Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 1-2 (5.1.1934)
- Date
- 1934-01-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. 1/2, 5.1.1934 JODISCHE RUNDSCHAU Seit« S Juden auf der Bühne (X« Hann» Johst „Propheten" Im Srndhlhenier Berlin) U'enn ein repräsentativer Dichter tlieier Zelt In einem Ideen-Drama, das «n der ersten Bühne Deutschlands in Szene geht, «ich jüdische Gestalten einfuhrt, dann , ergibt sich für 11 "* Jl'dcn ein Bedürfnis, uns auch unsererseits mit einem aolehern Werk auseinanderzusetzen. Denn es kann kein Zufall sein, daß Manns Johst in seinem Drama „Propheten" (Hueiiaiisgabe bei Albert Langen - Georg Müller - Verlag München) Jüdische Oesfalten auftreten lallt. Eine äußere Notwendigkeit — z.B. zur Ergänzung der Milieuschilderung — besteht nicht, wie andere dieselbe Zeitepoche behandelnde Dramen /eigen; es ist also anzunehmen, dal) der Dichter das Jüdische als einen Svmholwcrt gebraucht. In der geschichtlichen Wirklichkeit hat Martin Luther niemals mit Jakob Pfefferkorn zu tun gehabt? noch mit ihm diskutiert. In Manns Jobsts Stück aber wird die entscheidende theologische Diskussion, auf dem 1 löhepunkt des Dramas, zwischen Luther und Pfefferkorn geführt; der getaufte Jude ist es, der alle Hebel einer kalten Dialektik in Bewegung setzt, er ist es, der Luther schließlich dem Gericht ausliefert. Pfefferkorn auf der Bilhild Es ist ein Gedanke für einen jüdischen, hebräischen Dichter unserer Zeit, der hier das Elend t' r jüdischen Sclbstfhiclit gestalten könnte. Bei Johst, der ja ein luthcr-Drama, kein Pfefferkorn-Drama schreibt, ist Pfefferkorn nur Nebenfigur, Es ergeben sich hier jedoch große historische Perspektiven. Für das jüdische Empfinden ist Jakob Pfefferkorn kein Repräsentant des Judentums, sondern ein Repräsentant des jüdischen Renegatentums. Auch für uns ist er eine Symbolgcstalt, die sprichwörtlich geworden ist und die fast in jedem Zeitalter in verschiedenen Incarnationen wiederkehrt: der lüde, der sein Volk verrät und der, um seine Konversion glaubhaft zu machen, um die Gunst der Mächtigen zu gewinnen, ja häufig auch um niedriger Vorteile willen, zu einem fanatischen Hasser seiner Herkunft und seiner Stammesgenossen wird, die er unermüdlich denunziert, Der geschichtliche Pfefferkorn hat bekanntlich eine Heize gegen das jüdische Schrifttum entfacht und die christlichen Autoritäten, die oft selbst an der Richtigkeit ihrer Maßnahmen zweifelten, zu einer Verfemung der jüdischen Bücher veranlaßt. Ihm trat damals der Humanist Johannes R e u c h I i n entgegen, der erste Nkhtjude, der in Deutschland die hebräische Sprache erlernte und dessen Schwester, die Mutter Mclancbthons, uns in Jobsts Drama begegnet. Es ist nicht das einzige Mal, daß in der Geschichte edle und gerechte Christen das Judentum gegen jüdische Angreifer verteidigten. Pfefferkorn, den Hanns Jolist als Gegner Luthers auftreten lallt, war, obwohl jüdischer Rasse, ein fanatischer Feind der Juden und des Judentums. In dieser eigentümlichen Beleuchtung muß man das Judenproblcrn in den „Propheten" sehen. Das jüdische Volk und Jobsts Luther haben sozusagen einen gemeinsamen Feind. Wenn wir Johst richtig verstehen, so sind die Juden-Szenen seines Stückes nur dazu da, um der Gestalt tles Pfefferkorn ein Relief zu geben. Die Herkunft Pfefferkorns soll gewissermaßen augenfällig demonstriert werden. Diese Juden-Szenen, das soll gleich