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Jüdische Rundschau · 1932-12-16 · Heft 100 (16.12.1932) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 100 (16.12.1932)
Date
1932-12-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 486 JÜDISCHE RUNDSCHAD Nr. 100, 16. XII. 1932 Wir geben die Verteilung in runden Zahlen; über Einzelbeiten sind heute noch Verhandlungen im (lange. Zur Erklärung der Bezeichnungen:!) Partiell Hagdud, eine kleine Siedlung zwischen Nathaniah und Chedcrah. die hier ihre Bodenabrundung erhält. -') Mittelklasse; im Kampf tim die Verteilung der Böden wurden auf Verlangen bestimmter Mitglieder der Exekutive, vor allem Farbsteins, zwei Bodenkomplexe für die Mittelklasse reserviert; es ist noch nicht ganz klar, wie sie besiedelt werden. ״) Rne Binjamin: die Organisation der Kolonistensöhne. *) Jnchin: das Institut der Arbeiterorganisation zur Ausfiihrung von Orangenpflanzungen für private Auftraggeber. Die angegebene Fläche wird durch Jachin für Interessenten mit Zitrusfrüchten bepflanzt. k) Die beiden Irgunim sind seit langer Zeit bestehende Gruppen, gegründet zum Zwecke einer Ansiediung als Moschaw Owdim. Die beiden Moschawim werden zusammen angelegt als eine große Siedlung. ף Sclichunat Brandeis: ein durch das in Palästina arbeiteude Institut der Brandcis-Gmppe gegründetes Viertel in Chederah. (las jetzt den zur Abrundung nötigen Boden hier zugewiesen bekommt. ') Rußlandschulden: eine Gruppe russischer Zionisten verlangt von der Agency bzw. KU und KKL die Rückgabe von Anleihen aus früheren Beständen. Als Kompensation hat sie in Wadi Chawarath 2000 Diinam Boden zugewiesen bekommen. f) I laschomer Ha/air: es handelt sich um zwei Kwuzoth dieses Verbandes, von denen die eine zum ״Kibuz Arzi“, die andere zum ״Kibuz Meuchad“ gehört. Von den vielen genannten Gruppen, unter die der Boden von Wadi Chawarith verteilt wurde, haben bereits mit der Siedlung angefangen: Pardeß Hagdud, die Irgunim, die Leute aus Sclichunat Brandeis, Irgun Intensiv!', die beiden Gruppen des Haschomer Hazair, ein Teil der Legionäre. Was zuerst in die Augen fällt, sind die Baracken der verschiedenen Siedlungen und die Pflanzungen von Jachin, die heute bereits in Bearbeitung sind. IV. Die Besiedlung von Wadi Chawarith bedeutet ein neues und wichtiges Blatt in der zionistischen Siedlungsgeschichte. Nicht nur deshalb, weil hier ein neuer großer, fruchtbarer und aussichtsreicher Komplex unter den Pflug genommen wird, sondern vor allem deshalb, weil hier neue Methoden der Kolonisation beschriften werden. Früher wartete man auf das Budget der zionistischen Organisation, und wenn keine Aussicht darauf vorhanden war, so stellten nicht selten die Siedler die nationalen Institutionen vor ein fait accompli, besetzten den Boden und zwangen damit die Bewegung zu neuen Anstrengungen, um sie dort zu halten und ihnen die Weiterarbeit zu ermöglichen. Heute sieht die Situation völlig anders aus. Ein Teil der Siedler hat eigene Mittel. Das gilt nicht nur für die sogenannte ״Mittelklasse“, von der wir noch sprechen werden, sondern auch zu einem Teil für die Arbeiter. Viele von ihnen sind schon lange im Land und haben sich im Laufe mühsamer Jahre ein kleines Kapital gespart. Das wird jetzt in die Wirtschaff gesteckt und dient als Sprungbrett. Daneben aber sucht man auf alle mögliche Weise Mittel heranzuholen. Man sucht und findet Anleihen in Banken; diese und jene Gruppe spannt Eltern und Verwandte im Auslande ein oder macht irgendwo einen selbständigen kleinen Drive, der die ersten nötigsten Anfangskapiialien