Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1934-02-02 · Heft 10 (2.2.1934) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 10 (2.2.1934)
Date
1934-02-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2653452-2653461--24760-2681858
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU /י־־■־) <rר׳־,?>!•ך*" 1־ ן״ | f . n ,־׳־'■־•׳׳% J ץייי*~׳-,ך*—•Q,-;אי*־/ \-־‘ 5 ךי״י^ £*/) ן \w/ נ***»^■'- ״. ן*'s״**«?<*J• '**%*»**& ׳.****י '■״^ Die jüngste Vergangenheit hat viele Juden erneut oder auch /um ersten Male vor die Frage gestellt, ob und in welchem (irade das Judentum unserer Zeit schöpferisch ist. Gerade diejenigen iniler uns, die in der Vergangenheit mir eine lose Beziehung /um Judentum besaiten mul jüdische Geschichte und jüdische Gegenwart nur unvollkommen kannten, sind durch die Einstellung, die weite Kreise der Umwelt zum Judentum als kulturschopfeiischcm Faktor besitzen, zum Nachdenken veran* laßt worden, ln der Tat ist ja das Bild, das die Welt vom Judentum entrollt, in vieler Hinsicht ein äußerst ungünstiges. Wenn auch nicht alle so weit »dien, dem Judentum die Fähigkeiten produkiiver Art ab/iispreehcii und konsc1|11cntcrwcisc die unleugbar vorhandenen gewaltigen Feistlingen der klassischen jüdischen Geschichte rassischen Flemeiiteu zuzusprccheu, die ihrer Wur* zel nach aullcrjüdisch bestimmt waren, so bestellt doch vielfach die Ansicht, daß diese einst vorhanden gewesene Produktivität des jüdischen Geistes allmählich verloren gegangen sei und die Juden von heute höchstens rezeptiv und reproduktiv wirken könnten. Line andere Betrachtungsweise der Umwelt ist dann die, daß man zwar die kulturelle Leistungsfähigkeit der Juden nicht bestreitet, aber sie in einer Richtung definiert, die als der europäischen Entwicklung entgegengesetzt, ja feindlich empfunden wird, so daß das jüdische Element als ein Faktor der Zersetzung in dem geistigen und gesellschaftlichen Gefüge Europas auftr.tt. Wir Juden haben mir einen verhältnismäßig geringen Einfluß auf die Art, wie die Volker, in deren Mitte wir leben, uns vom kulturellen Gesichtspunkte aus beurteilen. Nur eines haben wir in gewissem Maße in der'Hand: Das ist die Rückwirkung dieses Urteils der Umwelt auf uns selbst. Es kann nicht geleugnet werden, daß die negative Einstellung gegenüber dem Judentum so manchen Juden unsicher gemacht hat. Der!־'all eines W e i n i 11 g e r, der unter dem Zwange dieses Motivs den Weg aus dem Judentum heraus und gegen das Judentum gegangen ist und naturgemäß hieran zerbrechen mußte, ist ein Grenzfall extremer Art, der aber in zahllosen Variationen auch im heutigen deutschen Judentum beobachtet werden kann. Es sind nicht diejenigen, die nur in den Tag hineinlobcn, sondern sehr oft durchaus nachdenkliche und mit dem Willen, über sich seihst ins reine zu kommen, begabte Menschen, die dem Einfluß der Beurteilung des Judentums durch die Umwelt unterliege״ und dadurch die innere Sicherheit verlieren, die für den Angehörigen jeder mcnschliehen Gemeinschaft notwendig ist, wenn er selbst im Leben bestellen und die Gemeinschaft sich reicher entfalten soll. Gegenüber dieser Erscheinung gilt es, In unseren eigenen Reihen die Problematik der kuiturcllen Produktivität aufzuz.cigen, in die wir heutigen Juden sehicksalsniäliig hincingcstcllt sind. Nur dann, wenn wir den Eindrücken, die das Urteil der Umweit für 1ms bietet, etwas entgegensetzen, was durch die Erkcmitnisse der jüdischen Geschichte befruchtet ist und zugleich die Affekte in sich trägt, die min einmal dein Lebenswillen jeder menschlichen Gruppe und auch jedes Volkes entspringen, wird eine gewisse 1111 m u 11 i tä t gegen einen äußeren Einfluß geschaffen werden können, der den Willen zur Selbstbehauptung jüdischer Menschen entscheidend brechen müßte. Es ist im Grunde eine natürliche Folge der