Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 1-2 (5.1.1934)
- Date
- 1934-01-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1/2, 5.1.1934 jüdische Rundschau Seite I Carl Melchior Am 29. Dezember ht in Homburg; der Mitinhaber den BanlihmiM's M. Warhurg, Dr. Carl Melchior, frntnrhett. Dr Melchior war seit langem ae/iuvr herzleidend und befand »irh mit Anfang de* Jahren zumeist Im Süden. Er Ixt 62 Jahre alt geworden. Am gleichen Taue vrrnchied ein anderer Partner den Hausen M. Warltirft, Dr, Ahy Warhurg, t. Mit Karl Melchior ist eine Persönlichkeit von intcr- ,jj nationalem Ruf dahingecranucn, die höchstes Ansehen '• in den Kreisen ihrer Berufsgetiosscn und darüber hinaus in der politischen und wirtschaftlichen Welt genoß. Melchior hat seine Zugehörigkeit zum Judentum niemals verleugnet, und er hat sein Wissen und seine Fähigkeiten jederzeit vorbehaltlos in den Dienst des deutschen Vaterlandes pesteilt. Er wurde schon während des Krieges, nach einer Periode des Frontdienstes, für wichtige staatliche Missionen berufen, so z. B. als Finanzsachverständiger in Rumänien und Rußland. Nach dem Kriege fungierte er jahrelang als einer der führenden Finanzsachverständigen der deutschen Regierung bei den Friedensverhandlungen und bei den darauf folgenden internationalen Konferenzen. Er war ein besonders scharfer Gegner des Vertrages von Versailles, dessen wirtschaftliche Bestimmungen er von Anfang an für undurchführbar hielt, und hat auch gegen die Annahme des Vertrages gestimmt. Es liegt gewiß eine persönliche Tragik darin, daß diesem Mann seitens des heutigen Deutschland kein | Nachruf zuteil wird. Melchior war ein großer deutscher ',. i Patriot und ein untadeliger Charakt:r, der stets die tiberf l nommene Aufgabe mit Einsatz seiner ganzen Kraft im f Interesse Deutschlands zu lösen strebte. Jf \ Melchiors öffentliche Tätigkeit ließ ihm wenig Zeit "i zu jüdischer Betätigung. Doch nahm er gclegent- » \ lieh auch Anteil an jüdischen Dingen und insbesondere interessierte ihn die wirtschaftspolitische Problematik des jüdischen Palästinawerkes. Nachdem er im Jahre 1933 aus jeder öffentlichen deutschen Betätigung ausgeschieden war, faßte er den Entschluß, sich in den Dienst der deutschen Judcnheit zu stellen. Was er auf diesem Gelt biete geleistet hat, wird in dem Nachruf der Rcichsvcr- II tretung der deutschen Juden gewürdigt. Leider war die Gesundheit Dr. Melchiors zu dieser Zeit bereits so angegriffen, daß er nicht mehr die Kraft hatte, eine wirklich aktive Führerposition im deutschen Judentum zu ergreifen, wozu er vielleicht geeignet gewesen wäre, weil er keine jüdisch-politische Vergangenheit hatte, daher im jüdischen Leben über den Parteien stand und in seinem Realitätssinn neuen Erkenntnissen offen war. Die Erlebnisse des letzten Jahres hatten die Basis, auf der sich Melchiors öffentliche Wirksamkeit entfaltete, zerstört. Es war ihm nicht mehr vergönnt, einen neuen geistigen Ort zu erkämpfen, von wo aus er seine Fähigkeiten für das jüdische Volk voll einsetzen und seinen Namen auch in die jüdische Geschichte einschreiben konnte. Die Reichs Vertretung der deutschen Juden veröffentlicht aus Anlaß des Todes von Dr. Carl Melchior folgenden Nachruf: In Carl Melchior verliert das deutsche Judentum einen »einer Führer In schwerer Krlsenzclt. Ohne sich um Partelungen und Gruppierungen zu kümmern, stellte er sich mit »einem Namen und seiner Persönlichkeit der Gesamtheit zur Verfügung, als die wirtschaftliche Not der deutschen Juden zu steigen begann. Der Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau, der von Dr. Melchior mltbcgrUrulet wurde, war der Ort seiner wichtigsten Mitarbeit. Nur der engste Kreis wußte, In welchem Umfange sich Dr. Melchior ohne Rücksicht auf seine