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Jüdische Rundschau · 1932-12-23 · Heft 102 (23.12.1932) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 102 (23.12.1932)
Date
1932-12-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 102, 23. XII. 1932 JOCHS CH E RtmOSCHAÜ Seite 499 Was ist Chanuka? Von Arnold Wiener, Beuthen (O.-S.) Alle Jahre, wenn der Monat Kislew ins Land kam, begann bei uns auf dem Gymnasium der Religionslehrer von Chanuka zu sprechen, ln den Mittelpunkt der Betrachtung wurde die Erzählung gerückt: ״Als man im Tempel den siebenarmigen Leuchter anzünden wollte, fand man nur ein einziges mit hohepricsterlichern Siegel versehenes Krüglein. Es enthielt nicht mehr als für einen Tag Ocl. Der Inhalt reichte aber wunderbarerweise für acht Tage, bis wieder neues Oel hergestcllt war. Deshalb wird acht Tage das Chamikalieht angezündet.“ Natürlieh hörte man dabei auch etwas von den Taten der Makkabäer. Aber die Geschichte mit dein Oelkriigiein des Hohenpriesters war die Hauptsache. Die Wirkung auf die Schüler in den oberen Klassen war keine erfreuliche. Mittlerweile ist der jüdische Re-! Iigionr,unterricht volksbewußter und wirklichkeitsnaher geworden. Wenn man aber in der Schule oder aut der Kanzel die Chanukageschichte erzählt, so spielt noch heute die Wundermär von dein Oelkrüglein eine zentrale Rolle. Die G emara trägt unwissentlich daran die Schuld. Im Traktat Sabbath kommt sie auf das Lichterfest zu sprechen. Der Absatz wird von ihr mit den Worten eingeleitet: ״Was ist Chanuka?“ Worauf sie die obige Legende folgen läßt. Die Frage des Talmud ist noch rätselhafter als die Antwort. 6CK) Jahre batte man damals schon Chanuka gefeiert, und da wird gefragt, was Chanuka sei! Darum meine ich, der Talmud hat hier, wie so manchmal, etwas Anderes im Sinne als der einfache Wortlaut ahnen läßt. In der Zeit, wo der Berichterstattcr irn Traktat Sabbath zu Worte kommt, hat noch der größere Teil unseres Volkes im griechischen G a I u t!1 gewohnt. Zusammen mit Erez Israel standen die übrigen Küstenländer im Ostbecken des Mittelmeeres unter der Herrschaft von Byzanz. Alexandria und Tripolis, Damaskus und Aleppo, Antiochia und Ephesus, Korinth und Syralais, alle die berühmten iudengemeinden in diesem Weltteil gehörten zum hellenischen ülturbereich. In den Chanuka-N’ächten nun schwamm die ganze Judenstadt in einem Lichtermeer. Die Griechen, die aut den Straßen herumspazierten, fragten: ״Was bat das zu bedeuten?“ Man sagte ihnen, es sei Chanuka. So fragten sie: ״Was ist Chanuka?“ Nun wurde die Situation kritisch. Das ist eine Feier des Sieges über eure Väter, konnte man ihnen unmöglich erzählen. Man sprach deshalb von einem Oelkruge mit dem, Siegel des Hohenpriesters usw. Die Griechen hörten sich die Geschichte an und sagten: Also eine religiöse Angelegenheit. All right. Und sind weiter gegangen. In der Tat, dazu war die Legende gut. Die Gemara hat sie übrigens nicht erfunden. Aus Megillah Taanith hat sie sie entnommen. Dies Werk war damals schon 300 Jahre alt. Das Problem ״wie sag’ ichs den Griechen“ war aber noch viel älter. Es bestand in den Gemeinden außerhalb Palästinas von Anfang an. So muß die Erzählung schon lange gute Dienste geleistet haben. Allerdings, die Makkabäerbücher wissen von dieser Historie noch nichts, obwohl sie kurze Zeit, nachdem diese Sache passiert sein soll, geschrieben worden sind. Als zwei Jahrhunderte nach Abschluß der Gemara die Gaonim in Babylon das Chanukagebet ״Al Hanissim“ verfassen, da führen sie schon eine offene Sprache. An die Oelkanne des Hohenpriesters haben sie inzwischen ganz vergessen. Dafür finden sie starke Worte gegen ״die schurkische, griechische