stellt. Die Arbeiterbank und ״Nir“, eine der Tochtergesellschaften der Arbeiterorganisation, geben Kredite. Das wichtigste Kapital der Siedler jedoch ist die eigene Arbeitskraft, die man auf hundert Arten zu lombardieren gelernt hat. Brunnen werden gegraben, indem man sich mit einem Unternehmer verbindet, der die Werkzeuge und Maschinen stellt, natürlich auf Kredit, und den man später durch Mitglieder der Siedlergruppe, die ihm anderswo Brunnen bauen, abzahlt. Ein Traktor wird auf Kredit erworben und ist im Läufe einer gewissen Zeit durch Außenarbeit abgezahlt. Ein Lastauto erhält man auf ähnliche Weise und zahlt es durch Uebernahme von Frachtfahrten ab. Man findet Außenarbeit in Chederah oder bei ״Jachin“, man hat Aussichten auf mehr Arbeit, wenn erst die Siedlung der Mittelklasse beginnt. Die Pflänzlinge für die eigenen Pflanzungen zieht man sich selbst und braucht sie nicht zu bezahlen; nach kurzer Zeit, wenn erst der Brunnen funktioniert, kann man Gemüse ziehen und etwas verdienen. Kurz, diese neuen Siedlungen gliedern sich von vornherein in ihre Umgebung ein, die in der Entwicklung ist, einen Markt darstellt für Arbeit und für Produkte, sie ziehen daraus alle nur erdenklichen Vorteile und machen sich so schnell wie möglich unabhängig. Sie haben den unschätzbaren Vorsprung vor der alten Siedlungsart voraus, daß sie die alten Erfahrungen nützen können, ausprobierte Methoden anwenden, viel kleineres Lehrgeld zahlen, einen Arbeitsmarkt vorfinden. Was früher schrittweise gemacht wird, geht heute sprungweise — so lange natürlich, als die allgemeine Entwicklung weite Möglichkeiten schafft. Die Schnelligkeit, mit der sich durch diese Arbeit eine Fläche primitivster Kultur in eine intensiv behaute Ebene entwickelt, ist verblüffend. Ein schweres Problem bildet die Drainage, unerläßlich für die völlige Gesundung der Gegend, die auch bereits begonnen ist, aber nicht in vollem Umfange ausgeführt werden kann, ehe der Kauf von Wadi Kubani perfekt ist. Jedoch läßt man sich auch dadurch nicht aufhalten. Man hat Vorsichtsmaßregeln gelernt, arbeitet und muß warten. Von der ״Mittelklasse“ ist bisher in Wadi Chawarith noch wenig zu erblicken. Für die beiden großen Blocks fehlen sogar noch die meisten Anwärter. Wer genügend Kapital besitzt, geht nicht gern in eine Gegend, die erst aufgeschlossen werden muß und Opfer erfordert; viele setzen sich auch nicht gern auf den unverkäuflichen Keren Kajemeth-Boden; wer sich für die Parzellen meldet, ist durchaus nicht immer geeignet, und das Problem der ״mittelständischen Siedlung“ in Wadi Chawarith beginnt eigentlich gerade mit dem Augenblick, wo der Boden für den Versuch zur Verfügung steht. Diese Tatsache steht in Kontrast zu dem Elan der Arbeitergruppen, die sofort an ihr Terrain herangehen, auch wenn kein Budget für Siedlung da ist. Sie haben eben vor der Mittelklasse die Erfahrung, die Organisation, die Ausbildung, die geringeren Ansprüche voraus. Sie geben Wadi Chawarith den Anstrich eines ״zweiten Emek“, wobei sie aus den Fehlern, den Erfolgen, allen Erfahrungen des ersten Emek ihren Nutzen ziehen. Die Jüdische Gemeinde ln Novi Sad (Jugoslavvien) übersendet uns ein Schreiben, das sie von dem Polizeidirektor der Stadt Novi Sad, Miloje Kotsa, erhalten hat, worin dieser die jüdische Gemeinde anläßlich der gegen die jüdischen Studenten an den Hochschulen verschiedener Länder gerichteten Angriffe seiner Sympathien versichert und dem Abscheu vor dieser Barbarei Ausdruck gibt. Von der Arbeit der Jewish Agency in Deutschland Oscar Wassermann in Bamberg und Nürnberg