Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 4 (12.1.1934)
- Date
- 1934-01-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 7 0 Dl SC H E RUNDSCHAU Nr. 4, 12.1.1934 Hebräisch in lateinischen Lettern? Von Jechicl Fischer, Heidelberg. Zu der Bemerkung von Fritz Rasenthal ln Nr, 102 der ״Jüdischen Rundschau" sind uns ofno!leihe van £11(gcgr111n• gen zugegangen. Die von Zeit zu Zeit aujtauchendc Anregung, hebräisch in lateinischen Leitern zu drucken, zu deren Anwalt sich insbesondere Ittamar Bcn-Awl (Jerusalem) gemacht hat, fand stets bei dar großen Mehrheit aller hebräisch Sprechenden entschiedenen Widerspruch. Die Anregung ist mehr als ein Kuriosum zu werten und ist bisher nur von wenigen ernsthaft befürwortet worden. Darum betrachteten wir cs als fair, auch einen Anhänger von Ilcn-Awl zu Worte hormnen zu lassen und es schien uns überflüssig, die allgemein bekannten (legen-Argumente zu wiederholen. Da jedoch die Gegner sich gemeldet haben, geben wir aus den uns zugegangenen Zuschriften (in stark gekürzter Form) die Ausführungen von T)r, Jechicl Fischer tvieder, dessen Einwände auch von anderer Seite erhöhen werden. Damit hetrachten wir die Diskussion als geschlossen. Red, Mit dem Aufsatz von F. Rosenthai (Nr, 102 der ״J. R.") ist diese, an sieh niclit mehr neue, Frage wieder der Oeffentlichkcit zur Diskussion vorgclcgt worden. Dies verlangt auch wieder eine klare Antwort von entgegengesetzter Seite, auch wenn sie nichts Neues enthalten sollte, zumal die Gefahr, dall weitere Kreise lediglich aus opportunistischen Gründen Freunde dieser Ncuerungsbcstrcbuiigen werden, eine Gefahr, die ja F. Rosenthal selber verhüten möchte, heute begreiflicherweise mehr denn je besteht. Zunächst ganz kurz — die hebräische Schrift ist uns ein nationaler Wert geworden, ln ihr ist unsere jahrtausendealte nationale Kultur entstanden, mit ihr ist der jüdische Mensch eng verwachsen, sie ist ihm ein teuerer und integraler Bestandteil der jüdischen Kultur geworden. Und kein vernünftiges, seiner Kultur bewußtes Volk gibt freiwillig seine nationalen Werte auf. Der Araber zum Beispiel weiß die Bedeutung der seidigen richtig einzuschätzen, auch der Japaner denkt trotz aller technischen Modernisierungen nicht daran, auf seine doch wirklich nicht sehr benueme Schrift zu verrichten und erst recht nicht die Griechen, die Serben, die Bulgaren, die Russen, die Rutliencr, die sämtlich zäh an der Ucbcrlicfcrung festhultcn. Man versuche doch einmal dem Griechen einzureden, daß er sein unpraktisches Alphabet gegen dasjenige vertausche, welches die Italiker seinerzeit von den weit überlegenen Griechen übernommen und dann zum lateinischen weitergeformt haben — ein stolzes Lächeln wird die Antwort sein. Und wie war es doch mit dem griechisehen Alphabet? Ist es nicht aus dem phönizisch-hcbraischcn entstanden? Wird das durch die Namen der griechischen Buchstaben und die Tatsache, daß auch Oricchiscli Ursprung* lieh von rechts nach links geschrieben wurde, nicht ge-!lügend bezeugt? Einem Einsichtigen besagt das schon genug. Wenn man aber alles abtun zu müssen glaubt, indem man die Betonung der nationalen Werte als ״sentimentale S c h w ä r m c re i“ bezeichnet, dann habe ich nichts gegen diese Bezeichnung; nur erinnere man sich daran, daß auch der Standpunkt Hcrzls und aller Zionisten einst als solche Schwärmerei verschrieen ward und cDß auch die Thesen der ״Neinsager“ auf dem Ugandakongrcß in dieselbe Kategorie hinciugchören. Ein Zionist wird sich leicht daran erinnern und danach