mit aller Offenheit gesagt werden, sind für jüdische Beschauer freilich peinlich. Wir Juden — und besonders das moderne, geschichtlich denkende Judentum — sind nicht empfindlich gegen die Bloßstellung jüdischer Untugenden. Wir sind nicht so töricht zu beanspruchen, daß nur der „edle Jude" (etwa Nathan der Weise) in der Dichtung auftreten müsse. Diesen Grad der Befangenheit haben wir abgelegt. Es ist aber nicht zu verkennen, daß hier für uns eine tiefe Problematik liegt, in der sich in einer besonderen Weise das gesamte Judenproblcrn spiegelt. Große Dichter haben die gedrückte und dämonische Gestalt des jüdischen Wucherers auf die Bühne gebracht. Shviock ist wohl das bleibende künstlerische Urbild. Aber bei Shakespeare eröffnet sich hier ein Blick in die ungeheure persönliche und geschichtliche Tragödie: als Folge des Schicksals seines Volkes, der jahrhundertelangen Unterdrückung und Verachtung, der Unterdrückung aller menschlichen Instinkte, wird der Jude hart und unmenschlich, obwohl in seinem tiefsten Innern, noch das Bedürfnis nach Menschentum und Liebe erkennbar ist. in unserer Zeit hat ein jüdischer Dichter, Richard Beer-Hofmann, in seinem „Graf von Charolais" eine ähnliche jüdische Gestalt geschaffen, den „roten Itzij", ein unbarmherziger Wucherer, der in einer furchtbaren Anklage der Welt, die immer nur die eine Seite zu sehen beliebt, ins Gesicht schreit, warum er zu dem Scheusal geworden Ist, das sie verachten zu dürfen meint. Solche Gestalten^ obwohl sie den „bösen'1 Juden repräsentieren, erregen uns zutiefst, beleidigen aber nicht unsere Gefühle. Viel schlimmer I und beleidigender empfinden wir es ja, wenn Juden, wie et I leider häufig vorkommt, in unerusten Darbietungen sich selbst, jüdisches Schicksal und jüdisches Wesen, besi>ötteln und lächerlich machen. Gerade jetzt zeigen uns Berichte aus dem Auis land.daß jüdische Schauspieler und „Komiker", aus Deutschland f ausgewandert, an anderen Orten dieses unwürdige Treiben weij terführen, ein Verhalten, das vom jüdischen Standpunkt gar | nicht genug gebrandmarkt werden kann. Und diese Juden glatt- « ben sicherlich auf den Beifall von Juden rechnen zu dürfen, < und sie würden sich wohl auch über Antisemitismus anderer ■ noch ereifern. t Hanns Johst hat gewiß die Absicht, objektiv zu blelf ben. In einem 1Q32 veröffentlichten Aufsatz beklagt er es, j daß es in der heutigen Situation schwierig ist, „deutsch zu > sprechen und deutsch zu schreiben, ohne mißverstanden zu I werden, ohne in das Triviale einer antisemitischen Gcsin- I nmig übersetzt zu werden". Er wendet sich auch dagegen, .( daß die nationalsozialistische Bewegung „vielleicht aus der; Abwehr heraus den gleichen Fehler begeht, der an ihr be¬ Rangen wurde, als man .deutsch' dem deutschen Menschen zerkrittelte, zerwitzelte, zersetzte" und er findet Worte der Aufmunterung für den Juden, der sich aut 'sein Volkstum besinnen und sich erneuern sollte. Man darf wohl dieses Bekenntnis heranziehen, wenn man die Juden-Szenen In den „Propheten" richtig verstehen will. Aber bei Johst haben wir es nicht mit tragischen Gestalten (wie im Fall Shylock) zu tun, er will nicht Individualitäten, sondern Typen zeigen. Der Jude tritt auf und zählt seine Dukaten, sie sind das einzige, was die Existenz in einem Land, wo man geschlagen und verachtet wird, zu sichern scheint, und darum hängt der iude an diesen „blanken Köpfchen". Aber