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Jüdische Rundschau · 1932-12-30 · Heft 103-104 (30.12.1932) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 103-104 (30.12.1932)
Date
1932-12-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 103/104, 30. XE 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 509 sich alle Berufe mehr und mehr verschließen, für den die überall und in allerhand Form vor sich gehende Verstaatlichung der Wirtschaft und der freien Berufe keinen Platz mehr läßt, dessen Effekten sich mit jeder Börsennotiz mehr in Nichts auflösen, — für diesen Juden ist die Möglichkeit, in Palästina ein Mietshaus zu bauen oder einen Orangmgarten anzulegen, in fünfzig von hundert Fällen die einzige Rettung, die ihm überhaupt noch bleibt. Und das Risiko, daß er dabei seine Parzelle vielleicht überzahlt, spielt für ihn keine Rolle angesichts der fürchterliehen Gewißheit, daß er in der Golah demnächst überhaupt nichts mehr besitzen wird. ״Wer wartet, verliert!“, ist die Erkenntnis, die den Juden heute nach Palästina treibt. Und er hat recht. Gewiß kann Palästina bei weitem nicht alle Juden aufnehmen und retten, denen die Gojah die Existenz versagt. Aber wir sollten alles tun, damit die ungeheure historische Möglichkeit, die Palästina gerade jetzt den Juden bietet, so weit wie nur möglich ausgenützt wird. Das kann unter anderem auch dadurch geschehen, daß man einer ungesunden Spekulation entgegenwirkt, aber das darf keineswegs das einzige sein, was wir zu tun haben. Ein Artikel, wie der von Böhm, mit seiner fast vollkommen negativen Einstellung, ist nur allzusehr geeignet, die große Chance zu verwischen, die Palästina heute für das Judentum bedeutet. Schon deshalb, weil nicht einmal die historische Begründüng der Bölumchen Warnung richtig ist. Geschichtlich gesehen ist es gar nicht wahr, daß die Konjunktur von 1925 ״sich bekanntlich sehr unheilvoll ansgewirkt hat“. Zunächst: ein großer, vielleicht det größere Teil der damals erlittenen Ver- Inste beruhte nicht auf dem Verfall der palästinensischen Wirt- Schaft, sondern dem Fall des polnischen Zloty. Die ״unheilvollen Auswirkungen“ auf Palästina aber bat das Land sehr bald überwunden. Die eigentliche Auswirkung jener angeblich so Unheilvollen Konjunktur von 1925 ist unser blühendes Tel-Awiw, und die Krisenauswanderer von damals bedauern heute herzlich, sich von einer überraschend schnell vorübergegangenen Dcpression ins Bockshorn und zurück nach Europa haben jagen zu lassen, und beneiden alle, die damals ausgehalten haben und im Lande geblieben sind. Heute sind diese die Nutznießer einer neuen glänzenden Konjunktur, zur selben Zeit wo jene, zurückgekehrt in ihre Herkunftsländer, aufs neue von einer Krise, und diesmal von einer viel fürchterlicheren, betroffen worden sind. Die Bodenspekulation in Palästina von heute, so bedauerlieh sie ist, ist nichts als die Begleiterscheinung zu dem vielleicht letzten Versuch des jüdischen Volkes, sich dem eisernen Ring zu entziehen, den die Galuth-Entwicklung um es zu legen droht und den die zionistische Wirtschaftspolitik in Palästina bisher nicht zu sprengen vermochte. Und darum ist es nur negativ zu werten, wenn Böhm als Ausweg nichts anderes vorzuschlagen weiß als die Verstärkung der Sammlungen für die Fonds, insbesondere für den KKL. Der KKL hat weder den Willen noch das Geld dazu, eine wirkliche städtische Boden- Eolitik zu treiben, und er wird sie nie haben, solange er, wie öhm sich ausdrückt, ״wegen verschiedener ländlicher Terrains zur Arrondierung seines Besitzes in Kaufverhandlung steht.