Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 1-2 (5.1.1934)
- Date
- 1934-01-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 1/2, 5.1 1934 verwischen?" - Eine solche Forderung setzt ein langet LcidcnKgcdiichtnis, einen langen Leidensweg voraus; sie Ist nicht nur ein Ergebnis vergangener Leiden, sondern auch ein ahnungsvoll errichteter Schutz Regen die künftigen, an deren Ende als Erlöser von allem Unrecht ... der Messias steht. So sieht er den Gang jüdischer Gcschichic in der Diaspora. „Nun aber hat mich doch das Schicksal zum Juden gemacht ... wundert es dich da noch, daß die Idee der Gerechtigkeit filier mir hängt wie eine azurne Elamme?" * Kampf um die Einigung seines Wcrcb als Deutscher und als Jude — das ist ihm mir ein anderes Wort für das Endziel senes Schaffens, den Kampf des Juden um die Gerechtigkeit. Und aus diesen beiden Kämpfen erwächst das wahrhaft erschütternde Drama seines eigenen Lebens. GeviE, er gehörte eine Zeitlang zu den meistgelesenen Schriftstellern seiner Generation; in alle europäischen Sprachen wurden seine Bücher übersetzt. Da plötzlich crklaig ein Schrei, wie aus tiefster Verlassenheit; Wassermann schrieb sein Bekenntnis „Mein Weg als Deutscher und Jude". —- Und es zeigte sich, daß der, den alles las, mit seiner eigentlichen Lotschaft in furchtbarster, tötender Einsamkeit geblieben war. Er war mit glühendster, sehnsüchtigster Liebe der deutschen Landschaft seiner Kinderjahre, deutscher Geschichte, deutschem Wesen zugeneigt. Im vollen Bewußtsein dieser Liebe hatte er deutscher Umwelt seine großen Werke geweiht: den Kaspar Hauser, der ihn zugleich in die fränkische Heimat führte und eircr „gemordeten Seele" zu später Gerechtigkeit verhelfen sollte; den Christian Wahnschaffe, der den Weg eines jungen Menschen aus Wohlleben und Schweißerei hinein in die Höhlen der Armut und des Verbrechens zeigt ... Das bunte Getriebe seiner Menschen aus allen Ständen und allen Bezirken umwogte ihn und — wie es ihm schien — mußte für ihn sprechen. Aber seine ausgestreckte Hand ward zurückgestoßen. „Es ist vergeblich ..." mußte er sich sagen. — Gewiß, ein Freund wie Herbert Eulenberg grüßte ihn damals im Namen seiner „Mitgeister in Deutschland" und spottete ein wenig über seinen Furor Judaicus. Aber Wassermann hat diese tiefste Enttäuschung seines Lebens niemals verwunden. Wenn es auch „edles Unglück" war. das seinem Ringen den Sieg versagte: daß er ihm VCI 'i„ <;t hÜc',1. Il.il Sl'iiv .\\ — v„ iL: ff!c''t h 1 eine V\.!t l' ' renau zu ..!• < und daß er ihm täglich ferner rückte, n Lebenswillen gebrochen. Der kräftige Großvater und Ahn Patriarchenalter erf:'"t an 711 kran'-r?!n. Der K"rrr-p? rregen ni'-i; hatte i'.lr giubr.i-'e tUrr, vor da n d:i Wucht des ji, ik'/enber f.f.üb er.! icam -- cl;is «ielit iuhi t".ti joder —?!ii,:'jf, dl r ihn bi.utchie ... leicht können es andre; mich hatte Gott nicht so geschaffen." — Aber Jakob Wassermann erkennt zugleich die „aus der Not geborene" Lcbcnswichtigkeit des Zionismus. „Und die Not/baut den Weg." Das ist sein Vermächtnis an uns. Bertha Bndt-Strauß. Sämtliche Werke Wassermanns, beginnend mit den „luden von Zirndorf" (1807) bis zu der Lebensbeschreibung Stanleys (t'HI), sind im Verlag S. Fischer, Berlin, erschicneu. Darunter befinden «ich auch die