dann kommt der Jtter, der sich das Geld borgen will, entreißt dem Juden : den Geldbeutel und, weit entfernt davon, den Schuldschein 1 zu unterschreiben, läßt er ihm noch 20 Rutenhiebe geben. > Aber auch dem schäbigsten Juden ist das Geld nicht der ' höchste Wert: „Der Glaube ist mehr als Fleisch und Blut | und mehr als Taler und Dukaten", Darum verachtet Baruch seinen Sohn, der in Köln getauft wurde und jetzt Pfeffert korn heißt. Er hat einen guten Kopf, dieser Sohn, und — ' hier weist sich der Zusammenhang:, auf den es dem Dichter; ankommt - „brauchen werden sie in Rom seinen Kopf, der; Wittenberger macht ihnen heiß". So aber sieht es Baruch: „Er ist ein Dukaten in ihrem Sack — der Sohn vom alten ■ Baruch — und könnte ein Name «ein unter den Juden . . . Ein Name aber ist mehr als ein Dukaten. Nicht nur der Sohn, auch die Tochter Baruchs ist ab-! trünnig, Sie legt ein Geschmeide auf den Altar des Doms. I Ihr Mann Isaak will da« Geschmeide zurückholen. Bevor ' er den Dom betritt, hllt er einen Monolog, der dem jOdlj »chen Empfinden widerspricht Abgesehen davon, das <*i 7, * r m -k ' ™\ 1 ' i ' » *■* '"U 0lj n ii '.> *■ ( * ,<*.>'., .. u •»«*. ii', Vj# •ivS mm r- * . Ä 7| , \ '! ClGG li'il&fOI #r% k3 ITT» Jü»urg Der Artikel von Dr. Ernst Simon „Ein Jude betet um ein Kreuz" hat dazu geführt, daß Nachkommen von Meno Burg sich bei uns meldeten und Einwände gegen den Artikel erhoben. Es ist begreiflich, daß Verwandte die Sache vor allem von der persönlichen Seite sehen. Oerade darum aber möchten wir betonen, daß die Verötfentlkhung des Artikels nicht um persönlicher Gesichtspunkte willen geschah, sondern als eine Art Zett bild für eine Epoche, die wir nicht verurteilen und nicht lobpreisen, sondern objektiv als ein notwendiges Ergebnis einer bestimmten geschichtlichen Konstellation erkennen. Solche Erkenntnis tut uns not, wenn wir den deutsch-jüdischen Weg auch heute verstehen wollen. Wir haben einen der Nachkommen, Herrn Dr. Theodor Simon, gebeten, seine Gesichtspunkte in der, Jüdischen Rundschau" zu äußern und geben anschließend daran unserem Mitarbeiter Dr. Ernst Simon noch das Schlußwort. Red. Eine Erwiderung Von Dr. Theodor Simon, Bcrlln-Wannsee Der Artikel von Dr. Ernst Simon in der „Jl'ul, Rundschau" vom 10. 12. 33, der sich mit dem Major Burg hcschädigt, kann nicht unwidersprochen bleiben. Ich übernehme die Erwiderung auf Wunsch mehrerer Blutsverwandter des 185'! verstorbenen Offiziers, der übrigens mit Vornamen Meno, nicht „Menno", hieß. Ich bin zu dieser Erwiderung legitimiert als einer der wenigen Biirgschen Abkömmlinge, die dem Judenlume angehören. Die von Ernst Simon aus dem Buch „Geschichte meines Dienstlebcus" herausgehobenen und wegen „Ihres außerordentlich stark pointierten religiösen Tones" glossierten Stellen sind nicht der Ausdruck einer „tiefen und gerade deshalb unbewußten Unaufrichtigkeil". Der jetzigen Generation mag solcher Ausdruck der Religiosität fremdartig, übertrieben und konventionell erscheinen; es war aber der Stil jener Zeit, des ausklingenden romantischen Zeitalters, war aus ihrem Empfinden herausgewachsen und hat in zahlreichen Schriften von Juden und Christen sich niedergeschlagen, auch in solchen, bei denen niemand an Bigotterie oder „unbewußte" Heuchelei auch nur denken kann; der berühmte Werbebrief Bismarcks an den Vater seiner späteren Frau z. B. wurde in dem gleichen Jahre 1816 geschrieben, in