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Jüdische Rundschau · 1934-02-09 · Heft 12 (9.2.1934) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 12 (9.2.1934)
Date
1934-02-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 jüdische Rundschau Problematik unseres Theaters Wenn sich deutsche Juden jetzt in dieser Zeit kulturelle Institutionen schaffen, so haben diese eine andere Bedeutung, als wenn sonst ein Kreis von Menschen sieh zu Gesellschaft• lirliem Spiel ziisninmciitut. Das Theater, das siel» uns als ״jüdisch“ präsentiert — jüdisch in der Leitung, in der Darstel- 11111(!f, im Publikum -. betrachten wir nicht nur mit ästheti• sclicn Empfindungen. Was gibt es uns an jiidiaehcm O e i s t, an Werten? so fragen wir. Wenn wir vom Standpnnkt des jüdisch bewegten Menschen etwas /u den Aufführungen des Kultur• lunnlcs sagen, so soll dies nicht ein ״Angriff'' auf den Kultur■ binnl sein, denn wir keimen die technischen mul sachlichen Schwierigkeiten der TlieulerlcUuiig; vielleicht werden auch die Veranstalter mit dieser Stimme aus dem Publikum überein• stimmen; laut werden muh sie. Der letzte Abend des Kulturbundes brachte ״jüdische״ Stücke, aber es war uns dabei höchst sonderbar zumute. Schnitzlers ״Paracelsus“ lassen wir uns Gefallen. Dieses Stück ist nicht jüdischen Inhalts, ah ׳r cs ist charakteristisch für das I üblen einer schwach Gewordenen, sehr verfeinerten jüdischen Cieueration um die Jahrhundertwende, die eine neue jüdische Wende vorbereitete. ״Traum und Schicksal“ fliehen iuciuan• der, und der Blick in die Wahrheit der Seele ist es, der löst und befreit. Bei allem Spielerischen finden wir die Elemente eines neuen Besinnens, Nachdem der ״Zauberer“ gegangen ist, können wir anfangen, neu und wahrer zu leben, Das Stuck ״Sonkin und der Haupttreffer“ aber hat für lins etwas Verletzendes. Die Art und Weise, wie liier das Geld vergöttert wird, diese kindliche Hoffnung und später die Freude über nie 11t einmal verdienten, sondern durch einen Glückszufall erworbenen Reichtum, dies durch drei Akte fortgesetzt, erzeugt Unbehagen. Wir lachen über den Humor, über die vortreffliehe Darstellung, wir erinnern uns auch ähnlicher Motive in Stücken anderer Herkunft, aber das beruhigt uns nicht. In all dem Gel,beider bleiben wir traurig und nachdenklich. Die groben Humoristen des versunkenen ostjndisehcn Stiidtcls, Wendete und Scholen! Alechcm, haben uns die Typen des einfaltigen und doch tief menschlichen, weltfremden Gobis-Juden anders gezeigt; und ein paar jiddische Vuigär-Ausdrücke im hochdeutsch gespielten Test wirken auf uns, die wir für derbe Volkstümlichkeit gewil) offen sind, eher peinlich, als das sie uns ״versöhnen“. Ist das jüdische Kunst? Wir mochten heute etwas anderes vom Judentum sehen, unsere Seele verlangt nach anderer Kost, wir können dieses wilde Un1tanr.cn des Geldes kaum ertragen. Gott wird bemüht, um Sonkin den Haupttreffer zu verschaffen; die anderen Motive, z. B. die an einigen Stellen angcdcu• tote Menschlichkeit der Hauptfigur, werden ganz zurückgcdrängt, Das ist nicht jüdisch, wie wir es verstehen; es ist vielleicht zeitbedingte Entartung, kleinbürgerliche Enge, begreiflieh gemacht aus der sozialen Stellung und der täglichen Qual des kleinen Angestellten; aber ist cs eins, was wir Juden von 1<)33, die man fälschlich als Angehörige eines materialistischen, mir dem Geld ergebenen Volkes bezeichnet, als jüdische