beiden autobiographischen Schriften „Mein Weg als Deutscher und Jude" (1021) und „Sclbsthetrachtuugcn1' (1011). Ebcnclort erschien auch 1<JJJ eine Biographie Jakob Wassermanns von Siegmund Hing. In der deutschen Presse hat Wassermanns Tod einen schwachen Nachhall gefunden. Abgesehen von „Voss. Ztg.", „Bcrl. Tageblatt" und „Frankf. Ztg." die kurze ancrkcnuemlc Nachrufe brachten, finden wir eine Würdigung nur in der ,,1)AZ,", die wegen deren Stellungnahme besonders interessant ist. Es heillt darin: ,.lVr Name Wmirrmuiin erweckt die Erinnerung »n du* tragisch« Schicksal rinrs schreibenden Menschen, der iwiiehen iwei Welten sisnd, und der von »einen, jihüirheo. Glniilicris[;rno»«en nlt Alitiiiiini^T, vnn den Deutschen «Ii Fremder empfunden und in der lloulovaid|irr«e hymnisch geloht wurde.., Tragisch w»r die Oitnlt diese« Mnnnci tu.i der (Junten Anluve ihre» Wesen«. AI» ein Theoretiker mit viel Kunitvrrsland hat er sieh immer wieder Regen sich sehnt gewendet, gegen Psychologie, Zergliederung des Lebens, WiirzHltxujikeir, Und doch wtren seine Rornune in «II ihrem fleniülien um die Ocnicmwhitft, das Religiöse, dm tjnl>ewiißte, dm Geheimnisvolle, da» Mvthisehe, Dokumente «ine» Menschen, der einsam und ohne Verbindung mit den »nderca dastand, dem die Bewußtheit immer wieder einen Strich durch die Rechnung machte, rieben Ottilien gfrode «n den entscheidenden Stellen völlig romanhaft und »ehcmeiihnft wurden, und der d«mit in ein literarisches l'syehologbicrrn geriet, das in einer rein dialektischen Welt der Worte und nicht in der Wirklichkeit beheimatet w«r , . . Wimermimn hm manche seiner SchwSchen gekannt Und viele nicht gekannt. Seinein stets ein wenig sentimenliilen, «her ehrliehen Bemühen, das auch In seinen vielen theoretischen Schriften um dii Problem „Deutscher und Jude" kreiste, wird m«n die Achtung nicht versagen. Wenn der Umfang seine». Nachrufes Uber seine eigentliche Bedeutung hinaufgeht, so deshalb, weil Wassermann In den letjten 15 Jahren tatsächlich so laut gefeiert wurde, d*S man auch im Autland ihn dir einen der hervorragendsten Vertreter der deutschen Dichtung hielt, wahrend er In Wirklichkeit nur der Repräsentant dieser hinter uns versunkenen Zeit war." Sein „i er u.it '<;•• •*iereehti|;!,cit y/.ht weiter. : " war ein dt:lieber '•*:»nij <'-:v\ ruch ein r>»ue« Ge- .. hlecht t '....it.lcniiijr und Lieh, iwitt vosayf — auch 1 enn es *\!i v .m M'uieM \* '•;*}• ti v ■ , . '.: e incs Bci-t- .-';i-;inuvw-ueb-, ei. -■. h im- .:-; :Binus ai - ,,>\, Vt . . . . r ,;. ,,:jlCa Unsicherheit, deren er sich selbst klar bewußt ist. „Daß ich von Juden immer wieder für diese lebenswichtige Sache gefordert wurde, ist begreiflich. ... Ich war bereit, die Leistung anzuerkennen, die dafür aufgewendet wurde, Opfer und Hingabe, auch die Hoffnungen zu teilen, aber ich selbst stand nicht da, wo sie standen. Ich fühlte nicht die Solidarität, auf die sie mich verpflichten wollten, nur weil ich Jude war...." Man wird den Unterton leidvollcr Sehnsucht nicht Oberhören, der in dieser Abtrennung mitschwingt. „Viel- »»Der Czortkower" Vorbemerkung der Red.: Vor einigen Wochen starb in Wien der Czorthower Chassidimrahbi Israel Friedmann. Seine Daerdietine gestaltete sich zu einer ungeheueren Massenkundgebung, über die sogar die große Well presse berichtet hat. Insbesondere Würde als Kurlosum trwähnt, daß Tausende von Meinen Papierzctlclchen mit den frommen Wünschen von Juden aus vielen Städten des Ostens mit ins Grab gelegt wurden. Der Tod des „Czortlwwers" gibt unserem s. n.