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Jüdische Rundschau · 1932-12-16 · Heft 100 (16.12.1932) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 100 (16.12.1932)
Date
1932-12-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 488 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 100. 16. XU. 1932 Die Zertifikatsverieilang in Dentschland Wir erhalten folgenden Bericht: Die PalÄstln**Amts-KommIssfon hat den ersten Abschnitt ihrer Arbeit beendet. Die vorliegenden Zertifikatsanträge sowohl seitens der Chalui!-Organisationen, der Parteien, wie auch der zionistischen Ortsgruppen und einzelnen Bewerber wurden in vielen Sitzungen der ersten Bearbeitung unterzogen. 110 männliche und 45 weibliche Bewerber sind in die engere Auswahl genommen worden. Insgesamt wurden 212 Anträge bearbeitet. Von denen, die zur engeren Auswahl nicht zugelassen wurde, mußte ein Teil wegen unzureichender beruflicher Qualifikation oder aus formalen Gründen, Alter usw,, abgclehnt werden, während einer größeren Anzahl geraten wurde, sich in ihrem Beruf noch weiter auszubilden, damit die Möglichkeit besteht, sie bei der nächsten Zertifikationsverteilung zu berücksichtigen. Bei der Bearbeitung der Anträge fiel auf, daß eine ganze Reihe von Bewerbern, die beruflich geeignet waren und deren Verbundenheit mit dem Zionismus und Palästina außer jedem Zweifei stand, keiner zionistischen Organisation, auch'keinem Jugendverband oder einer Ortsgruppe angehörten. Die Mit* glieder der Palästina-Amts-Kommission legen jedoch Wert darauf, daß die Bewerber um ein Zertifikat ihre Zugehörigkeit zur zionistischen Bewegung auch durch die Zugehörigkeit zu einer ihrer Organisationen bekräftigen können. Die große Palüstina-Amts-Kommission wird In dieser Woche zusamnientreteti, uni den Bericht der Unterkonimission über ihre Arbeit entgcgcnzunchincn und einige prinzipielle Fragen zu klären. Die endgültige Beschlußfassung über die Zertifikats!erteilung durch die kleine Kommission wird im Verlauf der nächsten Woche erfolgen. Der letzte Termin für die Stellung eines Antrages auf ein Zertifikat für Winter- Frühjahr 1932/33 ist also der 19, Dezember. Ende des Monats werden die ersten einzelnen Chaluzlm und Chaluzoth ihre Ausreise antreten, während am 2. Januar die erste größere Gruppe von 40—45 Chaluzim und Chaluzoth Deutschland verlassen wird. ״Warum sind und bleiben wir Juden?“ Der Vortrag, den der Direktor des C.-V., Dr. Ludwig Holländer, über dieses Thema Sonntag vormittag in der Synagoge Prinzregentenstraße hielt, war auch für zionistische Hörer interessant. Der Redner charakterisierte zunächst den Geisteszustand des deutsch-jüdischeu Bürgertums vor etwa 20 Jahren, als es für eine Tugend galt, das Judentum ebenso wie die Religion als eine überwundene Sache zu erklären und die Kinder taufen zu lassen. Heute habe sich die Haltung geändert. Erstens weil überhaupt durch die Notzeit, in der wir leben, die Menschen wieder der Religion zugänglicher geworden sind, dann aber auch, weil wir heute erkennen, daß das Judentum nicht bloß eine Religion, sondern eine ״soziologische Erscheinung“ Ist, aus der der einzelne Jude sich nicht willkürlich aussdilleßen kann. Neben der Religion seien im Judentum Jahrtausende alte nationale Ueberlieferungen enthalten, und die Wirkung einer ungeheuren Leidensgeschichte könne nicht spurlos vorübergehen. Jeder Jude, so sagte Holländer im Anschluß an die von Dr, Zollschan auf das Judentum angewandte Semonsche Theorie, werde von der ״Mneme“, dem Erinnerungserbe der vorangegangenen Geschlechter, in der Art seines Erlebens bestimmt. Es läßt sich nicht verwischen, daß wir jahrhundertelang ein Volk waren, und wenn wir, sagt der Redner, heute kein Volk mehr sind, sondern Angehörige des deutschen Volkes, müssen wir doch so ״wie jeder andere deutsche Stamm auf unsere Stammeseschichte stolz sein“. Dali der Vortragende diese in der letzten eit vom C.