Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 4 (12.1.1934)
- Date
- 1934-01-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4, 12. f. 1934 jüdische Rundschau Seite 5 .W>i egs der ein l»t nui ssider up- Jen lieh (reu art. hat gsidi icn H« מ t 1a- דיו nr Universitäiskurse in Tcl״Äwiw Von unserem palästinensischen Korrespondenten. gl. Tel-Awiw, Ende Dezember 1033. In einer feierlichen Zusammenkunft, die Schriftsteller, Dichter und Künstler, Lehrer und Professoren der Universität Jerusalem mit den Hörern vereinigte, wurden in Tcl-Awiw die ersten Umversitatskursc eröffnet. Die Hebräische Universit.1t auf dem Skopus hat sich im Laufe seines kurzen Be- Stehens entwickelt, Fakultäten geschaffen, den Kreis ihrer Professoren, wissenschaftlichen Mitarbeiter und Studenten ständig erweitert. Aber wahrend dort oben auf dem Berge bei Jcru- Salem Stein um Stein für eien Aufbau einer Universität gelegt wurde, stand man in den weiten Kreisen des Publikums diesem Werk mit einer gewissen Ungeduld gegenüber. Die Juden in Palästina sind immer ungeduldig, es geht ihnen ,lies zu langsam; und wenn sie sich auch bewußt waren und es immer wieder gesagt wurde, daß man Universitäten noch weniger als andere große Werke ans dem Boden stampten kann, daß sie ein langsames Wachstum bähen, das Jahrzehnte und vielleicht Jahrhunderte verlangt, daß dieses Wachs* tum der Bürge ist für gründliche wissenschaftliche Arbeit und eine Tradition der wirklichen Forschung, so gab man sich doch mit der Sachlage nicht zufrieden. Man verlangte nicht ,0 sehr ein pil/haftes Sprießen der Lehrstühle als einen stärkeren Zusammenhang mit dem täglichen Lehen im Lande und eine Wechselwirkung zwischen dem werdenden jüdischen Palästina und seinem obersten Lchrinstitut. Die Stätte auf dem Skopus sollte nicht eine abgeschlossene Zelle sein, sondem ein Zentrum, das auf das ganze Land zurückwirkte und von ihm beeinflußt wurde. Mit dem Ziel, einen solchen Kontakt zwischen der Universit.1t und weiteren Kreisen zu schaffen und den Männern in Jerusalem eine Resonanz und einen Rückhalt zu geben, wurde vor längerer Zeit eine ״Gesellschaft der Förderer der Universität“ geschaffen. Wichtige Kräflc konzentrierten sich In diesem Unternehmen. Bialik widmete ihm viel von seinem Interesse und seiner Mitarbeit, lehudah Kaufmann, seit Jahren mit der Kulturarbeit im Lande verknüpft, stellte sich den Arbeiten zur Verfügung, Lehrer, Wissenschaftler wurden herangezogen, die Arbeiterschaft zeigte ihr Interesse. Jetzt beginnt diese Gesellschaft mit ihrem ersten großen Werk und eröffnet Universitätskurse in T el-Awiw. Sie bestehen aus einer Folge wissenschaftlicher Vorträge und Seminare, für die sich die Professoren Jerusalems zur * Verfügung gestellt haben, die jedesmal dafür nach Tel-Awiw hinüberkomtucn. Der Lehrplan umfaßt verschiedene Zweige der Naturwissenschaften, Judaica, jüdische und allgemeine Gcschichte. Für den Anfang gibt sich das Programm als reichhaltig und erfreulich ernsthaft und gründlich. Daß bei der Einrichtung solcher Kurse nicht alle Fächer sofort erfaßt werden können, ist selbstverständlich. Eine große Lücke fällt jedoch auf den ersten Blick auf: cs fehlt das wichtige Gebiet der Nationalökonomie und Wirtschaftsichre und in seinem Zusammenhang auch Kolonisationsgeschichte. Dieser Mangel ist aut die Art der Fakultäten in der Universität zurückzuführen. Wir haben ia noch keine ökonomische Abteilung. Es Ist jedoch offensichtlich, daß gerade in Palästina, einem Lande der Sicdlungstätigkeit, Fragen der Wirtsch aft und