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Jüdische Rundschau · 1932-12-02 · Heft 96 (2.12.1932) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVII (1932)
Issue
Heft 96 (2.12.1932)
Date
1932-12-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ו In der Stunde der Prosperity Einzelnummer OßS Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u.Freitag. Bezugspreis hoi der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldtnark. Au«l*mls»b0imem*mts werden in der Währung der einxetnen Linder berechnet. Anzeigenpreis: 8 geep. Nonpareillezelle 0,50 G.*M- Stellengeeuche 0,25 G.«M. Nummer 96 I Berlin, 2. XII. 1932 Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H-, Berlin WX5, Meinekestr.10. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. Anxeit*nechlufi: Dienstag und Freitag nachmittag! 4 Uhr RedaktionsschluS Sonntag und Mittwoch nachmittag. Postacheck - Konten : Berlin 17392, Baael V 9355, Belgrad 680 32» Brüaae! 39433, Budapest 59693, Danzig 1973, Haag 140-470, Prag 59410. Riga 4155, Straafcburg 16430, Wart«hau 190708, Wien 156 030 Bank-Konten: Dresdener Bank, Depositen - Kaaae Berlin, Kurfüratendamm S2j Rumänisch• Kreditbank, Cemauti (Rumänien); Anglo Paleetine Co. in Haila» leruaalem, Fel -Aviv. ג, כסלו תרצ״ג | xxxvn. Jahrg^ DerZlenlsmus erstrebt für da» jüdische Volk die Scheinmg einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.** Blutige Vorfülle m Lemberg Heize gegen Juden — Ein christlicher Siudeni im Apachenviertel erstochen — Zahlreiche Juden verletzt, jüdische Läden geplündert — Pogromwelle in ganz Polen Seit Beginn dieser Woche ist Lemberg (und in den letzten Tagen auch mehrere andere Städte Polens) der Schauplatz wüster antisemitischer Ausschreitungen, bei denen schon über hundert Juden verletzt und zahlreiche jüdische Läden geplündert wurden. Der gesamten Bevölkerung hat sich eine außerordentliche Erregung bemächtigt, und wenn auch die Regierungsbehörden die Unruhen zu unterdrücken versuchen, so scheinen sie doch gegen die Exzedenten bisher machtlos zu sein. Das tragische Los der Juden wird durch die Tatsache beleuchtet, daß das Signal für die Unruhen keineswegs durch einen politischen Streit gegeben wurde, sondern durch einen bedauerlichen Zwischenfall in einem dunklen Viertel Lembergs, bei dem ein christlicher Student erstochen wurde. Nach den einwandfreien Darstellungen, die auch von dem Rektorat der Lemberger Universität offiziell bestätigt wurden, handelte es sich um eine Rauferei zwisehen betrunkenen Studenten und ebenfalls betrunkenen jüdischen Handwerkern, die freilieh durch antisemitische Provokationen der Studenten begann. Ist es doch in Polen in der letzten Zeit allgemein üblich geworden. daß nationaldemokratische Studenten Juden auf der Straße anpöbeln. (Die Nationaldemokraten stehen in Opposition zur Regierung Pilsudski, die ihren Uebergriffen entgegentritt.) Die Unruhen, die sich aus dem Lemberger Zwischenfall entwickelt haben, zeigen, daß die Verhältnisse in Polen infolge der Vorelendung der agrarischen und kleinbürgerlichen Massen überaus gespannt sind. Der Mob wartet offenbar nur auf Gelegenheit zum Losschlagen. Es wird auch gemeldet, daß die Kommunisten sich die Situation zunutze machen und durch Verbreitung von Flugblättern die in Erregung geratene Masse für eine kommunistische Aktion gewinnen wollen. Obwohl man derartige Meldungen mit Vorsicht aufnehmen muß, ist doch die Lage gegenwärtig gar nicht zu übersehen, zumal aus Lemberg, dem Hauptherd der Unruhen, eine strenge Nachrichtensperre eingeführt wurde, * Nach den vorliegenden Berichten haben sich die Ereignisse folgendermaßen abgespielt: Drei übel beleumundete jüdische Handwerker, ein Bäckergehilfe Moses K atz, ein Zeitungsausträger Schalom Keller und ein gewisser Nachum Schmer, gingen in der Lemberger Schenacha-Gasse mit einer Dirne aus einem