Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 102 (23.12.1932)
- Date
- 1932-12-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 300 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 102, 23. XII. 1932 Zionistisches ״Wahlfieber" in Polen (Von unserem Korrespondenten.) g. Warschau, 15. Dezember 1932. Beobachtet man die Vorgänge und Stimmungen im pol• irischen Zionismus seit Monaten, gewinnt man den Eindruck, als seien wir bereits tief in die Wahlperiode zum Kongreß eingeirrten, sn mul! jeder urteilen, der tinvorcingenommen alles hört und liest, was und w i e seit etwa Oktober in zio istischen Versammlungen und in der zionistischen Presse dargeboten wird. Man wird bestärkt in dieser Meinung, wenn man weiß, wie alles in den Generalstäben der einzelnen zionistisehen Parteien arrangiert wird. Leidenschaftliche Ver- Sammlungen, Zusammenstöße, Sensationen, Aufrufe, Intrigen- Spiel — dies gibt der Situation ihr Gepräge. Der Kampf um den zionistischen Wälder, d. 11. also hier um den jüdischen Wähler, hat in Polen begonnen. Der XVill. Kongreß wird als Bringer ״historischer Entscheidungen“, als Schlüssel zur künftigen Macht in der Weltbewegung hin gestellt, also strebt jede Partei danach, sich für diesen Machtkampf möglichst rechtzeitig und tüchtig vorzubereiten. _ Dieses Empfinden hat man in erster Linie, wenn man die Tätigkeit der Revisionisten beobachtet. Bei ihnen kommt diese Kongreßabsicht am unverhohlensten zum Vorschein, wiewohl man annehmen sollte, daß die Revisionisten, bei ihrer teilweise negativen Haltung zur Zionistischen Organisation, an dem Kongreß uninteressiert wären. In Wahrheit aber ist der Streit um ״Calais“, um die Interpretation der Wiener Rcsoltt* tionen usw. ohne Bedeutung. Die Revisionisten wollen die stärkste Fraktion des Kongresses werden. Dies ist das Ziel ihrer Propaganda-Aktion. Sie sind es, die in Polen diese Kon• greßpsy chose im zionistischen Lager hervorgerufen und andere Parteien infiziert haben. Jedes Ereignis in der zionistischen Politik, in Palästina, wird in einer demagogischen Weise für die Kongreßpolitik ausgebeutet. Ke Zusammensefzung der zionistischen Institutionen, die Zertifikatsverteilung, die Arbeitskonflikte in Palästina, die Unstimmigkeiten in der Jerusalemer Exekutive, das Problem des Legislativen Rats •in Palästina, die Einkommensteuer — jedes dieser Pro• bleme wird hier zum Pulverfaß, das die Gemüter stark erregt und leidenschaftliche Meinungskämpfe hervorruft, die aber sehr oft in — Faustkämpfe ausarten, an denen sich insbesondere die Jugend beteiligt. Man traut oft den eigenen Augen nicht, wenn man einer zionistischen Versammlung beiwohnt, bei der schwerwiegende zionistische Probleme auf solche Weise ausgetragen werden. So einen Sturm haben z. B. die letzten Arbeitskonflikte in Palästina hierzulande verursacht. Die Art und Weise, wie diese Dinge behandelt wurden, zeigte schon das Resultat der ״erzieherischen“ Arbeit des Herrn von Weis], der im Sommer einige Monate in Polen weilte. Nach ihm vollendete seine Arbeit Achi Meir. Die gegenwärtige Propagandareise Dr. Soskins ist demgegen* über ein Salonspiel. Oeffentliches Auftreten wird von ihm meist vermieden, vielleicht wegen der besonderen Mission, um derentwillen er Polen bereist: einer Geldsammlung für den politischen Fonds der revisionistischen Union. Dabei werden oft nicht nur nichtrevisionistische Zionisten, sondern auch — Nichtzionisten mit Erfolg besucht. Der Brith Trumpeldor, der immer mehr in der elialuzischen Hachscharah vordringt, gerät sehr oft in Konflikt mit der linken Hechaiuzorganisation, und da es sich um befrenzte Arbeitsplätze und Arbeitsmöglichkeiten handelt, ist es ein Wunder, daß der Kampf hart auf hart geht. Solche Zwischenfllle, wie in Baranowitsch, wo es zu einem