Ucber- Schätzung, die die jüdischen Leistungen du re 11 d i e Juden seihst erfahren haben, wenn heute eine Reaktion nach der entgegengesetzten Richtung zu bemerken ist. Gewiß haben Juden iii allen Perioden unserer Geschichte Gewaltiges geleistet. Oie Mehrzahl dieser Leistungen liegt in dein eigentlichen Bezirk des jüdischen Lebens und war dazu bestimmt, die Basis unseres Volkslebens immer wieder stark zu machen. Man kann aber auch nicht leugnen, daß in der kurzen Zeitspanne seit der Judenemaiizipation von eiazetnen Juden bedeutende Werke in Literatur, Kunst und Wissen- Schaft vollbracht worden sind. Nun haben insbesondere die deutschen Juden den verhängnisvollen Fehler gemacht, diese Leistungen als einen sichtbaren Ausdruck der Produktivität der jüdischen Gesamtheit aufzufassen. Die Umweit dagegen buchte sie für sich, sofern und solange sic iiir genehm waren, ohne sic damit als vollgültige eigene Leistungen zu akzeptieren. So war es immer wieder möglich, etwa einen Heine als großen deutschen Lyriker zu schätzen und ihn ■ doch als Juden zu stempeln und sein Wesen abzulchncn. Für uns mm kommt es darauf an, eindeutig festzustellen, daß die Zahl derjenigen Juden, die draußen im allgemeinen Leben hervorragende Leistungen vollbracht haben, für uns gewiß ein Symptom dafür sein kann, daß der schöpferische Geist des jüdischen Volkes in ihnen wirksam ist und im Kontakt mit *■״״« «*״־״*, ,«* / \ r a ■ •״- י״•׳ו״ : pz• ך־׳י־׳ו׳י;•׳ -־»ך׳ V ג.׳ c..׳ w-,.1*,״.־ . -i © fremden Kulturen Bedeutendes vollbringt, daß diese Tatsache aber noch kein Gewinn für den Gcsamtinhalt und den Ablauf der jüdischen Kulturgeschichte ist. Wenn wir es uiitornchmen winden, eine Geschichte des schöpferischen jüdischen Geistes zu schreiben, so würden diese Menschen in ihr keineu Platz finden, mul cs wäre höchstens möglich, auf sic in einem ״Anhang1‘ liinzuweisen, in dem gezeigt wird, wie Juden im geistigen Erdreich anderer Völker eigenartige Leistungen hervorgebracht haben. Es geht daher nicht an, auf Grund dieser Leistungen und allein aus ihnen die Produktivität des Judentums naclizmvcisen. Wer dieses unternimmt, der wird sehr bald schwankend werden, wenn die Umwelt nämlich, die letzten Endes der hier allein bcrecltügle Zensor ist, weil cs sich um ihr Lehensbereich handelt, den Wert dieser Leistlingen für ihre geistige Entwicklung bestreitet. Eine feste Stellung zur Fragte nach der jüdischen Schöpferkraft wird der Jude nur daun erlangen, wenn er sich in sein ureigenstes Bereich begibt und sich die Frage vorlegt, welche Leistungen im j idischcu Gebiete das jüdische Volk in den verschiedenen Absetmitten seiner Geschichte und auch in der Gegenwart hervorgebracht hat. Dann allerdings ergeben sieh für den Beurteiler mancherlei Schwierigkeiten, Es ist eine Tragik aller unserer kulturellen Bcslrebilligen, die wir ln der Galuth im Zusammenleben mit anderen Völkern verfolgen, daß cs keinen Weg gibt, um ein ungebrochenes, volles jüdisches Leben und Schaffen zu erzielen. Bücken wir zurück zu den bedeutendsten schöpferischen Menscheu unserer Geschichte, so sehen wir, wie auch diese dem Einfluß ihrer Umwelt unterlagen, wie sie in fremden Sprachen zum jüdischen Volk redeten und reden mußten, und wie auch der geistige Gehalt all dessen, was sic sagten, die Farbe der Umwelt annainn. Für das deutsche Judentum, das in den letzteu 150 Jahren einem gewaltigen Assimilatioiisprozeß unterworfen war, gilt dies natürlich in um so stärkerem Maße. Mag auch unser Wille noch so stark auf die Schaffung jüdischer Werte und die Erhaltung jüdischer Substanz gerichtet sein, mit jeder unserer Unternehmungen verbinden wir sogleich einen Vorgang assimilatorischer Art, weil ja alle unsere geistigen Bemühungen, wenn sie auch jüdisch tendiert sind, zugleich im deutschen Raume und unter den Bedingungen ‘der