Tournee Dr. Traub Kurz nach der Beendigung der Lady Erleigh-Aktion in Berlin fanden zwei außerordentlich eindrucksvolle Veranstaltungen der Jewish Agency in Bamberg und Nürnberg statt, für die sich als Referenten die Herren Direktor Oscar Wassermann und Dr. Michael Traub zur Verfügung gestellt hatten. In beiden Veranstaltungen, die sich eines sehr starken Besuches erfreuten, behandelten die Redner die jüdische Situation der Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung der jüngsten Entwicklung in Palästina. Sowohl in Bamberg wie in Nürnberg wirkten die Veranstaltungen als ein bedeutendes Ereignis im jüdischen Leben. Eine große Anzahl neuer Freunde und Förderer konnte dem Palästinagedanken und dem Palästinawerk in beiden Städten gewonnen werden. Auch sonst gestaltete sich die Tournee Dr. Traubs, der außerdem noch Kassel und Stuttgart besuchte, zu einem großen Erfolg des Palästina-Gedankens. Der Redner vermochte überall durch seine überzeugende Argumentation die stärkste Wirkung zu erzielen. Nachstehend die Berichte (auch über einige andere Veranstaltungen): Bamberg. In Bamberg hatten die Herren Dr. Martin Morg e n r o t h und Kommerzienrat L e s s i n g namens der Kultusgemeinde, und die Herren Julius Wassermann und Rabbiner Dr. Katten für den Keren Hajessod zu einer Matinee eingeladen. Die Veranstaltung wurde von Herrn Rabbiner Dr. Katten eröffnet, der insbesondere Herrn Oscar Wassermann dafür dankte, daß er der jüdischen Bevölkerung seiner Vaterstadt Gelegenheit gebe, sich über die jüdische Situation der Gegenwart zu informieren. Nach den mit größtem Beifall aufgenommenen Ausführungen der beiden Referenten richtete Herr Julius Wassermann im Schlußwort an die Anwesenden den Appell, sich am Palästina-Aufbau zu beteiligen. Nürnberg. Die Veranstaltung wurde von dem Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Jewish Agency in Nürnberg, Herrn Dr. Meinhold N u ß bau m, geleitet, der den Abend mit einer herzlichen Begrüßung der beiden Referenten eröffnete. Sodann hielten Dir. Wassermann und Dr. Traub ihre Referate. Der Vorsitzende dankte den Vortragenden für die Ausführungen, die von stärkster Wirkung waren. Wir geben untenstehend einen zusammenfassenden Bericht über Wassermanns Rede. — Im Rahmen der Aktion, die ein sehr gutes finanzielles Ergebnis zeitigte, und bei der eine große Anzahl neuer Freunde für den Keren Hajessod gewonnen wurde, sprach Herr Dr. Traub noch am 4. Dezember, im Sitzungssaal der Israelitischen Kultusgemeinde über ״Aktuelle jüdische Wander- und Wirtschaftsprobleme“. Kassel. Vom hiesigen Komitee der Jewish Agency eingeladen, fanden sich am 10. Dezember im Hotel Schirmer eine größere Anzahl jüdisch interessierter Persönlichkeiten zusammen, um sich über die Stellung des Palästinawerkes in der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise unterrichten zu lassen, ln zwei Refcraten: ״Weltwirtschaftskrise und Judenfrage“ (Redner: Dr. Michael T r au b ־ Berlin) und ״Deutschland-Palästina 1932“ (Redner: Dr. Franz W o 1 f - Frankfurt a. M.) wurde die Bedeutung des Palästina-Aufbauwerkes für die heutige jüdische Situation dargestellt. Dr. Traub schilderte die Lage der Juden in Rußland, Polen, Amerika und Palästina. In meisterhafter Schilderungskunst wurden historische und soziologische Zusammenhäng« klargestellt, durch welche die Realität des palistinensisehen Aufbauwerkes als Lösung der Judenfrage neues Verstandnis fand. — fn seinem Referate ״Deutschland-Palästina 1932“ zeigte Dr. Franz Wolf, nichtzionistisches Mitglied der Jewish Agency, die EntwicklungsStationen