-V. Immer wieder aufgetischte Absurdität, worin eine völlig unhistorische und deplacierte Analogie zwischen den deutschen Juden und ״anderen deutschen Stämmen“ hergestellt wird, auch diesmal anwandte, ist zwar aus dem polifischen Bedürfnis der C.-V.-Idcologie verständlich, nicht aber aus der Logik seiner eigenen Darlegung. Dagegen ist befremdend, daß der Vortragende mit keinem Worte die auch von Nichtzionisten, ja selbst Antizionisten unbestrittene Tatsache erwähnte, daß die Rückkehr zu einem positiven jüdischen Bekenntnis und die Abkehr von der radikalen Assimilations- Tendenz der Jahrhundertwende zum großen Teil ein Verdienst der jüdischnationalen Bewegung und des Zionismus ist, die die schon verlorene Jugend für ein Interesse am Judentum zurückgewonnen hat. Dies ist von unserem Standpunkt um so bedauerlicher, als Dr. Holländer in dem Schlußteil seiner Rede über die geistigen Güter des Judentums und seine Rolle für die geistige Formung der Menschheit manches sagte, dem auch wir uneingeschränkt zustimmen können, obwohl er die entscheidende Frage, wie die Erhaltung und Erneuerung des durch die heutige Welt- und Geisteslage schwer gefährdeten Judentums eigentlich bewerkstelligt werden soll, gar nicht aufwarf. w. Uie Berliner ״Geierd" hat die Vertreter der Presse zu einer Konferenz cingeladen, bei welcher S. M. Dimantstein, Vorsitzender der Oeserd (O/et) in Rußland und ehemaliger Sowjet-Kommissär für jüdische Angelegenheiten, über die Lage der Juden in der Sowjetunion und die Nationalitätenpolitik der Sowjets berichten sollte. Der Vorsitzende, Otto Heiler, begrüßte die sehr spärlich erschienene Hörerschaft 1r.it der Mi:tc1!ung, daß es zwar eine Judenfrage in Rußland uiciit gib:, weil aber die Judenfrage in Deutschland besonders aktuell sei, werde Dimantstcin in seinem Vortrag besonders über jüdische Dinge reden, obwohl er genau so Fachmann für Tunguscn und Samojeden ist. Weiter sagte Otto Heller, daß ״unser Freund Dimantstcin*‘ (sein Name wurde niemals ohne das Epitheton ,,unser Freund“ genannt) leider nicht deutsch sprechen könne, sondern nur russisch, französisch «der jiddisch. Da also in jedem Falle übersetzt werden müßte, schlägt er vor, daß ״unser Freund Dimantstcin“ jiddisch spricht. Das zu!,/ln aus Ostjuden bestehende Publikum stimmte zu. Die köstliche Finleitungsrede Otto Hellers, die mit ihren Entschuldigungen ungewollt Einblicke in die Psychologie der Geserd-l.eute gewährte, war sozusagen die einzige Darbietung, um derentwillen der Besuch der Veranstaltung sich verlohnte. Der Redner Dimantstcin, der — in Stil und Haltung an gewisse poalezionistische Figuren erinnernd — in ruhiger und' unrethorischer Weise sprach, brachte fast mir bekannte Dinge vor und schilderte ausführlich, in propagandisiischer Färbung, ohne allzu sehr in die Tiefe zu dringen, die Unterdrückung der Nationalitäten unter dem Zarismus, der er dann die Nationalitätenpolitik der Sowjetunion gegenüberstellte. Die tiefere Problematik, die z. B. in dem neuen Buch ven Hans Kolm ״Der Nationalismus in der Sowjetunion“ (Frankfurter Socictäts-Verlag) aufgezeigt wird, wurde vom Redner nicht berührt. Dagegen konnte er auf die wirklich sehr bedeutenden Leistungen "der Sowjets ln der Bekämpfung des