-Mit arbeit er Anlaß, aber die Dynastie der Wunderrabbiner ans der nj 1!ricdm«n'> einiges mitzuteilen. Durch Schriften llcrdyciewshts, vor allem aber durch die Bücher Marlin Ihlberg und zuletzt durch das historische Werk Simon Dubnows ist die Kenntnis des Chassidismus in Westeuropa allgemein geworden und hat zu einer gerech- Tu1 ™'urMUmZ rf'e-»er Bewegung geführt. Noch Heinrich Gractz hat in seiner großen Geschichte des jMtsriien Volkes den Chassidismus ah Une abergiäubische Verirrimg hingestellt. Die geänderte De- "»•rtung des Chassidismus darf jedoch nicht zu einer Beschönigung auch der Entartungserscheimmgen des Uiassldsmus führen. Dieser Ucbcrfrcibnng tritt die Darstellung unseres Mitarbeiters entgegen. '"^'^c v«rftorb«ne »Oroßrabbiner« Israel Friedmann, genannt „Rcb Srulcieniu", auch kurzweg der „Czortkowcr" war e.n Enkel des Wunderrabbiners Israel Friemann au«" RUinrr«.(fXef "* '^V? ln der ostjüdischeit Welt als rahb bekannt. Der Rtsiner« stammte selbst von Wunder- Är4 ' , ,)>'nast;e bemnt im jüdischen VolksbewuBtscin des Ostens mit ihm als Begründer. In seinem RiCÄ8vedrÄ R"ßlan^ WUrdc R"b Israel SX?nk rfVi nWM-7an .lhm vorwnrf> ist bum fcs^«' İb iliec9cnun»at,<>n SP'ele war, oder ob der Ortsgewaltige, der Stanowoi, ihn festnahm, um ein Löserrcld zu b^ta^Ä!"^?1!* N'.ch der einen Vmion eineV^ an«ßr^ X. mt.^'i'T -der B«»><"otenfalScli,tng, nach S 8 Ä"rbe rcwngsschvviiidcls. Seine ^erhaf- StTieh^eA,n] «kTaini«h-iküschen Siedlungsgebiete außerordentliches Aufsehen und wurde sogar in Volksliedern be-' Gefahr neuer Unruhen in Palästina? \ Ma/jnnlimen der Regierung k Jerusalem, 2. Jnnunr. (J. T. A.) Da? bevoritehetuk Ende des Rnrrtadiiuf.iUetis am 15. J.nuur bringt die <|.'!ai,r A netter Araberiinrtihen in Pal.istina. Alle arabischen /eitunce», >,j vor allem die mohammedanischen Organe mit Ausnahme des f „Falastin", fordern die Bevölkerung auf, an den geplant,n j-i Kimdgcbimgen teilzunehmen. „Falastin" darben warnt iSl vor neuen Alientctirrn, da die Welt durch die Kundgebimgen im Oktober v. I. bereits ^emif;end auf die Araberfrage'irt > Palästina aufmerksam gemacht worden sei. Die Regierung trifft umfangreiche gegen d i e O c f a h r neuer U n r tt I ger Quelle verlautet, daß mllltiiriselie Argyntcu nach Palästina beordert wurden, tun für <lcn Fall von Unruhen in Bereitschaft gehalten zu werden. Line automobilisierte Kavallerieabteilung aus Aegypten, bestehend aus 14 Panzerwagen des Lancierregimeuts Nr. 12 und ein Infanteriebataiilon, sollen in Aegypten Marschordre nach Pnlästirn erhalten haben. Diese Truppen sollen über das ganze Land wichtigsten Zentren stationiert werden. Vorkehrungen e ii. Atii zuverlÜMl- Verstärkungen au« verteilt und In den In aller Kürze h- f!M •; '!! Ah •t!;t * ,v. ><• ',, *tii ■it'- :■. ■ s s e <\ i'it ■ ■ Wie ans London berichtet wird, wird Dr. Wcizmann Anfang Februar nach Palästina fahren, wo er der Eröffnung der Versuchsstation in Rechoboth beiwohnen wird. Später beabsichtigt Wciztuann nach Amerika zu gehen, wo er jedoch nicht vor Ende April eintreffen dürfte. Für der. 11. Januar wurde eine Zusammenkunft der in We.