Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 103-104 (30.12.1932)
- Date
- 1932-12-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 506 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 103/104, 30. XII. 1932 gegen Munizipalitätengcsetz, gegen Einkommensteuer usw. Wir wollen durchaus nicht behaupten, daß cs besser wäre, wenn die palästinensische Judcnheit zu allen diesen Vorschlägen bedingungslos Ja sagte. Die Einwände gegen das Munizipalitätengesefz zum Beispiel sind sicher beachtlich. Jedoch sollte man sich darüber klar sein, daß für Palästina jetzt eine Periode konstitutioneller und verwaltungstechnischer Reformen heran* rückt und die historische Aufgabe der Landesbewohner (und damit auch der zionistischen Bewegung) darin besteht, an diesen Reformen mitzuarbeiten, ihnen den entsprechenden Rahmen zu zimmern, sie nach den Bedürfnissen des Landes und des Nationalheimes zu gestalten. Liegen von den Juden aus zu all den Problemen, die jetzt in Bearbeitung sind oder bald in Bearbeitung genommen werden, gut fundierte Vorschlage vor, so werden sie nicht übergangen und übersehen werden können. Sie werden ihren Einfluß haben, sowohl im Lande selbst, als auch in London und in Genf. Und die Juden werden dann den gewaltigen Vorteil für sich haben, daß sie die. Initiative in der Hand haben. Wenn man sich jedoch damit begnügt, sich gegen alle Aenilertingen zu stemmen, gewissermaßen den Status quo zu verteidigen, — wobei zu gleicher Zeit die Kritik an den bestehenden Zuständen fröhlich weitergeht — so manövriert man sich schließlich in eine unhaltbare Steilung hinein. Die im letzten Jahr entstandene bessere Beziehung zwischen Juden und Englindern muß darunter leiden. Daß die Stellung zu den Arabern dadurch nicht klarer wird, braucht keines Beweises. Die Verteidigung des negativen Standpunktes in Genf und London dürfte ebenfalls eine harte Aufgabe sein. Scho« aus taktisciien Gründen sollte also die Politik des reinen Neinsagens durch eine Politik positiver Reform-Vor* schlage abgelöst werden. Aber es handelt sich nicht allein um Taktik. Die Juden sind heute mehr denn je zu einem hohen Maße verantwortlich für die Entwicklung, Zivilisierung, Reformicrung dieses Landes Palästina. Ihre eigene Zukunft hängt von der Lösung dieser Reformfragen ab. Es ist an ihnen, mit vollem Bewußtsein an den Fragen mitzuarbeiten. Sie arbeiten damit zugleich für das Land und für die eigene Zukunft. Ein Bombcnatteniai in Nahalal Jerusalem, 26. Dezember (J. T. A.). Am 22. Dezember, abends, wurde von unbekannter Hand in das Haus des jüdisehen Kolonisten Jacoby in Nahalal eine Bombe geworfen, durch die große Zerstörungen angerichtet wurden. Jacoby und sein neunjähriger Sohn wurden schwer verletzt und in das Hospital nach Haifa überführt. Die Jerusalemer Polizei- Verwaltung entsandte einen Sonderbeauftragten nach Nahalal zur Führung der Untersuchung. Dr. Chairn Arlosoroff besuchte den High Commissioner, den er auf die Notwendigkeit verstärkter Schutzmaßnahmen hinwies. Der High Commissioner erklärte, er sei persönlich an der Aufklärung der Angelegenheit stark interessiert. Einer Nachricht vom 28. d. M. zufolge sind Joseph Jacoby und sein neunjähriger Sohn im Hospital zu Haifa, in das sie gebracht worden waren, an den Folgen ihrer Verletzungen verstorben. Zuerst, am 26. Dezember, starb, der Knabe Jacob}'• Am gleichen Tage wurde dem Vater Jacoby der verletzte Arm amputiert, und die Aerzte nahmen an, daß er sich bereits außer Lebensgefahr befinde. Aber