Analphabetentums bei den kleinen Völkerschaften usw. hin weisen. Im zweiten Teil sprach er dann über die Protiukli, lerungsbestrebungen unter den Juden in Industrie und Landwirtschaft und schließlich über die Knlonisationsversuchc in Biro BLlschan. Die Tatsache der gewaltigen Rückwanderung aus Biro Bidschan wurde vom Redner zugegeben, jedoch sei der Grund nur in dem Wohnungsmangel zu finden, da der Wohnungsbau mit der Einwanderung nicht Schritt zu halten vermocht habe. t. Wirtschaftslagen der Joden In Dentschland Am Sonnabend, dem 10. Dezember, fand in den Räumen des Preußischen Landesverbände* jüdischer Gemeinden in Berlin unter dem Vorsitz von Dipl.-Ing. Bruno Woyda eine Vollsitzung der Arbeitsgemeinschaft für Wirts c h a f t s f r a g e n der J u de n in Deutschland statt, in der die Berichte der verschiedenen Spczlalkommissioncn entgegengenommen und die notwendigen Beschlüsse für die Fortführung der Arbeiten gefaßt wurden. Dr. Kurt Zielenziger berichtete über die Tätigkeit der zur Durchführung einer BranchenenquC-te eingesetzten Kommission. Ein Bericht Über den Metall- und Chemikalienhandel von Dr. Alfred Marcus liegt bereits vor. Ein weiterer von dem Referenten selbst zu erstattender Bericht über die Tabakbranche wird in Kürze fertiggestellt sein. Ferner ist die Bearbeitung des Warenhauswesens, d?9 Bankgewerbcs, de* Handels mit Drogen sowie kosmetischen und pharmazeutisehen Artikeln, des Apothekenwesens und schließlich der verschiedenen Zweige des Textilgewerbes in Angriff ge» nommen worden. Im allgemeinen hat der Referent den Eindruck gewonnen, daß kein Anlaß zu übertriebenem Pessimismus besteht. Adler-Rudel berichtete über die Tätigkeit der Kommission für Arbeitsbeschaffung und Au ■mau des Arbeitsnachweiswesens. Er gab von der im Monat November begonnenen, in ganz Deutschland durchgefiihrten Werbeaktion unter dem Motto ״U n s e r Recht auf Arbeit“ Kenntnis, in deren Rahmen bisher 33 Veranstaltungen in größeren Städten durchgeführt worden sind. Schon die bisherigen Resultate der Aktion können als durchaus erfreulich bezeichnet werden. —■ Dr. Hirschberg berichtete über die Arbeiten der Kommission zur Bekämpfung des Wirt- Schaftsboykotts. Die Kommission hat sich eingehend mit den Fragen des antisemitischen Firmen- und Angestellten- Boykotts und des neuerdings in den Vordergrund getretenen Boykotts jüdischer Künstler und Schauspieler beschäftigt. In der Diskussion wurde auf die gerade iu der jüngsten Zeit besonders aufgetretenen Bestrebungen auf Abschließung der einzelnen Gewerbe hingewiesen, und der Wunsch zum Ausdruck gebracht, daß die Kommission sich auch mit diesen Fragen befassen möge. — Birnbaum berichtete über die Tätigkeit der Kommission zur Veranstaltung einer Steuerenquete. Auf Grund des beim Preußischen Landesverbände jüdischer Gemeinden vorhandenen Materials sind die Einkommensteuerzahlen von rund 90 0׳,״ der jüdischen Bevölkerung Preußens (außer der Jüdischen Gemeinde Berlin) für die Jahre 1926 bis 1930 zusammengestellt worden. Die Aufstellung umfaßt 682 Gemeinden mit rund 205 000 Seelen. Die Erörterungen über die Wirtschaftslage der deutschen Juden werden durch die Ergebnisse der Enquüte eine außerordentlich wichtige Grundlage erhalten. — Infolge der vorgerückten Stunde konnte der Referent zu dem letzten Punkte, Dr. Kreutzberger, nur noch kurz über die bisherigen Erfolge der Tätigkeit der Zentralstelle für j ü - dische Darlehnskassen berichten. Mit Hilfe der der Zentralstelle von der Foundation zur Verfügung gestellten Mittei konnte der Ausbau des jüdischen Darlehnskasscnwescns