Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 8 (26.1.1934)
- Date
- 1934-01-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2653452-2653459--24725-2681821- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kr. 8. 16.11934 193 t 1 H.״l, (!ן S*'il t Wort. snm־r H'M TU 1 chorj. rftmrn. g, 11« sein,r dir!er « Wort ll. [Kr lg <!es 1• Aber r De. nn der la um 1 Volk ja und hemlcr e dort besonthiseht r Volk e n e n ck. W11.fi, H rmisi Mit• Jiidi• sein• rach• unten :Ische jurrli misti• :utr<• ein«* litz״• abbi* uff'£• ־;•/’!« ndclt tf '״ jmde t r•'! eir«« 1i*״ ei-'bf *»<»: und JÜDISCHE RUNDSCHAU fo ,W J*rt Von Dr. Arthur Prinz •u anahJicrcn und damit ״Cr‘!UC!|* <h'c weltpolitischen Tendenzen der Wahdcrungsfrag& 1/ analysieren md damit auch Perspektiven für die jüdische Wandemm 'zu neben Daß die gewissenhafte Prüfung von Einwandtrungschanccn einehi wird von keiner Seite bestritt™!״. : , ' , , wlcn1lR° mmne Aufgabe ist,, der Gegenwart iodonLt W\ rf,c /Wchtm in der Zukunft sein mögen,,in FinwandcrungsmätrlJn *'/' ’ k^t *<C>n. gezagt hat, Palästina das einzige Land, Jas reale und werden um so Jrfiß T ** *׳' ßlcse■ Möglichkeiten sind noch lange nicht erschöpft Mischen Nolioooliwims'eingesetzt weXn'V” f'T’ 2•* •*״»*»י■ יי»•״״?״*״׳ ל ״״,.. ™1,״״. ״, f,T Wlr Sl°"t>cn Jeher auch im Sinne des Autors der ßcschäitiZZ ^r'rj ״יל»1‘״'׳”*’*,״ forzubegen, unterstreichen, dofi ungeachtet tntAerle i diTI J fcdmhcnfn t™, von Dr. Prinz entwickelt werden, die hon■ zentrierte jüdische Anstrengung für Palästina keine Einbuße erfahren darf. (Red.) Umschwung in der Wanderungsfrage Eine tragische Verkettung von Umständen wollte es, daß die deutschen Juden von den Ereignissen des Jahres 1933 gerade tu einer Zeit betroffen wurden, als die Einwanderung!- möglichkeiten in der ganzen Welt auf ein Minimum gesunken waren, Wahrend früher die wirtschaftlichen utid politischen Hoheiten Miropas tu einem gewaltigen Anschwcllcn der übersetisclicn Auswanderung, die gleichsam als Sicherheitsventil wirkte, ni fuhren pflegten, war durch die beispiellose Schwere der Weltwirtschaftskrise statt dessen ein fortgesetzter Rückgang d er internationalen Wanderung eingetreten, weil gleichzeitig mit der industrieknsc in Mitteleuropa, England und den Vereinigten Staaten eine schwere Agrar- und Rohstoffkrisc fast alle übrigen Länder der Welt, besonders aber die jungen überseeischen Staaten erfaßt hatte und ihre Aufnahmefähigkeit für Einwanderer lähmte. In normalen Zeiten wäre wahrscheinlich ein großer Teil der deutsehen Juden wegen seiner Bildungsstufe wie vor allem wegen seiner wirtschaftlichen Fähigkeiten in vielen Ländern mit offenen Armen aufgenommen worden; heute aber ist es so, , daß die Menschen, die im letzten Jahre Deutschland verlassen haben, zwar, von hier aus betrachtet ״Emigranten“ sind, daß sie aber, außer in Palästina, nirgends Immigranten darstcllcn, sondern bloß Flüchtlinge, Objekte der Wohlfiligkeit, deren Eingliederung in das Wirtschaftsleben ihrer Aufenthalts!;!