Dar• bietung hinnehmen sollen? Diese Zweifel sei uns gestattet aus/tisprcclicn. Und nun hat der erfahrene Theaterfaelunann das Wort. W. Komödienabend >m Kulturbund Fs gab den Einakter ״Paracelsus“ von Arthur Schnitzler und die Komödie ״Sonkin und der Hauptt r e f I e r“ von Semen Jnselikewitscii, die sich vor einigen zwanzig Jahren schon bei Itcinhardt in eien Kaniinerspieleii bewährt hat. Also zwei Stücke von jüdischen Verlassen» und sogar eins, das in einem ostjüdischen Milieu spielt; «las Thcalcrprogramm nimmt Odessa als Schauplatz an. Ich hatte zuerst meine Zweifel gegen eine Zusammenstellung dieser beiden Gerichte verschiedenster Herkunft und für verschiedenste Gaumen; aber das Repertoire wird dem Kulturbund noch lange Schwierigkeiten machen. Wir haben besonders in der Dramatik keine jüdische Nationalliteratur — der eine Autor stammt aus alt an österreichischen, der andere aus jungem russischen Kulturboden, und wer eine solche Literatur kennt, in der unser Orient und unser Okzident nicht mehr zu trennen, der soll sie mir zeigen. Schließlich hat auch das Jii• dischc Theater außer dem ״Dybuk“ nichts hervorgebracht, und die Repertoiresorgen der ״Habimah“ sind auch ein von ihr cingcstamlencs Leiden. Hier heißt es Geduld haben — und in Bereitschaft sein ist alles. Da heim Theater nun einmal alles anders kommt, meine Vorbehalte sind durch den Gesanitcrfolg des Abends hinweggeräumt worden. ״Wir spielen alle — wer es weiß, ist klug.“ Das war das Motto der Wiener Dekadenz am füll de sieclc, die jahauptsächlich und sehr verführerisch von Schnitzler tmel Hofmaunsthal getragen wurde, und wenn der berühmte Paracelsus, nachdem er die Untergründe alles scheinbar sicheren und bewußten bürgerlichen Daseins im Hause des Waffenschmieds aufgerissen, mit dieser damaligen Weisheit abgeht, so habe kh nur einzuwendeu, daß sie von dem festen Bürger und Ehemann ebenso gut verstanden wird. Was überhaupt die Stücke innl auch dieses des immer noch mehr geistreichen als von Natur dramatisch aiigelegicn Arthur Schnitzler oft zum Welken;gebracht hat, eins ist eins allzu liervorlrctemle Bewußtsein seiner Figuren, die eine Handlung nicht nur schicksalsmäßig tragen, sondern auch allzu gut verstellen und auslegen. Es bleibt ein hübsches Vers- und Gcdankenspiel, was man in Frankreich ״Lever de rhleau“ nennt und dort hanptsachlich den Zweck hat, einen Theaterabend auf die vorgescnricbcncn drd Stunden zu bringen. Blut ist dicker als Wasser. Der Geist ist dünner als Wasser, und so gibt gerade dieser spielende Schnitzler dem Regisseur Schwierigkeiten auf, die mir durch Fritz J e ß n e r nicht ganz, verdeckt oder behoben schienen. Es machten sich da mehrfach leere Räume fühlbar zwischen Paracelsus, dem von seinen magischen Künsten aufgeschreckten Ehepaar, demnach filtern alten Komödienrecht zusammengefiihrten Liebespaar, )er große und über Jahrhunderte bis zum normalen Gebrauch der hypnotischen Suggestion hinwegsehende Arzt Paul Paracelsus soll nach Schnitzler gewiß auch Charlatau sein; aber Fritz Wisten ist immer pathetisch und macht mir das zu theatralisch. Sein prachtvoller Jago ließ das nicht voraussehen. Mit Freude und mancher Hoffnung begrüßte ich den neuen Hermann Heuser; sein Waffenschmidt Cyprian war ein starker Bursche, von fester Haltung und gutem Humor. Das wird der ״Mann“ im Ensemble des Kulturbunds, lind Ernst Lcnart wird bald genug gelernt haben, um sein