und die Gründung neuer Kassen wesentlich gefördert werden. Zur ausführlichen Behandlung der Frage soll eine besondere Sitzung der Arbeitsgemeinschaft im Laufe des Monats Januar einberufen werden. Kleine Nadiridiien Der Sekretär der Pariser Zentrale der Organisation für jüdische Wandererhilfe Hias-Ica-Emigdirect (H1CEM), Herr J. Dijour, stellte in einer Rede in Bukarest fest, daß der prozentuale Anteil der jüdischen Auswanderung nach Palästina an der jüdischen Gesamtemigration in diesem Jahre zum erstenmal etwa 50 °/0 dieser Gesamtemigration erreicht hat. Unter der Redaktion und Geschäftsführung des amerikanisch-palästincnsischcn Journalisten Gerschon Agronsky begann in Jerusalem die englisch geschriebene jüdische Tageszeitung ״P a 1 e s 11 n e P 0 s t“ zu erscheinen. Das neue Unternehmen wurde mit der bisher in Jerusalem erschienenen englischen Tageszeitung ״Palestine Bulletin“ verschmolzen. ״Palestine Post“ erscheint täglich in 8 Seiten Großformat, als Herausgeber zeichnet ״Palestine Bulletin Ltd.“, zu deren Hauptaktionären die Palestine Telegraphie Agency gehört: andere Aktionäre sind Lord Melchett und jüdische Industrielle in Palästina. Im Alter von 72 Jahren verstarb in Tel-Awiw Malkiel Mani, der älteste jüdische Richter in Palästina. Der im Zusammenhang mit dem Bombenanschlag gegen das Palais des britischen High Commissioner für Aegypten, Sir Percy Lorraine, vor einigen Tagen verhaftete Jude ist aus der Haft entlass en worden, nachdem sich herausstellte, daß er mit dem Attentatsplan nichts zu tun gehabt hat. Die nationaldemokratische ״Oa/eta Warszawska“ führt in einem ״ln den Augen des Westens“ (ibersrhriebenen Artikel aus, man möge in Polen nicht glauben, daß die Welt sich allzusehr um die Juden in Polen kümmert; im Westen wisse man gar nicht, daß man Juden in Polen geschlagen hat. Die ״Neue Freie Presse“ in Wien und die ״V 0 s s. Zeitung“, Berlin, veröffentlichen Artikel von Wolfgang v. Weisl über den großen Aufschwung der palästinengischen Wirtschaft in den letzten Jahren infolge der jüdischen Kapitalinvestitionen, die dazu geführt haben, daß ״nach sieben mageren Jahren“ jetzt die fetten Jahre in Palästina beginnen. Nach Abwesenheit von sechs Monaten, die er in Paris verbrachte, kehrte Abg. J. G rünbaum, der Führer der radikalen Zionisten, wieder nach Polen zurück. Im Alter von 60 Jahren starb in Wien der Ministerialrat im Außenministerium und Leiter des Presse-Departements der österreichischen Bundesregierung Dr. Bernhard Fuchs, ein Zionist, der früher besonders literarisch (z. B. in der ״Welt“) im Zionismus sich betätigte. Musiknachrichten. Maria Rapp-Ja nowska ja, die ausgezeichnete Sängerin und Interpretin des jüdischen Volksliedes, hat soeben ein erfolgreiches Gastspiel in England beendet. In Leeds, Manchester, Liverpool und anderen Städten fanden ihre Konzerte, die dem jüdischen Publikum in England zum erstenmal das alte jüdische Volkslied in der neuen Form des Vokal-Instrumentalquartetts zur Darstellung brachten, den stürmischen und ungeteilten Beifall von Publikum und Presse. Die Künstlerin wird demnächst nach Deutschland zurückkehren, um sich mit einer Reihe von Konzerten vor ihrer Amerika- Taurnde zu verabschieden. — Eugen Taiz. lin, der junge jüdische Pianist, der mit seinem vorjährigen Klavierabend in Berlin einen aufsehenerregenden Erfolg errang, absolviert eine Reihe von Konzerten in Deutschland und im Ausland. Nächstes Berliner Auftreten: 19. Januar 1933 im Becthovensaal. Fulda. Am 4. Dezember hielt Frau Alice lacob-Loewenson (Berlin) liier einen nach Form und Inhalt