orientieren können. Dem Praktiker aber sei die Frage gestellt: haben wir das Tauschgeschäft nötig? Das große Ver* sprechen lautet dann: ״Anschluß an die W c 1 tku i t u r". Man frage sich aber offen und ehrlich, was hinter dieser Phrase eigentlich noch steckt. Welche geistigen, kulturellen Vorteile erwachsen uns daraus? Welche Nachteile haben wir bei Unterlassung dieses ״Kultnranschlusses“ einzustecken? Ich habe trotz, reiflicher Ucberlcgung nicht einen einzigen gefunden. Fs ist ein Irrtum, wenn man glaubt, das hebräische Buch sei wegen seiner Quadratschrift' ein Buch mit sieben Siegeln, das den ״Lese I us t i g e n abhält**; dies ist nur die Ausrede eines Lese u nIu s 11 ge n. Die sieben Siegel liegen nicht in der Schrift, sondern in der Sprache. Die Schrift — das wird jeder hebräische Lehrer, alicr auch jeder über die ersten Anliinge hinausgekommene Schüler zugeben — ist das einfachste und kann schlimmstenfalls in zwei bis drei Wochen erlernt werden; und dann wird wohl ebenso selmeil aber richtiger gelesen, wie ein latinisiertes Hebräisch, das in seiner sonderbaren Transskriplioii auch recht sonderbar aniniitit. Auch kein Nichtjude wird sich ernsthaft durch die Schrift abschreckeu lassen. Sonst könnte ich mir nicht die Tatsache erklären, daß z. B. die allerwenigsten Deutschen Polnisch oder Ungarisch je gelernt haben, obwohl beides mit lateinischen Lettern geschrieben wird, wahrend doch ein ungemein größerer Prozentsatz ein Interesse dem Russischen cnfgcgengebraclit hat, obwohl dieses sein altes cyrillisches Alphabet beibehalten hat. Die erschwerende yokal- und Zusammenhang* losigkeit der hebräischen Schrift sind nur Scheinargumente. Die Schwierigkeit der Vokallosigkeit besteht darin, daß sie ״das Lesen eines Textes nur dann möglich macht, wenn die vorkommeuden Wörter dem Lesenden bekannt sind“, Line kleine Einschränkung muß hinzugefügt werden; cs ist das nicht so zu verstehen, daß einige unbekannte Wörter bereits eine merkliche Erschwerung der Lektüre bedeuteten. Wer die Sprache einigermaßen beherrscht, wird auch mehrere unbekannte Vokabeln mit oder ohne Hilfe des Wörterbuchs (das er ja ohnehin hcran/ichcn muß! leicht vokalisicrcn können. Freilich das Beherrschen der Sprache bis zu einem gewissen Grade ist erforderlich. Dies ist aber auch in anderen Sprachen der Fall. Wer hat denn schon je englisch lesen gekonnt, solange er nicht einen relativ sehr großen Wortschatz sich aiigccigiict und die Sprache schon einigermaßen bcherrscht hat? Es ist richtig, daß es schwieriger ist, einen imvokahsierten, als einen vokalisierten hebräischen Text zu lesen. Aber diese Schwierigkeit wird sehr überschätzt. Diejenigen, die über die Anfänge des hebräischen Unterrichts bereits hinaus sind, werden cs an sich selbst festgestcilt haben, daß bei einiger Ucbung auch diese Schwierigkeit relativ leicht (leichter, als sie gedacht hatten!) zu bewältigen ist. Völlig bedeutungslos aber ist der zweite ״große Mangel“, der der / u s a nun e n hanglosigkeit der Schrcibscliriltzdclien. Diese ist ja auch mir noch bei Anfängern und Leuten, die einen besonderen Wert darauf legen, üblich. Wer nicht zu diesen Kategorien gehör», der schreibt nie hebräisch, ohne die einzelnen Schriftzckhen miteinander zu verbinden. Wie in der lateinischen Kursivschrift die ursprüngliche Zusammen* hanglosigkeit durch Verlängerung mancher Linien und Her* Stellung von Verbindiuigsstrichen beseitigt worden ist, so ist dies auch 111 der hebräischen Schrift nicht nur möglich, sondern eben schon geschehen — freilich sind diese Verbindungslinien noch nicht durch den Wa’ad Halaschon 'S!lfr' ׳.al,cr aucb. 4as wäre möglich. Ich möchte hier d1durrtfCH,.Hn?H-a11d Wldtrlefie11> daß die hebräische Schrift dadurch undeutlich, unleserlich würde. Solange die Ver* i!1״C|״a0״Kr1Cnu״־^h '״ Bnc, Kokokosclmörkel ausarten, die Schrc?berhn "c noc!' öbIich sinddic aber auch bei o äSs einem L״־prfhc" ("«""?