Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 10 (2.2.1934)
- Date
- 1934-02-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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W'r glauben, daß die Prägen, um die es sich honiclt, nicht mit vorgefaßten Meinungen betrachtet werden iirlen. Ohne hier m Diskussionen z. IJ. über die im jüdi■ fkn lugir im allgemeinen ander® beurteilte Frage der Ln/sumscliichtung und der Landwirtschaft rinzutreten, glattkn wir mir die Bemerkung machen zu müssen, daß nach .״«rer Ansicht mich mit dm Schwierigkeiten gerechnet ״rien muß. die sich aus einer im Gefolge der Juden■ Änderung rinlretenden Verschleppung der Judenfrage er■ •eben können. Man muß sich stets vor Augen halten, daß Notlösungen nicht mit einer wirklichen Lösung der Juden■!,«ס verwechselt werden dürfen. Im übrigen erhallen die Ausführungen in Zusammenhang mit der Tagung des Emi• ptntcnhilfswcrkes erhöhtes Interesse. (Red.) Eines der Hauptprobleme der jüdischen Gegenwart ist <j,5 Wanderin! gsproblein. Es ist eine Tatsache, daß zahlreiche luden aus wirtschaftlichen oder geistigen Motiven Deutsch- Und verlassen haben und zahlreiche, besonders jugendliche, dja auch in Zukunft tun werden. Aber wohin? Und als was? Es seien an dieser Stelle, die heute wie keine andere zu den Betroffenen dringt, einige positive und einige negative Bemerkungen gestattet. Beginnen wir mit den negativen. Auch der positivste Zionist — und vielleicht gerade er — wird vor Palästina ils Zufluchtsstätte für alle warnen müssen. Und nicht nar aus tatsächlichen und ökonomischen, sondern auch aus ideologischen Gründen: Die wenigsten erfüllen die formellen Voraussetzungen, die zur Erteilung der verschiedenen Zerti• (ikiie führen — ökonomisch ist Palästina selbst heute in der Hochkonjunktur keineswegs für alle Berufe unbeschränkt aufluhmefähig. Das Land kann heute weder jeden deutschen Arzt, noch alle Stenotypistinnen beschäftigen. Und auch von denen, die heute mit Geld oder mit wertvollen Spezialkcnnt- ״j5scn liinüherkommen, werden gar manche in Zeiten der kaum vermeidbaren Krisis nicht ausharren. Es erfordert schon eine starke ideale Verbundenheit mit dem Land, um auch in dunklen lagen ausnih,irren. Mit anderen Worten: Nach Palästina sollten nur diejenigen gehen, die sich dem Judentum tief verbunden fühlen. Und das gilt nur für einen kleinen Teil der assimilierten deutsehen Juden. Jeder möge sich in dieser Hinsicht selbst prüfen. Diese Selstkritik ist im Interesse der Betreffenden, aber auch Palästinas, zur Vermeidung von Enttäuschungen für beide dringend zu wünschen. Man hüte sieh vor rehlleitung von geistigem und effektivem Kapital! Ich höre ordentlich, wie gewisse Leser mir begeistert zustimmen — nämlich alle jenen, die eine andere Möglichkeit als Palästina bereits als ״einzigen Ausweg“ hei der Hand haben. Kaum vergeht ein Tag. an dem den jüdischen Stellen nicht schriftlich oder mündlich eine Patentlösung vor• getragen wird. Gewöhnlich beginnen diese Vorschläge mit den Worten: ״Es gibt überhaupt nur eine Möglichkeit, und das ist...“ Und nun kommt die Idee, 100000 Juden (darunter tun cs die wenigsten) in Angola oder in Columbia oder in Paraguay oder irgendwo in Australien anzusiedeln, auf jeden Fall aber irgendwo außerhalb Europas. Um es gerade heraus• ssagen: wi I i >׳”1ך" ■!11 K :*wä iai'l ןך״/״| n r ' *?**'.*•% Vf* ui I u ®•10ben ¥ <!cn y^f,rl,on״/׳^in ‘!1®80״ X¥cn.״ouI Besuch" nach Ere* Israel kommen, .. ... ... «.1!