Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVII (1932)
- Issue
- Heft 96 (2.12.1932)
- Date
- 1932-12-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653348-2653444--23306-2681658- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 466 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 96, 2. XU. 1932 ■יי יי־ ■ויו■■ I ויו ן ן■ —Willi .... -■ —!■11 - , —! II ,וווו,» sich der durch das Faktum der Bundschließung ge• gebenen Sonderstellung dieses bestimmten Ausschnittes aus der Menschheit unterzuordnen. Damit empfängt diese Religion den unabstreifbaren Charakter eines Gemein- Schaftsglaubens. Alle in ihm sich entzündende Frömmigkeit ist wesentlich genährt durch das übergreifende Bewußtsein, zu dem Stamme zu gehören, den Gott — und zwar der Einzige — in besonderer Weise angeredet hat. Hier ist die Wurzel des Unterschiedes zwischen Judentum und Christentum. Bei allem Zugeständnis des Universalismus der jüdischen Gotteslehre und seines Moralgesetzes, bei klarer Einsicht in die gegen die Frommen der Völker bekundete Toleranz, bei Anerkennung des humanen Charakters von Glaubenswie Sittenlehre bleibt für die jüdische Religion kon- . stitutiv, daß ein nicht aufzugebendes Wechselverhältnis zwischen Gott und Israel besteht. Gegen diese ungeheuerliche Paradoxie ist kein Kraut gewachsen; die Urmeinung der jüdischen Offenbarung kann nicht rationalistisch oder geschichtsteleologisch wegretuschiert werden. Wir müssen mit dem Faktum rechnen, daß der universale Gehalt in einem partikularen Träger ruht. In der Geschichte des jüdischen Geistes tritt dieser charakteristische Dualismus deutlich hervor. Wir sehen das an unserer klassischen Religionsphilosophie, die durchaus Theologie in unserem Sinne sein will. Bei ihr ist das Auffälligste, daß eine universal gemeinte Gottes- und Weltanschauungslehre fast unabhängig von dem Gesetzessystem dasteht, das doch für die philosophierenden Persönlichkeiten selber bewußt oder unbewußt den Schwerpunkt der eigenen Frömmigkeit ausmacht. Gewiß, More nebuchim und Jad hachasaka widersprechen einander nicht, aber noch weniger bilden sie die aufeinander abgestimmten, sich gegenseitig fordernden Teile eines Ganzen: in der Philosophie ein Humanismus, allein auf Gott und das menschliche Vernunftwesen schlechthin ausgerichtet, in der Gesetzeslehre, unbeschadet der auch in ihr enthaltenen allumfassenden Moral, die Lebensnorm eines ausdrücklich aus der mcnschheitliehen Totalität herausgehobenen Ausschnittes. Hält man sich diesen klaren Tatbestand bei einer grundsätzlichen Erörterung über jüdische Theologie vor Augen, so ergibt sich — und mehr soll hier nicht gesagt werden — der strukturelle Unterschied von der Christliehen. Das Christentum, von vornherein von bestimmtem Volkstum, ja von jeder besonderen Gemeinschaft losgelöst, kann in entschlossen begrenzter Blickrichtung auf das Individuum und sein Schicksal die Beziehung des Emzelmenschen zu Gott zum Kern seiner theologischen Problematik machen. Es hat gewiß auch in der Ein- Spannung des gesamten menschheitlichen Lebensprozesses in den von Schöpfung, Erscheinung und Wiederkunft* Christi abgesteckten Geschichtsraum ein Interesse an der auf Gott bezogenen Gesamtexistenz der Menschheit kundgetan. Beide Blickrichtungen, die individualistische und die messianische, besitzt das Judentum auch und ist in ihnen ja dem Christentum sogar Vorbild gewesen. Aber hier bleibt dauernd ein Mittelglied eingeschoben, das Volk Israel, ein eminent historisches Moment für den religiösen Glauben wie für die theologische Besinnung. Und dies ist von gewaltigen Konsequenzen. Man darf sagen, daß das, was die offenkundigen Unterschiede der paulinisch-augustinischen Lehre von der jüdischen Theo- und Anthropologie ausmacht, wesentlich dadurch zwar nicht hervorgerufen, aber ermöglicht worden ist, daß das Christentum nicht