«*יי bci Unterschriften) entstehen ästhetischen Bedürfnis heraus emsxencn, ist eine hebräische Handschrift dem He- ן**•«*) ך»™•*׳ ן""**""* ןי*■׳ f« ן <4!, ־׳ 1 ׳ מ. ־! Ä V* >1 4 kl ־.«fl ' ן .ן i fcU Köm# i ך׳») ,־״י*׳-*** ■ .,i a*«1i |' f׳M N■ Ha* *»14 ^fee- ***f j*™Tjt ^•**n fr**״i ׳ W i»Ü s m*. m imj, /*ץ«*־ «ff Zu dem in Nr. I 2 der ״Jüdischen Rundschau" veröffentlichten Feuilleton ״Der Czorthmve/' זדדדד>» s. ».-Mitarbeitern haben wir einige Zuschriften erhalten, die sich gegen die dort geäußerte Beurteilung des Chassidismus wenden. Der Chassidismus ist seit seiner Entstehung überaus heftig umstritten worden, und auch heute noch bann man aus den Schilderungen verschiedener Beurteiler hcrauslescn, oh der Betreffende chas• sidischcr oder ״misnagdischer" Herkunft Ist. Die hochmütige Ablehnung des Chassidismus durch das ״aufgeklärte" Judentum haben udr niemals mitgemacht. Wir möchten auch betonen, daß es der ,Jüdischen Rundschau" ganz fernliegt, die persönliche Integrität chassldischer Würdenträger anzntwelfcln, vielmehr sollte In der Schilderung von 8. n. die eigentümliche soziologische Bedingtheit aller Ersehetnungen unseres Gaiuthlehem auf gezeigt werden. In unserer Vorbemerkung zu dem Artikel von s, n. wurde auf das Werk Marlin Buhers verwiesen; gerade fetzt wird das neue Büchlein der Schochen-Bücherei ״Ihmdert chassidische Geschichten" hoffentlich einem wetten Kreise die Tiefe und Innigkeit der chasstdtachen Welt zugänglich machen. Wir geben nachstehend zwei uns zugehommenen Aeußcrungcn Raum. Red. Welt der Chassidim Von Dr. L. Margulies, Mannheim Als einer, der den Chassidismus und speziell den am Hofe des eben heimgegangenen Czortkower Rabbi aus langjähriger Wahrnehmung kennt, bin ich der Ansicht, daß in dem Artikel von s. n. eine Verkennung einer im Ostjmlcntum stark verbrel* teten Bewegung vorliegt. Ein sehr beträchtlicher Teil des Ost* Judentums, also ein ansehnlicher Teil des jüdischen Volkes über* naupt, war bis zum Weltkriege ,-hassidisch orientiert und lebte unter dorn Einfluß seiner Rabbis. Schon aus diesem Umstande läßt sich der Schluß ziehen, daß in dieser Bewegung ein gesun* der Kern steckt, daß sie einem starken inneren Bedürfnis der ostjfulischen Massen entspricht. Wenn in Westeuropa der ״ilu'jrdlsclic“ Chassidismus jetzt eine gerechtere Bewertung gefunden hat, als dies lange Zeit der Fall war, so sehe ich nicht ein, warum niclit dasselbe auch dem ״praktischen“ Chassidismus gegenüber am Platze wäre. Zwischen beiden bestellt kein Unterschied. Insofern der Rabbi etwas lehrt, so lehrt und entwickelt er die Lehren der Kabbala. Und wenn letztere hauptsächlich wegen ihres Gottes* begriffe» in früheren Jahrhunderten von den Rabbinern heftig bekämpft wurde, so kann gegen die Haupttätigkeit der Chassi* dimrabbis auch vom konservativsten Standpunkte au* nichts cingewendet werden. Der Name ״W11 n d erra bbf" Ist falsch'. Weder ver* spricht der Rabbi seinen Anhängern irgendwelche Wunder, noch erwarten diese welche von ihm. Der Name stammt von den Gegnern des Chassidismus; dieser sollte durch ihn ver* ächtlich gemacht werden. Wenn der Chassid mit dem ״Quitte!