״der selbst den Völkerbundskommissar samt allen beteiligten Organisationen vor keine leichte Aufgabe stellt. Jetzt endlich scheint sich aber ein tiefgreifender Umschwung anzubahnen. Wenn aus großen Uebersceländem, wie vor allem Australien, doch auch aus Kanada, Süd- Afrika und manchen südamerikanischen Staaten immer mehr Nachrichten kommen, die auf eine Uebcrwindung des Schlimmsten, ja teilweise auf das nahe Ende der dortigen Krisen nmi die baldige Wiederzulassung der Masseneinwanderung schließen lassen, so bedeutet das zwar noch nicht viel Gutes für die schon Emigrierten, von denen ein erheblicher Teil isu mancherlei Gründen, besonders beruflicher Art, zur Aus- Wanderung in mehr oder weniger koloniale Länder ungeeignet ist wohl aber ist die Hoffnung auf große über* mische Einwanderungsmöglichkeitenneben dem lorts c hreitenden Aufbau Erezlsraelsder größte Lichtblick für die vielen Juden, die früher oder später auswandern wollen. Dieser augenblicklich noch zum größten Teil latente Auswanderungsdrang existiert nicht etwa nur in Deutschland, sondern nahezu in dem gesamten Raum zwischen der russischen West grenze und dem Rh c i n, zwischen der Nordsee und dem Schwarzen Meer, li. Die Rolle Palästinas Die gewaltige Größe dieses Auswandcrungsproblems verhngt zu seiner Lösung von allen, die sich für aas jüdische Öe- Samtschicksal verantwortlich fühlen, Ehrlichkeit, Oewisscnhaftig- *fit und Mut. Ein Gebot der Ehrlichkeit ist es für uns Zionisten «!bst vfir allem, darüber volle Klarheit zu schaffen, daß Erez Israel allein wahrscheinlich in absehbarer Zeit keine befricdigende Lösung der jüdischen Auswanderungsfrage bieten *ird, und daß wir deshalb zur Anteilnahme und Mitarbeit am auswanderungsproblem verpflichtet sind. So sicher wir davon 8«gehen müssen, daß jede physische, moralische, kulturelle und religiöse Renaissance der Judenheit ihren Mittelpunkt ״ur in Palästina haben kann, und so sehr wir uns ver*?.'lichtet fühlen, die Aufnahmefähigkeit Palästinas immer mehr zu steigern, so offensichtlich ™r ist es für jeden, der die Realitäten fest ins Auge faßt, daß Palästina, von den politischen Hindernissen ganz abgesehen, »na Land von unbegrenzten wirtschaftlichen Möglich- «den ist. Das letzte Menschcnaltcr hat im Antlitz der Welt Hum cjnc״ zug unverändert gelassen; gewaltige Wandlungen 1״,d während dieser Zeit im jüdischen Volk selbst vorgegan- R'n, das damals in seiner großen Mehrheit orthodox war und; 8*heute unvergleichlich weniger ist; — bis zur Unkenntlichkeit J"cr hat sich die Weltwanderungsfrage selbst gewandelt! Ver* 8״!wörtliche Entscheidungen dürfen deshalb heute nur auf ״'und genauester Kenntnis der jetzigen Gegebenheiten und Wwicklungstcmlenzen gefällt werden, unbeeinflußt durch ver- 8itete Scldagwortc. In diesem Sinn versuchen die folgenden ״usfuhmngcti, die sich von jeder Propaganda für irgendein ״Projekt“ fcrnhalten, in Kürze aufzuzcigcn, daß bestimmte Entwicklungstendenzen der Weltwanderungsfrage in der nähejn Zukunft einer jüdischen Wanderungspolitik neue große, l* vielleicht einzigartige Chancen bieten dürften. i IH• ־ J Unterbindung der Emigration \ . pnicr den Faktoren, von denen die künftige Entwicklung; 7 internationalen Wanderungen abhängt, ist in erster Reihe 8 15 י»nehmende Unterbindung der Aus wändeßung aus politischen Gründen bedeutsam. So kennt nußland, früher eines der bedeutendsten Auswanderungs-, «ebiete, schon seit vielen Jahren überhaupt keine legale Aus- Änderung mehr und wird sie auch, solange das bol sehe- ,,1,tische Regime besteht, kaum jemals wieder dulden. Auch .'