Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 103-104 (30.12.1932)
- Date
- 1932-12-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 508 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 103/104, 30. XU 1932 gütig zeig!, die Versprechungen MacDonalds wegen Beschäftiguhg eines adäquaten Teils von jüdischen Arbeitern zu verwirklichen — die Ausdehnung der Industrie, der Bau der Pipelitie nsw. 7. Gewiß ist, wie Smilansky beklagt, das Tempo der Neukolonisation ein langsames. Doch die bestehenden Siedlungen zeigen einen ständigen Aufschwung; die teilweise Durchführung der Ansiedlung der Tausend, der Beginn der Arbeit in Wadi C.ha wäret 11 u. a. ni, sind jedenfalls Schritte nach vorwärts, Smilansky selbst hatte in Nr. 25 seiner Zeitschrift ״Boust’nai“ ein günstiges Bild der Tntwicklung der jüdischen Landwirt- Schaft gegeben. Besonders betonte er die Fortschritte der jüdischen gemischten Wirtschaften, die 5602 für Million Pfund Produkte durch ״Tntivah“ verkauft haben. Er sagte selbst, dafi diese Entwicklung die Hoffnungen der kühnsten Optimisten übertreffe. Zu einer weiteren Steigerung der Produktion sei allerdings Neukolonisation nötig. Im selben Artikel wies Smilansky darauf hin, daß derzeit 100000 Dunam Zitrusgärten in jüdischen Händen seien. Würde man diese in Famihenlose zu je 10 Dunam teilen, so könnten, sagt er, von dieser Fläche mit Nebendiensten allein 150(XX) Juden leben! ln einem späteren Heft feierte er das Finden von Wasser in galiläischen Kolonien und setzte darauf große Hoffnungen. Man kann also sein eigenes Zeugnis gegen den letzthin von ihm geäußerten radikalen Pessimismus setzen. 8■ T e I - A w i w ist im Begriffe, eine eigene Gesellschaft zur Entwicklung der Stadt, namentlich durch Anlage eines Industrieviertels, zu bilden, wofür schon sehr ernste Pläne mit Beihilfe des Keren Kajemeth in Ausführung sind. Die Stadt Haifa steht vor Eröffnung des neuen Hafens, die im März erfolgen soll. Ein gewisser Aufschwung ist unmittelbar zu erwarten, wenn auch wegen der heutigen Weltlage noch Zeit vergehen wird, bis die erwarteten besonderen wirtschaftlichen Folgen sich zeigen werden. 9. Wenn Smilansky als Alarinzeichen konstatiert, daß eine besonders große Arbeitslosigkeit unter den Angestellten herrscht, so ist diese Tatsache zwar begreiflich, aber noch kein Krisenzeichcn. In der Wirtschaft Palästinas ist eben kein Raum für eine zahlreiche Angestelltenschaft. Für die Landwirtschaft ist das klar. Die Industrie ist vor allem Kleinindustrie, wo soll also eine größere Zahl von Privatbeamten Unterkommen? Palästina ist heute ein Land für Arbeiter, Handwerker und Unterjiehmer mittleren Kapitals. (Man betrachte dazu die folgenden Zahlen aus Tel-Awiw. In Betrieben mit motorischer Kraft gab es 1930 : 3602 Beschäftigte, von ihnen waren bloß 169 Angestellte. Gleichzeitig gab es ״Beschäftigte“ (meist Angestellte) im Handel 679, im Bauwesen 226, dabei zählte Tel-Awiw 1930 42 000 Einwohner.) Das mögen diejenigen Beamten und Angehörige bedenken, die heute meist als Touristen ins Land kommen, um sich nach dauernder Arbeit umzusehen. Aber die Tatsache, daß es heute einige hundert arbeitslose Angestellte gibt, m kein Zeichen für einen ungesunden Zustand der allgemeinen Wirtschaft. Wäre es möglich, diese von den Auswüchsen der Spekulation zu befreien, dann brauchte man für die Weiterent- Wicklung keine Sorge zu haben. — Diese Bemerkungen sollen natürlich die vom Autor selbst geäußerten Befürchtungen vor den Folgen der dleKonjunktur gefährdenden Spekulation nicht abschwächen, sondern sie richten sich nur gegen einen allzu weit getriebenen Pessimismus. Die verlangte Aufklärungsarbeit der JA über die Gefahren jener Spekulation scheint neuesten