Herrschaft“. Es lag hierin keine gefährliche Provokation mehr. Def Traditionsträger des Hellenentums, das oströmische Kaiserreich, war kurz zuvor durch den Ansturm der Kalifen vom asiatischen Festlande weggefegt. In einer Ecke der Balkanhalbinsei dämmerte es aus langer Ohnmacht in den Todesschlaf hinüber. Chanuka war das Fest der hasmonäischen Dynastie, was ihm eine schlechte Behandlung m der Mischna eintrug. Für das Purimfest, das doch vergleichsweise unerheblieh ist, hat sie einen ganzen Traktat mit 4 Kapiteln reserviert. Für Chanuka gibt es nichts dergleichen. Warum das ist, das hat uns Nichmani'dcs deutlich gemacht. In dem biblischen Segen Jakobs über seine Söhne ist auf Juda gesagt: ״Nicht wird weichen das Szepter von Juda.“ Es hat darum den Weisen jener Zeit nicht gefallen, daß die Makkabäer, die ja vom Stamme Levi waren, sich auf den Königsthron von Judäa gesetzt haben. Das war ein großes Vergehen. Im Talmud steht: Wer die Majestät des davidischen Königshauses antastet, steht da, als hätte er die Majestät Gottes selbst angetastet. Man kann es dem Patriarchen Rabbi Juda nachfühlen, daß er bei der Redaktion der Mischna Chanuka fast ganz beiseite gelassen hat. War er doch selbst ein Sproß des davidischen Königshauses. Wenigstens 400 jaure hat es, gedauert, bis das Chanukafest zu den Weihen der Synagoge gelangt ist. Innerhalb dieser Zeit war es, solange die hasmonäische Dynastie regierte, ein Staatsfeiertag, danach ein Fest rein nationalen Gepräges. Die Rabbiner im Mittelalter erörtern, warum Chanuka denn 8 Tage dauert. Das berühmte Werk Rokeach mutmaßt, der Ort, woher neues Leuchtöl für den Tempel herbeigeschafft werden konnte, sei 4 Tagereisen von Jerusalem entfernt gewesen; also für Hin- und Rückweg zusammen 8 Tage. Andere bringen Erklärungen, die noch wunderlicher sind. Der wahre Grund wird darin bestehen, daß Chanuka noch nebenher das Fest der Wintersonnenwende ist. Sonnemvendfeste dauern bei den Völkern regelmäßig eine Woche. Dies vorausgesetzt, ist der 25. Kislew als der historische Einweihungstag einzig und allein auf Chanuka gestellt. Im weiteren Verlaut verschmilzt das Hasmonäerfest mit der Feier der Wintersonnenwende. Ich äußere diese Ansicht auf eigene Gefahr und weiß nicht, ob sie schon jemals vertreten worden ist. Ich habe jedoch eine gute Stütze an einer Talmudstelle in Abotla Zara 8a, die meines Wissens noch nicht gebührend gewürdigt worden ist. ״Als Adam sah, daß das Tageslicht immer weniger wurde, sprach er: Wehe mir! Vielleicht darum, weil ich ungehorsam gewesen bin, wird die Welt für mich finster und kehrt zum Tohu Wawohu zurück. Er saß dann 8 Tage in Fasten und Gebet. Als er darauf die Sonnenwende des Tebeth sah, daß der Tag ständig länger wurde, da sprach er: So ist eben der Gang der Welt, und beging 8 festliche Tage.“ In dieser gemütvollen Weise hat sich der Talmud die Entstehung des Festes der Wintersonnenwende vorgestellt. Hier ist kein Wort von Chanuka gesagt, und doch scheint es mir sicher, daß die Haggada an unser Lichterfest gedacht hat. Denn sie fügt hinzu: In den folgenden Jahren beging Adam die ersten und die zweiten 8 Tage als Festtage. Ist es schon jemals vorgekommen, daß ein Mensch alljährlich zweimal achttägig das Fest der Wintersonnenwende feiert! Aber die Haggada erinnerte sich: die Juden begehen doch Chanuka schon eine Woche vor dem Anfang des Monats Tebeth. Der Gedanke machte ihr Freude, daß der Menschenvater zu gleicher Zeit mit Israel sein Chanuka gefeiert habe, darum läßt sie ihn auch schon die letzte Kislewwoche als Naturfest begehen. Daß Chanuka irgendwie mit der Sonnenwende zusammenhängen muß, spüren wir auch im 2. Makkabäerbuche. An