wie das Judentum an der greif- und erlebbaren Realität eines bestimmten historisehen Komplexes sich entzündet. In dem auf eine faktische Gemeinschaft gekehrten Auserwähltheitsgedanken und der ihm korrespondierenden Bejahung des Gesetzes, ganz gleich, ob es universales Sitten- oder partikulares Ritualgesetz ist, liegt von vornherein ein Realismus von nicht auszumerzender Kraft, Weltflüchtigkeit und Akosrhismus, die Identifizierung des empirischen Menschen mit der Sünde, der Dualismus von Welt und IJeberwelt prallten von dem Bewußtsein eines Kreises ab, der eine bestimmte historische Realität in einem unmittelbar erfahrenen Gemeinschaftsleben von Gott selbst bestimmt sah. Man darf gewiß die Stärke jüdischen Transzendenzbewußtseins, des Schuldgefühls in der rabbinischen Frömmigkeit, nicht unterschätzen. Aber logisch und psychologisch notwendig ist es, daß, wo eine bestimmte Gemeinschaft in ihrer besonderen Geschichte, in ihrer Berufung und ihrem Gehorsam gegen das göttliche Gesetz, in ihrem Leiden und ihrem Martyrium für die Ueberzeugung sich selbst erlebt, ein metaphysischer Pessimismus ausgcschaitet ist. Nicht darum, weil etwa ein beötimmter ״Volksgeist“ durch den ihm innewohnenden Charakter diese Seinsbewertung ausschlösse, sondern weil die Tatsächlichkeit einer konkreten, in aller Schuld und allem Leiden von Gott gebilligten Geschichte dieser eine Art von gottgewollter Realität gibt. Man tut nicht recht, die merkwürdige Harmonie, die so viele Juden zwischen der optimistischen Aufklärung und ihrer Religion zu finden glaubten, aus der rationalen Klarheit der jüdischen Gotteslehre im Vergleich zu den Mysterien der Christologie abzuleiten. Evident aber ist, daß das Judentum als Gottesvolk sich als Stück realisierten göttliehen Willens erfühlte, was bei Ungebrochenheit dieses Glaubens als stärkster Beweis für die Sinnerfülltheit irdischen Daseins gelten mußte. So blieb wohl die Hoch- Spannung des christlichen Spiritualismus hier versagt, ebenso aber auch die Zerreißung des menschlichen Totalinteresses in die Sphäre einer ״eigentlicher“ Religiosität vorbehaltenen Innerlichkeit und in eine der rein welthaften, religiöser Regelung sich entziehenden Anliegen des Menschen. Was wiederum seine Folgen hat. Wenn zwar ein entwurzeltes Judentum in sinnloser Zivilisationsanbetung gelegentlich so etwas gesehen hat, wie die geradlinige Fortsetzung der Religion seiner Väter, so ist der religiöse Realismus, von dem hier die Rede, daran unschuldig. Andererseits aber erschwert er bisweilen den Zug des Willens, das Kulturleben überhaupt zum Gegenstand religionskritischer Besinnung zu machen. Es ist der Vorzug des christlichen Dualismus, von seinem Grunde her stets die Aufforderung zu solcher Kritik zu fühlen. Der Nachteil solcher theologischen Haltung scheint freilich gerade heute in gewissen, sich sehr laut gebärdenden politischen Gruppen des deutschen Nationalismus auf der Hand zu liegen. Wir denken da an die eben berührte Neigung eines die Gewalt vergötzenden Chauvinismus. Wo die Ueberspannung des politischen Nationalismus in dem Bestreben, die Totalität des Menschen der als alleinberechtigt anerkannten Machtstaatsidee zu unterjochen, von Religion schweigt, so haben wir uns hier darüber nicht zu unterhalten. Wenn aber die vielberufene ״Innerlichkeit“ das Ganze des Religiösen erschöpfen soll und sich grundsätzlich von der Sphäre des Politischen, Nationalen, Wirtschaftlichen, überhaupt von allem ״Diesseitigen“ zurückzuziehen hat, vielleicht nur, um es wieder augustinisch in Bausch und Bogen zu verwerfen, was aber dem munteren Leben solchen Diesseits nichts schadet, — dann besinnen wir uns Juden erst recht darauf, daß für u n s in der religiösen Gesetzlichkeit gottgewollte und dem Menschen dargebotene Realität sich öffnet. — Den praktischen Teil der Tagung erfüllte die an eht Referat