-u-moi - Wwteii Mitglieder des Zionistischen Akt i o u s - C. oiu i t (% -ich London einberufen. Die Beinlr,t-;>;ea w<rdf:- h!<>3 tmen Tfg dauern. Im e- ,'i v-l.et itiiierhaiis;;i!> auf eine Anfrage der Ver-!'-C''r i!c .V»;!:.<ti rlft:* für UebcTseehandel die Auskunft, d,; si-t Jm"ti«..-I,f;>,;L--ung im Einvernehmen mit der Föde- ■r, Ivlustrie und mit den Leitern der in Tci'Awiw um die Bildung einer hei der Levnntemesse bemüht ist. Die ,c ri; \ HrKlIrping der britischen Int' so iindc ein lebhaftes Echo. Die Bei ■nru'""v., dir geeignete Märkte bieten, *«.t I ff. -.lor-.ci •.vurdfii. dei Nachrichten der Tel-Awiwer Ate-.-.- rj.nh- PuhiiritU m grb«n. e:';c uns u..t„_;^;lt v.ii-. Iit Rabbiner Dr. Dienemann, Oftenbach, der im Anschluß an einen Vortrag In Schutzhaft genommen worden war, vor einigen Tagen wieder au» der bchutzhaft entlassen worden. Eine ßedulnenbande überfiel im Gebiet von Wadi Chawarlth jüdische Landarbeiter, die mit dem Pflügen des zum Kibuz Schloscha gehörenden Gelindes beschäftigt waren. Vier jüdisehe Traktor-Führer wurden verletzt, zwei davon schwer. Die verletzten Landarbeiter wurden nach Chedera zur Behandlung gebracht. Eine Polizeiabteilung wurde auf den Sehnupiatz des Zusammenstoßes entsandt. Die hebräisch« Realschule in Haifa (Direktor Dr. Blram) feierte das zwanzigjShrige Jubiläum ihres Bestehens. Eine Sonderausgahe der „Palestine OrtzHte", des p,ii kti. nensbehen Amtsblattes, bringt ergänzende Bestimmungen zum Strafgesetz, durch die Drohung mit Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung unter Strafsanktion gestellt wird. Entgegen dem sonst üblichen Vorgang treten die neuen Bestimmutigen sofort in Kraft, was im Amtsblatt damit begründet wird, daß „nach der Meinung des High Commissioncr ihre sofortige Verlautbarung im öffentlichen Interesse ah unumgänglich notwendig erscheint". Im Abschnitt 2 der Verordnung werden Distriktskommissare und Vorsitzende von Distriktsgerichlen ermächtigt, von Personen, die verdächtig sind, eine Störung der öffentlichen Rtdie und Ordnung zu beabsichtigen, eine Kaution für ein Jahr mit oder ohne Bürgschaft zu verlangen. Abschnitt 3 sieht den F.rhß von Haftbefehlen in besonderen Fällen (Verdacht der Absicht, ein gemeines — nicht ein politisches — Verbrechen zu begehen) vor. Im vierten Abschnitt werden die Bestimmungen über den Erlaß von Haftbefehlen dahin ergänzt, daß auch solche Personen, die einer Vorladung durch I)istriktskornmissare oder die Vorsitzenden der Distriktsgerichte auf Grund der Bestimmungen der vorhergehenden Abschnitte (Kautions. erlag usw.) nicht Folge leisten, in H a f t genommen werden können. In Abschnitt 5 wird das Verfahren für die Ueberprüfuug der Informationen, auf Grund deren gegen eine beabsichtigte Ruhestörung verdächtigte Person vorgegangen wurde, und für die Beibringung weiteren Beweismaterials testgelegt. Abschnitt 6 enthält Bestimmungen über Art und Verfall der Kaution. Abschnitt 7 behandelt die Ablehnung ungenügender Sicherstellungcn, Abschnitt 8 die Umwandlung der Kautionspflicht in Gefängnisstrafe bei Nichtcrlag der Kaution. Abschnitt 9 befaßt sieh mit dem Begnadigungsrecht des High Commissioner. In den Abschnitten 10 und 11 werden die be sonderen Umstände aufgezählt, unter denen Kautionen und Bürgschaften aufgehoben werden. Abschnitt 13 behancle't dir für Personen unter Polizeiaufsicht vorgesehenen Beschränkungen, die Abschnitte 11, 15 und 16 handeln vom Ausmaß de; für die Verletzung der neuen Bestimmungen vorgesehener Strafen. Die Höchstgrenze Ist sechsmonatige Gefängnisode. 