zwei Stellen steht dort: Es ging den Juden zu Herzen, daß sie in diesem Kriegsjahre das Suckothfest nicht hatten nach Vorschrift begehen können. Sie holten es nach am Chanuka. Nim, ia der Suckah kann man Ende Dezember nicht niete; sitzen, auch nicht In Erez Israel. Aber nach der Thora ist ja Suckoth auch noch das Fest des Einsammelns ״an der Sonnenwende des Jahre s“. Bis Suckoth brachte der Landmann die;Erstlinge zum Tempel. Wenn er sie dem Priester übergab, dann sang er das vorgeschriebene Danklied, beginnend: ״Ein syrischer Nomade war mein Ahne.“ Dazu bemerkt der Traktat ßikkurim: ״Nach dem Suckothfeste wird das Danklied nicht mehr gesungen, aber der Tempel nimmt die Erstlinge noch an bis Chanuka.“ Das heißt, sie haben eine Nachfrist von einerSonnenwende bis zur anderen gewährt. Auch steckt vielleicht in der Angabe von ßikkurim eine Erinnerungsspur an die Wirren des Makkabäerkrieges, wo man am Chanuka die Herbstsonnenwende zugleich mit der Wintersonnenwende feiern mußte. Es ist auch mehr wie wahrscheinlich, daß das Lehrhaus Schammais den Gedanken von der im Makkabäerkriege unterlassenen und durch Chanuka ersetzten Feier des Suckothfestes verewigen will, indem es lehrt: Man beginne am 1. Chanukaabend mit 8 Lichtern und mindere sie täglich tun eines. Darum weil auch am Suckothfeste nach der Vorschrift der Thora die Zahl der Opferstiere von Tag zu Tag um eines gemindert wurde. Die Schule Schammais nimmt auf diese Weise die Chanukalichter geradezu als Ersatz für die in den Kriegs- Jahren ausgefallenen Opfer des Suckothfestes. Gesiegt hat aber die Schule Hilfels, welche lehrt: Man mache es umgekehrt: Man beginne am ersten Abend mit einem Licht und setze täglich eines hinzu bis zu 8 Lichtern. Das ist der herrschende Brauch ir! Israel geworden. Es muß schon sein, sie erblickten überdies in dem Chamikalieht ein Symbol für die Sonne. So wie diese zur Winterwende jeden Tag am Himmel höhersteigt, und so wie sic, ist der Tiefpunkt überwunden, jeden Tag um 4 Minuten länger leuchtet als am vorangegangenen, stellt die Schule Hilleis jeden Abend ein neues Licht neben die gestrigen und verdeutlicht damit die zunehmende Kraft der autsteigenden Sonne. Das war ein zusätzlicher Gedanke zu dem des Hasmonäerfcstcs. Die Ueberlieterung Rißt das ahnen, denn sie stellt fest: Schon mit einem einzigen Licht an jedem Abend ist die Pflicht von Chanuka erfüllt. Welche aber die Mizwah ״gar schön“ gestalten wollen, verhalten sich nach der Schule Hille!. Was haben die Leute, die die Mizwah ״gar schön“ machen wollen, eigentlich im Sinne gehabt? Sie wollten auch noch dem Chanukagedanken Adams gerecht werden. Dieser ist der Untergrund des Musters, auf weiches vaterländische Siegesfreude die Festbeleuchtung zu Ehren der hasmonäischen Dynastie gemalt hat. Wenn dem so ist, dann hätte man den Griechen, als sie in den illuminierten Straßen herumspazierten und fragten: ״Was ist Chanuka“? antworten sollen: Es ist das Fest der Winter- Sonnenwende. Aber das wollten die Rabbinen um keinen Preis. Dann hätten die Griechen geantwortet: So betet ihr ja die Sonne an! Dann ist es mit Eurem vielgerühmten Monotheismus auch nicht weit her. Die Rabbinen haben im Rahmen des Möglichen jede Erinnerung an den Naturkult in der jüdischen Vergangenheit gedämpft. Sie haben auch in der Folgezeit in unserem Volke keinen Parallelismus zu dem Sternenkult aufkommen lassen wollen. Meine Idee von dem geheimen Zusammenhänge des Chanukafestes mit der Feier der Wintersonnenwende wird •sich wie jeder neue Gedanke erst durchzusetzen haben. Man wird mir entgegenhalten: In der Hälfte der Jahre faßt der Tiefpunkt des Winters gar nicht in die Chanukawoche