von Dienemann -Offenbach sich anschließende Diskussion über die sozialen Gegenwartsaufgaben des Rabbiners. Man war sich darüber einig, daß, abgesehen von der selbstverständlichen Hilfstätigkeit im Kleinen und Einzelnen, mit allem Nachdruck die jetzt in vielen Gemeinden im Aufbau begriffenen Selbsthilfe-Organisationen gefördert werden müssen. Freudenthal -Nürnberg gab einen sehr interessanten Bericht über fruchtbare Bemühungen, die in seinem allerdings mittleren und so leichter übersehbaren Kreise für Arbeitsbeschaffung gemacht worden sind. Einen breiten Raum nahmen pädagogische Erörterungen ein, die sich mit der von dem Kommunismus herkommenden Gefahr der Entfremdung vieler Jugendlicher von Judentum und Religion überhaupt befaßten. Die Meinung drang durch, daß mit allgemeinen Formeln hier niemandem gedient sei, daß vielmehr gerade aut diesem schwierigen Gebiete seelischer Beeinflussung die Persönlichkeit des Lehrenden und Erziehenden, seine lehrweise und bestimmt nicht zuletzt der dem Lehrer erst Kredit verschaffende Mensch etwas auszurichten vermöge. Tagung der Liberalen Rabbiner Kritik am Liberalismus. Die ״Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands“' hielt in Wiesbaden eine stark besuchte Versammlung ab, die unter dem Zeichen Abraham Geigers stand. Man hatte Wiesbaden als Tagungsort gewählt, weil Geiger vor genau 100 Jahren dort seine erfolgreiche Laufbahn als praktischer Rabbiner begonnen hatte. C. Seligmann (Frankfurt a. M.) führte den Vorsitz. Den ersten Vortrag hielt P. Lazarus (Wiesbaden) über das Thema: .,Was hat Abraham Geiger als Rabbiner von Wiesbaden für das deutsche Judentum geplant und geleistet?“ Von Einzelheiten herausgehoben spi die Begründung einer ,wissenschaftlichen jüdisehen Zeitschrift sov/ie die Einberufung der ersten Rabbiner- Versammlung im 10. Jahrhundert auf deutschem Boden im Jahre 1837 nach Wiesbaden. Den nächsten Vortrag hielt Grünewald (Mannheim) über ״Die Paradoxien im Liberalismus (im Anschluß an A. Geiger)“, Ausgehend von der Frage, mit welchen Elementen hat sich der Liberalismus verbunden, die seinem ursprünglichen Wesen fremd sind, zeigte Grünewald die Spannungen auf, die Begriffe wie Volks- Individualität, Rationalismus und Individualismus in den Liberalismus hinein getragen haben. Der Vortragende deutete die Richtung an, nach der hin ihm eine lebensnahe Entwicklung des jüdischen Liberalismus möglich erscheint. Den Höhepunkt der Tagung bildete der Vortrag von B a e c k (Berlin) über ״Krisis und Lösung (im Anschluß an A. Geiger)“. Der religiöse Liberalismus des 10. Jahrhunderts wurde auf das stärkste durch außerhalb seines Wesens liegende Momente beeinflußt: durch politische und wirtschaftliche Ur- Sachen, den modernen Bildungsbegriff, sowie endlich durch die Tatsache, daß aller Liberalismus dazu neigt, infolge seiner gedanklichen Konstruktion sich der Wirklichkeit des Lebens zu entfremden. Demgegenüber ist ein Denken aus Lebenszusammenhängen notwendig. Das habe sowohl der jüdische Nationalismus übersehen, als er sich dem Religiösen gegenüber vielfach gleichgültig zeigte, wie auch der jüdische Liberalismus, indem er — an Begriffen wie Volk und Gemeinschaft lange achtlos vorübergehend — der prinzipiellen Auseinandersetzung mit den Problemen ״Judentum und Volk“, ״Judentum und Staat“ auswich. Nur in diesem Denken aus Lehenszusammenhängen werde der religiöse Liberalismus sein Eigenstes wiederfinden. Opposition gegen das MnnizfpalilSten-Geselz Sechzehn palästinensische Bürgermeister, unter ihnen zwei Juden, haben am 28. November ln Jerusalem eine Beratung abgehalten, in der beschlossen wurde, der neuen Munlzipalitäten-Verordnung, deren Entwurf im Amtsblatt veröffentlicht war, entschiedenste Opposition entgegenzusetzen. In der gefaßten Resolution wird die Verordnung als ״unvereinbar mit der Würde und den Interessen