der Emanzipationsbestrebungen der deutschen Juden. Er wies darauf hin, daß dieser Kampf um das gleiche Recht notwendig an jene Grenze führen müßte, an welcher das Wertbewußtsein vom Jüdischen verdrängt wird vom Wunsch, sich in der Umgebungskultur fest verankert zu wissen, ln diesem Stadium des Kampfes tritt Palästina mit der besonderen Funktion auf, uns für gemeinsame jüdische Arbeit verantwortlich zu machen. Die Ausführungen des Redners hoben neue Gesichtspunkte für die Bedeutung Palästinas hervor. — Auf einem weiteren Vortragsabend, veranstaltet von der hiesigen Zionistischen Ortsgruppe, sprach Dr. Traub über ״Biro-Bidschan und Palästina“. Saarbrücken. Eine ungewöhnlich eindrucksvolle Kundgebung war der von den Mitgliedern der Jewish Agency am 6. Dezember veranstaltete Vortrag des Herrn Dr. Nahtirn Gold mann über ״Die Judenheit in der Weltkrise“. Es gelang dem Redner, seinen großen Hörerkreis so zu fesseln und mitzureißen, daß sich der Abend zu einem unvergeßlichen Erlebnis gestaltete. Stettin. Am 1. Dezember fand im Hause von Herrn Dr. Paul Braun, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft der Jewish Agency, ein Vortragsabend statt, bei dem Herr Kurt Blumenfe ld über ״Probleme des Weltjudentums" sprach. Die gehaltreichen Ausführungen des Referenten, sowie sein eine längere Aussprache abschließendes Schlußwort warben dem Palästinagedanken und dem jüdischen Palästinawerk eine Reihe neuer Anhänger und Förderer. Stuttgart. Im Anschluß an einen Vortrag, den Herr Dr. Michael Traub (Berlin) in der Stuttgart-Loge über das Thema: ,.Weltwirtschaftskrise und Judenfrage“ hielt, veranstaltete die ״Arbeitsgemeinschaft für die Jewish Agency in Württemberg" einen Vortragsabend mit dem gleichen Referenten zum Thema ״Amerika und Palästina (Ein halbes Jahrhundert jüdischer Wanderbewegungcn)“. Den Vorsitz führte Herr Ministerialrat Dr. Otto Hirsch, der in einer eindrucksvollen Ansprache ausführte, daß es kein isoliertes Judentum gibt, und daß die Judenheit der ganzen Welt eng miteinander verbunden ist. Er begrüßt es, daß die verschiedenen Teile der Judenheit heute eine gemeinsame Aufg a b e in der Aufbauarbeit für Palästina gefunden haben, und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß auch die Juden in Stuttgart immer stärkeren Anteil am Palästinaaufbauwerk nehmen werden. Sodann erteilte er Herrn Dr. Traub das Wort, der unter sichtlicher Anteilnahme der Zuhörer eine groß angelegte Gegenüberstellung der Bedeutung Amerikas und Palästinas innerhalb der jüdischen Wanderbewegung der letzten 50 Jahre gab und ausführlich die jüngste Wirtschaftsentwickhmg und die zunehmende Bedeutung Palästinas als jüdisches Einwanderungsland schilderte. In seinem Schlußwort dankte Ministerialrat Dr. Hirsch dem Referenten für seine ausgezeichneten Ausführungen und betonte nochmals die Notwendigkeit, alle Kräfte für den Aufbau Palästinas einzusetzen: ״Eine gesunde Gemeinschaft gibt erreichte Positionen nicht auf. Skeptiker stellen mancherlei Ueberlegungen Palästina gegenüber an und weisen immer wieder auf die Gefahrenmomente hin. Aber hat sich seit unserer Jugend nicht auch anderswo mancherlei geändert? Haben wir nicht Grund froh zu sein, ein Land gefunden zu haben, wo Juden Unterkommen und in Freiheit leben können? Wer hätte 1914 geglaubt, wenn man uns gesagt hätte, daß 1932 in Deutschland auf Plakaten zu lesen sein würde: Juden haben keinen Zutritt! Trotzdem wollen wir hier bleiben und unser Recht verteidigen, aber wir wollen auch unser Recht auf Palästina verteidigen und auch dort bleiben.