schon am 27. Dezember, morgens, erlag auch Joseph Jacoby seinen Verleizungen. Der gesamte jüdische Jischuw ist durch diese Vorfälle in Erregung und Trauer versetzt worden. Das Begräbnis des Knaben Jacoby, das am 26. Dezember in Nahalal stattfand, gestaltete sich zu einer eindrucksvollen jüdischen Kundgebung gegen Mordterror und für Frieden. Den ganzen Tag über ruhte die Arbeit in Nahalal, die gesamte Bevölkerung der Kolonie schritt hinter dem kleinen Sarge her. Dr. Chairn Arlosoroff hielt eine Ansprache an die Bevölkerung, in der er die strikte Forderung an die Adresse der Palästina- Regierung aussprach, solchen Terror-Aktionen durch entsprechende Maßnahmen ein für allemal ein Ende zu machen. Am 27, Dezember verbreitete sich in ganz Palästina die Nachricht, daß auch Joseph Jacoby im Haifaer Hospital verstorben war, und daß am gleichen Tage die Bestattung in Nahalal stattfinde. Vertreter der Jewish Agency, des Waad Leumi und vieler anderer zentraler jüdischer Körperschaften begaben sich zur Trauerfeier für Jacoby nach Nahalal. Die gesamte Bevölkerung von Nahalal und der benachbarten Kolonien nahm an der Bestattung teil. Am offenen Grabe sprachen Dr. Dr. Chairn Arlosoroff, der Führer der Allgemeinen Jüdisehen Arbeiterföderation Palästinas (Histadruth) Ben G urion, der Vorsitzende des Waad Leumi, Ben Zwi, Joseph Sprinz a k und andere Arbeiterführer. Alle Redner betonten, daß die Juden im Hinblick auf den mangelnden Schutz seitens der Landesbehörden die Forderung nach Installierung jüdischen Selbstschutzes erheben müssen, ferner, daß die Einwanderung von Juden nach Palästina erhöht werde, damit das jüdische Element im Lande gestärkt dastehe. Der Ton der Trauerreden am Grabe war auf den Satz gestimmt: ״An die Stelle einer getöteten jüdischen Familie in Palästina werden tausend jüdische Familien aus der Galuth treten.“ Die Trauerfeier für Jacoby, der vor elf Jahren aus Amerika — er hatte in Kaliformen studiert — nach Palästina kam, die jüdische Heimstätte aufbauen zu helfen, gestaltete sich zu einem stärksten Ausdruck jüdischen Protestes gegen den ungenügenden Schutz jüdischen Lebens im Lande. Nahum Sokolow hielt am 26. Dezember anläßlich einer Chanukka-Kundgebung in Tel-Awiw eine Ansprache, in der er auf die anti-jüdischen Terroraktionen in J ad-Jur, Kfar Chassidim und in Nahalal hinwies und die Forderung an die Regierung stellte, hier in einer Weise durchzugreifen, daß solche Aktionen sich nicht wiederholen. Der High Commissioner hat an Dr. Chairn Arlosoroff ein Bei’eidstelegramtn aus Anlaß des Todes von Joseph Jacoby und Sohn gesandt. Die gesamte jüdische Presse fordert in Leitartikeln die Reorganisation der Polizei im Haifa-Distrikt, die sich in vielfaeher Beziehung als unzureichend für die Sicherung der Ordnung in Nordpalästina erwiesen hat. Die Presse weist darauf hin, daß die Polizei noch nicht einmal im Besitz einer Spur der Mörder von Nahalal ist, ebensowenig wie es ihr gelungen ist, die Attentate in Jad-Jur und in Kfar Chassidim irgendwie aufzuklären und die Täter der Bestrafung zuzuführen. Das eine, was die Polizei ermitteln konnte, ist, daß die in Nahalal auf das Haus Jacoby geschleuderte Bombe in Palästina erzeugt worden war, was auf das Bestehen einer arabischen politischen Terror-Organisation schließen läßt. Jerusalem, 28. Dezember. (I. T. A.) Bewaffnete Araber überfielen am 26. Dezember das Weideland der jüdischen Kolonie B e t h Alpha im Tale Jesreel und führten 57 Schafe weg. Die Polizei fand 21 Schafe