“ (Zettel) vor seinen Rabbi, der in seinen Augen der frömmste ihm erreichbare Mann ist, hintritt und ihn um Fürsprache vor Gott in Form des Gebetes angeht, so hat dieser Vorgang zahl* lose Vorbilder in unserem religiösen Schrifttum. Daß Einzel* Personen oder Gruppen in Ihrer Not einem Menschen, den sie für besonders fromm halten, Vertrauen schenken und hoffen, daß er durch sein Gebet ihr Schicksal zum Guten wendet, ist so alt, wie der jüdische Glaube an Gott und an dessen Len* kung des menschlichen Schicksals. In der chassidischcn Vorstei* lungsweit spielt eine große Rolle der Glaube an den Znddik (Fromme), der nicht erst durch sein spezielles Gehet göttliche Hilfe bewirkt, sondern schon durch seine bloße Existenz der Welt Segen und Rettung bringt. Dieser Qcdanke stützt sieh auf einen Bibelvers (Prov. 10, 25): ״Der Gerechte (Zaddik) ist das Fundament der Welt“. Mail wird auch an das rührend schöne Wort im Talmud erinnert: ״Die ganze Welt wird um meines Sohnes Chanina (R. Chanina b. Dossa) willen ernährt, während mein Sohn'Chanina an einem Maß Johannisbrot die ganze Woche genug hat." Ob der Czortkower oder ein anderer Rabbi mit einem der biblischen oder taimudischen Frommen auf dieselbe Stufe zu stellen ist, dafür ist nicht die Meinung der Außenstehenden, sondern die des Chassid ausschlaggebend. Uchrigens ist der Talmud auch diesem Problem zuvorgekom* men, indem er sagt: ״Jiflach bedeutete zu seiner Zeit dasselbe, was der große Prophet Samuel zu seiner Zeit bedeutet hat.“ Und hätte man den heimgegangenen Czortkower oder einen anderen Rcbbe gefragt, woher er denn seine Berufung ablcite, so hätte er niclit auf seine eigene Bedeutung hingewiesen, son* dern bescheiden mit einem Mischnawort geantwortet: ״Das Verdienst ihrer Väter sieht ihnen bei“ (Pirkc Abotii). Die Fa* milic Fricdmanu stammt nämlich vom Baal Schein ab. Der Chassidismus in der hier zur Rede stehenden Oestait ist schon fast 200 Jahre alt; Millionen Juden werden von ihm freiwillig ohne den geringsten Zwang beherrscht. Er ist also im echten Sinne des Wortes eine jüdische Massenbewegung, Was mögen die Wurzeln dieser Bewegung sein? Die Juden des Ostens — und hier interessiert uns vor allem Galizien mul die Bukowina, der Sitz der Nachkommen der Rizincr — leben in Armut. Und ״Armut“ ist nach einem Worte Goethes ״die größte Plage“. Sie hat, namentlich bei Juden, noch andere Leiden in ihrem Gefolge. Nicht nur Hunger, Krank* keit und Siechtum, sondern auch Ratlosigkeit und Verzweiflung und, was den Juden am schwersten drückt, die bange Sorge um das Fortkommen der Kinder. Der Rabbi ist nun derjenige, an den sich viele in ihrer Not wenden, nicht um materielle Hilfe sondern um Segen, Rat und Zuspruch. Ob der Segen des Rabbi wirklich hilft, Ist eine andere Frage, Genug, daß derjenige, der ihn verlangt, an ihn glaubt. Und sind Trost, seelische Aufrich* tting, wiedererwachte Hoffnung für einen ktimmcrbdadencn, niedergebeugten Menschen wirklich nichts? Wie viele Ungc* zählte mögen schon daraus neuen Mut und frische Kraft ge» schöpft haben, die sie befähigten, manchen Versuch, manches Werk, das sie schon verloren gegeben, wieder nufzunchmcn und erfolgreich durchzuführen! Weiter: So ein Rabbi, der jhhr* lieh von Zehntausenden Menschen verschiedener Berufe, ver* schiedcner Lebensstellungen und aus verschiedenen Gegenden aufgesucht wird und ihre Verhältnisse kenneniernt, erwirbt sich eine immense Lebenserfahrung und -klugheit, die er dann in der Beratung seiner Anhänger in weltlichen Angelegenheiten nutzbringend