“ Die wirkungsvolle Veranstaltung diente als Auftakt der in den folgenden Tagen durchgefülirten Keren Hajessod- Aktion, die ein gutes materielles Ergebnis zeitigte und der Palästinasache viele neue Förderer und Freunde zuführte. Die bestehende Arbeitsgemeinschaft der Jewish Agency für Wiirttemberg wurde neu organisiert und unter Hinzuziehung wertvoller neuer Mitglieder auf eine breitere Basis gestellt. Wassermann'! Rede ln Nürnberg In seiner Nürnberger Rede führte Oscar Wassermann u. a. folgendes aus: Oekonomische Not ist nichts Neues in unserer alten Geschichte. Wenn wir die Zeiten der Not heute weniger standhalt ertragen als in früheren Jahrhunderten, so liegt die Schuld bei uns, weil wir unser geistiges Gut geringgeschätzt haben. Der Druck des Antisemitismus zwingt uns zu engerem Zusammenschluß, zum Eintreten des Einen für den Anderen, 711 engerer Gemeinschaft. Wenn wir den verachteten und verhöhnten Namen der Juden zu einem Ehrennamen machen wollen, müssen wir bei uns selbst, in unserer Gemeinschaft, in unserem Lande anfangen und für die Erhaltung und Wiedergeburt des wahren jüdischen Geistes sorgen. Unsere Gemeinden sollten mehr für geistige Ausbildung, für Schulen und Unterricht tun, als für die Ausgestaltung von Synagogen und die prunkvolle Erhaltung der Friedhöfe. Das ist nötig sowohl für die Zukunft des Judentums, wie für den Bestand der Judenheit. Denn den Rückhalt, den die streng Gesetzeslaubigen gegen alle Anfechtungen und gegen alle Nöte haben, aben viele von uns nicht mehr und können ihn nicht wieder zurückgewinnen. Ein großer Teil unserer Jugend ist indifferent und auf viele von ihnen übt der Kommunismus seine An- Ziehungskraft aus, der seinem Wesen nacli antireligiös und antijüdisch ist, obwohl es in seinem Ideengehalt manches gibt, das uns von der jüdischen Lehre her vertraut ist. Was den Zionismus betrifft, dem sich ein wertvoller Teil unserer Jugend zuwendet, habe ich — sagte Dir. Wassermann — als Nichtzionist, der ich nun einmal bin, wenn auch als guter Freund der Zionisten, gewisse Meinungsverschiedenheiten mit ihnen. So bin ich in der Theorie des jüdischen V olkstu ms in der Diaspora anderer Auffassung. Die 15 Millionen Juden in der Welt können und werden nicht nach Palästina gehen, und da das nicht möglich ist und nicht geschehen wird, so wollen wir uns in den Ländern, in denen wir leben, nicht als Fremde fühlen. Aber was unsere Jugend zum Zionismus zieht, ist nicht seine Galuththeorie, sondern der Palästinagedanke, der Gedanke, ein jüdisches Land mit eigener Kraft autzubauen und zu entwickeln, und dieser Gedanke wird auch von uns Nichtzionisfen freudig bejaht. Wir brauchen heute Palästina, nicht weil der Antisemitismus dazu zwingt, sondern aus innerjüdischen Gründen. Kastein sagt einmal: ״Nicht das Ereignis bildet unser Schicksal, sondern die Art. wie wir darauf antworten.“ Die Antwort haben wir seihst zu wählen, und wir müssen Palästina wählen. Der Gedanke Palästina ist der Weg zur Erneuerung des Judentums, zur Schaffung einer Stätte, in der jüdisches Leben pulsiert, eines Zentrums der jüdischen Kultur, in dem sich auch jüdische Religion und Religiosität entwickeln können, kurz, es ist eme würdige Antwort, die nicht aus dem kühlen Verstand kommt, sondern aus dem Herzen, und von da aus durch den Kopf und durch den Verstand zur Auswirkung drängt. Wir müssen uns ein Zentrum schaffen, weil wir dezentralisiert sind und dieses Zentrum kann nicht in Brasilien oder in Afrika liegen, sondern eben nur in Palästina. , Wenn die Juden, die nach Palästina auswandern und in Palästina