“ Der KKL ist eben nach dem Willen seiner Leiter und der weitesten zionistischen Kreise in allererster Linie für den Kauf ländlicher Böden da, und es wäre somit nur die Frage aufzuwerfen, die Böhm einigermaßen zaghaft bejaht, ob denn der KKL wenigstens auf dem Gebiete der ländlichen Bodenpolitik preisregulierend gewirkt ha( oder in Zukunft wirken wird. Nun, die Bodenpolitik des KKL mag von allerhand Tendenzen geleitet sein, deren Richtigkeit wir hier nicht anzweifeln wollen, die Tendenz der Regulierung der Bodenpreise hat dabei nie eine Molle gespielt. Die Bode», die der KKL gekauft hat, hätte, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Privatwirtschaft sowieso niemals erworben Halte der KKL preisbiidend auf dem Gebiete der ländlichen Böden wirken wollen, dann hätte er rechtzeitig aie Orangenböden gekauft, die heute den -eigentlichen Gegenstand der Bodenspekulation bilden. Aur dem Gebiete ist er erst ganz spät aktiv geworden und hat sich auf den Kauf der Böden des Wadi Chawarith beschränkt oder beschränken müssen. Und gerade dieses Terrain, aber auch die Art, wie es besiedelt wird, ist in keiner Weise geeignet, irgendwie preisbeeinflussend auf die Böden der Orangenzone zu wirken. Sondern der KKL hat eben bei seinen Bodcukäufen ganz andere Prinzipien verfolgt: strategische, vielleicht sogar politische, sozial-experimentelle und wirtschaftsideologische (z. B. Böden für gemischte Wirtschaft). Auch diese Prinzipien sollen hier nicht untersucht werden, nehmen wir an, sic waren und sind absolut gerechtfertigt. Aber dann hat es keinen Sinn, dann ist es gefährlich, zu behaupten, daß die Förderung des KKL das einzige wirksame Mittel sei, der Bodenspekulation entgegenzuwirken. ... Soviel Juden, wie noch nie, und vor allem Juden mit Kapital wollen durchaus nach Palästina. So vielen Juden wie nur möglich, und vor allem denjenigen mit Kapital, die doch die Existenzmöglichkeiten für die mittellosen Elemente schaffen, muß man die Einwanderung ins Land und ihre Seßhaftmachung darin erleichtern, und das muß die einzige Aufgabe jeder zionistischen Wirtschaftspolitik zum mindesten für die nächsten Jahre sein. Da das Privatkapital nach Böhms Feststellung mehr als gerne den Weg nach Palästina findet, muß alles dahin gehen, es ins Land zu bringen, darin festzuhalten und seinem Aufbau dienstbar zu machen. Das geschieht nach den Gesetzen des Kapitals, indem man ihm Gewinnmöglichkeiten eröffnet, und das tut heute u. A. der Hausbau und die Anlage von Orangengärten. Man soll das Kapital dazu ermutigen. Und soll es ihm überlassen, die Grenzen abzustecken, innerhalb deren es ihm noch lohnend erscheint. Nur so werden wir die ganz einzigartige Möglichkeit erfassen, die uns das Schicksal heute bietet: daß zur selben Zeit, wo es dem Weltjudentum so schlecht geht, wie noch nie, es Palästina so gut geht wie noch nie. Jerusalem, 27, Dezember (I. T. A.). Wie Emanuel Neuman der J. T. A. mitteilt, wird neuerdings ein Kampf gegen Bodenspekulanten und Winkel-Makler, die die Preise für Citrus-Boden und Citrus-Haine in die Höhe treiben, eingeleitet. Um Mittelstandssiedler und Investitoren vor Ausbeutung zu schützen, wurde ein zentraler Informationsdienst für alle* den Kauf von landwirtschaftlichem Boden und Orangenhainen betreffende Fragen eingerichtet. Der Dienst steht unter der Kontrolle eines Komitees, in dem alle Elemente des Jischuw, der Verband jüdischer Farmer, die Histadruth Haowdim und die von verschiedenen Organisationen erhaltenen Informationsbüros eingeschlossen, vertreten sind. Der zentrale Informationsdienst wird vom Büro des American Economic Committee in Tel- Awiw geleitet. Sachverständige und vertrauenswürdige Makler werden herangezogen, ihre Gebühren und Arbeitsmethoden werden vom Kontrollkomitee festgesetzt. Bodenkäufer in