besonders der Kolonial Wirtschaft und ihrer Geschichte aktuell und bedeutungsvoll sind und die Schaffung einer entsprechenden Fakultät immer dringlicher wird. Bei solchen Kursen, wie denen, die jetzt in Tel-Awiw beginnen und die einem größeren Publikum zugänglich sind, ist diese Lücke im Lehrprogramm vielleicht noch fühlbarer als In Jerusalem selbst. Man muß hoffen, daß hier bald Abhilfe geschaffen wird. Wie groß das Bedürfnis nach solchen wissenschaftlichen Kursen ist, zeigt sich in der starken Beteiligung. Es wurde einmal in der Presse der Lehrplan bekanntgemacht und im Laufe weniger Tage hatten sich über dreihundert Ftörer zusammengefunden. Hörer aus ganz verschiedenen Kreisen und Berufen, Lehrer, Arbeiter, Wissenschaftler, die entweder in Ihrem eigenen Fach Weiterarbeiten oder sich über andere Gebiete orientieren wollen, Frauen und Männer verschiedenen Alters, Es zeigt sich, daß viele das Bedürfnis nach ernstem wissenschaftlichen Unterricht haben, und daß trotz der übermäßigen Lebendigkeit der Stadt (eine Flut von Vorträgen, Versammlungen, Theatern, Konzerten, Arbeiterseminaren usw.) vielen diese ״leichtere Kost" nicht genügt. Im Laufe der Kurse wird sich zeigen, ob aus diesen Hunderten von Hörern sich Gruppen zu ernster Wissenschaftlicher Arbeit hcrausbilden. Das Gelingen dieser Kurse ist für die Zukunft von Bedeutung. Die Idee, die ihnen zugrunde liegt, ist eine Fruchtbarmachung der Universität nicht nur für Tel-Awiw, sondern für das glanze Land. Von diesem einen Zentrum soll die wissenschaftliche Arbeit ausstrahlen und nach und nach alle Gegenden des Landes umfassen. Nicht nur auf die Ausbildung der Studenten und die Forschungsarbeit in den Fakultäten wird es dann ankommen, londern auf eine ernste Bildungsarbeit mit großem Radius. Der Eröffnungsabend trug einen gesammelten und wür- «Igen Charakter. Es war eine Erfrischung und Beruhigung, in ibtw '& fe IfesJ!**teil I *.41 .. .»4. * K.4 k4«• *mit einer Zeit, die zu einem Babel der Sprachcuvcrwimuig und des Stammelns in den Straßen der Stadt zu führen drohte, wieder ein reines, mit den Assoziationen der Flterntnr getränktes Hebräisch zu hören, klangvoll und frei von den üblichen Floskeln der Propaganda und der Volksrcde. Es war eine Erfrischung und Beruhigung, in dieser Sprache von der Ver* tielung der Kultur reden zu hören, von der Verankerung mit. dem einzigen sicheren geistigen Nährboden, den wir besitzen. Hier wurde die Verbindung und Verwandtschaft aller wahren Kulturen untereinander hervorgehoben, Hs schien, als wären wir auf dem Wege zu dem so erträumten und so fern erscheinenden Ziel: mit festem Grund unter den Füßen und der eigenen Werte sicher, bereit zu sein für die Betrachtunp aller anderen Kulturen, der Aufnahme und Schätzung anderer Welten. Wenn diese Universitätskurse wirklich diesen Weg gehen, wenn sie in der sicli überstürzenden Entwicklung und der damit verbundenen Verwirrung eine feste Insel oes wahren Lernens schaffen, dann wird hier im vollen Sinne des Wortes eine Stätte der Kulturarbeit entstehen. Als Student in Jerusalem Wir Studenten müssen uns das Geld für das Studium verdienen. Das hat seinen Vorteil, Keiner kann sich einlcbcn, kann Anteil am jüdischen Leben haben, wenn er nicht den Weg der Arbeit gegangen ist. So wird hier aus dem Zwang Erziehung. Wir verdienen uns unser Brot, indem wir körperlich arbeiten (cs haben viele Studenten bei den Erwciterungsnrbeiten der Universität mitgearbeitet), indem wir Lehrer sind und Stunden — sei es Nachhilfe oder hebräische Sprachstunden — geben, indem