in benachbarten Höhlen vor und verhaftete drei Araber, Dr« Adolf Friede mann Mit Dr. Adolf Friedemann, der am 22. Dezember im Alter von 61 Jahren in Amsterdam mitten aus emsiger zionistischer Arbeit durch den Tod herausgerissen wurde, und am 26. Dezember in Berlin, unter Teilnahme fast aller in Berlin anwesenden älteren deutschen Zionisten, zur letzten Ruhe geleitet worden ist, ist ein Stück ältester Geschichte des deutschen Zionismus zu Grabe getragen worden. Eine der Persönlichkeiten aus dem Vordergründe jener heroischen Zeit, in der — bereits einige Jahre vor Herzls Auftreten — eine kleine Schar junger jüdischer Akademiker in Berlin, jn einer Welt völligen Niederganges jüdischen Lebens, allem Hohne zum Trotz, die Fahne eines bewußt bejahten Judentums, des Nationaljudentums, wie sie es selber nannten, hißten, hat mit Adolf Friedemann für immer die Augen geschlossen. Das ist des Ruhmes genug, aber vielleicht sagt man über den Menschen und Zionisten Friedemann noch mehr, wenn man bekennt, daß dieser Mann den Idealen seiner Jugend sein ganzes Leben lang treu geblieben ist, daß er den Aufstieg des Zionismus in den ersten Reihen miterkämpft und sein ganzes Leben, bis zur letzten Stunde, in den Dienst seiner zionistischen Ueberzeugung gestellt hat. Wer Friedemanns Herkunft kennt, muß eigentlich über den Weg, den er ging, den Weg der Heimkehr zu seinem Volke, erstaunt sein. Von dem mit allen Gaben des Lebens beschenkten Sproß einer hochkultivierten Familie, die zu der gesellschaftlichen Elite des jüdischen Berlin am Ausgange des neunzehnten Jahrhunderts zählte, hätte man eigentlich erwarten müssen, daß er den Weg der Loslösung von jüdischer Bindung zu Ende gehen, im völligen Aufgehen in dem gesellschaftlichen und kulturellen Milieu der Umwelt, das ihm durch Elternhaus und Erziehung vermittelt war, den Sinn seines Lebens suchen würde. Das Umgekehrte trat ein: mit einem feinen Sinn für historische Zusammenhänge begabt, von einem eigentlich nur mystisch zu erklärenden Drange nach dem Ursprünge, nach der Bibel, und dem Verpflichtungsgefiihl des Adelsmenschen gegen die Gemeinschaft erfüllt, suchte und fand er den Wiederanschluß an die uralten Bindungen des jüdischen Volkes. In jenen neunziger Jahren des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts revoltierten in Berlin zum ersten Male die jüdischen Söhne gegen die Väter in der Frage der Gestaltung jüdischer Zukunft, und Adolf Friedemann war unter ihnen. Mit Max Oppenheimer, Walter Munk, Arthur und Robert Hantke und wenigen anderen gründete er damals, im Oktober 1893, die ״Jüdische Humanitätsgesellschaft“, die nichts Geringeres wollte — heute kommt uns das so selbstverständlich vor, damals war es eine revolutionäre Tat — als, im Gegensätze zu dem Willen der Alten, das Judentum durch Pflege seiner kulturellen Güter erhalten und wiederbeieben. Der Versuch gelang, nicht zuletzt dank Friedemanns hingebungsvoller Arbeit, und nun ging er den Weg, den er beschritten hatte, konsequent weiter. Im Juli 1895 gründete er, zum Teil mit den Gesinnungsgenossen der ״Jüdischen Humanitätsgesellschaft“, zum andern Teil mit ähnlichen Zielen zustre-! benden Freunden aus dem Verein ״Jung Israel“ (Heinrich Loewe, Theodor Zlocisti, Max Jungmann u. a.) die ״Vereini- £ung jüdischer Studierender׳״ ah der Universität Berlin, die die Keimzelle der zionistischen Akademiker-Organisation Deutschlands, des ״Kartells Jüdischer Verbindungen“, geworden ist. E« waren gewiß nur bescheidene Ansätze einer