50 Pfund Geldstrafe oder beides zusammen.!I| i; y i i ', t Zum Ende von W.T.B. Durch die Umorganisieruni des offiziellen deutschen Nachrichtendienstes (Vereinigung vor W.T.B, und T. U. zum „Deutschen Nachrichten-Büro' D.N.B.) verschwindet aus der deutschen Presse die be kannte und gewohnte Bezeichnung des offiziellen deutsche Nachrichtendienstes, die den Namen eines Juden trug. Da Wolffsche Telegraphen-Büro ist die Schaffung von Dr. Bern hard Wolff, ehenipli;r»m lUoiir.r Hw NatiAiiaJ-Zeitiing", der 1819 als erster die Erfindung der Tclcgrapluc für di Presse nutzbar machte und auch von der preußischen Rc glerunfj Nachrichten erhielt. Wolff gründete in den wich tlpsten Ländern Zweigniederlassungen seines Nachrichten dienites und nahm in sich die deutsche Zweigniederlassung des Reuterschen Büros auf, des bekannten offiziellen eng üschen Nachrichtenbüros (gleichfalls Gründung eines deut sehen Juden). So ist der moderne Nachrichtendienst, ohn den die Presse heute nicht arbeiten könnte, die organisatc rlsche Schöpfung eines Juden. Nach dem deutsch-französische- Krieg wurde das Wolffsche Tclegraphcn-Btiro in eine Aktien Gesellschaft umgewandelt, deren Leitung Wolff bis 1875 he hielt, nachdem bereits 18o5 Bismarck durch die Vermitt hing des jüdischen Bankiers Bleichröder das Büro vor ausländischer Interessennahme geschützt hatte. sungen. Die Chassidimgegner verbreiteten Spottgedichte und Spottlieder. Bekannt ist eine Travestie auf die „Zwei Grenadiere" von Heinrich Heine, in der von „Zwei Chassldlm" die Rede ist, die ihren „Kaiser", den Rebben von Rlsin, betrauern. Nach kurzer Haft gelang es Reb Israel Rislner, über die Grenze nach Oesterreich zu fliehen. Die Anhänger erzählen, ein Engel Oottes hätte die Oefängnistore geöffnet. Die Misnagdim, die Leugner, sagten, man hatte den Gouvcrneur von Podolien mit 11)0 (XX) Rubeln bestochen. Diese ketzerische Behauptung wurde von den Chassiditn verächtlich abgetan. Ein besonders gläubiger Anhänger soll empört gesagt haben: „Man erzählt vom Faktum des Engels, und da kommen jene Lumpen und verbreiten Phantasien von 100 000 Rubeln." In Wahrheit wird die Bestechungssumme geringer gewesen sein, aber die Lust zur vergröbernden Ucbettrcibung hat die Summe vervielfacht. Reb Israel Risincr kam zunächst nach Husiatyn und 70g von dort nach Czortkow. Mit ihm kam icin ganzer Hofstaat: die Oabbaitn, die Schamossim (eigentlich Meschamschim), die treuesten seiner Anhänger und ein Teil der „Joschwitn", das sind jene Cliassidim, die dauernd am Hofe ihres Rabbi leben. Israel Risincr erwarb ein schloßähuliches Qebäude mit einem grollen Park, baute ein Bcth Hamidrasch (Lehrhaus), das auch als Synagoge diente, und außerdem einen großen »Schalasch", eine Baracke als Wohnraum für die Joschwim. Seine „Befrciuug" durch den Engel, aus zaristischer Gefangenschaft steigerte noch mehr den Zulauf von Anhängern. Reb Israel war ein großer Talmudkenncr und seine Droschoth (Predigten) zogen auch