wir alle Arbeit verrichten, die uns zugänglich ist, und die wir neben dem Studium leisten können. So haben einige aus unserer Mitte Führungen durch die Altstadt veranstaltet. Um uns das Leben zu verbilligen, mieten wir mit mehreren zusammen ein Zimmer; es ist in diesem Jahr zum ersten Male der Versuch gemacht worden, eine Gemelnschaftswohnung zu errichten. Mehr als zehn Studenten haben sich eine Etage gemietet, in der sich ein großer Saal, der für studentischc Veranstaltungen benutzt wird, befindet. Studentinnen kochen und erledigen Hausarbeiten. Hoffentlich glückt dieser Versuch gemeinschaftlichen Wohnens: denn er ist nicht nur eine Verbilligung der Lebenshaltung, sondern ein ausgezeichnetcr Weg zur Kameradschaft. Wir Studenten sind in der Histadruth hastudentim zusarnmengefaßt. Ihre Aufgabe ist zum größten Teil Erledigung von technischen Angelegenheiten. Sie hat eine Mensa, in der es zu billigen Preisen gutes Essen gibt, eingerichtet. Sie bemüht sich, Arbeit für die Studenten zu finden, sic steht jedem Studenten zur Flilfe bereit, vermittelt zwischen Studenten und Lehrkörper, steht mit der aus- Jändischen jüdischen Studentenschaft in Verbindung, ermöglicht Verbilligung für Theater und Kino. Bald werden wir, wenn die Geldmittel reichen, ein schönes Studentenhaus be* kommen, das Grundstück ist auf dem Scopusberg?chon zur Verfügung gestellt. Die kulturelle Arbeit und die Verbindung der Studenten mit der Öffentlichkeit erfolgt in den studentischen Gruppen der Parteien. Die größte ist die der Arbeiterpartei. Regelmäßig finden Vorträge statt. Die Gruppe veranstaltet ferner Ausflüge. Ein anderes Mittel dieser Erziehung zur Oemein- Schaft ist der Neschef, ein fröhliches Beisammensein. Jeder zeigt hier seine künstlerischen Fähigkeiten, alle zusammen lernen sich gegenseitig kennen: das gemeinsame jüdische Lied, die Horrah, sind Ausdruck gemeinschaftlichen Erlebens. — Die revisionistische Gruppe, die nur wenige Studenten umfaßt, will Universität und Student fn ihrem Oeist erziehen. Auen sie veranstaltet Fahrten und Festlichkeiten. — Eine religiöse Gruppe besteht, die im Sinne der Lehre Universität und palästinensisches Leben gestalten will. In diesem Semester ist ein Chor gegründet worden, der den musikalischen Oedanken unter den Studenten ausbreiten soll. Ein Orchester 8011 demnächst geschaffen werden. Turnabende werden veranstaltet, um da* körperliche Wohl nicht zu vernachlässigen. Hans Münchhausen. Promotionsleier in Jernsalem Nach Beendigung der Abschlußprüfungen und der Oradulerung der Kandidaten, die diese Prüfungen bestanden haben, fand an der Hebräischen Universität Je• rusalem in Anwesenheit des High Commissioner Sir Arthur Wauchope die feierliche Uebcrgabe der DiplQmc an die Graduierten statt. Ansprachen hielten der High Commissioner, der Kanzler der Universität Juda L. M a g n e s und Sir Philip Hartog, der sich im Aufträge des vom Kuratorium der Universität eingesetzten Komitees zur Uebcrprüfung der Lage der Anstalt und Aufstellung von Plänen für ihren künftigen Ausbau derzeit In Palästina aufhält. Dr. Magnes kündigte in seiner Aussprache an, daß 1935 die ersten Promotionen von Absolventen der naturwissenschaftlichen Abtellungen stattfinden würden. Deutsche Judcnfragc und nordische Literatur , Die ״Nordische Rundschau“, die von den nordi- *chen Auslaiidsinstitufcn der Universität Greifswald heraus- (?