BlU«r, vortQglUh• U«bcr«etfcung, n«a• MutiknoUii. Pr•(• goktindo• RM 4,ftO. fa M#r Puehhtndlun! od*»r direkt vom Ilehr.Verlao ״Manorfth", *erlitt NW»7, Klop1tocktlr.lt V

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