Palästina und auswärts werden ersucht, sich, bevor sie einen Kaufvertrag schließen, mit dem zentralen Informationsbüro in Ver- Cuncfung zu setzen. Jerusalem, 27. Dezember (I. T. A), Die Histadruth Haowdim trifft Vorbereitungen zur Aufnahme der neuen Ein- Wanderer, die auf Grund der für das laufende, im März 1933 endende Halbjahr erteilten Zertifikate nach Palästina kommen. Für die Neuankömmlinge werden geeignete Unterkunftsräume vorbereitet, Werkzeuge beschafft, Handwerkslehrkurse, auch Kurse für Hebräisch, eingerichtet. Qualifizierte Arbeiter vvurden von der Histadruth mit diesen Aufgaben betraut! Lord Meldiett in Berlin Wer ist Lord Melchett? Man denkt zunächst stets, wenn man den Namen Melchett hört, an den ersten Träger dieses Titels, Sir Alfred Mond. Der gegenwärtige Lord Melchett folgte seinem Vater 1930. Er ist 31 Jahre alt und trotz seiner Jugend ein prominenter englischer Wirtsehaftsführer, Er ist dies nicht etwa nur als Erbe seines Vaters, sondern auf Grund eigener Begabung. Lord Melchett hat heute schon die entscheidenden Posten in dem Imperial Chemical Trust, der das ganze Empire umfassenden Vereinigung der chemischen Industrien inne, er ist Direktor der Barclavs Bank, der International Nickel Corp., Führer des Exekutivkomitees des Verbandes britischer Großindustrieller und zahlreicher anderer für England lebenswichtiger Handels- und Industrie-Körperschaften, Dieser Mann wird von einer brennenden Aktivität vorwärts getrieben, die ihn befähigt, nicht nur praktisch in das Getriebe des Weltreiches einzugreifen, sondern auch theoretisch die Wirtschaftsprobleme zu untersuchen. Davon zeugen die beiden, im letzten Jahre veröffentlichten Bücher ״Why the Crisis?“ und ״Modern Moncy“. Lord Melchet war bis zum Antritt der Peerschaft einer der besten Redner im Unterhaus, dreimal vertrat er verschiedene Wahlkreise, zunächst für die Liberalen, später für die Konservativen. Lord Melchett wurde erst spät Zionist; nach dem Tode seines Vaters empfing er die für sein weiteres Leben entscheidenden jüdischen Eindrücke. Im Juni 1931 erschienen als Boten von Erez. Israel in London die 12 Motorradfahrer und legten am Grabe seines Vaters zur dankbaren Erinnerung einen Kranz nieder. Sie luden den Sohn nach Palästina ein, der dann in Begleitung seiner Schwester, der Viscountess Erleigb, an der Makkabiah teilnahm. Dort sah der junge Lord, wie er selbst mit einem begeisterten Bekenntnis in der 4. Nummer des Funktionärorgans ״Hamakkahi“ bekennt, ,,unter dem herrlich blauen Himmel unseres Landes die Tausende von marschierenden Makkabim“, er sah die Jugend seines Volkes, er sah die Zukunft. Und als der Präsident des Makkabhveltverbandes, Dr, Hermann Leiewer, auf seiner Londonreise im September in London Lord Melchett das Ehrenpräsidium des Makkabiweltverbandes anbot, erklärte dieser: ״Sie machen mir die größte Freude meines Lebens, ich gehöre zu Ihnen und Ihren herrlichen Mensehen, die physische und psychische Regeneration des jüdischen Volkes ist unsere Aufgabe, ich übernehme das Amt, um der erste Diener Ihrer Bewegung, der ich innerlich schon lange angehöre, zu werden.“ Lord Melchett hat Wort gehalten. Mitten im Winter, heraus aus den dringenden Geschäften, erscheint der neue Präsident auf dem Kontinent, um eine Reise durch die östlichen Makkabi-Zentren anzutreten, keine Vergnügungsreise, sondern eine Informationsreise. Der neue Führer, der mit der gleichen Energie an dieses Werk geht, wie an die zahlreichen anderen Aufgaben, die er in jungen Jahren bereits erfüllt hat, will er die Menschen kennen lernen, mit denen er gemeinsam kämpfen wird. Die erste Etappe seiner Reise,ist Berlin. Die erste Sitzung ein gemeinsames Arbeitstreffen