Juden herbei, die weniger geneigt waren, an die Wunderkraft des Rabbi zu glauben. Seitens der österreichischen Regierung fand Rcb Israel weitgehende Förderung, Der arund wird wohl in Liebesgaben an den Bezirkshauptmann gelegen haben. Aber auch politische Erwägungen spielten eine Rolle. Hatte man den Wunderrabbi in der Hand, so konnte man gewiß sein daß seine Anhänger bei den verschiedenen Wahlen die RcgierungBkandidaten wählen werden. ^Schwierigkeit bildete die Frage des Militärdienstes für die Mitglieder der Familie, Der Rabbiner selbst war als Geist- I eher nach den österreichischen Gesetzen von dem Militärdienst befreit Das galt jedoch nicht für seine Familienangehörigen Rcb Israel verfiel auf einen genialen <\mwegs Er erwarb für sich und seine Familie die türkische Staatsangehörigkeit. In Oesterreich waren nun die Mitglieder der Dpastie Friedmatin nicht mehr militärpflichtig, und in die Türkei reisten sie nicht. Blieb die kleine Schwierigkeit, vo den türkischen Behörden nicht als Deserteure betrachtet * werden und nicht die Staatsangehörigkeit zu verlieren. Regel mSßig abgeführte „Bakschischc" wirkten in dieser Hinsiciv Wunder. Das Erscheinen des Risiners auf dem Plane und sein wac! sender Einfluß auf die jüdischen (Massen riefen natürlic gegnerische Kräfte hervor. Zunächst regte sich die Konkurrenz der alteingesessenen Wunderrabbitier auf, deren Oeschä': durch den Eindringling aus Risin schwer geschädigt wurde, denn ihre Schäfchen liefen herden weise zu dem neuangekommr nen Wundertäter. Die Stadt Czortkow erlebte eine nie f ur möglich gehaltene Blüte. Zu den hohen Feiertagen pflegten Tausende von Chassidim aus Galizicn, Ungarn, Rumänien und vor allem aus Rußland nach Czortkow zu kommen. Oft mußten Extrazüge eingelegt werden, um den gewaltigen Andrang von Wallfahrern zu bewältigen. Wer ein persönliches Anliegen an den Rabbi hatte, mußte tagelang warten. Es gehörte ungewöhnliche Energie, außerordentliche Geduld und auch sehr viel Geld dazu, um die Mauer der Unter- und Obcrgabbaim zu durchbrechen und nach vielen Tagen bis in das Vorzimmer des Rabbiners einzudringen. Von Antlitz zu Antlitt bekamen ihn nur wenige Leute zu scheu. Man mußte schon einen großen „Pidjan" (Gabe) bereithalten, oder irgendwie berühmt sein, um der Gnade teilhaftig zu werden, mit dem Risincr persönlich zu sprechen. Der regelmäßige Verkehr vollzog sich durch „Qtiitficch" (Zettel), Auf diesen schrieb der Gabbai-Sekretär den Wunsch des Petenten oder der Petentin und überbrachte dann mündlich die Antwort des Rabbi, nachdem er den Pidian entgegengenommen hatte. Die Art, wie Wunderrabbincr beten, ihre Mahlzeiten einnehmen, sich sonst gebärden, Ist allgemein bekannt. Beim Risincr vollzog sich das alles mit einem besonderen Zeremoniell. Um seine „Schiraim" (Speisereste) wurden förmliche Kämpfe geführt. Besonders hoch im Kurs standen Schiraim der Schabbeskugd. Dafür wurden bis 10 Dukaten bezahlt. Der Rabbi selbst berührte die ihm gereichten Speisen kaum, so daß böse Mauler behaupteten, er äße sich Im Verborgenen satt, um dann in Gegenwart seiner Chassidim zeigen zu können, daß ihm an Speise und Trank wenig gelegen sei. Am Hofe des Risincr trieben sich viele merkwürdige Käuze herum, darunter Religiös-Wahnsinnige und Büflernaturen. Im Vorraum des Beth-