Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 6 (19.1.1934)
- Date
- 1934-01-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 7 0 DI SO H C RUNDSCHAU Nr, 6, 19.1.1934 Frontsoldaten ־/. B. stellte und stellt auch heute formal noch eine jüdische Organisation dar, die eine Interessenvertretung der jüdischen Frontkämpfer sein will. Sic kann ihrem Wesen nach also eigentlich nicht in die geistigen und politischen Auseiuandersetzungen cingreifen, die im deutschen Judentum vor sich gehen. Trotzdem glaubt seit einer Reihe von Monaten diese Organisation, die Rolle des antizionistischen Vorkänipfers übernehmen zti müssen. Die Zahl der Zionisten, die in dieser Organisation tätig waren, ist niemals groll gewesen. Durch die Aufgabe der innerjüdischen Neutralität ist es jedem Zionisten und jedem, der die Erkenntnis der Judenfragc in sich aufgenommen hat und den Weg zu einem vollen lebenskräftig gen Judentum sucht, unmöglich gemacht, in ihr zu verbleiben. Wir glauben aber, dal! cs im Interesse des Ansehens der deutschen Juden erforderlich ist, daß auch diese Organisation sich auf das ihr zukommende Arbeitsgebiet wieder besinnt und nicht den ebenso aussichtslosen wie würde* losen Versuch macht, sich der Umwelt zu empfehlen, die noch vor kurzem entschieden geleugnete Andersartigkeit der Juden heute gezwungenermaßen zuzugeben, aber sic gleichzeitig mit einer unzulässigen Identitätserklärtmg gegenüber der deutschen Umwelt zu verbinden. Hier liegt eine opportunistische Haltung vor, die mit aller Energie abzulelmen ist (wobei die Anmerkung gestattet sei, daß diese Haltung nicht einmal opportun ist!) Es ist jetzt mehr denn je notwendig, daß die Juden nicht nur äußerlich den Prinzipien des auf dem Rasse* Standpunkt stehenden Staates Rechnung tragen, sondern sich auch aus eigenem Willen und freudig als eine durch ihre menschliche Eigenart besondere Gruppe der Umwelt cinfiigeii. Daß man hiervon noch allzu weit entfernt ist, zeigt eine Gründung, die vor einigen Tagen erfolgt ist. Eine Reihe von Verbänden des deutschen Judentums bat unter der Finna ״Land und Handwerk“ eine Organisntion geschaffen, die eine Art von Ocgcnbcwegung gegen den ״Hechaluz.“ darstellt. Der Arbeitsbereich dieser Organisation umfaßt ״Schaffung, Verwaltung und Aufbau neuen deutsch-jüdischen Lebensraums“. Wie dies allerdings bewerkstelligt werden soll, wird in dem Programm nicht gesagt. Berufliche Umschichtung ist gewiß erforderlich, sie ist aber nur dann sinnvoll, wenn man der Jugend ein sichtbares Ziel für ihre spätere Arbeit gibt, wie es bei der Arbeit des ״Hechaluz.“ für Palästina der Fall ist. Wir glauben daher nicht, daß die jüdische Jugend dem Ruf der neuen Organisation folgen wird. Sie ist viel zu realistisch und zugleich auch idealistisch eingestellt, um nicht zu sehen, daß die Voraussetzung für einen Weg in eine persönliche Zukunft und zu einer Befestigung des Judentums der völlige Umbau des jüdischen Lebens ist, der allerdings unter den Bedingungen, unter denen die europäischen Juden heute leben, nicht möglich ist. Das wird man auch nicht mit Organisationsgriindungcn aus der Welt schaffen können, die nur eine Fassade darstellen, hinter der nichts als leere Begriffe stecken! Wir sind der Ansicht, daß all die hier erwähnten Versuche mit dem Rückzugsgefecht derjenigen Kreise Zusammenhängen, die in den vergangenen Jahrzehnten das deutsche Judentum repräsentierten. Die Mehrheit der Juden seihst ist an all dem nicht interessiert. Sie kämpft einen schweren Kampf um ihre Existenz und empfindet zugleich, daß dieser Kampf nicht in der Vereinzelung aussichtsvoll und sinnvoll ist, sondern nur dann, wenn jeder Einzelne sich als verantwortlicher Träger des Schicksals der jüdischen Gesamtheit empfindet. Darum ist Palästina auch für denjenigen Teil der