von den Präsidien des Makkabivveltvcrbandcs, des Deutschen Makkabikreiscs und den Funktionären des Berliner Bar Kochba-Hakoah. ln dem großen Sitzungssaal der Zionistischen Vereinigung für Deutschland folgt Referat auf Referat, keine inhaltlosen Begrüßungsreden, sondern Arbeitsberichte: Es sprechen Dr. Friedenthal (General- Sekretär des Makkabiweltverbandes), Dr. L e 1 e vv e r (Präsident), Dr. Rabau (Präsident des deutschen Makkabikreiscs), Dr. Blum, S o b e r s k y, Dr. J a c o b o w i t z (Sekretär des deutschert Makkabikreiscs), Saphir (Vertreter des tschechischen Makkabikreiscs), Sigi Hermann und Dir. K a r e s k i. Lord Melchett spricht als letzter. In freier deutscher Rede entwickelt er seine Gedanken über die Aufgaben und Ziele der Makkabibewegung. ״Jedes Volk“, so ruft er aus, ״hat seine Berufung. Aber kein Volk war solange von ihr ausgezeichnet, Als das jüdische. Der historische Augenblick der Befreiung ist gekommen. Nur alle 1000 Jahre bietet die Geschichte einem Volke solch eine Gelegenheit. Wir müssen sie ergreifen. Wir sind dazu unserer Vergangenheit und den kommenden Geschlechtern gegenüber verpflichtet. Der Rahmen ist in Erez Israel bereits geschaffen, aber er muß erst mit einem Inhalt gefüllt werden. Die Stunde erfordert Mut und Tapferkeit, ein Volk kann nur geschaffen werden durch die drei großen Prinzipien des Makkabi: Mannesmut, Disziplin und Treue. Turnen und Sport sollen unsere Generation dorthin bringen. Das ist die historische Aufgabe des Makkabi.“ Am Sonntag besichtigt Lord Melchett die Umgebung von Berlin, ihn begleiten die Makkabiführer und zahlreiche jüdische Prominente. Am Nachmittag findet beim Präsidenten des Deut• sehen Makkabikreises ein Tee statt. Am Abend aber klingt der Berliner Aufenthalt mit rauschendem Akkord aus: Riesenempfang des Berliner Bar Kochba-Hakoah. Der größte Saal Berlins, festlich dekoriert, eine 3000-iöpfige Menge feierlich gekleideter Mskkabim. Lord Melchett betritt den Saal. Ein tausendfaches Schalom klingt ihm entgegen, Fanfaren begrüßen ihn. Neben den flackernden Chanukkahlichtern, auf der Empore, gegenüber einem riesigen Transparent mit den Lettern ״Schalom Lord Melchett“ nimmt das Präsidium Platz. Man singt die Chanukkahhymne, ein Opernsänger schmettert eine Arie aus ״Judas Makkabäus״ von Händel in den Saal, von den den Seiten strömen die Leichtathleten herein — voran der Bannerträger — und bilden im Rund des riesigen Saales Spalier. Gymnastik und Tänze, ausgewählte Barren Vorführungen, eine begeisterte Ansprache von Dr. Leiewer und schließlich ein erneutes Bekenntnis Lord Melchetts zur Makkabi-Idee bilden den Inhalt der Feier. Lord Melchett wird ein roter Rosenstrauß überreicht. Stehend singen 3000 die Hatikwah. Nach dem Empfang im Kroll-Saal besteigt Lord Melchett in Begleitung Dr. Leiewers und des Präsidiumsmitglicdes Hermann den Nachtzug nach Warschau. Tags darauf Warschau, übermorgen Lemberg, und dann Czernovvitz, Bukarest, Sofia. Der Makkabi hat einen neuen Führer. ־ Dr. Kurt Jacobowitz, * Am 24. Dezember 1932 traf Lord Melchett in Berlin ein. Er wurde am Bahnhof von dm Mitgliedern des Präsidiums des Makkabi- Wellverbandes empfangen. Zum Abendessen war Lord Melchett Gast im Hause von Dr. Lelowtr, wo auch der Vorsilzende der Z. V. f. D״ Kurt Blumenfeld, I.eo Saphir aus Prag als Vertreter des tschechoslowakischen Makkabikreises und Hans F r i e d e n t h a 1 erschienen waren. Danach fand in den Bäumen der Meinekostraßo eine Sitzung des Präsidiums des Mak kabi-Wellverbandes statt. Am Sonntag Vormittag besuchte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlins, Direktor Dr. h, c. K I e e m a n n , Lord Melchett und unterhielt sich