atisgezeichneten Vortrag über ״Jüdische Musik", der durch Schallplatten lind Klavierspiel erläutert wurde, HECHALUZ Das Beth Chaluz in Hamburg Die wachsende Schwierigkeit, ländliche Ausbildungsplätze in Deutschland in größerer Zahl zu beschaffen, hat bekanntlieh den Heclialuz gezwungen, neue Möglichkeiten zu suchen (in Holland und Dänemark, eigene Wirtschaft in Bclzig), auch in der Umgebung von Großstädten. Da in den Städten der Antisemitismus noch nicht alle Kreise gleichmäßig erfaßt hat, gelang es tatsächlich, Stellen in Gärtnereien und bei Handwerkern zu erhalten. Die Chawerim, die an verschiedenen Stellen der Stadt arbeiten, werden nun, um kulturelle Arbeit, Hebrflischlernen usw. zu ermöglichen, darüber hinaus aber zur Vorbereitung für kibbiizlsches Leben in Palästina in Wohngruppen zusammengefaßt. Die Tatsache, daß die meisten ’Chawerim, die als Volontäre und Lehrlinge arbeiten, einen so geringen Lohn erhalten, daß sie nicht selbständig leben können, war ein wesentlicher Grund, der zur Gründung von ״ßathe Chaluz“ führte. Heute bestehen ״Bathe Chaluz“ in Leipzig, Bamberg, in Berlin (2) und in Hamburg. Das Hamburger Beth Chaluz wurde im letzten Frühjahr gegründet, durch Verhandlungen mit der Gemeinde gelang es, eine freistehende Wohnung zu erhalten und der Hamburger Hachschnrahvcrein übernahm in freundlicher Weise die vvirtschaftliehe Sicherstellung. So setzt sich unser Budget aus; einem monatlichen Zuschuß dieses Kreises, aus den Löhnen und aus Zuschüssen der einzelnen Chawerim zusammen. Durch gute Wirtschaft ist es möglich, auch einige Chaluzim auf/.unehmen, die aus pekuniären Gründen eine Hachscharah sonst nicht durchführen könnten. In kurzer Zeit ist da» Beth Chaluz in Hamburg zum' Mittelpunkt der gesamten zionistischen Jugend geworden, und ihm ist der Aufschwung, den in letzter Zeit die hiesigen zionistischcn Bünde genommen haben, in erheblichem Maße zuzuschreiben. Das Beth Chaluz besteht augenblicklich aus 18 Chawerim und Chaweroth, die in handwerklichen Berufen, Gärtnereien, Baumschulen, Geflügelzucht, Hauswirtschaft und Säuglingspflege beschäftigt sind. Es gibt Chawerim aus versthiedenen Bünden (Brith Haolim, Kadimah, Brith chaluzim dnthiim), und es hat sich ein durchaus harmonisches Verhältnis entwickelt. Wir hoffen, daß auch im kommenden Frühjahr das Beth Chaluz in Hamburg ein bedeutendes Hachscharah-Zentrum und ein Beispiel für die Gründung von neuen Chaluzheimcn in anderen Städten sein wird. Die Realschule in Haifa Nach einem uns vorliegenden Berichte hat die unter Leitung von Dr. Biram stehende Realschule in Haifa in diesem Jahre die Zahl ihrer Schüler um weit mehr als 100 vergrößern können. Sie hat jetzt eine Gesamtzahl von etwa 540 Schülern — Stand vom 1. Dezember — erreicht. Die Schule darf auf eine Schulgcldeinnahme von £ 7300 rechnen bei einem Gesamtbudget von £ 8100, dabci( £ 300 für Amortisation des neuen Baues. Die Schule konnte sich damit zu 85 «8 ihres Budgets auf eigene Füße steilen. Sie hat, um den großen Andrang von Schülern bestreiten zu können, an die Errichtung eines neuen Gebäudes herangehen müssen, das sie auf rein kommerzieller Grundlage, mit der Hoffnung auf eine Amortisation in wenigen Jahren, neu errichtet. So fügt die Schule zum Internatsbau und zu dein Bau der bisherigen Vorschulklassen ein drittes neues Gebäude hinzu. Das Internat der Schule zeigt eine interessante Verschiebung: Während noch vor drei Jahren ein Drittel der Schüler nur aus Palästina waren, sind es jetzt nahezu zwei Drittel. Auch darin drückt sich die wirtschaftliche Verselbständigung