Cafe, als ihnen sechs nationaldemokratische Studenten der Verbindung ״Venetia“, die ebenfalls von einem Vergnügungslokal in ein anderes gingen, entgegentraten und sie beschimpften. Dabei wurde der übliche Ruf aiisgestoßen ״Juden und Hunde dürfen den Bürgersteig nicht benutzen“. Im Verlaufe der entstandenen Rauferei zog Katz, während das Weib gellende Schreie ausstieß, ein Messer und stach um sich, wodurch zwei der Studenten verletzt und der Student Grotkowski getötet wurde. Eine richtige Szene aus der ״Unterwelt“ einer Großstadt. Sofort nach dem Vorfall setzte in den Straßen Lembergs eine gefährliche Judenhetze ein. Agitatoren versuchten, den Straßenmob zu einem Pogrom auf Juden aufzustacheln. In den von Juden bewohnten Straßen wurden zahlreiche jüdische Passanten zu Boden geschlagen und zum Teil erheblich verletzt. Fünf Juden, die sich den Exzedenten entgegenstellten, wurden von der Polizei in Schutzhaft genomtnen. Die antisemitische ״Kurjer Lwowski“ veranstaltete eine Extraausgabe mit gefährlichem Hetzinhalt, sie wurde von der Polizei verboten. Am Montag, dem 28. November, wiederholten sich die judenfeindlichen Ausschreitungen in verstärktem Maße. Studenten, vom Straßenmob unterstützt, griffen zahlreiche Juden in den Straßen an und schlugen sie nieder. Mitglieder der jüdisehen Selbstschutzorganisationen stellten sich mehrfach «Jen Angreifern entgegen. Es gab auf beiden Seiten Verletzte, von denen mehrere in das Krankenhaus gebracht werden mußten. In zahlreichen jüdischen Läden wurden die Fensterscheiben eingeschlagen, im jüdischen Viertel wurden die Läden geplündert. Die meisten Läden wurden geschlossen. Am Abend wurden die hölzernen Gebäude auf dem großen jüdischen Sportplatz der ״Hasmonäa“ angezündet. Der Brand, der weithin sichtbar war, vermehrte die Panik. An der Universität und an sämtlichen Hochschulen wurden die Vorlesungen unterbroch e n. Der Bäckergehilfe Katz, der den Studenten Gratkowski tödlich verletzt hatte, wird vor ein Standgericht gestellt werden. Bereits am Montag lagen in den Lemberger Krankenhäusern 46 bei den Straßenkämpfen verletzte Juden. Unter den Schwerverletzten befinden sich drei Chaluzim und der Ingenieur Rauch, der mehrere Knochenbrüche erlitt. Johlend, schreiend und den Juden Rache schwörend, zogen Nationaldemokraten in Massen durch die von Juden bewohnten Stoßen, Die jüdische Bevölkerung hatte sich in die Wohnungen eingeschlossen. Die Aufrufe der Behörden und des Rektorats, in denen festgestellt wurde, daß es sich bei der Ermordung Grotkowskis nicht um eine politische Tat, sondern um einen Zusammenstoß zwischen bummelnden und betrunkenen Studenten und ebenfalls betrunkenen Angehörigen der Unterwelt gehandclt hat, hatten nicht gefruchtet. An gefährlichen Punkten der jüdischen Viertel hatte sich die jüdische Selbstwehr postiert und lenkte den Strom der Demonstranten ab. Die Polizei versuchte überall die Ordnung herzustellen, allein als die Demonstranten Verstärkung erhielten und sich zu großen Zügen vereinigten, war die Polizei gegen sie machtlos. Zu einem ernsten Zusammenstoß zwischen Schutzmannschaften und Studenten kam es vor dem Akademikerhaus. Die Beamten wurden aus den Fenstern des Hauses mit Spucknäpfen, Kohlenstücken und Gläsern beworfen. Hier wie an anderen Stellen nahm die Polizei mehrere Verhaftungen, auch von Juden, vor. Am Montag Mittag hielt der Vorstand der Jüdisehen Gemeinde Lembergs eine Sitzung ab, in der eine Protestresolution gegen die Uebcrfälle angetiommen wurde, ln Warschau suchte der Lemberger jüdische Deputierte Rosmarin den Minister des Innern, Pieracki, auf und besprach mit ihm die Lemberger Ereignisse. Mehrere j ii - dische Zeitungen in Lemberg, Krakau und Warschau, die über die Geschehnisse berichtet haben, wurden b e s c h 1 a gnahmt. Einige antisemitische Hetzzeitungen wurden ebenfalls beschlagnahmt. .... Höhepunkt