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Jüdische Rundschau · 1934-01-05 · Heft 1-2 (5.1.1934) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 1-2 (5.1.1934)
Date
1934-01-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 1/27 JfthrKa«g / T^-\ l—'III 39 'i r~ Mngw.en.Bt Im Auftrag d„ Elgentöm.r. Q«nM d.n B«tlmmUn8.n d.r (| „. 64 UrhQ vom 9 1088 M.nuf.ctur.d on CuMomw. D.m.nd Producllon tur dfmtnd« "I* «4 1 utf FREITAG, 5, . i ii i * B.rIlr>7U7i <«" ■ . _ . , , , , -...................... (Mtuiln »w«l»i»' Und*»*«»»"* - Endttlnt J«<Ua Dltmt.g and Fr«l»n# Dar Zlonlimut eratrabt für das JQdlache Volk die Schaffung elntr 5ffon.llch-r JANUAR;i r t .« tri - r»! '.n , M« I ff Kit .11« l ^' /? / / 1 ICl-V.- .M\l _yt,v N_......I Prel» I'. ..» UM. Hit fti.))»«,»««-!» r»Nnt»jff>n nur «-lim Voriu** 1934 ilclioftan llolrastait« In Palästina. „ nt«lf, Di« n|f*f iii'n# MillU'<i«*!*r-X#ll# , l, fllf F«mlll»nn»fhr(r»u#rt UM -.IS. Fli «•(I IVl" U< k-Knnlii ftfrllri 7lfiW x.lfr In il»f AnrHcn Am,»l,m» Mnnli) ««* II t Ihr. Annahm«-«, hl-ill |(,r «Ii« l >kii<t«a A»'«»r-* Mnnl«( 10 t'hr, ta-lni-Au.»«*'« Mmwmli I ) Übt (| .milii«ii»r>*»((«n b'a I )»ni»i«ia« 10 Uhr). ■ l r Programm EIS CEE r c^s vt Qj&ii^ r\ r. '-\ r~ ~j i ''"<• i , - L.J i j kJ x —^ ^- f——^ •»«-—* \ ' ' * f 1 .J L,i U Li I I fcnri rrtiii Mit Jahob Wassermann ist eine der repräsentativen Figuren der vergangenen Epoche deutsch-jüdischen Lehern dahingegangen. Seine Bücher wurden von Hunderttausenden, vielleicht von Millionen Menschen gelesen, sein Name war auch im Ausland einer der bekanntesten Namen eines deutschen Juden. Die Figur Wassermanns aber ragt über den Rahmen des nin Lilerarisclicn und der Literatur- Geschichte hinaus. Er war ein ringender, unablässig an sich salbst arbeitender Künstler, aber er war auch ein ringender Mensch, und er wußte, daß die tiefe Problematik seines Wesens in seinem Judentum liegt. Wassermann war es, der schon 1912 den „Literaten", den er als seinen Gegenspieler und seine immanente Bedrohung empfand, als den vom Mythos losgelösten Menschen charakterisierte. Dieser Jude verwarf das, was man später abfällig „jüdisch" genannt hat; und setzte hinzu: „Der Jude dagegen, den ich den Orientalen nenne, ist seiner selbst sicher. Er kann sich nicht verlieren, da ihn ein edles Bewußtsein, Bluthewußlsein, an die Vergangenheit knüpft und eine tiefe moralische Selbstverantwortung der Zukunft verpflichtet". Wassermann selbst vermochte nicht, diese Entscheidung zum Judentum in sich zu vollziehen. Wir klagen nicht an; wir sind nicht so engherzig, den inneren Kampf eines geistigen Menschen nicht zu achten, auch wenn das Ergebnis ihn von uns wegführt. Das Ergebnis war das zehn Jahre später geschriebene Buch „Mein Weg als Deutscher und Jude", ein menschlich tief ergreifendes Dokument des Nichtbcwälligcn-Könncns des Problems. Es ist ein ehrlicher Kampf, den Wassermann in späteren Aufsätzen noch fortgesetzt hat; wir mußten zuweilen seine Haltung kritisieren. Aber die Judenfrage hat ihn niemals verlassen. Nicht um der Auswege willen, die er zeigte, — denn er zeigte keine — empfinden wir Jakob Wassermann als einen großen Juden, aber wegen der Fragen, die er stellte, wegen der Problematik seines Wesens und Denkens, wegen des ihn verzehrenden tragischen Konfliktes wird er eine bedeutsame Gestalt der Geistesgeschichte des deutschen Judentums bleiben. Der Weg des deutschen Juden freilich führt — um mit Wassermanns Worten zu reden — zu den „großen Zusammenhängen", den „ewigen Symbolen"; zu einer Inneren Freiheit, die Wassermann nicht zu erringen vermochte. Der Weg eines