״ס״uM«m ״uui «esucn nacn t״rez Israel kommen, daß nichts «io so stnrk beeindruckt als da» glöckilcho, freie und natürliche Loben der .jungen Menschen und die zartliehe Sorge, mit der dio Kinder betreut werden. Unter ihnen wächst ständig dlo Zahl der Neuankömmlinge ■ti» Deutschland. Wie groß auch lör viele der Ellern die Sorge um eine neue Existenz, »ein mag, atlo Mühe und Entbehrung wird reichlich aufgewogen durch da» beglückende Gefühl, die Kinder in einem wahren ״Jugend-Parodie*“ eufwoehsen zu sehen. (Aufnahmen: Christcller & Klötzel.) pr ״־ Unkst Wie ein Märchenwald mutet der Blich von der Terrasse des Haupt■ geb/Hidcs auf das Gelände des Minderdorfes Ben - Schemen an. Und welch Vergnügen ist das Aufsam■ mein von Papier und Apfelsinen• schalen, ,wenn der ״Lumpensamm■ ler" mit einem so hähschen Esel spazierenfahren darft •*י“* “־"*־־־יי-־' '־־׳*י— י■ ‘ י« 1י;־" ן»ג: U 4־- 1 ' «ו<• if ■* Rrdltu Hinter dieser DornrOschcnhccha dehnt sich der Gemüsegarten der Mädchenfarm ln Nahalal aus. Dort kann es geschehen, daß eine . . ,! f־\, ״ ״ r "1 \־ S ich halte derartige Projekte durchweg für Utopie. Die wenigsten halten sich lange bei der Finanzfragc auf, fast niemand kennt die in Frage kommenden Länder. Keiner der Väter weiß, was ein subtropisches oder gar tropisches Klima ist, und kaum einer von ihnen hat jeweils selbst landwirtschädlich gearbeitet, geschweige denn gerodet, Bäume gefällt tisw. Vor allem wird geflissentlich übersehen, daß die Land- Wirtschaft selbst für darin Erfahrene nicht nur eine sehr traurige und schwierige Gegenwart, sondern aller Wahrschein- Jichkeit eine noch viel düsterere Zukunft hat. Wenn nichts Unerwartetes cintritt, werden die Möglichleiten für landwirtschaftliche hauptberufliche Tätigkeit immer weiter sinken: Zunächst dürfte der relative, später der absolute Bedarf an den meisten Agrarprodukten im menschlichen Haushalt sehr im Gegensatz zu den industriellen immer weiter sinken. Dann aber ist die Rationalisierung, d. h. die Ersetzung von Menschendurch Maschincnkraft in der Landwirtschaft erst am Beginn. Nicht umsonst inacht die Entvölkerung liitidlichcr Bezirke auf der ganzen Weit Fortschritte. (Daß trotzdem ® ganz anderen als ökonomischen Gründen die Nebenbeschäf- %ung auf eigener Scholle ebenso zukunftsreich wie wiinschenuvert ist, soll natürlich nicht bestritten werden, ebenso- *״lg, daß wir in Palästina aus ethischen und politischen Gründen viel Bauern brauchen.) Wenn schon die an das Landleben seit Generationen Ge* wohnten immer mehr von der Scholle scheiden, so ist es eine romantische Idee, Städter und Städterinnen in einem autarken Gehäuse cinnispcrrcn. Mir hat bisher noch niemand verraten. Wovon diese armen Leute sich die Anzüge und die Sliefel kaufen oder tauschen sollen. — Von anderen Dingen ganz ro schweigen. Nein — alle diese Massensiedlungs* Projekte scheinen mir u n d ur c h d a c h t, — verschwömmen. Hier wäre übrigens ein bißchen Studium ähnlicher Projekte in der Vergangenheit kein Luxus. Vcstigia terrent! 1 , Damit soll natürlich nicht etwa bestritten werden, daß ׳ur kleine Gruppen von 20, 50, vielleicht 100 Familien Gruppenwamlerung mit gemischter Beschäftigung durchaus erwa* genswert ist. Im übrigen sollte man sich dafür lieber Gebiete 1.1, Europa oder aber in der Nähe von Palästina aussuchen als Undcr ״liinicr dem Mond“. Bin Ich In bcz.ug auf das Allheilmittel der Landwirt- »cliaft recht skeptisch, so möchte Ich auch davor war* nen, auf die unbedingte Heilkraft anderer ״Um• Schichtungen" zu bauen. Gewiß, wir waren