angegriffene Gesundheit hier lur Verfügung stellte. Er begnügte sich nicht, wie «s so hSuflg geschieht, damit, seinen In der Welt bekannten Namen zur Verfügung zu stellen, obwohl schon der Nam« de» berühmten Internationalen Fhinnmchventündlgen für das Ansehen der neuen Zentralstelle sehr viel bedeutete. Mit einer seltenen Bereitschaft hat er mich lilr die Bihnndlung von Eiurclfrngcn seine große Sachkcnncrr.chalt, die sich mit größter Schlichtheit des Auftreten» verband, ciiigc-ictzt. Der Zentral.nissehiiß hntlc da» (iiikk, In ihm einen Führer zu besitzen, der grüßte» Ansehen Im In- und Auslände mit sorgfältigster und wertvollster Mitarbeit vereinigte. Um m großer Ist der Verlust, den er durch seinen Heimgang erleidet. Es lag In der Linie der Anschauungen von Dr. Melchior, den immer nur das ganze deutsche Judentum Interessierte, daß er den Bestrebungen, eine einheitliche Vertretung des deutschen Judentums zu schaffen, seine wärmste Sympathie entgegenbrachte. Dil Begründung der Rcichsvcrtrctiinj der deutschen Juden hat er aufs stärkste unterstützt und hat, ohne nach außen In Erscheinung zu treten, der neuen Gesamt- Vertretung in jeder Wehe die Wege geebnet. In Dr. Carl Melchior verliert das ganze deutsche Judentum eine seiner stärksten Persönlichkeiten. Was an Ihm den, der ihn niiher in der Arbelt kennenlernte, Immer überraschte, war die Wärme des Empfindens, die sich hinter nüchterner Sachlichkeit verbarg. Völlig gleichgültig gegenüber jedem Süßeren Schein, wirkte er durch die unbestechliche Ruhe des Urteils, die sich mit stärkster Innerer Anteilnahme verband. Sein Andenken wird In der Arbeit, die er begann, stet» weiterleben. Welzmann Uber Einwanderungspolitik Englische Zionistenkonferenz Die English Z ionist Fcdcrntlon (Zionistische Vereinigung |iir r.ngland) hielt vom 23.-26, Dezember in London ihre Jnhrcskonfcrcuz. ab, hei der im Anschluß an ein umfassendes Referat Dr. Brodctskv» alle Fragen der aktuellen Palästina-Politik erörtert wurden. In der Schlußsitzung hielt Dr. Welz mann eine Rede, in der er :i. a. ausführte: Man beschuldigt uns, arabische Arbeit zu boykottieren und gibt uns zu verstehen, daß unsere Einvvamlcrtings-Schcdulc wegen der grollen arabischen Arbeitslosigkeit beschnitten wurde. Ich möchte da zwei Dinge klarstellen: Erstens: Wo in jüdischen Kolonien arabische Arbeiter beschäftigt werden, geschieht dies nicht aus humanitären Gründen, sonderr. weil arabische Arbeit billiger ist; zweitens: In den meisten neuen jüdischen Kolonien werden Lohnarbeiter ii b e r Ii a u t> t nicht beschäftigt, weil die ganze Arbeit von den Kolonisten getan wird. Unter der palästinensischen Jmlenhcit gibt es eine „nationale" und eine „private" Sektion. Die „private" Sektion beschäftigt arabische Arbeiter, die kleinere „nationale" Sektion nicht, weil deren Fonds zu dem ausdrücklichen Zweck aufgebracht wurden, Juden nuf dem Lande anzusiedeln. Was die britische Sektion anbetrifft, so werden innerhalb derselben Juden lange nicht In dem Verhältnis beschäftigt, wie es ihrem finanziellen Beitrag zum Staatshaushalt ......- über 40 »> — entsprechen würde. Daß aber ein Araber einen gelernten jüdischen Arbeiter beschäftigt, gehört zu den seltensten Ausnahmen. Es kommt einmal der Tag, da Araber und Juden einsehen werden, daß es ein gemeinsames Ziel gibt, für das sie arbeiten — dann werden solche Unterscheidungen aufhören. Seit vielen Jahren wirke ich für eine j t« ti i s c Ii -arabische Zusammenarbeit, aber immer waren es die Araber, die die ihnen entgegengestreckte Hand zurückwiesen. Auch das wird sich ändern, aber nur. wenn wir den Arabern klargemacht haben, daß wir sie nicht beherrschen, aber auch nicht von ihnen beherrscht werden wollen, und d»n Palästina ein Land Ist, In dem wir kraft eigenen Rechts