* Haltung Italiens, das lange Zeit hindurch, eines der größ- '״ Auswanderungsländer der Welt war, ist nicht sehr viel Ä■ Der Faschismus betrachtet eine möglichst zahlreiche cv°lkerung als Hauptgrundlage staatlicher Macht und setzt "1entsprechend alles daran, um möglichst viele Eheschließung M" und Geburten herbeizuführen - da wäre es denn freilich tiiur* n״i?, wenn sich der Staat bereit fände, wertvolle Kräfte, chüge erwachsene Italiener, durch Auswanderung flif immer י fremde Staaten zu verlieren. Tatsächlich gilt seit 1927die 1“iw«*1derungspolitik offiziell als Teil der ,״*״״Politik, und die Tendenz geht dahin, zwar die ״״™ergehende Auswanderung im allgemeinen aus wlrtschatt* Ortinden zu dulden, dagegen die dauernde Auswande- «S! nur Panz ausnahmsweise zuzulassen, und in diesen dl,"*״ Fällen, ebenso wie bei den Millionen von It*'8**1*'?׳ * ,c״on länger im Ausland leben, schlechthin mit *lern Mitteln zu verhindern, daß das italienische, Volkstum oder auch mir die Staatsangehörigkeit aufgegeben werde. Aus solchen Oriinacn ist damit zu rechnen, daß die großen überseeischen Einwandertingsländer (besonders in Süd-Amerika) aus Italien, früher eine ihrer wichtigsten ׳ Quellen, kauin noch EinWanderer empfangen werden, die dort Wurzel fassen und die Staatsbürgerschaft erwerben könnten, . , , . ״ י־; י . ' ' '•',iv.'■",. V Versiegen der Massenauswanderung Damit stehen wir vor einem zweiten, für die Entwicklung der Weltwanderungsfrage entscheidenden Faktor: Nach dem Knege, der selbst hclion einen gewaltigen Geburtenausfall brachte, hat der Geburtenrückgang bei fast allen Nationen Nord - und West- Europas so um sich gegriffen, daß bereits In wenigen Jahren Irgendwelche nennenswerten Bcvölkerungsüberschiisse für die Auswanderung kaum noch zur Verfügung stehen können. Mit am stärksten ist der Geburtenrückgang gerade bei den einst so g«• burtcnreichen und auswanderungsfreudigen Engländern, Skandmaviern und Deutschen, deren Einwanderung in den U. S. A. und den englischen Dominions bisher besonders gern gesehen und bevorzugt wurde, : ׳ Stehen wir aber somit schon aus quantitativen Oründen vor dem Versiegen der, Massenauswanderung aus Nord- und West-Europa, so kommt noch hinzu, daß gerade diese hochzivilisierten Völker auch immer mehr die seelische Haltung verlieren, die zur Auswanderung in unerschlosscne Gegenden notwendig ist. Der englische Arbeitslose z. B. lebt im allgemeinen viel lieber in seiner gewohnten städtischen Umgebung von karger Unterstützung, als daß er in die Einsamkeiten Canadas oder Australiens hinauszöge, ufn als Siedler ein hartes, aber zukunftsreiches Leben zu beginnen. V. '; Motive für positive EinwanderungspoUiik Da die Auswanderung, wie wir sahen, in wichtigen Ländern .von .der ״Regierung, •unterbunden, in. ■vielen, anderen durch den Geburtenrückgang und sozial-psychologische Wand* Jungen zum Stillstand gebracht wird, so kommt für die Zukunft nur noch ein ziemlich eng begrenzter Kreis europäischer Völker für eine nennenswerte (und ständige) überseeische Auswanderung überhaupt in Frage: cs sind dies die, Spanier und Portugiesen, die Nationalitäten des Balkans und der Nachfolgestaatcn, Polens und der Ramistaaten. Dieser besonders im Vergleich zur Vorkriegszeit gewaltig eingeschrumpften europäischen Auswanderung stehen aber nicht nur große, 1m Sinne der Wirtschaftsgeographie ״untervölkcrtc“ und für curonäische Einwanderer klimatisch geeignete überseeische Gebiete gegenüber, sondern es sind, dort vielfach auch z win gen de Gründe finanzieller, wirtschaftlicher und politischer Art für eine positive Einwänderungspolitik wirksam. Freilich müssen hier aus Raumgründen knappe Andeutungen genügen. Einen wichtigen Faktor bilden z. fl die großen Defizite acr ,Verkehrsuntcrnchmungen, die in vielen Linwandcrungsländcni den Staatshaus• halt belasten, weil man die Eisenhahnen häufig zunächst zur Erschließung baut und ihre Rentabilität dann, erst von einer dichteren Besiedlung des Landes erwarten darf. Ucbcrhaupt steigt in der Regel die wirtschaftliche und politische Macht untervölkerter Länder mit jeder, neueingewanderten Arbeit!• kraft, die Verwendung findet. Aus solchen Gründen wird die Förderung der Einwanderung in Argentinien der Regierung sogar von der Verfassung zur Pflicht gemacht! — Aber auch außerhalb des einzelnen Einwanderungslandes drängen starke Wirtschaftskräfte auf eine Belebung und Verstärkung der internationalen Wanderungen. Schließlich ist es heute ein offenes Geheimnis, daß die Lenkung eines riesigen Kapltalstromcs aus den U. S. A. und anderen kapital eichen Ländern in alte, wirtschaftlich längst voll entwickelte europäische Staaten mit beiderseitiger Verstimmung geendet hat.' Heute begreift, man allmählich Wieder, was man vor dein Kriege, ,besonders in England, sehr wohl gewußt hart: nämlich daß die gegebenen Anlagefclder für neue Kapitalien vor allem in den jungen Ländern liegen, deren Naturschätze noch mehr oder, weniger unerschlossen sind, und deren Besiedlung gleichzeitig auch jene viclbcrufencn ״neuen Märkte“ schafft, nach denen die unterbeschäftigten Industrien der führenden Länder so sehn* süchtig Ausschau halten! Den bestimmenden Einfluß politischer Motive zeigt besonders die weitgehende Umstellung der australischen Einwanderüngspolitik, die nun endlich dafür Verständnis aufbringt, daß der unbesiedelte Norden mit seinen großen Möglichkeiten entweder in absehbarer Zeit von Weißen bevölkert, oder einmal von den Japanern erobert werden wird. Wenn man in diesem bisher ״exklusivsten“ aller Einwandcrungsl,*Inder, wo mir der echte Brite als ״the right type of settler“ galt, heute in den riesigen Projekten zur Erschließung des Nordens ausdrücklich fcstlcgt, cs solle kein Unterschied zwischen Engländern und anderen weißen Völkern gemacht v;erden, sondern alle sollen völlige Gleichberechtigung genießen, so ist dies mindesten^,als Symptom außerordentlich bedeutsam! , Vom Intcrnaüonalen EolgisBtcetilllswefk•’ Genf, 21. Januar. (J. T. A.) Der , Em i grantcnhochkommissar James G. MacDonald, der dieser Tage aus Amerika kommend in London clntrifft; wird am 29. Jänuat in London eine Sitzung mit dem engeren Ausschuß des Beirates der Privatorganisationen abhalten. Dieser Ausschuß besteht aus Vertretern von drei jüdischen Organisationen, nämlich der Jewish Agency for Palcstine, des Joint D(stfibut)on Committee und der Jewish Coloiiisation Association, sowie aus •Vertretern von drei nichtjüdischen Organisationen. Am folgenden Tage wird das Ständige Komitee des Verwaltungsrats des, Emlgrantenhilfswerks, bestehend aus dem Vorsitzenden ,Lord Cedi, dem Vi7cvorsitzfmlen Guard (Urti^uay) und den Vertretern Frankreichs, Hollands und der