Umwelt vor sich gelten. Wir müssen diese Tatsache klar erkennen. Dies gilt insbesondere gegenüber all denen, die mit einer betriebsamen Tätigkeit mir allzu leicht zufrieden sind, und auch denen, die den starken Willen zu einem wesen haften Judentum haben, aber dabei vergessen, daß die Erfüllung mit Jüdischem jetzt tmd hier nur unzureichend und bis zu einer, wie wir glauben, verhältnismäßig eng gezogenen Grenze möglich ist. Wollten wir nach den schöpferischen Leistungen des Judentums, die unter diesen Voraussetzungen entstanden sind und entstehen, ein Urteil über die inneren Kräfte unseres Volkes abgeben — wir würden voreilig handeln und uns der Gefahr aussdz.cn, daß wir Großes nicht miterfassen, was noch in uns liegt, aber unter den Bedingungen unseres gegenwärtigen Lcbens sieh nicht entfalten kann. , Es ist ein typisches Zeichen für die großen Schwierigkeit teil, denen jede kulturelle Arbeit im heutigen deutschen Juidentum begegnet, wenn aus dem Bedürfnis nach gescllschaftlichcm Zusammenschluß heraus besonders auf dem Gebiete der Musik und der darstellenden Kunst Leistungen geboten werden, die zwar an sich wertvoll sein mögen, aber sehr wenig mit jüdischem Wesen zu tun haben. Es liegt uns fern, dagegen zu sprechen, daß jüdische Künstler auf diese Welse ein Arbeitsfehl finden, und wir unterschätzen auch nicht die Bedeutung, die dem Zusammenkommen von Juden iniicwolint, aber wir sind weit davon entfernt, diesen kulturellen Betrieb als einen Fortschritt nach der Richtung eines jüdisch reicheren Lebens anzuerkennen. Gewiß ist der Weg, der uns in diese Richtung führen könnte, nicht leicht zu finden. Jede menschliche Gruppe hat die Kunst, die ihr angemessen ist, und wenn in allen jüdischen Gemeinden Veranstaltungen bestimmter Prägung stattfinden, so muß mau daraus schließen, daß hier ein starkes Bedürfnis weiter Kreise des deutschen Judentums angemessen befriedigt wird. Aber wir müssen unter dem Gesichtspunkt der Erziehung einer neuen Generation und im Hinblick auf die feste Wiedcrcingiicdcrung des deutschen Judentums in den Ablauf der jüdischen Geschichte aussprechen, was all diese Beniiiliungen nicht sind. Denn nur daraus kann, vielleicht zunächst nur bei wenigen, der Wille entstehen, der neue Wege zu einem lebendigeren Judentum hin weist. Allerdings: Wir wissen, daß kulturelle Schöpfungskraft nicht aus dem Bodenlosen er- _Nr■ 2 .«י II. W4 I w li e 11 s t. Sie ist eng verbunden mit dem Boden, auf j , l Volk lebt, mit der Arbeit, durch die der Mensel!!!m!5י I Erde verknüpft wird, und mit der Geschichte als j i Niederschlag der Erlebnisse, die Mensch mul Volk miter? stimmten Lcbensbeditigungcii gehallt ha hat. Eine Gruppe!י Städtern, ziisaminciigedrängt in wenige vcrmhkdiide |j״? j isoliert von dem wirklichen Leben der Völker, jedem Wi!' 1 hauch der Geschichte hingegeben, hat noch niamtls jn d״ya' : i gangciilieit große Schöpfungen hervorgobraclit! | >!T Eg״l,|W' 1 י der als ein geistiger Fiihrer hervorlciiehiet, kann dies ja ^־ י j wenn er — bewußt oder unbewußt — tief in der ihm zujrt1)tJ •' i ' gen Gemeinschaft wurzelt. Darum entscheidet sich die p^1'; ' nach der Uro 111ktivit.it des Judentums erst dann und nu' dann, wenn der jüdische Mensch wieder unter Bedingungen kJ I : in denen er mit Boden und Geschichte und mit einem Lei*1 I der Arbeit verbunden ist, E s g e 111 nicht n n, d i c F ra | nach 11 n s e r c r S e 11 o p f e r k r a f t et w a für d a s J c U|* sehe J 11 <1 e 11111 m isoliert zu beantworten, es Ju| der jüdischen (lesamtgesehiehte Iteratiszulöscn und von!jw großen Renaissanccboxtrcbungcn des jüdischen Volkes in un!e. rer Zeit ab/usoiidern. Die Antwort auf diese Frage kann und wird nur von einem jüdischen Volk gegeben werden, da» aut dem historisch mit ihm verknüpften Boden Er« | Israels arbeitet und sich als legitimer Fortsctzcr der I jüdischen Geschichte fühlt. 