*,geben wird, veröffentlicht in Heft 3 von 1933 eine Be- *Prechung Über ״Deutschlands jüngste Entwicklung im Spiegel des nordischen Schrifttums“. Es heißt darin u. a.: ״Wir beg'nncn mit der Darstellung der Judenfrage, der meistgenannten, und nennen zuerst die wissenschaftliche Abhana- Jung von Albert Olsen: Antiscmitisme og Racedogmen i moderne tysk Politik. Oisen zeigt die Gründe für das An- Wachsen des Antisemitismus auf, belegt durch reiches statisti- *rhes Material den im Verhältnis zur Volkszahl weit. un* gleichen Anteil der Juden im deutschen Geistes- und Wirtschaftsleben und kennzeichnet die der Assimilation der Juden *ehr schädliche Wirkung der zionistischen Bewegung. Der y*>n Deutschland vertretenen Rassenlehre vermag er sich jedoch nicht anzuschließen. In der Betonung einiger f״r 9*® kulturelle Leben wichtigen jüdischen Persönlichkeiten tnttt tr »ich mit E. G. Leijonhufvud: De svenska juderna Infor uationellt forum, der sich deshalb gegen den scliwedischen Antisemitismus wendet. Kam Olsen von der Statistik, s° Psychologisch Frcdrik Book in: Hitlers Tyskland (Morstcdts) den Qrund für den Antisemitismus wesentlich in der antigermanischen Einstellung führender Juden im Geistesleben. Wahrend Gustav Akermann: Nationalsozialismen sodologi und Nationalsocialismens yttringar soziologisch den Akzent auf die 0•tjuden verlegt. Er, wie auch Halfdan Hogsbro: De nye Reugioner, Kommunisme og Nationalsociallsipe som Livsans- *uelser (De Unges Forlag, Aarhus) betonen vorsichtigerweise «usdrückiich die für den Ausländer nur unvollkommen «10g־ «che Beurteilung der Judenfrage in Deutschland. Notwendige Beiträge zur Psychologie der Juden und zur Statistik hat ln mannhafter Weise der in Deutschland lehrende schwedische Professor Sven Hclandcr in: Judcfragart I Tyskland nach Schweden berichtet, und so den Lügen- und Räubcrgcschichteil gesteuert. Oanz auf das Oelcisc des wirtschaftlichen Konkurrenzkampfes schob der emigrierte ehemalige Chefredak* tcur der ״vosslschcn Zeitung“ Georg Bernhard das Juden* probten! in seinen drei Aufsätzen In ״Politiken״, denen man in bezug auf die Widerlegung der ausländischen Greuel- Propaganda ehrlichen Willen nicht absprechen kann. Bernhard und Böök sind — um es zu verzeichnen — die Einzigen, die sich zur Lösung der Judenfrage äußerten, wenigstens der interimistischen: Böök wünscht die volkliche Anerkennung der Juden, plädiert bei unveränderter Stellung des Antiscrnitismiis für das Recht der nationalen Minderheit; Bernhard hofft auf das Rechtsgefühl der Deutschen und die spätere Wiedcreinordntmg der Juden in das deutsche Volksleben, ein Gedanke, mit dem auch Tryggve Oran: Nasjonalsoclalismen og lodene sympathisiert. — Eine interessante Parallele zu dem Verfall der deutschen Dichtung unter jüdischem Einfluß zog für Schweden von nationalem Standpunkte aus K. O. Ossianniisson in: Judchatct, in dem er auf ähnliche Verfallserscheinunegn in seinem Vaterlande warnend hinweist.״ Juden gibt es im Das heißt ohne die Zahl genauer feststeht, Mutterlandc. Auf diese iß diese mit ziem- Paris minbasiert in Im Ruthenberg-Elektrizitätswerk am Zusammenfluß des Jarkon und des Jordan wurde eine dritte Turbine für 8000 Pferdekräfte aufgcstellt. Die Gesamtleistung des Elektrizitätswerks ist damit auf 24 000 Pferdekräfte gestiegen. Der Oroßrabblner von Jugoslawien, Dr. Isaak A1 k a I a y. war anläßlich seines zehnjährigen Amtsjubiläums Oegenatina von Ehrungen durch die jugoslawische Judenheü Die Juden in Frankreich י. n. Paris, im Dezember 1933, Wenn man von ״Judciiheit in Polen“ spricht, so versteht man darunter nicht mir die Gesamtzahl der in Polen lebenden Juden, sondern micF einen nur von geringen lokalen Ab- Weichlingen