siedeln. Die Ansicht, wir mfifltcn noch mehr Araber beschäftigen, ist hinfällig; wir würden dadurch nur eine neue Reibungsfiäche schaffen. Der einzige Weg zur Lösung des Problems ist, den Lohn- und Lcbciisstandaid der Araber zu heben. Die Regierung sollte die arabische Landwirtschaft, die sich zu 65 «o auf die Hügelregion konzentriert, verbessern. Sie sollte den Fellachen von dem drückenden Zins befreien, den seine Wucherherren Ihm auferlegen, damit er ein freier Mensch wird, nicht Sklave des Effcndi. Wir Juden waren es, die eine arabische Musterfarm errichtet haben. Nicht die Juden, sondern die alten Umstände haben den arabischen Bauern zu einem unglückliehen Wesen gemacht. Ich würde es gerne sehen, wenn ein Teil unseres Oeldes zur Besserung des Loses der arabischen Arbeiter benutzt werden würde. Was die Kürzung der Arbeite r-Schedule betrifft, sagte Dr. Weizmann, so sind uns die Argumente der Regierung u n ve rs tä n d 11 c h, Es gibt keine logische Rechtfertigung für diese drastische Beschneidung der von uns be- ■» . <mm lf* citf&ick Stecke! I Die auf Grund des Gesetzes über Wirtschaftswerbung vom 12. Septcirber 1913 durch den Werberat der Deutschen Wirtschaft erlassenen Bekanntmachungen über die Neuregelung des Anzeigenwesens sind am 1. Januar 1934 in Kraft getreten.' Fs sind ti. a. festgelegt: einheitliche Normung der Spaltenbreiten, bindende Vorschriften für Anzcigcnpreislisten, unabänderliche Staffeln für Rabatte, einheitliche Geschäftsbedingungen, Verpflichtung zur Auflagenangabe, Eine beachtliche Ergänzung erfahren die Bestimmungen des Werberates durch die Vorschriften des Schrift« leitcrgc^etzes, nach denen künftig alle redaktionelle Reklame untersagt ist. Wir werden unseren Inserenten nach wie vor ganze Exemplare als Beleg; zusenden, aus technischen Gründen oft jedoch erst einige Tage nach Erscheinen. Die Durchführung der Bekanntmachungen des Werberates ist gesetzlicher Zwang. Ucbcrtretungen werden streng geahndet werden, gleichgültig, auf welcher Seite sie erfolgen. Deshalb müssen die gesetzlichen Bestimmungen künftig als unverrückbare Norm für das Anzcigcngcschäft angeschen werden. Wir erwarten von unseren Freunden weitgehendst Verständnis und Unterstützung. Anzeigen -Verwalhing ansprtichten Sehcdule. Dennoch glaube ich, daß die Mandatarmacht es t 11 mit uns meint; wir sollten nicht immer wieder protestieren, sondern versuchen, sie zu überzeuger Wir müssen Geduld üben und werden am Ende die Gewinnenden sein. In den vorhergehenden Verhandlungen der Tagung nahmen auch die Fragen der deutschen Judcnheit im Zusammenhang mit Palästina einen größeren Raum ein. Dr. Weizmann wies in seinem Referat darauf hin, dal) zurzeit etwa 1000 deutsche Juden einschließlich Touristen und Kapitalisten in Palästina einreisen und erörterte ausführlich die Pläne für die landwirtschaftliche Ansicdhmg deutsch-jüdischer Einwanderer und insbesondere Jugendlicher. Dabei besprach er auch die psychologischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sich bei der Einordnung der Einwanderer ergeben. Die Pläne der Uebcrführung von Juden in andere Siedlungsländer müssen sehr kritisch betrachtet werden. In der Dehatte wamtle sich Harry Sache r dagegen, die Palästina-Probleme lediglich unter dem Gesichtspunkt der Bedürfnisse der deutschen Juden zu sehen. Man dürfe nicht vergessen, daß auch die Judrnlieitrn anderer Länder sich In großer Notlage befinden und gleichfalls der Berücksichtigung bedürfen. Die Zionistische Organisation müsse bei ihren Maßnahmen von den Bedürfnissen Palästinas ausgehen und nicht von den Bedürfnissen der deutschen luden. In diesem Zusammenhang wies der Redner auch darauf hin, daß es falsch sei, den deutschen Juden zu optimistische Aussichten auf finanzielle Unterstützung