beruflich allzu einseitig aufgebairt. Und ״äRlos wird seelisch und auch materiell gar mancher als Handwerker sein Glück machen. Aber man hüte sich auch mer זףז Uehcitreihimgen nach der anderen Richtung. Es scheint 1!,,r eine Verschwendung von Zeit und Geld zu sein, jeden Asesssor oder Referendar — unbekümmert um seine komer- ‘,che Schwäche und seine geistige Beweglichkeit — als Tischler °״er Schneider umzuschulen. Aber nun genug des Negierens. Was soll g e s c h e n e n? Nun zunächst eine — für Ideologen wenig schmackhafte These. Die große Zahl der nicht nach Palästina Gellenden fd im europäischamerikanischen Kultur* \ A 'i; <>/ : v Linkt! . . . ״echte Berlina• rin" binnen wenigen Wochen zu einer ״echten Palästinenser rin" wird, die für nichls mehr Interesse hat, als für die Gewächshäuser und den Düngerhaufen. Rtchti: ״Brotfassen" auf einer K'wuzah. Der Dächer ist ein ״Sabber", ein geborener Palästinen• ser — sein Gehilfe hat vor wenigen Wochcn noch die Bänke der Unterprima eines deutschen Gpmnasi• ums gedrückt. Unk» Der Stolz der ״K’wuzath Schiller". Er kommt aus Düsseldorf, hat keine Angst vor dem großen Truthahn, großes In■ teresse j&r Automobile, ist 3 Jahre alt, seit 4 Monoton In Eraz Israel, versteht zwar noch, was man ' Ihm auf Deutsch sagt, antwortet aber auf — Hebräischt JRtchUt ln den ״lul", den Hühnerhof, kamman• diert zu werden, ist augenblicklich der höchste Ehrgeiz die• ser fungen Dame, die schon drauf und dran war, Kunstgeschichte zu studieren. Dia dunkeläugige ״Cha• werah" heißt ata freundlich willhom• men und das Huhn — echtes weißes Leg• horn — wundert •Ich. I 1 ־5. ן־׳דך־־ fs L: »e (.ז *C U r O p ä j s V ״!»־ ״ v .. ״v ״ ״ ״.. web , j ci b en. Ich behaupte, daß es kein Land der .namentlich kein Land in Europa gibt, das trotz wird n'4,cr'$cc^cn e‘ne Anzahl von Juden aufnehmen bat »,י j , i™er von uns, der einem großen Bekanntenkreis Erdlt2״ t J!erc^s heute In einigen 40 oder 50 Staaten dieser Neuankömmlinge kennen. Dabei wird er aber bald der ^cr erdrückende Teil — immer mit Ausschluß Und ,1■ 5"־3״Wanderer — in unserem Erdteil geblieben ist. »enrf״icsc crs*cn Auswanderer werden für das Ziel der KornueJ1 entscheidend sein. .Wie denn überhaupt das Haupts problem darin besteht, die ersten 10 000 bis 20000 einigermallen seßhaft zu machen. Sic werden dann besser als alle Organisationen weiterlielfcn und Verwandte und Freunde nach• kommen lassen. Denn das ist ja einender Hauptschwierigkeitcii der gegenwärtigen Lage: die deutschen Juden haben, well sie seit Generationen kaum mehr auswanderten, im Ausland ganz wenig nahe Verwandte, sondern höchstens zweite oder dritte Vettern; zweite oder dritte Vettern kennt man nicht mehr, wenn sie nicht sehr reich sind; dem ersten Vetter gibt inan vielleicht etwas Geld. Brüder, Schwestern und Eltern aber nimmt man bei sich auf. (Die zweite Schwierigkeit sehe ich in der Assimilation der deutschen Juden, die ihnen im Ausland alles fremd erscheinen läßt, .die dritte Schwierigkeit natürlich in der augenblicklichen Wcltkrisis.) Die zweite These: Die große Zahl der Auswandernden — das sind die Kaufleute — sollte ruhig in ihrer bisherigen Tätigkeit bleiben. Man glaube doch nicht die neuest(• Entdeckung, daß wir zu viel Kaufleute hatten; im Gegenteil, die Welt braucht deren noch sehr viele. Natürlich ist derjenige kein guter Kaufmann, dem die Beweglichkcit fehlt. Man muß sich anz 11 passen wisset!, und wenn nötig, ganz nuten anfangen — cs ist immer noch unendlieh leichter, als das angeblich so schöne Landleben. Freilich: die jetzt aus der Bahn Geworfenen sollten die unwillkommene Muße zur Vorbereitung benutzen. Hierher rechne ich vor allem dio Erlernung von Sprachen. 