veränderten, einheitlichen Typus. Das gleiche gilt für Rußliml, Litauen usw. Spricht man jedoch von den Juden in Deutschland, so hat man bcreils zwei Lager im Auge: die seit langem in Deutschland und in deutscher Kultur heimisch gewordenen und die später eingewanderten Ostjudcn, Zwei jüdische l.ager gibt es auch in Südslavieit, die Spaniolen und die Aschkenasim. In den Vereinigten Staaten jedoch, in Frankreich und vor allem in Palästina sind die Juden in viele Lager geteilt. Zunächst eine Frage: wieviel europäischen Frankreich? Juden In Algier und Marokko, deren als die der Juden im französischen Frage gibt cs keine zureichende Antwort. Alle Zahlen, mögen sie in jüdischen Soziologien, Jahrbüchern oder Statistiken genannt sein, beruhen nur auf Schätzungen, ln Frankreich besteht die Trennung von Staat und Kirche. Die religiösen Gemeinschaften sind freiwillige Organisationen, die auch nicht entfernt die Gesamtheit die Bekenner einer bestimmten Konfession umfassen. Es gibt keine obligatorischen jüdischen Gemeinden und auch die allgemeine Statistik liefert keine Handhabe, um die Zahl der einer Glaubensgemeinschaft Angehörenden auch nur in groben Zügen fcstzustellcn. Gilt das schon ft'״ die Katholiken und Prolestanten, um wie viel mehr noch für die Juden in Frankreich, von denen ein großer Teil, man mag cs wahr haben wollen oder nicht, sich mitten im Prozesse vollständiger Assimilation befindet und daher bestrebt ist, die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft zu verschweigen. Mag das Zentralconsistoirc in Paris auch Zahlen verschiedenster Art angeben, wer nur einigermaßen Bescheid weiß, wird diesen die Anzahl der Juden betreffenden Angaben nur einen Schätzungswert beizumessen vermögen. Die meisten französischen Juden leben in Paris. Das ist das einzig Sichere. Wie viele cs aber sind, die in Paris leben, vermag kein Mensch zu sagen. Außer Paris gibt es noch einige größere Gemeinden in S üd f ran k r eic h; aber auch für jene kleineren Städte gilt das gleiche wie für Paris. Die Anzahl der dort lebenden Juden wird nur schätzungsweise ermittelt. Nur bezüglich Eis a ß - Lot h ri n gens sind die statistischen Kenntnisse etwas besser. Man weiß, daß dort ungefähr 18000 Juden leben, und daß die Zahl der dortigem Juden sich in den letzten Jahren gegenüber dem Vorkriegsstand vermehrt hat. Sonst aber gibt es keine einwandfreien Angaben über die Zahl der im kontinentalen Frankreich lebenden Juden. Die Schätzungen mit dem Anspruch auf größte Wahrscheinlichkeit bewegen sich zwischen 190 000 und 250 000, wobei der Löwenanteil auf Paris entfällt, von dem man behauptete, daß es bis zum Eintreffen der jüdischen Auswanderer aus Deutschland 150 000 luden in seinen Mauern beherbergte. Es kann aber sein, elali Zahl zu gering veranschlagt wurde. Man kann licher Sicherheit annehmen, daß sich momentan In destens 160000 Juden aufhalten. Diese Schätzung erster Linie auf den Angaben des Consistoircs, der Zahl der bestehenden zahlreichen jüdischen landsmannschaftlichen Vereine und der großen jüdischen Organisationen, die in Paris ihre Zweigstellen haben. Viel genauer Ist man über den Charakter der versehiedenen Oruppen unterrichtet, die in ihrer Verelnigung die französische Judenheit ausmnehen. Es gibt sechs größere, _ abgesehen von kleineren Splittergruppen. Diese sechs sind: Juden aus Osteuropa, französische Juden, elsässische Juden, sephardische Juden, tunesische Juden und schließlich deutsche luden. Von den Splittergruppen sind erwähnenswert holländische Juden, italienische Juden, englische