seitens auslandischer Juden zu machen. Die deutschjüdischen Anstalten würden ihre Ausgaben bis zu einem Mindestmaß senken müssen. (Zu der Rede Sachers, die uns freilich nur in der gekürzten Wiedergabe des JTA. - Berichtes vorliegt, müssen wir bemerken, daß unseres Erachtens bd der Frage der zionistischen Palästina-Wanderung nicht lediglich materielle Momente und die materielle Notlage dieses oder jenes jüdischen Volkstcils berücksichtigt werden müssen, sondern daß geistige Motiv* und der Wide zur jüdischen Wiedergeburt hier die Hauptrolle spielen. Es ist richtig, daß man deutsche Juden nicht unter Vorspiegelung falscher materieller Hoffnungen zur Palästina-Wanderung verlocken soll, aber ebensowenig ist es angängig, einer jüdischen Gruppe die Einwanderimg zu widerraten mit der Begründung, daß es ihr da oder dort materiell noch nicht schlecht genug gehe. — Red.) Hamidrasch wohnte jahrzehntelang ein Mann auf den nackten Steinfliesen, der das Gelübde ewigen Schweigens abgelegt harte, <las er nur brach, um die Gebete zu sprechen. Geflissentlich wurden von Gabbaim und von Interessenten am Wunderrabbinergeschäft immer neue Geschichten von vollführten Wundertaten des Risiners in Umlauf gebracht. In den Städtchen und Dörfern von Podolien erzählten die Juden einander die tollsten Sachen, und alles wurde geglaubt. Diese Verdummung des Volkes, erklärlich nur aus der ungeheuren materiellen und auch geistigen Not, in der sich die jüdischen Voiksmassen in jener Gegend in der damaligen Zeit befanden, veranlallte die wenigen Maskilim (Aufgeklärten) jener Gegend zu einer Gegenaktion. In der Person des mignasdischen Rabbiners Schapira, eines Schülers von Cbairn David Luzatto in I adua, fanden diese Maskilim einen Führer. Schapira wurde Krcisrahbiner in Czortkow und Jahrzehnte hindurch war diese ■ itadt Schauplatz der Kämpfe zwischen Chassidim und „Scha- Pirnikes". Die Chassidim waren in erdrückender Mehrheit und Schariira Und sein Anhang hatten Furchtbares auszustehen. Nicht nur daß Chassidim und Schapirnikes in verschiedenen Klausen beteten, sie erklärten gegenseitig die Schechitah ihrer achachter für trete (unrein), Zusammenstöße zwischen beiden Lagern waren auf der Tagesordnung, und ein Rattenschwanz von Prozessen vor den Gerichten war die Folge dieser ewigen Kämpfe. Der Gegensatz ging so weit, daß ein Chassid niemals sein Kind mit dem Kinde eines Schanirnik verheiratet hätte. . ^r alte Risiner hinterließ viele Kinder. Sein Nachfolger i i Czortkow wurde sein Sohn Reb Moses David. Die anderen sonne suchten sich selbständige „Königreiche": der eine zog nach Huslatyn, der zweite nach Bojan in der Bukowina und der dritte nach Sadagora, in der Nähe von Czerno- Witz. Am berühmtesten wurde der Sadagorer. An dessen nofe passierte ein großes Unglück. Ein jüngerer Bruder von ihm, Reb Berenju, verliebte sich in eine Dame in Czernowitz, eine Schwester eines jüdischen Regimentsarztes. Reb Berenju wurde modernistischer Ideen verdächtigt. Die Phantasie des Volkes wollte wissen, daß er überhaupt abtrünnig geworden sei. Die Affäre Reb Herenius bildete lange Zeit die größte Sensation jener Gegend. Eines steht »*«/ d»ß Reb Berenju plötzlich verschwunden war. Man «"«j»lte, die Chassidim hätten ihn vergiftet. In Wahrheit dürfte er jedoch nach Erhalt einer großen AWindungssumme von den Mitgliedern der Dynastie Friedmann Irgendwohin nach Westeuropa ausgewandert sein. Die Stammkundschaft des Risiners blieb trotz des großen Ruhmes des Sadagorer» dem Czortkower, also Reb Moses David, treu. Dieser war ein kleiner schmächtiger Mann, ohne besondere Gelehrsamkeit, von weicher Natur und einfältigem Wesen. Zur Zeit seiner „Herrschaft" wurden die Sitten am Czortkower Hofe etwas locker. Die Damen des Hofes trieben großen Luxus, fuhren