mit diesem ausführlich über verschiedene Fragen jüdisehen Lebens. — Die Berliner Presse, die ihre Vertreter zu ver- »ehiedenen Interviews entsandt hatte, berichtete ausführlich über die Person Lord Melchetts und den Zweck seiner Reise. (Ergänzende Berichte siehe Spalte Makkabi-W eltverband.) Prag, 26. Dezember. (J. T. A.) In dem soeben angenommenen Staatsbudget für das Jahr 1933 haben die Posten für jüdischen Kultus eine nicht unbedeutende Erhöhung erfahren. Während im Jahre 1932 für den Kultus der jiidtsehen Religionsgemeinschaft in der CSR Kc. 1 650 000 prähminiert waren, beträgt dieser Posten im Jahre 1933 Kc. 1 808000. Nachruf für Arnhold Roscnthal (Breslau—Haifa) Wer ist Arnhold Rosenthal, daß man von ihm spricht? Ein schlichter Mann, bescheiden, alles Lob von sich abwehrend, wahrhaft einer aus dem Volk, der nicht wollte, daß man von ihm spreche, denn er tat alles mir aus innerem Drang und nicht um äußerer Erfolge willen. Er war einer jener ursprünglichen Juden, wie sie so oft aus der Provinz Posen hervorgegangen sind. Ihr Judentum — zwischen Deutschen und Polen — war ihnen nie Problem. Sein Judentum war ihm ein heiliges Feuer von Jugend auf. Er wurde Uhrmacher, der sich vom mittellosen Handwerker durch seiner Hände Fleiß und seine zähe Zielstrebigkeit zu einem angesehenen Kaufmann von Ruf und Rang empor* arbeitete. Während seiner Gesellenzeit kam er auch nach Polen, wo er das Ostjudentum kennenlernte. Als Soldat — im Frieden und Krieg — vertiefte sich in ihm, trotz einer selbstverständliehen Pflichthingabe für das Vaterland, das Bewußtsein vom jüdischen Sonderdasein. So wurde er schon früh Zionist. Aber erst in der Ehe mit einer tiefgebildeten, klugen, kritischen und liebevollen Gefährtin hei der Erziehung des einzigen Sohnes wurde sein Zionismus konkret. Der Sohn — Blauweißer, K.-J,-V,er — dachte Agrikulturingenieur in Palästina zu werden. Ein besonders befähigter Mensch. Er verunglückte tödlich in der Nähe von München beim Radfahren. Den Willen des Sohnes zu verwirklichen, gingen die Eltern kurze Zeit nach Palästina, zuerst monateweise, dann für immer. 1925 baute er ein kleines, vom Architekten Baerwald besonders schön gestaltetes Häuschen auf dem Karmel, bei dessen Errichtung er den Plan realisierte, einen Teil des Hauses für Chaluzim bereit zu halten. Im Frühling 192S starb seine Frau, die den Verlust des Sohnes •nie hat überwinden können. So blieb er ganz einsam. Aber unermüd* lieh wirkte und schaffte er weiter. Am Aufbau des Laudes m i t z u a r b e i t e n , das war d e r S i n n seines Lebens. Acußerlich zurückhaltend, fast schüchtern und scheu, war er innerlich ein vom Schicksal des jüdischen Volkes rasend Ergriffener, ein Kritiker und ein Liebender zugleich, ein Prüfender von unerbittlicher Strenge. Nur Arbeit konnte ihm Befriedigung bringen. Er stiftete einen Pavillon für das Erholungsheim der Arbeiterkrankenkasse auf dem Karmel. Dann gab er den Grundstock für den Bau des Verwaltungsgebiiudes (ambulante Klinik) der Kupath Cholim in Haifa. Sein schönstes Denkmal setzte er sich in der Erschaffung eines vorbildlichen großen Kindergartens für die ärmsten sefardischcn Kinder in Haifa. Für die Erhaltung dieses Gan gab er seine ganze Kraft her. Er wollte — auch als die Devisensperre die Zuleitung der nötigen Mittel aus seinem Breslauer Stammhaus fast unmöglich machten — lieber für seine Person alle Einschränkungen auf sich nehmen, um nur diesen Bau aus eigenen Kräften erhalten zu können. Bei all dieser ״privaten Initiative“ wußte dieser Mann die Bedeutung der nationalen Kräfte richtig einzuschätzen. Die nationalen Fonds sollten gespeist werden. Neue Menschen müßten ins Land kommen. Jedem, der kommen