Nachrichten zufolge schon begonnen zu haben. Während man gewöhnlich nicht erwarten kann, daß Spekulanten durch Warnungen von ihrem Treiben abgehalten werden, ist in Palästina ihre Wirkungs- Sphäre so begrenzt und die Publizität jeder noch so nebensächliehen Veröffentlichung so groß, daß es möglich erscheint wenigstens die Investitionslustigen durch eine energisch ge* führte Aufklärungsaktion davon abzuhalten, den Maklern und sonstigen Preistreibern zu eigenem Schaden ins Garn zu gehen Keine Analogie zu 1925 Von H. M. (Tel-Awiw). Zu dem unter dem Titel ״Konjunktur-und dann?“ von Adolf Böhm (in Nr. 91 der ״J. R.״) publizierten Artikel möchte ich mir einige Bemerkungen gestatten. Damit ist k e i n e Polemik beabsichtigt, der Artikel mag diesen Bemerkungen nur als Ausgangspunkt dienen. 1. Es ist durchaus begrüßenswert, wenn in Zeiten eines ungewöhnlichen Wirtschaftsoptimismus zur Vorsicht und Besonnenheit gemahnt wird. Böhm braucht nicht zu fürchten, wenn er es tut, ״Störer des Aufbauwerks“ genannt zu werden, denn erstens gibt es heute schwerlich eine verantwortliehe Instanz oder Person, die darin anders denkt und handelt als er, und zweitens ist das Aufbauwerk bereits zu stark fundiert, als daß es von solchen Warnungen empfindlich ״gestört“ werden könnte. 2. Trotzdem kann man Böhms Artikel in dieser Form nicht zustimmen. Die Lage ist nicht so einfach und leicht übersehbar, daß man sich damit begnügen könnte, unter Hinweis auf eine Analogie der Vergangenheit das gleiche Resultat zu prophezeien, das damals, 1926/27, eingetreten ist. Vielleicht mag es sich von der Ferne so ansehen, da man dort nur die ״groben Fakten“ erkennt und nicht immer ihre feineren Verknüpfungen, aber wer in den letzteren drin steckt, hat es viel schwerer, zu Konklusionen zu kommen, und eines ist ihm jedenfalls klar: daß es keine Analogie gibt zwischen jetzt und 1925. Im Gegenteil: zwischen damals und heute sind die Verschiedenheiten krasser als die Parallelitäten. 3. Bei der jetzigen Aufwärtsbewegung der Preise sind — neben unwichtigeren — vor allem drei wichtige U r - Sachen im Spiel: a) das Ueberangebot an flüssigem Kapital, welches h tout prix eine Anlage in Palästina sticht, sei es aus Liebe zu Palästina, sei es aus Sorge ums Ausland, b) die Entwertung des Pfundes, c) der steigende Bedarf an Wohnraum und Bedarfsartikeln für eine steigende und aufsteigende Bevölkerung. •3. Aus dem Zusammenwirken dieser drei Hauptkomponenten muß man sich sein Bild darüber machen, inwieweit die Preisbewegung noch kalkulatorisch fundiert ist oder aber, ob sie bereits in das Bereich inflationistischer Ueberteuerung hineingreift. Und dazu kommt noch ein vierter Umstand: Als in den Jahren 1924/25 Kapitalien zur Anlage nach Palästina drängten, standen die Weltmarktpreise für Anlagekosten auf ihrem Höhepunkt: Rohstoffe, Löhne, Materialien, Kredit und Kapital* zins, alles war so teuer, daß eine Veränderung nur nach unten, nicht nach oben erwartet werden konnte. Seither haben wir aen Zusammenbruch des Weltmarktniveaus erlebt und alle Investierungskosten haben ihren Tiefstpunkt erreicht. (In Palästina sind die Herstellungskosten für Häuser und Pflanzungen i. J. 1931 um 40 bis 60 0/0 niedriger gewesen als 1924/25!) Es ist also wieder mehr Platz nach oben als nach unten, und wenn man mit einem Steigen der Weltmarktpreise allein eine Linderung der Weltwirtschaftskrise erhofft, braucht man nicht so sehr zu fürchten, daß das Niveau der Investierung*• preise in Palästina der Gefahr eines so großen Zusammenbruches ausgesetzt ist wie es früher der Fall war. 5. Die Entwicklung des Weltmarktniveaus einerseits und die Entwicklung des Pfundkurses andererseits werden den entscheidenden Einfluß darauf haben, ob