dem Meno Burg seine Lcbcnserlnnerimgcn versiegelte. Das Biirgschc „Dicnstlcbcn" war nicht zur Veröffentlichung, mindestens nicht zur Veröffentlichung bei Lebzeiten, bestimmt und ist erst 1854, nach dem Tode des Verfasser», erschienen. Ein streberisches Ziel konnte es also nicht verfol^m. Was schon in dein Buche eindeutig hervortritt, das bewahrt die mündliche Ucberllcfcrung in noch anderen bezeichnenderen Anekdoten auf, nämlich, daß Burg niemals sein Judentum verleugnete, sondern scharf betonte, besonders wenn jemand ahnungslos in seiner Gegenwart über die Juden Abfälliges sagte. Außerdem war dieser Offi/ier zeitweilig Im Vorstände der Berliner Jüdischen Gemeinde tätig und stand an den hohen Feiertagen in Uniform mit dem Talles in der Synagoge in der Heidcrcutergasse. Dr. Ernst Simon hätte der Selbstbiographie Burgs viel charakteristischere Stellen entnehmen können, so etwa die Schlußsätze eines Schreibens, mit dem der damalige Premicrlieutenant den Rat des Prinzen August von Preußen, zum Christentum überzutreten, beantwortet hat: „In meiner bisherigen Laufbahn lit mir kein Hindernis ent- Rcgenjjetrften, welches mich hUt« bewegen können, mich ton meinem Glnuben |nim«ar»en, der mir durch Geburt und Eraiehung eigen geworden, der mir in msnchen trüben Stunden Trost und Hermeling verblüffte. Wer bttrgt mir für die Beibehaltung meiner inneren Ruhe, wai bewahrt mich vor der quälendsten und bittenden Keue bei den Schlügen dei Schick««li, wenn ich ohne meine ITehervugung, mir rom äußeren Scheine geblendet, »ile Riiclc«ichtfn beivite 1»»««, ü heitre t* «nd In den Augen der Welt als Heuchler dastehe? War» Ich (Ii Chriil geboren, wo würde ich diu Christentum io wie jetit dai Judentum, tli tln mir rom Himmel verliehenes Geschenk »ufgenntnmen und bei meinem religiösen Gefühl auch fest und heilig bewahrt haben. Jetit «ber fehlt es mir in Kraft, mein G*wissen tu beschwichtigen, und ich setze den Frieden meiner Seele «ufs Spiel, wollte Ich freiwillig übertreten." „Ein Jude betet um tln Kreuz!" Diese Heberschritt ist Irreführend. Herrn Dr. Simon ist offenbar nicht bekannt, daß, wenn damali ein Offizier die goldene Dienstauszeichnung nach 25jShrlger Dienstzeit nicht erhielt, er seinen Abschied nehmen mußte. Daß das für den Verbleib in der Karriere notwendige Symbol die Form eines Kreuzes hatte, war unter diesem Gesichtspunkt eine Aeußcrlichkcit und ganz unerheblich; «ie rechtfertigt nicht die Ueberschrift des Artikels. Ich habe versucht, das Bild des Majori Meno Burg mit elti paar Strichen zu umreißen, io wie et in der Tradition meiner mütterlichen und auch meiner väterlichen Familie erhalten ist; denn auch mein« Vater» Vater kannte Burg al« sein Arzt gut und stand an seinem Sterbebette. Die Selbstbiographie von Meno Burg ist nur noch in wenigen Exemplaren vorhanden, dagegen gibt es ein von Prot. Dr. Wölbe verfaßtes Buch: „Major Burg, Lebensbild eines jüdischen Offizien", Berlin 1907 bei Louis Lamm erschienen, das allerdings mehr für die Jugend bestimmt war. Schlußwort Von Dr. Ernst Simon, London Mein Artikel hatte sich mit dem persönlich überaus ehrenwerten, charakterfesten und - - In seiner Art — treuen Juden Meno Burg nicht um seiner Vorzüge oder Fehler willen befaßt, sondern weil hier ein besonders zugespitzter Schulfall für eine allgemeine Situation vorliegt, aus dem allgemeine Erkenntnisse zu gewinnen sind. Eine Antwort auf meine Ausführungen