1 Palästina bietet uns die neue Chance, kulturell schüplerisch ra I werden, frei von allem Begrenzungen, die die Umwelt odt! f unser eigener Wille uns auferlcgt, und doch gebunden an da Substanz, die die Geschichte in uns atigcreiclicrt hat, um) an die Luft des Landes, die uns umhüllt. Das jüdische Volk unserer Zeit ist der Welt und sicli selbst die Antwort aut die Frap nach seiner Schöpferkraft noch schuldig. Wir Juden glauben, daß wir der Probe ruhig mul entschlossen cutgegenschen köiv nen. Wir fühlen in uns den Lebenswillen, der das Clurikte• ristikum eines jeden in die Zukunft strebenden Volkes ist, uni I wir sind entschlossen, diesem Lebenswillen in Ercz Israel die I gestattende Tat folgen zu lassen. I Die Verwirklichung hat bereits begonnen! Die ersten Schritte auf dem Wege zu einem neuen jüdischen Volksleben sind getan. Die besten Kräfte der jungen Gene ration streben danach, an diesem Werke mitzubauen. Es er• fordert den Einsatz des ganzen Menschen, die Untern׳«• fiu .! des persönlichen Lcbcnsscliicksals unter die Gesetze der Gemeinschaft des Volkes, das Opfer von Generationen. Der Zionismus — und das ist sein tiefster Sinn — führt die Ideen der jüdischen Vergangenheit auf dem Wege der Erneuerung des Volkslebens in eine Zukunft, deren Einzelheiten niemand be• stimmen kann, die aber in sieh die Sicherheit eines vollen menschlichen Lebens trägt, das ■zugleich ein echtes jüdisches Leben sein wird. K. L. Junggruppen der B. Z. V. Es Ist knapp ein halbes Jahr her, seit die ersten Junggrtippen der B. Z. V, entstanden, fm Zusammenhang mit dem starken Anwachsen der zio■ nistisclien Bewegung in Berlin im Jahre 19X1 erwuchs ds! : Bedürfnis, jugendliche Menschen im Alter von 18—25 Jahr« : . welche neu der Organisation beitraten, intensiver zu erfasse, ׳ und zionistisch zu schulen. In den Dienst dieser Auf gabt; stellten Sieh damals Kreise aus der zionistischen Jugend• Bewegung und ein erheblicher Teil der jüngeren Mitglieder des K. J.V. So entstanden in einer Reihe von Bczirksgruppen Jimggruppcn, welche bald wesentliche Teile der bisher zio• : nistisch noch nicht beeinflußten jüdischen Jugend Berlins erfaßten. Es bestellen jetzt die Junggruppen: Ilaycrhdicr Platz, Savignyplafz, Witlenbergplat/.-Tiergarten, Wilmersdorf, ' Zentrum, Jannowitzbrüekc, Süd, Nord. In diesen 8 Gruppen ן sind etwa 600 jugendliche Maischen zusammen gefallt. Die; Arbeit der Jimggruppcn wird geleitet von einem Waat!, I welchem die Leiter der einzelnen Junggruppen angeboren. I j Innerhalb der Gruppen seihst haben sicli aus den bewährten I j Mitgliedern sogenannte Aktivkreise gebildet. Monatlich ein• mal kommen die Mitarbeiterkreise sämtlicher Junggruppen — die Zahl dieser Mitarbeiter beträgt etwa 70 — zu Aus• sprachen über grundsätzliche Fragen der üruppenarbeit zu•; sammen. In den Gruppen selbst zerfällt im allgemeinen die Arbeit in die Gruppcnvcraustaltungen mit Referaten und Dis• kussionen und in Schulungskurse, für welche in einzelne״ Gruppen Untergruppen (Chaxvuroth) gebildet sind. Daneben gibt es Hebräisch, Singen, Sport, Fahrt. In der Hach• scharah arbeiten die Junggruppen mit dem Heclialuz *11• sammen. Die in unserer letzten Beilage ״Von jüdischer Kunst' in Nr. 1-2 vom 5. Januar veröffentlichte Besprechung übet Boris Arousolin von Dr. Max Osborn stellt nur einen Aus■ zug aus einer größeren Arbeit des Verfassers dar, woraul wir unsere Leser ausdrücklich hinweisen. Wie Goethe Hebräisch lernte (Aus ״Dichtung und Wahrheit“, Erster Teil) Indem Ich mir das barocke Judciulculsch zimteignen und es ebenso gut zu schreiben suchte, als ich cs lesen konnte, fand ich bald, daß mir die Kenntnis des Hebräischen fehlte, .wovon sich das moderne verdorbene und verzerrte allein ableiten und mit einiger Sieberheit behandeln ließ. Ich