hinein. Das ist in der Tat richtig. In der Zahlenreihe von X) Jahren bleibt der Endtermin von Chanuka zehn Male hinter dem 21. Dezember zurück, meistens um 4—6 Tage. Der größte Abstand sind 15 Tage. Daraus ist aber nicht zu folgern, daß ich nicht bewiesen habe, was zu beweisen war. Die Sitte eines Volkes funktioniert nicht mit der Genauigkeit eines Präzisionsinstrumentes. Es genügt ihr das Ungefähr. Der jüdische Kalender kann seiner ganzen Anlage nach nicht verbürgen, daß die Termine des Mondjahres allemal mit denen des Sonnenjahr.es Zusammentreffen. W'ir haben im Traktat Sanliedrin gelernt: Pessach, das Fest der Frühjahrssonnenwende, muß nicht auf den Anfang, sondern nur innerhalb der 30tägigcn Frist fallen, in welcher die Sonnenbahn von dem Sternbilde des Widders beherrscht wird. Suckoth, welches das Fest der Herbstsonnenwende ist, muß nicht immer auf den Anfang, sondern nur innerhalb der 30tägigen Frist fallen, in welcher die Sonnenbahn von dem Sternbild der Waage beherrscht wird. Es muß also eine Toleranz bis zu 30 Tagen gelassen werden, bedingt durch die Konkurrenz zwischen Sonnen- und Mondumlauf. Wo bleibt aber dann das Fest der Sommersonnenwende? Das ist in der Tat eine Frage. Bei den Völkern der Welt ist es eine Zeit des Hochgefühls, wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat. Ueberall flammen die Johannisfeuer auf, und die Jugend umtanzt sie in fröhlichem Reigen. Aber in unserem Volke ist das anders. In diese Zeit fallen die drei Trauerwochen vom 17. Tamus bis zum 9. Ab. Die Naturfreude muß in der nationalen Trauer untergehen. Der Fasttag des 17. Tamus fällt allerdings in der Regel um einige Tage nach dem 21. Juni. Aber früher hat man den Fasttag schon am 9. Tamus begangen. An Stelle der drei Trauerwochen gab es während des babylonischen Exils und in weiten Zeiträumen während des zweiten Tempels einen Trauermonat vorn 9. Tamus bis zum 9. Ab. In diesen Monat ist die Sommersonnenwende in der Regel gefallen und darum ungefeiert geblieben. Trotzdem gibt es im jüdischen Kalender eine Erinnerung an diesen Wendepunkt. Das ist der 15. Ab. Dieser Halbfeiertag ist einigermaßen rätselhaft. Nicht etwa, daß die Gemara für ihn keinen Grund hätte. Sie weiß nur zu viele. Der ernsthafteste ist die Reminiscenz an das Holzopter. Auch Josephus bestätigt, daß zu seiner Zeit der 15. Ab der Tag der Holzspende genannt worden ist. Welche Bewandtnis es damit hatte, ist nirgendwo ersichtlich. Wir finden dagegen im Buche Esra und in der Mischna, daß das Holzopfer an vielen Tagen des Jahres gebracht wurde. Eine ganze Reihe von angesehenen Familien des Landes teilte sich in die Ehre. In festgesetzter Reihenfolge wurden sie herangezogen und an ihrem Tage begleiteten sie in festlichem Aufzuge die Holzlasten nach dem Tempelberge, wo sie zur künftigen Bedienung des Brandopteraltars auf Lager genommen wurden. Der Termin der Ablieterung war für das betreffende ״Vaterhaus“ ein Festtag der Familie. Durch diesen Sachverhalt ist aber der Halbfeiertag vom 15. Ab gar nicht erklärt, und ich habe deshalb den Eindruck, daß die ״Holzspende“ dieses Tages weniger für den Brandopferaltar als für die Freudenfeuer bestimmt war, die in der vorangehenden und folgenden Nacht aut den Bergen aufflammten. In meiner Ansicht werde ich durch eine Ueberlieterung bestärkt, die sich an den Namen von Rabbi Simon b. Gam- Hel knüpft: ״Es gab keine festlicheren Tage für Israel wie den 15. Ab und den Jom Kippur. An ihnen tanzten die Jungfrauen weiß gekleidet im Reigenschritt zu den Weinbergen hinaus.