hätte also nicht auf eine Ehrenrettung auszugehen brat*- eben, sondern entweder die gezogenen Schlußfolgerungen widerlegen^ oder aber bezweifeln müssen, daß Major Burg jene symptomatische Bedeutung besessen hat, die ich iiim zuschrieb. Beides ist nicht geschehen; trotzdem will Ich auf die vorgebrachten Argumente kurz eingehen, da dies unser Problem auch sachlich weiterführen wir»!. Burgs religiöser Ton sei Gemeingut der ausklagenden Romantik? Ich glaube die weltliche und geistliche Literatur gerade dieser Epoche verhältnismäßig gut zii kennen und bin in meinem Buche „Ranke und Hegel" ausführlich auf sie eingegangen — aber es ist mir niemals begegnet, daß jemand beim Empfang des Roten Adlerordcus 4, Klasse, nach eigenem Bekenntnis, „auf die Knie fällt" und in ein Dank gebet ausbricht. Das ist, gerade bei einem persönlich so ausgezeichneten Manne, wie es Burg zweifellos war, das Symptom nicht einer allgemeinen Zeitstimnuiug, wie mein verehrter Gegner glaubt, sondern das einer spezifisch jüdischen Oeschichtslage, die uns fremde Wcrlnußstahe zu übernehmen und zu übertreiben zwang. Und Bismarcks Werbebrief? Jeder Kentier weiß, daß Bismarck sich seine Braut Johanna v. Puttkammcr aus einem spezifisch pictistischen Milieu holte, daß seine „Erwctkung" die Voraussetzung für den Erfolg seiner Werbung war und daß er sich in schweren inneren Kämpfen, die -lieh der Brief noch spiegelt, den religiösen Vorstellungen des Piittkammerschen Kreises angenähert hat. Läßt es sich — von allen stilistischen und sonstigen Unterschieden abgesehen — wirklich vergleichen, wenn hier der Kampf um die Seele der frommen Frau und dort der um die — allerdings als jüdischer Pionierdienst verstandene — Karriere religiöse Gefühle weckt? Dr. Th. Simon erwähnt die — mir unbekannt gebliebene — interessante Tatsache von Burgs jüdisch-,administrativer und jüdisch-religiöser Betätigung, Acndcrt sie das Bild? Michael Sachs selbst etwa war ein so orthodoxer Jude, daß er vor der Berufung Samson Raphael Hischs für den Posten des Rabbiners der (späteren) Frankfurter Separatgemeincle ausersehen war, ja schon kurze Zelt dort geweilt hat. Und trotzdem hat dieser streng orthodoxe jüdische Fuhrer zu seinem Teil die Assimilation gefördert, zu der es ja eben gehörte, die jüdische Religion ans dem Gesamtkomplex des Judentums zu isolieren. (Eine Analyse der Beziehungen zwischen Michael Sachs und dem noch volljüdischen Seh. J. R a pa p o r t — beide wirkten längere Zeit gemeinsam In Prag — einerseits und Moritz Veit andererseits würd* unsere Einsicht In die Genesis der assimilierten Neuorthodoxie wesentlich fördern.) Kein Wunder also, daß man ihn neben Major Burg finden kann und daß dieser selbst sein religiöses Selbstbewußtsein durch die Uebcrbetonung im Sprachlichen so verräterisch färbt. Für den assimilierten Juden war und ist es „eine A ruß er- Ilchkeit und ganz unerheblich", ob ein Orden die Form des Kreuzes hat: für den christlichen Staat eben nicht. Hier gerade lag — und liegt z. T. noch — das Problem! Doch gebe Ich zu, daß ich die journalistische Zuspitzung der Ueberschrift hatte vermeiden sollen. Major Burg, der sich In gerade nicht streberhafter „unbewußter l/naufrlchtlgkeit" darüber hinwegtäuschte, daß ihm, dem hervorragenden Fachmann, Menschen und Offizier, nur seines Judentums wegen dauernd Zurücksetzung widerfuhr, verkörpert jenen assimilatorischen Optimismus, den