eröjfncle daher meinem Vater die Notwendigkeit, Hebräisch zu lernen, und betrieb sehr lebhaft seine Einwilligung; denn ich hatte noch einen höhern Zweck. Ucbcrall körte ich sagen, daß zum Verständnis des Alten Testaments sowie des Neuen die Grundsprachen nötig waren. Das letzte las ich ganz bequem . . . Ebenso dachte ich cs nun auch mit dem Alten Testamente zu hallen, das mir wegen seiner Eigentümlichkeit ganz besonders von jeher zugesagt hatte . , . . . , Ich fand ein Alphabet, das ungefähr dem griechischen zur Seite ging, dessen Gestallen faßlich, dessen Benennungen mir zum größten Teil nicht fremd, umreu. Ich halle dies alles sehr bald begriffen und behalten und dachte, cs sollte nun ans Lesen gehen. Daß dieses von der rechten zur linken Seile geschehe, war mir wohl bewußt. Nim aber trat auf einmal ein neues Heer von kleinen Dachstübchen und Zeichen hervor, oon Tunkten und Slrichelchen aller Art, welche eigentlich die Vokale vorstelten sollten, worüber ich mich um so mehr verwunderte, als sich in■ dem größeren Alphabete offenbar Vokale befanden ׳h"1’ übrigen nur unter fremden Benennungen verborgen zu sein schienen. Auch ward ge- ‘ehrt, daß die jüdische Nation, so lange sie geblüht, wirklich sich mit jenen ersten Zeichen begnügt und keine andere Art, zu schreiben und zu lesen, gekonnt habe. Ich wäre nun gar zu gern auf diesem altertümlichen, wie mir schien, bequemeren Wege gegangen; allein mein Alter (der Lehrer Rektor Albrecht) erklärte etwas streng: man müsse nach der Grammatik verfahren, wie sie einmal beliebt und verfaßt worden. Das Lesen ohne diese Punkte und Striche sei emo sehr schwerd Aufgabe und könne nur von Gelehrten und den Geübtesten geleistet werden. Ich mußte mich also bequemen, auch diese kleinen Merkzeichen kennen• zulernen; aber die Sache ward mir immer verworrener. Nun sollten einige der größere Ur' Zeichen an ihrer Stelle gar nichts gelten, damit ihre kleinen Nachgcbornen doch ja nicht umsonst daslehcn möchten. Dann sollten sic einmal wieder einen leisen Hauch, dann einen mehr oder weniger harten Kehllaut andeuten, bald gar nur als Stütze und Widerlagc dienen. Zuletzt aber, wenn man sich alles wohl gemerkt zu haben glaubte, wurden einige der großen sowohl als der• kleinen Personnagen in den Ruhestand versetzt, so daß das Auge immer sehr viel und die Lippe sehr wenig zu tun halte. Ein Wort Schifl ers Wir danken der mosaischen Religion einen großen Theil der Aufklärung, deren wir iff heutigen Tags erfreuen. Denn durch sie wurde eine kostbare Wahrheit, welche die sich selbst überlassene Vernunft erst nach einer langsamen Entwicklung würde gefunden heben, die Lehre von dem einigen Gott, vorläufig unter dem Volke verbreitet und als ein Gegen׳ stand des blinden Glaubens solange unter demselben erhallen, bis sie endlich in der1 hellen Köpfen zu einem Vernun/tsbegriff reifen konnte. Dadurch wurden einem großen Theil des Menschengeschlechtes alle die traurigen Irrwege erspart, worauf der Glaube an Vielgötterei einst führen muß, und die hebräische Verfassung erhielt den ausschließlichen Vorzug, d“ß die Religion der Weisen mit der Volksreligion nicht in direktem Widerspruche stand, wie es doch bei den aufgeklärten Heiden der Fall war. Aus diesem Standpunkt betrag tel, muß uns die Nation der Hebräer als ein wichtiges universalhistorischcs Volk ersehnnen und alles Böse, welches man diesem Volke nachzusagen gewohnt ist, alle Bemühen• gen witziger Köpfe es zu verkleinern, werden uns nicht hindern, gerecht gegen dasselbe t» uin\1Auf, daS-e Artj werc^en, י׳״״, gleich weit entfernt sein, dem hebräischen Volk einen Werth aufzudringen, den es nie gehabt hat und ihm ein Verdienst zu rauben, das ihm nicht streitig gemacht werden hann, Schiller, Die Sendung M011* I $ % i i 3 4

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.