Schweiz,, zuaantmfntreten, um die Berichte des Entigrintenhochkommissars entgegeijzunehmen., . '׳ , . '’ . ׳• '׳; Du bringst sie hinein, du pflontesi sie ein auf den Derg deines Eigen», den Grund, den dir tum Sitz DU bereitet hast, da» Heiligtum, o mein Herr, da» gründeten deine Hflnde. (II. B. M., XV, 17) Uebtrsehung von Buber*Rosemwttff. Au» dom Wodimabsdmitt ßtr Sonnabend, den 27. Januar. VI. Günstige Konstellation Was ergibt sich aus alledem für uns Juden? Ucber eines können wir jedenfalls beruhigt sein: das Recht der Aus• Wanderung wird man uns Juden in allen Ländern lassen! In Deutschland z. B. ist den nichtarischen Reichsangehörigen im Erlaß des Herrn Rcichswirtschaftsminister! vom 28. 8. 33 ausdrücklich bescheinigt worden, daß ihre Auswanderung grundsätzlich als im Rekhsinieresse liegend anzusehen sei, tmd das ist ja in all den Ländern, die eine Homogenität ihrer Bevölkerung wünschen, sehr naheliegend. In Ländern wie Polen, Rumänien, Oesterreich und Ungarn werden sich wahrscheinlich alle ver» ständigeren Antisemiten mit den etwaigen Pliilosemiten einig sein in der Förderung der jüdischen At1sw׳andcrung, durch welche die kulturelle, wirtschaftliche und politische Judenfrage in jenen Ländern nur an Schärfe verlieren kann. Diese sehr verschiedenen Motiven entspringende Förderung durch die Auswanderungsländer ist ja der zionistischen Politik oft zugute gekommen; sie würde sicherlich auch für die Durch* führung etwaiger Projekte für eine jüdische Massenanswanderung In andere Lander nutzbar zu machen sein. — Für die Einwanderungsstaaten aber bedeutet es zweifellos einen wesentlichen Vorteil, daß kein europäischer Aüswandcrungsstaat hinter den Juden steht, um sie als außenpolitisches Mittel zu benutzen (etwa durch Schaffung einer Irrcdcntal), und daß auch die Juden selbst keine politischen Ziele verfolgen, sondern ausschließlich günstige wirt- »chaftliche Bedingungen und vor allem weitgehende kulturelle Freiheiten erstreben würden. Solche von vornherein beschränkten Ziele zu erreichen, müßte aber wohl möglich sein, da ja, wie oben gezeigt, in manchen Ländern wichtige Orünae für eine starke Einwanderung »nrcchcn und der Kreis der in Betracht kommenden Völker nicht mehr groß ist. Außerdem aber Ist es überhaupt unwahrscheinlich, daß die in Europa vielfach aufkommenden Tendenzen zum ״Totalen Staat", der den ganzen Menschen restlos zu erfassen und auch die Kultur einheitlich zu ge* staltcn strebt, unter den himmelweit verschiedenen Verhaltnisscn anderer Erdteile sich durchsetzen können. Potitische Gebilde wie Brasilien oder seihst die USA, haben, bei Ihrer ungeheuren Ausdehnung, der Verschiedenheit der von Ihnen umschlossenen Rassen, Kulturstufen, Landschaften tina Rlimntc und endlich ihrer relativ geringen außcnpolitlsehen Gefährdung sehr wenig gemein mit dem, was wir hier unter einem Staat verstehen: dem Typus des räumlich eng begrenzten, kulturell und rassisch ziemlich einheitlichen, aber mit anderen, ungefähr gleichstarken Mächten heftig rivali* gierenden europäischen Nationalstaates*). Daß die Judenfrage dem jüdischen Auswanderer über alle Meere folgen wird, solange er Auswanderer bleibt und nicht in sein Land heimkehren kann, das ist freilich gewiß — aber es ändert nichts daran, daß die Auswanderung erhebliche Teile der Judenheit von bestimmten