deutschen Juden Im einer der kleinen Erzählungen Jakob Wassermanns, die in Zukunft vielleicht zu seinen vollkommensten Gebilden gerechnet werden mögen, findet sich diese seltsame Stelle: „Zwischen ihr und dem Tod besteht eine wunderliche Beziehung ... Sie glaubt nicht an seine Furchtbarkeit; sie weiß, daß sie sich friedlich mit ihm einigen und daß er genau zu der Stunde bei ihr erscheinen wird, zu der jedes von ihnen beiden den andern braucht." Nirhts scheint zunächst fornpr m liefen, als daß mnn bei der erschütternden Nachricht von Jakob Wassermanns Tode an dies Wort denkt, das in der Erzählung von einer sehr alten Frau berichtet wird. Hier starb ein Mann in der Vollkraft des Schaffens; eben erst hatte sein sechzigster Geburtstag gezeigt, wie weit über die Grenzen de* deutschen Sprache hinaus sich sein Leserkreis erweitert hatte; und schon hatte man wieder im „Morgen", einer deutsch-jüdischen Monatsschrift, ein Kapitel aus einem neuen Roman des Dichters, dessen Erscheinen für das Frühjahr 1934 angekündigt wurde, den dritten Akt seines großen Maurizius-Andergast-Dramas, gelesen. Sicher häuften sich wie stets noch Arbeitspläne in Massen um den unermüdlich Ringenden, immer zu neuem Anlauf sich Bereitenden. Und doch kam dieser Tod zur rechten Zeit ... wenn auch „zur trostbedürftig rechten Zeit", um ein Wort der Rahel Levin zu gebrauchen. Denn die Zeit war gestorben, der Wassermanns große Werke galten; eine Zeit, deren Grenzen und Schuld keiner besser kannte als er selbst, mit der er aber doch — wie ein Ringer mit seinem Gegner — in schwer lösbarer Verflechtung verbunden war. Hier starb ein Kämpfer, der schon bei Lebzeiten in schwerster Enttäuschung und Trostlosigkeit durch das Tal der Todesschrecken geschritten war; keiner wie er hatte so sehr jene „Wahre Ruhe unter den Flügeln der Schechinah" verdient, von der unsere Alten künden. Jakob Wassermanns Weg führte durch finstere Jugend, wo er sich durch seelische und leibliche Qualen, durch Hunger und Not und Verlassenheit die Bahn zum dichterischen Schaffen erkämpfen mußte, zu frühem Er- Mg, Seiner leidenschaftlich durchbrechenden Fabulier- Lust, ja beinahe: rabulier-Wut, setzte die gut bürger- »'•che Kaufmannsfamilie in Fürth, aus der er stammte, etwas von jenem verständnislosen Widerstand entgegen, der sich etwa in den Worten dcs( Oheims Salomon Heine über seinen Neffen Heinrich Heine ausspricht: „Wenn er etwas Tüchtiges in seiner Jugend gelern.1 hätte, dann brauchte er heute keine Bücher zu schreiben!" — Und dennoch hängt der junge Mensch, wie er in einem späteren Bekenntnis erzählt, „mit einer wahren Fasern- Lebe" an allem, was ihn mit der Vergangenheit seines Geschlechts und seines Stammes verband. Das düstere Fürth, die Stadt, wo er geboren und Kind gewesen ist, war ja der Sitz einer der ältesten deutschen Judengemeinden mit weit zurückreichenden Traditionen; geheimnisvoll in ihm schlummerndes Wissen um die Vergangenheit seines Volkes hier auf fränkischem Boden erwachte in fast mystischer Entrücktheit in ihm, als er mit zweiundzwanzig Jahren die tragische Gestalt des Sabbatai Zewi zu gestalten versuchte. „Wie unter einem inneren Diktat" schrieb er damals die Szenen dei Vor-;|< v \ -h \ N( , uJ f \ .1 4 V * - | / f lw. triuQdlich tfbtilaucn vom 'S. rUchar-Varlaf, Bulla Spiels zu seinem ersten großen Roman „Die Juden von Zirndorf". — Es sind diese Szenen allein, die heut noch leben, während der Roman selbst völlig verblaßt ist. Noch spricht zu »:ns der Erlösungsdrang der Juden um Sabbatai Zcwi; während der Zeitgenosse Wassermanns, Agathon Geyer, verstummt ist. Nun aber war ein anderes Ziel ihm