am Dienstag Am Dienstag Morgen schien es, daß die Polizei, die in voller Stärke eingesetzt wurde, den Ereignissen gewachsen sei. An diesem Tage fand die Bestattung Grotkowskis statt. Der Leichnam war im Akademikerheim aufgebahrt. Polizei zu Pferde und zu Fuß sorgte für Ordnung während des Leichenzuges durch die Straßen. Viele Hunderte Studenten aus Krakau, Warschau und aus anderen Städten waren zur Teilnähme am Begräbnis eingetroffen. Die jüdischen Geschäfte waren geschlossen. Nach Beendigung der Bestattungsfeier setzten die U n - ruhen erneut ein. Die vom Friedhof zuriickflutendcn Studenten und der Straßenmob zogen im Laufschritt in die von Juden bewohnten Straßen, wo alsbald eine gefährliche Panik entstand. Ungeachtet des Eingreifens der jüdischen Selbstwehr wurden zahlreiche jüdische Männer und Frauen angegriffen und blutig geschlagen. Aus den Straßenbahnen wurden die jüdisehen Passagiere herausgeholt und blutig geschlagen. Die Zahl der Verletzten übersteigt bereits die Ziffer 100. Zu besonders schweren Zusammenstößen kam es in der Köpernikus-Gasse, wo mehrere jüdische Organisationen ihre Büros haben. Während des größten Tumults fielen von irgendwoher Schüsse, durch die der antisemitische Student Zamonske schwer verletzt wurde. Die Polizei nimmt an, daß Kommunisten die Schüsse abgegeben hätten. Aus der Mitte der antisemitischen Demonstranten fanden sich aber bald Zeugen, die gesehen haben wollten, daß aus einem Fenster der Wohnung des Präsidenten der Repräsentanz der jüdischen Gemeinde und Sejmdeputierten Maurizi Jäger geschossen wurde. Man durchsuchte die Wohnung und nahm einen Bruder von Maurizi Jäger fest. Auch Maurizi Jäger, der in der Wohnung nicht anwesend war, wurde zur Polizei gerufen. Diesen Umstand nutzten die antisemitischen Agitatoren zu einer g e f ä h r - liehen antijüdischen Hetze aus. Bald aber konnte das Ergebnis der beschleunigten polizeilichen Untersuchung bekanntgegeben werden, das dahin lautete, daß aus der Wohnung Jägers nicht geschossen wurde. Gegenwärtig herrscht in Lemberg Ruhe. Aus Wilna eingetroffene Nachrichten besagen, daß es an der dortigen Universität zu schweren Unruhen gekommen ist. Samtliehe jüdische Studenten wurden aus dem Gebäude hinausgeworfen. Auch wurden Juden in den Straßen angegriffen. Senator Rabbiner Rubinstein intervenierte beim Wojwoden, der die Versicherung abgab, er werde die jüdischen Einwohner schützen. Zu schweren Zusammenstößen kam es auch an der WarschauerUniversität, wo einige jüdische und nichtjüdische Studenten verhaftet wurden. Man zählt auf beiden Seiten Verletzte. Auch in den Straßen kam es zu sporadischen Ueberfällen aut Juden. Weit schwerer waren die Zusammenstöße in Krakau. Hier spielten sich die Kämpfe meist zwischen der Polizei und den Demonstranten ab. Aehnliche Zusammenstöße ereigneten sich in Czenstochau. in Lemberg, Warschau, Krakau und Wilna wurden die Universitäten und fast sämtliche Hochschulen geschlossen. Man erwartet, daß über diese Städte der Belagerungszustand verhängt werden wird. , (S. auch im Innern des Blattes.) Theologische Probleme im Judentum Aas der Tagung des Allgemeinen Rabbinerverbandes (15. und 16. November) Von Max Wiener. Unsere geistige Selbstbehauptung ist immer, auch bei angespannter Wachsamkeit und Besonnenheit, gefährdet, besonders aber dann schwerer Erschütterung ausgesetzt, wenn die allgemeine religiöse Lage, selber Exponent übergreifenden Geisteslebens, um neue Selbstverständi« gung ringend, die alten Probleme wieder aufrollt und zu aktuellen Formulierungen bringt. Die von unserer Generation erlebte metaphysische Welle, Irrationalismus, Existenzialphilosophie und was sonst in dieser Linie liegt, muß die christliche Theologie nicht bloß zur Auseinandersetzung zwingen, sondern ist der ganzen Tendenz nach vielleicht sogar dazu geschaffen, selber in eine Art