unerträglichen Nöten, die aus der »pezifischcn Situation des heutigen Europa erwachsen, »ehr wohl befreien und zu neuer Gestaltung bringen könnte. " VII. Jüdische Emigrationsaufgaben Die wirkliche Kernfrage jedes Versuches, außer* halb Palästinas. , allmählich neue jüdische Zentren in Form geschlossener Siedlungen zu schaffen, liegt In der Notwendigkeit der Berufs Umschichtung der Einwanderer. Wohin eine selbst zahlenmäßig ziemlich geringe, aber überwiegend aus klcinhändlcriscnen Elementen bestehende jüdische Einwanderung in junge Länder führt, haben wir vor wenigen Jahren an zwei Beispielen gesehen: an dem speziell gegen die Ostjuden gerichteten Einwanderungsverbot in Südafrika und an den schweren Unruhen in Mexiko. So gut wie alle Einwanderungsländer brauchen heute in erster Reihe Siedler, in zweiter meistens Handwerker, Industriearbeiter und Industrielle; und es ist die große frage, ob der Umschichtungsprozeß der jüdischen Jugend talsächlich nur im Hinblick auf Palästina möglich ist, oder ob die Idee der Abkehr vom Händlertum und den Intellcktuellenberufen (welche nicht nur in Europa, sondern fast in der ganzen Welt immer stärker überfüllt werden!) heute bereits einen eigenen Wert gewonnen hat. Der Aufbau Erez Israels hat der Welt gezeigt, daß die Juden Pioniere, Bauern und Arbeiter sein können, und dieser Beweis ist ein kostbares Aktivum jeder jüdischen Wanderungspolitik. Aber ist dies nur unter den besonderen seelischen Bedingungen Palästinas möglich? Höchstwahrscheinlich wird die Antwort auf diese Frage wesentlich abhängen von der Stellungnahme der jüdischen Ocffentlichkeit zu der hier besprochenen Idee als solcher. Falls sich die Erkenntnis durchsetzt, daß unter den gegebenen Verhältnissen und bei der im Verhältnis zu dem tatsächlichen Bedürfnis vorläufig beschränkten Aufnahmefähigkeit Palästinas unbedingt der Versuch gemacht werden muß, noch andere Zentren zu schaffen, in denen eine beruflich normal geschichtete, vor den Gefahren der Mischehe, Taufe und restlosen!Assimilation durch territoriale Geschlossenheit geschützte, alle jüdischen Kulturwertc pflegende, auch mit Erez Israel seelisch und geistig verbundene Judenheit leben kann, .dann würde die jüdische Gegenwart um eine große Hoffnung reicher werden. Wahrscheinlich wäre die Anteilnahmc am Aufbau Palästinas, an allen Leistungen der hebrä- Ischen Kultur nirgends lebendiger als in solchen Zentren. Die öffentliche Meinung der Welt hat heute, nach den Ereignissen in Deutschland, glücklicherweise begriffen, daß es ein brennendes jüdisches Wanderungsproblem gibt, und die Stimmung, die in den Völkerbundsbeschlüssen vom letzten September zum Ausdruck kam, könnte, ebenso wie der dort geschaffene organisatorische Ansatz, eine großangelegte jü* dischc Wanderungspolitik wesentlich erleichtern. Aber die erste Voraussetzung für ein Oelincen ist natürlich, daß sich die luden selbst weder von ihren verschiedenen prinzipiellen Bedenken noch von den zweifellos großen und zahlreichen praktischen Schwierigkeiten davon abhalten lassen, die volle Konsequenz aus den Realitäten unserer heutigen Wanderung»• frage zu ziehen. ’ *)In dem tiefen Buch Alfred Webers ״Die Krise de* modernen Stäatsgedankens in Europa“ (1925) ist nachgewiesen, wie »pezifilch europäisch unsere Vorstellungen vom- Staat sind. ן