11t dieser Be- Ziehung kann gar nicht genug geschehen. Ich bin jeden Tag auis neue erschüttert, wie schlecht viele der aus Deutschland Kommenden das gevVill leichte Englisch sprechen. Für viele wäre heute in Deutschland statt oder neben der Umschichtung unermüdliches Sprachenstudium sehr notwendig — etwa in der Reihenfolge Englisch, Spanisch, Französisch, Portugiesisch, Italienisch (von Hebräisch spreche ich in diesem Zusammenhang nicht), wer einige Sprachen beherrscht, hat ein ungeahntes Prac. selbst in Ländern, in denen für das Qros der Applikanten Arbeitsverbot besteht. Die dritte These: Es gibt nicht eine Lösung der Aus- Wanderung, sondern unzählige; jeder Fall 'fast Hegt . verschieden, und cs gibt nicht ein oder zwei Linder, sondern 50, die in verschiedenen Abstufungen Juden aufnehmen. Wenn man das berücksichtigt, so entfällt auf den ein• zelnen Staat keine irgendwie unverdauliche Anzahl. Freilich m»!es hat keinen Sinn! die Dinge zu überstürzen und ein häufig fraglos recht trauriges Los zu Hause mit der Unsicherheit des Auslandes planlos zu vertauschen: Die Wenigsten haben eine Ahnung, wie entsetzlich, ncrvcnzcrsetzcnd, deinoralisierend und sinnlos es ist, in fremden Ländern ohne Vcrbindung stellenlos herumznirreii, in den Hilfskomitees zu antichambrieren. Es ist auch nicht nebensächlich, daß meistens im Ausland das Leben teuerer ist als zu Hause, wo man mit Angehörigen oder Freunden Zusammenleben kann; dabei ist es gleichgültig, ob man sein eigenes oder geschenktes Geld verzehrt (die Komitees werden übrigens in bezug auf Unter- Stützung immer zurückhaltender; denn ihre Mittel schrumpfen zusammen und sollen künftig produktiven Zwecken reserviert bleiben). Und deshalb: Nicht ohne klaren Plan und Aussicht Weggehen: es ist zu hoffen, daß in einiger Zeit die zuständigen Stellen nach und nach Auswanderiingsmöglichkcltcn nachwciscn werden. Leider ist hier Geduld erforderlich. Wer aber auswandert, der möge in seinem und anderer Interesse eines nicht vergessen; Du bist der Oast des Landes! Kein Volk ek־r Welt lieht von Gästen Kritik. Oewiß — es ehrt den aus Deutschland Kommenden, wenn er mit Liebe und Bewunderung an das Zuriickgclnssene denkt. Aber, warum überall, ohne gefragt zu sein, seine Feststeihingen in kritischer rorm und manchmal recht laut erzählen? Wer — dauernd oder vorübergehend — in ein fremdes Land geht, hat dieses Land mit dessen Augen zu betrachten; damit vermeidet er nicht nur unnötigen Anstoß, sondern er lernt auch etwas. Allmählich wird er dahinter kommen, daß ״anders sein“ nicht bedeutet ״schlechter sein“. Wie in jeder schweren Zeit müssen sich auch die in Deutschland heute überflüssig gewordenen Juden vor Ver* zweiflung hüten. Falls — wie es scheint — die Weltkrisis allmählich überwunden wird, ist kein Grund vorhanden, warum sie nicht neue Möglichkeiten finden, denn es kann kein unlösbares Problem sein, 100 000 bis 200 000 in der Welt zu verteilen. Und gerade die an und iür sich traurige Tatsache, daß sic. in alle Winde zerstreut werden, dürfte ihnen in ihrem Fortkommen späterhin helfen. Jeder Kaufmann weiß, was im Oeschäftsleben Verbindungen bedeuten. Kaum jeweils aber wird ein Geschäftsmann 80 unzählige persönliche Verbindüngen an jedem Platz der Welt besitzen wie künftig die aus Deutschland in diesen Jahren Hinausgezogenen. i