es in Palästina zu einem schweren Rückschlag kommt oder nicht. Beides sind unübersehbare Faktoren. Was das Pfund anlangt, ist mir Böhms Hinweis unverständlich und es scheint mtr, daß er sich damit selber widerspricht. Er meint, mit Recht, daß Palästina als Land mit Preisen im entwerteten Pfund zu den Weltpreisen in Gold aufsteigen werde, und er fügt hinzu, daß darin ״ein Moment der Gegenbevvegung gegen die Konjunktur“ liege. Wieso? Gerade dieses Aufsteigen (Böhm betont, daß es sich ״wahrscheinlich sehr langsam“ vollzieht) schafft und läßt Raum für eine Preissteigerung, die sich nur und erst dann als eine Ueberteuerung atisweisen wird, wenn wieder eine Deflation bzw. ein Herauftreiben des Pfundkurses einsetzt. Also nicht im Aufsfeigen, sondern in einem evtl. Kurs- Umschlag für das Pfund liegt eine Krisengefahr, und die ist allerdings groß, ganz unabhängig davon, ob es jetzt eine unberechtigte Preistreiberei gibt oder nicht: dreht sich der Kurs so, daß die gesamten Imperialprodukte und Exporte ihre gegenwärtige Wettbewerbschance verlieren, so wird die Jaffa-Orange davon keine Ausnahme machen. 6. 1925/26 spielte der Währungsfaktor keine Rolle. Man konnte damals nicht einen Teil der Preissteigerung als Anassung an die Währung rechtfertigen. Ich zähle einige weitere aktoren auf, die damals bestimmend anders gelagert waren als heute: Es gab keine Auswahl an Anlageobjekten. Alles konzentrierte sich auf städtische Wohnhäuser oder auf Böden, bei denen man zukünftige und phantastische Entwichlungschancen miteskomptierte. Die Oran^enindtistrie bot noch wenig Raum für Anlagekapital und jedenfalls nicht für solches, das mit kurzfristigem Zinsgenuß rechnete. Die städtische Jndustrie war noch völlig Neuland, jede Investierung bedeutete ein unausprobiertes Experiment, gefahrvoll, langfristig und ohne Aussicht auf eine rasche Verzinsung. Die Kaufkraft der Bevölkerung war minimal. Das Gros der Käufer: die Lohnarbeiter und Gehaltsempfänger, waren jedem Rückschlag auf dem Arbeitsmarkt preisgegeben, und sobald Arbeitslosigkeit überhaupt einsetzte, brach die Kaufkraft der ganzen Schicht zusammen. Außerhalb dieser Schicht gab es überhaupt kein e Kaufkraft, denn wer nur irgendwie zu den produzierenden Schichten gehörte: Kolonist, Pflanzer, Fabrikant, Hausbesitzer, Bodenkäufer, befand sich noch am Anfang einer mehrjährigen Investierungsperiode, war auf teure und schwer beschaffbare Kredithilfe angewiesen, hatte noch keine Einnahmen, schraubte daher seinen Verbrauch auf ein Minimum herunter — und es entstand dadurch für Jahre ein Unterverbrauch, der zu Kompensationskäufen führen mußte, sobald die Lage besser wurde und sobald diese Schicht Einnahmen erzielte. Ferner standen damals im Vordergrund des Wirtschaftslebens einige Mammutgebilde von besonderer Konjunkturempfindlichkeit, deren Festrennen sofort gewaltige Rückwirkungen auslösen mußte, ich nenne nur als Beispiele Solei - Boneli, Hamashbir, American Zion Commonwealth, Haifa Bay Development Co., Meshek usw. Da der ganze Boom mit ungenügenden Kapita'.rcservcn begonnen wurde, waren Kredit - Rettungsaktionen auf der ganzen Linie erforderlich, zu deren Bewältigung die vorhandenen Banken und Institutionen nicht in der Lage waren. Das wirkte sich um so krasser aus, als einige dieser Rettungsaktionen absolut zwangsläufig durchgeführt werden mußten, 1. B. die Befreiung des unverhältnismäßig großen Bodenbesitzes der privaten Gesellschatten von den Hypotheken der arabischen Vorbesitzer. 7. Nun einige Faktoren, die das heutige Wirtschaftsleben beherrschen: a) Die Investierungsperiode Ist sowohl bei den Pflanzungen wie ln der Industrie großenteils vorüber. 