aufgestellt. Wies ihn die Ahnungskraft uralten Blutes zu seiner jüdischen Herkunft — noch lebte ja der Großvater, der Seilermeister, das Urbild des alten Oedaljah, in Zirndorf — so lockte ihn die fränkische Umwelt, in welcher der Knabe aufwuchs, mit nie versagender Kraft: nicht nur die Kornfelder und Blumenwiesen fränkischer Landschaft, nein, auch die Burg von Nürnberg und die Zauberkraft des Sebaldusgrabes ... „Jeremias und Veit Stoß" seien sich in ihm begegnet, pflegte wohl ein Freund später zu sagen. Und von nun an weiht sich Wassermanns Lebenswerk— offen oder verhüllt — im Grunde immer dem einen Problem: der Vereinigung seines Deutschtums mit seinem Judentum. , Kaum eines seiner Werke, in dem diese Saite nicht klingt. Zeigen die frühen Romane Momenthildcr aus dem k Leben heutiger Oroßrtadtjuden, von denen sich der Dichter selbst innerlich scheidet, so tauchen mit reifenden Kräften immer häufiger mitten in ganz anders, gerichteter Umgebung jüdische Gestalten auf, denen ein geheimnisvoller Zauber anhaftet, als seien es Boten aus andrer \v"< h Da j-.i die t;ipfer-uhscl:ulaige Gestalt der kleinen Ruth in „Christian Wahnschalfe": Opfer und Botin zugleich — fast als habe etwas vom Schicksal ihres Volkes in ihrem rührenden Einzclschicksal Gestalt gewonnen. Da ist die unheimliche Gestalt des Waremme im „Fall Maurizius", des Ahtriinnigcn, der zum Mahner der Gerechtigkeit wird. Noch im letzten Fragment des neuen Romans „Marie" erscheint ein Ostjudenkind, der kleine Chaim, den die Beschimpfungen seiner Altersgenossen so zur Verzweiflung brachten, daß er seiner Mutter einfach weggelaufen ist. Neben dem Judcnschicksal, das ihn nicht losläßt, kommt ihm immer deutlicher die Eigentümlichkeit jüdischen Weyens in dieser Zeit — oder in allen Zeiten? — zürn Bewußtsein. Martin Bttber nannte es die „Polarität". — „Der Jude ist entweder der gottloseste oder der gotterfalltcste aller Menschen; er ist entweder wahrhaft sozial ... oder er wi'l in anarchischer Einsamkeit nur sich selber suchen. Entweder ist er ein Fanatiker oder ein Gleichgültiger, entweder ein Söldner oder ein Prophet ... Wo sich hingegen der Einzelne wieder des großen Zusammenhanges bewußt wird, wo er im Schöße der Geschichte, der Ueberlieferung ruht, wo urewige Svmbole ihn tragen, urewige Blutsströme ihm Aclclsbewußtscin verleihen und zugleich alles Errungene und Erworbene organisch damit verschmilzt, da mag v wohl den Weg zu Göttlichem leichter als andere finden." Von diesem Juden als „Orientalen, nicht im ethnographischen, sondern im mythischen Sinne", dem schöpferischen Juden, aber trennt er unerbittlich den Juden als Europäer und Kosmopoliten, den Schicksal und Abwehr zum „Literaten" gemacht haben. Auch seine eigene Aufgabe zeigt ihm sein Juderischicksal in anderm Licht. Es ist der Kampf für die Gerechtigkeit, „die Lichtfrage", wie er sie nennt. „Daß die A«S dem Inhalt: CarMelchior-MinisterFrick über -....... ..... ............- die Rassengesetze — Juden auf der Bühne —Polemik um Major Burg—Der „Cxortlcower" (Feuilleton) — Englische Ziouistenkonfereni — Abgesagte» Kindei fett in Palästina Belltet*. Von jüdischer Kunst — Sport — Berliner , IIugCn' Rundschau - Jüdisches Leben im Reich Hebräischer Fer nuutcrriclit Gerechtigkeit, nicht bloß als Idee, sondern als sittliche Forderung von höchster, ungestümster Dringlichkeit das moralische und legislative, politische und religiöse Fundament des Judentums bildet, kinn nicht bestritten werden. Sollten sechzig Generationen imstande sein, dieses Jief eingebrannte Geistes- und Seelenzeichen zu

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