leben, sich dort als jüdisches Volk fühlen, so ist das zwar berechtigt und anders gar nicht möglich, aber wir wollen als Volk in Palästina nicht sein ״w i e alle Volke r“, Unser Ehrgeiz, ist es nicht, dort Macht zu entwickeln.. Als erstes Symbol des neuen jüdischen Palästinas ist die Hebräische Universität gegründet worden, die Stätte jüdischen Geistes und jüdischer Forschung. In den landwirtschaftlicher! Siedlungen Palästinas werden Sie vergebens nach einer Kneipe suchen, aber Sie finden auch in der kleinsten Siedlung eine Bibliothek, die viel benutzt wird. Was dort von uns geleistet wird, und was wir dort der Welt zeigen können, wird in ganz anderem Sinn als ״jüdische“ Leistung befunden und gewertet, denn jede Leistung von Juden sonst in der Welt. Deshalb muß die Judenheit der ganzen Welt noch in ganz anderem Ausmaß als bisher für den Palästinagedanken erwärmt werden und Opfer für ihn bringen; und unter Opfern verstehe ich etwas anderes als Almosen, Diese Opfer müssen wir bringen für uns und für unsere Kinder, für das Ansehen und die Würde des jüdischen Namens, für das Erbe, das uns aus einer vergangenen, ruhmreichen Geschichte gcworden ist. ln Palästina ist heute keine Krise und keine Arbeitslosigkeit, und wenn wir heute nicht einen Pfennig mehr hinüberschicken würden, die Juden dort würden sich seihst erhalten. Aber wenn wir sie sich selbst überlassen würde״, so täten wir nicht das, was wir für uns selbst brauchen, denn wir brauchen Palästina nötiger als Palästina uns. Und weil das so ist, müssen wir alles tun, 11m die hestehende Siedlung zu stärken und zu vergrößern. Deshalb müssen wir mit erneuter Bereitschaft und mit erhöhter Opfer- Willigkeit zum Keren Hajessod beitragen, dem zentralen Finanz- Instrument der Jewish Agency, die wir immer mehr zur wirkliehen Repräsentanz der Juden der ganzen Welt machen und aus den Besten im Judentum zusammensetzen müssen. In Palästina erfüllt sich unser Schicksal, und unser Schicksal ist in unserer Hand. * * * In der vorstehenden Rede hat Direktor Wassermann als Nichtzionist sich gegen die Zionisten abgegrenzt. Die Jewish Agency ist eine Zusammenfassung von Zionisten und Nichtzionisten, und es ist oftmals festgestelit worden, daß ihr Wesen und ihre Bedeutung gerade darin liegt, daß trotz der gesinnungsmäßigen Differenz, und trotz. Verschiedenheiten der Auffassung mancher jüdischer Grundfragen eine Einigkeit in der wichtigsten praktischen Aufgabe der heutigen Judenheit, im Aufbau des Jüdischen Nationaiheims in Palästina, besteht. Viele Nichtzionisten haben sich zu dieser Ueberzeugung, die Herr Wassermann so eindrucksvoll vertritt, noch nicht durchgerungen, obwohl die Resultate der Palästina- Arbeit bereits für sich selbst sprechen. Würden die nichtzionistischen Kreise, die sich aus achtbaren Gründen dem Zionismus verschließen, eine tatkräftige Mitarbeit und ein lebendiges Interesse an der das ganze jüdische Leben maßgebend bestimmenden Palästina-Arbeit zeigen, dann würde gewiß auch die innerjüdische Diskussion auf anderen Gebieten einen fnichtbareren Charakter tragen. Die Stadtgemeinde Tel-Awiw bittet uns mitzuteilen, daß die von ihr herausgegebene Monatsschrift ״Jediot Iriat Tel-Awiw“ (Mitteilungen der Stadtgemeinde Tel-Awiw), die wertvolles Informationsmaterial über die Tätigkeit der Stadtgemeinde und sonstige Vorgänge der Stadt enthält, jedem Interessenten für einen Jahresbeitrag von 1 Dollar zugesandt wird. Reflektanten mögen sich unter Beifügung des Betrages an die Stadtgemeinde Tel-Awiw wenden.

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