blutigen Zusammenstoß kam (wer die Angreifer waren, soll noch vom Pallstinaamt genau untersucht werden), können sich wiederholen und das verlangt natürlich von den zionistischen Instanzen strengste Vorbeugungsmaßnahmen. Die Aeußerungen Jabotinskys in der Presse haben viel zur Verschärfung des Kampfes beigetragen. Die unzweideutige Ablehnung, die er seitens fast des gesamten Allgemeinen Zionismus in Polen erfuhr, ist zwar sehr symptomatisch, bedeutet aber bei weitem nicht, daß Jabotinskys Ideen keinen Anklang auch in nichtrevisionistischen Kreisen finden. Die jüdische Presse vermeidet es ängstlich, ihre Neutralität gegenüber dem Revisionismus aufzugeben. Und als Jabotinsky dem ״Hajnt“, dem er in Polen sehr viel zu verdanken hat, den Rücken kehrte, beeilte sich die Redaktion des ״Hajnt“, einen anderen revisionistischen Führer als ständigen Mitarbeiter zu gewinnen, Meir Großmann, der zwar der ״gemäßigten“ Richtung angehört, dennoch nicht umhin kann, von Zeit zu Zeit Sensationen in die Welt zu setzen, wie z. B. jüngst über angebliche ״Hinterkulissenpolitik“ Weizmanns u. dgl. (Auch der Arbeiterführer Ben Gurion ist jetzt ständiger Mitarbeiter des ״Hajnt“ geworden. — Red.) Daß Jabotinsky gerade im ״Moment“, der zweitgrößten Jüdischen Tageszeitung Polens, freundliche Aufnahme fand, ist nicht nur auf Zeitungskonkurrenz zurückzuführen. Die allgemein-zionistischen und misrachistischen Kreise, die sich um den ״Moment“ scharen, gehören ideologisch dem Revisionismus an. Revisionisten, Misrachi und die Splittergruppe ״Etli Liwnoth“ bilden zusammen einen ״Dreibund“, der auch organisatorisch zusammenhält und gemeinsam auftritt, insbesondere wenn es sich um die Frage des sog. Mittelstandes handelt. Diese mit Unrecht a ufgebauschte Frage wurde in Polen zum demagogischen Mittel, die innerzionistischen Gegner zu diffamieren und Popularität unter den jüdischen Massen für die Kongreßwahl zu gewinnen. in keinem Lande der Welt ist diese Frage brennender als in Polen, wo es Hunderttausende von Juden gibt, die ihrer Vergangenheit und Mentalität nach dem sog. Mittelstände angehören und nach Auswanderung drängen. Diese ״Mittel- Standsjuden“ aber, die unsere Palästinaämter belagern, sind mittellos, genau so wie der Chaluz, ohne in der Mehrzahl (Ausnahmen gibt es genug) seinen hohen Idealismus, physische Kraft und Vorbereitung zu besitzen. Nun gibt es keine einzige zionistische Partei, die Linke mitinbegriffen, die nicht das ehrliche Bestreben hätte, dieser Schicht zu helfen sich in Palästina eine Existenz zu gründen. Die Zahl der für diese Mittelständler bestimmten Zertifikate war einer der Streitpunkte bei dem bekannten Kampf in der Exekutive in Jerusalem und gleichzeitig (die Quelle ist ja dieselbe) entbrannte dieser Kampf in Polen. Das allgemeinzionistische Zentralkomitee in Kongreßpolen, das gegenwärtig in der Mehrheit aus Mitgliedern der ״Al Ha!nischmar“-Gruppe besteht (dazu kommt die zweite Splittergruppe der ״Eth Liwnoth“ und sog. Unabhängige Zionisten), wird von den obengenannten Parteien beschuldigt, gegen die Interessen des Mittel- Standes gehandelt zu haben, als es in seinem Gutachten für Jerusalem 400 Zertifikate für den Mittelstand und 1100 für die Chaluzim (sämtlicher Organisationen) verlangte. Dabei wird aber von den Ideologen des Mittelstandes verschwiegen, daß das Palästinaamt noch nie die ganze für den Mittelstand bestimmte Zahl der Zertifikate ausnützen konnte, da jeder Aus- Wanderer dieser Kategorie bekanntlich 150 Pfund besitzen muß, worüber nur eine Minderheit verfügt. Im Namen aber des angeblich benachteiligten Mittel- Standes wird — schon jetzt in Jerusalem und in Warschau — Wahlpolitik getrieben. Statt etwas für den Mittelstand zu tun, statt Auswanderungskooperativen zu gründen, einen richtigen