verwenden kann. Er vermag nicht nur zu die* sem Geschäftsunternehmen zu raten und von jenem abzuraten, den Sohn das und nichts anderes lernen zu lassen, er vermag auch — und dies oft sehr treffsicher — dem Kranken oder Oncrationshcdürftigen den besten Arzt oder Chirurgen zu emp* fehlen — es stehen ihm ja die Erfahrungen einer großen An* hängerschaft zur Verfügung - wie er auch zu raten vermag, ob eine Auswanderung vonnöten sei oder nicht, und wenn ja, wohin. Er wird auch dem einen oder dem anderen bei dem oaer jenem seiner Anhänger ein Fortkommen in Form einer An* Stellung und dorgl. verschaffen können. Jeder, der den Rabbi zu sprechen wünscht, wird vorgclassen und ist dies keineswegs von einer vorherigen Geldicistung abhängig, dies kann jeder ans eigener Wahrnehmung bestätigen. Daß Hie und da ein Mißbrauch von seiten des ״Üabbe“ vorkommt, mag sein, i»t aber gewiß selten und kann den Trägern des Chassidismu* nicht zur Last gelegt werden. Das Bild wäre unvollständig, wenn wir nicht noch eines anderen Zuges gedächten. Der Besuch beim Rcbbe konzentriert sich in der Regel an den jüdischen Feiertagen, am stärkste« zu Rosch Hasclianah, dann am Scbcwuoth, Chanukkah und am Schcininl Azercfh — Simchat Thora. Besucherzahlen von 5000 bis 10000 sind keine Seltenheit. Schon das Zusammcnströmen einer solch großen Zahl von gleichgesinnten und glcichge• stimmten Menschen gibt der Sccicnstimmung eines Jeden einen mächtigen Auftrieb. Er äußert sich auch im Gottesdienst. E» wird laut, mit Begeisterung und Emphase gebetet. ״Dienet Oott in Freude“ (Psalm 100, 2) ist die Losung des Chassidismus. Was anderen Theater, Konzerte oder der Stammtisch bieten, findet der Chassid am Hof seines Rabbi: Vergessen seiner tagliehen Sorgen, Zerstreuung und Aufheiterung und dies durch das denkbar edelste und erhabenste Mittel, durch Freude hervorgegangen aus dem Gottesdienst und der Nahe des Zaddik. Am Vorabend des Simchat Thora ziehen Gruppen von Chassi* dim Psalmen singend durch die Straßen zum Abendgebet in der riesigen Synagoge des Rabbi. Gleichzeitig führen andere Grup* nen, ebenfalls Psalmen singend, auf dem weiten Hof vor den Fenstern des Rabbi Reigentänze auf. Diese Tänze setzen sich dann in der Synagoge nach dem Abendgottesdienst zwischen den einzelnen Hakafoth (Umzüge mit den Thorarollen) fort. (Die Hakafoth finden dort auch am Vorabend des Simchat Thora statt.) Der Chassid kehrt jedesmal mit einem neuen Kraftfonds ausgerüstet, innerlich bereichert und für seinen schweren Alltag gestärkt, nach Hause zurück. Dem Eindruck dieser frommen Fröhlichkeit — ich wüßte nicht, wo sie sonst in der Welt in dieser Form noch anzutreffen wäre — vermag sich auch der unbeteiligte, nicht chassidische Zuschauer nicht zu entziehen. Was den oft getadelten Luxus der ״Wunderrabbis״ betrifft, so wird dieser stark übertrieben. Das ״Palais“ wird nicht nur vom Rcbbe, sondern auch von seinen verheirateten Söhnen und Töchtern mit all ihren Familienangehörigen bc* wohnt. Bleibt der Park, dessen Luxiisbedeutung auch stark zusammenschrumpft, wenn man bedenkt, daß der Rabhi sehr seiten seinen Hof verläßt. Daß der ״Czortkower“ den Zionismus nicht gefördert hat, ist richtig, er wäre auch unter den Rcbbcs eine Ausnahme geblieben. Er hat ihn aber, zum Un* tcrschiede von den anderen, z. B. dem Beizer, auch nicht bo kämpft. Er hätte übrigens damit einen schweren Stand gehabt, weil Ostgalizien seit jeher eine Hochburg des Zionismus Ist. Es bleibt noch zu berichtigen, daß der ״Rizincr“ weder in Huslatyn, noch in