von ״Theologie“ zu münden. Wenn demgegenüber die Bemühung der dialektischen Theologen mit schärfstem Nachdruck Eigenrecht und Eigenbedeutung des Religiösen betont und gegen jedwede Vermischung mit philosophischem Idealismus protestiert, so spricht das nicht gegen den Zusammenhang mit dem allgemeinen Geist der Gegenwart, sondern nur für fortschreitende Einsicht in den unvertauschbaren Charakter des spezifisch Religiösen. Aus solcher Erkenntnis können auch wir lernen. Es fragt sich nur, was und wieviel. Denn da in jener Arbeit Religion und protestantisches Christentum in engstem Konnex aufgefaßt werden, die Gehalte der Dogmen, Christus, Sünde, Erlösung, Geschichte usw. wesentlich als den zugrunde liegenden Religionsbegriff explizierend erscheinen, so wächst die Gefahr, daß bei Benutzung der für ein bestimmtes religiöses Leben geprägten Kategorien unser eigenes religiöses Selbst gepreßt wird. Der typische seelische Schaden, den wir, wir Wenigen unter den Vielen, so oft in unserer Geschichte erlitten haben. Dagegen hilft bloß, daß wir uns wieder einmal der Eigentümlichkeit unserer, der jüdischen Theo logie, bewußt werden. Das war die Aufgabe des von dem Schreiber dieser Zeilen auf der letzten Rabbinertagung erstatteten Referates. ״Theologie“ im Sinne der begrifflich formulierten Einsicht in den religiösen Glauben als einen solchen ist von der ״Religionswissenschaft“ zu unterscheiden. Denn jene nimmt ihren Standort mitten im religiösen Leben selber, während die Wissenschaft von der Religion von außen her die fraglichen Phänomene ergreift und damit sich nie auf die einzigartige Ebene des Religiösen erheben kann. Der Begriff der Offenbarung, der Selbstmitteilung des transzendenten Gottes, für die wissenschaftliche Erfahrung eine mythologische Vorstellung oder psychologischer Fehlschluß oder metaphysische Verbrämung, jedenfalls keine vollziehbare Konzeption, ist für die Theologie als Innewerden dessen, was die Religion mit sich selber meint, das Fundament; Gott, gerade in seiner Nichtdurchdringbarkeit und Nichterfaßbarkeit durch die natürlichen Vernunftmittel, wie das Herz aller Religion, so der Zielpunkt aller deren radikale Besonderheit nicht verwischender Theologie. Das ist der Ausgang. Und wenn uns die ganze Schroffheit und Unheimlichkeit der religiösen Grundfrage durch ernsthafte Ueberlegungen außerhalb unseres Kreises wieder einmal zu Gernüte geführt worden ist, so wollen war uns dieser Wahrheit nur um ihrer Verkünder willen nicht versperren. Wir gehen sofort unseren eigenen Weg. Zunächst die Abweisung einer für nicht ganz aufmerksame Betrachtung naheliegenden Verwechslung. Die Verankemng der Religion in dein vom wirklichen Gott zum Menschen gesprochenen, dem Mensehen geoffenbarten Wort ist nicht identisch mit traditionalistisch-orthodoxem Glauben an die Authentizität göttlicher Rede in den bestimmten sogenannten kanonischen Urkunden. Gläubigkeit, von der hier gesprochen wird, ist nicht mit Rechtgläubigkeit einszusetzen. Die Probleme der literarischen Fixierung, der Dogmatisierung gewisser Ansichten sind hier noch nicht brennend und interessieren in dieser Grundschicht der theologischen Reflexion noch nicht. Unsere Frage steht vielmehr ihrer logischen Dignität nach oberhalb der Differenz von ״liberal“ und ״orthodox“. Für einen positiven jüdischen Glauben genügt die Annahme, daß der Sinn dieser Religion an bestimmte historische Höhepunkte gehängt ist. Sie steht und fällt mit dem Bekenntnis zu dem durch alle biblisch-jüdische Geschichte hindurchgetragenen Kern jener Offenbarung, dem Bunde des allmächtigen lebendigen Gottes mit dem Volke Israel. Alles Fragen nach nationalem oder universalem Charakter der jüdischen Ethik, nach dem Sinn der Auserwählung, alle Spekulation über die Beziehung des Rituellen zum Humanen hat

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