deutschen Juden, der sein Leben in Deutschland führen wird, ein zentraler Faktor geworden. Es ist nicht so, daß eine Trennung der Aufgaben und eine Fixierung starrer Fronten im deutschen Judentum möglich ist. Die Zionisten und alle, die den nationalen Charakter der Judenfrage erkannt haben, wissen, daß sic voll verantwortlich auch für das Schicksal der hier Lebenden sind, und daß sie allein imstande sind, aui Grund ihrer historisch fundierten Erkenntnisse und ihrer Hinwendung zum lebendigen Judentum die Zukunft de! Gesamtheit der deutschen Juden zu garantieren. Dies gilt sowohl von dem Verhältnis zur deutschen Umwelt wie auch von der inneren Formung des deutschen Juden■ tums, der Gestaltung seiues Gemeinschaftslebens unc seiner kulturellen Güter. Wenn wir einen Kampf mi gewissen jüdischen Gruppen zu führen gezwungen sind dann geht es nicht um Auseinandersetzungen mit Ver einigungen von größerer oder geringerer Bedeutung, son dem darum, daß ein M i n i in a I j u d e n t u m noch immc versucht, Einfluß zu erlangen, und daß wir ihtn unse ren^ Willen cntgegenstcllen, ein volles, ungebrochene jüdisches Leben, das auf dem Boden Erez Israels er wächst, auf das ganze jüdische Volk einwirken zu las se" u״d es so aus der kritischen Situation heraus zuführen, in die es im letzten Jahrhundert gelangt ist Der Kampf ist also nicht ein Streit um Worte und Begriffe, sondern ein Ringen um die letzten jüdischen Werte, ein Hinüberziehen jüdischer Menschen zu den Quellen ihres eigenen Wesens und zu ihrer echten menschlichen Substanz. Wir haben die Hoffnung, daß das deutsche Judentu! Prüfung, die ihm auferlegt worden ist, in diesei Eine Rede von Martin Buber ,dm 11. Januar erii/fnete flau Frankfurter Jüdische Lvhrlums mit einer ilher/illllen Veranslalturlg seinen Winterlehr■Ran!’, den ersten kompletten!,ehr Kam!, seil seiner Erneuerung im vergangenen Herbst, Eingeleilet 11 Hilde die Kundgebung durch den im Frankfurter jüdischen Knnsiteben ־eine immer bedeutendere Sielte einnehmenden Ehrcnrcich'schen Kammerehor, der In der für ihn kennzeichnenden Gepflegtheit und Strenge zwei sgnngogalc Kompositionen von Hantelt Sehorr Sant’ nni! damit reichen Hei fall erntete. Dann sprach in einer fast zweistündigen Ilede der Leiter des!,ehrlunises, Martin Untrer, Über das ilrundthrma des Lehrgangs: ״Der Jude in der Will". Im Folgenden ist der Geilankengang der Itede wiedergegeben: 1111 ernsten Sinn des Wortes gibt es den ״Juden in der Welt“ erst von einem ganz bestimmten Zeitpunkt ah. Das ist nicht etwa der Zeitpunkt der Zerstörung des jüdische״ Staats* wesens durch Titus, wohl aber der tles Zusammenbruchs des Har Kocliha-Aufstands. Als Jerusalem auf hörte, eine jüdische Stadt zu sein, als der Jude in seinem Land nicht mehr heimisch sein durfte, da erst wurde er in den Weltnbgrund geschleudert. Seither stellt er in der Welt als der schlechthin ungesicherte Mensch. Innerhalb der allgemeinen Ungesichert* heit, die das Zeichen menschlicher Existenz überhaupt ist, gibt es seit jener Zeit eine Menschen a r t, deren Schicksal es ist, auch jener problematischen Sicherheit der Menschen zu entbehren.' Es ist diese schicksalhafte Ungesichertbeit der iüdisehen Diaspora, die wir mit der Bezeichnung ״Gallith", a, h, Versehlcpptheit, meinen. Was ist die Ursache dieser Ungcsichertheit? Die jüdische Gemeinschaft ist schlechthin uncinrcilibnr, sie widerstrebt allen geschichtlichen Kategorien und Allgeincinhegriffcn, sic ist ein• maliger, nersotthaflcr Art. An dieser Einzigkeit Israels muß das natürliche Bedürfnis nach Erklärung bei den Völkern — mul Erklärung bedeutet immer Einordnung in Kategorien — zerschellen. Was sieli aber nicht cinrei 11111־, sich also nicht ver* stellen lädt, das ist durch sein Dasein erschreckend. Was ge• legenilicli gesagt worden ist, der