neuen jüdischen Bewegung, die hier, nicht zuletzt aus Friedemanns initiative, zum Leben erweckt wurde, aber diese kleine Bewegung fing den Ruf auf, als 1896 von Wien aus das Losungswort einer neuen jüdischen Zeit ausgegeben wurde, Theodor Herzls Parole des ״Judenstaat“ erklang. Friedemann vereinigte sich nun 1896 mit den Freunden und Gesinnungsgenossen aus den beiden von ihm mitgeschaffenen jungjüdischen Kreisen zur Gründung der ״Nationaljüdischen Vereinigung für Deutschland“, der Vorgängerin der ״Zionistischen Vereinigung für Deutschland“, und 1897 zur Gründung der ״Berliner Zionistischen Vereinigung“, und stand bald, körhpfend und organisierend, in der vordersten Reihe der von Her־zl geschaffenen Zionistischen Organisation. Herzl faßte zu de*#/ aristokratischen, gebildeten und reich begabten Vorkämpfer des zionistischen Gedankens in Deutschland, der in seinem ganzen Wesen etwas ihm selbst Verwandtes hatte, schnell besondere Zuneigung, zog ihn ganz nah an sich heran und würdigte ihn durch besondere politische Aufträge oft seines besonderen Vertrauens. So durfte Friedemann 1902 Herzl zu den Verhandlungen über das EI-Arisch-Projekt nach Aegypten begleiten, und wurde auch sonst über alle politischen Schritte des Führers von diesem laufend persönlich unterrichtet. Kein Wunder, daß pr 1903, gewissermaßen als einer der Vertrauensmänner der zionistischen Bewegung in Deutschland, in das große Aktionskomitee der Zionistischen Organisation gewählt wurde und bis 1920 sein Mitglied geblieben ist. Er war ja wirklich über eineinhalb Jahrzehnte lang einer der Führer der zionistischen Bewegung in Deutschland, in Wort und Schrift und organisierend unermüdlich für ihre Ausbreitung tätig. Da-1 bei sind ihm auch Enttäuschungen nicht erspart geblieben. Als nach Herzls Tode im deutschen Zionismus und im Weltzionismus die Periode des reinen politischen Zionismus durch die des praktischen Zionismus abgelöst wurde, und als später sich insbesondere in Deutschland im Kampfe mit anderen Strömungen die Richtung eines radikalen, das ganze Leben revolutionieren wollenden jüdischen Nationalismus durchsetzte, da trat Frieder mann, nicht ohne Kampf für seine Konzeption des Zionismus, ip den Hintergrund. Aber das bedeutete nicht, daß er sich von der Arbeit für den Zionismus nun zurückgezogen hätte. Wo man ihn zur Arbeit rief, war er immer zur Stelle. Es liegt in der Linie dieses unerschütterlichen zionistischen Pflichtbewußtseins, daß Friedemann, als der Zionismus nach dem Ende des Weltkrieges in die Periode der Verwirklichung, des Aufbaus der nationalen Heimstätte in Palästina, eintrat, sich sofort wieder in die vorderste Reihe der Mitarbeiter am zionistischen Werke stellte, in der Arbeit für den Keren Hajessod fand er die Aufgabe des letzten Jahrzehntes seines Lebens, und wieder bewährte er sich als der, als den ihn zweieinhalb Jahrzehnte zionistischer Tätigkeit zuvor gesehen hatten, als der unermüdliche, zuverlässige, hingebungsvolle Arbeiter im Dienste des Zionismus. Ob er in diesen zwölf Jahren in Deutschland für den Keren Hajessod tätig war, ob ihn sein Weg in dem Zionismus völlig verschlossene Gebiete Ungarns, Transsylvaniens, Belgiens, Italiens führte, oder ob er das Land seiner zionistischen Hauptarbeit, Holland, bereiste, wo die Organisation des Keren Hajessod fast ausschließlich sein Werk ist — kein Ort war ihm zu klein, kein Jude zu gering, wenn er ihm den Oedanken des nationalen Paiästinaaufbaus nahebringen, wenn er ihn mit der Idee des Zionismus