Juden und amerikanisierte Juden. Das Kennzeichnende für das französische Judentum ist, daß die einzeinen Oruppen voneinander abgeschlossen sind. Für die Tatsache, daß die Ostjuden innerhalb des französischen Judentums ein Sonderdasein führen, gibt es genügend zureichende Erklärungen: Verschiedenheit der Herkunftsländcr, der Sprache und der gesellschaftlichen Schichtung begründen die Separation genügend. Warum aber die ’ Lager der elsässisclicn und autochthoncn Juden voneinander streng geschieden sind, ist auf den ersten Blick nur schwer zu verstehen. Tatsächlich gibt es zwischen französischen Ju* den einerseits und scphardischcn und tunesischen Juden andererseits nicht weniger Zusammenhänge als zwischen Iranzösischen und elsässischen Juden. Dabei ist zu bemerken, daß der Umfang dieses Zusammenhanges nicht allzu groß ist. Man ist aus den Erfahrungen in Zentralcurop־! daran gewöhnt, daß sich die Scphardim von den Aschkenasim fernhalten. Man weiß aus den Vereinigten Staaten, daß zwischen den sogenannten ״Jahudim'% den Nachkommen der um das Jahr 1850 aus Deutschland Eingewanderten und den Ostjuden eine schwer zu überbrückende Kluft existiert. Die französischen Juden sind exklusiv und halten sich von den anderen j&- dischen Lagern in einer peinlich beobachteten Distanz. Man müßte nun meinen, daß die übrigen Lager durch die Gemeinsamkeit des Gegensatzes zu den vornehmen französischen Juden einigermaßen innere Bereitschaft bekunden würden, zu einer Einheitlichkeit zu gelangen. Davon ist vorläufig nichts zu merken. Die elsässischen Juden sind eine geschlossene Gruppe für sich, von der Sehnsucht erfüllt, in die Gesellschaft des französischen Judentums autgenommen zu werden, jedoch voll herber Zurückhaltung gegenüber den anderen jüdischen Lagern. Die spanioli« sehen Juden, von denen die Mehrheit die französische Sprache gut beherrscht, hat Berührungspunkte mir dem französischen Judentum, gibt aber peinlich darauf acht, nicht mit den tunesischen Juden, soweit diese nicht Spa« niolcn sind, in einem Atemzuge genannt zu werden. Die tunesischen Juden führen gleichfalls ein Sonderdasein und haben nur mit Spaniolen und französischen Juden einen, allerdings nur sehr losen, Zusammenhang. Die aus Osteuropa ausgewanderten Juden stellen die von den anderen jüdischen Oruppen isolierteste dar. Von den eingewanderten deusehen Juden kann man noch nicht viel erzählen. Sie sind viel zu kurz Im Lande und zum großen Teile bisher Objekte Im jüdischen Leben Frankreichs gewesen. Am gründlichsten und raschesten ist die Verschmelzung der kleinen jüdischen Splittergruppen mit dem französischen Judentum vor sich gegangen. Es ist eine alltägliche Erscheinung, daß holländische und italienische Juden in Frankreich mit französischen Juden eine Kompagnie schlie* ßen und sich gemeinsam wirtschaftlich betätigen sowie in verwandtschaftliche Beziehungen zueinander treten. Wese Splittergruppen werden, wenn kein neuer Zuzug aus ihren Herkunftsländern erfolgt (und die Wahrscheinlichkeit hierfür ist gering), in kurzer Zeit aufgesogen sein. Wobei zu beachten ist, daß die Assimilierung dieser Splittergruppen nicht an die Elsässer, Spaniolen, Tunesier oder Ostjuden, sondern an die Schicht der eingeborenen französischen Juden erfolgt. Frau Miriam Ben •Oavrfel hat an dem neuen Konservatorium in Jerusalem einen Lehrauftrag für praktische Phonetik der hebräischen Sprache erhalten und die phonetische Aufsicht der von Carl Salomon geleiteten beiden Chöre (Akademischer Chor und hebräischer Mädchen-Chor) über- Botinnen,