Antisemitismus sei eine G e s p e!1 sterfu rc!11, das hat in diesem Sachverhalt seinen Waliiluitsgruiid. Die wandernde, irrende, preisgegebene de• inclnsclinft, anders beschaffen als jede andere und keiner vergleichhir, hatte für die Völker, in deren Mitte sie lebte, in ihrer Uncinrcihhnrkeit stets etwas Gespenstisches (und das konnte wohl nicht anders sein); sic ist ein in Wahrheit ״Unheimliches", Eleimloscs, dem, wo es auch Fuß zu fassen meint, der Boden alsbald einbricht. Dieses Uneinreihhare, mit dem 111,111 nicht vertraut wird, ist dann jeweils enthusiastischen Massenbewegungen erlegen (Kreuzziige im 11. Jahrh.), es trägt die Schuld am Massenungliick (״der Jude hat den Schwarzen Tod verursacht“), die Einreihung mißglückt ihm auch hei äußerster Anpassung (Inquisition folgt auf das Marannentum). Sehen die Völker uns als Gespenst (mythisch in der Oestalt des Ahasver eingefangen), so müssen wir doch Wesen und Erscheinung auseinander halten. Wir wissen ja von innen her, daß wir nicht Gespenst sind, sondern lebende Gemein* schaft. So erhebt sich uns die Frage, was unsere Uneinrcihbarkeit in der Erscheinung ihrem Wesen nach bedeutet. Ist das nur ein Mangel im Selten und Denken der Völker? Sind wir eigentlich cinreilibar, und sie verstehen es nur nicht? Ist unsere Uiieinreihharkeit also nur eine negative Ersciicimmg, eine Erscheinung auf Zeit, ein Nlcliteingereihtwerdenkönnen, so lange, bis es einst doch gelingt? Es gibt nur eine Möglichkeit, zu erfahren, daß alles dieses Negative Ausdruck eines Positiven ist. Der Zugang ist der Glaube. Anders als vom Glauben her erfaßt, ist die Uneinreihharkeit unerträglich als das Widergeschichtliche, Widernatürliche; vom Glauben her gefaßt aber ist sie der keiner Erkenntnis, nur im gelebten Bekenntnis sich erschließende Grund und Sinn unseres Daseins: dfe Einzigkeit Israels. Diese Einzigkeit ist nicht die eines Exemplars, wie jedes Wesen, jede Gemeinschaft einzig ist. Die Einzigkeit Israels bedeutet, daß etwas da ist, was seinem Wesen, seiner Geschichte, seiner Berufung nach so einzig ist, daß es eben darum nicht cingcrciht weiden kann. Israel widersteht auch den beiden Kategorien, deren An- Wendung zu seiner Einreihung am häufigsten versucht wird: der Kategorie ״Nation“ und der Kategorie ״Glaubensgemeinschaft“. Völker und Glaubensgemeinschaften sind durch ein kennzeichnendes Merkmal voneinander zu unterscheiden. Völker erfahren ihre Geschichte als Völker; was die Einzelnen erfahren, auch das, worin die Erfahrung des Einzelnen zur Gestalt wird —‘ Dichtung, Philosophie, Kunst — ist nicht Geschichte. Die Gemeinschaften haben aber eiazelne führerische Menschen unter sich, die etwas erfahren, was wir in seiner höchsten und reinsten Form ״Offenbarung“ nennen. Bringen die das Erfahrene den Menschen zu und Ihre Botschaft stiftet Gemeinschaft, dann ist eine Olaubensgemeluschaft geboren. So scheiden Völker und Glaubensgemeinschaften sich, wie Geschichte und Offenbarung sich scheiden. Es gibt nur ein Einziges, wo beides zusammcngcht: Israel hat seine entscheidende Geschichtserfahrung als Offenbarung und es erfährt die Offenbarung als ge- Sinne bestehen wird. Mögen unsere äußeren Lebensbedingungen schwerer geworden sein, die Klarbeit der Erkenntnis von der eigenen Situation und der entschiedene Wille zu einem echten jüdischen■ Leben sind int deutschen Judentum erwacht, und sie werden sich zwangsläufig durchsetzen. Dies ist der Weg der jüdischen Jugend, auf ihn begeben sich alle, die guten Willens sind, aus welchem jüdischen Lager sie kommen mögen. Der Zionismus ist der Sam me!