Jüngling, lleld und Liebhaber zu sein. Die Zartheit von Ruth Reimer als Waffcnschmicdsgattin, die sie zuerst etwas dürre scheinen läßt, bewährt sich schließlich doch als gestaltend aus einer reinen seelischen Quelle. Lieselotte Jacob);, die liebende Schwester, die zu ihrem Jüngling kommt, zeigte wie schon im Figaro einen höchst anmutigen und mädchenhaft verschlossenen Knospenstand. ♦ Der größere und große Erfolg des Abends, .auch in •einer viel dichteren Regie von Fritz Jeßner, gehörte nicht dem Nr,!2, 9. II '׳׳/ / Sn'in und Manitaeh' a: Kurt KnhrJt — Knete Faerder Vor dem Haupttreffer Putin F. Alexander \ ■ i \V 1« , : : U\"* Manitechka: Karte Foerdtr Nac'i dem Haupttreffer Sank n$ Mutten Lilly Kann ■ י «! \ 1 V ׳/ - , V Onkel Schit minky: Frilt Lion '*•fc״, Onhl Mohet: M.Wolfgang Aufnahme und Montage: Herbert Sonnenfeld h , '■״,rv H * . imd' weltberühmten Arthur Schnitzler, sondern dem primitiveren und um so viel urwüchsigeren Semen Juschkcwitsch, Inhalt: Der arme Sonkin, sehr kleiner und geplagter Angestellter hei Scligmann und Davidsohn, gewinnt das große Los; wir erleben seine und seiner Familie Erwartung, die iliti halb verrückt, und den großen Glücksfall, der ihn beinahe ganz, verrückt macht. Das jüdische und besonders das ostjüdische Milieu hat nun einmal und hatte früher auch für Nichtjnden seine unvcrwelkliclicn Reize, das der mit Humor jjetra• eenen, durch die Dichtigkeit oder Innigkeit des Familienlebens beseelten Armut. Kurt Katsch, wenn er den Gewinn schon vorher verteilt, den Armen, ijen Freunden, der ״Mischpoche“ angclaht, wenn er ein Kind und viele Kinder haben will, läßt das berühmte jüdische Herz aufgehen, ohne mit einem sentimentalen Ucbcrseliull lästig zu werden. Dazu hat er zu viel Phantasie, so viel Clownerie und Koinödiantcnblut, wie zu einem reichen und großen Schauspieler gehört. Diesen Titel vergebe ich nicht gern; aber er kommt ihm zu. Rühmen wir um ihn herum noch die sehr pikante Käte Ford er, die durch den Hauptgewinn Beglückteste, die zum erstenmal eine Toilette und einen ״Manteau“ trägt; dann den forschen, keck originellen Fred Alexander, daun Lilly Kanu und Gerda Klein- W c i s m a n 11. Wir liaiien viel gelacht. Sollten wir das nicht? Lachen verbindet; es ist der beste soziale Mittler, 11n;l wenn wir etwas nötig haben, so ist cs Zusammenschluß und gegenseitige Anerkennung. Vielleicht war die Auswahl der Stücke doch richtig, weil sie uns von Juschkcwitsch bis Schnitzler, von Odessa bis Wien, die ungeheuere Spannweite jüdischen Wesens anzeigte, die Vcrtciltlicit über Sprachen und Kulturen, um nicht zu sagen die Zerrissenheit. Und, wenn cs vielleicht auch nicht heahsichtigt war, sollten wir uns vielleicht andeuten lassen, daß unser Orient und unser Okzident nicht mehr getrennt bleiben sollen. _A rthur Eioesser. Kleine Nachrichten Bron is 1 a w H ubermann, der jetzt in _Palästina konzertiert, sprach in Jerusalem vor der Vereinigung der palästinensischen Journalisten und erklärte, er sei von der Aufnahme, die seine Konzerte in Palästina gefunden haben, überrascht und beglückt gewesen.