100 OCX) Dunam zusätzliche Pflanzungen immobilisieren 7 bis 9 Millionen Pfund. Diese werden jetzt sukzessive in großen Abschnitten frei. Es gibt Ernte, also Einnahmen auf das Kapital, und das Kapital selbst wird dadurch beweglich, bank- und beleihungsfähig. Der Pflanzer erhält Hypothekarkredite und bekommt Luft. Diese ganze Schicht beginnt nunmehr mit den früher erwähnten Kompensationskäufen, d. h. haben sie früher mit Anschaffung für das. Haus, Mobiliar, Kleidung oder mit Ausgaben für den Konsum übermäßig zurückgehalten, so holen sie es jetzt nach, kaufen vielleicht sogar etwas mehr als dem normalen Durchschnitt entspricht, bis wieder ein Ausgleich eingetreten ist. b) Wird damit schon das Rückgrat einer stabilen Kaufkraft geschaffen, so kommt hinzu, daß die Kaufkraft im Ganzen gestiegen ist durch eine Umschichtung der Bevölkerung. Der Jischuw, zahlenmäßig stärker, wirtschaftlich konsolidiert, verfügt h«te weit mehr als 1925 über ״Kapitalisten“, Rentner, wohlhabende Unternehmer usw. c) Die Lage d|| Arbeitsmarktes ist nicht so, daß mit großer Arbeitslosigkeit gerechnet werden muß. Vorläufig besteht ein ausgesprochener Mangel an Arbeitskräften, und zwar bestand er schon vor Einsetzen des Booms. Natürlieh wird ein Rückschlag in der Baubewegung Arbeitskräfte freisetzen, aber erstens gibt es heute reichlich andere Produktionszweige, vor allem in der Industrie, wo freigesetzte Arbeitskräfte absorbiert werden können, zweitens gibt es heute keine Mammutgebilde, bei deren Zusammenbruch sofort Tausende von Arbeitskräften arbeitslos werden könnten, drittens ist der Häuserbau ungleich stärker finanziell ausgerüstet und es ist nicht zu fürchten, daß er wegen Schwierigkeiten in der Kreditbeschaffung zusammenbricht wie es 1925 der Fall war. Daß er zusammenbricht aus Gründen einer Ueberproduktion ist vorläufig auch noch nicht zu befürchten. (Daß bei der allgemeinen Verteuerung Baukosten und Mietpreise nicht stabil bleiben werden, ist allerdings selbstverständlich, und wer die Mieterinteressen im Auge hat, darf gewiß nicht für eine Beschränktmg der Bautätigkeit eintreten, sondern muß lieber in den Kauf nehmen, daß einzelne Hausbesitzer auf Grund einer etwaigen Ueberproduktion später weniger einnehmeg werden, als sie sich errechnet haben.) d) Auch heute findet das nach Anlage strebende Kapital quantitativ nicht genügende und nicht ge nügend differenzierte Anlagemöglichkeiten. (Es fehlt z. B. vor allem ein 3—äiähriges erstklassiges Rentenpapier.) Auch heute ballt es sich daher bei einzelnen Anlagezwei gen zusammen: Plantationen vor allem und Häuserbau — aber bei weitem nicht in so einseitigem Maße wie es 1925 der Fall war. Der anlagesuchende Kapitalist findet heute jedenfalls ein ungleich bunteres Bukett von Möglichkeiten, das Kapital rinnt in differenziertere Kanäle und das Risiko verteilt sich. e) Die Gesamtwirtschaft ist heute mehr oder weniger ausprobiert. Der Kapitalist hat nicht mehr nötig, wie damals ins Blinde hinein zu investieren und zu kalkulieren. Ihm stehen genug beratende Instanzen zur Seite, es gibt genug Erfahrungsmaterial, jeder einzelne hat heute die Möglichkeit, so vorsichtig zu Werke zu gehen wie nur irgendwo in der Welt, und er macht davon reichlichen Gebrauch. f) Das schon wiederholt angeführte Fehlen von Groß- Unternehmungen befreit den Markt (und vor allem die Banken) von dem Albdruck, den die Möglichkeit des Zusammenbruches solcher Unternehmungen mit ihrer ausstrahlenden Rück- Wirkung auf den Gesamtmarkt hervorruft. Der etwaige Zusammenbruch einzelner kleinerer Unternehmungen kann nicht zu umfassenden Krisen führen. 