Palästinas aus, wie auch in der Tatsache, daß die Realschule die Zahl der voll bezahlenden Schüler auf nahezu 75 »0 erhöhen konnte. Dies zeigt auch, mit welchen Opfern sich der Jischuw an der Erhaltung seiner Schulen beteiligt. Die Schule macht in diesem Jahr den Anfang mit einer Abteilung zur Erziehung von Wirtschaftsbeamten. Diese Abteilung dient vor allem auch dazu, den Volksschulen einen Oberbau zu schaffen, in den ihre Schüler ohne weitere Vorbereitung direkt eintreten können. Es wird damit das wichtige Problem der Umbildung der palästinensischen Schule zur Berufsschule in Angriff genommen. Die Lage in der palästinensischen Arbeiterschaft. Ueber dieses Thema referierte Dr. Georg Landauer, der soeben aus Palästina zurückgekelirt ist, in einer von der Berliner Ortsgruppe der Sozialistisch-Zionistischen Vereinigung ״Poale Zion-Hapoel Hazair“ einberufenen Versammlung, die so überfüllt war, daß sie vor Beginn der Diskussion in einen größeren Saal umziehen mußte. Landauer schilderte die gegenwärtige durch starke Mensehen- Und Kapitaleinwanderung charakterisierte Aufbauperiode im Vergleich zur Krisenzeit vor fünf Jahren. Er zeigte auch die bedenklichen Seiten der augenblicklichen Wirtsehaftshliite, so die einseitige Konzentrierung auf den Orangeribau im Scharon unter Vernachlässigung anderer Wirtschaftszweige und Landesteile, das künstliche Flochtreiben der Bodenpreise, das Zurücktreten der nationalen Körperschaften und Fonds. Er zeigte, daß sich die Arbeiterschaft in einer schwierigen Defensive befinde, daß sie aber trotzdem durch Selbsthilfe sowohl die Konsolidierung des Emek wie die Schaffung von Arbeitersiedlungen im Scharon ermögliche. Landauer gab auch interessante Details über die Parteikonferenz der Arbeiterschaft und die besondere Rolle des Kibbuz Meudiad auf dieser Tagung. An der Diskussion beteiligten sich Marcel Lew, Georg Pape und Fritz Löwenstein. Es wurde auf die besondere Bedeutung hingewiesen, die eine Stärkung der deutschen Landespartei der vereinigten Arbeiterpartei zur Stützung der Position der palästinensischen Arbeiterschaft habe. Im Anschluß daran wurde das verheißungsvolle Wachstum der Berliner Gruppe in den ersten Wochen ihres Bestehens hervorgehoben. Namens der Berliner Ortsgruppe erklärte Löwenstein, daß die Berliner Chawerim die jüngste Versammlung der Revisionisten nicht besucht hätten, da es nicht ihre Aufgabe sei, der krassen Unwissenheit, die dort zutage getreten sei, abzuhelfen. Univ.-Prof. Dr. Curt Sachs sprach am 4. Dezember im großen Konzertsaal der Hochschule für Musik zum Besten arbeitsloser jüdischer Jugendlicher über ״Die Welt des Tanzes“. An den Anfang und an den Schluß seiner Ausführungen stellte er das Wort eines persischen Derwisches: ״Wer den Reigen kennt, wohnt in Gott.“ An Hand von vielen, gut ausgewählten Lichtbildern konnte der Vortragende die Richtigkeit dieses Spruchs für alle Völker und Zeiten darstellen. Der Tanz, der immer aus der Sphäre des Kultes herkommt, hat noch in seinen am meisten entarteten Formen die Tendenz, die Tanzenden aus ihrem täglichen Leben herauszuheben, um sie gewissermaßen in das Anfang- und Endlose cinmiinden zu lassen. Es gelang Prof. Sachs, von dem in Kürze eine Weltgeschichte des Tanzes er-1 scheinen wird, seine Zuhörer teilnehmen zu lassen an der Welt des Tanzes, die eine Welt intensiveren Lebensgefühls, als wir es gemeinhin erleben, ist. Es sei ihm der Dank dafür atugesprachen, daß er sich mit seiner Arbeit in den Dienst einer dringenden Aufgabe gestellt hat( H,M* ,1

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