• punkt für all diese Kräfte, die er in eine lebensvolle jüdische Zukunft führen wird. K.L. me Palästina - Einwanderung lm Jahre 1933 Jerusalem, IS. Januar. (J.T.A.) Die Exekutive d Jewish Agency teilt mit, daß die Zahl der auf legalem Wef im Jahre 1933 nach Palästina gekommenen jüdischen El Wanderer auf Grund der bis Ende November vorliegend( offiziellen Statistik und zuverlässiger Schätzungen für D zeniber mit 30000 angenommen werden kann. Touristen, d ohne Erlangung einer Aufenthaltserlaubnis ln Palästina g bheben sind, sind ln dieser Zahl nicht Inbegriffen, ln ein Pressebesprechung teilte der Vorsitzende der Palästtna-Ex kutlve, Dr. Arthur Ruppln, mit, daß bisher fast 8000 deutsd Juden nach Palästina gekommen lind. schiclitlichen, volk-stifteiulcn mul volk-führenden Vorgang. Dl! Einheit von Volkstum und Glauhensgiimimdiaft, welche di* Einzigkeit Israels ausinacht, ist nicht bloß empirisch, Schicksal, haft, sondern hier rührt Göttliches an die Menschheit. Es kommt für das Verständnis unserer Situation in der Welt daianf an, zu erkennen, daß die ()(׳schichte des Juden, tums eines doppelten Strebe״■, voll ist: Der ungesicherte Jude strebt nach Sicherung, die tuieinrcihbare jüdische Gemein, schaft strebt nach dem Fingcrcihtwcrdeii. Dies beides durchaus nicht gleit 11/iisit/e״. Das Streben mich Sicherung Ist wie jedes mensehliehe Streben nach Sicherung in seinen} Kern rechtmäßig. Der Mensch kann nicht dazu verurteilt sein sein Lehen in Unsicherheit zu verbringen. Nicht das Streben nach Sicherung kann also in Frage gestellt werden, woh| aber die Wege, die eingeschlagen werden, um sie zu er• langen. Da» Streben nach Sicherung kennen wir auch schon au* der Geschichte des alten israclitisdien Staates, in dem auch die Ungesiriieriheit der Diaspora in eigentümlicher Weise schon vorgebildet war. Zwischen den beiden entscheidender! Macht, gebilden des Alten Orients, Aegypten und Babylonien, ah Durchztigsland gelegen, war es sein Schicksal, bald dem einen bald dem anderen leichte Beute zu sein. Man strebte immer wieder danach, seine geographisch ־ politische Unsicherheit inachtpolitiseh 711 überwinden. Man lavierte und paktierte bald nach der einen Seite und bald nach der andern in der Hoff, iiing', sich so zu behaupten, E; ist der eigentliche politische In• halt der prophetischen Rede, daß sie vor solcher falschen Siche• ruiig malmt. Die Propheten wissen und sagen es voraus, <|j§ Israel mit all seinem Lavieren und Paktieren unterrchen muH, wenn cs nur als politisches Gebilde existieren will. Bestehen kann es — und das ist das Paradox ihrer Mahnung und du Paradox der jüdischen Geschiclitswirktichkcit — nur dann, wena cs auf seinem Beruf der Einzigkcit'bcharrt: Wirk• liehkeit zu machen aus dem im Bund gesprochenen Wort Gottes, Sagen die Propheten, daß es für Israel keine andere Sicherheit gebe, als die in Gott, dann meint das nicht einen proklamierten Glaubenssatz, sondern das Wirklichmacheu des Gemeinschaft*• daseins, zu dem Israel im Ootteshimd berufen worden ist, und das in eben der ihm allein möglichen Weise durch die 06• schichte zu tragen seine Berufung ist. In der Spätzeit der Diaspora nimmt das Sicheriingsbedtirfntj die absonderliche Form des Bedürfnisses nach Einreihung an. Ist die Unciiircihbnrkcit die Ursache dafür, daß wir den Völkern unheimlich erscheinen, dann meinte man müsse die Uneinreih• barkeit beseitigt werden. Auch hier ist das Ereignis in der alten Geschichte vorgebildet in dem ״Wic-alle-Völker-sein"-Wollen der Satnuetschcn Krise. Aber geschichtliche Form (wenn auch eine karikaturhaft-gcschichtliche) gewinnt das Bedürfnis eben erst in der Spiitzcit des Exils, in der Emanzipation. An ihr sind die Juden nicht allein beteiligt, und an ihrem Gebrechen, daß die Juden nicht als Gemeinschaft rezipiert worden sind, son• dem als Einzelne, sind sie nicht allein schuld. Am Anfang der Emanzipation stand die Frage der Völker, ob dies uneinreihbare Israel etwa doch in eine der üblichen Kategorien einzu• reihen