8. Damit sind einige der Faktoren aufgezählt, die einem Wiederkommen dergroßen Krisis entgegenwirken. Lassen wir es dabei bewenden, so bleibt immer noch die Notwendigkeit bestehen, Gefahrenherde die jedenfalls vorhanden sind, rechtzeitig zu erkennen, 9. Daß für den Einzelkapitalisten die Gefahr der Ueb erkapitalisierung besteht, Ist richtig. Wer heute beim Häuserbau oder beim Erwerb von Pardessim seine Kalkulation auf hohen Mieten und Orangenpreisen aufbaut, kann vielleicht eines Tages sehen, daß er weniger Zinsen bekommt als er hoffte. Hat er sein eigenes Geld investiert, wird er sich mit einer Afasehreibungsnotwendigkeit von X 0/0 abfinden müssen und darüber hinaus hat die Sache keine Folgen. Hat er sich aber stark verschuldet, so riskiert er einen Zwangsverkauf, Bleibt das innerhalb normaler Grenzen, so tritt einfach eine Umschichtung ein: wirtschaftlich kräftigere Besitzer treten an die Stelle von schwächeren. Kommt es zu Massenexekutionen, so kann die Gesamtwirtschaft gefährdet werden, weil Massenexekutionen bedeuten würden, daß unverhältnismäßig viel Kreditoren in eine bedenkliche Lage kommen und ihrerseits weitere Kreise mit hineinreißen. Eine solche Gefahr mag bestehen, aber es liegt kein Anlaß vor, sie allzu hoch einzuschätzen. 10. Was hat es für eine Bewandtnis mit den flüssigen Geldern, die bei den Banken liegen? Man schätzt sie auf 5—7 Millionen. Enthalten sie einen Gefahrenherd oder bilden sie umgekehrt ein ״Fettpolster“ für künftige Rückschläge? a) Es ist sehr schwer, die Struktur dieser Gelder zu durchleuchten. Soweit in ihnen Beträge enthalten sind, die vom Ausland her lediglich vorsichtshalber hingeiegt wurden, _ so beanspruchen sie sorgsamste Beobachtung. Denn dann spielen sie die Rolle jener ״kurzfristigen Auslandskredile“, die der deutsehen Wirtschaft so gefährlich geworden sind, weil sie beim geringsten Umschwung wieder abgezogen werden können. b) Zweifellos gibt cs solche Gelder, aber wenig deutet) darauf hin, daß sie einen entscheidenden Prozentsatz ausmachen. Außerdem aber rechnen die Bankeft damit und halten sich von Festlegungen fern. Sie können das um so leichter, als erstens genügend privates Kreditkapital im Markte ist, die Anforderungen an die Banken sind also nicht so dringend, und zweitens wirkt sich wieder einmal das Fehlen der Großunternehmungen aus, bei denen Großengagements einfricren können. Ein Abfluß von diesen. Geldern würde also vermutlich die Geld- Wirtschaft im Lande nicht berühren, er würde höchstens zu ihrer Gesundung beitragen, weil damit ein schwer kontrollierbarer, unbequemer Faktor und jedenfalls potentieller Gefahrenherd verschwinden würde. c) Das Gros der Gelder dürfte aus ausgesprochenen palä« stina-orientierten Geldern bestehen, und zwar sowohl aus Neuzuflüssen, die die feste Absicht haben, in Palästina zu bleiben, wie auch aus freigesetzten früheren Investierungen von hier Ansässigen (Pflanzern!), wie auch schließlich zu durchaus nicht unbedeutendem Teil aus richtigen Spargeldern. Diese Gelder können wesentlich als ״Fettpolster“ betrachtet werden. Man braucht auch nicht anzunehmen, daß sie schon die oberste Grenze erreicht haben. Der Prozeß der Liquidmachung ist noch im dauernden Fluß (1925 gab es noch nichts, was hätte liquid gemacht werden können), der Prozeß der Akkumulicrung von Spargeldern (1925 gab es keinen noch so minimalen Ansatz von Spargeldern) wird durch die gegenwärtige Konjunktur stark aufwärtsgetrieben. 11. Zu den verschiedenen Vorteilen, die die jetzige Konjunktur mit sich bringt, gehört auch der Umstand, daß schwerdrückende eingefrorene Engagements, die bei einzelnen Großunternehmungen konzentriert waren, insbesondere bei den Immobiliengesellschaften und ihren Geldgebern, aufgesplittert und abgestoßen werden. Auch das trägt wesentlich zur Liquidmachung der Gesamtwirtschaft bei und verstärkt die Ent- Wicklung zum ״Fettpolster“, wie unter 10 c erwähnt, 12. Ich stelle resümierend gegenüber: 1925: Ausschließliche Investierungsperiode auf lange Sicht, ohne gleichzeitige Liquidmachung früherer Investierungen — maximales Weltmarktpreisniveau — hohe Valuta — un/11Hingliehe Kapitalausrüstung — steigende Kreditnot .