vierspännig aus und besuchten Luxusbäder. Das Einkommen des Rabbi belief sich jährlich auf sechsstellige Zahlen in österreichischen Gulden. Ueber das Privatleben seiner Töchter und Enkelinnen zirkulierte allerhand unkontrollierbarer Klatsch. Die „Regierung" von Reb Moses David war durch keine besonderen Ereignisse gekennzeichnet. Kämpfe mit den Schapira-Anhängern, einige mit ungeheurem Pomp veranstaltete Faniilienhoclizeiten, eine der seltenen Feiern der Sonne-Erneuerung (Mechadrsch Chamah) — das war das Bemerkenswerteste. Moses David verschied in hohem Alter, und sein Nachfolger wurde sein ältester Sohn Israel, der vor kurzem in Wien gestorben ist. Israel Friedmann versuchte sich dem Zeitgeiste anzupassen. Er konnte bereits polnisch und deutsch und las sogar Zeitungen. Man erzählte sich, daß er an der Börse spiele und darum auch regelmäßig den Kurszettel verfolge. Reb Israel war am Anfang seiner „Regierung" ein fanatischer Gegner des Zionismus. Trotzdem war es seinem Einfluß zuzuschreiben, daß im Jahre 1007 bei den Wahlen in das österreichische Parlament im Wahlbezirk Czortkow der Präger Zionist Dozent Dr. Arthur Mahlcr gewählt wurde. Der Rabbi erklärte nämlich einer Deputation: „Von allen Kandidaten ist nur einer ein Jude. Es wäre in Ordnung, wenn ein Jude gewählt würde." Hingegen verhinderte Reo Israel Friedmann, daß in Czortkow eine jüdische Volksschule aus dem Baron IlirEch-SchuIfonds gegründet werde. Die Motivierung lautete: „Mit profanem Unterrichte fängt es an, und mit der Schmad (Taufe) hört es auf." Der Bezirks- Hauptmann tat nach Reb Isrtcls Wunsch und entschied, daß in Czortkow keine Notwencigkclt für eine Baron Hirsch- Schule bestehe. Der Krieg im Jahre 1914 zwang den Czortkower zur Flucht nach Wien, um den Vexationen durch die russische Besatzungsarmee zu entgehen. Reb Israel ist nicht mehr nach Czortkow zurückgekehrt. Er verbrachte »eine letzten Lebensjahre in Wien, noch Immer ein Mittebunkt vieler Anhänger. Eine Zeitlang ichien er Neigungen für den Misracht (gesetzestreue zionistische Fraktion) zu äußern. Dann aber schloß er sich der Agudah an. Darin äußerte »ich »ymbolisch die Wandlung des Chassidismus, der doch als eine Reaktion gegen die lebensfremde starre Orthodoxie entstanden war und nunmehr nach einer bewegten inneren Umformung durch den Anschluß an dieselbe Orthodoxie »ich von den Wurzeln seines Entstehens löste. ». n. Ein palästinensisches Wunderkind Au» Jeru»alem wird uns berichtet: Der elfjährige Geiger Izchak Glteles, seit 1'/ä Jahren Zögling von Frau Ben-Ami (Jerusalemer Konservatorium), konzertierte vor geladenen Gästen. Man prophezeit dem außerordentlich begabten Knaben die Entwicklung eines Jcliudi Menuhin, dem er auch äußerlich entschieden ähnlich ist. Wenn sich die erstaunlichen Anfänge bestätigen, so hat es sich erwiesen, daß Palästina nicht nur Wunderkinder hervorbringen, sondern daß es sie auch durch das hohe Niveau seiner Musikpädagogen zur künstlerischen Reife führen kann, A. J. — L Wie wir der „New Vork Times" entnehmen, hat Jehudl Menuhin, der berühmte jüdische Geiger, eine ebenso begabte dreizehnjährige Schwester, die als Pianistin gleichfalls ein Wunderkind zu sein scheint, Das Mädchen heißt Chetziba (hebräisches Propheten wort, das auch als Name einer jüdischen Siedlung in Palästina dient). Die Geschwister Jchudi und Chcfziba Menuhin haben soeben ihre erste gemeinsame Oratnmonhonaufnahme machen lassen, und zwar spielten sie die Mozart-Sonate in A-Dur. Ein öffentliche» Auftreten der kleinen Chetziba haben ihre Eltern noch nicht zugelassen. Die komplette Synagogalmusik von Ernett Bloch, die in der Reformsynagoge in New York im nächsten Frühjahr In Verwendung gebracht werden soll, wird jetzt in Amerika auf Orammophonplatten aufgenommen.