“ Ich habe die Meinung, daß dieser Jubel mit der nachträglichen Sonnenwendfeier zu tun hat und jetzt die verhaltene Naturfreude zum Ausdrucke kommt] die während des Xrauermonats gehemmt war. Eine Stelle In Baba Meziah gibt auch einen Stützpunkt ab, sie besagt, der 15. Ab scheidet den Frühsommer von dem Spätsommer. Damit schließt sich der Reigen. Die vier Sonnenwendfeiern des jüdischen Festjahrcs sind belegt. Ich habe selbst das Gefühl: Das ist ein eigenartiger Chanuka-Artikel. Aber es hat mir schon lange auf der Seele gebrannt, das Grundinuster des Teppichs zu zeigen, der unsere Festhalle schmückt. Und ist denn der Gedanke so unfruchtbar, die Festzeiten Israels mit den naturgegebenen Wendepunkten des Jahres in Verbindung zu bringen? Erleidet denn dadurch das Pcssaclifcst Eintrag, daß es den jüdischen Volksfrüliling mit der Frühlingslrcude der Menschenkinder in sich vereinigt? Ist der Gedanke nicht ansprechend, daß jede Erneuerung in der Natur in der jüdischen Seele den Wunsch auslöst, auch das jüdische Volk möge sich erneuern und verjüngen? Wenn allmonatlieh die fromme Gemeinde den wachsenden Mond mit Hvmnen und Hüpfen begrüßt, dann unterbricht sie die Ge bet Worte und ruft aus: ״David, der König von Israel, ist am Leben und ist da.“ Wenn die Sonne ihren Tiefpunkt überwunden und sich rüstet, höher und höher am Himmel zu steigen, dann ist es Zeit, daran zu denken, daß unser Volk aus tiefer Nacht zu neuem Glück und zu neuer Jugend mit immer wachsender Kraft sich erheben soll. 10 Jahre ״Ahawah“ Man schlägt das hübsch ausgestattete Heft, das das Kinder- und Jugendheim Ahawah, Auguststr. 14 15, zu seinem lOjährigen Bestehen herausgegelren hat, in der Erwartung auf, einen der üblichen Tätigkeitsberichte vor sich zu haben, doch schon nach wenigen Zeilen merkt man, daß es sich um etwas ganz anderes handelt. Was hier in vielen kleinen Aufsätzen von den Gründern und Mitarbeitern der Anstalt erzählt wird, ist nichts mehr und nichts weniger als die Entwicklungsgeschichte eines pädagogischen Werkes, das mitten unter uns still und anspruchslos entstanden ist. Keiner von denen, die damals in einem leeren Laden des Berliner Nordens vom Kriege hierher verschlagene, verhungerte Kinder mit einem warmen ■Mittagessen versorgen wollten, konnte ahnen, welch Aufgabe ihnen daraus erwachsen würde und daß sie damit neue Wege der Erziehung beschreiten würden. Es entstanden nacheinander Kinderspeisung, Hort, Tages-, Kinder-, Mädchen- und Lehrlingsheim. Das war aber erst der Rahmen, das Wesentliche und Schwerste kam erst mit der Erziehungsaufgabe. Es war eine kleine, ziemlich verwahrloste, durch die furchtbaren Kindheitserfahrungen auf primitivste Selbsterhaltungsinstinkte gestellte Horde, die sich liier zusammengefunden hatte. Jedes ist nur darauf bedacht, sich selbst ohne Rücksicht auf den anderen Vorteile zu verschaffen — denn es hat ja bis jetzt nie etwas anderes kennengelernt als den erbarmungslosesten Egoismus der Menschen. Die Aufgabe ist, aus ihnen eine Gemeinschaft ־zu formen. Wie das gelingt, wie man diese asozialen Einzelindividuen zu einer Gemeinschaft in vollem Wortsinne bildet, das ist spannend und beglückend zu lesen. Nach langen, vergeblichen, auf der Linie des Ueblicheti liegenden Versuchen beschließt man, den Kindern selbst die Sorgen und Probleme des Hauses vorzulegen — und siehe da, es sind die Kinder selbst, die den richtigen Weg finden. Sie nehmen in klug gewecktem Tatendrang die Sache selbst in die Hand: sie wollen dafür sorgen, daß das Heim ״richtig“ ist. Jeder muß ״Pflichten“ übernehmen: Tisch decken, Abräumen. Besorgungen für das Heim, die Beaufsichtigung kleinerer Kinder, Jedes kleine Kind bekommt einen ״Vater“ oder eine ״Mutter“, die für es sorgen, es waschen, erziehen und oft ergeben sich aus diesem Verhältnis Bindungen, die