Informationsdienst einzurichten, einen Emigrationsfonds für unbemittelte Mittelständler zu schaffen usw., hält man nur Protestversammlungen ab und stachelt die Leidenschaften der unglücklichen und hilflosen Massen auf. Die zionistischen Arbeitsparteien mußten, kaum daß sie nach der Danziger Konferenz an ihre interne Organisationsarbeit herangegangen waren, schon den Anprall der revisionistischen Angriffe abwehren und in dieser Defensivstellung befinden sie sich bis heute. Sie sind nicht ohne Schuld an der Politisierung der Jugend und deih Uebcrhandnchmen der Demagogie. Von einem'gemeinsamen Auftreten ihrerseits kann noch keine Rede sein. Der ״Ichttd“ ist in Polen ferner denn je. Die kongreßpolnische ״Hitachduth“ hat sich letztens organisatorisch gestärkt und in ihrer negativen Stellung zu den Danziger Beschlüssen noch mehr versteift. In Westgalizien kam es zu einer Spaltung, in Ostgalizien soll endlich im nächsten Monat die Vereinigung mit dem ־dortigen Häuflein der Poaie Zion durchgeführt werden. Die Poaie Zion in Kongreßpolen geben auch ihre intransigente Stellung nicht auf, und das muß eine allgemeine Schwachunfz des arbeitszionistischen Flügels nach sich bringen. Beide Parteien haben zwar die Möglichkeit, in der ״Liga“ gemeinsam zu arbeiten, aber angesichts der ungünstigen gegen■«׳artigen Beziehungen ist natürlich die Stoßkraft gering. Ke Wahl- Politik zum Kongreß wird wohl hier allmählich zur Besinnung und vielleicht zum Zusammenschluß führen müssen. Die Zentralkomitees der allgemeinzionistischen Organisationen in Warschau, Lemberg und Krakau haben in zäher Fortführung längst begonnener Bemühungen (die Initiative und das Verdienst gehört auch diesmal Dr. Schwarzbart aus Krakau) und angesichts des Zusammenschlusses anderer Gruppe!1 endlich vor einigen Tagen einen gemeinsamen E x e k u t i v a u s s c 11 u ß mit dem Sitze in Warschau gewählt und sich auf ein gemeinsames Minimumprograrnm geeinigt, das den tlaupttcil der zionistischen Tätigkeit ausmacht Es umfaßt: Jugendarbeit, Alijah, Hachscharah, Mittelstandsfürsorge. Repräsentnnz in den zionistischen Fonds und im Landcsschekelverband, kulturelle Propagandatätigkeit, Oemeindepolitik, gemeinsames Auftreten bei Wahlen u. dgl., Vereinheitlichung der jüdischen Parlamcntspolitik. Im Aufruf der vereinigten Komitees heißt es 11. a.: ״Die unifizierte allgemein-zionistische Organisation hält es für ihre vornehmste Pflicht, sich den letztens überhandnelimenden extremen Tendenzen entgegenzustellen und die übertriebenen Antagonismen zu mildern.“ Wird dies den Allgemeinen Zionisten gelingen, dann hat ihre Vereinigung (die erst durch eine Rcichskonferenz bestätigt werden soll) ihren besonderen Sinn erhalten. Jedenfalls ist dieser erste Schritt ein Lichtstrahl in der zionistischen Bewegung in Polen. Die Allgemeinen Zionisten konnten mit nichts Schönerem Prof. Brodetski aufwarfen, der soeben hier ankam. Wird es dem Vertreter der Exekutive gelingen, den hier geschilderten Zustand des polnischen Zionismus zu ändern? * Brodeisky In Warschau Prof. Brodctsky, der zu einem mehrtägigen Besuch in Polen eingetroffen ist, empfing in Warschau die Vertreter der zionistischen Presse und sagte u. a.: Aus Polen geht der Hauptström der Alijah nach Palästina, aber der Zionismus ist in Polen nicht auf der Höhe. Der innere Streit müßte aufhören, die praktische Palästina-Arbeit müsse an die erste Stelle gerückt werden. Politik darf nicht als Liebhaberei, sondern mit verwirklichbaren Zielen geführt werden. Die Englinder hören nicht auf, sich über die gute Wirtschaftslage Palästinas zu wundern. Niemand weiß, ob diese Lage stabil bleiben wird. Ueberall gibt es ein Auf und ein Ab. Soweit es sich aber voraussehen läßt, wird der Aufschwung in Palästina im Jahre 1933 noch größer sein als der