• Das Publikum habe eine große Reife und künstlerisches Verantwortungsgefühl bewiesen, und ein mehr musikalisch geschultes Publikum könne 'man in keiner der großen europäischen Musikstädte finden. Der Künstler gab auch seiner Bewunderung Ausdruck, daß in 'einem Koloniallaiid gleich zu Beginn der Besiedlung das Kulturleben einen so hohen Standard aufweist. Prof. Oskar Kauf f m an n, der bekannte Thcater-Architekt, hat, wie die Zeitungen melden, einen ־ Plan für ein Habima-Thcater in Tel-Aw iw fertiggcstellt. Die Zeichnungen haben dem Beirat bereits Vorgelegen. *Die Kosten sollen sich auf 25—30000 Pfund belaufen, wovon man in Palästina 12 000 zu erhallen hofft (3500 Pfund wurden be* rcits gezeichnet). 8000 Pfund sollen vom Ausland, insb<son< dere aus Amerika, England und Südafrika kommen. Eine Habimah - Premiere I. D. Berkowitz: ״Er und *ein Sohn" Tei-Awiw, Ende Januar. Abgesehen von einer kleineren Bialik-Arbeit ist die» wohl das erste Stück im Repertoire der ״Habimah“, dcssG Ursprungstcxt das Hebräische ist. Berkowitz, der wiederholt Scliolem Alechem für dir Bühne bearbeitet hat, benutzt hier eine eigene Erzählung * Vorlage. Die Stärke des Erzählers liegt in der Darlm'!'«! reiner und guter Epik, die des Dramatikers in der Schaf!״״? einer belebten Handlung. Diesen Unterschied hat der Mit« offenbar nicht erfaßt. In diesem aus der Erzählung k׳c'״U' teil Drama wird fast nur erzählt und kaum gehandelt Also muß cs scheitern. Betrachten wir, was in diesen drei Akten vorgeht:״ den Bauernhof des bereits in seiner Jugend vom Judenta «!)gefallenen Pirpontoff flüchten am Vortage des Jom Kipp«• während draußen Pogrome toben, deren Anschürer der dieses Mannes ist, ein Jude und seine Tochter. Der versteckt sie, sich seiner eigenen Jugend erinnernd; der S0M. der sieh bemüht, ein Voll-Russe zu sein, liefert sic <>יף grom-Ritlern auf den Scheiterhaufen. Der Sohn wird Vl* seinem Vater wegen des Todes der beiden Unschuldigen *“ Verantwortung gezogen mul muß den Flammentod crlci; . den der Vater mit ihm teilt, da Pirpontoff das Haus * ihnen beiden in Brand steckt. Das. Stück spielt im zaristischen Rußland mit den 'un"•. russischer Kirchen im Hintergrund, mit Heiligenbildern Zimmer des Bauern, mit dem — längst von Tschechen» Turgenjelf her bekannten — machtlosen russischen ocn mann des Zarentums. Also in einer Welt, die schon •oi ... und der Legende angehörte, als ״Habimah“ noch geboren war. Auch einige Hinweise auf Palästina, ־* 5י■״ der jüdischen Zukunft, können die Sache nicht retten. Die Regie, in Händen des Habin1al1-Scha"splcL Tschcmcrinski, tut nichts dazu, um die endlos«« löge, die sich besonders im ersten Akt fast bis zur 1/״fLtci lichkcit auswachsen, aufzuloekern. Im zweiten Akt bed es eine starke Zumutung für den Zuschauer, wenn nun Juden, den man in der Wohnung des Russen sein Jom .K'™ •״ Gebet verrichten hört, plötzlich ziemlich unntotivicn Zimmer des Bauern auftauclicii läßt, wo die Heiligen»' an der Wand hängen. Der Jude erscheint angetan mu Totenkittel und dein Tallis und fällt kurz nach seinem L in das Zimmer auf die Knie, die Stirne mit dem , j״ rührend, eine heilige Handlung, die an den GotivsiU«'■ "" ן Jerusalemer Tempel erinnern soll! Eine halbe Minute >1 ( sitzt der eben noch im heiligsten Gehet versunkene J 1 } . ‘״ reits mit dem Russen am Tisch und gibt ihm gute j Auch den Bühneneffekt des dritten Aktes, in dem die na.! die Vater und Sohn ergreifen werden, aus dem Kamm w hätten wir dem Regisseur gerne geschenkt. . ״״״ein« Es ist schade um die wertvolle schauspielerische זא Mcsskin, um das Können eines Bcrtonotf, um!eft gabung eines Klatschkin, wenn.man ihnen *ein Aufgaben zu bieten hat, als diese. Man fr«״

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