sei, und so fragten sie, ob die Juden eine Nation »eiert oder eine Religion. Die Auseinandersetzungen, die der Eman* zipation in Frankreich voran gingen, nehmen schon alles vorweg, was in späterer Zeit an Meinungsverschiedenheiten sich an dieses Fragen knüpfte. Aber auch ein Wort wie dieses findet sich darunter, von Napoleons Kultusminister Portali.s in einem von Napoleon angeforderten Bericht über die Juden im Jahre 1*2 niedergeschrieben: ״Die Regierung konnte nicht umhin, die Ewigkeit dieses Volks zu betrachten, das durch alle Umw.il• zungen und alles Mißgeschick der Jahrhunderte sich in unsere Zeit hinübergerettet hat, da es . . . den Vorzug genießt, Gott selber zum Gesetzgeber zu haben“. Hier hätte sich richtige Erkenntnis anschließcn können. Doch hat keines der Völker die ungeheure Aufgabe angenemmen, eine Gemeinschaft als diese einmalige Gemeinschaft frei zu machen und aufzunehmen, und kein Jude hat daran gedacht, daß sie eben ln dieser Weise gestellt sei. So wurden die Iratt• viduen emanzipiert. Unser Gesetz hat im Mittelpunkt die Fürsorge für den ungesicherten Menschen; das ist der Schwerpunkt des jüdlscheu Rechts. Es gebt nach ihm nicht, daß der Ungesicherte und Schwache, der Anne, die Witwe und Waise, der volksfremd« Oastsasse, minderen Rechtes sei ah der Starke, Mächtige, Ge• sicherte. Diese Weisung vorn ״einerlei Recht“ ist nicht an Israel allein gesprochen, sie ist hinausgegangen zu (len Völkern, unter denen Israel Gastsasse wurde. Die Völker haben geantwortet, wie die Oeschichte es lehrt. Was aber uns selber an geht, das ist, wie wir Juden auf die Emanzipation geantwortet haben. Und da finden wir eine maßlose Verwirrung: der Einreihung»• drang ist zum Einreihungskrampf geworden. Israel wurde ver• dünnt, zur ״Religion“ oder zur ״Nation“, die Einzigkeit ist preisgegeben worden. Und doch gibt cs für Israel keine andere Sicherheit als die, daß es seine durch menschliche Kategorien nicht zu fassende, weil faktisch eine übermenschliche Kategorie, dar• stellende Einzigkeit auf sich nimmt: das Joch des Königtums Gottes. Es heißt in der Schrift, Gott bestimme sich Israel ״zum Namen". ״Name“ bedeutet in der Schrift häufig, daß etwas an sich Unfaßliches faßlich wird —: in der Wirklichkeit. M. N Die Rückwanderung von Emigranten Die Tagespressc hat über einen Erlaß berichtet, den der Preußische Ministerpräsident Gftring als Chef der Geheimen Staatspolizei zu der Frage der Rückwanderung deutscher Emigranten aus dem Auslande veröffentlicht hat. Dieser Erlaß hat naturgemäß für die deutschen Juden insofern Interesse, als unter den aus Deutschland Ausgewanderten eine beträchtliche Zahl deutscher Juden sich befindet. Allerdings muß man feststelicn, daß wohl die überwiegende Mehrzahl der aus Deutschland ausgewanderten Juden nicht aus politischen Gründen die Heimat verlassen hat, sondern deshalb, um in ander״ Ländern eine neue Existenz zu suchen, nachdem die wirt* schaftiiche n Grundlagen ihres bisherigen Lebens er• schüttert worden sind. Aus diesem Grunde dürfte eine Rückkehr nach Deutschland und die Wiedereingliederung in das deutsche Wirtschaftsleben für diese ausgewanderten Juden nur zu einem kleinen Teil möglich sein. ln dem Erlaß wird u. a. darauf hingewiesen, daß ״die Rück• kehr der vielen Tausende von Flüchtlingen nichtdeutscher Staatsangehörigkeit, deren Zahl in der Ver• waltungsratssitzung des Hilfswerks für Flüchtlinge aus Deutsch• Jand in Lausanne insgesamt auf 16 000 angegeben worden ist, 1m neuen Deutschland nicht erwünscht Ist. Falls diese — zumeist von Osten her eingewanderten Flüchtlinge — ■wieder hier auf• tauchen sollten, um ihre unsauberen Geschäfte in Deutschland erneut aufzunehmen, sind sie in polizeiliche Haft zu nehmen und bis zur endgültigen Ausweisung in ein Konzentrationslag« zu bringen“.