- maximaler Zinssatz — keine Reserven an liquidem Spar- und Eigenk.ipital — minimale Kaufkraft — Uncrprobtheit aller Kalkulationen — Mange! an Auswahl bei Anlagemöglichkeiten — keine Auffangsreservoirs für Arbeitslose — Großgebilde mit Zwang zu dimensionalen Rettungsaktionen. 1932: Kompensieren der Investierungsperiode durch Liquidmachung früherer Investierungen — minimales Weltmarktpreisniveau — schwache Valuta — bessere Kapitalausrüstung — keine Kreditnot (umgekehrt: Notlage brachliegenden Kapitals) — abbröckelnder Zinssatz — starke und steigende Reserven an liquidem Spar- und Eigenkapital — starke, fundierte und steigende Kaufkraft — Erfahrungsmateriai für Kalkulationen —1 größere Auswahl an Anlagemöglichkeiten — Auffangsreservoirs für Arbeitslose — keine gefährdeten Großgebilde mit Zwang zu großen Rettungsaktionen. 13. Was also ist aus all dem die Konklusion? Die muß sich jeder einzelne durch ein Abwägen all der bunten, hier nur unvollständig aufgezählten Einzelkomponenten selber ziehen. Ein buntes, freies wirtschaftsspiel entzieht sich jeder Prognose. Speziell Palästina hat gezeigt, daß die unsichtbar wirkenden und daher nicht rechtzeitig erfaßbaren Kräfte meist stärker sind als die berechenbaren. Das Land ist unbeschreiblich reich an Ueberraschungen und täglichen Wundern, die jede ״Wissenschalt zur Konjunkturerforschung“ auf das Niveau nachträglieber Tatsachenregistrierung herunterzwingen. Mit meinen lkmerkungen habe ich nicht einer optimistischen Prognose das Wort reden wollen, sie sollten nur zeigen, daß die primitive pessimistische Prognose von der Ferne her unfundiert ist. Eine Warnung an Leute im Ausland ist ebenso unangebracht wie eine Ermunterung. Für denjenigen, der in Palästina Geld anlegen will, gibt es keine andere Methode als die, selbst herzukommen, zu prüfen, zu untersuchen, sich zu informieren, sich zu beraten und sich selbst dann sein Urteil zu bilden. Wer das tut, und wer sich nicht über seine finanziellen Kräfte hinaus engagiert, und wer sich von phantastischen Vorstellungen frei hält, wird jedenfalls genug gesunden Spielraum hier finden, und mindestens im gleichen Umfang, als es heute in den von Wirt- Schaftsanarchie und Wirtschaftshysterie zerrissenen anderen Ländern der Fall ist. Paläsiinakonjunkiur und Diaspora Von Julius Berger. Einen weiteren Artikel, der uns zu demtelben Thema wie die beiden vorstehenden von Julius Berger zuging, und der sieh gleichfalls gegen die von Adolf Böhm ausgesprochene Warnung wendet, können wir aus Raummangel leider nur auszugsweise und gekürzt wiedergeben. Berger weist vor allem auf den am der heutigen Lage in der Diaspora sich ergebenden Unterschied gegenüber 1925 hin. Es heißt in seinem Artikel: Es ist gewiß nicht übertrieben, wenn wir die Situation der Juden in Zentral- und Osteuropa und vielleicht auch in Amerika mit derjenigen der Juden in Spanien so um das Jahr 1150 herum vergleichen. Auch die Austreibung aus Spanien geschah nicht an jenem einen 31. März des Jahres 1*192. Das Edikt Ferdinands von Arragonien setzte nur den Schlußstrich unter eine Entwicklung, die sich über ein ganzes Jahrhundert erstreckte und die in ihren Kapitalfluchtgesetzcn und ihrem Wirtschaftsboykott gegen die Juden eine verzweifelte Aehnlichkeit mit dem hat, was sich heute in dem größeren Teil der jüdischen Welt begibt, Für den Juden in Deutschland, Polen, der Tschechoslowakei, Litauen, Rumänien, und in wachsendem Grade in Amerika, dejnj