im Jahre 1932. Die englische Regierung kommt uns in der Frage der Schaffung günstiger Zolltarife in Palästina entgegen, wie sieh überhaupt die Beziehungen der Regierungskreise zu unserer Arbeit gebessert haben. Fünf Jahre ״Zcire Miirachi" Von Benno Offenburg. Am 25. und 26, Dezember tagt in Magdeburg der IV. Bundestag des ״Zeire Misrachi“ für Deutschland. Es sind genau fünf Jahre her, seitdem der ״Zeire Misrachi“ in Deutschland gegründet wurde. Zeit genug, um auf das bisher Geleistete zurückzublicken, und die Entwicklungsmöglichkeiten für die Zukunft zu untersuchen. Die zionistische Jugend hat sehr lange Zeit um die ihr eigene Auffassungs- und Organisationsform gerungen. Die Nachkriegszeit, gekennzeichnet durch die erhöhte Möglichkeit persönlicher Verknüpfung junger Menschen mit dem Aufbauwerk, hat auch neue Ideen hervorgebracht. Die Notwendigkeiten des Landes gaben den Anstoß zu einer sozialistischen Auffassung. Der Ansturm des Nationalismus wurde dem Zeitgeist auch in anderer Form entnommen, als er in der zionistisehen Idee riaturnotwemlig ־/um Ausdruck kommen mußte. So entstanden die sozialistischen Jugendbewegungen, so entstanden auch die nationalistischen Organisationen der Revisionisten. Demgegenüber blieb die religiöse Jugend im Elan etwas zurück. Ihr fehlten die Auftriebsmöglichkeiten, die die anderen Gruppen aus den Zeitereignissen entnehmen konnten. Was die religiöse zionistische Jugend geleistet hat, mußte sie sich in eigener und unverdrossener Arbeit langsam erarbeiten. Sie mußte darauf verzichten, Massenbewegung zu werden. Sie mußte sich naturgemäß darauf beschränken, eine Auslese zu treffen unter denen, die geeignet waren. Der ״Zeire Misrachi“ in Deutschland verkörpert das Ergebnis dieser Arbeit. Die Zahl seiner Anhänger ist mit Ausnähme geringer, kurzer Perioden ständig gediehen. Wir zählen heute die Mitgliederzahl von 1314, die in 23 Gruppen des ״Zeire Misrachi“ und ״Brith Hanoar״ organisiert sind. Diese Zahl stellt aber nun auch wirklich die Mindestzah! aller derer vor, die aktiv zionistisch mitarbeiten. Bereits bei Gründung des ״Zeire Misrachi׳' war eine volle Erfassung der Mitglieder das Ziel. Das kam in der Verfassung dadurch zum Ausdruck, daß Mitglied nur Werden konnte, der entschlossen war, seine ganze Persönlichkeit für den Aufbau Erez Israels im Sinne von Thora wa’awoda einzusetzen. Diesen Entschluß zu verwirklichen konnte natürlich nur bei denen voll gelingen, die für sich selbst die Konsequenz ziehen wollen, nach Erez Israel zu gehen. So kennzeichnet den ״Zeire Misrachi“ eine ständige Erhöhung des Prozentsatzes der Chaluzim für eine Organisation, die an sich nicht rein ehaluzisch ist. Es ist ein erfreuliches Zeichen, festzustellen, daß mindestens 40 0׳״ der Mitglieder des ״Brith Hanoar“ — der Jüngeren-Gruppe — in die Hachscharah geht, und daß praktisch damit zu rechnen ist, daß in einigen Jahren der ״Zeire Misrachi“ eine vorwiegend chaluzische Organisation sein wird. Der ״Zeire Misrachi“ hatte den Vorteil, daß er lange Zeit das einzige zionistische Lehrgut in Deutschland zur Verfiigung hatte. Auch in den Zeiten, in denen eine Alijah praktisch unmöglich war, konnte er seine Mitglieder ausbilden. Das Lehrgut war stets voll besetzt. Es reichte Kr die Bedürfnisse fast nie aus. Es mußten ständig chaluzische Zentren außerhalb des Gutes geschaffen werden, um die Nachfrage nach Arbeitsplätzen zu befriedigen. Zugleich mit diesem Vordringen des elialuzischen Eiementes ist auch ein ideologischer Umbau in der Gedankenweit des ״Zeire Misrachi“ vor sich gegangen. Noch auf dem 2. Bundestag 1928 in Hamburg wurde die Frage des Sozialismus als akademische Frage erörtert. Ke Möglichkeit eines religiösen Sozialismus stand überhaupt in Frage, und wenngleich schon damals die überwiegende Anzahl