der Zionismus ablehnt. Allerdings darf er dabei nicht dem, noch gefährlicheren, Optimismus einer neuheidnischen und pseudomessianischen Verlockung verfallenI Zu dem in Nr. 101 der „Jüdischen Rundschau" veröffentlichten Artikel „Ein Jude betet um ein Kreuz" von Dr. Ernst Simon macht uns der Verlag M. W. Kauffmann, Leipzig, darauf aufmerksam, daß eine neue Ausgabe dieses ursprünglich im Jahre 1854 erschienenen Buches im Jahre 1916 durch Prof. Ludwig Q e Ig e r im erwähnten Verlag erfolgt ist. Jude niemals Oott bei dem Namen nennen wird, Ist auch dieses Ocbet, wo Oott Prozente versprochen und dann wieder abgehandelt werden, wohl nur als Karikatur gemeint. Der Regisseur Jürgen Fehling hat die Juden-Szenen des Buches gemildert, aber er hat manches In einer drastischen Weise verzerrt. Schon die Gestalten, die aufgeklebte Nase de» Juden Baruch und das unechte Oejüdel sind «historisch und bedenklich. Bedauerlich aber ist es, daß die Regie nach dem blasphemischen Monolog des Isaak hebräische Sätze eingeschaltet hat, die in Hanns Jobsts Buch nicht enthalten sind. Es sind die heiligsten Sätze der jüdischen Religion. Wir glauben, daß diese Einschaltungen nicht nötig waren. Wir sind nicht empfindlich, und wenn in einem großen mittelalterlichen Zeitgemälde neben den ldecnträgtrn und Hauptfiguren auch Räuber und Pöbel aller Art auftritt, so sehen wir nicht ein, warum nicht auch minderwertige Juden dabei sein sollen, zumal wenn es sich um die verworfene Familie Pfefferkorn handelt. Wir befürchten aber, daß mancher Zuschauer, der die historischen Voraussetzungen und Zusammenhänge nicht kennt, diese Figuren als Repräsentanten des „Judentums" empfinden könnte, was dann leicht zu aktuellen Folgerungen verführen könnte. Die Gelegenheit, in bezug auf die Juden ohne Beschönigung, aber auch ohne Einseitigkeit Gerechtigkeit walten zu lassen und dadurch die Wirkung des in wenige Akte zusammengeballten ungeheuren historischen Ocschehens noch zu verstärken, hat sich diese — im übrigen großartig« - Aufführung der „Propheten" entgehen lassen. Goiiescrkcnntnit und Rasse Im „Generalanzeiger Rote Erde" vom. 30. 12, 1933 schreibt Wilhelm K u b e, Gauleiter der Kurmark, in einem Leitartikel zur Jahreswende u. a. folgendes: „Auch GoUerknmtnii kommt aus dem Blute illcin. Der noidische Mensch lieht, fühlt und erlebt Gott sittlicher, göttlicher und reiner all der Tsclmmlalr, der Buschmann oder der Jude. Gotterkennen und Gotteiglimbe ist blutbedingt. Wenn Staat, Kunst, Sozialität, Kultur rom Blute bestimmt werdei, dann sollte der ewig« Oott das Heiligste und Höchste, die Sehnsucht nach dem Ewigen, dai Heimweh mch der Vollendung, von diesem Geietxe •einer Weltordnung »usgenommen haben, weil t» dem Bastard bequem Ist? Nie und nimrnerj denn Gott ist gut, ist dai Gute schlechthin. Religion iit Sehnsucht und Heimweh nach dem Guten. Der Tachandale kann Uni Gott r ieht begreifen lehren s denn «r kann Ihn nicht mit unserem iniercn Auge sehen, nicht mit unserem Herten erfühlen, nicht mit unserem Hirn begreifen. Darum soll der Mansch steh nicht mit fremdam Blute milchen, weil die Kinder lolcher Verbindungen Gott nicht mehr begreifen können." — (Sperrungen im Original.) Aus diesen Ausführungen kann uns Juden der tiefe Ernst der gegenwärtigen geistigen Umformung, die auch eke neue Haltung der Umwelt zu den historischen Oütern des Judentums mit sich bringt, zum Bewußtsein komme«.