der Paiästina-Bevöikerung“ bezeichnet. Zur Führung des Kampfes gegen die Einführung der Verordnung wurde ein Komitee eingesetzt, dem zwei jüdische und vier arabische Bürgermeister angehören. Im Verlaufe des Monats Oktober d. J. kamen 818 Juden nach Palästina. Im gleichen Monat wanderten 140Christen (unter ihnen 39 Priester und Theologie-Studenten), schließlich 35 Moslems ein. Von den jüdischen Einwanderern waren 259 Arbeiter, 152 Mittelstandsangehörige im Besitze von privaten Mitteln in Höhe von mindestens 1000 Pfund, sowie 89 andere Mittelstandseinwanderer. Die Lage in Lemberg (Fortsetzung von der ersten Seite.) Nach den letzten Meldungen aus Lemberg soll dort die, Zahl der Verletzten In die Hunderte gehen. Die genaue Zahl festzustellen ist unmöglich, da nur ein Teil der Verletzten den Behörden zu Gesicht kommt. An dem Tage, an dem die, Universität geschlossen wurde, wurden an der Lemberger Handelshochschule die jüdischen Studenten und Studentinnen durch ein Spalier getrieben, das die nationaldemokratischen Studenten, mit Stöcken und Gummiknüppeln bewaffnet, bildeten. Keiner kam unverletzt durch. Wände, Dielen und Treppen waren mit Blut besudelt. Durch die Unruhen in Lemberg ist die soeben dort eingeleitete Keren Hajenod-Aktion ins Stocken geraten. Der Delegierte des Keren Hajessod-Direktoriums, J. K i i n o f f (Berlin) war gerade einen Tag vorAusbruch der Unruhen in Lemberg eingetroffen und hatte bereits eine er-; folgreiche Sitzung mit dem lokalen Keren-Hajessod-Dircktoriunv und den Vertretern der einzelnen Verbände abgehalten. Sonn-, tag fand noch eine große Massenversammlung statt, die ungewöhnlich stark besucht war und bei der Klinoff ein ausgezeichnetes Referat hielt. Die Palästina-Stimmung ist so groß wie noch nie. Die wetteren vorgesehenen Veranstaltungen mußten jedoch wegen der Vorfälle verschoben werden. Als charakteristisches Detail wird uns berichtet, daß! von den 70 Chaluzim, die mit dem Transport am 28. No•; vember abreisten, zwei einen verbundenen Kopf hatten, da sie während der Unruhen verwundet worden waren. Zu einem C.-V.- Schulungskurs Brief aus Frankfurt a. M. Frankfurt, Ende November. In den vergangenen Wochen hielt der Landesjugendausschuß des C.-V. in Frankfurt einen ״Politischen Sch ulungskurs“ für Jugendliche ab, zu dem Teilnehmerkarten an jedermann abgegeben wurden. Unsere Freunde machten von dieser Möglichkeit reichen Gebrauch; und auf den fünf Abenden waren stets etwa 250 Jugendliche aller Richtungen anwesend. Gegenstand des Kurses war die Abwehr antisemitischer Vorwürfe. So lautete das Thema des Einleitungsabends: ״Was antworte ich meinem politischen Gegner?“ wie man den Antisemiten schamhaft nennen zu sollen glaubte. Andere Abende führten die Titel: ״Raffendes und schaffendes Kapital“, ״Politisches und unpolitisches Recht“, ״Kulturbolschewismus“ ״Jüdischer Marxismus“. Das Niveau der Veranstaltungen war von vornherein dadurch festgelegt, daß die durchweg der jüngeren Generation angehörenden Redner über die vom C.-V. ״Anti-Anti“ genannte Stichwortliteratur nicht hinaus kamen. Daher mußte nicht nur von zionistischer und gelegentlich auch kommunistischer Seite den Ausführungen der Referenten weitgehend widersprochen werden, sondem auch die wenigen Diskussionsredner aus den Kreisen des C.-V. selber erhoben zum Teil recht grundsätzliche Einwände gegen die geistige Basis des Unternehmens. Verschiedentlich stellten die Diskussionsredner des C.-V. eine größere Uebereinstimmung mit Zionisten als mit den Referenten fest. Die Leitung fand selbst, daß der Zionismus zu sehr das Feld beherrsche und daß überhaupt die ganze Veranstaltung in einer Weise angelegt worden sei, di: der Verankerung des C.-V.