der Teilnehmer sich für den Sozialismus aussprach, ist doch eine entscheidende Entwicklung festzustellen, wenn man beobachtet, daß heute lediglich die Form des Sozialismus diskutiert wird. Die aus Deutschland stammenden Mitglieder des ״Zcire Misrachi“ sind in Erez Israel in einem Kibbuz organisiert (״Kibbuz Rodges“), Das Thema des Bundestages in Magdeburg heißt ״religiöser Sozialismus“; die Sozialisten im ״Zeire Misrachi“ können darauf verzichten, das Bekenntnis des Sozialismus statutarisch festzulcgen, weil es sich von selbst versteht. Solche Entwicklung war natürlich nicht nur den Zeituniständen und dem Zufall zu überlassen. Es bedurfte einer zielbewußten Arbeit auch in diesem Punkte. Diese Arbeit konnte im wesentlichen im ״Brith Hanoar“ geleistet werden. Die heute allgemein übliche Einreihung der Jüngerengruppen ist eine ursprüngliche Erfindung der Leitung des ״Zerre Misrachi“. Man ging von dem Gedanken aus, dal! das Bekenntnis sowohl zur Thora wie zum Zionismus, wie auch schließlich zur Awodali keine politische Entscheidung bedeutet. Man mußte sie voraussetzen bei allen, die als gesetzestreue Juden ihr Leben einrichten wollten. Wir durften daher behaupten, daß die Gruppen des ״Brith Hanoar“ völlig unpolitisch erzogen wurden. Jede Stellungnahme zu den Fragen der Tagespolitik, die der zionistisehen Bewegung in Deutschland so außerordentlich geschadet hat, konnte in der Erziehungsarbeit vollkommen vermieden werden. Das erfreuliche Ergebnis ist, daß cs heute in Deutschland 18 ״Brith Hanoar“-Gruppcn gibt mit 769 Mitgliedern; daß, wie schon ausgeführt, ein sehr erheblicher Teil nach Abschluß der Schulbildung in die Hachscharah geht und auch die übrigen für die zionistische Arbeit voll erfaßt sind und bleiben. Wir können überhaupt feststellen, daß der Prozentsatz derer, die durch unsere Erziehung gegangen sind, nachher auch in zionistischer Hinsicht völlig versagen, ganz ungewöhnlich klein ist. Dieses Ergebnis glauben wir auch darauf zurückführen zu können, daß wir von Anfang an den Versuch mit Erfolg unternommen haben, den rein hündischen Gedanken zurückzudrängen. Es ist eine Erfahrungstatsache, daß das Bundcslcben sehr viele junge Menschen zunächst anzieht, daß aber zu einem gewissen Zeitpunkt das Interesse der Mitglieder erkaltet, und daß der Erfolg der Bundeserziehung dann bei denen, wo es nicht gelingt, sie durch ihren Elan völlig von’ ihrer bisherigen Gesellschaft zu lösen, also sie beispielsweise nach Erez Jisrael zu führen, außerordentlich gering bleibt. Wir haben Bedacht darauf genommen, die Erziehungsaufgaben des ״Zcire Misrachi“ so konkret zu fassen, daß das Erlcbnishafte des Bundes zwar den Anstoß für die Teilnahme überhaupt gab, daß aber im übrigen nur diejenigen bei uns sich wohlfühlen konnten, die an den praktischen Aufgaben der Erarbeitung zionistischen, religiösen und sozialistischen Gedankeninhaltes ihre Befriedigung fanden. Der jüdisch-religiöse Sozialismus, wie er heute vom ״Zeire Misrachi“ vertreten wird, ist nicht, wie man bei oberflächlicher Betrachtung dieser Formulierung annehmen könnte, eine Zusammenkoppchmg von drei verschiedenen, ursprünglich voneinander selbständig existierenden Elementen, die Judentum, Religion und Sozialismus heißen; sondern hier handelt es sich um eine Synthese, die darin besteht, daß Sozialismus nur r e 1 i - giöser Sozialismus sein kann und daß der religiöse Sozialismus des ״Zeire Misrachi“ nur aus seiner traditioncll-gebur.denen, jüdisch-nationalen Haltung zu verstehen ist. Mit der Idee ״Thora wa’Awoda“ wurde zum erstenmal der Versuch gemacht, die bei anderen Völkern schon lange existierende religiös-sozialistische Bewegung auch in die jüdische Nation hineinzutragen. Wenn sie auch eine Parallelerscheinung ist, so hat sie doch ihre Eigenentwicklung, deren