weit über das Kindesaltea־ hinausreichen. Ein ״Kinderrat“ bildet siph, der über 4» Verteilung der Pflichten und ihrer Erfüllung, über immer zweckmäßigeren Ausbau der inneren Verwaltung wacht und dem auch die Gerichtsbarkeit untersteht. Jedes Kind, das mehr leistet, als ihm aufgetragen ist — z. B. monatlich eine hestimmte Anzahl Strümpfe zu stopfen —, erhält für diese Mehrleistung ein Entgelt, damit es lernt, daß eine Arbeitsleistung auch auf entsprechenden Lohn rechnen kann. Dieser Erlös aber fließt nicht etwa in die eigene Kasse des Kindes, sondern in die der Gruppe, der es angehört. Diese Gruppe von 10—12 Kindern mit einem Erzieher hat ein eigenes Zimmer. Von dem gemeinsamen Geld werden Anschaffungen für die Ausstattung des Gruppenzimmers gemacht, man hält Tiere, die man davon verpflegt, und all das wird von der Mehrarbeit der Einzelnen aufgebracht. Die Ahawah hat eine Kantine eingerichtet, die die Kinder selbst verwalten und die alle kleinen täglichen Not- Wendigkeiten, wie Seife, Schnürsenkel, Spangen. Strumpfgummi usw. verkauft. Die Kinder erhalten monatlich einen bestimmten Betrag, den sie für diese Dinge atilegen können. Sie lernen nun mit ihrem Eigentum sorgsam umgehen, da sie das verlorene von ihrem eigenen Geld kaufen müssen. Daß keine eigene Schule im Heim ist, sondern daß die Kinder je nach ihrer Begabung in entsprechende Schulen geschickt werden, ist zwar ein Mangel, ist aber im Interesse einer nicht so weltfremden Erziehung, wie sie sonst das Anstaltsleben mit sich bringt, zu begrüßen. Auch sonst werden die Kinder in Kontakt zur Umweit gebracht, z. B. dürfen sie Jugendbünden und Sportvereinen beitreten, und es scheint mir ein Beweis für die formende Kr.-ft der Anstalt zu sein, daß sie diese Freiheit ohne Gefahr für ihre Lockerung geben kann. Wie sehr das Heim den Kindern ein Zuhause geworden ist, zeigt noch die Tatsache, daß auch die hcimentlassenen Mädchen und Jungen eine starke Bindung zum Heim haben. Sie kommen regelmäßig ins Heim und besprechen voll Vertrauen alle großen und kleinen Fragen ihres Lebens. Sie sind bei allen Festen dabei und nehmen an Ausflügen, Theaterbesuchen usw. teil. Alle wissen, wenn sie erwerbslos sind, daß sie in der Ahawah Aufnahme finden können und daß man dort versucht, ihnen neue Arbeit zu verschaffen oder sie vom Heim aus zu beschäftigen. Fleute nimmt die nacligchende Fürsorge einen ziemlich großen Raum ein, da die Not der Zeit immer mehr Jugendliche aus ihrer Arbeit treibt oder sie erst gar nicht in den Beruf kommen läßt. Das ist nur ein kleiner Auszug aus der Fülle des mteressanteri, das das schöne Heft der Ahawah neben einem reichen Bildermaterial bietet. Man kann nur jedem, der Interesse an pädagogischen Fragen, an Entwicklung der Jugenderziehung hat, dringend empfehlen, die kleine Schrift zu lesen. Man kann stolz auf dieses jüdische Werk sein und jeder sollte es als Ehrennßicht empfinden, es nach Kräften zu fördern. E. B. - Gr. Hebräische Enzyclopadie. Wir erhalten folgende Mitteilung: Im Verlag ״Eschkol“, Berlin, ist vor kurzem unter der Chefredaktion von Dr. Jakob K 1 a t z k i n der zweite Band der hebräischen Enzyklopädie erschienen. Der Band umfaßt die Stichworte von Origines bis Antipas. Von den größeren Monographien dieses Bandes sind zu nennen: Italien, Inquisition, Europa, Ehe, Gott, Alchimie, Alexandrien, Alphabet, Emigration, Kunst, Emanzipation, Marranen, sowie eine umfassende Amoräerliste. Wie der erste Band ist auch der vorliegende mit vielen Bildern, Noten und Karten ausgestattet. Der dritte Band des Werkes ist fast druckfertig; die übrigen Bände sind in Vorbereitung,

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