- Gedankens in der jungen Generation nicht mehr entspricht; daher kündigte man denn auch an, einen zweiten, internen Schulungskurs veranstalten zu wollen. Wir können feststellen, daß dessen Teilnehmer zu einem erheblichen Teil von uns kritische Gesichtspunkte gelernt haben, die auch im internen Kreis nachwirken dürften. Unsere Freunde hatten den lebhaften Wunsch, dem Kurs mit einer eigenen Veranstaltung entgegenzutreten. Daher lud die Jung zionistische Arbeitsgemeinschaft zu einem Ausspracheabend über den Antisemitismus ein, zu dem zahlreiche Teilnehmer des Schulungskurses und vor allem drei seiner Referenten erschienen waren. Der Abend fand im selben Saale statt wie der Schulungskurs selbst, war aber in einer Weise überfüllt, wie selbst die bestbesuchten Abende des Schulungskurses nicht. Der Leiter, Dr. Martin Pie ß ner, brachte in seiner Eröffnungsansprache zum Ausdruck, daß es in zionistischen Kreisen als Bedürfnis empfunden werde, zu zeigen, dab der Zionismus eine eigene positive Antwort auf das Problem des Antisemitismus habe, die sich von der des C.-V.-Schulungskurses grundlegend unterscheide. Als erster Redner sprach unser Gesinnungsgenosse Prof. Dr. Walter Sulzbach: ״Ueber das Wesen des Antisemitismus“. Im Sinne der in seiner bekannten Schrift ״Vorurteile und Instinkte“ gemachten Ausführungen legte er dar, daß der Antisemitismus weder ein primitiver Instinkt sei, da er nur unter gewissen Bedingungen auftrete, noch ein Vorurteil, da er erfahrungsgemäß durch Aufklärung nicht zu bekämpfen sei, sondern ein dazwischenliegendes Phänomen. Die Antwort des C.-V. auf den Antisemitismus sei in ihrer Gesinnung wie in ihrer Praxis gleichmäßig zu verwerfen. Assimilation komme immer nur für einzelne in Betracht, da die Assimilation einer großen Masse an dem bisherigen Zustand nichts ändern würde. Auch die Aufklärung müsse schon ihres passiv-defensiven Charakters wegen versagen. Als zweiter Referent sprach Dr. Hans Pomcranz über ״Der Antisemitismus und seine Ueberwindung“. Ausgehend von den wissenschaftlichen Erkenntnissen Prof. Sulzbachs wies er darauf hin, daß das im Antisemitismus beschlossene Problem nicht aut Deutschland beschränkt ist; eine territoriale Teillösung der Weltjudenfrage sei unmöglich. Die Frage, die der Schulungskurs des C.-V. gestellt hat, kann nur so beantwortet werden, daß man vom Gegner verlangen muß, den Juden gerade in seiner nicht zu bestreitenden Andersartigkeit zu schätzen. Im folgenden setzte der Redner sich mit den einzelnen Themen des Schulungskurses auseinander und deckte die mangelhafte Fundierung der vom C.-V. gegebenen Antworten auf. Das jüdische Leben müsse von der Allmacht des Problems Antisemitismus losgelöst, die Juden müssen dagegen immunisiert werden. Die zionistische Lösung bedeute nicht Rückkehr ins Ghetto, sondern Autoemanzipation. In der Diskussion sprachen sämtliche anwesenden Referenten des Schulungskurses. Sie bemühten sich um den Nachweis, daß ihre Haltung sich von der der älteren Generation des C.-V. nicht unwesentlich unterscheide. Trotzdem verteidigten sie diese Haltung und traten den Rednern des Abends entgegen. Andere Redner suchten in ernsterer Weise dem persönlichen Problem der Andersartigkeit und der Assimilation näherzukommen. Die Vertreter des C.-V. haben durch diese Haltung ihre Stellung bei ihrer eigenen Jugend nicht gerade gestärkt; und es war leicht, ihnen im Schlußwort zu zeigen, daß sie nicht nur am Thema vorbeigegangen seien, sondern in ihrer eigenen Haitung gegenüber dem C.-V. eine beträchtliche I n k o n s e - quenz liege. Was der Zionismus am C.-V. bekämpfe, sei das Ineinander von Abwehr- und Gesinnungsverein; und das werde auch von den Rednern des Schulungs« kurses trotz theoretischer Verwahrung praktisch mitgemacht. Der Kampf um unsere Rechte könne nicht von einer bestimmten Gesinnung abhängen, sondern sei eine reine Rechts״ f r a g e, mit der die vom Zionismus geforderte freie Entfaltung unserer national«} Eigenart sicht verquickt werden darf,