Wurzel in der jüdischen Tradition zu suchen ist Nach dem Abschluß von fünf Jahren stand es für uns schon an der Zelt, eine Prognose für die Zukunft zu stellen. Ob die Zahl unserer Mitglieder in gleichen! Maße steigen wird wie bisher, muß dahingestellt bleiben. Die jüdisch-religiöse Jugend verlangt von ihren Anhängern, daß sie ihren Weg nach dem Gesetz gestalten. Unter den wirtschaftlichen Verhältnissen schwindet ständig die Zahl der gesetzestreu lebenden Familien. Es schwindet daher auch die Zahl der möglichen Mitglieder unseres Bundes. Es wird stets nur in kleinem Ausmaß gelingen, Menschen zu erfassen, die nicht vom Hause aus gesetzestreu zu leben gewohnt sind. Andererseits wird es uns f" . von Gruppen des Esra — einer nichtzionistischen gesetzestreuen Jugendorganisation — zu uns übergegangen. Es wächst ständig die Zahl derer, die, aus anderen Organisationen stammend, infolge unserer Arbeit zum Zionismus kommen. Hierin liegt auch die eminente Bedeutung des ״Zeire Misrachi“ für die Zionistische Organisation. Dr. Franz Kobler 50 Jahre alt. Dieser Tage beging eine der interessantesten Persönlichkeiten des österreichischen Zionismus, Dr. Franz Kobler, seinen 50. Geburtstag. Kobler, einer der geschätztesten Rechtsanwälte Wiens, der eine Reihe bedeutsamer Schriften über Rechtsfragen veröffentlicht hat, der überdies durch seine rege Anteilnahme an der pazifistischen Bewegung (auch als Herausgeber des Sammelbuches ״Gewalt und Gewaltlosigkeit“) weiten Kreisen bekannt ist, hat einen großen Teil seines Lebenswerkes der jüdischen, namentlich der zionistischen Bewegung gewidmet. 1901, später 1903, hat er als Berichterstatter eines Masaryk-Blattes, gleichzeitig aber auch als Delegierter der sogenannten ״Jungzionisten“, jener Opposition, die bekanntlich von Weizmänn und Buber geführt und aus der später die ״Demokratische Fraktion“ wurde, au dem Basler Kongreß teilgenommen. Dr. Kobler ist auch einer der Mitbegründer des wiener Herzl-Klubs, er war bis vor kurzem Obmann der zionistischen Sektion Hietzing, er begründete vor einigen Jahren gemeinsam mit der Schreiberin dieser Zeilen einen geistigen zionistischen Zirkel, der sich in regelmäßigen Abständen traf und in dem die Kulturfragen des Zionismus aufs lebhafteste diskutiert wurden. Er ist ein wundervoller ״Sprechdenker“, wie Herzl dies genannt hat, er schüttet eine Ideenfülle aus, von der jeder etwas mit nach Hause nimmt, Dr. Martha Hof mann. Prof. Theodor Lessing sprach als Gast des Jüdischen Schulvereins in Berlin über das Thema ״Warum Antisemitismus?“ In historisch ausholenden und psychologisch zergliedernden Darlegungen zeigte der Vortragende, daß die Gründe, die da und dort für den Antisemitismus angeführt werden, hinfällig sind. Sie werden nur sekundär herangeholt zur Rechtfertigung eines tief verankerten Instinktes und sind daher auch nicht durch Argumente, etwa durch Hinweise auf jüdische Leistungen, widerlegbar. Im Sinne seines Buches zeigte Lessing, wie der Haß der Umwelt auch in der jüdischen Seele seine Wirkung gehabt hat, indem ein jüdischer Selbsthaß entstand, der die Juden immer weiter von ihrem Volkstum wegtrieb. Ais Ausweg aus der Judennot unserer Zeit erscheint Lessing ein zionistischer Sozialismus, in dem jüdisches Zukunftswerk und sozialistische Gesellschaftserneuerung zusammenfallen. An jeden Juden müsse man heute die Forderung stellen ״Werde, der du bist“. Aus seiner geschichtlichen Situation heraus könne ein deutscher Jude deutsch und jüdisch empfinden. In der jüdischen Schule ohne konfessionellen Zwang, in der Judentum und hebräische Sprache selbstverständlich sind, sieht der Vortragende eines der wichtigsten Mittel zur Lösung unserer Probleme. Der interessante Vortrag fand bei dem zahlreichen Publikum sehr freundliche Aufnahme,