Czortkow jemals seinen Wohnsitz hatte, son* dem in Sadagora (Bukowina), wo er auch gestorben ist. (Vgl. Dubnow, Geschichte des Chassidismus II.) Ferner war derLeh* rer dca Mlsnagdimrabbincrs Schapira Samuel David Luzatto (der berühmte ״Schedal") und nicht Chaim David Luzatto. Die Familie Friedmann Bcrlin-Charlottenburg, 9. Januar 1934 An die Redaktion der ״Jüd. Rundschau“, Berlin ht Nr. 1/2 Ihrer Zeitschrift ist unter dem Titel ״Der Czortkower“ eine von s. n. gezeichnete Darstellung des Wir* kens des vor kurzem verstorbenen Oroßrabbiners Israel Fried* mann und seiner Vorfahren erschienen, die um der histori* *chen Wahrheit und der Ehre dieses berühmten Rabbiucrge* »ciilcclits willen niclit unwidersprochen bleiben darf. Wenn c» dem Verfasser, wie der redaktionellen Vorbemerkung zu seinem Aufsatz zu entnehmen ist, darum zu tun war, auf Entartung*• crscheinttugcn des Chassidismus hin/.uweisen, so hätte er sich wahrhaftig einen anderen Gegenstand der Betrachtung wählen müssen als das Leben dieser von Zchntausenden hochverehr• ten Familien. Ich betone, daß ich keineswegs zum Kreise der Czort* kower Chassidim gehöre, wohl aber durch freundschaftliche Bc* Ziehungen zur Familie Fricdmanu Einblick in deren Wirken im jüdischen Leben habe. Es ist unwahr, daß dem ״Risiner“ je* mals Banknotcnfälsehung oder Militiirbefrciungsschwindel vor* geworfen wurde. Wahr ist, daß seine Verhaftung durch die russischen Behörden wegen angebticlicr ״Wundertäterei“ er* folgte, und daß er frei gelassen wurde, als sich hcrausstcllte, daß seine Macht über die Massen ausschließlich dem Einfluß seiner Ideen und seiner Persönlichkeit zuzuschreiben war. Un* wahr Ist, daß ״Kämpfe“ um die Speisereste des Rabbiners ge* führt wurden. Wahr ist, daß es als Ehre angesehen wurde, Speisen von seinem Tisch zu erhalten. Verleumdung sind alle Berichte über Bcstccluingsvcrsuchc zur Erlangung von Nieder* iassungscrlaubnis, vollkommen unwahr alle Erzählungen über die angeblich luxuriöse Lebensführung der Familienmitglieder. Die Forderung Israel Friedmanns durch die österreichischen Behörden war nicht ״Liebesgaben an den Bezirkshauptmann“, sondern dem religiösen Verständnis Kaiser Franz Josephs zuzU* *chrclben. f”' ganzen ist zu der Darstellung von s. n. zu sagen, daß sie nicht imstande ist, das erhabene Bild dieser Familie von Frommen und Talmud-Oclehrtcn zu trüben. Hochachtungsvoll Marcus Hornstein. brter ebenso leserlich, wie eine deutsche dem Deutschen — wobei der Grad der Leserlichkeit lediglich von der Individualität des Schreibers abhängt. Unleser* ach ist eine solche hebräische Handschrift freilich für den Anfänger, aber weiches deutsche Kind aus der zweiten Volks* schulklasse vermag eine nlchtkalligraphierte deutsche Hand* schrift zu entzitfern?1 Die wichtigsten Motive dieser Neuerung sind der Opportunismus, bei den einen Anhängern dieser Idee, und (nennen wir das Kind beim Namenl) die Aisimila• n?8u jht, bei den anderen. Das Judentum aber wird die jüdischen Werte wahren und wird auch zu dieser Assimila* tionserscheinung ״n e i n“ sagen. r i v » f e J a e M k z tl e d 8* 8' U P d d u V ii w l ii *< a li w u V h d St h E w j< d Z is fi is L b 81 et tot se w K et Li 81 B ih bi A w rr V v t II d ti fi e u N F *I Im Laufe des Januar oder Februar soll mit dem Bau von zehn großen Pctroleumreservoirs bei Haifa be* gönnen werden, in denen die Irak-Petroleum-Ocscllschaft die w/iL. ,0,c.lie‘der5 in Kirkuk übcr 121)0 Me׳len durch die wüste geleiteten Petroleumvorräte aufspeichern wird. t 1 J I < f x t <