wollte, oder der seiner Hilfe bedurfte, stand er mit Rat und Tat zur Seite, soweit er nur konnte. Aber von jedem erhoffte und verlangte er völlige Unterwerfung unter die schwierigen Bedingungen des Landes und die Erfordernisse der Stunde. Und noch eines wußte er: Wir leben zu üppig und opfern darum zu wenig. Wir erheben zu große Ansprüche und bereiten uns daher für Erez Israel zu schlecht vor. So sah er vor allem in dem genügsamen Arbeiter den Typ des Juden, der Palästina aufbauen wird, wenn er sich auch an jedem freute, der am Aufbau des Landes mithelfen wollte. Drüben muß man einfach leben und über alle persönliehen Enttäuschungen hinweg sich hingeben. Das hat er ganz etan. Er hat ohne Rücksicht auf Schmerzen und Leiden seine orderttng'en zuerst ganz an sich erfüllt: Viele, sehr viele werden seine helfende Hand vermissen. Drüben kennen seinen Namen alle. Groß ist die Zahl derer, die um diesen seltenen, einsamen Menschen trauern werden. Düsseldorf, 26. Dezember 1932. Joseph Marcus. Chaim Eilingon gestorben Am 24. d. M. ist in Leipzig Chaim E i tin go n im Alter von 73 Jahren gestorben. Chaim Eitingon, Seniorchet der Weltfirma Eitingon, war sehr wohltätig und stiftete in Leipzig mehrere Wohlfahrtsinstitute. Der Stadtrat Leipzigs ehrte ihn durch die Benennung einer Straße nach seinem Namen. Der Verstorbene war jüdisch sehr interessiert und ein Freund des Palästinawerkes. Bei der Beerdigung am 26. d. M. sprach u. a. im Namen der Zionistischen Vereinigung Gg. Wilhelm Dubiner und würdigte die Verdienste des Verstorbenen um die Sache des Palästinawerkes. In Chaim Eitingon verlieren die Juden in Leipzig und darüber hinaus die jüdische Gesamtheit einen verdienstvollen, wohltätigen, für jüdische Angelegenheiten begeisterten Mann. Presseschan In einem Artikel zum Gedächtnis Wilhelm Försters in Nr. 52 der ״C, - V. -Zeitung“ heißt es von der 1892 erfolgten Gründung der ״Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur“ wörtlich: ״... Die Gesellschaft entstand in der Zeit vor der Gründung des Centralvereins, ah man in jüdischen und auch wohlmeinenden christlichen Kreisen verschiedene Versuche machte, des überhandnehmenden Antisemitismus Herr zu werden, ohne sich noch der rechten Mittel und Wege bewußt zu sein, die dann erst beiderGriindungdesCentralvereinsgefunden wurden.“ (Sperrungen von uns. — Red. ״J. R.“) Aus diesem Satz erfährt man so nebenbei, daß der C.-V. die Mittel und Wege besitzt, ״des überhandnehmenden Antisemitismus Herr zu werden“. Es grenzt fast an Landesverrat, daß er das Zauhermittel für sich behält und den Antisemitismus von 1892 zu dem von 1932 anwaciisen ließ. * Die ״Zeitschrift für Textil-Wirtsehaft“ berichtet unter dem Titel ״Palästina als Importgebiet deutscher Textilien“ über den Fortschritt des Modewarenhandels in Palästina. Es herrscht, so heißt es in dem Artikel, ein ausgcsprochen guter europäischer Geschmack, der von englischen Fabrikanten weniger befriedigt werden kann, so daß trotz der ungünstigen Valutakurse kontinentale Konfektion einen Vorrang auf dem Markte genießt. Das Zentrum dieses Handels ist Tel- Awiw, wo sich eine Anzahl modern eingerichteter Damenkonfektionsgeschäfte etabliert haben. Sowohl Berliner Konfektiön, wie auch feine Apoldaer Strickwaren finden guten Absatz. Eine neue Europa-Tournee der Hablmah. Die ״Habimah“ bereitet ׳sich zu einer neuen Europa-Tournee vor. Die ״Habimah“ wird auf ihrer Tournee eine Anzahl Stücke ihres neuen Repertoires, so 11. a. 003 (!20״“ von Schalom Aleichem, und ״Rahab“ vom bekannten amerikai i;.h-;üdischcn Bühnen- Schriftsteller Harry Säckler, der jetzt in Palästina weilt, spielen«

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