verknüpfen durfte. ,Wahrlieh, es ist ein Zeichen menschlicher Größe, daß ein Mann, dty vielleicht manchmal vom Führertum in der Bewegung des politischen Zionismus für sich geträumt hatte, die Kraft fand, ip unerschütterlicher Treue zur Idee seines Lebens ufid in nie erlahmendem Pflichtgefühl auch das Kleine und Kleinste zu tun. Dieses Verbundensein mit der Sache des Zionismus, dieses zionistische Pflichtbewußtsein können und werden niemals vergessen werden, die Erinnerung an sie wird dauern, auch wen? vielleicht Friedemanns schriftstellerische Werke im Zionismus bereits vergessen sein werden. Denn Adolf Friedemann hat dem Zionismus auch eine Reihe wertvoller schriftstellerischer Werke geschenkt. Als er 1904 das erstemal Palästina besuchte, schrieb er, zurückgekehrt, ein schönes Buch ״Palästina“, das, geschmückt mit den Raclierungen seines Freundes Herrmann Struck, die ganze Freude des künstlerisch empfindenden Menschen widerspiegelt, das Land der Sehnsucht in der Schönheit seines Traumes gefunden zu haben. Ganz besonders am Herzen aber lag Friedemann stets die geistige Fundierung des Zionismus. Aus diesem Grunde und weil er in einem eleganten Stile schreiben konnte, hat nyin ihn nicht #1ur oft damit betraut, für den Kampf des Zionismus um , die Seele des deutschen Juden die geistigen Waffen, die Propagandabroschiiren (״Was will der Zionismus?“) und Propagandaflugblätter zu schaffen, sondern diese Neigung brachte ihn selbst dazu, dem Zionismus ein Werbemittel zu schenken, das Jahre hindurch die Hauptwaffe im Ringen um die Durch- Setzung des Zionismus in Deutschland und in anderen Ländern gewesen ist. Friedemann schuf 1908 das ״Zionistische A-B-C- Buch“, ein Lexikon der zionistischen Inhalte und Begriffe, das, wenn auch zahlreiche Zionisten an ihm mitarbeiteten, in der Form, die es erhielt, letzten Endes sein Werk war, ein Buch, das bei aller Ueberalterung einen bleibenden Platz innerhalb der zionistischen Literatur behaupten wird. Das gilt, vielleicht irr noch höherem Maße, von dem Werke Friedemanns, mit dem sein Name für immer verknüpft bleiben wird, der ersten Biographie Theodor Herzls, die er, 1914 dem Schöpfer des politischen Zionismus gewidmet hat. Sie hat in einer Zeit, als Herzls Tagebücher noch nicht bekannt waren, in ihrer einfachen, schlicht erzählenden Darstellung, die aber In jeder Zeile die verehrungsvolle Liebe des Jüngers zu dem Meister spüren ließ, einer ganzen Generation von zum Zionismus strebendem Menschen das Bild des Gründers der Zionistischen Organisation lebendig vermittelt und sie seinen Ideen und seinem Werke aufs engste verbunden. Sie ist ebenso wie die Lebensbeschreibung, die Friedemann dem Freunde und Nachfolger Herzls, David Wolffsohn, als erster widmete, aus der Geschichtsliteratur des Zionismus nicht mehr fortzudenken. Das Bild Adolf Friedemanns wäre aber nicht vollständig, wollte man nicht auch noch ein Wort über seine menschlichen Eigenschaften sagen. Wir sprachen schon von seiner Herkunft, davon, daß das Schicksal ihm allen Reichtum des Lebens mit auf den Weg gab. Dieser Mann aber, der die Not und Sorge des Lebens niemals gekannt hat, war sein ganzes Leben lang von dem Wunsche erfüllt, dort zu helfen, wo Not und Sorge drückend auf Menschen lagen. Von früher Jugend an hatte er es sich zur Pflicht gemacht, von seinem Reichtum einen Maasscr an die Armen und Dürftigen abzugeben und durch seine Liebe auszugleichen, wo es Menschen durch die Harte des Lebens alt' Licht und Freude fehlte. Das Schicksal hat ihn auf der Höhe des Lebens dafür reich belohnt, ln der Liebe der Gefährtin seines Lebens und seines Kindes fand er in reifem Mannesalter den Ausgleich für all das, was ihm an Hoffnungen und Träumen der Jugend im Leben unerfüllt blieb. Mit diesen Erben seines Namens vereinigen sich heute in verehrungsvoller Dankbarkeit für ihn alle die, die um seine Arbeit für den Zionismus wissen. Die deutschen Zionisten, die seinen Aufstieg im Zionismus sahen, und die Zionisten Hollands, denen er in hingebungsvoller Arbeit das letzte Jahrzehnt seines Lebens schenkte, werden sein Andenken niemals verlöschen lassen. Georg Herlitz. * An der Beisetzung Adolf Friedemanns nahmen fast alle ln Berlin anwesenden älteren deutschen Zionisten teil, so u. a. Prof. Dr. Otto Warburg, Dr. Sandler, Dr. Kollcnschcr, Hans Goslar, Dr. Georg Haipeni, Rabbiner Dr. Arthur l.evv, Rabbiner Dr. Wilhelm Levy, Rabbiner Dr. Emil Cohn, R.-A. Dr. Walter 'Munk. Die Trauerrede hielt Rabbiner Dr. Warschauer, der dem Verstorbenen in der Frühzeit des Berliner Zionismus nahegestanden hat. Dr. Arthur Hantke hob die großen Verdienste hervor, die sich Friedemann um die Organisation des Keren Hajessod in Holland erworben hatte. ״Dr. Martin Rosenblüth rief dein Vers toi׳menen namens der Z.V. f. D. und des K. J. V., zu deren Mitbegründern Friedemann gehör«:, Worte dankbaren Gedenkens nach. Namens der holländischen Zionisten sprach Dr. Kahn (Amsterdam) ergreifende Worte der Verbundenheit mit dem Arbeitsgefährten des letzten Jahrzehnts. Der Tag der jfldiscfcen Wissenschaft Kuratorium und Lehrerkollegium der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, die gerade in diesen Chnnukkah- Tagen auf ein 60jähriges Bestehen zurückhlickt, haben den 26. Dezember als ״T a g d e r j ii d i s c h e n W i s s e n s c h a f t“ bestimmt. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Berlin hatte dem Kuratorium die Synagogen Lindenstraß(', Fasanenstralie, Rvkestraßc und Friedenstempel für eine Weihestunde überlassen. In der Lindenstraße sprachen Rabbiner Dr. Warschauer und R.-A. Dr. Veit Simon, in der Fasanenstraße Rabbiner Dr. Baeck und R. A. Dr. Jaques Abraham, in der Rvkestraße Rabbjner Dr. Wey 1 und Dozent Dr. Torzvner, im Friedenstempel Rabbiner "Dr. Prinz und Prof. Dr. ismar E1 b o g e n. Die Kundgebungen waren überall von Mitgliedern der Gemeinde stark besucht. Die Redner erläuterten ihren Zuhörern die Ziele der jüdischen Wissenschaft, die erst seit hundert Jahren methodisch betrieben wird. Die jüdischen Gemeinden der Vergangenheit scheuten keine Opfer, um dem Studium der religiösen Urkunden eine Stätte zu sichern, selbst in Zeiten bitterer Not ließen sie das Erbe der Väter nicht verfallen. Heute ist jüdische Wissenschaft das Rüstzeug der Judenheit in ihrem Kampf um geistige und politische Existenz. Es ist eine Tragik, daß die Juden mit Beginn der Emanzipation ihr Geisteserbe vernachlässigten und für die Aufgabe, die das Judentum in der Neuzeit zu-erfüllen hat, wenig Verständnis aufbrachten. Die Erringung der Gleichberechtigung hat nicht auch den Erfolg mit sich gebracht, daß der Staat, der an den Universitäten für alle Konfessionen theologische Fakultäten erhält, auch für jüdisches Gedankengut, für jüdische Religionswissenschaft eine Stätte schafft. Die Anstalten haben lan״e und hart gekämpft, sie sehen sich aber schließlich am Ende ihrer Kraft. Sie geben den Kampf nicht auf, bedürfen aber des Rückhalts in den breiten Schichten der: jüdischen Gemeinschaft'